Der Aufguss des Achill.

Dass der Frauentag in der Sauna seine gruseligen Aspekte hat, berichtete ich ja schon gelegentlich.

Heute mal wieder eines der altbekannten Spektakel erlebt.
Die überwiegend gackernde Hühnerschar sitzt versammelt in der finnischen Blockhaussauna und wartet auf den Aufguss. Ich bitte ausnahmsweise nicht um Ruhe, weil es bereits mein letzter Saunagang ist und ich das Geschnatter unter Einstimmung auf den Wiedereintritt in die Welt da draußen verbuche und auch einfach keine Lust mehr auf Konfrontation habe (es schlagen einem dann nämlich regelmäßig die Wogen des vereinten Weiberhasses entgegen: was maßt die sich an? man werd ja wohl noch ratschn dürfn da herin!).

Kommt der Saunameister herein, einer jener Bademeister, die ich seit über 20 Jahren kenne und schätze, Typ Bruce Willis zu seinen besten Zeiten (also nicht unbedingt mein Typ, halt einfach ein Mensch, der mir über die Jahrzehnte ans Herz gewachsen ist, ganz besonders seit er mich mal heldenhaft aus einer recht unangenehmen Situation rettete, also doch ein bisschen Bruce Willis spielte). Wir nicken einander stumm zu.

Er stellt seinen Aufgusseimer in der Sauna ab und sagt lediglich einen Satz: „Griaß eich, Ladies!“. Dann beginnt er mit dem Aufguss. Nachdem die ersten Kellen Wasser auf dem Ofen gelandet sind, sagt er noch kurz: „Limone“.

Und schon fangen die ersten Ladies an zu meckern.
Es passt ihnen nicht, dass ein Mann den Aufguss macht, schließlich ist doch Frauentag und man will unter sich sein. Es passt ihnen des Weiteren nicht, dass der Saunameister so wortkarg ist und nichts Genaueres zu der Duftnote gesagt hat (um welche Art Öl handelt es sich? was bewirkt es? welchen Aszendenten hat es?).
„Limone“ ist ihnen zu wenig, der Typ hingegen ist ihnen zu viel.

Herrje bzw. Frauje!
Sollen die doch mal die Pappn halten und froh sein, dass da kein zartes Frauenzimmer sachte bis wirkungslos den Fächer herumschwenkt, sondern Achill himself diesen mit beiden Armen sehr kraftvoll und effizient rauf und runter bewegt (allein auf Bizeps & Trizeps eines Armes hätte mühelos der gesamte Trojanische Krieg in Wort und Bild Platz gehabt, stattdessen kann man Szenen der gesammelten Sagen des klassischen Altertums auf dem Rücken des Saunameisters bewundern – so gibt es gratis zum Schwitzen noch etwas Bildung dazu, kein Grund zum Meckern, wie ich finde).

Das Gemotze schraubt sich bei der zweiten Aufgussrunde parallel zur Raumtempreratur hoch, der Saunameister hört das natürlich, stellt sich aber taub und schöpft stoisch Kelle für Kelle aus seinem Holzkübel und verteilt danach – wedel, wedel, wedel – unbeirrt den Limonendampf in der Sauna. Seine Augen streifen dabei keinen einzigen der Frauenkörper, er beherrscht das perfekt, seinen Blick diskret irgendwo zwischen den Sanduhren an der Holzvertäfelung ins Nichts laufen zu lassen.

Kurz vor dem finalen Aufguss, mittlerweile hat die Hitze glatt ein paar Hennen zum Schweigen gebracht, wird er tatsächlich von einer direkt zu seinen Füßen sitzenden Frau angesprochen: „Jetzad song’S doch amoi: hobd’s ihr heid koa Frau do ghabt, die wo den Aufguss hätt macha kenna?“.

Achill wischt sich kurz mit dem Stoffende seines zusammengeknoteten Lendenschurzes den Schweiß von der Stirn, richtet seinen Blick in die Runde und entgegnet gelassen: „Schwätzet nicht, sondern schwitzet!“

Genial!
Aber außer mir lacht niemand über diese Bemerkung. Ich fühle mich endgültig fehl am Platz, erhebe mich von der Holzbank und gehe kalt duschen (und vermisse D., mit der ich eigentlich heute gemeinsam hätte Schwitzen gehen wollen, so dass ich nicht allein gewesen wäre in dieser Sphäre, man braucht da dringend eine gute Gesellschaft als Schutzschild, nächstes Mal aber dann!).