Mittenwald (5).

Heute war Männertag.

Das fing schon in der Nacht an: Im Traum saß ich in einer Pizzeria, irgendwo in südlichen Gefilden, zusammen mit Nicholas Ofczarek, der geträumt noch beleibter war als in echt. Und saumäßig sympathisch und charmant; wir sprachen ohne Mundschutz und Mindestabstand miteinander.

Die morgendliche Fortsetzung meiner Duschgeschichte lassen wir mal beiseite, das Telefonat mit dem Vermieter bzgl. der Psocoptera ebenso.

Am Vormittag durch den Ort spaziert, um noch ein paar Aufnahmen für den Urlaubsprospekt der lieben A. aus B. zu machen. Danach Verpflegung eingekauft.

Unterwegs zu dem für heute ausgesuchten Wandergebiet auf einer Infotafel die riesige Karte „Alpenwelt Karwendel“ angeguckt. Hier könnte man sich mühelos zwei Wochen dauervergnügen, vielleicht auch ein Leben lang.

Ein Mann, der Olli-Kahn-artig aus seiner Oberbekleidung zu platzen droht, stellt sich neben mich und studiert ebenfalls die Karte.
Er ist Franzose, denn er fragt mich nach den Öffnungszeiten der Ochland-Ütte, die eigentlich Hochland-Hütte heißt. Franzosen sehen in meiner Vorstellung völlig anders aus als dieser Schrank. Egal.
Er nimmt den linken Abzweig zur Ochland-Ütte, ich den rechten zur Dammkar-Hütte.

Eine Traumtour für diesen letzten Tag meiner Staubl_Auszeit, denn je schroffer der Fels, desto schöner die Szenerie.

Es ist das Raue und Karge, das mich so anspricht, der grauweiße Kalkstein und das so ganz und gar nicht Liebliche und Geschmeidige, das er ausstrahlt. Ruhe und Kraft, Reduktion und Konzentration – das bedeutet das Karwendelgebirge für mich.
Die Beine zwar etwas schwer von den letzten beiden Touren, aber doch noch beweglich genug für eine dritte und letzte.

Unterwegs überholt mich ein deutlich jüngerer und beweglicherer Kerl, der dann allerdings vor lauter Jugend- und Beweglichkeit zwei Serpentinen weiter übel ausrutscht und knapp vor meinen Füßen landet. Ich finde es an sich erfreulich, wenn mir ein junger Kärntner vor die Füße fällt, in meinem Alter passiert mir das nicht mehr allzu oft, aber der Bursche hat sich ordentlich das Schienbein aufgeschürft und blutet ein bisschen. Ich spendiere ihm Taschentücher und eine Verbandsrolle. Anschließend gehen wir ein kleines Stück gemeinsam, zu kurz, um den netten Dialekt auszukosten, zu lang, um nicht ziemlich außer Atem zu geraten, erst recht, als er erzählt, was er heute noch alles vorhat (den Biwaksack hat er dabei und „an Enzian und was zum Rauchen“, na dann…).

Auf der Dammkar-Hütte erlebe ich ein kleines Highlight in Sachen „Datenschutz zu Coronazeiten“. Wie der Hüttenwirt die bereits ausgefüllten Zeilen seiner selbstgebastelten Gästeliste provisorisch abgedeckt hat, ist einfach total putzig: zwei zusammengetackerte Servietten, die er mit Wäscheklammern an dem Papierbogen befestigt hat und mit jeder neuen Zeile ein Stück weiter nach unten auffaltet. Ich quittiere das mit einem Schmunzeln und ernte ein bajuwarisches Grunzen und ein „Mia ham hier koa Zeid für so an Schmarrn“.
(Könnte man glatt eine Serie draus machen: „Gästelisten & Datenschutz auf Berghütten“. Ganz wunderbar, was man da so sieht!)

Tisch 3 habe ich zunächst für mich allein, wenn man von der aufdringlichen Dohle absieht. Dann kommen zwei schwer bepackte Typen daher und fragen, ob sie sich dazusetzen dürfen. Sie dürfen wohl oder übel, denn es ist der sonnigste der sechs Tische, und der mit der besten Sicht. Man kommt ins Gespräch und ich erfahre: die beiden sind aus Braunschweig, wandern üblicherweise im Harz und sind etwas andere Höhenunterschiede gewohnt.

Sofort aktiviere ich mein rudimentäres Harz-Wissen, das ich A. aus B. zu verdanken habe und kann mit ein paar Ortsnamen protzen, die ich mir aus dem tollen Blog der besagten Freundin gemerkt habe. Der eine kramt sofort sein Stempelheft aus dem Rucksack hervor, klappt es auf und zeigt mir voller Stolz, dass er schon mehr als die Hälfte der für den „Harzer Wanderkaiser“ erforderlichen Stempel (222 an der Zahl!) gesammelt habe.
Woraufhin ich ihm auf meinem Smartphone ein Foto zeige von einem, der bereits Harzer Wanderkaiser ist und mit dem ich schon ein Bett geteilt habe. Da gucken sie aber, die zwei!

Wegen ihres Harzer Wandertempos bleiben sie nicht lange, denn die Gehzeit zur Nachbarhütte, auf der sie übernachten wollen, sitzt ihnen etwas im Nacken.

Ihren Platz übernimmt dann quasi nahtlos der französische Olli-Kahn-Verschnitt. Ich staune nicht schlecht, als ihn auf einmal da heroben erblicke, denn er wollte ja zur Ochland-Ütte und die liegt viel weiter nördlich.
Hatte sich aber verlaufen und berichtet mir nun aufgeregt und ausführlich von seinen Irrwegen. In Rekordzeit kippt er sich dabei zwei Halbe rein und kommt trotzdem nicht zur Ruhe. Befragt mich nervös zu dem Abstieg nach Mittenwald via Ochsenboden.
Da es drei Abstiegswege gibt, breite ich meine Karte auf dem Tisch aus und zeige ihm, wo er gehen muss. Er wirkt unaufmerksam und in Eile, zieht sich noch eine weitere Wurstpelle über den Leib und springt dann hektisch auf. Völlig unfranzösisch.

Beim Zusammenfalten der Karte erteile ich noch den pädagogisch wertvollen Rat, er solle sich bloß nicht wieder verlaufen, zumal das Gelände wirklich steil sei. Der Franzose nickt und sagt „Isch male dir ein Erz“. Isch verstehe nicht, was er meint und frage nach. Da malt er mit dem Finger ein Herz in die Luft und erklärt mir, er würde das als Beweis, dass er auf dem richtigen Weg ist, auf dem Ochsensteig irgendwo am Wegesrand hinterlassen. Aha.
Komischer Kerl. Er verabschiedet sich und ich bin froh, den Tisch nochmal ganz für mich zu haben.

Als ich eine Stunde später auch über den Ochsensteig ins Tal laufe, entdecke ich tatsächlich ein Erz.
Sogar mehrere. Das rührt mich dann doch.

Mit Sonne im Erzen erreiche ich schließlich Mittenwald und verprasse mein verbliebenes Budget für einen Eisbecher.
Ein Tartufo, wie es sein soll: mit gehackter Schokolade rund um den Eisball.
Und einer knusprigen Waffel, die oben in der Kugel steckt.

In Erzform, versteht sich.

Mittenwald (4).

Fake-Beer auf der Dammkarhütte. Aber sonst alles bestens.

Im Kar turnen die Gamsböcke herum, in der Felswand hinter der Hütte die Gebirgsjäger.

Eine Bergdohle versucht seit einer Viertelstunde, einen Krümel von meinem Kuchen zu stibitzen.

Je höher man hinaufkommt, desto einfacher wird alles.

Probieren Sie’s aus!

Mittenwald (3) & Himmel der Bayern (79): Sternweißblau.

7 Uhr. Vorsichtiges, erstes Räkeln im Pensionsbett. Das Sprunggelenk schmerzt.
7:30 Uhr. Es gibt diese beneidenswerten Menschen, die ohne Frühstück schon munter und bewegungsfähig sind. Ich gehöre nicht dazu. Breze mit Butter, eine halbe Semmel mit Käse, dazu ein Ei, zwei Haferl Kaffee.
8 Uhr. Die Dusche funktioniert immer noch nicht vernünftig. Überraschende Temperaturwechsel verbrühen einem entweder die Kopfhaut oder lassen einen vor Kälte kreischen. Beschwere mich zum dritten Mal.
9 Uhr. Mit sonnencremeverklebten Fingern hänge ich das Handy nochmal ans Ladegerät und mache mir Notizen zum 30-minütigen Beratungsgespräch mit dem Juristen vom Mieterverein, das gerade hinter mir liegt. Noch zwei weitere Jahre als Mieter mit Münchner Mieteralltag, und ich kann den netten Herrn in seinem Job beerben. Danach informiere ich den Gatten über die neuesten Erkenntnisse zur Sachlage, erkundige mich nach seinem Befinden und natürlich nach dem des Dackelfräuleins. Alle sind wohlauf. Auch die Psocoptera.
10 Uhr. Rucksack gepackt. Leichteres Schuhwerk als gestern gewählt, auch kürzere Socken. Dick Kühlgel auf das Sprunggelenk geschmiert. Abmarsch. Von Mittenwald zum Lautersee, weiter zum Ferchensee, dann hinauf auf den Franzosensteig.

11 Uhr. Nächste Weggabelung erreicht. Beherzten Bergsteigern mit intakten Sprunggelenken sei hier der kleine, reizvolle, nur ca. 7-stündige Abstecher zur Oberen Wettersteinspitze empfohlen. Ich bleibe schweren Herzens auf dem Franzosensteig und steuere den Grünkopf an. 700 Höhenmeter und eine 17 km-Rundtour mit vier Stunden Gehzeit reichen mir heute ausnahmsweise.

12 Uhr. Der Franzosensteig trägt seinen Namen übrigens völlig zu recht. In weiten Teilen des Bergwalds umgestürzte Bäume, die wie ein Mikado aus Monsterbaguettes anmuten. Das erschwert den Aufstieg hie und da ziemlich. Und auf Buchenlaubschichten, so lockerluftig wie eine Mousse au chocolat, rutscht man die steilen, circonflexeartigen Kehren auch gern mal wieder hinab. Zudem säumen riesige Ameisenhaufen, die es locker mit dem Montmartre aufnehmen können, den gesamten Steig und laden definitiv nicht zum Verweilen ein. Aber wer weiß: der Franzose ist womöglich erfreut über dieses Gekrabbel, weil er das Getier gern frittiert. Ich kenn mich mit der französischen Küche nicht so aus, hab da aber noch irgendwas von bretonischer Kaldaunen im Hinterkopf. Brrrrr!

12:45 Uhr. Erstmals seit Corona unseren Planeten heimgesucht hat, bin ich wieder im Ausland: Servus Österreich, griaß di Tirol!

13 Uhr. Auf dem Gipfel des Grünkopfes ist niemand. Auch keine Schwaben. Das ist rein akustisch schon mal sehr angenehm. Die Fliegenschwärme dort oben sind lästig, aber im Vergleich zu Schwaben natürlich vollkommen harmlos. Phänomenale Aussicht: Ganz rechts das Karwendelgebirge, daneben die Soierngruppe, in der Ferne sogar der Rücken der Benediktenwand samt der Achselköpfe gut erkennbar, weiter links das Estergebirge. Wundervoll. Ich esse 4 französische Aprikosen und 4 Stückchen Schweizer Schokolade. Auch wundervoll. Ein nettes Paar aus Köln keucht kurz nach mir zum Gipfelkreuz hinauf. Das ist ein Dialekt, den ich gern höre.

14 Uhr. Abstieg zur Ederkanzel. Aus Verlegenheit lande ich schon wieder bei Schinkennudeln mit Salat, genau wie gestern auf der Brunnsteinhütte. Ich ersuche um wenig oder keinen Schinken, staune, genau wie gestern, über das Ergebnis meiner Bitte und erspare Ihnen das Bild dazu. Der Berggasthof Ederkanzel liegt zur einen Hälfte in Bayern, zur anderen in Tirol. Wegen des kosmopolitischen Feelings setze ich mich in den österreichischen Teil, allerdings unter einen bayerischen Sonnenschirm. Das wahre Highlight hier oben ist nämlich das echte Himmel-der-Bayern-Weißbier: auf eine Sternweiße von Hacker Pschorr trifft man in freier Wildbahn äußerst selten. Sie rangiert bei mir auf Platz 2 bis 3 meiner persönlichen Weißbier-Top-Five, und teilt sich diesen uneindeutigen Rang mit der Unertl-Weißen. Die Sternweiße ist bernsteinfarben und schmeckt sensationell. So wie fast alles nach gut drei Stunden Marschieren und Schwitzen echt toll schmeckt.
Einen Tisch weiter sitzen – wie könnte es anders sein? – Schwaben, zwei sogenannte rüstige Rentner. Solche, die mit E-Bikes hier raufgekommen sind. Schwaben, so denke ich, während ich ihnen zwangsweise zuhören muss, sind eigentlich genauso wie der Gatte gern die Italiener beschreibt: laut und ohne Unterlass am Labern. E-Bikes haben ja nach meinem Dafürhalten auf dem Berg nichts verloren, es ist eh schon genug los, und schauen Sie sich einfach mal an, wer auf diesen Vehikeln hockt: die, die so unsportlich sind, dass sie per pedes oder mit einem Mountainbike gar nicht mehr hinaufkämen. Das Problem: die meisten können weder lenken noch bremsen und sind auf Schotterstrecken schnell aufgeschmissen. Je nach Wegstück und Frequentierung desselben ist das brandgefährlich. Sollen sie Seilbahn fahren oder Sessellift oder – wenn es denn unbedingt sein muss – einen Kurs besuchen, wie so ein Pedelec zu bedienen ist.

15 Uhr. Es war doch noch etwas früh für ein Hopfengetränk, wie ich beim Aufstehen und Rucksackaufsetzen merke.

Sternweiße vor Brunnsteinspitze.

15:45 Uhr. Erreiche meine Unterkunft. Vor der Tür parkt immer noch der VW Caddy mit der Aufschrift „Toni Auer – Sanitär & Installationen“. Das verheißt nichts Gutes, denn der stand um 10 Uhr auch schon dort. Korrekt, die Dusche kann nach wie vor nur heiß oder kalt. Die Chefin kommt meiner vierten Beschwerde zuvor und bietet mir zur Beschwichtigung einen Gutschein für eine Bootsfahrt an. Nun gut, ich wollte eh noch an den See.

16:15 Uhr. Ich komme am Lautersee an und bin entzückt von dem Bootsverleih. Sie wissen ja, Bootsverleiher wäre einer meiner Traumjobs gewesen, wenn ich nur rechtzeitig und konsequent genug so etwas wie eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, um so richtig Karriere zu machen. Heute ist irgendwie ein gelber Tag, weshalb ich mich für Manu entscheide. Ein gelbes Tretboot, leider ohne Rutsche und Leiter, aber sonst recht flott.

 

16:23 Uhr. In Seemitte ziehe ich Badeanzug und Flossen an und lasse mich ins Wasser gleiten. Huijuijui! Sagen wir’s mal so: knapp 18 Grad sind nicht ganz meine bevorzugte Schwimmtemperatur. Schöner Bergsee hin oder her. Tapfer kraule ich ein Stück von Manu weg, drehe aber bald wieder um. Ich verschone Sie mit der Schilderung des graziösen Erklimmens des Tretboots nach dem Schwumm und bin schon gespannt auf die blauen Flecken. Blöde Bindegewebsschwäche und blöde Ungelenkigkeit. Gottseidank sieht einen keiner, so in Seemitte.
17:15 Uhr. Im Seebiergarten gönne ich mir noch ein Eis und eine Hollerschorle. Dann ist mein Tagesbudget aufgebraucht und die Wirksamkeit der LSF-30-Creme ebenfalls.
19:07 Uhr. Ich trete den Rückweg nach Mittenwald an. Der Installateurs-Caddy ist weg. Die Dusche funktioniert immer noch nicht. Das bringt mir nun mindestens einen weiteren Bootsgutschein ein, vielleicht schlage ich auch noch eine Kutschfahrt zum Schachenhaus raus. Da oben haben sie so guten Kaiserschmarrn.

Mittenwald (2).

…und nach der Rast weiter: hoch zur Brunnsteinspitze, mit Blick auf die Tiroler Alpen.

Alpin-Lyrik? Kann ich auch!

Beim Sprinten über nasse Wurzeln
Kommt selbst ein Gämslein mal ins Sturzeln
Muss hinken dann mit dicken Knöcheln
Ertragen plumper Wand’rer Röcheln

Bis endlich erreicht ist die Brunnsteinhütt’n
Um Weißbier auf den Schmerz zu schütt’n
Das ruckzuck seine Dienste tut
Worauf des Gämsleins Übermut

Es drängt, zur fernen Brunnsteinspitz’n
Erneut zu flott hinaufzuflitzen
So dass recht knapp vor der Zweitausend
Das Hirn befiehlt hinab zu sausen(d)

Der Order folgt das Gämslein brav
Wohl zur Belohnung trifft’s ein Schaf
(Mit allerliebstem Unterbiss
Vor Lachen s’Gämslein fast zerriss!)

Und kurz drauf folgt auch noch ein Esel
Mit Vornamen exakt wie der Fesl
Der Tag, so scheint’s, birgt mehr als Wunden
Zwei neue Freund‘ hat’s Gämslein g’funden!

Läuft glücklich ins Tale, zur Brauerei
Doch dort, da erlebt’s a Sauerei
Die Werdenfelser Weiße, die is a Fake-Beer
A Hopfeng’söff that has not been brewed here

Im Mittenwalder Krügerl verkauft
Damit’s da depperte Touri sauft!
Und die Moral von dera G’schicht?
Trau keinem hübschen Glaserl nicht.

Aber nach einundzwanzig Kilometern
Ist’s Gämslein z’miad, um weiter zu zetern
Humpelt jetzt heim in sein Quartier
Um hochzulegen alle Vier

Ins Flachland schick‘ ma liebe Grüße
Wer mag, der nehme sich auch Küsse!

Und morg’n, wann d’Sunn uns wieda lacht
Da fabulier’n ma aufs Neue, bis dass es kracht.

(Tipp der Redaktion: Halten Sie die Maus auf die Fotos, sonst entgehen Ihnen die unglaublich geistreichen Bildunterschriften!)

Song des Tages (55).

Es müsste eigentlich „Song von gestern“ heißen, aber wie klänge das denn?!

Zumal die Musik von gestern ja auch heute wieder mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem CD-Player ertönen wird, wenigstens für zehn Minuten oder wie lange es halt dauert, zum Wertstoffhof zu fahren, den man nun wieder kennzeichenunabhängig an allen Wochentagen aufsuchen darf, falls es mir zuvor gelingt, trotz des kleinen Muskelkaters und einer gewissen Ganzkörpermüdigkeit vom gestrigen Ausfliegen ins sonnige Oberland die paar auszusortierenden Trümmer aus dem Keller hochzuschleppen und in den Kombi zu verfrachten, was eine gute und auch überfällige Sache wäre, die ich nun zweieinhalb Monate lang vermieden habe, weil ja ständig in der Tagespresse zu lesen war, dass gerade coronabedingt ganz München seine Keller ausmistet, was zu regelrechten Staus vor den Entsorgungsstätten führte (absurde Geschichten: manch ein Münchner fuhr schon um 8 Uhr vors Tor und wartete dort schlappe 2 Stunden, um zur Öffnung um 10 Uhr der Erste zu sein, der dann staufrei seinen Sperrmüll abliefert – fast schon bewundernswert, dieser Langmut und diese Disziplin), aller Voraussicht nach dürften die Keller nun leer und die Schlangen wieder kürzer sein, auch unabhängig von dieser Entsorgungsfahrt heute großer Schreibtisch- und Werkeltag in der Wohnung, ideal, denn draußen eher grau, kühl und regnerisch.

Gestern milde Temperaturen, Sonne satt und kein Wölkchen am Bayernhimmel, allein die Fahrt hinaus schon ein solcher Genuss, potenziert noch durch eine der CDs, die ein Freund dieser Tage im weltschönsten, weil dackelsilhouettenselbstbemalten Kuvert geschickt hatte, beim Anhören wieder nah am Wasser gewesen (dem körpereigenen Salzwasser), dann mit Dauergänsehaut über die Autobahn (die A95 ist ja ab Seeshaupt wie das Blättern in einem Hochglanz-Bayern-Bildband, erst recht an so einem Bilderbuchtag), dazu diese unerwartet glasklare Springsteen-Stimme von 1990 (als sein Organ eigentlich noch nicht die Tiefe und Reife hatte, die es in späteren Jahren zunehmend erreichte) und so schöne Versionen mancher Lieblingslieder (allein die Betonung einzelner Worte oder plötzliche Pausen an Stellen, an denen er sonst nie innehält oder einfach mal Klavier spielt statt Gitarre), dass das in Summe fast schwer zu ertragen war und mich bereits in emotional recht aufgeweichter Verfassung den Kochelsee erreichen ließ.

Am Zielort wartete schon der hübsch Bewimperte mit seiner federleichten Gefährtin, allmählich nervt das Umarmungsverbot wirklich kolossal, vor allem wenn man dann noch zugucken darf, wie die beiden Hundefräuleins sich total distanzlos und liebevoll aufeinander stürzen und später, auf einem Vorgipfel aus einem Napf trinken und sich dann erschöpft nebeneinander ins halbschattige Gras kuscheln und ein kleines Nickerchen machen.

Nicht dass ich mit dem hübsch Bewimperten kuscheln müsste, aber ein bisschen mehr Tuchfühlung wäre manchmal schon stimmiger als immer diese zwei Meter breiten Abstände – so viel Platz ist auf manchen Gipfelwiesen ja gar nicht.

Umso näher dafür die Gespräche, die wir führen, und auch schweigend baden wir in Glück an diesem Tag, weil wir uns so freuen, dass wir am Berg ähnliche Steige bevorzugen und dasselbe Tempo haben, und beim Gipfelbier, das der hübsch Bewimperte für uns aus seinem Rucksack holt, erzählt er mir von einem Hundehotel in Tirol und den dortigen Wiedereröffnungsangeboten und fragt, ob wir da nicht mal zusammen hinreisen wollen mit unseren beiden Hundemädels, und ich freu mich über diesen Vorschlag und willige ganz spontan ein, obwohl ich ja sonst übervorsichtig bin, was das Verreisen mit anderen Menschen betrifft, weil ich a) nicht allzu unkompliziert und b) auch nicht allzu kompromissbereit bin beim reisenden Unterwegssein, weshalb das für mich nur mit manchen entspannt machbar ist, denn es soll sich ja niemand meinetwegen verbiegen müssen (und ich bin eh nur schwer verbiegbar, genau das ist ja das Problem).

Die heißgelaufenen Füße anschließend in den See getunkt, zu kalt noch, um drin zu schwimmen, die Bergluft und die Sonne ausgekostet, bis letztere im See versank, anschließend wieder mit einer der „Springsteen, L.A., Shrine Auditorium, 1990“-CDs im Ohr gemütlich heimwärts gefahren, ein so reicher Tag, innen wie außen.

Tiefe Dankbarkeit, große Zufriedenheit, schwere Beine, wohligwarme Badewanne und schließlich Seit‘ an Seit‘ mit dem Dackelfräulein, das sich in ganz ähnlichem Zustand zu befinden schien, ins Reich der Träume verabschiedet.

Als ich die Augen schließe kurz der Gedanke: Wozu eigentlich in Urlaub fahren, wenn ab und an so ein Tag drin ist?

Himmel der Bayern (75): Über den Berg.

Alle Sommerkonzerte abgesagt, das Tollwood abgesagt, die Wiesn abgesagt – und obwohl mir von den drei genannten Absagen zwei ziemlich wurscht sind, war diese Stornoserie für mich der Anlass, endgültig umzudenken und umzuplanen, was die nächsten Monate angeht. Merkel, Söder, Reiter – alle sagen’s, mia san no lang ned überm Berg.

Dann ist das wohl jetzt so.

Bis man also wieder Schwimmen gehen auf Almen oder Hütten ein frisch gezapftes Weißbier wird konsumieren können, kann es noch dauern. So muss eben künftig das Weißbier mit auf den Berg kommen. Da hat es der Fan vom Hellen, vom Pils oder vom Kölsch eindeutig leichter, weil diese Biersorten auch problemlos aus der Flasche getrunken werden können. Nicht so das Weißbier. Allein schon wegen des Schaums haut das nicht hin und auch sonst wär’s ein Sakrileg.

Flasche und Glas mit in die Höhe zu schleppen behagt mir aber gar nicht und würde auch allmählich zum Platz- und Gewichtsproblem ausarten (nein, nein, nicht das Biertrinken, sondern Stauraum und Schwere des Rucksacks!). Mit Proviant für Mensch und Hund, Wechselwäsche, Verbandskasten, Hundetrage und -decke schlepp ich ja schon genug Krempel durch die Gegend.

Deshalb mal ganz zaghaft nach „Weißbierglas Plastik“ und – noch kühner! – nach „Weißbierglas faltbar“ gegoogelt, und siehe da: das gibt’s alles!
Das faltbare Modell nehm ich dann doch nicht, es ist potthässlich, wirkt arg instabil und erinnert mich zu sehr an den faltbaren Trinknapf des Dackelfräuleins. Man wird einander im Laufe der gemeinsamen Jahre ohnehin immer ähnlicher (optisch, mental, emotional und habituell), diese Entwicklung muss jetzt nicht noch durch die Anschaffung fast identischer Schlürfschüsseln forciert werden.

Trotz der COVID-19-bedingt deutlich längeren Lieferzeit, auf die Amazon auf jeder Seite fettgedruckt hinweist, rechne ich noch vor Pfingsten mit einem ersten glücksüberschäumenden Gipfelschluck aus meiner geschätzten Schneider Weissen TAP7. Gute Aussichten (und bis dahin behelf ich mir halt irgendwie).

Nach einem Arbeitsvormittag dann mittags rausgefahren, zur Vor-Ort-Recherche. Sie wissen schon: Strecken erkunden für das Büchlein „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“.

Heute: der Rechelkopf.

Wir grasen jetzt einfach nacheinander alle Touren ab, die wir in den letzten 30 Jahren ebenso arrogant („Ein Berg unter 1.565m Höhe ist kein richtiger Berg!„) wie ignorant („Zwiesel, Rechelkopf, Sonntratn – nie gehört! Wo soll das denn sein?“) links liegen ließen.

Bis wir damit durch sind, ist das Coronavirus längst über alle Berge. Und wir auch.

Dem Dackelfräulein gefällt das neu organisierte Programm ganz ausgezeichnet, bietet es doch ein ideales Ventil, den urbanen Überdruss abzubauen und sich fern aller kritischen Blicke und Streifenwagen mal so richtig auszutoben.

Zwar hadere ich etwas mit dem Hellen, aber übergangsweise geht’s schon mal.

Ein Prosit der Gemütlichkeit aus der Abendsonne in der vollkommenen Stille auf der Schwaigeralm!

Auf dem Abstieg entdeckt: die Schwaigeralm.

Windgeschützt kann das Fräulein sein Abendmahl einnehmen…

…leider ist die Portion wie immer lächerlich klein…

…weshalb direkt danach gebettelt wird…

…aber nix da, mein Brot gehört mir!

Song des Tages (48).

This is International Women’s Day 2020 in Bavaria.

This is one of the three hiking girls.

 

And this is Patti.

Thanks to all the wonderful women in my life and in the mountains!

Alpine Abend-Meditation in Weiß.

Für die Puristen unter Ihnen ein paar Impressionen:

Für die Cineasten unter Ihnen ein Vierteiler:

1. Hinauf

2. Hinein

3. Hin & weg

4. Hinab

ad 1.) Hinweis für besorgte Tier- und Naturfreunde: Was Sie dort hören ist weder ein asthmatischer Schneekauz noch der raue Bergwind in den sturmgebeutelten Fichten, sondern bloß das Geräusch eines dem Hund hinterhechelnden Menschen.

ad 3.) Hinweis für besorgte Pädagogen: Ja genau, wenigstens Sie hören richtig! 8 Jahre Erziehungsarbeit – und der Köter macht immer noch oft genug, was er will, wo er will und so lange er will.

Für diejenigen von Ihnen, denen das Wort lieber ist als das Bild:

Vier Stunden tolle Winter-Bergtour (auf teils selbstgespurten Pfaden), kaum was los wegen des Mistwetters (Dauerschneefall im Tegernseer Tal), das Dackelfräulein so ausgelassen und flott voraus wie lang nicht mehr (und anderthalb teckeltief im Pulverschnee versunken), die Hütte offen und ein kuschlig warmer Platz am Ofen (und halbe Portionen machen sie einem dort auch), äußerst nette Gesellschaft (aus der Steiermark) und sehr viel Ruhe (und die G. weit weg, drunten im Tal).

Kann man jetzt nicht meckern. Endlich mal wieder ein wirklich guter Tag.
Und wer hätte das gedacht, dass der Winter zum Abschied nochmal so gekonnt salutiert!

Mit besonders herzlichen Grüßen an D., die mir heut in München die Baustellen-Kontrolle und das Blumengießen abgenommen und mir die Fahrt erspart hat sowie an B., für die ich heut extra viele Fliegende-Öhrchen-Filme gedreht habe 😉 & Ihnen allen ein erfreuliches restliches Wochenende!

Fräulein Pippas Gespür für Gemütlichkeit.

Frau Kraulquappes seltsamer Durst & Flaschenwärmer.

My Osprey & me oder: Zum Alpenkränzchen hinaufgeturnt.

Während der PC ein Systemabbild der Festplatte erstellt, das sich im Schneckentempo auf einem externen Speichermedium verewigt, lasse ich die letzten Stückchen der feinen Sansibar-Schokolade von P. (mit einem Hauch Karamell drin, was ungewohnt ist, aber köstlich schmeckt) auf meiner Zunge zergehen, höre die eigens für Einsteiger wie mich zusammengestellte CD vom Ostbahn Kurti (die ein Freund letzte Woche geschickt hat, weil er den akuten Notstand an dieser Stelle zur Kenntnis nahm und stets darum bemüht ist, solche Notstände alsbald zu beseitigen) und habe Zeit für ein paar Notizen hier im Blog.

Die Nächte momentan voller Träume. Von Höhenflügen absurdester Art (z.B. noble Preisverleihung im Kreise journalistischer Prominenz, ich in einem olivgrünen Kleid und auf einem Podium im Scheinwerferlicht stehend, mit fester Stimme einen Text vortragend, womöglich meinen eigenen) bis hin zu spontanen Muttermorden (mal kurz „Mir reicht’s jetzt mit deinen Drangsalierungen!“ gesagt und – zack! – einen am Straßenrand liegenden Ziegelstein ergriffen und…) ist alles dabei.
Und sogar alles neu, kein einziger Aufguss von bereits Geträumtem, keine einzige bekannte Szenerie. Lassen wir das einfach mal so stehen und interpretieren es am besten gar nicht (oder erzählen es irgendwann mal dem Arzt des Vertrauens, falls es in Erinnerung bliebe oder einem irgendwie länger oder ungut nachginge).

Die Tage momentan voller Gespräche, Begegnungen und Bewegung, wenn man Alltags- & Arbeitsdinge mal aus der Betrachtung ausklammert.
Mit D. ihr Geburtstagskuchenessen nachgeholt, das Kennen und die Vertrautheit von zwanzig Jahren so spürbar und schön, das Dackelfräulein friedlich zwischen uns liegend, das Köpfchen rührend in den Schoß der Freundin gebettet, die sie von klein auf kennt, Anblicke, die sich einbrennen und einen an kälteren Tagen wärmen werden.
Mit dem Papa ein paar Stunden zu zweit gehabt, fast ein bisschen wie früher, zusammen gekocht und gegessen und abgewaschen, nach dem Söllner-Konzert einen Absacker getrunken und in aller Ruhe über dies und das geredet.
Mit dem hübsch Bewimperten, neulich auf einer Feier vom Nachbarn kennengelernt, ein erstes Date zu zweit (bzw. zu viert, denn die beiden Hundedamen waren natürlich mit von der Partie), ebenso wohltuend wie die Erstbegegnung, Erzählen und Nachfragen in wunderbarer Balance und überhaupt keinerlei Hakligkeiten oder Fremdheiten (schon lang nicht mehr erlebt: so schnell eine solche Nähe und Verbindung, und beide sind wir ganz beglückt darüber).
Am Tag drauf abends Besuch vom Physiker, monatelang nicht gesehen, auch deshalb lieber daheim verabredet als in einer Kneipe (zu laut/voll/teuer), für zwei zu kochen fällt mir eh leichter als tagelang nur für mich alleine was zu brutzeln, Pippa freut sich über jeden, dem sie nacheinander ihre vier Spielsachen vor die Füße schleudern kann und der immer brav auf alles eingeht, und bevor er nachts aufbricht, heilt er noch die neueste Macke des Canon-Druckers, die ich ihm entnervt vorführe, durch völlig physiker-untypisches Handauflegen.
Freitags noch mit T., die sich den Tag ab Mittag freischaufelt, eine sonnige Hunderunde am Starnberger See gedreht, offene Jacke + Sonnenbrille = Frühling?, Kaffee und Kuchen, Seeblick aus der Gaststube und ein zufriedener Hund unterm Tisch, ein Nachmittag wie aus dem Bilderbuch, wenn nicht gar aus dem Klischeelexikon (dort zu finden unter „Münchnerin, die“).

Der Gatte erschöpft von zwei Wochen Frankfurter Uni-Alltag (und Sondersperenzchen wie Blockseminar und Vortragsreise in die Hauptstadt) heimgekehrt, schnauft samstags mal kurz durch, sinkt zumindest für ein paar Stunden mit seinen beiden Damen auf die Couch, arbeitet schon sonntags wieder weiter, das aber glücklicherweise nur, um sich den gestrigen Montag freizunehmen, denn irgendwelche Vorteile und Freiheiten muss dieser strapaziöse, zeitfressende Job ja auch mal mit sich bringen: schon seit Jahren fahren wir bei gutem Wetter am Wochenende möglichst nirgendwo mehr hin, weil halb München die Autobahnen oder Züge gen Süden verstopft und am Zielort nur Horrorwandern in Horden droht.

Von den zwei Ausflugszielen wählt er beherzt das deutlich ambitioniertere, während ich von den zwei Rucksäcken den deutlich faderen wähle, aber so ein Rucksack ist ja auch eine Entscheidung für die nächsten zehn Bergjahre, das muss nach den Geboten der Vernunft entschieden werden und nicht nach Stimmung oder strahlender Optik oder weil ein violettes „for women“-Schildchen dran baumelt. Trage ich halt das Männermodell, fühle mich ja sonst hinreichend „for women“ seit die Hormonlage einen noch mehr beutelt als sie’s die letzten dreißig Jahre schon tat.

Gestern also gemütlich, staufrei und ohne Parkplatznöte an den Spitzingsee, die Grödeln aufgezogen, die Rucksäcke geschultert und los geht’s – hinauf zur Rotwand!
Die Sonne scheint, der Schnee glitzert, das Dackelfräulein friert diesmal nicht und flitzt munter voraus, ich marschiere mittelmunter in der Mitte unserer kleinen Kompanie (wg. Muskelkater von den neuen Flossen), der Gatte zieht den Aufstieg mit Zähigkeit durch und frohlockt erst oberhalb der Baumgrenze, wo die Aussicht ein Traum und die Hütte in Sichtweite ist.

Oben angekommen Spaß und Spiel im Schnee, Gipfelraten und Großglocknergucken, und schließlich tolle Spinatknödel und noch tollerer Schokokuchen im Rotwandhaus, erbaut vor 114 Jahren von der Münchner Sektion „Turner-Alpen-Kränzchen“ – ein Sektionsname, der mir absolut unmittelbar gute Laune machen würde, wenn ich die nicht bereits gehabt hätte.

(Zum Vergrößern der Bilder & zum Lesen der Bildunterschriften einfach draufklicken!)

Himmel der Bayern (71) und Song des Tages (44): Obi, obi!

Freitag, 17. Jänner. Morgens, irgendwo über dem Murmeltierbau des Carl-von-Stahl-Hauses.

Gegen 2 Uhr nachts, dank des Fleecepullovers, den ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt habe, fühlt sich das Ein- und Ausatmen nicht mehr ganz so eisig an und ich bin gerade mühsam ein bisschen eingenickt, knurrt es unter meiner Bettdecke und den drei darüberliegenden Wolldecken hervor. Pippa hat die Hüttenhündin gehört, die um die Zeit im Alleingang ums Torrener Joch zu stromern pflegt und den Mond anheult.

An meiner Seite robbt sie sich hoch bis auf Kopfkissenhöhe, ich beruhige sie ein bisschen und schiebe sie sanft wieder zurück unter die Decke, wohl wissend, dass es ihr sonst bald zu frisch werden würde. Jede Bewegung ist anstrengend, auch Umdrehen geht unter diesen Decken kaum, das Zeug hat ein ordentliches Gewicht, also wechsle ich höchstens jede Stunde einmal die Position. Auf der rechten Seite liegend kann ich aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel blicken, zwischendrin stelle ich die Augen scharf und schaue ich in den Raum zwischen mir und dem Fenster und wäre nicht überrascht, wenn ich dort meinen Atem sehen könnte.

Einmal muss ich kurz raus zur Toilette, als Eiszapfen kehre ich zurück und krabble wieder in den wärmenden Dachsbau. Es ist eine dieser Nächte, in denen ich bewusst nicht auf die Uhr sehe, um mich ja nicht zu vergewissern, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Um 7 Uhr stehe ich auf, steige vom Bett aus direkt in die Bergstiefel (alles andere habe ich sowieso schon an), schlüpfe in die Jacke, schnappe mir meine Kamera und gehe nach draußen. Dort ist es eher wärmer als im Zimmer, zumindest dann, wenn man von der Terrasse aus nach Österreich guckt, wo die Sonne hinter dem Schneibstein hervorlinst.

Die Sächsin kreuzt kurz nach mir auf der Terrasse auf und wirkt trotz der frühen Stunde schon äußerst munter und frisch frisiert. Wir holen uns gemeinsam einen ersten Kaffee und sie erzählt mir von der kalten Dusche, die sie hinter sich hat (trotz Münzeinwurf für 5 warme Minuten, welch Glück, dass mir das gestern Nachmittag nicht widerfuhr) und fährt strahlend fort, dass sie im Keller eine Steckdose gefunden hätte, für ihren Lockenstab (leckomio, denke ich, was mancher so alles mitnimmt auf den Berg).

Eigentlich hatte sie für zwei Nächte gebucht, wird aber heute schon zur Jenner Bergstation laufen und mit der Bahn hinunterfahren, weil sie ihre Blutdruckpillen im Auto vergessen hat. Und „dos gehd goor nich“. Zufrieden nehme ich das mit der Bergbahn zur Kenntnis, weil damit klar ist, dass unser Weg ins Tal nicht derselbe sein wird, denn dieser Beschallung hätte ich sonst durch einen unangenehmen Sprint oder eine Notlüge ausweichen müssen.

Der Österreicher kommt in den Gastraum, setzt sich zu uns und fragt als Erstes nach dem Dackelfräulein. „Liegt noch im Bett“, antworte ich, „steht ungern vor halb acht auf“. Man tauscht sich noch ein Weilchen über die jeweiligen Erfrierungen aus und wie jeder sich so beholfen hat. Mittlerweile ist es 7:45 Uhr und als die beiden Jungs aus BGL in die Stube hereinpoltern, erhebe ich mich und gehe in meinen „Murmeltierbau“ zurück.

Die Beule unter dem Deckenberg (= Hund) noch exakt an derselben Stelle wie vor 45 Minuten, als ich aufgestanden bin. So kenn‘ ich meine Kleine!
Ich wecke sie, hebe sie aus der Koje und führe sie nach draußen. Das Thermometer auf der Terrasse zeigt minus 10 Grad an. So schnell hab ich sie noch nie ihre Geschäfte erledigen sehen, alles geht zackzack, und danach sofort ab zur Hüttentür, rein in den Flur, rechts abgebogen in die Stube, schnurstracks zum Tisch und dem frühstückenden Österreicher in die Kniekehle gesprungen. Die Sächsin ruft „Halloh Bibboh“, die Jungs sagen „Griaß di, du Hex“ und der Österreicher fragt, ob er ihr „a Stückl Gselchts“ geben darf.
Sagte ich schon mal, dass ich’s nicht so habe mit Gruppen, erst recht nicht am frühen Morgen?

Ich lasse den anderen Vorsprung und mir Zeit, füttere das Fräulein, wasche mich, packe mein Glump zusammen, trinke noch eine Kanne Tee, hänge meine Wandersocken an den Kachelofen, stelle die Bergstiefel davor und platziere das Dackelfräulein nebenan. Möglichst durchwärmt aufbrechen lautet die Devise!

Großes Verabschieden allerseits, die Sächsin klinkt sich in ihre Schneeschuhe ein und stakst ungelenk Richtung Osten, der Österreicher verabschiedet sich hinab nach Salzburg, die beiden Jungs preschen los auf den Schneibstein und ich schnüre um 9:30 Uhr meine Stiefel und trete hinaus in die Kälte.

Noch bevor wir das Schneibsteinhaus erreichen, das keine Viertelstunde Marsch entfernt unter uns liegt, bleibt Pippa auf dem völlig vereisten Weg sitzen und hebt abwechselnd mal die linke, mal die rechte Vorderpfote. Dazu ein Gesichtsausdruck, der einem durch Mark und Bein geht.
Als ich zu ihr gehe, rast sie los, bergauf, zurück zum Stahlhaus. Ein kleiner Kampf, bis ich ihr klarmachen kann, dass wir aber hinunter müssen. Sie versucht es noch ein Stück, aber der Weg liegt völlig im Schatten und der Boden ist zu kalt, der ganze kleine Hund schlottert erbärmlich.

Ich verwerfe die Option, den Rucksack abzusetzen, um den Hundemantel herauszukramen, weil der für die Isolation der Pfoten ja gar nichts bringt, stattdessen schnalle ich die Stöcke außen an den Rucksack, ziehe den Beckengurt straffer, damit er die unteren 15cm der Jacke fixiert, öffne meinen Anorak, stecke Pippa hinein, ziehe den Reißverschluss bis zu ihrem Hals wieder hoch, schlinge beide Arme zur Stabilisierung um dieses Gebilde – und weiter geht’s.
Es geht aber weder gut, noch zügig, denn ohne Stöcke bin ich allein auf die Grödeln angewiesen und muss eine andere Gangart wählen, damit ich sicheren Tritts und ohne Stürze nach gut einer Stunde die Königsbachalmen erreiche.

Klitschnass geschwitzt sind wir nun endlich auf der Sonnenseite des Lebens Bergs angekommen, und vor allem endlich in etwas weniger steilem und vereistem Gelände. Ich öffne den dampfenden Anorak und setze das Fräulein wieder auf dem Boden ab. Putzmunter saust und springt sie vor mir her und ich humple und hechle völlig erschöpft hinter ihr her.
Ein Skitourengeher kommt uns entgegen und kommentiert schmunzelnd unser ungleiches Tempo, ich bin zu erschöpft für eine schlagfertige Replik.

Aber nach und nach trocknet die Sonne meinen Schweiß, der Hund hat sichtlich Spaß im Schnee, alles ist so sonnenglitzernd und prächtig und der Watzmann schaut dermaßen toll aus, dass es dann irgendwann wieder geht und wir doch noch ein gemeinsames Tempo finden, bevor wir unten am Parkplatz ankommen.

Auf der Heimfahrt nehme ich diesmal den Weg über Inzell und rufe, als ich den Ort passiere, aus dem Auto den Papa an, weil wir in meiner Kindheit öfter zusammen dort waren.

Der Papa hatte nur wenige Freunde außerhalb seines Berufslebens, einer davon leitete in Inzell eine „Stotterschule“, wie das damals allen Ernstes und ohne jede Verfremdwortung noch hieß. Der Freund war ein lustiger, rothaariger Mann, der selbst einen kleinen Sprachfehler hatte, er hieß Pit und ich mochte ihn sehr. Die Mutter mochte ihn überhaupt nicht, weil sie aus Prinzip die Freunde des Papas nicht mochte, vor allem die fröhlichen nicht. Also besuchte der Papa ihn immer ohne die Mutter, nahm nur mich mit und verband diese Fahrten meist noch mit einem beruflichen Termin in Berchtesgaden, wo er seinerzeit ein Bauprojekt betreute.

„Ich fahre gerade durch Inzell!“, plärre ich in die schlechte Bluetooth-Freisprech-Verbindung. Der Papa freut sich und will wissen, ob ich mich an das Eisstadion erinnere, in dem wir zusammen gewesen sind und wo ich so geweint hätte, weil ich mehrfach gestürzt sei. „Eis mochte ich noch nie und für heute habe ich auch schon wieder genug vom Eis“, antworte ich und erzähle ihm von meinem Ausflug in die Berchtesgadener Alpen.
Ob ich an der Gebirgsjägerstraße vorbeigekommen sei, möchte er nun wissen, und wie die Jugendherberge denn mittlerweile so aussähe, und ist etwas enttäuscht, als ich berichte, dass ich zwar an Strub vorbeigefahren sei, aber von der Straße aus nur die Kaserne gesehen hätte, in der in grauer Vorzeit der Gatte mal stationiert war.

Wir machen aus, dass wir beizeiten nochmal gemeinsam in diese Gegend fahren wollen, und überlegen, wohin genau, und ob er dort vielleicht noch aussteigen und ein paar Schritte gehen könnte, ohne allzu viele Strapazen.
Dann möchte er noch die Einzelheiten zu der Tour hören, vor allem die Namen der Berge rund ums Stahlhaus herum, und kurz bevor wir auflegen, sagt er glatt „Ich bin stolz auf dich“, aber da bin ich leider bereits auf der Autobahn und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht mehr losheulen kann, wie man das sogar als erwachsene Tochter noch sofort tun möchte, wenn der Papa mal so einen seltenen Satz raushaut, obwohl man mit dem Begriff Stolz ja an sich nie warm geworden ist.

Übers Wochenende begeben wir uns nun in kreative Klausur, wünschen Ihnen schöne Winterträume und sagen Servus & bis bald!