Song des Tages (19).

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping

Das Dackelfräulein lässt sich auf 1.300m die Frühlingsbergluft um die Nase wehen.

Standing in the sunlight laughing
Hide behind a rainbow’s wall,
Slipping and a-sliding
All along the waterfall

With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Ein Prosit der Gemütlichkeit!

Patrona Bavariae oder: Ein Abendtermin in Singapur.

Die Pforte zum künftigen Zuhause: Ein gelungener Mix aus Sackkarrenverbot und Kakadueleganz.

Beim abendlichen Vermessungstermin in der neuen Wohnung öffnet uns Louis, der derzeitige Untermieter der Vormieter, die das Feld bereits physisch geräumt haben (Trennung – keiner will dann mehr dort sein), freundlich die Tür und bittet uns hinein.
Ein Pimpf im Superman-Schlafanzug (einer der drei Kleinen von Louis) springt uns die nächste halbe Stunde permanent zwischen Zollstock und Maßband herum und quietscht jedesmal vor Begeisterung, wenn der Gatte die Rückholtaste des 4m-Maßbandes betätigt und das Metallband zurück in sein Gehäuse schnalzt. In der Küche werkeln die beiden (?) Frauen von Louis, es riecht nach asiatischem Klebreis und intensiven Gewürzen, eine der Frauen steht im Micky-Maus-Jumpsuit am Herd, die andere hilft den Kindern bei der Nahrungsaufnahme.

Wir befinden uns mitten im Abendtrubel einer singapurischen Familie und müssen bei all dem Krach und dem Versuch, uns aufs exakte Vermessen der Räume zu konzentrieren, auch noch Englisch sprechen. Müssen mit Vokabeln hantieren, die man auf Reisen und Tagungen nicht braucht, uns also komplett fremd sind (Maßstab, Nische, Kammer, Einbauschrank, Winkel, Mietdauer, Auszug, Malerarbeiten, Dübellöcher, Fußbodenleisten etc.).

Auf dem Fußboden zwischen klebrigen Reiskörnen kniend und mit dem Meterstab in die Ecken robbend lernen wir: In Singapur muss man nichts ausmessen, wenn man umzieht. Ja sowas.
Die Jumpsuit-Frau erklärt uns in einem an indische IT-Callcenter erinnernden Englisch (und einem Affentempo), dass in Singapur alle Wohnungen möbliert vermietet werden, niemand müsse da mit einer Spedition umziehen, sondern man nähme einfach seine paar persönlichen Dinge und zöge um („hm & aha“, denke ich, meinen Blick über die Küchenmöbel schweifen lassend, „so sieht das hier auch aus“, eben nach furniture-to-go & -not-to-use-with-care und justament verspüre ich noch mehr Schmerzen in meinem kaputten Ellenbogengelenk: denn das Küchenmobiliar übernehmen wir ja, vermutlich inkl. Klebreis auf dem Boden und Sesamöl an den Schubladengriffen).

Sie kichert ein bisschen dazu (eigentlich kenne ich fast nur kichernde Asiatinnen, stelle ich mal wieder fest, und bis heute weiß ich nicht, ob das was Genetisches ist oder ein kulturtypisches Verlegenheits- oder Beschwichtigungskichern). Und sie kichert noch mehr, als sie uns, die zwei in ihren Augen mit Sicherheit äußerst seltsamen Deutschen, mit dem Zollstock sogar im Einbauschrank und in der Speisekammer verschwinden sieht. Wenn der Deutsche was misst, dann halt auch gründlich (Grundriss in doppelter Ausfertigung zur Hand, falls man sich verschreibt).

Zum Abschied muss uns Minisuperman die Hand drücken und „Goodbye“ piepsen, Louis wünscht uns „all the best“ und erwähnt höflich, er würde die Wohnung Ende April besenrein an unsere Vormieter zurückgeben. Ich mache mir innerlich sogleich eine Notiz, in der ich schon heute schon gelobe, mich dann sehr zu bemühen, die singapurische Definition von „besenrein“ unter „Kulturstudien/Südostasien“ zu verbuchen.

Der Name „Singapur“ entstammt übrigens dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Löwenstadt“. Was recht gut zur Umgebung rund um die neue Wohnung passt, wie ich finde.

Denn der Dackel, der ja bekanntermaßen in seiner Persönlichkeitsstruktur weder zu Bescheidenheit noch zu Wankelmut neigt und sich daher zu recht dem König der Tierwelt mindestens ebenbürtig fühlt, wie nachfolgendes Video eindrücklich dokumentiert…

… jener Dackel wird hier (in personam des weltschönsten Dackelfräuleins) nämlich künftig seine Freude haben an der neuen Umgebung mit ihren ultrabreiten Grünstreifen (gespickt mit den Boulevardnachrichten der Artgenossen aus dem Quartier, auch hier: deutlich mehr Vielfalt als in Suburbia, da alles geboten wird von der anspruchsvollen Wochenzeitung für den urbanen Hund von Welt bis zur Tagespostille für die Promenadenmischung schlichteren Gemüts), die wir künftig bei der Abendrunde entlangschlendern werden, Richtung Bavaria- und Löwen-Monumentalstatue.

Oder wir überqueren die riesige Freifläche und gehen dem Münchner Wahrzeichen direkt entgegen.

Der ortskundige Leser mag an dieser Stelle stutzen, sich an den Kopf fassen und gleichermaßen verwirrt wie bang fragen: „Ja, sind die deppert? Welcher normale Mensch zieht denn in die Nähe der Theresienwiese? Müssen die jetzt wirklich von einem Extrem ins andere fallen?“

„Wissen Sie“, würde ich entgegnen, „suchen Sie erstmal ein halbes Jahr in dieser Stadt nach einer schönen und bezahlbaren Wohnung, in der auch Ihr Hund ohne Auflagen willkommen ist, Ihnen auf lange Sicht kein Eigenbedarf droht, Grünstreifen vor dem Haus sind und Sie rundum eine Top-Infrastruktur haben. Dann können wir gern weiterreden.“.

Wir gehen da jetzt positiv ran!
So eine riesige Freiflache unweit der eigenen Haustür hat schon was, so mitten in der Stadt. Ein seltenes Raumerleben, Platz fürs Auge, wohltuende Weite.
Die Lichter des Winter-Tollwoods werden wir mögen und das Oldtimer-Treffen wird uns auch nicht stören. Einmal im Jahr noch ein Flohmarkt und die Handwerksmesse, ja mei.
Unsere Urlaubszeiten sind nun dank des Wohnungswechsels für die kommenden Jahre fest geregelt und werden künftig stets den Zeitraum von Mitte September bis Anfang Oktober umfassen (passt eh super, da sind immer Semesterferien) und die Urlaube werden grundsätzlich mit dem Auto stattfinden.
Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten entlasten ja das vom großstädtischen Alltag impulsgestättigte Gehirn (und zudem möchte man sich ja weder auf die Kühlerhaube kotzen lassen noch morgens vor dem Haus in ein Meer aus Scherben und gebrannten Mandeln treten, vom nächtlichen Lärm der Saufbrüder und dem Gedröhne der Fahrgeschäfte mal ganz zu schweigen).
Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Irgendeine Kröte muss man hier in München immer schlucken, wenn man nicht Krösus ist. Und an ca. 350 Tagen im Jahr wird sich die Kröte ja auch weitgehend fernhalten.

Fotos werden wir schießen, viele Fotos, in allen Belichtungen und Stimmungen, zu allen Jahreszeiten, an die bronzene Patronin gelehnt, mit einem oder beiden bayrischen Löwen drauf, dorische Säulen umarmend oder zu den Büsten der Herren Brecht, Fraunhofer und Pschorr aufblickend, die für uns auf die eine oder andere Art bedeutsam waren oder sind (der Haifisch, die Firma, der Himmel der Bayern!).

Und mein Aufatmen wird man deutlich hören können, von dort bis hinüber zur Paulskirche, sofern das Dackelfräulein nicht gerade eine Taube oder einen Skater verbellt.
An Sommerabenden werden wir uns nach unserem Rundgang noch eine Kugel Eis holen, beim Kustermann ums Eck. Stracciatella, Kokos oder Pistazie, im Hochsommer auch mal Zitrone oder Heidelbeer.
In der Waffel versteht sich, denn es ist seit jeher nicht nur Sitte, sondern Gesetz, dass die kleine Hundemadame das Endstück der Waffel zu erhalten hat.

Liebe geht schließlich nicht nur miteinander durch dick und dünn oder täglich Spazieren, sondern Liebe geht immer auch durch den Magen.

Himmel der Bayern (37): Saisonbeginn.

Endlich wieder am Seelenort.

Mit Weißbier, See- und Zugspitzblick, kurzes Durchschnaufen vor der nächsten Etappe der Umzugsorganisation.

Das Dackelfräulein munter im Schilf kruschelnd, die jahrelang eingeübten Grenzen vorbildlich wahrend – nach links hin die große Kastanie, rechts rüber das Bächlein – und immer in Sichtweite.

Manchmal wirklich der weltbravste Hund.

Ablenken.

Zwei Tage bestes Ablenkungsprogramm!

Die Freundin hat nochmal die Nähnadel geschwungen und aus dem Billig-Babyhöschen einen feinen Dackelpyjama für die Nächte nach der OP fabriziert, aus dem sich das Fräulein hoffentlich nicht herauswinden kann.

Probetragen des Dackelhinterbein-OP-Schutzes…

…mit justierbaren Hosenträgern. Passt!

„Nettes Gewand für nur 8€“, denkt sich der Mensch.
„Was soll jetzt dieser Unsinn?“, fragt sich der Hund (macht aber für ein paar Stückerl Kärntner Bergkäse alles brav mit).

Das beim Medizinischen Fachhandel für malade Haustiere bestellte Teil für 18€ hat hinten und vorne nicht gepasst und ist schon wieder auf dem Weg retour. Es geht einfach nix über ordentliche Handarbeit & Maßanfertigungen.

Gestern dann, pünktlich zum Frühlingsbeginn im schönen Oberbayern, ganztags in die Berge zum Durchlüften.

Die Tannen auf 1.000 Metern Höhe verschneiter als an Weihnachten…

… und nach den zapfigen Stunden im Freien mit der Graseck-Gondel wieder hinab ins Tal.

„Die Phantasie ist ein ewiger Frühling.“ (Friedrich Schiller)

Viel Liebe, Freundschaft und Zuspruch von außen (ganz herzlichen Dank dafür!).

Zur Frühstücksbreze heute die erfreuliche Botschaft, dass der fesche Kiefer sich im Juni die Ehre gibt (und hoffentlich seinen dämlichen Cowboyhut daheim lässt) und kurz danach noch ein überaus nettes und lustiges Telefonat mit einer niedersächsischen Dame vom Kundenservice der Krankenkasse. Mein Orthopäde hat mir ein Tensgerät verordnet, das sei „so eine Art Vibrator für den Ellenbogen“, also ein „echt cooles Teil“, wie mir die Niedersächsin von der BARMER mit ihrer wunderbaren Sabine-Töpperwien-Stimme erläutert – „da werden Sie schon Spaß mit haben“ (uns beiden rutscht ein kurzes, dreckiges herzhaftes Lachen raus). Na dann!

Summa summarum nehme ich das mal als gutes Omen, hoffe auf ein paar Stunden Schlaf heute Nacht und einen reibungslosen Ablauf des für morgen Anstehenden.

Himmel der Bayern (36): Along the east bank.

Starnberger See, Ostufer. 8. März 2018.

The famous Eastbank (with Trainpeakview).

St. Ludwig bei Berg.

The Kini’s Grave.

Blick von der Votivkapelle auf den See.

Frühlingserwachen im Strandbad.

Seeluft schnuppern!

Nachdenken über den Traumjob.

Ausüben des Traumjobs!

Seehunde unter sich.

Mia san mia – aber wer bin i?

Schwerfällig schäle ich mich morgens aus dem Bett, um den Dreiteiler Morgengassi-Dusche-Frühstück zu bewältigen.

„Du kannst! So wolle nur!“
Der innere Schweinehund schlägt mit der Faust auf den Tisch und schubst mich wenig später erneut nach draußen.

Ein beinahe laues Frühlingslüftchen weht durch die Altstadt, fleecedeckenumwickelte Touris schlürfen beim Donisl überteuerten Kaffee und recken ihre puckbebrillten Bleichgesichter in die Münchner Morgensonne.
Das „Mia san mia“-Schaufenster beim Münzinger leuchtet noch in tiefroter Trunkenheit vom gestrigen Sieg und selbst beim Brezenkauf kann man diesem ach so variantenreichen Motto nicht mehr entrinnen.
Mia san einfach ois!

Sind aber auch mit die besten Brezen, wenn Sie mich fragen (vielleicht ja tatsächlich wegen ihrer Handgeflochtenheit?).
Für meinen Geschmack jedenfalls genau die richtige Menge Salz, der passende Bräunungsgrad und die ideale Teigbeschaffenheit im Inneren (was beispielsweise der Pfister wohl niemals hinbekommen wird.)

Nun mögen ja mia zwar mia sein (und die Brezen haben’s gut, die san sogar glei Munich!), aber wer zum Teufel bin eigentlich ich?

Habe heute die Kunsthalle besucht, nicht nur um der Verblödung Vereinseitigung durch die drei großen H’s vorzubeugen (Hund, Hatschen, Haushalt), sondern weil eines der großen Themen meiner Spätadoleszenz seit letzter Woche dort aufmarschiert ist. Der Faust. Hat mich damals fast zwei Jahre beschäftigt, bevor ich mich in die Lehr- und Wanderjahre begab.

„Man sehnt sich nach des Lebens Bächen
Ach! Nach des Lebens Quelle hin.“

Montags sprudeln die Quellen der Kunst dort zum halben Preis, und ist man zeitig dort, also bevor all die anderen Rentner/Erwerbsarbeitslosen/Selbständigen/Müßiggänger/Zeithabenden dort aufkreuzen, kann man das Ganze in relativer Ruhe durchwandern.

„Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit, ins Rollen der Begebenheit!“ (Buch-Raum).

„Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen.“ (Buch-Raum)

„Du entschuldige, i kenn‘ di doch ned“ (Überraschungen gab’s auch!)

„Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.“ (Mephisto-Raum)

Der Hochgenuss schließlich auf einer ledernen Bank in Raummitte:
Ganz allein mit der Video-Installation, privatissime mit dem Brandauer, eine der Lieblingsstimmen meines Lebens, der ich einst Hunderte von Kilometern nachreiste, allein des Klanges wegen.

Da könnte man locker einen Vormittag einfach so versitzen, würden einen nicht andere Pflichten daran hindern!

„Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“

Auch toll: die Gretchen-Räume.

Vor allem die Postkartenwand. Ist wohl mal ein richtiger Hype unter Liebenden gewesen, sich die zuzuschicken, gern versehen mit Geheimbotschaften. Heute schickt man eher ein paar vieldeutige Emojis und Akronyme hin und her oder Selfies in Sepia (damit’s nicht gar so fleischlich wirkt).

„Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen.“ (Gretchen-Raum)

„Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.“ (Gretchen-Raum)

„Er liebt mich. Liebt mich nicht. Liebt mich.“ (Gretchen-Flur)

Zum Schluss dann eine Prise Selbstreferentialität.
Tritt man nach allen Stationen und Rezeptionen der Tragödie nämlich wieder hinaus ins Licht der Flure, stellt einem die Ausstellung selbst eine Art Gretchenfrage:

„Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen.“ (Am Ausgang)

Der zauselige Mann vor mir rollte sich ohne zu zögern beeindruckende zwei Meter gelbe Fäuste ab, die Ex-Oberstudienrätin an seiner Seite pappte sich kieksend ein rotes Herzerl ans Revers ihres grünen Lodenmantels.

Ich war unentschlossen und hab‘ mir dann mal 13 Stück gemischt mitgenommen, mit leichter Tendenz zu lila.

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen.“ (Technische Spielerei neben dem Café in der Kunsthalle).

Mein Tipp: Planen Sie am Schluss noch mindestens ein Viertelstündchen extra ein für das Fotoshooting. Allein die Menüführung und die Anweiseungen/Fragen auf dem Display machen Spaß:
„Einzelfoto?“/“Gruppenfoto?“
„Stellen Sie sich auf die Markierung!“ (Obacht: es wird von 7 runtergezählt, dann ausgelöst!)
„Schön?“ – „Ja!“/“Nein, wiederholen!“
„Dürfen wir dein Foto auf unsere Facebookseite stellen?“ – „Ja“/“Nein“
„Sollen wir dir dein Foto per Email senden?“ – „Ja“/“Nein“ (Bei „Ja“: großartige Riesentastatur folgt!)

Empfehlenswerte Sache, die Ausstellung.
Gerade zu Wochenbeginn und wenn man mit dem inneren Schwung noch ringt.

[Beinahe alle Zitate aus Goethes Faust. Wer tatsächlich die genaue Versnummer wissen will, der frage nach oder google.]

Himmel der Bayern (35): Denkmäler.

Denen, die man liebt, schon zu Lebzeiten ein kleines Denkmal zu setzen…

…ich wünschte, das würde mir öfter gelingen!

Nähere Informationen und Bildmaterial zu den Denkmälern sowie zu dem in allen Jahreszeiten (er)lebenswerten Tegernseer Tal finden Sie ab heute im gut sortierten Zeitschriftenhandel in der neuen Ausgabe von Dog & Travel.

Mit Liebe für meinen Papa & meine Pippa…

…mit herzlicher Empfehlung für alle anderen, die’s interessiert oder nach Oberbayern zieht…

…und nicht zuletzt mit großem Dank an den Gatten für seine Unterstützung, immerzu und bei allem, woran ich herumwürge!

 

Bright spots.

Schöne Aussichten tun sich auf und verschwinden ebenso plötzlich.
Gefrieren in weißgrauer Kälte über Nacht zur Erinnerung.
Oder nehmen – gerade noch im Fluss und voller Dynamik – während ihres langsamen Zerrinnens die Gestalt eines Eiszapfens an.

So warten wir aufs Frühjahr, wenn es wieder zu tauen und zu fließen beginnt, wenn Temperatur und Licht den Widerfahrnissen einen anderen Anstrich geben.

Ein jahreszeitlich passendes Zitat aus dem ZEIT-Magazin fällt mir da ein:

*****

Immerhin doch drei gute Gefühle/Zustände in dieser Woche:
1. die Heimfahrt mit Musik
2. ins Wasser eintauchen und schwimmen
3. die warme Mahlzeit samt kühlem Hopfengetränk

[Höre plötzlich die längst verblichene Mutter, wie sie zu sagen pflegte: „Hopfen ist gut für die Nerven, heiße Milch mit Honig ist gut für den Schlaf, Lindenblütentee ist gut gegen Erkältung“ – nur Ersteres konnte ich ohne Würgereiz an- und übernehmen.]

*****

Heimat, das ist dort, wo sich der Anblick eines am Straßenrand vorbeihuschenden Landkreis-Schildes (durch Witterung und abblätternde Farbes so verblichen wirkend) anfühlt wie ein warmes, beruhigendes Streicheln über deine müden, geröteten Wangen.

Du passierst diese unsichtbare Grenze, durchbrichst die äußerste Schicht deiner Zwiebel, spürst sofort den Trost im Schoße dieser Landschaft, die schon immer dein Zuhause war und es immer sein wird, denn mein Radius ist überschaubar – nicht jeder ist dafür gemacht, „in der Welt zuhause zu sein“.

Tränen schießen dir in die Augen und verschleiern deinen Blick auf die winterliche Straße (mehr als es deine abgewetzten Wischerblätter erlauben).

Was für ein guter Moment – trotz allem anderen, was gerade ist oder nicht ist oder viel zu vage ist.

Noch 30km bis nachhause, du wechselst die CD, hörst zum vielleicht 100. Mal in den letzten Wochen diesen Song, von dem du die Finger ebenso wenig lassen kannst wie von warmem Toast mit Nutella als Seelenpflaster in trüben Phasen, weil sich die Lyrics so schön mitsprechen lassen, ein bisschen monoton, einem kindlichen Auszählreim gleich (und noch verstärkt durch den simplen Takt): „you were the only one I ever had, the only bright spot in a life that went bad“.
Vor allem fühlt sich das so weich an, auf der Zunge und den Lippen (sprechen Sie’s mal nach, am besten mehrfach), eben wie samtweiches Nutella am Gaumen (das oder die Nutella? Wurscht.).

Und ein paar Strophen später dann „when they flip the switch I hope all I can see“ und wie sich’s zu dem schlichten, anrührenden Jahrmarktmusikgeplätscher auflöst in „is you in my arms dancing with me“
So weich, das alles, obwohl hier ein Todgeweihter seine letzten Verse von sich gibt.

Werde das vielleicht noch 100x mitsprechen müssen, bis ich mit dem Lied und dem Gefühl, das es erzeugt oder an dem es sich abarbeitet (denn wer weiß das schon, was zuerst da war), fertig bin und es zum normalen Repertoire der SD-Speicherkarte „Automusik“ gehören wird.

Vielleicht komme ich auch nie über diese Zeilen hinweg, so dass „baby, tie your hair back in a long white bow, meet me in the fields out behind the dynamo“, „I got this guitar and I learned how to nake it talk“, „and if you say hide, we’ll hide“ und „with charcoal eyes and Monroe hips she went and took that California trip“ (und an was man halt sonst noch so hängengeblieben ist nach fast 4 Jahrzehnten Hinhören & Rückenschauern) weitere Gesellschaft bekommen.

Ach, diese Zeilen aus Songtexten, die wegen ihrer Betonung oder ihres Rhythmus ein Leben lang so zuverlässig eine Gänsehaut bescheren, wie es früher, in den Studienjahren, stets der Anblick des Olympiaturms vor der föhnigen Alpenkulisse vermochte – an dieser einen Stelle auf der A9, von Würzburg nach München heimfahrend, um das Wochenende oder die Semesterferien beim Papa oder in dem kleinen Haus am Moorsee zu verbringen (wo manche der geliebten Tiere unter Begleitung der passenden Musik zu ihrer letzten Ruhe gebettet wurden).

*****

War nicht so meine Woche.
Insgesamt auch nicht mein Monat.
Aber zur Prognose oder Gesamtsumme sollte man’s jetzt auch nicht aufbauschen (erst recht nicht zur Bilanz), das lehrt die Lebenserfahrung.
Und der Gatte bekräftigt es auch, dass dem so sei.

Darauf vertrauend also weiter.
Vielleicht wirklich mal wieder einen Sprung ins kalte Wasser wagen?
Denn Schwimmen, das kann ich doch?!

Einen möglichst warmen Start ins wohl kälteste Wochenende des Jahres wünscht –
Die Kraulquappe.

Ekstrem Turglede oder: Das Vorstellungsgespräch.

Zum gestrigen Tag der Liebe hatte ich mit dem Dackelfräulein vereinbart, dass wir uns diesmal keine Rosen/Knochen schenken, sondern stattdessen lieber was Gscheids für unsere Beziehung tun – etwas, das wir beide lieben.

Also ab in die Berge!
(Merke: Wähle einen Ort, an dem genug Ski-Firlefanz für die Faschingsleichen und Feriengäste angeboten wird und wähle dann den Berg gegenüber, an dem nix los ist.)

Lenggries!

Natürlich nicht das Gebiet rund ums Brauneck, sondern eben die andere Seite.
(Merke: Brich ruhig spät in München auf, dann kommen die paar Tourengeher schon wieder vom Berg runter, wenn du grad aufm Parkplatz eintriffst.)

Wenn es mich jemals aufs Land verschlägt, dann wohl hierher, in dieses Tal.

So sehr ich das Tegernseer Tal auch mag – in erster Linie mag ich es, weil der Papa dort lebt. Ein paar nette Berge dort, prima Loipen auch, schöne Ufer zum Baden, aber letztlich ist es mir dort zu eng (die Berge enden ja quasi im See) und in den Orten zu bonzig (Pelzmantelpublikum, teure Geschäfte, noble Lokale).

Biege ich hingegen von Tölz auf die Bundesstraße nach Lenggries ab, geht mir einfach – beim Gucken! – das Herz auf. Die Rückseite der Benediktenwand lugt hinterm Brauneck hervor, neben der Straße plätschert die Isar in ihrem breiten Bett dahin und auf den 9 km zwischen Tölz und Lenggries klebt beinahe an jedem Kilometer eine Erinnerung.
Alles dabei: vom Per-Anhalter-Fahren zum Tanzen nach Tölz über den Motorradunfall eines Jugendfreundes über Lagerfeuer auf Isarinseln mit Gitarren, Bierkästen und Küssen bis hin zum Kentern mit dem Kajak, damals, als ich an den freien Tagen meines Sommerferienjobs in der Jugendherberge die Zivildienstleistenden bei ihren Wasserausflügen begleiten durfte.

Dieses unerklärbare Gefühl, wenn ein Ort, eine Gegend, eine Landschaft einfach passt, wenn etwas in einem aufatmet und eine innere Stimme einem den Slogan der kurzen Spots im Bayerischen Fernsehen zuflüstert: „Da bin i dahoam.“ (in dem Fall mehr ein „Da kannt i dahoam sei.“).

Wir starten im Ortsteil Hohenburg bei bestem Bayernwetter und schönstem Schnee …

… und nehmen diesmal nicht den Sulzersteig, der überwiegend im Schatten liegt …

Blick bis ins Vorkarwendel.

… sondern den Grasleitensteig Richtung Seekarkreuz, auf dem der Blick nach vorn genauso schön ist wie der Blick zurück ins Tal, treffen keine Menschenseele …

Blick aufs Brauneck und nach Lenggries.

… und das Einzige, was ein bisserl beschwert, ist der spürbare Verlust der Kondition durch den Virus, so dass ich gar nicht anders kann, als die eine oder andere zusätzliche (Foto-)Pause einzulegen, damit wir die 650 Höhenmeter bis zur Hütte ohne Kreislaufkollaps schaffen (naja, das „wir“ ist gelogen, denn das Hündchen hat keine Schwierigkeiten und schaut dauernd von drei Serpentinen über mir hinab, wo ich denn nur bleibe) und auch die Marterl am Berg drosseln eher das Tempo, als Flügel zu verleihen …

… aber irgendwann guckt sie endlich hinter den Schneemassen hervor, die Hütte, das Ziel!

Wir richten uns ein: Die Matte fürs Dackelfräulein wird ausgebreitet, ich geh‘ mich – klitschnass geschwitzt! – erstmal Umziehen, dann wird das DAV-Mitglieder-Essen bestellt, ein Hohentanner dazu und erstmal gradaus geschaut, geruht und gegessen.

Ein Blick über die Schulter hinüber zum Seekar (Gipfelkreuz links neben der mittigen Tanne) – nein, das wird heut‘ nix mehr, das pack‘ ma nicht (zumindest ich nicht)!

Und dann, nach dem Essen, die Hütte leert sich schon, der Wirt hat jetzt etwas Zeit, da gebe ich mir einen Ruck, gehe zum Tresen und sprech‘ den Aushang im Hüttenflur an: „Mitarbeiter gesucht“.
Immer schon wollte ich das ja mal machen, seit der Jugendzeit, aber immer sprach ‚was dagegen: der Papa, die Lebensphase, das Studium, der Job, der Partner, die Karriere, das Geld, die Gesundheit, der Zeitmangel, die Umstände.
Nun, da manche dieser „Hindernisse“ sich in Luft aufgelöst haben (der Job, die Karriere, das Geld, der Zeitmangel), ist da plötzlich diese Freiheit, einfach mal nachzufragen.

Der Wirt gibt ein Getränk aus und setzt sich zu mir. Wir bereden das. Ob, wie, wann, warum.
Es ist das entspannteste Vorstellungsgespräch meines Lebens: mit verklebten Haaren, rotgefrorener Nase, Pippa zu meinen Füßen, Bergstiefel offen, Bier in der Hand sitze ich da und fühl‘ mich prima. Kein „Was sind Ihre Stärken und Schwächen“-Schwachsinn, sondern die Ansage „Es sollt‘ scho oana sei, der wo si do herobn auskennt, falls mal a Gast frogt, wie die Berg‘ do heißn oder wo’s obi geht“.
Letzte Saison hat er eine gehabt, die „ned mal an Scharfreiter oder die Zugspitz kennt hod“, also das geht gar nicht! Zupacken können sollte man auch, und dann strahlt er, als ich von den Lenggrieser Sommern erzähle, von der Großküche (und dem anderen Gewurschtel) unten in der Jugendherberge und von all den Touren hier in der Gegend.

Zwischendrin kommt Hüttenhündin Tessa angeschwänzelt und will gekrault werden, wir reden über die Hunde, wie alt und woher und welche Macken, beide heißen sie „Mäuschen“, was eigentlich nicht sein kann, denn die Entlebucherin ist eine recht Stämmige („vom Nibelungenblut“) und das Dackelfräulein im Vergleich ja so zart (und nur eine „vom Schwindauer Land“).

Ein paar späte Skitourengeher betreten die Stube und wir unterbrechen unser Gespräch, der Wirt muss rüber zum Tresen und in die Küche. Während er den Eintopf für die Neuankömmlinge erhitzt, schaut er aus einer Luke neben dem Kachelofen nochmal rüber in den Gastraum und ruft mir zu: „Hosd an Dudn?“
„Äh, ja, daheim hab‘ ich einen Duden.“
„Also dann kannst ein Wort da drin gleich streichen: „Hüttenromantik“. Des gibt’s da herobn ned!“.
Er grinst breit, ich nicke zustimmend, proste ihm mit dem Noagerl zu und wir verabschieden uns bis demnächst oder bis zum Saisonbeginn – dann probier’n wir das vielleicht tatsächlich mitanand, so tageweise zwischen meinen Schreibarbeiten und einfach mal für eine Saison, da herobn.

Aschermittwoch 2018: Ekstrem Turglede (= außergewöhnliches Tourenglück)!

Ganz neue Aussichten jedenfalls!

Himmel der Bayern (34): Queen of the mountain.

Nach 4 Wochen Bergpause, 1 Läufigkeit, 1 verschluckten Knochen und 1 elenden Norovirus geht’s nun endlich wieder aufwärts!