In der Not.

Vorgestern im Ammergebirge.

Der Oktober ist bislang recht golden, fast könnte man meinen, er wolle so gut als möglich Trost dafür spenden, dass Blog-Weggefährten ihre geliebten Hunde verlieren oder man nach Jahren den Ex-Freund im Krankenhaus mit einer Krebs-Diagnose wiedersieht und auch sonst manches nicht so läuft wie man sich das noch im Sommer erhofft hatte.

Also laufe ich. So oft ich kann.
Hoch & runter, vor & zurück, weiter & weiter.

Ganz neuer Tourentipp: Von Oberammergau auf den Pürschling.
Seit Jahren laufe ich immer von Unterammergau auf den Pürschling, dank des Dackelfräuleins Abneigung gegen Forststraßen suche ich nun stets Alternativen mit so vielen Bergsteigen wie möglich. Die neue Route ist viel schöner, etwas länger und fast komplett mountainbikerfrei.

Start: Parkplatz Kolbensattellift in Oberammergau.
Rummel rund um den Event-Kram an der Talstation ignorieren und gleich linkerhand auf den Wanderweg Richtung Kolbensattel/Pürschling einklinken.

Erste Etappe: Kolbenalm (1.040m) mit beachtlich gräuslicher Fassaden-Deko…

… inklusive tiefer Lebensweisheit.

(Ergänzender Hinweis: Bier tut’s auch. Entscheidend ist, dass man ist weder Tod noch tot ist.)

Kurz nach der Kolbenalm links halten und statt der Forststraße den Bergpfad wählen, der sich in Serpentinen bis zum Kolbensattel hinaufschlängelt.
Ohne Rast auf der Kolbensattelhütte (1.270m) und ohne Umweg über Zahn und Sonnenspitz geht’s auf einsamem Waldpfad weiter gen Osten…

…gemeinsam rascheln wir durchs bunte Laub bergan…

…und zumindest ich genieße die Aussicht zum benachbarten Estergebirge…

…und talwärts Richtung Ettal – das Dackelfräulein ist mehr an Ausgrabungen am Wegesrand interessiert.

Nach kurzer Rast auf dem August-Schuster-Haus (1.554m, DAV-Hütte, fast ganzjährig geöffnet), von wo aus sich eine schöne Sicht aufs Graswangtal vor der Kulisse des Wettersteins bietet, geht’s wieder zurück.

Pippa kann mit der Hüttenhündin nicht, ich kann mit den Bellanfällen unter dem kritischen Blick der anderen Gäste nicht – und so ein Weißbier ist nach 2 Stunden Aufstieg ja eh schnell getrunken.

Beim Kolbensattel (auch so eine überflüssige Event-Arena in den Bergen, mehr Spielplatz als Alm!) nochmals kurze Einkehr auf eine heiße Schokolade…

…und auf dem Anstiegsweg hinunter nach Oberammergau…

…wo der Bergausflug endet, wie er immer endet: mit einem gut gefüllten Napf.

An diesem Wochenende schließen die allermeisten Hütten und Almen, die Oktobersonne gibt hingegen nochmal Vollgas, voraussichtlich noch bis Mitte nächster Woche.

Bewegung ist Leben.
Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben (sagte ein Pädagoge).

Es war ein guter Bergsommer und -herbst, es ist ein schönes Saisonende.

Sonnige & bewegte Tage wünscht euch
Die Kraulquappe.

Wuthering heights oder: Bajuwarische Freizeitgestaltung.

Die erste Nacht in der Jachenau war kurz.

Durch das gekippte Fenster hörte man das Rauschen des Baches dermaßen laut und um 2 Uhr kam die vorletzte Stechmücke der Saison hereingesurrt… Natur verzückt nicht immer!

Das Dackelfräulein schläft weiter, während ich um 7:50 Uhr zum Frühstück wanke. Eine unfreundliche Alte in Tracht knurrt mich an, dass es erst ab 8 Uhr Buffet gäbe, bringt mir dann aber gnädigerweise schon ein Kännchen Kaffee. Die 12-köpfige Motorradfahrer-Gang, die den Nebentisch im Beschlag nimmt, verjagt mich bereits um 8:20 Uhr durch ihr Gegröle.

Um 10 Uhr passieren wir die Brücke über den Sylvensteinstausee, einem meiner Lieblingsorte im Tölzer Land. Der Schafreuter winkt uns bereits entgegen (Berg mit flach abfallender Gipfelkante, in Bildmitte hinten).

Vom Parkplatz Kaiserhütte kurz hinter der Tiroler Grenze starten wir den Aufstieg zum Schafreuter.
Der farbenprächtige Bergwald gibt immer wieder den Blick auf den Mahnkopf und die Lalidererwände frei…

…und in der Halbzeitpause, wenn man die Baumgrenze hinter sich gelassen hat, liegt einem beinahe das gesamte Karwendelgebirge zu Füßen.

Was die kitschigen Bergfotos und der kackblaue Himmel allerdings völlig verschleiern: Mangels Schutz des Bergwaldes ist es ab 1.600m ziemlich windig (siehe abhebende Dackelohren im Bild!). Xavier ist im Anmarsch.

Nutzen Sie auch heute wieder das linke Dackelohr: ziehen Sie von dort aus eine Diagonale zur linken oberen Bildecke – unterhalb des letzten Liniendrittels erkennen Sie die Tölzer Hütte!

Kurz vor der Einkehr orientieren wir uns hinsichtlich der weiteren Expeditionsoptionen…

…aber mittlerweile bläst es dermaßen, dass wir uns lieber schnell zur Hütte flüchten. In den klitschnassen Klamotten friert man verdammt schnell, wenn man rumsteht (alles Lüge, dieser Hightech-Atmungsaktiv-Membran-Quatsch, es hilft nur Umziehen).

Trotz der garstigen Orkanböen beharrt die schwäbische (!) Hüttenwirtin darauf, dass Hunde nicht in die Stube hineindürfen und befiehlt mir, Pippa allein (!) auf der Terrasse anzubinden, was natürlich nicht in Frage kommt.

An der Hauswand ist es einigermaßen windgeschützt und die bessere Aussicht hat man sowieso.

Wenig später befehle ich mir, es als ausgleichende Gerechtigkeit, über die kein Wort verloren werden muss, zu betrachten, dass sich die schwäbische Hütten-Xanthippe beim Abkassieren meines kleinen Bergmenüs ganz unschwäbisch, nämlich extrem zu meinen Gunsten, verrechnet.

Während die Spinatknödel wohlig sacken, beschließe ich, den Gipfelaufstieg bleiben zu lassen. Eine weitere Stunde bei Sturmböen von 85km/h und mit einigen ausgesetzten Stellen, zudem noch mit angeleintem Dackeltier (zu viele Gemsen!), und alles wieder retour – das ist mir zu riskant. Und die knapp 1.000Hm bis hierher stecken uns ja auch schon in den Knochen.

Also treten wir ohne Gipfelerlebnis den Abstieg an, dafür mit der erfreulichen Feststellung, dass zum ersten Mal seit langem wirklich keinerlei überflüssiges Glump im Rucksack mitgeschleppt wurde. Sogar die Windbreakerjacke und die Stormlockmütze kommen mal zum Einsatz (nicht zu vergessen: die roten Lindor-Kugeln, die der Lieblingsnachbar einem geschenkt hat als er zur Apfelstreuselkuchenschlacht kam)!

Pünktlich zur 16 Uhr-Fütterung der Madame sind wir wieder am Auto, eine halbe Stunde später schon auf der Sylvensteinbrücke.
Noch ein wehmütiger Blick zurück, denn vermutlich war’s für dieses Jahr der letzte Ausflug dorthin.

Im Dorfladen der Jachenau besorge ich mir einen Kornspitz und ein Wiener Würstchen als Abendimbiss im Sonnenuntergang auf Balkonien.

Das Dackelfräulein fläzt bereits friedlich schnarchend im Körbchen als ich noch schnell runtersause ins Restaurant, um mir ein Weißbier zu holen. So zur Abrundung dieses tollen Tages.

2 Minuten später betrete ich mit dem Bier in der Hand das Zimmer wieder und freue mich auf meine Brotzeit. Zu meinem Erstaunen liegt der Hund nicht mehr im Körbchen, sondern sitzt auf dem Bett, wirkt etwas krumm im Rücken, hält den Kopf gesenkt und guckt elend drein. Dann rülpst sie. Und guckt anschließend noch elender. Und dann schwant es mir!

Ganz genau. Mein Wiener Würstchen ist verschwunden. Heimtückisch gemopst (bzw. gedackelt) und vernichtet, in nur 2 Minuten – und aus dem Tiefschlaf heraus.

Das Papier, in das es eingewickelt war, liegt säuberlich aufgefaltet auf dem Tisch. Sowas hat sie in all den Jahren noch nie gewagt. Man darf wirklich nie denken, dass man einander zu 100% kennen würde und vertrauen könnte, nur weil man schon seit über 5 Jahren so eine innige Beziehung führt!

Während ich den trockenen Kornspitz mit dem Weißbier runterspüle und versuche, den Wurst-Diebstahl irgendwie zu vergessen, kommt mir ein Aushang im Entree des Gasthofs nochmal in den Sinn:

Ich meine, wie ich’s auch drehe und wende – ich check‘ dieses „Angebot“ einfach nicht.

Die Halbe (egal, welche) kostet hier 3,20€, also kosten 10 Halbe 32€ und 11 würden 35,20€ kosten. Wenn ich mir also diesen Pass ausstellen lasse, mir 11 Bier reinschütte und dafür 34€ blechen muss, dann hat mir der Gasthof für diese komatöse Aktion, nach der nicht nur der Bierpass voll ist, sondern vor allem ich, nur schlappe 1,20€ „geschenkt“?!?

Was wird hier beworben und worin besteht das Angebot? Oder spielt dieser knausrige Nachlass nach 11 Halben sowieso keine Rolle mehr? Und was zum Teufel soll der Hinweis auf Silvester und diese Verlosung? Oder hab‘ ich da was übersehen, so wie früher in der Schule? Hängen mir vielleicht immer noch diese 4 Punkte nach, mit denen ich vor einem Vierteljahrhundert das Fach Mathe abgewählt habe? Mit diesen fiesen Textaufgaben kam ich noch nie zurande!

In diesem Sinne:
1.) Niemals zum Bier holen verschwinden, wenn’s um die Wurst geht.
2.) Falls die Wurst bereits verschwunden ist, den Ärger mit 34 Bier runterspülen und über Goldfische und Palmen nachdenken – das lenkt hervorragend ab.

Einen schönen restlichen Abend ohne Sturmschäden und Wurstverlust wünscht
Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (28): Das Sackgassenglück.

Das Gefühl von Sackgasse oder Endstation mag ich im Inneren gar nicht, draußen in der Welt aber umso mehr. An solchen Endpunkten erübrigen sich die Entscheidungen, ob man nun links/rechts/geradeaus/hoch/runter/zurück fahren soll. Es gibt keine Richtungen mehr, es ist einfach mal Schluss – und damit meist auch Ruhe. Allenfalls zu Fuß geht es noch ein Stückerl weiter, manchmal nicht einmal das.

Die schönsten Endstationen, an denen ich mich je aufgehalten habe, waren Altaussee im Salzkammergut (hier endet die Straße im Ort bzw. am See und am Berg) und Hoburgen auf Gotland (hier endet der Weg am Leuchtturm bzw. am Meer). Natürlich muss man nicht ins Ausland fahren, um dieses beglückende Sackgassengefühl zu erleben. Sowas gibt’s auch in heimatlichen Gefilden.

Das Dackelfräulein am Ende (der Jachenau).

Hier in der Region habe ich drei Lieblingsendstationen, an denen sich das perfekte „Am Arsch der Welt“-Feeling erleben lässt: Das Elmauer Hochtal am Fuße der Wettersteinwand, das Almdorf Eng im Karwendelgebirge (na gut, das ist ganz knapp schon nicht mehr Bayern) und die Jachenau, Bayerns kleinste Gemeinde, südlich von Lenggries.

Ersteres ist, wenn man nicht mit einem Millionär verheiratet ist, nur für Tagestouren geeignet, denn die Nobelherbergen Schloss Elmau und Das Kranzbach sind unerschwinglich (Hotels, die ihre Exklusivität hervorheben wollen, erkennt man heutzutage am vorangestellten, gern auch großgeschriebenen Artikel oder an Untertiteln wie Hideaway und dergleichen).

In der Eng gibt es leider nur einen potthässlichen Alpengasthof, ansonsten muss man nach Hinterriß ausweichen, wo es nur einen mittelscheußlichen Gasthof direkt am tosenden Rißbach gibt oder gleich in die Ortschaft Fall am Sylvensteinsee, die immerhin ein passables Outdoorhotel im modernen Jugendherbergsstil bietet – allerdings mit morschen Aufbacksemmeln am Morgen (großspurig beworben als „Ludwig-Ganghofer-Brunch“).

Die Jachenau ist von den drei Supersackgassen die einzige, die touristisch nicht ganz so beliebt ist, obgleich sie ähnlich schön ist: Umgeben von Bergen, in unmittelbarer Nachbarschaft des Walchensees und mit dem rauschenden Jachen als pulsierende Ader des sonnigen Tals, an der die paar kleinen Ortschaften liegen. Man kann in schmucken Bauernhöfen oder einem der urigen Gasthöfe Quartier nehmen, die Halbe kostet noch keine 3,50€ und für ein zierliches Dackelfräulein werden einem nicht unverschämte Aufschläge berechnet, wie sich das die besseren Häuser gern erlauben.

[Randnotiz: Das wär‘ auch nochmal so ein Projekt – ein Hotelführer für Hund&Mensch in Oberbayern. Wo gibt’s die schönsten, hundefreundlichsten und günstigsten Unterkünfte, die, in denen es morgengassitaugliche Wiesenwege in Hotelnähe gibt, am besten noch mit Gassisackerlspender und Mülleimer am Wegesrand, die, in denen Waldi unkompliziert mit zum Frühstück darf, ohne dass der Tussi am Nebentisch das Proseccoglas aus der Hand fällt, die, in denen es frische Brezn gibt und Eier von glücklichen Hühnern sowie kein Hofbräu- oder Spatenbier und mehr als nur Schweinereien auf der Karte.]

Jedenfalls sind das Dackelfräulein und ich heute Morgen spontan in die Jachenau gefahren. Zu Schulzeiten habe ich meine Sommer in Lenggries verbracht, da hab ich die Gegend rundum kennengelernt. Später war ich meist im Winter hier, zum Langlaufen.
Seit N. viel zu früh gestorben ist, war ich überhaupt nicht mehr in der Jachenau, es war seine Lieblingsgegend, vor allem im Winter, weil die Sonne so lang hier ins Tal reinscheint – man kann über 30km Kilometer in der Loipe runterspulen und hat ununterbrochen Sonne im Gesicht.

Für zwei Tage sind wir nun im Sackgassenendstationsparadies. Der Wirt schenkt uns zur Begrüßung nicht nur ein Lächeln, sondern ein Upgrade. Weil er auch einen Dackel hat. Die haben ja gern den Überblick, weiß er. Deshalb nun ein Zimmer mit Balkon und Aussicht aufs Ende der Straße und den „Dorfplatz“. Und mit Flauschteppich zum Schubbern des vom Wandern strapazierten Hunderückens.

Heute Jochberg, morgen Scharfreuter, übermorgen Walchensee – falls das kurze Zwischenhoch noch bis Freitag durchhält.

An dieser Stelle besonders liebe Grüße an D.: nächstes Mal gehen wir gemeinsam von hier aus los, denn nach 25 Jahren Jochbergbegehungen hab‘ ich heute festgestellt, dass die Ostroute ja viel schöner ist!

Und schon wieder: Immer diese Entscheidungen!

Immerhin mit Entscheidungshilfe (siehe kleines Schild).

Aussicht auf den Herzogstand.

Ziehen Sie vom linken Dackelohr aus eine gerade Linie nach oben – und Sie landen direkt auf dem 2.100m hohen Berg, auf den wir erst morgen hochschnaufen.

Blick ins Vorkarwendel und Karwendel (man kann das schöne Wort gar nicht oft genug schreiben) – leider wird die westliche Karwendelspitze von den Tannen verdeckt.

Manchmal seh ich den Wald vor lauter Bäumen nicht, heute sah ich den Weg vor lauter Laub kaum – eine vierbeinige Vorhut ist da von unschätzbarem Wert.

Wald, Walchensee, Wettersteingebirge.

Die drei Dorfenten auf der Flucht vor dem Dackelfräulein (verwackelt wegen Sauseschritt).

And in the morning we’ll make a plan. Zum 23. September 2017.

Zum Frühstück dudelt auf Radio Tirol „Hungry heart“ durchs Restaurant. 😬
Dass Bruce Springsteen heute Geburtstag hat, hätte ich auch so gewusst, das Jersey-girl-Shirt hatte ich natürlich bereits an – das ist Pflicht am 23.09.!

Ein Blick in die „Außerfern“-Wanderkarte…

…und der Plan für den sonnigen Samstag war gefasst: Vom tirolerischen Pflach wollen wir hinauf aufs Säulinghaus – als würdigen Abschluss unserer Frauentage.


Das Dackelfräulein flotter unterwegs als ich, denn steile Pfade sind ganz nach ihrem Geschmack, Forststraßen hingegen öden sie an.

Von dort oben nochmal eine herrliche Aussicht ins Lechtal, auf die Tannheimer Berge (die Große Schlicke, vorgestern im Schnee erklommen, nun wieder abgetaut) und die Allgäuer Alpen…

…sowie genug Zeit, die müden Haxn hochzulegen, derweil den Gösser-Muskel zu trainieren…

…und sich sogar 1x in diesen ansonsten so erfreulich ruhigen Tagen zu etwas Sozialkontakt aufzuschwingen (samstags auf Hütten ist das unvermeidbar).

Auf dem Heimweg dann die Speicherkarte mit dem Gesamt-Œuvre des Typen aus New Jersey auf Zufallswiedergabe gestellt und München mit diesem Ohrwurm erreicht:

(…) and in the morning we’ll make a plan
Well, if you can’t make it
Stay hard, stay hungry, stay alive
If you can
And meet me in a dream of this hard land

In diesem Sinne:
Happy birthday, Bruce, und meinen beiden Berliner Freunden für den morgigen Sonntag einen guten Lauf & langen Atem!

Die Quinntessenz (non curatur, qui curat).

St. Rochus-Kapelle vor Zugspitzkulisse.

Eine Gemse rennt von rechts über den steilen Wandersteig. Der Hund sieht zunächst nichts, hetzt aber Sekunden später mit Spurlaut los, nach links den Hang hinunter. Äste knacken, Geröll löst sich, der Hund ist nicht mehr zu sehen, von weit unten dringen seine Laute noch heiser und dünn den Bergwald hinauf. Ich schreie ihren Namen, dazwischen setze ich die Hundepfeife ein, alles ohne Erfolg. Starr vor Angst stehe ich auf dem Weg und blicke nach unten, Panik steigt in mir hoch, Tränen schießen mir in die Augen – was tun? In dem Moment kommt ein Mountainbiker bergab geprescht, bremst scharf, kommt neben mir zum Stehen und fragt, was los sei. „Mein Hund, da unten, die Gemse…“ stottere ich, den Blick hangabwärts gerichtet, erst dann wende mich ihm zu und erkenne: es ist Peter Quinn. Er spricht mit österreichischem Akzent, was mich nicht weiter überrascht, nur die Sportbrille, die er trägt, irritiert mich ziemlich. Quinn wirft sein Rad an den Wegrand und stürzt sich den Berghang hinab, ruft mir zu, er werde den Hund finden, er verspreche es mir. Äste brechen, Steine rollen, ich plärre ihm hinterher, dass es ein Dackel sei, der schönste und liebste auf der Welt! – aber ich kann Quinn bereits nicht mehr erspähen. Mit zittrigen Knien hebe ich sein Fahrrad hoch, steige auf und lasse mich abwärts rollen. Ich hasse Mountainbiken, weiß aber, dass ich mich beeilen muss, um möglichst schnell die 500m tiefer gelegene Alm zu erreichen, um dort evtl. Hilfe holen zu können. Das Rad rast nur so dahin, spitze Steinchen fliegen mir schmerzhaft um die Beine, ich wage es kaum, zu bremsen, obwohl ich panische Angst vor einem Sturz kopfüber habe. Irgendwann erreiche ich die Alm, sie ist menschenleer, da geschlossen, ich werfe das Mountainbike in die Wiese und renne so schnell ich kann zu dem Wald hinüber, in dem ich Hund und Quinn vermute. Schreie nach meinem Hund, stolpere mehrfach, erreiche endlich den Wald, da kommt mir der Held zerschunden und mit blutigem Oberkörper entgegen, trägt den Dackel in seinen Armen, hat dessen Hinterlauf mit seinem Hemd umwickelt, blutrot sickert es durch den Stoff, aber ich sehe sofort: der Hund lebt! Atemlos und weinend laufe ich auf die beiden zu und umarme sie…

Die frostige Nacht in Biberwier ging damit zuende, dass ich im kuschlig warmen Bett vom fröhlichen Schwänzchentrommeln des Dackelfräuleins aus meinem Peter Quinn-Heldentraum gerissen wurde. Ich träume gottseidank selten so angstvoll und blutig (und leider nie von Quinn).

Es gibt so Träume, die einen den ganzen Tag über verfolgen. Auf der heutigen Tour zur Upsspitze witterte ich überall Gemsen, erschrak bei jedem vorbeikullernden Steinchen und knackenden Geräuschen, die aus dem Wald drangen. Das Gefühl, besonders gut auf den Hund achten zu müssen, war während der gesamten Tour präsent. Ich trug sie über steile Stufen, im Schneefeld zwang ich sie, hinter mir zu laufen, auf dem Gipfel leinte ich sie an.

Und das Ende vom Lied?

Nach knapp 5 Stunden Gehzeit, 1.200 Höhenmetern rauf und wieder runter, rutschte ich eine halbe Stunde vor Erreichen des Parkplatzes auf dem Forstweg aus – und stürzte. Je älter man wird, desto dämlicher fällt man ja. Grad, dass ich mir nicht noch den Teleskopstock ins Kinn gerammt habe.

Und wer war sofort zur Stelle?
Natürlich nicht Peter Quinn, sondern mein kleines, heldenhaftes Dackelmädchen, das sich sofort rührend um mein blutiges Knie kümmerte und auf den letzten zwei Kilometern bis zum Auto nicht mehr von meiner Seite wich.

Derweil der Gatte seinen Vortrag zum Thema „Sorge“ erfolgreich hinter sich gebracht, die Tagung im Ruhrgebiet verlassen und den Zug nach München bestiegen hatte.

Wie doch irgendwie alles mit allem zusammenhängt.

Quartier in Biberwier – im Hintergrund die Upsspitze und der Daniel.

Zugspitzort Ehrwald.

Dackel beim Hundumblick.

Verschnaufpause auf der Tuftlalm.

Bewohner der Tuftlalm bei der Siesta.

Kleiner Hund vor Deutschlands größtem Berg.

Außerfern.

Momentan bin ich für zwei Tage im Außerfern.

Das Außerfern gehört zu den Regionen, deren Namen ich ebenso sehr mag wie Montafon, Napfbergland, Paznauntal, Karwendelgebirge und Hiddensee (ganz zu schweigen von Orten wie Tomelilla, Lummelunda, Wolkenstein, Mittenwald, Helsinki, Kirkkonummi, Himmelreich und Grundlsee).

Die Region hier wirbt mit: „Außerfern – alles außer fern“. Stimmt, sind keine 2 Stunden von München aus. Aber auch ohne diesen Slogan und den Namen, hätt’s mich hierher verschlagen.
Zum einen, weil das Innere mir zu nah war und das Außen zu fern – es zog mich dringend raus aus der Stadt in Richtung Berge.
Zum anderen, weil mir und dem Dackelfräulein das Schicksal gewogen war und die einzige „Hundesuite“ des Alpenvereins ausnahmsweise mal frei war.

Dieses Kleinod auf der Otto-Mayr-Hütte in den Tannheimer Bergen ist quasi die gesamte Saison durchreserviert. Nun hatte jemand abgesagt (in weiser Wetter-Voraussicht), also haben wir sofort zugeschlagen, es soll ja mal ein Beitrag draus werden.

Gestern Aufbruch in München bei 9 Grad und Dauerregen. Beim Passieren der Grenze nach Tirol ist es bereits Schneeregen. Mir wird immer mulmiger. Kurz hinter Reutte am Straßenrand eine Werbetafel: „Servus im Tiroler Wanderherbst“. Österreichischer Humor eben.

Wir parken bei 5 Grad (im Tal, wohlgemerkt) auf dem Wanderparkplatz Bärenfalle. Als ich die Bergstiefel schnüre, hört immerhin der Regen auf, Handschuhe und Mütze sind dennoch unerlässlich. Den wie immer zu schweren Tourenrucksack auf die Schultern gewuchtet. Es geht los.

Die Musauer Alm.

Das Tolle an meiner Dackeldame ist, dass sie a) fast immer gute Laune hat und b) bei jedem Wetter gern rausgeht. Immer vornweg, immer mit aufmunterndem „Wo bleibst du denn?“-Blick auf mich wartend.

Gut, denke ich mir, betrachtest du das Ganze halt als beruflich motivierte Winterwanderung, auch wenn ich mich vor lauter innerem und äußerem Nasskaltgrau wirklich sehr nach etwas Sonne gesehnt hatte. Wenigstens blieb es den gesamten Aufstieg über trocken.

Kurz vor dem Ziel.

Angekommen.

Die Otto-Mayr-Hütte empfängt uns mit spiegelglatter Terrasse (Eis!), Schneeresten (5cm hoch!), einem defekten Außenthermometer (gut so!) und den einzigen paar Wolkenlücken des Tages (ein kurzer Spuk!). In der warmen Gaststube empfängt uns ein miefender Männertrupp (mia san scho drei Dog unterwegs!) und die freundliche Hüttenwirtin (ah, da Dackl is do!).

Draußen zieht es zu. Es gibt Spinatknödel in Parmesanbutter und ein Bier dazu. Draußen fängt es an zu schütten. Zum Dessert gönne ich mir eine heiße Schokolade und eine Münze für 3 Minuten warm Duschen. Draußen schneit es nun.

Das Benno-Helf-Hüttle.

Anschließend führt uns die Wirtin in den Anbau einer Nebenhütte – dort befindet sich die „Hundesuite“.

Die Hundesuite.

Das Benno-Helf-Hüttle ist leider nicht beheizt.
Mitten in der Nacht, als ich unter vier Decken und mit Mütze und Schal im Schlafsack immer noch leicht bibbere, muss ich es in Bello-Hilf-Hüttle umtaufen. Entgegen aller Hüttenvorschriften hole ich mir meine 1 Meter lange, fellummantelte Heizwurst ins Bett – sofort geht es uns beiden besser, warm wird es dann auch endlich und sogar ein paar Stündchen Schlaf (vielleicht auch nur Schockfrostung?) sind drin.

Die Entschädigung für diese etwas spezielle Nacht kommt mit dem Aufwachen – einen Moment lang halte ich den Ausblick aus dem Fenster für eine Fata Morgana.

Blick vom Benno-Helf-Hüttle hinüber zur Füssener Hütte.

Nach dem Frühstück geht’s ohne jegliches Gepäck hinauf auf die Große Schlicke. Die letzten 200 Höhenmeter durch den Schnee. Aber in der Sonne!

Wieder bei der Otto-Mayr-Hütte angekommen, nochmal eine kleine Stärkung für jede von uns…

…bevor wir uns von der hundefreundlichen Berg-Unterkunft verabschieden müssen.

Servus, Hundesuite!

Durch zauberhafte Morgennebelschwaden wandern wir auf menschenleeren Wegen wieder talwärts.

Fazit:

  • Man darf sich einfach nicht so oft vom Wetter abschrecken lassen und der Zimperlichkeit nachgeben.
  • Ab September künftig den Iso-Schlafsack mitnehmen, für Pippa nach einem Dackelschlafsack suchen.
  • Tee bei 5 Grad Außentemperatur in einer Thermoskanne mitnehmen, nicht in Aluflaschen.
  • Sonnencreme einpacken, auch wenn es bei der Abreise noch regnet.

Morgen noch den östlichen Teil vom Außerfern bewandern und belichten: Von Lermoss über die Tuftlalm und – sofern Füße und Pfoten uns so weit tragen wollen – hoch auf die Upsspitze – allein der Namen wegen!

Aus Biberwier grüßt –
Die Kraulquappe.

Evidenzerlebnis.

Nach 15 Jahren war ich gestern endlich wieder am Plansee, nur einen Steinschlagwurf hinter dem oberbayrischen Ammerwald gelegen, grad so in Tirol.

Was für eine Traumgegend, ich kam aus dem „Aha“- und „Öha“-Sagen bzw. -Fühlen gar nicht mehr heraus.

Erst einmal hatte ich diesen herrlichen Bergsee gesehen, mit 30 und als Sozia auf einer Oldtimer-BMW unterwegs. Leider war es nur ein kurzes Päuschen, das mir am Plansee vergönnt war: In sengender Mittagshitze gab’s ein Eis und einen Kaffee, der Schweiß lief einem in den dicken Motorradklamotten hinunter, trotz geöffneter Reißverschlüsse, aber man fand sich richtig cool bei so einem Wochenendausritt über Alpenpässe und Bergstraßen.

Damals schwor ich mir: Hier kommst du mal unverschwitzt her – und mit Zeit im Gepäck. Und wochentags.

Selbstverständlich hatte ich gestern meine kleine, treue Sozia dabei…

…die der Panoramarundweg genauso begeisterte wie mich.

Auf 18 Kilometern führt der mal schmalere, mal breitere Wanderweg durch abwechslungsreiche Vegetation: Bewaldete Hanglagen, urwaldartige Uferzonen oder in hügeligem Auf und Ab am Fuße sonniger Schotterkare entlang, fast immer mit Seeblick oder direkt am See.

Überall hübsche Badebuchten, Bänke und Spielgelegenheiten – der Tag verging wie im Flug!

Nur die Verpflegungsmöglichkeiten unterwegs sind leider eher Touristenabzocke, aber mit eigenem Proviant im Rucksack waren wir weitgehend unabhängig und am Schluss erhielt ich sogar noch einen guten Einkehrtipp.
Das Dackelfräulein hatte nämlich gegen Ende der langen Tour und trotz diverser Sonderexkursionen, Holzarbeiten und Tauchgänge noch immer genug Energie, um mit dem Luis zu flirten.

Der junge, fesche und knackige Tiroler Bursche war der Jagdhund des Försters, also ging man ein Stück gemeinsam und unterhielt sich ein wenig…

…und so landeten wir schließlich noch (ohne Luis und den Förster) auf ein Bier in einer netten Alm.

Noch anderthalb Stunden einfach dagegessen, geradeaus geguckt, die Muster der Abendsonne auf dem See bestaunt, ein bisserl nachgedacht, ein paar Notizen gemacht für den nächsten Hundemagazin-Beitrag (Arbeitstitel: Mit dem Zamperl durch die Zugspitzregion.) und sehr zufrieden gewesen mit dem Ort, dem Tag und dass das alles stattgefunden hatte.

[Aus: Der große Polt. Ein Konversationslexikon.]

Ein wohltuendes Wochenende – garniert mit dem einen oder anderen „Öha“ – wünscht Euch
Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (27): Auf einen Hupf zum Schlawinerschlupf.

Gestern hieß es den inneren Schweinehund überwinden, den echten Hund ins Auto packen und trotz Nieselregen in die Berge fahren. Kann ja nicht immer die Sonne scheinen.

Vom Wanderparkplatz bei Schloss Linderhof ging es los Richtung Brunnenkopf…

…an tosenden Wasserfällen entlang und durch die königlichen Jagdgründe hinauf…

…zu den Brunnenkopfhäusern, mit herrlichem Blick hinab ins Graswangtal (das ich überwiegend des Winters zu Langlaufzwecken aufsuche, ein Jammer)…

…und einer dank des schlechten Wetters menschenleeren Terrasse.

Bei der kleinen, urigen Alpenvereinshütte handelt es sich um einen Stützpunkt, der Mensch und Hund gleichermaßen gerecht wird…

…denn hinter der Hütte gibt es eigens einen Schlawinerschlupf…

…zwar falsch geschrieben, aber immerhin ohne zusätzlich falsches Apostroph (das ja bei solchen Gelegenheiten selten fehlt: „Schlawiener’s Schlupf“)…

… wobei es den Schlawiner nicht lange im Schlupf hielt, bei der für Dackelnasen so interessanten Nachbarschaft!

Nach heißer Schokolade und Apfelkuchen (der Herbst ist definitiv da!) war der Gipfelsprint dann auch noch drin…

…auf dem Rückweg dann nochmal kurzer Hütten- und Trinkstop…

…und anschließend wieder recht flott hinuntergehüpft ins Tal (der kleine Hund, so fit!).

Unten dann, beim Schuhwechsel, die Frage gewälzt, wann man eigentlich zum letzten Mal das Gelände von Schloss Linderhof betreten haben könnte: Bei den Langlauftouren gibt’s hier immer einen heißen Kakao im Schlosscafé, aber das zählt nicht, also vermutlich zu Schulzeiten oder mit dem Herrn Papa, von dem man seinerzeit halb beruflich, halb pädagogisch bedingt durch Oberbayern geschleift wurde.

Daher spontan ein kleiner Streifzug, wenigstens durch den königlichen Schlosspark, was nach 4 Stunden Bergtour auch ohne Leine ganz problemlos klappt, sogar die Aufseher drücken beide Augen zu (natürlich herrscht Leinenzwang auf dem gesamten Gelände).

Japanerinnen kichern und quietschen vor sich hin, wenn Pippa vorbeidackelt, bitten um ein Gruppenfoto (das ich dann schießen darf, schließlich geht es um den Dackel) und quietschen danach noch mehr, weil die Hundedame ihnen mal fix die Knöchel abgeleckt hat.

Glück und Wonne zu empfinden ist ja manchmal so kinderleicht!

Tipps zur Tour:

  • Keinesfalls am Wochenende nach Linderhof, ebensowenig bei zu gutem Wetter in der Hauptsaison, außer man ist sehr kontaktfreudig und dazu aufgelegt, Englisch zu sprechen (bzw. überhaupt zu sprechen).
  • Keinesfalls im Schlosscafé einkehren, dort oben auf der Brunnenkopfhütte ist es viel leckerer und auch günstiger (und außerdem sandalentourismusfrei).
  • Aufstieg vom Parkplatz zum Brunnenkopf: 818 Hm, vermutlich 2 Stunden, bis zur Hütte ca. 20 Min weniger. Abstieg auf demselben Weg.
  • Für Hundehalter: Ein Abstecher zur Linder (150m ab Parkplatz) lohnt sich, hier kann der Hund nach der Tour ungestört baden.
  • Das nächste Mal eine Mütze mitnehmen (frischer Wind da oben) und noch weiter bis zur Klammspitze (plus 2 Std).

Einen gemütlichen Abend wünscht
Die Kraulquappe.

The Big Feast.

Das war das Ende des heutigen Tagwerks.

Was davor geschah, wird morgen nachgereicht. 

Viele Japaner jedenfalls, am Startpunkt unten im Tal. Und immerhin 818 Höhenmeter ohne Nasswerden, wonach es am Vormittag noch gar nicht aussah.

Jeder Assi geht Gassi.

Und alle ander’n geh’n Wandern. 

Heute: Kultur- und Naturspaziergang. Endlich wieder mit ausreichend Sonne, Wald, Feld, Wiese, Moorsee, Bächlein, Brauchtum, Zeit zum inneren Sortieren und Ballspielen mit dem Dackelfräulein. 

Start: Kempfenhausen (Starnberger See), von dort über Manthal und Martinsholzen weiter nach Aufkirchen, vorher rechts ab nach Berg. Querwaldein zurück nach Kempfenhausen. Ganz nach Hundegeschmack, die Tour. 

12km, ohne jede Zeitmessung, dafür auf einer Aussichtsbank Breze und Wasser aus dem Rucksack, Alpenblick mit viel Weiß dort oben auf den Gipfeln, anschließend ein Bier im Oskar-Maria-Graf-Stüberl.


Es septembert gewaltig. Fast möchte man meinen, der Sommer hätte sich vergangene Woche zeitgleich mit uns im Estergebirge final ausgetobt. Ein letzter Paukenschlag – aus und vorbei.

Aber der Herbst hat auch seine Vorzüge. In 10 Tagen ist der Starnberger See endlich keine Hunde-Sperrzone mehr. Die Schulferien sind bald vorbei, überall wird es leerer, die Zwetschgendatschisaison hingegen ist noch voll im Gange. Und die Nachmittagssonne ist in dieser Jahreszeit am schönsten. 

Eine gute Woche allerseits!

Die Kraulquappe.