Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

***

Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.

Himmel der Bayern (30): 3x weiß & blau. 

Hund haben (8).

Eigentlich bloß ein Nachtrag zu meinem vorigen Beitrag, in dem ich etwas arg achtlos und nebenbei diesen Werbeaufkleber an der U-Bahnstation Thalkirchen erwähnte:

Mittlerweile hab‘ ich die „Couture“ recherchiert und traute meinen Augen kaum.
Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt, aber sehen Sie selbst:

Homepage der Dachshund-Couture.

Luxusprobleme: Bavarian vs. Chagall coat.

240€ ?!? So teuer ist ja mein eigener Wintermantel nicht…

Be the center of attention!

Das ist ja bitter. Da liegen wir also mit unserem letztjährigen 35€-Fleece-Fetzen (wegen dessen Anschaffung ich schon schwer mit mir gerungen habe) quasi unter C&A-Niveau, was die Dachshundmode angeht. Au weia!

(@Freundin D.: Vielleicht kannst du diese erschütternde Tatsache beim demnächst geplanten Engernähen des Fetzens irgendwie berücksichtigen? Eine Edelweiß-, Brezen- oder Weißwurstappliaktion aufnähen oder so? Ginge das?)

Über den Wolken.

Graue Nebelsuppe überzieht die Stadt. Das Thermometer zeigt null Grad an. Analog dazu steht das Stimmungsbarometer auf null Bock.

Als die mittägliche Gassizeit naht, beschließe ich, dem Wetterbericht des Bayrischen Rundfunks zu vertrauen und 45 Min Fahrt in Kauf zu nehmen für ein beinahe kostenloses und nebenwirkungsfreies Anti-Depressivum (oder Anti-Wuticum, das ich dieser Tage fast nötiger habe).

Kurz hinter Bad Tölz reißt die Nebelwand endlich auf. Vom geliebten Lenggries aus starten wir (ein wenig spät für so ein Unterfangen) unsere spontane Bergtour.

Ein restlicher Herbsthauch vermischt sich mit einer Prise Winter…

…aber schon bald gewinnt der Winter mehr und mehr die Oberhand…

…und nach einem Drittel der Strecke stapfen wir durch den eiskalten, verschneiten Wald aufwärts.

Die knapp 800 Höhenmeter den Sulzersteig hinauf sind anstrengender als gedacht, es ist teils vereist und hat viel mehr Schnee als ich angenommen hatte. Die Ausrüstung passt nicht so recht – ich trage das lediglich durch Skiunterwäsche erweiterte Bergsommer-Equipment. Eigentlich geh‘ ich ja nicht im Winter in die Berge.
Was angesichts solcher Momente, wie jenem, als wir aus dem steilen Bergwald hinaustreten aufs weite Almwiesenplateau unterhalb des Seekars, wirklich ein Fehler ist:

Eines DER Highlights des Jahres ist für mich immer wieder, die überschäumende Freude des Dackelfräuleins mitzuerleben, wenn es den ersten Pulverschnee riecht, sieht und unter den Pfoten spürt.
Darüber könnte ich ellenlang berichten, lasse aus Rücksicht auf die treue Leserschaft aber lieber ein paar Bilder für sich sprechen.

Der erste dackelhohe Pulverschnee in 2017!

Bei der Tannenzapfensuche.

Beim Fährtenlesen.

Die Einkehr winkt!

Die Lenggrieser Hütte empfängt uns mit einer Wahnsinns-Aussicht…

Über den Wolken (…)

(…) würde was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.

…wohliger Kachelofenwärme und Spinatknödeln. Da wir schon das dritte Mal in dem Jahr dort oben sind, verkneift sich Pippa sogar das Verbellen der Hüttenhündin, liegt brav unter der Bank und verspeist ihre Hundekaminwurzn.

Leider drängt die Zeit viel zu schnell wieder zum Aufbruch…

… und beim Abstieg geraten wir viel zu schnell wieder unter die Nebeldecke, düster wird’s.
Ein Stündchen später und man hätte ein Stirnlämpchen gebraucht, um den Grasleitensteig noch erkennen zu können.

Auf halber Strecke dann ein Stockbruch, na super. Der linke Leki ist somit nutzlos, was übel aufs Tempo geht bei dem Untergrund und noch übler ist fürs operierte Knie und die zusammen mit dem Meniskus amputierte Psyche.
Als ich mich für ein Stress-und-Angst-Pipi hinter eine Tanne kauere, folgt der Gürtelschnallenbruch. Plastikglump, blödes!

Mit ständig fast bis zu den Hüften herabrutschender Hose balanciere ich weiter talwärts, als mir endlich die zündende Idee unter der dicken Mütze hervorkriecht: die Hundeleine ist ja im Rucksack! Der Behelf funktioniert ganz hervorragend, vor allem in der Hosenträgervariante, und so gelingt’s uns noch auf den letzten Drücker, das Auto zu erreichen, bevor es stockfinster ist.

Wir merken uns fürs nächste Mal: Deutlich früher losgehen, zuvor andere Hose, neue Teleskopstöcke und ein Stirnlämpchen anschaffen. Wie gut, dass Weihnachten vor der Tür steht.

Des Wanderers Dilemma.

Herrje, was nun?
Innere oder naheliegende Einkehr?

Oder einfach mit der Töle das Dilemma Schild umfahren?

Ein Prosit aus Beuerberg (zwischen Eurasburg und Penzberg).
Die Kraulquappe.

 

Tougher than the rest.

Der großartige Oktober hat sich in Bayern ein letztes Mal von seiner zähen Seite gezeigt…


…und gestattete es, nach dem Weißwurstfrühstück beim Papa am Tegernsee nochmal bei T-Shirt-Wetter ein Stück in die Höhe zu gehen…


…wenn’s auch mehr ein Bergspaziergang als ’ne richtige Tour war.

Eine Belohnung gab es trotzdem!

Und während man da so sitzt und schaut und lauscht und denkt, kommt der Hüttenwirt hochgefahren und montiert bei bester Musik seinen Anhänger ab, dreht ihn um und parkt ihn genau am Rande meines Blickfelds.

Natürlich rufe ich rüber, ob die letzte Zeile der Aufschrift das ist, wofür ich sie halte – und: jawohl, das ist sie. Sofort ist man im Gespräch über Mannheim 2007, Frankfurt 2009,  Leipzig 2013, München 2016 und überhaupt.
Ein schöner Moment der Verbundenheit!

Dieses Foto ist für euch – Marko, Sori, Peter, Helen, Thorsten und all die anderen, die verstehen, dass ein Fan-Herz in solchen Momenten freudvoll hüpft!

Mit dieser Mega-Schnulze verabschiede ich mich in die wohlverdiente Nachtruhe, träume von den 1980er-Jahren, als Bruce und Patti noch aussahen wie frisch dem High-School-Abschlussball entsprungen und ich mich gerade beim Sommerferienjob in Lenggries in einen Kölner verliebt hatte.

Eine gute Nacht & greetings from a land of hope and dreams!
Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (29): Saisonende mit dem Wilden Fräulein.

Wieder mal: Der Himmel der Bayern.

Da nennt man seinen Blog „Kraulquappe“, weil man sich eigentlich überwiegend als Schwimmerin sieht und auf einmal wird’s ein alpines Tagebuch… Ja mei.
Ganz unerwartet hat sich das diesen Sommer so ergeben. Aber wenn die Landschaft demnächst im grauen Novemberregen versinkt, kommt hier auch wieder anderes. Versprochen.

Vor noch nicht mal einem Monat haben das Dackelfräulein und ich uns den Arsch bei Minusgraden in den Tannheimer Bergen abgefroren (wir berichteten hier), ich schlief mit Mütze und bin auf dem nächtlichen Weg zum Klo fast erfroren – und plötzlich kommt ein Oktober daher, bei dem man morgens in Shorts und T-Shirt auf der Hüttenterrasse frühstücken kann.

Ein besseres Saisonende hätt‘ ich mir nicht vorstellen können.

Gestern Vormittag: Vom Schliersee aus über den Spitzingsattel…

 

…ist die Schönfeldhütte bald erreicht…

 

…und nach kurzer Stärkung geht’s weiter zum Highlight des Tages.

 

Auf fast weglosem Gelände steigen das Dackelfräulein und ich hoch…

 

…zum Wilden Fräulein!

 

Kurz ruhen die beiden Fräuleins dicht beieinander…

 

…danach geht’s auf einem schmalen Jägersteig mit etwas beängstigenden Felsstürzen zur Rechten…

 

…dafür umso schönerem Blick über die Schulter…

 

…durch Latschenkiefern hinüber zum zweiten Gipfel des Tages.

 

Auf dem Jägerkamp bläst’s ordentlich – das Dackelfräulein fürchtet sich…

 

…und ist sichtlich froh, als wir nach dem Abstieg wieder die Hütte erreicht haben…

 

…Rucksack und Schuhe endgültig abgestellt werden…

 

…und der gemütliche Teil des Tages beginnt.

 

In der Nachsaison werden die Hüttenwirte so gnädig…

 

…dass wir sogar eine schnuckelige Koje mit Waschgelegenheit auf dem Zimmer bekommen!

 

Das Abendessen findet ohne Pippa, dafür unter dem wachsamen Blick des eigentlichen Hüttenchefs statt…

 

…aber zum Nachtgassi bei Mini-Alpenglühen (rechts oben auf dem Wilden Fräulein) sind wir wieder vereint.

 

Der neue Tag beginnt wie immer: Mensch ohne Decke am Bettrand, Hund und seine drei Decken in Bettmitte…

 

…immerhin darf der Mensch dann in trockene, warme Schuhe einsteigen…

 

…um die Kompanie hinab an den Schliersee zu geleiten…

 

…damit das Fräulein sich ausgiebig die Pfötchen kühlen kann.

Jetzt isses dann auch mal gut.
Viel gesehen, viel erlebt, viel Material gesammelt – nun ist es an der Zeit, das alles zu ver- bzw. bearbeiten.
Wo Geld raus geht, muss auch mal wieder welches reinkommen. Wenngleich ich erfreut feststelle, dass ich mit jeder Unternehmung sparsamer geworden bin, weniger konsumiere, ohne auch nur den Hauch einer Einschränkung oder eines Mangels zu spüren.
Ein ganz neues Gefühl von Freiheit, so wenig zu brauchen!
Solange eine warme Mahlzeit am Abend und ein Schlafplatz in der Hütte noch drin sind, bin ich rundum zufrieden.

Während ich gestern Mittag meinen mitgebrachten Obstquark löffelte und dazu meine Wasserflasche leerte, trafen mich die mitleidigen Blicke manch anderer Gäste (die sich einen üppigen Kaiserschmarrn reinschaufelten und becherweise Kaffee dazu schlürften). Jemand vom Nachbartisch fragte mich glatt, ob er mir einen Kaffee oder was anderes ausgeben dürfe. Unweigerlich musste ich an damals denken. An den Sommer 2002.

Ich überquerte alleine die Alpen, lief von Mittenwald nach Brixen, von Hütte zu Hütte, bergauf, bergab, 10 Tage lang. Hatte mir Urlaub dafür genommen, das Projekt lange geplant. Geld war kein Thema, ich war in nagelneuer Top-Ausrüstung unterwegs, hatte genug Bargeld dabei, um mich jeden Tag nach Lust und Laune vom Lunchpaket bis hin zum Kaiserschmarrn bestens zu verpflegen.
Einige Tage lang traf ich jeden Nachmittag bei Ankunft an der nächsten Hütte einen Mann mit Hund. Um die 50, schlank, sein Equipment, der Hund und auch er recht zerzaust wirkend.
Täglich kramte er seinen mitgeschleppten Proviant aus dem Rucksack hervor, schnitt Käse, Speck, Brot und Obst, mümmelte es am Rande der gut besuchten Terrassen in sich hinein, bestenfalls gönnte er sich mal ein Getränk. Er schlief im Schlafsack auf der Bank vor der Hütte oder im Keller, manchmal hat ihm der Hüttenwirt auch einen Platz in der Gaststube angeboten. Meist hat er abgelehnt, weil der Hund nicht mit hinein durfte. Spar-Schorsch oder Hunger-Hansl haben ihn manche genannt, und manchmal hat ihm einer was spendiert.

„Nein danke“, entgegnete ich dem Herrn vom Nebentisch, „ich bin wunschlos glücklich“.

In der Not.

Vorgestern im Ammergebirge.

Der Oktober ist bislang recht golden, fast könnte man meinen, er wolle so gut als möglich Trost dafür spenden, dass Blog-Weggefährten ihre geliebten Hunde verlieren oder man nach Jahren den Ex-Freund im Krankenhaus mit einer Krebs-Diagnose wiedersieht und auch sonst manches nicht so läuft wie man sich das noch im Sommer erhofft hatte.

Also laufe ich. So oft ich kann.
Hoch & runter, vor & zurück, weiter & weiter.

Ganz neuer Tourentipp: Von Oberammergau auf den Pürschling.
Seit Jahren laufe ich immer von Unterammergau auf den Pürschling, dank des Dackelfräuleins Abneigung gegen Forststraßen suche ich nun stets Alternativen mit so vielen Bergsteigen wie möglich. Die neue Route ist viel schöner, etwas länger und fast komplett mountainbikerfrei.

Start: Parkplatz Kolbensattellift in Oberammergau.
Rummel rund um den Event-Kram an der Talstation ignorieren und gleich linkerhand auf den Wanderweg Richtung Kolbensattel/Pürschling einklinken.

Erste Etappe: Kolbenalm (1.040m) mit beachtlich gräuslicher Fassaden-Deko…

… inklusive tiefer Lebensweisheit.

(Ergänzender Hinweis: Bier tut’s auch. Entscheidend ist, dass man ist weder Tod noch tot ist.)

Kurz nach der Kolbenalm links halten und statt der Forststraße den Bergpfad wählen, der sich in Serpentinen bis zum Kolbensattel hinaufschlängelt.
Ohne Rast auf der Kolbensattelhütte (1.270m) und ohne Umweg über Zahn und Sonnenspitz geht’s auf einsamem Waldpfad weiter gen Osten…

…gemeinsam rascheln wir durchs bunte Laub bergan…

…und zumindest ich genieße die Aussicht zum benachbarten Estergebirge…

…und talwärts Richtung Ettal – das Dackelfräulein ist mehr an Ausgrabungen am Wegesrand interessiert.

Nach kurzer Rast auf dem August-Schuster-Haus (1.554m, DAV-Hütte, fast ganzjährig geöffnet), von wo aus sich eine schöne Sicht aufs Graswangtal vor der Kulisse des Wettersteins bietet, geht’s wieder zurück.

Pippa kann mit der Hüttenhündin nicht, ich kann mit den Bellanfällen unter dem kritischen Blick der anderen Gäste nicht – und so ein Weißbier ist nach 2 Stunden Aufstieg ja eh schnell getrunken.

Beim Kolbensattel (auch so eine überflüssige Event-Arena in den Bergen, mehr Spielplatz als Alm!) nochmals kurze Einkehr auf eine heiße Schokolade…

…und auf dem Anstiegsweg hinunter nach Oberammergau…

…wo der Bergausflug endet, wie er immer endet: mit einem gut gefüllten Napf.

An diesem Wochenende schließen die allermeisten Hütten und Almen, die Oktobersonne gibt hingegen nochmal Vollgas, voraussichtlich noch bis Mitte nächster Woche.

Bewegung ist Leben.
Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben (sagte ein Pädagoge).

Es war ein guter Bergsommer und -herbst, es ist ein schönes Saisonende.

Sonnige & bewegte Tage wünscht euch
Die Kraulquappe.

Wuthering heights oder: Bajuwarische Freizeitgestaltung.

Die erste Nacht in der Jachenau war kurz.

Durch das gekippte Fenster hörte man das Rauschen des Baches dermaßen laut und um 2 Uhr kam die vorletzte Stechmücke der Saison hereingesurrt… Natur verzückt nicht immer!

Das Dackelfräulein schläft weiter, während ich um 7:50 Uhr zum Frühstück wanke. Eine unfreundliche Alte in Tracht knurrt mich an, dass es erst ab 8 Uhr Buffet gäbe, bringt mir dann aber gnädigerweise schon ein Kännchen Kaffee. Die 12-köpfige Motorradfahrer-Gang, die den Nebentisch im Beschlag nimmt, verjagt mich bereits um 8:20 Uhr durch ihr Gegröle.

Um 10 Uhr passieren wir die Brücke über den Sylvensteinstausee, einem meiner Lieblingsorte im Tölzer Land. Der Schafreuter winkt uns bereits entgegen (Berg mit flach abfallender Gipfelkante, in Bildmitte hinten).

Vom Parkplatz Kaiserhütte kurz hinter der Tiroler Grenze starten wir den Aufstieg zum Schafreuter.
Der farbenprächtige Bergwald gibt immer wieder den Blick auf den Mahnkopf und die Lalidererwände frei…

…und in der Halbzeitpause, wenn man die Baumgrenze hinter sich gelassen hat, liegt einem beinahe das gesamte Karwendelgebirge zu Füßen.

Was die kitschigen Bergfotos und der kackblaue Himmel allerdings völlig verschleiern: Mangels Schutz des Bergwaldes ist es ab 1.600m ziemlich windig (siehe abhebende Dackelohren im Bild!). Xavier ist im Anmarsch.

Nutzen Sie auch heute wieder das linke Dackelohr: ziehen Sie von dort aus eine Diagonale zur linken oberen Bildecke – unterhalb des letzten Liniendrittels erkennen Sie die Tölzer Hütte!

Kurz vor der Einkehr orientieren wir uns hinsichtlich der weiteren Expeditionsoptionen…

…aber mittlerweile bläst es dermaßen, dass wir uns lieber schnell zur Hütte flüchten. In den klitschnassen Klamotten friert man verdammt schnell, wenn man rumsteht (alles Lüge, dieser Hightech-Atmungsaktiv-Membran-Quatsch, es hilft nur Umziehen).

Trotz der garstigen Orkanböen beharrt die schwäbische (!) Hüttenwirtin darauf, dass Hunde nicht in die Stube hineindürfen und befiehlt mir, Pippa allein (!) auf der Terrasse anzubinden, was natürlich nicht in Frage kommt.

An der Hauswand ist es einigermaßen windgeschützt und die bessere Aussicht hat man sowieso.

Wenig später befehle ich mir, es als ausgleichende Gerechtigkeit, über die kein Wort verloren werden muss, zu betrachten, dass sich die schwäbische Hütten-Xanthippe beim Abkassieren meines kleinen Bergmenüs ganz unschwäbisch, nämlich extrem zu meinen Gunsten, verrechnet.

Während die Spinatknödel wohlig sacken, beschließe ich, den Gipfelaufstieg bleiben zu lassen. Eine weitere Stunde bei Sturmböen von 85km/h und mit einigen ausgesetzten Stellen, zudem noch mit angeleintem Dackeltier (zu viele Gemsen!), und alles wieder retour – das ist mir zu riskant. Und die knapp 1.000Hm bis hierher stecken uns ja auch schon in den Knochen.

Also treten wir ohne Gipfelerlebnis den Abstieg an, dafür mit der erfreulichen Feststellung, dass zum ersten Mal seit langem wirklich keinerlei überflüssiges Glump im Rucksack mitgeschleppt wurde. Sogar die Windbreakerjacke und die Stormlockmütze kommen mal zum Einsatz (nicht zu vergessen: die roten Lindor-Kugeln, die der Lieblingsnachbar einem geschenkt hat als er zur Apfelstreuselkuchenschlacht kam)!

Pünktlich zur 16 Uhr-Fütterung der Madame sind wir wieder am Auto, eine halbe Stunde später schon auf der Sylvensteinbrücke.
Noch ein wehmütiger Blick zurück, denn vermutlich war’s für dieses Jahr der letzte Ausflug dorthin.

Im Dorfladen der Jachenau besorge ich mir einen Kornspitz und ein Wiener Würstchen als Abendimbiss im Sonnenuntergang auf Balkonien.

Das Dackelfräulein fläzt bereits friedlich schnarchend im Körbchen als ich noch schnell runtersause ins Restaurant, um mir ein Weißbier zu holen. So zur Abrundung dieses tollen Tages.

2 Minuten später betrete ich mit dem Bier in der Hand das Zimmer wieder und freue mich auf meine Brotzeit. Zu meinem Erstaunen liegt der Hund nicht mehr im Körbchen, sondern sitzt auf dem Bett, wirkt etwas krumm im Rücken, hält den Kopf gesenkt und guckt elend drein. Dann rülpst sie. Und guckt anschließend noch elender. Und dann schwant es mir!

Ganz genau. Mein Wiener Würstchen ist verschwunden. Heimtückisch gemopst (bzw. gedackelt) und vernichtet, in nur 2 Minuten – und aus dem Tiefschlaf heraus.

Das Papier, in das es eingewickelt war, liegt säuberlich aufgefaltet auf dem Tisch. Sowas hat sie in all den Jahren noch nie gewagt. Man darf wirklich nie denken, dass man einander zu 100% kennen würde und vertrauen könnte, nur weil man schon seit über 5 Jahren so eine innige Beziehung führt!

Während ich den trockenen Kornspitz mit dem Weißbier runterspüle und versuche, den Wurst-Diebstahl irgendwie zu vergessen, kommt mir ein Aushang im Entree des Gasthofs nochmal in den Sinn:

Ich meine, wie ich’s auch drehe und wende – ich check‘ dieses „Angebot“ einfach nicht.

Die Halbe (egal, welche) kostet hier 3,20€, also kosten 10 Halbe 32€ und 11 würden 35,20€ kosten. Wenn ich mir also diesen Pass ausstellen lasse, mir 11 Bier reinschütte und dafür 34€ blechen muss, dann hat mir der Gasthof für diese komatöse Aktion, nach der nicht nur der Bierpass voll ist, sondern vor allem ich, nur schlappe 1,20€ „geschenkt“?!?

Was wird hier beworben und worin besteht das Angebot? Oder spielt dieser knausrige Nachlass nach 11 Halben sowieso keine Rolle mehr? Und was zum Teufel soll der Hinweis auf Silvester und diese Verlosung? Oder hab‘ ich da was übersehen, so wie früher in der Schule? Hängen mir vielleicht immer noch diese 4 Punkte nach, mit denen ich vor einem Vierteljahrhundert das Fach Mathe abgewählt habe? Mit diesen fiesen Textaufgaben kam ich noch nie zurande!

In diesem Sinne:
1.) Niemals zum Bier holen verschwinden, wenn’s um die Wurst geht.
2.) Falls die Wurst bereits verschwunden ist, den Ärger mit 34 Bier runterspülen und über Goldfische und Palmen nachdenken – das lenkt hervorragend ab.

Einen schönen restlichen Abend ohne Sturmschäden und Wurstverlust wünscht
Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (28): Das Sackgassenglück.

Das Gefühl von Sackgasse oder Endstation mag ich im Inneren gar nicht, draußen in der Welt aber umso mehr. An solchen Endpunkten erübrigen sich die Entscheidungen, ob man nun links/rechts/geradeaus/hoch/runter/zurück fahren soll. Es gibt keine Richtungen mehr, es ist einfach mal Schluss – und damit meist auch Ruhe. Allenfalls zu Fuß geht es noch ein Stückerl weiter, manchmal nicht einmal das.

Die schönsten Endstationen, an denen ich mich je aufgehalten habe, waren Altaussee im Salzkammergut (hier endet die Straße im Ort bzw. am See und am Berg) und Hoburgen auf Gotland (hier endet der Weg am Leuchtturm bzw. am Meer). Natürlich muss man nicht ins Ausland fahren, um dieses beglückende Sackgassengefühl zu erleben. Sowas gibt’s auch in heimatlichen Gefilden.

Das Dackelfräulein am Ende (der Jachenau).

Hier in der Region habe ich drei Lieblingsendstationen, an denen sich das perfekte „Am Arsch der Welt“-Feeling erleben lässt: Das Elmauer Hochtal am Fuße der Wettersteinwand, das Almdorf Eng im Karwendelgebirge (na gut, das ist ganz knapp schon nicht mehr Bayern) und die Jachenau, Bayerns kleinste Gemeinde, südlich von Lenggries.

Ersteres ist, wenn man nicht mit einem Millionär verheiratet ist, nur für Tagestouren geeignet, denn die Nobelherbergen Schloss Elmau und Das Kranzbach sind unerschwinglich (Hotels, die ihre Exklusivität hervorheben wollen, erkennt man heutzutage am vorangestellten, gern auch großgeschriebenen Artikel oder an Untertiteln wie Hideaway und dergleichen).

In der Eng gibt es leider nur einen potthässlichen Alpengasthof, ansonsten muss man nach Hinterriß ausweichen, wo es nur einen mittelscheußlichen Gasthof direkt am tosenden Rißbach gibt oder gleich in die Ortschaft Fall am Sylvensteinsee, die immerhin ein passables Outdoorhotel im modernen Jugendherbergsstil bietet – allerdings mit morschen Aufbacksemmeln am Morgen (großspurig beworben als „Ludwig-Ganghofer-Brunch“).

Die Jachenau ist von den drei Supersackgassen die einzige, die touristisch nicht ganz so beliebt ist, obgleich sie ähnlich schön ist: Umgeben von Bergen, in unmittelbarer Nachbarschaft des Walchensees und mit dem rauschenden Jachen als pulsierende Ader des sonnigen Tals, an der die paar kleinen Ortschaften liegen. Man kann in schmucken Bauernhöfen oder einem der urigen Gasthöfe Quartier nehmen, die Halbe kostet noch keine 3,50€ und für ein zierliches Dackelfräulein werden einem nicht unverschämte Aufschläge berechnet, wie sich das die besseren Häuser gern erlauben.

[Randnotiz: Das wär‘ auch nochmal so ein Projekt – ein Hotelführer für Hund&Mensch in Oberbayern. Wo gibt’s die schönsten, hundefreundlichsten und günstigsten Unterkünfte, die, in denen es morgengassitaugliche Wiesenwege in Hotelnähe gibt, am besten noch mit Gassisackerlspender und Mülleimer am Wegesrand, die, in denen Waldi unkompliziert mit zum Frühstück darf, ohne dass der Tussi am Nebentisch das Proseccoglas aus der Hand fällt, die, in denen es frische Brezn gibt und Eier von glücklichen Hühnern sowie kein Hofbräu- oder Spatenbier und mehr als nur Schweinereien auf der Karte.]

Jedenfalls sind das Dackelfräulein und ich heute Morgen spontan in die Jachenau gefahren. Zu Schulzeiten habe ich meine Sommer in Lenggries verbracht, da hab ich die Gegend rundum kennengelernt. Später war ich meist im Winter hier, zum Langlaufen.
Seit N. viel zu früh gestorben ist, war ich überhaupt nicht mehr in der Jachenau, es war seine Lieblingsgegend, vor allem im Winter, weil die Sonne so lang hier ins Tal reinscheint – man kann über 30km Kilometer in der Loipe runterspulen und hat ununterbrochen Sonne im Gesicht.

Für zwei Tage sind wir nun im Sackgassenendstationsparadies. Der Wirt schenkt uns zur Begrüßung nicht nur ein Lächeln, sondern ein Upgrade. Weil er auch einen Dackel hat. Die haben ja gern den Überblick, weiß er. Deshalb nun ein Zimmer mit Balkon und Aussicht aufs Ende der Straße und den „Dorfplatz“. Und mit Flauschteppich zum Schubbern des vom Wandern strapazierten Hunderückens.

Heute Jochberg, morgen Scharfreuter, übermorgen Walchensee – falls das kurze Zwischenhoch noch bis Freitag durchhält.

An dieser Stelle besonders liebe Grüße an D.: nächstes Mal gehen wir gemeinsam von hier aus los, denn nach 25 Jahren Jochbergbegehungen hab‘ ich heute festgestellt, dass die Ostroute ja viel schöner ist!

Und schon wieder: Immer diese Entscheidungen!

Immerhin mit Entscheidungshilfe (siehe kleines Schild).

Aussicht auf den Herzogstand.

Ziehen Sie vom linken Dackelohr aus eine gerade Linie nach oben – und Sie landen direkt auf dem 2.100m hohen Berg, auf den wir erst morgen hochschnaufen.

Blick ins Vorkarwendel und Karwendel (man kann das schöne Wort gar nicht oft genug schreiben) – leider wird die westliche Karwendelspitze von den Tannen verdeckt.

Manchmal seh ich den Wald vor lauter Bäumen nicht, heute sah ich den Weg vor lauter Laub kaum – eine vierbeinige Vorhut ist da von unschätzbarem Wert.

Wald, Walchensee, Wettersteingebirge.

Die drei Dorfenten auf der Flucht vor dem Dackelfräulein (verwackelt wegen Sauseschritt).