Himmel der Bayern (55): Saisonende.

Hiermit erklären wir die Winterwandersaison für beendet.

Ab morgen steht anderes auf dem Programm und hier reicht’s ja jetzt auch erstmal mit all dem blau-weißen Bildmaterial…

…und den zahllosen Dachshundsilhouetten vor Schneebergen, nicht wahr?

Ein super Winter war das und heut‘ eine grandiose Abschlusstour im Zugspitzland!

Die ideale Bierbankfigur.

Im Schwimmbad liegen seit letzter Woche die ersten Hartgesottenen in Badehose und Bikini draußen auf den Stadiontreppen. Auch das Entenpärchen ist wieder zurück und zieht seine Runden durchs Warm-Freibad, bevorzugt quer zur Schwimmrichtung und die üblichen Grantler regen sich drüber auf.

Alle Zeichen stehen also auf Frühling!

Und auch die Mountainbikesaison scheint bereits begonnen zu haben…

…und selbst wenn man auf 1.400m das Gerät dann elend durch den sulzigen Schnee schieben muss – wurscht! Frühling is‘!

Wir trainieren ebenfalls für die Bikinifigur: Kraxeln durch Lawinenfelder, sinken hie und da mal ein, aber im Großen und Ganzen geht’s recht gut.

Das Wetter ein Traum, die Fernsicht exzellent.

Die ideale Bierbankfigur haben wir jedenfalls schon mal…

… denk‘ ich mir so, als wir da oben in der Sonne sitzen, beim sehr verspäteten Weißwurstfrühstück und Sonnetanken, bevor’s die 700Hm nun wieder talwärts geht.

Himmel der Bayern (54): Es apert!

Die Hauptsache aber ist ja, dass es nicht hapert – und das ist definitiv der Fall da heroben!

Vormittags kommt eine Whatsapp von der ehemaligen Hüttenkollegin: „Hi, Grödeln und Sulzer. Würd mich freu’n!“. Etwas knapp fasst es sich ja schon, das Bergvolk, aber die Botschaft war klar: Der Sulzersteig ist wieder begehbar, zumindest mit Grödeln, die Lawinengefahr vorüber, das Wetter bestens und offenbar freut man sich auf mich.

Und das wiederum freut mich, denn es hätt‘ ja auch anders ausgehen können, nachdem ich ja den Hüttenjob letzten Sommer bereits nach 2,5 Tagen (was hier heroben 34 Arbeitsstunden exkl. Auf- und Abstieg bedeutet) wieder quittiert habe, weil weder ich noch mein Ellenbogen diese körperlich brutal anstrengende Akkordarbeit verkraftet haben (obwohl’s mir stimmungsmäßig und atmosphärisch schon getaugt hätte).

Umso schöner, wenn das Gute überdauert und bleibt. Jetzt gibt’s hier immer noch mindestens eine leichte Weiße aufs Haus und ein Premiumplätzchen am Ofen oder auf der Sonnenterrasse, die erst vor ein paar Tagen von den Schneemassen befreit werden konnte, so dass man da wieder prima sitzen kann mit Zugspitzblick und Sonnenbrandgefahr.

Der Hüttenwirt hat nach diesen Winterwochen Oberarme wie ein Bodybuilder vom Schaufeln und Fräsen und wirkt insgesamt ein bisserl drahtiger als noch im Herbst.

Bergab macht der Sulzersteig spätnachmittags seinem Namen dann alle Ehre und von den Tannen tropft’s hie und da auch schon mächtig runter. Es apert wie wild!

In den Baumwipfeln des Bergwalds werden erste Frühlingslieder geträllert und daheim in München sitzt der Gatte mit offener Jacke im Eiscafé und apfelstrudelt in seiner Mittagspause vor sich hin.

In diesem Sinne beschließen wir die Blogwoche mit einem Lied, das wir immer dann hören, wenn ein kalter, schneereicher Winter sich allmählich dem Ende neigt und der Frühling uns sanft in der Nase zu kitzeln beginnt:

Little darling, it’s been a long cold lonely winter
Little darling, it feels like years since it’s been here
Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s all right
Little darling, the smiles returning to the faces
Little darling, it seems like years since it’s been here
Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s all right
Little darling, I feel that ice is slowly melting
Little darling, it seems like years since it’s been clear
Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s all right

Himmel der Bayern (53): Gschniebn.

Frühmorgendliches Telefonat mit dem Tegernseer Tourismusbüro, um zu erfragen, ob der Wanderweg durchs Söllbachtal oder durchs Zeiselbachtal einigermaßen begehbar ist, wenn man da ohne Tourenski, aber mit Dackel hinauf will.

„Des konn i eana ned sogn wia da Weg ausschaugt seid’s no amoi gschniebn hod“ sagt die Dame am anderen Ende der Leitung. Äh, ja, genau deshalb ruf‘ ich ja an!?

Wurscht. Der Papa erwartet unseren Besuch – so mitteilungsbedürftig ist er zur Zeit, das ist ungewohnt, rührend und derzeit auch noch nicht lästig – und der Hund muss sowieso bewegt werden. Also fahren wir los und schauen halt einfach vor Ort.

Die Forststraße, die das Dackelfräulein Sommers geradezu anödet, findet sie nun, als 50cm breite, in den Schnee getrampelte Laufrinne, total super.

Die Hütte erreichen wir diesmal auch. Sogar der Platz am Kachelofen ist frei, das Fräulein darf dank eigens mitgeschlepptem Handtuch auf der gepolsterten Bank ruhen.

Die übrige Tischgesellschaft ist entzückt und will sofort Wurststücke spenden und erkundigt sich in säuselnder Tonlage beim Hund, wie man denn mit diesen kurzen Beinchen ganz allein da hinaufkommt, wo doch der Schnee so tief und der Weg so steil ist.

Wie ich das so packe, fragt wie immer niemand und manchmal ist das ja auch das Beste so und überhaupt ist so ein Hund bisweilen eine prima Ablenkung von dem ganzen eigenen Befindlichkeitskram und ein beständiger Verortungsappell im Gegenwärtigen sowieso.

Cevedale oder: Neue Horizonte.

Heute die erste einer Handvoll (therapeutisch begleitender) Sitzungen, die zu Beginn dieses neuen Jahres (vielmehr aber zum Beginnen des Beendens eines langgehegten Lebensmusters) äußerst sinnvoll bzw. geradezu notwendig schienen.

Coach und Couch sind vertraut, das Dackelfräulein darf auch mit und rollt sich nach kurzem Begrüßungswälzen auf dem roten Teppich genüsslich auf selbigem ein (Donut-Style) und verschläft dort, selig berieselt von ihr bekannten Stimmen, das Stündchen.

Es geht heute um die „Blutegel“ in meinem Leben.
Nicht etwa um die, nach deren Ansetzen man angeblich schmerz- und entzündungsbefreit wie ein junges Reh durchs Leben springen würde. Sondern um die, deren Biss nichts als weh tut und deren Saugen überhaupt nichts bringt, sondern nur wertvollen Saft abzapft, der dann anderswo fehlt, nämlich im eigenen Energie- und Lebensfluss.

Warum aber – und das ist das eigentlich Spannende dabei – geht man wider besseren Wissens immer wieder in die Sümpfe hinein und holt sich dort einen neuen Blutegel? Und setzt den nutzlosen Sauger wieder an, mit dem ewig gleichen, negativen Resultat? Was soll diese Reinszenierung?

Etwas leer im Kopf verlasse ich die Praxis und spaziere durch die Altstadt Richtung Isar.
Am Isartorplatz fällt mein Blick in das Schaufenster eines großen Sport- und Outdoorladens. Auf einem der Riesenplakate erkenne ich die Birkkarspitze. Drüber zieht ein Adler seine Kreise, drunter steht „Neue Horizonte“.
Sehr ansprechend. Mir fallen sofort meine alten, undichten, abgelaufenen Bergstiefel ein, in denen ich neulich mit eiskalten Zehen durch den Schneesturm den Berg hinunterrutschte und in denen man dem Ruf des Adlers nicht mehr allzu gut folgen könnte.

Ich gehe in den Laden hinein. Paradiesische Ruhe dort, so am späten Vormittag. Die Symmetrie, mit der die Langlaufski an der Wand lehnen, farblich und nach Größe geordnet, eine wahre Augenweide.
Ein netter Verkäufer, dem ich im Unterschied zum IKEA-Katalog das (an sich unpassende) Geduze sofort nachsehe, kümmert sich mit einer Engelsgeduld um die Neueinkleidung meiner Füße, vermisst sie, bemerkt die beiden Spezialzehen und erhält dafür sofort einen Vertrauensvorschuss.
Das Dackelfräulein beobachtet das Geschehen ebenfalls mit ungewöhnlicher Engelsgeduld (gestern noch, mit dem Gatten telefonierend, lang über ihre Unart geschimpft, sich nicht einfach mal ohne Umschweife an einem ihr zugewiesenen, warmen und sicheren Platz ruhig niederlassen zu können – sie muss es gehört und sich zu Herzen genommen haben) und erhält dafür sofort einen Fressensvorschuss.

Die Atmosphäre ist so angenehm, dass sogar Zeit ist, sich mal mit ausführlichen Instruktionen zu Schnürtechniken zu befassen (wahlweise straff am Rist oder an der Ferse oder oben gelockert für den Aufstieg) und schlussendlich staube ich nebenbei auch noch fürs Fräulein einen hilfreichen Bergtipp ab, weil ich – mittlerweile in Plauderlaune – von der Kängurunummer neulich berichte und der Verkäufer dazu eine Idee hat: „Kennst du die Filz- und Lodenmanufaktur in der Rumfordstraße? Der Chef fertigt spezielle Rucksäcke für Jäger, in die der Waldi neipasst, wenn er mal nimmer ko oder derf!“.
Nein, kenn‘ ich nicht. Ist aber der Brüller: Schau’n Sie sich DAS mal an (unter dem Menüpunkt „für den Hund“, ganz links unten) – ja da möchte man sich doch auf der Stelle einen Zweitteckel zulegen, damit die dann im Doppelpack so keck rausgucken aus dem Rucksack (und auch die lässige Hundetragtasche, echt spitze, braucht man nur noch einen Sponsor für die noble Dackelsänfte)!

So macht Einkaufen tatsächlich mal wieder Spaß, was für jemanden wie mich wichtig ist, da ich grundsätzlich nicht gern „shoppe“ oder „bummle“, sondern nur losgehe, wenn ich konkret was brauche und selbst dann dauert’s, bis ich mich zu der Besorgung aufraffen kann.

Der freundliche Verkaufsbursche holt mir vier Paar Bergstiefel in meiner Größe aus dem Lager. Ich turne nacheinander mit allen Modellen über die Fels-Attrappen, die als Teststrecke für den Schuhkauf dienen, steige Treppen hinauf und hinab, marschiere in aller Ruhe durch die gesamte, herrlich leere Bergsportetage.
Die seit 40 Jahren bewährte Marke bewährt sich auch jetzt wieder. Passt wie angegossen.
Sehen sogar fesch aus. Und sind nach dem Monte Cevedale benannt, den man beispielsweise über einen Grat von den Zufallsspitzen aus erreichen kann, was irgendwie leicht/locker und so gar nicht schicksalsträchtig/düster klingt, und die Region stimmt eh.

Eine Dreiviertelstunde später treten meine neuen Stiefel und ich hinaus in die Kälte. Auf der überdimensionierten Tasche, die ich stolz über meine Schulter gehängt habe, prangt ebenfalls der Schriftzug „Neue Horizonte“ (was bin ich nur für ein schlichtes Konsumentengemüt an diesem Montagvormittag nach Termin 1 zum Blutegel-Thema, nach den noch folgenden Terminen werde ich künftig sicherheitshalber mit der U-Bahn zur Isar fahren).

Die scarpe cevedale turchese werden locker drei Birkkarspitzen in Serie packen (was ich gar nicht vorhabe, aber es muss ja noch Luft nach oben sein bei solchen Anschaffungen).
Kein Tiefschnee der Welt wird ihnen etwas anhaben können und auch kein noch so sumpfiges Gelände.
Und mit ihrem „aggressiven Profil“ (Zitat aus dem Verkaufsvortrag) können sie auch jedem Blutegel auf Anhieb den Garaus machen oder der kleine Parasit beißt sich zumindest gscheid seine Zähne aus an der Hard-Shank-Brandsohle (nie gehört, klingt aber wichtig und wie eine Lebensversicherung).

So wie jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt, schreite man neuen Horizonten am besten mit geeignetem Schuhwerk entgegen.

Kängurumutter im Tiefschnee oder: Wozu ein bewegtes 2018 gut war.

2018 ist nun vorbei und fertig archiviert. „Zahltag“ ist ja immer der 31.12., jener Tag, an dem man sich als Hundebesitzer irgendwohin verkriecht, wo Ruhe herrscht und einem keine 500 Öcken pro Nase (oder mehr) für irgendeinen zwei- bis dreitägigen Jahreswechselvollfressverwöhnpensionbespaßungszinnober abgeknöpft werden.

Nicht einfach, da was zu finden für nur eine Nacht, vor allem wenn man erst kurz vor Weihnachten zu suchen beginnt.

In der niederbayerischen Einöde zwischen Deggendorf, Plattling und Isarmündung bot uns ein Gutshof noch einen bezahlbaren Unterschlupf für die anstehende Hundehorrornacht. Das Landgut ist wohl sonst eine Location für Hochzeiten, aber bei 4 Grad und Pissregen am Silvestertag kaum frequentiert. Also auch keine Rüden weit und breit. Stattdessen Matsch und Grau so weit das Auge reicht – und es reichte kaum bis Deggendorf hinüber und die dahinter beginnenden Hügel des Bayerischen Waldes konnte man auch nur mit viel Fantasie aus den Formationen der Regenwolken imaginieren.

Das große Doppelzimmer in jagdlicher Optik gestaltet und mit ebensolchem Interieur versehen, was dem kleinen Jagdhundfräulein freilich bestens zu Gesichte stand, aber auch meinem verregneten Gemüt taten die Wände in hoffnungsfrohem Grün (ein mittleres Dunkelgrün, so dass es auch nicht zu aufdringlich und heiterkeitsheischend daherkam) recht gut.

Zahltag also. In der niederbayerischen Einöde ein bisserl Bilanzieren (= alten Kalender durchblättern, neuen Kalender beginnen, maßvoll Reflektieren, keine Vorsätze notieren, wohl aber ein paar Nachsätze zu diesem doch insgesamt sehr speziellen Jahr, das sich nun bucklig seinem Ende zuneigte), an den Kachelofen gelehnt, im Teeglas rührend und mit dem Herrn Jesu im Gnack, wie sich das auf dem Land so gehört. Aus den Lautsprechern der Bibliothek ertönt „Sempre, sempre“, wird alsbald von Austropop abgelöst, und weil wenig später Costa Cordalis die Stimme erheben will, wird schließlich alles von einem Fausthieb des Gatten erlöst (dieses Satzende fügt sich auf einem Gutshof, der lange ein Jagdsitz war, gefälliger in den Text als: „Wir ersuchten die Bedienung höflichst, das unsägliche Radio abzuschalten.“).

2018.
92x geschwommen, 35x Berge erklommen, 41x gelaufen im Wald/Park, 204x große Spazierrunden mit dem Dackelfräulein absolviert, insgesamt 1972 km per pedes (im Wasser: ca. 150 km) fortbewegt.
Nicht, dass ich das wirklich so exakt errechnen könnte, aber als beim groben Überschlagen der Wegstrecken 1.970 km rauskamen, hab‘ ich einfach noch 2 dazugegeben, um bei meinem Geburtsjahr zu landen.

Ist das jetzt viel oder wenig?
Keine Ahnung. Es hat mir jedenfalls gut getan.

Und am dritten Tag des neuen Jahres offenbarte sich mir dann auch, wozu all der Sport, all die Bewegung, all die gelaufenen, hinauf- und hinabgestiegenen Kilometer gut waren. Wozu der wohltrainierte Arm- und Beinschlag beim Kraulen in Wahrheit dienen sollte. Worauf das alles abzielte und hinauslief.

Auf einen Einsatz als Kängurumutter im Tiefschnee.

Denn wenn Sie da nicht einigermaßen im Training sind, keine Kraft in Armen und Beinen haben oder zu wenig Übung oder Kondition im Berggelände – dann können Sie das knicken. Dann versagen Sie nämlich als Kängurumutter im Tiefschnee kläglich!

Heut‘ Nacht hat’s dick geschneit im Voralpenland. Das Kreuther Tal, gleich hinterm Tegernsee gelegen, ist ohnehin ein Schneeloch, ein Kälteloch ebenso.
Wir (viel zu spät und viel zu wetteroptimistisch) hinauf Richtung Roß- und Buchstein, unterwegs setzt erneuter Schneefall ein, man muss die Grödel aufziehen, damit man im steileren Gelände nicht abrutscht. Der Gatte, früher zwar mal Gebirgsjäger, aber heutzutage mehr Tagungsjäger, ist an seinem ersten Urlaubstag seit Monaten nicht wirklich begeistert von diesen Strapazen, schlägt sich aber wacker. Am wackersten schlägt sich allerdings das Dackelfräulein: immer drei Schneepfluglängen voraus, trotz der kurzen Beinchen, unterwegs noch ein paar Tannenzapfen unter der Schneedecke ausbuddelnd, um den Zweibeinern mit lustigen Spielangeboten noch zusätzlich einzuheizen, obwohl der Schweiß eh schon rinnt. Ein Bollwerk an Ausdauer, an Lebens- und Bewegungsfreude sowieso. Irgendwann ist die Hütte erreicht, zu dritt sitzen wir auf der Bank, bei Heißgetränken und Kalorien, die uns für den Abstieg präparieren sollen.

Draußen schneit’s mittlerweile wie blöd. Der Zustiegsweg kaum noch zu erkennen. Um noch vor Anbruch der Dunkelheit wieder hinunter zu kommen, muss die Pause in der Hüttenwärme kurz gehalten werden: Umziehen, Essen fassen, was Trinken, Aufwärmen, Durschnaufen, neu Vermummen und Aufbruch.

Dann der fatale Fehler: Wir stehen nach dem Aufbruch ein paar Minuten im Schneesturm vor der Hütte, um die Grödel wieder aufzuziehen (kein Hüttenwirt hat das gerne, wenn man das drinnen tut). Es ist eiskalt, man sieht vor lauter Schneegestöber kaum die Hand vor den Augen. Das Fräulein fiept und fängt an zu zittern, weil sie ja warten muss, bis wir mit dem Schneekettengefummel fertig sind. Als wir endlich losgehen, läuft sie eng neben mir, bibbert erbärmlich und steckt bis zum Hals im Tiefschnee. Kalt loslaufen ist das Dämlichste, was man machen kann. Und so ein Dackel wird nun mal nicht mehr warm, wenn er zu 85% im Schnee versinkt, unsere Chancen stehen weitaus besser, da wir immerhin zu 85% aus der weißen Pracht herausragen. Wir versuchen alles, um sie zu ermuntern, ich renne mit ihr ein Stück, aber sie kommt nicht hinterher. Bleibt stehen, setzt sich sogar hin, guckt mich mit vereistem Bärtchen hilfesuchend an – und dann begreife ich: Sie schafft es nicht, das hatten wir noch nie, aber ihr ist so kalt, dass es einfach nicht geht. Also Rucksack runter, Stöcke rein, Rucksack wieder hoch, Hüftgurt festzurren, dann Jacke auf, Hund rein, Jacke zu, einmal tief Luft holen, höchste Konzentration und nun ohne Stöcke und im Trab bergab, eine Hand unter den Dackelpopo, die andere um das Köpfchen, das schon völlig eingeschneit ist. Die Sicht ist beschissen, der Weg von Schneewehen teils wie weggefegt, es schneit mir zum Kragen rein, ab und zu – so wacklig bergabsurfend – verdreht’s auch das Knie, aber tief in mir drin ist diese Gewissheit spürbar: Ich werde das schaffen. Das flüstere ich mit blaugefrorenen Lippen auch dem Fräulein zu, das erst noch friert wie ein Schneider, aber nach einer Viertelstunde – so gut und sicher eingepackt in seinem Kängurubeutel – doch langsam wieder auftaut und warm wird.

Nach einer halben Stunde schmerzen die Arme, vor allem die Handgelenke, eigentlich auch der Rücken und die Beine, aber eine Pause können wir uns um die Uhrzeit und bei den Wetterverhältnissen nicht erlauben.
Der Gatte holt uns immer mal wieder ein, rubbelt die Eisklümpchen vom Dackelkopf und putzt mir die Nase, denn eine freie Hand hab‘ ich ja nicht.

Nach anderthalb Stunden Dauerlauf erreichen die Kängurumutter und ihr Kleines schließlich und endlich mit erfrorenen Rüsseln, aber ansonsten gut durchwärmt das Auto.
Arme und Beine haben tatsächlich durchgehalten, keine Sehne ist gerissen, kein Muskel gezerrt, kein Finger gebrochen. Und der Hund ist wohlauf, was ja eh das Wichtigste ist.

Es lebe der Sport.
Und es lebe auch die Sitzheizung, die einem die triefnassen Klamotten bis München wieder trocknet.

Ge_danke_n 2018 (8).

Istud, quod tu summum putas, gradus est.

(„Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe.“ – Seneca)

So ist es. Nur eine Stufe.

Nicht eine Stufe „höher“ oder „weiter“ oder überhaupt „irgendwohin“. Sondern einfach eine Stufe. Manchmal eine, über die man ganz unspektakulär hinwegsteigt. Manchmal eine, auf der man sich niederlässt – alleine oder in Begleitung eines Bergkameraden, gern vierbeinig – und einfach schaut und sitzt.

Und seltene Male auch eine, die einen für eine kleine Weile erhebt. Einen erhebt über all das „dort unten“. Vielleicht sogar mit einem aussichtsreichen Verweis auf etwas „dort oben“ oder „da drüben“. Wie eine leise Ahnung, ein noch nie zuvor so gefühlter Horizont, ein Hauch einer Klarheit, die Berge zu versetzen vermag, vielleicht.

*****

Zutiefst dankbar bin ich für die Zeit, die Kraft, das Zutrauen, die Möglichkeit und die Ausrüstung, um auch in diesem Jahr wieder intensiv in den Bergen unterwegs gewesen sein zu können.

Die wohl schönsten Touren waren die auf die Blauberge, den Heimgarten, die Plose, den Stuiben und die Umrundung der Drei Zinnen.

Danke 2018, Du warst ein gutes, sonniges, strahlendes Bergjahr, trotz spätherbstlichem Strecksehnenabriss im kleinen Finger, der nun, meine Freundin D. hat’s die Tage ganz gradheraus gesagt, ein bisserl aussieht wie ein „Hexenfinger“ (woraufhin ich mir dachte: Na, das passt ja dann prima zu meiner Nase!).

Himmel der Bayern (49): Winterwege.

Wir gehen für ihn mit. Immer.

Denn er kann hier selbst nicht mehr hinaufgehen, nie mehr, er kann nur noch vom Wohnzimmerfenster hinaufschauen. Wenigstens das. Wobei das nicht viel ist, für einen, der die Berge so geliebt hat.

Von seiner Haustür aus – die Rede ist vom Papa – laufen das Dackelfräulein und ich auf den Wallberg hinauf. Der kleine Feger trotz Läufigkeit fitter als ich, und ganz aus dem Häuschen vor lauter Freude über den schönen Wintertag.

Oben treffen wir Finn, einen Viszla-Welpen, der mit seinen 4 Monaten noch keine Ahnung hat, was da so sensationell duftet, irgendwas ahnt er schon, aber der Spieltrieb gewinnt noch mühelos die Oberhand.

Das Fräulein interessiert sich mehr für den Schorsch, der mit seinem Gleitschirm zu starten versucht, das raschelt so toll. Die wenigen Wanderer hier oben applaudieren, als er nach einigen Anläufen in den Winterhimmel abhebt.

800 Höhenmeter sind mehr als genug, so ungewohnt mit den Grödeln im ersten tieferen Schnee und nicht ganz bei Kräften. Schweben wir also mit der Seilbahn hinab, zurück zum Papa, dort in die Badewanne und dann gemeinsam in die Küche. Eine Art Henkersmahlzeit, bevor er und Mr. Parkinson in Kürze für längere Zeit in die Klinik müssen.

Man muss die Zeit nutzen, ein „Wer weiß, wie lange noch“ schwebt längst über allem, da mag der Bayernhimmel noch so blau sein und der Schnee noch so unbescholten in der Wintersonne glitzern.

Musculus extensor digitorum complettus defectus verflixtus aeternus.

Man muss immer nachfragen oder nachschlagen, wenn einen die Ärzte – heute: der Radiologe – mit ihrem Latein volltexten, selbst wenn man das große Latinum hat.

Aber auch „Knöcherne Strecksehnenruptur“ sagt einem ja erstmal nix. Dass da irgendwas nachhaltig kaputt, gebrochen, gerissen ist, schwante mir schon, nachdem die Schwellung am Finger nach 7 Wochen verschwunden war, aber ein krummer Finger zurückblieb.
Der nette Radiologe erklärt dann auf Nachfrage: Typische Basketballerverletzung. Wird oft nicht bemerkt, dass da mehr kaputtgegangen ist. Kann man aber super operieren, so mit Drähten und Titanschräubchen. Soll der Kollege entscheiden.

Umrundung der Drei Zinnen jenseits der Touristenhauptströme, dafür überraschend im Schnee. Gedacht, das müsste gehen, auch ohne Stöcke oder Grödeln, und ging ja auch größtenteils.

Vereister, im Schatten gelegener Fels auf 2.400m Höhe & vergeigtes Foto vom Dackelfräulein.

Quittung fürs Fotografieren auf vereistem Fels: roter Pfeil markiert abgerissenes Knochenstück, das die Streckung des Fingers dauerhaft unterbinden wird.

Mal gucken, was dann im Januar der Handchirurg empfiehlt. Ich tippe auf eine OP, die wollen ja alle auch was verdienen.
Bis dahin sind lenke ich mich mit den anderen fünf, nun anstehenden Arztterminen ab.

(Warum gibt es eigentlich keine Kliniken, in denen man innerhalb einer Vollnarkose von 3 Ärzten an 3 Stellen operiert werden kann?)

Passen Sie also bloß gut auf beim Ballsport und auch bei der Winterzauber- und Weihnachtsfotografie, man fällt schneller in den Schnee oder den Tannenbaum als einem lieb ist!
Herzlichst,
Ihre Kraulquappe.

PS: Und wie immer gilt: Von Beileidsbekundungen und Genesungswünschen bitte ich Abstand zu nehmen. Wohlwollende Gedanken, lustige Weihnachtskarten oder leckere Spitzbuben sind viel sinnvoller. Dieser Hinweis hat sich wirklich bewährt, denn aus Wien erreichte mich letzte Woche ein Care-Paket mit Briefchen, Billiglebkuchen und Bruce-DVD. Das war wie eine Frischzellenkur in all den medizinischen Niederungen!

Himmel der Bayern (47): Herbsttag mit Hund.

Frauchen, es ist Zeit,
Der Berg heut‘ war sehr groß.
Leg meine Matte auf den Hüttenboden
Und auf den Weiden lass die Rinder los.

Befiehl all meinen Näpfen voll zu sein,
Gib ihnen die Chance zu füllen meinen leeren Magen,
Dränge sie zur Überbordung hin auf dass ich jage
Die letzte Gemse in den Wald hinein.

Wer jetzt keine Paus‘ macht,
Braucht auch keine mehr.
Wer jetzt an der Lein‘ ist,
Wird es lange bleiben.
Wird wachen, bellen, sehr viel Unfug treiben.
Und wird träumen, auf Bergsteigen rauf und runter rastlos zu wandern
Während die andern im Tale weilen.

(Mal ein bisserl gerilkt, auf dem Heimgarten sitzend, so nach leichtem Weißbier & schweren 1.100 Höhenmetern, zur Feier des Saisonendes hier heroben.)