Wollwurst statt Weißwurst! Eine Kampagne gegen die Kälte.

What a worst! – wie Helge Schneider es einst so treffend formulierte.

Zur Weißwurstfrühstückszeit spazieren wir gestern nach Weißach in die Hundebutike den Haustierhandel. Die Besitzerin erinnert sich sofort an mich und holt unter der Ladentheke die drei zurückgelegten Mäntel hervor und geleitet Pippa zum „Anprobier-Podest“. Ungünstigerweise ist das nur durch einen Flur zu erreichen, in dem auf Hundenasenhöhe (sagen wir mal: der eines Beagles, was aber auch einen Dackel nicht abhält, diese Höhe durch Halsrecken zu erreichen) ca. 10 riesige, offene Kartons mit allerlei Leckereien stehen, Sie wissen schon, diese Kisten, aus denen man sich seinen Mischun selbst zusammenstellen kann, jedenfalls eine saublöde Idee, so einen Verlockungsparcours zu errichten, weil der daran vorbeigeführte Hund natürlich gleich noch unwilliger ist, sich anschließend, immer noch in Riechweite der Tröge!, auf ein kleines, gepolstertes Podest hieven zu lassen, um dort diverse Klamotten über den Kopf gezogen zu bekommen.

Pippa zappelt also ordentlich herum, während die Verkäuferin langsam ins Schwitzen gerät, bei dem Versuch, den Lodenmantel an der wackelnden Wurst zu justieren.
Der Mantel sieht gut aus, ist auch von bester Qualität, aber preislich eher was für die Sorte Hundehalter, die hier in Villen haust und deren Hunde wahrscheinlich ganzjährig frieren, weil sie meist nur an der Seepromenade ausgeführt werden.
Das zweite Modell (innen Wolle, außen Kunststoff, dazwischen Goretex) scheidet am lebenden Subjekt sofort aus, es ist zu starr und sperrig, das Fräulein hätte darin nicht genug Bewegungsfreiheit.
Der dritte (und letzte) Versuch ist ein Exemplar von Hunter (nomen hoffentlich non est omen) und passt beinahe wie angegossen. Beinahe, weil der Pulli hinten, zur Rute hin, ein kleines Stück länger sein dürfte, aber die größere Größe schlabbert dann um den Körper herum zu sehr, was ja nicht Sinn der Sache wäre. „Eine sehr schlanke Lady haben Sie da„, kommentiert die Verkäuferin die sich im Wollpullover windende Pippa. „Ja“ , sage ich, „und jetzt habe ich eine kleine Wollwurst!“

Wir nehmen die kleinere Größe; die Farbwahl ist dann denkbar einfach, da es das Teil nur in nutshell oder lambwhite gibt (wer, so frage ich mich, kauft seinem Hund cremeweiße Klamotten? vermutlich auch die Seepromenadenfraktion…). Da so ein wollener Pullover natürlich nichts für eiskalte oder nasse Tage ist, wird zusätzlich noch eine Maßanfertigung für einen wasserdichten Zweitmantel bestellt, aber für trockene, kalte Tage scheint mir der Wollpulli eine gute Wahl zu sein.

Mit dem Nusschalenjäger im Rucksack verlassen wir den Laden eine halbe Stunde später wieder, natürlich nicht, ohne en passant ein paar Knabbereien aus den Kartons gemopst zu haben. Die Verkäuferin zwinkert dazu, klar doch, genau so funktioniert ja Kundenbindung (über dem Eingang prangt schließlich auch ein Schild mit der Aufschrift: „Hier ist der Hund König„, haha).

Das Fräulein blickt eher wenig königlich drein als ich sie vor dem Einsteigen ins Auto erneut in die Wollpelle stecke, aber was sein muss, muss sein. Nun steht einer kleinen Bergtour als Testlauf nichts mehr im Wege.

Und siehe da, schon nach wenigen Metern auf dem Wanderweg ist klar: die Wollwurst fühlt sich pudelwohl. Kein gekrümmter Rücken mehr, keine Bewegungsunlust, kein unglückliches Geschau, kein erbärmliches Gezitter. Wie wunderbar.

Gönnen wir uns also gleich ein kleines Experiment und gehen erstmals einen Weg, der von der Gemeinde seit Jahren als Sackgasse ausgewiesen ist, in meiner Wanderkarte aber als alter Jägersteig markiert ist. Bin ich nun jahrelang brav dran vorbeigelaufen, diesmal wagen wir es und biegen genau dort ab.

Der alte Jägersteig erweist sich als einsamer Pfad durch schönsten Bergwald, im bunten Laub rascheln wir serpentinenweise aufwärts und genießen die klare Luft und die schönen Ausblicke hinüber zum Wallberg.

Waldi (watching Wallberg).

Nach einer Stunde verliert sich der Pfad allmählich bzw. wird von einem Teppich aus Buchenblätter-Schnee-Mix verdeckt.
Ich muss mich nun ganz aufs Dackelfräulein verlassen, die vor mir herläuft, immer mit der Nase am Boden, und den Weg zu wissen scheint (in 99% der Fälle irrt sie auch nicht). Hoffen wir’s einfach mal, dass sie der Spur der Jägersohle folgt!

Keine Markierungen, nirgends, nur die Hundenase, die den Weg findet.

Die kleine Pfadfinderin macht ihre Sache ausgezeichnet – irgendwann gelangen wir aus dem Wald hinaus und im Schnee, auf der freiliegenden Kuppe kurz vor dem Gipfelanstieg zur Baumgartenschneid, ist der Weg auch für Menschen wieder einwandfrei zu erkennen.

Die Wollwurstpelle kann jetzt abgelegt werden, denn ohne tobt es sich besser durch den Schnee, und außerdem hat sich die Hundedame längst warmgelaufen.

Auf den letzten Metern hinauf zur Baumgartenschneid staune ich nicht schlecht über die Fernsicht, die sich von dort oben bietet.
Aus einer albernen Alpinistenarroganz heraus gehörte sie bislang zu den Bergtouren, die ich stets ausgelassen habe, wenn ich in der Tegernseer Region unterwegs war, denn drumherum stehen etliche prominentere und (vermeintlich) spektakulärere Berge, die ich vorzog.

Dabei entpuppt es sich oft als spektakulärer, auch mal den Kandidaten in der zweiten Reihe eine Chance zu geben (worauf manch einer ja auch in Sachen Partnerwahl schwört, wie man immer wieder hört), erst recht seit Beginn dieser Pandemie, denn dort ist weniger bis gar nichts los (ob das auch für Wochenenden so gilt, vermag ich nicht einzuschätzen, weil wir da prinzipiell nicht mehr ausfliegen) und das Gesamterlebnis daher umso nachhaltiger.

Beim Abstieg lassen wir den alten Jägersteig links liegen und laufen Richtung Riederstein, wo wir bei der winzigen Bergkapelle noch kurz den Blick ins Tal mitnehmen, nur kurz, weil Pippa diesen Ort nicht leiden kann, jenseits des Geländers geht’s nämlich dermaßen steil hinab und so beschloss sie schon vor Jahren, sich dort nur noch für ein paar Sekunden aufzuhalten, erst recht, wenn die kleine Loge bereits von einem Kollegen belegt ist, der durch treuherziges Gucken auch noch zwei Hundekekse abstaubt.

Noch eine Viertelstunde den Kreuzweg runter und dann gibt’s endlich die wohlverdiente Pause samt Feierabendbier, zwischenzeitlich sind wir gut drei Stunden unterwegs.

Das Dackelfräulein probiert nun meinen Mantel aus, denn trotz Liegeplatz auf der gepolsterten Sitzbank (freilich auf eigener, mitgeschleppter Matte) wird es empfindlich frisch, als die Sonne sich hinter die Tannen zurückzieht.

Nach einem Plausch mit der Wirtin, die alle paar Minuten sorgenvoll auf ihr Handy schaut oder zur vollen Stunde „an Radio oschoid“ , um die Beschlüsse der Regierung, die die Gastronomie betreffen werden, druckfrisch mitzubekommen – sie hatten sich wirtschaftlich gerade ein wenig erholt von den Folgen des ersten Lockdowns -, packen wir zusammen und wandern zum Parkplatz zurück.

Abstieg von der Galaun.

Im Auto angekommen schalte auch ich den Radio ein, nehme zur Kenntnis, was ab Montag alles nicht mehr geht, weil es eben leider, leider anders nicht ging, bin traurig, dass wieder schwimmbadlose Wochen bevorstehen, bin froh um diesen für längere Zeit letzten Bergtag inklusive Bewirtung, um die Sonne, die sich gelegentlich zeigte, um meinen kleinen Hund, der nicht mehr friert und um die Ruhe, die wir hier tanken konnten, bevor es am Donnerstagabend wieder zurück geht in die große Stadt mit ihrer 122er-Inzidenz (ein Wert, neulich noch als katastrophal klassifiziert, mittlerweile längst moderates Mittelfeld).

Vor Sonnenuntergang greift Sisyphos nochmal beherzt zur Harke…

…wohl wissend, dass das letzte Foto nichts weiter sein wird als eine Momentaufnahme von diesem schönen Abend im Tal.

Das Gereche rächt sich noch am selben Abend erneut mit Rückenschmerzen, ich plädiere daher für eine sofortige Umbennung des zugehörigen Gartengeräts in „Rächen“ und verabschiede mich mit dieser profanen Randnotiz in einen kleinen persönlichen Lockdown.

Bis die Tage & bleiben Sie gesund und munter!

Hund haben (12).

Nach 6 Jahren und 5 Tagen innigen und relativ sorglosen Zusammenlebens wird es nun nächsten Donnerstag soweit sein: Das Dackelfräulein muss operiert werden.
Ihre erste Vollnarkose, für anderthalb Stunden…

Drei ominöse, dunkle Flecken am Hinterlauf sind nun doch zu groß geworden, sollten lieber früher als später herausgeschnitten und histologisch unter die Lupe genommen werden.

Neben diversen Sorgen und Ängsten, die so ein bevorstehendes Ereignis schürt, wollen auch praktische Aspekte der Post-OP-Phase bedacht werden. Als die Ärztin in der Tierklinik was von „10 Tagen Trichter“ faselt, wagen der Gatte und ich es kaum, uns anzusehen.

Trichter? Ja, schon klar, damit das Fräulein nicht an der frisch genähten Wunde nagt. Mal abgesehen davon, dass eh fast alle Hunde diesen sperrigen Plastikkragen hassen wie die Pest: wie soll das denn nachts gehen, unter einer gemeinsamen Bettdecke, mit Hund und Trichter? Fragen wir natürlich nicht die Tierärztin, sondern diskutieren das anschließend diskret im Auto.

Meine Freundin Andrea, die ich sofort kontaktierte, gibt mir den Tipp, bei medpets nach einem Hinterbein-OP-Schutz zu schauen. Manchmal muss man ja überhaupt erstmal wissen, wie das Zeug heißt, nach dem man suchen könnte! Haben wir sofort bestellt. Ebenso eine vielgepriesene Trichter-Alternative: Comfy-Collar zum Aufblasen, mit verstellbarem Klettverschluss.

Was es nicht alles gibt!

Offenbar gibt es auch Hunde zum Aufblasen: Siehe Aufkleber auf der Hinterbeinschutz-Tüte.

Für die Nächte brauchen wir aber was großflächiger Abdeckendes ums Bein herum. Und da so ein Dackel ja ähnliche Maße hat wie ein Baby, komme ich mit meinen 45 Jahren glatt noch in den späten Genuss, die Babyklamottenabteilung im Kaufhaus zu durchstöbern. Natürlich mit Spickzettel (alle Maße des Fräuleins gründlich notiert) und Maßband in der Jackentasche.

Eine Verkäuferin eilt herbei, als sie mich mit einem zartrosafarbenen Strampelanzug und dem Maßband herumhantieren sieht.

Sie: „Kann ich Ihnen helfen? Was suchen Sie denn?“
Ich: „Einen Strampelanzug ohne Ärmel, aber mit geschlossenen Beinen.“

Sie: „Ich nehme an, es ist ein Mädchen?!“ (deutet auf das rosa Teil in meinen Händen)
Ich: „Äh, ja. Aber Farbe und Design sind trotzdem völlig egal.“

Sie: „Wie alt ist das Mäuschen denn?“

Tja, an der Stelle muss ich Farbe bekennen und antworte, dass es sich um ein sechsjähriges Rauhaardackelmäuschen handelt.

Da ich an eine professionelle Verkäuferin geraten bin, entsteht keine Sekunde der Peinlichkeit und das Verkaufsgespräch geht nahtlos weiter.
Die Dame legt sich nun richtig ins Zeug: Es käme gar nicht so selten vor, dass sowas für Hunde nachgefragt würde, sagt sie, und lässt sich meinen Notizzettel mit den Maßen zeigen.

Wenig später ist klar, dass wir Größe 92 bräuchten, was die Länge des Stramplers angeht, nur passt dann der Umfang überhaupt nicht mehr (zu viel Stoffgeschlabber). Die Verkäuferin meint, dass es geschickter sei, eine Hose mit offenem Bein zu nehmen, ungefähr in Größe 80, so dass sie etwas besser an der Dackeltaille anläge und der Wunde an der Schenkelinnenseite ausreichend Schutz böte. Zudem würde der Hund nicht im Ganzkörperdress schwitzen oder sich zu eingeengt fühlen. Die offenen Beinenden müssten natürlich zugenäht werden, damit Pippa die Schnauze nicht durch diese Öffnung zwängt, um an der Wunde herumzubeißen. Und ein Loch fürs Schwänzchen muss noch hineingeschnitten werden – dann sollte alles passen.

Nach etlichem Herummessen und -suchen breitet die Verkäuferin schließlich 5 Hosen vor mir aus, die alle meiner Vorgabe „möglichst unter 10€“ entsprechen:

  • Die pinke mit glitzernden Prinzessinnenapplikationen lege ich sofort beiseite – der Gatte würde mich erschlagen!
  • Das winterliche Modell aus Nickistoff scheidet auch aus – viel zu warm für nachts unter der Decke.
  • Eine Frotteehose in Ringel-Optik behagt nun mir nicht – erinnert mich an Pyjamas der Grundschulzeit.
  • Am Schluss muss ich wählen zwischen zwei im Grundton grauen Modellen. Das eine mit lustigen Kolibris und Schmetterlingen drauf, das andere mit maritimen Motiven.

Obwohl ich ein großer Vogelfreund bin und die Verkäuferin meint, dass das Bunte für ein Mädchen ja vielleicht „frischer und netter“ wäre, nehme ich die andere Hose. Anker, Boot und Schiffssteuer sind als regelmäßiges Muster aufgedruckt (ich mag eh keine wirren Muster). 7,99€, faire Sache.
Das Teil ist langweilig und beruhigend zugleich. Genau das, was ich für so einen Anlass brauche. Und außerdem steht dem Dackelfräulein das Nautische definitiv näher als das Ornithologische oder Lepidepterologische. Sie ist nunmal ein Wander- und Wasserhund – da kriegste beim besten Willen nicht die Kurve zu Kolibris und anderem Geflatter.

Jetzt üben wir schon mal ein bisschen „Schlafen mit Halskragen“.

Post-OP-Vorübung: Schlafen mit Halskragen (Stofftier als Kinnstütze).