Eine Blume zum Abschied.

Vierte Woche in Folge drei Tage gerödelt – und wieder ist kräftig was vorangegangen im neuen Zuhause.

Heute die gesamte CD-Sammlung aus den Kartons geholt und in die frisch montierten Regale eingeräumt. Überhaupt: den letzten Karton ausgepackt!
Erste Bilder zieren bereits die Wände. Die Küche hat nun ein Deckenlicht und der Gatte ein maßgeschreinertes und wunschgemäß lasiertes Buchablagesideboard überm Bett. Das Dackelfräulein hat in der neuen Küchenzeile einen Liegeplatz eingerichtet bekommen, von dem aus der gierige Blick direkt auf die Anrichte geworfen werden kann, ohne sich den Hals zu verrenken.
Es wird wohnlich.

In den Pausen, die der Handwerksfreund und ich gelegentlich im „Privatgarten“ vor der Haustür verbringen (also am Rande der Wiesn), fand sich manchmal sogar ein bisserl Zeit für Speed-Sightseeing…

… ich mein, schließlich soll er ja auch was mitkriegen von der schönen Metropole, in der er da werkelt (man hat ja hier durchaus mehr zu bieten als die diversen Münchner Biersorten im Kühlschrank!).

Und dass das hier überwiegend richtig rund läuft, das merkt man vor allem an Kleinigkeiten.

Wenn „Service“ beispielsweise nicht nur ein leeres Wort ist, sondern wirklich gelebt wird – und zwar selbst innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Fäschprrzeiten Pausen!

Das Gebäckstückchen aus der Hofpfisterei hat offenbar gemundet – beschwingt und gestärkt ging’s zurück an die Bohrmaschine, ich kam mit dem Staubsauger kaum hinterher.

Die abschließende Fäschprr am Abend wurde gern genommen (die klassische Handwerker-Brotzeitplatte: Südtiroler Schinken, Essiggurken, ein paar Tomaten drumrum, dazu ein kräftiges Ciabatta und ein würziges Feierabendbier) und irgendwie gelingt’s dem Handwerkerfreund jedes Mal aufs Neue, zum Abschied ein krasses Gewitter zu bestellen, so dass man’s nicht übers Herz bringt, ihn mit seinem schweren Gepäck zur U-Bahn marschieren zu lassen, sondern ihn zum Bahnhof fährt.

Aber das tut man auch wirklich von Herzen gern, erst recht, wenn einem zum Abschied noch völlig überraschend ein Blümchen überreicht wird:

Die sog. Handwerker-Rose: Ein Staubpinsel aus feinstem Ziegenhaar! Wie passend! Was hab ich mich gefreut!

Jetzt machen wir aber mal eine Woche Pause.
Schnaufen durch und brüten die Pläne für den Endspurt im Juni aus.
Sie wissen ja: Zum Geburtstag habe ich mir gestern spontan ein neues Bad gewünscht.

Vorher wird noch der Flurschrank innen ausgebaut (die eklige, abblätternde Schranktapete im Inneren entfernt, ebenso die windschiefen, versifften Bretter) und die sogenannte „Kleinkram“-Liste abgearbeitet (ein trügerischer Begriff übrigens, entpuppt sich doch jeder zweite Punkt dieser Liste unerwartet als Herausforderung).

Bleiben Sie also dran & für heute einen schönen Abend & an Mr. Speed besten Dank für Fleiß und Schrank!

Consummatum est.

Oder: perfectum est.

Handgesägt und holzdübelverbunden hochgepäppelt.

Die zu wenig überdachte Skizze der Kundin ließ sich mit etwas Mühe und gutem Willen dann doch umsetzen.

Die neue Arbeitsplatte, dem Aufbügeln der Kantenstreifen harrend.

Bei schwülwarmen 27 Grad fließt der Schweiß in Strömen, auch schon ganz ohne Handwerken.

Der Herkules Handwerksfreund aber schraubte und sägte unbeirrt weiter. Den ganzen, heißen Fronleichnamstag lang.
Ich sorge für regelmäßige Pausen und Stärkungen, kleine Ortswechsel und Rekreationspläuschchen, zwischendurch putze ich in mehrmals am Tag den Montagestaub weg.
Nur ganz selten darf ich mal mit anpacken – so eine Arbeitsplatte in 2,20 Meter Länge kann man(n) nämlich tatsächlich alleine tragen, obwohl es sich zu zweit besser rangieren (aber halt nicht so laut schnaufen) lässt.

Zeitgleich mit dem ersten Donnerschlag des spätnachmittäglichen Hitzegewitters über München ist es dann vollbracht!

Das Dackelfräulein und Dr. Schmitt dürfen sich auf die frisch geschreinerte neue Küchenzeile setzen…

…einen Pommery zwitschern und – auf Augenhöhe! – der Hausfrau beim Kochen zugucken.

Nach einem letzten Abendmahl und fahren wir den tapferen Handwerkshelden mit Schnittwunden an den Händen und Sägespänen im Haar (aber satt und zufrieden!) im tosenden Unwetter zum Bahnhof, geben ihm nach größten und herzlichsten Danksagungen zu seinem Salär noch etwas Lektüre für die Heimfahrt mit, wünschen eine angenehme Heimreise ins Allgäu und gute Erholung am Wochenende!

Und sollte Ihnen etwas fehlen, delektieren Sie sich einfach ein wenig an diesem erfrischenden Handerwerkerfilmchen, das definitiv Lust auf MEHR macht. Wie schön, dass wir in unserem Projekt „Vivat Bavaria!“ erst Halbzeit haben, nicht wahr?

In diesem Sinne: Man sieht sich!

Und hiermit verabschiede auch ich mich für die nächsten Tage, denn morgen ertönt erneut frühmorgens die Werkssirene (diesmal allerdings ausschließlich für mich). Da stürze ich dann mich mit meinem lädierten Ellbogen, aber ansonsten topfit dank des täglichen Trainings durch die Umzugs- und Handwerkswochen in meinen neuen Job als Saisonarbeiterin hoch droben aufm Berg.

Sollte das WLAN dort funktionieren und ich abends nach getaner Arbeit nicht im Stehen am Hüttengatter einschlafen, sende ich Ihnen ein paar alpine Arbeitsimpressionen, ansonsten hören wir uns nächste Woche in alter Frische.

Ihre Kraulquappe.

Dr. Schmitt in der Landeshauptstadt.

Lieber Herr Speed,

als der Gatte heut‘ Ihre Renovierungsarbeiten in Suburbia besichtigt hat (Sie wissen schon: der Endergebnis-Test, den wir vereinbart hatten), kam ihm in der alten Wohnung ein leicht hospitalisiertes Haserl entgegengehoppelt: der werte Dr. Schmitt!

Er habe genug vom Stadtrand und auch vom Forstenrieder Park mit all den Keilern und Bachen, meinte er, und er wolle unbedingt mit in die City fahren (und wer überhaupt auf die Schnapsidee gekommen sei, ihn da draußen im Vorort zu parken, für vier lange Tage, und was das denn solle – nicht mal der Möhrenvorrat habe gereicht).

Den Wunsch hat ihm der Gatte natürlich nicht abschlagen können und so hat Ihr Begleiter noch ein nettes Nachmittags- und Abendprogramm in der bayerischen Landeshauptstadt erleben dürfen.

Wir können Ihnen versichern: es hat ihm sehr gefallen.
Übermütige Haken hat er geschlagen auf der Theresienwiese – die Stadtkarnickel kamen aus dem Staunen nimmer raus! – und ihm wurde kein Löffel gekrümmt. Im Gegenteil, er hat neue Freunde gefunden, im Schatten der Paulskirche und der Patrona Bavariae.

Nun ratzt er zufrieden neben einer seiner neuen Freundinnen mitten in Ihrem Werkzeugsortiment und freut sich auf Ihre morgige Ankunft.

In diesem Sinne: ruhen auch Sie wohl und bis morgen!

Suburbia (5): Dum dum dee dum (The moving dachshund’s theme).

Suburbia – 5. und letzter Akt (ganz unklassisch: ohne Katastrophe)!

Alle Schlüssel fürs neue Zuhause sind seit gestern übergeben, (fast) alle To-Do-Listen im alten Zuhause abgearbeitet (sind ja noch 18 Std. Zeit, bis die Jungs von der Umzugsfirma hier aufschlagen), alle anstehenden Bau- und Renovierungsarbeiten in Tabellen gegossen und zur Vorbereitung ins Allgäu geschickt, alle Hassbriefe an Vodafone versandt (den hierzu angekündigten Beitrag bekommen Sie erst zu Gesichte, wenn das Drama überstanden ist), alle Ellenbogen dank Spritzen für die kommenden Tage geölt, alle Bier- und Weinvorräte ausgetrunken, alle Alpträume des nachts geträumt (zuletzt: Umzugswagen hatte einen Unfall und unser gesamter Hausstand ging dabei kaputt)…

*****

Morgen um 8 Uhr kommen die Jungs von der Spedition und legen hier los.

Hoffentlich ist mal wieder auf das gute „nomen est omen“ Verlass und sie bringen nicht nur weitere 100 hübsche Löwen-Kartons, sondern auch die Kraft mehrerer Löwen mit, so dass wir unsere lädierten Pranken ein wenig schonen bzw. deren klägliche Restenergie fürs Auspacken aufsparen können.

Der Gatte, ein eingefleischter FC Bayern-Fan (wenngleich „eingefleischt“ für einen Vegetarier ein zweifelhaftes Attribut ist), hat ein bisserl gezuckt, dass ihm hier ausgerechnet Löwen in seine Arena einmarschieren, aber mei. Wir hatten die Spedition schon letztes Jahr in die engere Auswahl genommen, uns dann aber dummerweise für die preiswertere Scheißfirma entschieden, mit deren Versicherung wir uns im Anschluss schlappe 4 Monate rumgekloppt haben, bis endlich alle Schäden ersetzt waren.

Dabei waren wir damals wie auch heute sogleich vom Charme des Ober-Löwen eingenommen. Herr A. hat sich ein kleines, feines Familienunternehmen aufgebaut, ist selbst bei jedem Umzug mit dabei (stets frisch geduscht und deodoriert, bestens gelaunt und in Strahlemannoptik, das blitzsaubere Firmen-Shirt stramm über die Muskeln gespannt), alles läuft sehr individuell und persönlich ab (Herr A.: „So ein Umzug besteht zu 50% aus Psychologie!“ oder „Ihr Lieben, entspannt euch, alles wird gut!“).
Ein Profi, der sofort die neuralgischen Punkte seiner werten Kundschaft erspürt und so geschickt darauf eingeht, dass man sich beinahe auf den Umzug mit seiner Firma zu freuen beginnt (was seit heute Morgen auch meine Devise ist: mache man sich doch einfach mal einen Spaß draus, falls möglich…, ich werd‘ Fotos schießen und das Ganze als Artikel „Wohnungswechsel mit Waldi“ an irgendein Magazin verkaufen, Herr A. hat zudem bereits Interesse an Fotos vom Dackelfräulein als Kartonmodel bekundet).

Überhaupt wäre der nette Herr A. einen eigenen Beitrag wert.
Falls wir unerwarteterweise von Vodafone noch vor Weihnachten wieder ein funktionierendes Internet zur Verfügung gestellt bekommen, reiche ich die Story gerne nach.

*****

Es gibt übrigens keine Lebenslage, zu der der Boss nicht den passenden Song beisteuern könnte – man muss einfach nur alle Songs kennen!

Und wenn ich es schon sonst zu nicht allzu viel gebracht habe in meinem Leben, so doch immerhin dazu, ein wandelndes Springsteen-Songbook zu sein (sollte „Wetten, dass“ nochmal neu aufgelegt werden, könnte das glatt mal eine Einnahmequelle sein: anhand einer (!) beliebigen Textzeile den Song zu erkennen, alternativ könnte ich auch mit einer anderen, etwas bajuwarischeren Nummer auftreten und nach je einem (!) mit verbundenen Augen genossenen Schluck Weißbier aus insgesamt 27 Gläsern treffsicher die Schneider Weiße, TAP7, „Ein Bier wie daheim“, identifizieren, beides immerhin auch Wetten, bei denen man sicher nicht im Rollstuhl landet).

Eigentlich wär‘ dieser Beitrag auch was für die Rubrik „Song des Tages“ oder „Soundtrack meines Lebens“ gewesen. Aber dann fand ich, die Chefin des Hauses sollte nochmal ganz im Vordergrund stehen:

Ein Löwe zieht um!

The moving dachshund’s theme
(aka „Lion’s den“ by Bruce Springsteen)

You broke my heart, tore it apart
Thought it was cute, thought it was smart
But now I’m back and I’ve got the strength of ten
So I got a message for you my friend

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum

That old lion’s mean and long in the tooth
And like you, baby, he’s out on the loose
Messing hearts up time and time again
Well it’s the time for that messing to end

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum
Here we go!

At night I hear you out prowling around
Tearing guys up, scaring ‚em down
Now all that growling’s gonna come to an end
‚Cause I’m just biding my time, my little friend

*****

Ja, liebe Leserinnen und Leser, unsere Zeit in Suburbia neigt sich nun dem Ende entgegen.

Auf 371 Tage haben wir es hier am Stadtrand gebracht, 137 wären mir lieber gewesen, aber immerhin ist es überhaupt auf eine Kombination der Lieblingszahlen hinausgelaufen. Da bin ich abergläubisch – und zwar im positiven Sinne!
Und es hätte uns schließlich auch ärger erwischen können, wenn es 713 Tage geworden wären, wonach es ja zwischenzeitlich, als wir noch knöcheltief durch den Morast des Münchner Wohnungsmarktes wateten, fast aussah.

Nun aber flink weiter gewerkelt, damit wir nachher pünktlich zur Arrivederci-Pizza mit unserem Lieblingsnachbarn beim Suburbia-Italiener eintreffen.

Ein schönes Wochenende noch und drücken Sie uns und den Löwen die Daumen, liebe Leserinnen und Leser!

Bleiben Sie dran, bleiben Sie uns gewogen & bis bald – dann von gegenüber der Bavaria!

Himmel der Bayern (38): West of Wiesn.

München, Samstagmittag. 22 Grad, blauer Himmel und Sonne satt.

Alles fährt raus aus der Stadt, wir fahren rein (merke: immer antizyklisch unterwegs sein, das erspart einem sehr viel Nervensalat!).

Und gucken uns mal ein bisschen um im künftigen Westflügel der neuen Heimat.

Über die menschenleere Theresienwiese geht es hinauf zur Münchner Freiheitsstatue…

…danach hinter der Ruhmeshalle vorbei…

…in den Bavariapark hinein…

…in dem nicht nur schöne Männer zu finden sind…

…sondern – fast ebenso wichtig – auch schöne Biergärten.

Und im angrenzenden Viertel – noch wichtiger – sogar eine schöne Eisdiele, in wir uns das erste Zitroneneis des Jahres holen…

…und das Waffel-Endstück zehn Minuten später seiner einzig wahren Bestimmung zuführen.

Vom Westend dann in großem nördlichen Bogen von der Theresienhöhe wieder hinab auf die Wiesn, wo man sich über die unbewusst sehr geschickte Wahl des Umzugstermins freut (knapp nach Ende des Frühlingsfestes)…

…und nebenbei auf seltene, in der Bergwelt leider noch nie angetroffene Almen stößt.

Nebenan kraxeln ein paar Möchtegern-Alpinisten unbeholfen herum.

Wieder an der Ostkante der „Wiese“ angekommen, schnappt das Dackelfräulein zwei bärtigen Kerlen geschickt den Tischtennisball weg…

…und saust davon, stolz wie Oskar, und als ich sie wieder einfange, sieht der Ball aus wie ein zerdeppertes Frühstücksei.

Aber das Tolle an so einem Dackelfräulein ist, dass ihm quasi nie jemand etwas übel nimmt: die Jungs lachen und nehmen gelassen ihren Zweitball.

Ich glaube, das wird gut werden, dort und überhaupt.

Patrona Bavariae oder: Ein Abendtermin in Singapur.

Die Pforte zum künftigen Zuhause: Ein gelungener Mix aus Sackkarrenverbot und Kakadueleganz.

Beim abendlichen Vermessungstermin in der neuen Wohnung öffnet uns Louis, der derzeitige Untermieter der Vormieter, die das Feld bereits physisch geräumt haben (Trennung – keiner will dann mehr dort sein), freundlich die Tür und bittet uns hinein.
Ein Pimpf im Superman-Schlafanzug (einer der drei Kleinen von Louis) springt uns die nächste halbe Stunde permanent zwischen Zollstock und Maßband herum und quietscht jedesmal vor Begeisterung, wenn der Gatte die Rückholtaste des 4m-Maßbandes betätigt und das Metallband zurück in sein Gehäuse schnalzt. In der Küche werkeln die beiden (?) Frauen von Louis, es riecht nach asiatischem Klebreis und intensiven Gewürzen, eine der Frauen steht im Micky-Maus-Jumpsuit am Herd, die andere hilft den Kindern bei der Nahrungsaufnahme.

Wir befinden uns mitten im Abendtrubel einer singapurischen Familie und müssen bei all dem Krach und dem Versuch, uns aufs exakte Vermessen der Räume zu konzentrieren, auch noch Englisch sprechen. Müssen mit Vokabeln hantieren, die man auf Reisen und Tagungen nicht braucht, uns also komplett fremd sind (Maßstab, Nische, Kammer, Einbauschrank, Winkel, Mietdauer, Auszug, Malerarbeiten, Dübellöcher, Fußbodenleisten etc.).

Auf dem Fußboden zwischen klebrigen Reiskörnen kniend und mit dem Meterstab in die Ecken robbend lernen wir: In Singapur muss man nichts ausmessen, wenn man umzieht. Ja sowas.
Die Jumpsuit-Frau erklärt uns in einem an indische IT-Callcenter erinnernden Englisch (und einem Affentempo), dass in Singapur alle Wohnungen möbliert vermietet werden, niemand müsse da mit einer Spedition umziehen, sondern man nähme einfach seine paar persönlichen Dinge und zöge um („hm & aha“, denke ich, meinen Blick über die Küchenmöbel schweifen lassend, „so sieht das hier auch aus“, eben nach furniture-to-go & -not-to-use-with-care und justament verspüre ich noch mehr Schmerzen in meinem kaputten Ellenbogengelenk: denn das Küchenmobiliar übernehmen wir ja, vermutlich inkl. Klebreis auf dem Boden und Sesamöl an den Schubladengriffen).

Sie kichert ein bisschen dazu (eigentlich kenne ich fast nur kichernde Asiatinnen, stelle ich mal wieder fest, und bis heute weiß ich nicht, ob das was Genetisches ist oder ein kulturtypisches Verlegenheits- oder Beschwichtigungskichern). Und sie kichert noch mehr, als sie uns, die zwei in ihren Augen mit Sicherheit äußerst seltsamen Deutschen, mit dem Zollstock sogar im Einbauschrank und in der Speisekammer verschwinden sieht. Wenn der Deutsche was misst, dann halt auch gründlich (Grundriss in doppelter Ausfertigung zur Hand, falls man sich verschreibt).

Zum Abschied muss uns Minisuperman die Hand drücken und „Goodbye“ piepsen, Louis wünscht uns „all the best“ und erwähnt höflich, er würde die Wohnung Ende April besenrein an unsere Vormieter zurückgeben. Ich mache mir innerlich sogleich eine Notiz, in der ich schon heute schon gelobe, mich dann sehr zu bemühen, die singapurische Definition von „besenrein“ unter „Kulturstudien/Südostasien“ zu verbuchen.

Der Name „Singapur“ entstammt übrigens dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Löwenstadt“. Was recht gut zur Umgebung rund um die neue Wohnung passt, wie ich finde.

Denn der Dackel, der ja bekanntermaßen in seiner Persönlichkeitsstruktur weder zu Bescheidenheit noch zu Wankelmut neigt und sich daher zu recht dem König der Tierwelt mindestens ebenbürtig fühlt, wie nachfolgendes Video eindrücklich dokumentiert…

… jener Dackel wird hier (in personam des weltschönsten Dackelfräuleins) nämlich künftig seine Freude haben an der neuen Umgebung mit ihren ultrabreiten Grünstreifen (gespickt mit den Boulevardnachrichten der Artgenossen aus dem Quartier, auch hier: deutlich mehr Vielfalt als in Suburbia, da alles geboten wird von der anspruchsvollen Wochenzeitung für den urbanen Hund von Welt bis zur Tagespostille für die Promenadenmischung schlichteren Gemüts), die wir künftig bei der Abendrunde entlangschlendern werden, Richtung Bavaria- und Löwen-Monumentalstatue.

Oder wir überqueren die riesige Freifläche und gehen dem Münchner Wahrzeichen direkt entgegen.

Der ortskundige Leser mag an dieser Stelle stutzen, sich an den Kopf fassen und gleichermaßen verwirrt wie bang fragen: „Ja, sind die deppert? Welcher normale Mensch zieht denn in die Nähe der Theresienwiese? Müssen die jetzt wirklich von einem Extrem ins andere fallen?“

„Wissen Sie“, würde ich entgegnen, „suchen Sie erstmal ein halbes Jahr in dieser Stadt nach einer schönen und bezahlbaren Wohnung, in der auch Ihr Hund ohne Auflagen willkommen ist, Ihnen auf lange Sicht kein Eigenbedarf droht, Grünstreifen vor dem Haus sind und Sie rundum eine Top-Infrastruktur haben. Dann können wir gern weiterreden.“.

Wir gehen da jetzt positiv ran!
So eine riesige Freiflache unweit der eigenen Haustür hat schon was, so mitten in der Stadt. Ein seltenes Raumerleben, Platz fürs Auge, wohltuende Weite.
Die Lichter des Winter-Tollwoods werden wir mögen und das Oldtimer-Treffen wird uns auch nicht stören. Einmal im Jahr noch ein Flohmarkt und die Handwerksmesse, ja mei.
Unsere Urlaubszeiten sind nun dank des Wohnungswechsels für die kommenden Jahre fest geregelt und werden künftig stets den Zeitraum von Mitte September bis Anfang Oktober umfassen (passt eh super, da sind immer Semesterferien) und die Urlaube werden grundsätzlich mit dem Auto stattfinden.
Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten entlasten ja das vom großstädtischen Alltag impulsgestättigte Gehirn (und zudem möchte man sich ja weder auf die Kühlerhaube kotzen lassen noch morgens vor dem Haus in ein Meer aus Scherben und gebrannten Mandeln treten, vom nächtlichen Lärm der Saufbrüder und dem Gedröhne der Fahrgeschäfte mal ganz zu schweigen).
Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Irgendeine Kröte muss man hier in München immer schlucken, wenn man nicht Krösus ist. Und an ca. 350 Tagen im Jahr wird sich die Kröte ja auch weitgehend fernhalten.

Fotos werden wir schießen, viele Fotos, in allen Belichtungen und Stimmungen, zu allen Jahreszeiten, an die bronzene Patronin gelehnt, mit einem oder beiden bayrischen Löwen drauf, dorische Säulen umarmend oder zu den Büsten der Herren Brecht, Fraunhofer und Pschorr aufblickend, die für uns auf die eine oder andere Art bedeutsam waren oder sind (der Haifisch, die Firma, der Himmel der Bayern!).

Und mein Aufatmen wird man deutlich hören können, von dort bis hinüber zur Paulskirche, sofern das Dackelfräulein nicht gerade eine Taube oder einen Skater verbellt.
An Sommerabenden werden wir uns nach unserem Rundgang noch eine Kugel Eis holen, beim Kustermann ums Eck. Stracciatella, Kokos oder Pistazie, im Hochsommer auch mal Zitrone oder Heidelbeer.
In der Waffel versteht sich, denn es ist seit jeher nicht nur Sitte, sondern Gesetz, dass die kleine Hundemadame das Endstück der Waffel zu erhalten hat.

Liebe geht schließlich nicht nur miteinander durch dick und dünn oder täglich Spazieren, sondern Liebe geht immer auch durch den Magen.

Hund haben (8).

Eigentlich bloß ein Nachtrag zu meinem vorigen Beitrag, in dem ich etwas arg achtlos und nebenbei diesen Werbeaufkleber an der U-Bahnstation Thalkirchen erwähnte:

Mittlerweile hab‘ ich die „Couture“ recherchiert und traute meinen Augen kaum.
Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt, aber sehen Sie selbst:

Homepage der Dachshund-Couture.

Luxusprobleme: Bavarian vs. Chagall coat.

240€ ?!? So teuer ist ja mein eigener Wintermantel nicht…

Be the center of attention!

Das ist ja bitter. Da liegen wir also mit unserem letztjährigen 35€-Fleece-Fetzen (wegen dessen Anschaffung ich schon schwer mit mir gerungen habe) quasi unter C&A-Niveau, was die Dachshundmode angeht. Au weia!

(@Freundin D.: Vielleicht kannst du diese erschütternde Tatsache beim demnächst geplanten Engernähen des Fetzens irgendwie berücksichtigen? Eine Edelweiß-, Brezen- oder Weißwurstappliaktion aufnähen oder so? Ginge das?)

Born in Bavaria: Zwei Eva-Schalen in Ghilly-Schnürung.

Shoppen ist nicht mein Ding, auch Schaufensterbummel nicht, ich bin insgesamt kein passionierter Konsument.
Ich kaufe mir selten spontan etwas, insgesamt auch nicht viel und überlege bei allem, was mehr als 50€ kostet, meist lange und gründlich.

Mindestens 98% aller Werbung geht mir am Arsch vorbei, sofern ich sie überhaupt wahrnehme. Aber die restlichen 2%, die haben es in sich. Da fühle ich mich im tiefsten Inneren angesprochen und nehme im Nullkommanix die Opferrolle ein. Freiwillig.
Meist ist es ein einziger Satz, manchmal nur ein Wort, gelegentlich genügt auch ein Bild oder die Haptik, ein Farbton oder Geruch, der mir bei der ersten Begegnung mit dem beworbenen Produkt glasklar signalisiert: DAS musst du HABEN, sonst bist du verloren.

So ging es mir mit einst mit meinem Trekkingrad. Eine wahre Odyssee durch Radgeschäfte, ein Vergleich von Marken, Funktionen und Preisen, ich war gut eingearbeitet und hatte einen Begleiter dabei, der sich spitzenmäßig auskannte. Um dann alle mühsam angeeignete und mitgenommene Expertise binnen Sekunden fahren zu lassen, nur weil ein sportlicher, sympathischer Verkäufer auf eines der Räder, die womöglich in die engere Wahl gekommen wären, deutete und sagte: „Mit dem können Sie durch die Wüste fahren!“. Das war nie mein Plan, aber der Satz hat einen Schalter in mir umgelegt. Justament entbrannte ich in Liebe, fackelte nicht mehr lang herum, zückte die EC-Karte und nahm das desert-bike mit. Es war einfach klar, dass es für mich bestimmt war.

Wir sind jetzt seit 16 Jahren liiert, das Giant Expedition und ich, unsere innigste und heißeste Phase ist zwar vorüber (was am Hundhaben liegt, nicht am Rad), aber ich bin nach wie vor glücklich mit ihm und habe es nie bereut, dass ich mich so schnell und kopflos dafür entschieden habe.

Ähnliches könnte ich von meinen Bergstiefeln, meiner Obstschale, meinen Langlaufski, meiner Lederjacke, meinem Tourenrucksack und meinem Ultrabook berichten. Da gab es auch jedes Mal so eine Initialzündung – ausgelöst durch gelungene Werbung, durch ein Gefühl beim Anfassen/Anziehen, ein Verkaufsgespräch oder auch bloß durch die richtige Hintergrundmusik im Geschäft.

Das war’s dann auch schon an Materiellem, woran ich wirklich hänge. Alles andere fühlt sich ersetzbar und daher unwichtig an, aber mit diesen paar Dingen bin ich verwachsen. Das kommt mir zwar irrational und dämlich vor, aber es ist so und ich opponiere nicht dagegen.

Alle paar Wochen schickt mir der Alpenverein sein Mitgliedermagazin zu. Ich blättere das Heft meist im Laufe von ein paar Frühstücken durch, lese selten einen Artikel komplett und schneide nur ab und an mal einen Tourenvorschlag aus. In erster Linie blättere ich es durch, so wie ich früher mal beim Friseur die Illustrierten durchblätterte.

Im aktuellen Heft stieß ich auf der allerletzten Seite – fast hätt‘ ich es vorschnell zugeklappt – auf eine Anzeige, bei der sich mir sofort das Gefühl aufdrängte, dass sie zu den glorreichen 2% Werbung gehörte, mit der man mich kriegt.

Die Trigger waren: „mountain boots“, „with passion“, „born in Bavaria“ sowie die roten Schnürsenkel auf graphitfarbenem Leder. Es war augenblicklich um mich geschehen. Selbst nach über 40 Jahren treuer Lowa-Trägerschaft war klar, dass DAS der Schuh ist, nach dem ich mich schon mein Leben lang unbewusst gesehnt hatte. Oder zumindest seit letztem April, seit ich wegen einer üblen Beule am unteren Schienbein (ein paar Deppen schubsten mich die Rolltreppe hinunter), die nie mehr ganz verheilt ist, in meinen hohen Bergstiefeln bei längeren Touren einen drückenden Schmerz empfinde.

Der Umzug hat ein ziemliches Loch in unser Budget gerissen, so dass ich derzeit mit allen Anschaffungen geize, deshalb ist es unbedingte Pflicht, die lodernde Leidenschaft erstmal zusammenzustutzen und sich dem Born-in-Bavaria-Schuh etwas rationaler zu nähern.

Ich recherchierte also gründlich, um dem Objekt der Begierde die Legitimation zu beschaffen, die es benötigte, um umgehend in mein Leben treten zu können. Und man staunt nicht schlecht, was in einem Schuh so alles drinstecken kann:

  • Der Hanwag Makra Low GTX ist ein leichter und zugleich robuster Approach-Schuh.
    Aha. Nie gehört: Approach-Schuh? Nachgeguckt: Approach-Schuh = Zustiegsschuh. Aha. Auch noch nie gehört. Also beim Master of Mountaineering, Mr. Speedhiking, nachgefragt. Umgehend Antwort erhalten, mit Grafik und Tabelle und Erläuterungstexten, so wie sich das gehört (besten Dank nochmal!).
    („Leicht und zugleich robust“ hab ich verstanden, so beschreibe ich immer das Dackelfräulein, das ja auch recht bergtauglich ist)
  • Leder und Cordura gehen hier eine starke und leichte Kombination ein.
    Cordura? Ich kenne noch Cortina, diesen Schöller-Nogger aus den 70er Jahren. Fast 40 Jahre später kreuzte noch eine gewisse Cortana meinen Weg, die nervtötende digitale Assistentin von Windows 10. Aber Cordura sagt mir gar nix. Ich lerne aus dem Netz: das ist ein Nylongewebe nach Schweizer Rezeptur. Kann man das nicht einfach auch hinschreiben?
    (Leicht & robust, leicht & stark, jetzt bitte nicht nochmal leicht.)
  • Das wasserdichte Gore-Tex-Futter bietet ein gutes Fußklima.
    Soso. Je wasserdichter, desto besser die Luftzirkulation. Klingt logisch. Nach 6 Std Bergtour duften Socken und Füße wie frisch gewaschen. So wie die Achselhöhlen, wenn sie endlich aus der Gore-Tex-Jacke befreit werden, das kennt man ja. Top-Klima, tolle Sache!
  • Der Zehenbereich verfügt über eine optimierte Ghilly-Schnürung.
    Wie jetzt? Kein Rundum-Ghilly? Spaß beiseite. Kenne diesen Ghilly und seine Bondage-Hobbys nicht. Wozu brauch ich den, peitscht der mich den Berg hoch?
  • Im Zehenbereich sind mehrere Profilblöcke in einer Höhe kombiniert und ergeben so eine Variation der profillosen Climbing Zone.
    Check ich nicht. Zu langer Satz. Profilblöcke klingt gut. Profillos hingegen weniger. Insgesamt zu starke Betonung des Zehenbereichs.
  • Passend zum Basisteil der Einlegesohle werden zwei EVA-Schalen mitgeliefert, die sich per Klett mit der Basis verbinden lassen.
    EVA-Schalen, zwei Stück. Unweigerlich drängen sich Assoziationen zum BH-Kauf auf. Gemoldete Cups und so’n Krempel. Was haben die in meinem Schuh verloren?
  • Der neu entwickelte Approach-Schuh zeigt eine aggressive Sohle für optimierten Antritt am Fels, die entspanntes Stehen erlaubt, selbst wenn nicht viel Platz gegeben ist.
    Jetzt reicht’s dann aber langsam. Was, bitteschön, ist eine aggressive Sohle? Ich will einen Schuh und keinen Kampfhund. Und selbstverständlich möchte ich in dem Schuh auch mal irgendwo entspannt stehen können und nicht nur aggressiv gegen den Fels treten!

Aber halt, da kommt ja noch ein letzter Absatz in dem ellenlangen Beipackzettel.

  • Der Makra Low GTX punktet mit innovativem Materialmix für deutliche Gewichtsreduzierung.
    Gewichtsreduzierung? Nehm ich! Immer! (Selbst wenn’s implizit das dritte leicht ist, mit dem ihr mich ködert.) Klasse, wenn der Schuh das für mich erledigt, am besten auch noch beim entspannten Rumstehen und Brotzeit machen. Das nenn‘ ich wirklich mal innovativ. Volle Punktzahl für die Werbefuzzis von Hanwag!

So viel Hightech, Handgecraftedes, Design, Komfort, Bodyshaping, Selbstverteidigung und Stabilität für nur 179€. Her damit.
That must have been born in Bavaria (zwar ned unbedingt in Vierkirchen im Landkreis Dachau, aber mei).

Trotzdem lass ich das jetzt noch ein paar Tage sacken. So lange, bis das Sportgeschäft den Schuh in den drei möglichen Größen bestellt hat und anprobierfertig servieren kann.
Und bis ich dem Papa, der eh noch einen Geburtstagswunsch wissen wollte, Bescheid gegeben habe.

Guten Abend und allzeit guten Stand, selbst wenn nicht viel Platz gegeben ist, wünscht
Die Kraulquappe.