Himmel der Bayern (64b): Von Hornochsen und anderen Rindern.

Wenn Sie noch mehr als das Kuhglockengeläut vom heutigen Bergtag hören wollen – bitte gern!

Heute also von Ohlstadt über die Kaseralm auf den Rötelstein, dann auf den Heimgarten, Einkehr in der DAV-Hütte, anschließend weiter zum Rauheck und via Bärenfleckalm wieder zurück nach Ohlstadt.

In einer Gehzeit von 4:20h drei Gipfel bestiegen bzw. 1.300 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter gelaufen, mit Lichtschutzfaktor 30 von Kopf bis Fuß, 2 Litern Flüssigkeit und 2 Pausen von insgesamt 1:30h.

Traumwetter, tolle Fernsicht, wenig los. Oberbayern at its best.

Merke: Fällt der letzte Hochsommertag auf einen Wochenendtag und du willst in die Berge, meide eine zu frühe Abfahrt in München (der Großteil fährt vor 10 Uhr los und verstopft Züge oder Autobahnen), wähle einen Berg ohne Bahn, möglichst hoch, möglichst steil, möglichst keine Einkehroption unterwegs (für einen möglichst hohen Ruhefaktor) und beiß oben auf der Hütte für die Dauer deiner Rast die Zähne zusammen (es führen 6 Wege auf den Heimgarten, da menschelt es dann an einem solchen Tag doch gewaltig).

Sitze ich da in aller Ruhe mit meinem Hopf und gucke hinüber zum Krottenkopf. Unweigerlich muss ich an den ehemaligen Berg- bzw. Handwerksfreund denken, beide Titulierungen so unpassend in der Retrospektive, denn außer einem Berg leerer Versprechungen und einer handvoll Schreinerarbeiten ist nichts, aber auch gar nichts von der Zeit mit ihm geblieben, Freundschaft schon gleich gar nicht, zuletzt bloß noch eine schnöde, schäbige Lektion in „Ghosting“. Jedenfalls war man gemeinsam sowohl hier (Heimgarten) wie dort (Krottenkopf), so erinnert man sich bei dem Hopf, aber weiter vertiefe ich mich auch nicht in dieses traurigtrostlose Kapitel der Vergangenheit, weil ein Weibertrupp sich hechelnd an meinem bisher so schön ruhigen und leeren Tisch niederlässt. Die drei schwäbischen Endvierzigerinnen (warum treffe ich nur überall auf diesen Dialekt?!) legen unter großem Getöse und Gelabere ihr Glump ab und begeben sich in die Hütte, um sich was zu Essen und zu Trinken zu holen. Kommen kurz drauf mit drei Getränken und laut schimpfend zurück. Der blöde Wirt wolle sie nicht bewirten und sie stattdessen nach nur einem Getränk wieder fortschicken. Das sei ja mal wieder typisch Bayern, so eine Unverschämtheit.

Ich kann den Fortgang der Unterhaltung gar nicht nicht mitbekommen, schließlich hocken sie direkt neben mir, und so traue ich meinen Ohren kaum, als ich wenig später erfahre, dass der Hüttenwirt ihnen die weitere Verpflegung verweigert hat, weil die drei Frauenzimmer mit Pferden hier hinauf gekommen sind. Pferde? Hier heroben? Ist das die Möglichkeit?! Sie müssten mal die Wege sehen, die hier hoch führen: nix Forststraße oder Waldweg. Das sind steinige Bergpfade, teils immer noch übel von Sturmschäden oder den Spuren des letzten Winters gezeichnet! Und es sind in jedem Fall 1.000 Höhenmeter, egal auf welchem Weg, außer man hätte die Seilbahn auf den benachbarten Herzogstand genommen und wäre über den Grat herübergeritten, was ich dann aber doch mal ausschließe, weil der Grat viel zu schmal für so ein Pferd ist. So wie ich eigentlich auch ausgeschlossen hätte, dass man überhaupt mit einem Pferd bis hier oben gelangen könnte.

Aber tatsächlich: etwas unterhalb der Hütte stehen die drei Tiere, bei einem Schuppen, im Halbschatten angebunden. Der Wirt hat extra die Vorräte unter dem Schuppenvordach beseite geräumt, damit die völlig erschöpften Pferde nicht in der prallen Sonne warten müssen, bis ihre bekloppten Reiterinnen sie wieder den steilen Berg hinunter treiben. Wasser hat er ihnen auch gebracht.

Eines der Pferde hat sich verletzt und blutet am Bein. Auch dafür hat der Wirt noch Verbandszeug spendiert. Danach ist ihm der Kragen geplatzt und er hat die drei Schwäbinnen zammgeputzt, wie man hier so sagt. Aber so richtig. Gestern erst hätte er zwei depperte E-Biker verarzten müssen, die verdammt nochmal nix mit diesem E-Zeug hier oben zu suchen hätten (keine Mountainbikestrecke!) und heut kämen die nächsten Idioten sogar mit Pferden auf den Berg!

Die Stimmung ist gelinde gesagt angespannt und als Tischgenossin bleibt es mir leider nicht erspart, irgendwann Stellung zu beziehen, weil die drei Frauen ohnehin jeden im näheren Umfeld mit ihrem Unmut traktieren und befragen, wie man das denn fände, das sei doch das Allerletzte, wie sie hier behandelt würden.

Ja, sage ich dann, ich finde auch, dass es das Allerletzte ist, bei der Hitze und in solchem Gelände drei Pferde auf fast 1.800m hinaufzuscheuchen und so gesehen sei es durchaus angemessen, wenn es ihnen nun auch nicht besser erginge als den armen Tieren (und verkneife mir, zu erwähnen, dass ich grundsätzlich allen Tierquälern wünsche, dass sie wenigstens mal für einen Moment ähnliche Qualen erleiden sollen wie das Lebewesen, das sie malträtiert haben: erst letzte Woche wurde im Ruhrgebiet ein Hund aus einer Wohnung befreit, der dort wochenlang von seinen anwesenden (!) Besitzern an die Heizung gekettet wurde, fast verhungert wäre, deformierte Gliedmaßen und eine völlig verkümmerte Muskulatur hatte, wovon er sich vermutlich nie wieder ganz erholen wird – schon beim Lesen dieser Zeitungsmeldung hatte ich die wildesten Rachephantasien…).

Nach meinem dezenten Statement verlasse ich den Tisch sofort, man schwäggert (=meckern auf Schwäbisch) mir hinterher. Das Rauheck wartet und wenn ich mich noch mehr aufrege, greift das womöglich noch die an sich gute Konstitution an – und das hilft den Pferden ja leider auch nicht.

Kurz vor einer Steilwand treffe ich dann Gunnar. Gunnar kommt aus Gunzenhausen, ist ca. 165cm hoch und wiegt vermutlich doppelt so viel wie ich, ist für drei Wochen auf Reha in Ohlstadt – und er kommt mir aus der Steilwand entgegen. Wieder so ein Wunder am Berg: wie ist der da nur durchgestiegen? Da er mich um einen Schokoriegel und etwas Wasser anfleht, kommen wir ins Gespräch und ich erfahre: es ist die allererste Bergtour seines Lebens (er kichert wirr und der Schweiß strömt ihm über die roten Pausbacken), er hat bis hierher 4 Std gebraucht (für 2/3 der Strecke bis zur Hütte, normale Wanderer brauchen dafür maximal 2,5 Std) und alle seine Getränke und Schokoriegel, er möchte aber unbedingt noch „ganz nach oben“. Er wirkt vergnügt, fast euphorisch und zugleich ziemlich entkräftet. Ich mag ihn aber irgendwie und schenke ihm daher meinen Müsliriegel und fülle einen halben Liter meines Wassers in seine leere Fanta-Flasche um, lasse ihn zum Dank noch ein Foto von mir schießen, wünsche ihm alles Gute und frage, ob ich unten in Ohlstadt der Reha-Klinik schon mal Bescheid geben solle, dass er erst morgen wiederkäme. Bellendes Lachen, wirrer Blick, Gunnar winkt fröhlich und stolpert weiter bergauf. Herrje.

Auf dem restlichen Abstieg nur noch ein gewöhnliches, streitendes Paar (er sportlich, sie übergewichtig, er Lust auf die Tour, sie nicht, beide zutiefst frustriert), zwei Kreuzottern und eine Kuhherde.

Eine der Kühe kommt mir nah und näher und schleckt mir meine salzigen Knie ab. Erinnere mich nicht, wann ich zuletzt so intensiv eine Kuhzunge gefühlt habe – ein Peeling ist nix dagegen! Mit sauberen Knien zurück ins Tal, dort in den kühlen Biergarten und nun mal langsam nach Hause.

Himmel der Bayern (64a): Süßer die Glocken nie klingen.

Heute: Laut Wetterbericht letzter Hochsommertag 2019. Ich habe Ausgang. Heißa! Keine Männer, keine Hunde, kein Haushalt. Für jedes dieser „Keins“ gönnt Frau Kraulquappe sich heut einen Gipfel. Rötelstein, Heimgarten, Rauheck. Zwei hamma scho, nach der Weißbier-Kuchen-Kaffee-Pause dann den dritten. Ein Hammertag für die letzte große Sommerbergtour und bevor es in 9 Tagen dann in den hohen Norden geht.

Hören Sie sich das mal an! Das war die Mittagspausenmusik. Und dazu eine Aussicht vom Feinsten: auf den Grat zwischen Heimgarten und Herzogstand, dahinter lugt der Schafreuter hervor, dann weiter über den Jochberg bis zur Benediktenwand und hinunter zum Kochelsee. Später mehr & bis dahin herzliche Grüße!

Der Rusticus (2).

Testtour in Sachen Teckelträgheit (vom Juni/Juli). 700 Höhenmeter hinauf, kleine Rast, 700 Höhenmeter hinunter.

Mit geradezu beglückendem Fazit: Der Rusticus (resp. die Rustica) läuft wieder freudig mit (von der üblichen Forststraßenunlust mal abgesehen), zumindest so eine kleinere Tour – und das ist ja schon mal wunderbar.

Mir fällt nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern ein ganzer Felsen.

Haben wir’s sogar noch pünktlich zurück in die Stadt geschafft, wo mich nun der Physiker zum zweiten Teil des Foto-Workshops mit der neuen Kamera erwartet.

Denn man möchte ja in Gotland einen professionellen Eindruck machen, aber die beste Technik nützt halt nix, wenn man sie nicht gscheid bedienen kann.

Song des Tages (36) & Himmel der Bayern (63): Grenzgang.

Gestern und heute einen lang gehegten Traum realisiert: Ins Wettersteingebirge gegangen (eines der zwei heimatlichen Lieblingsgebirge), Übernachtung auf der Meilerhütte und kurz nach Sonnenaufgang hinauf auf die Westliche Törlspitze. Seit Jahren davon geredet und geträumt. Wirklich seit Jahren!

Beim gedanklichen Ausmalen dieser Tour immer das Dackelfräulein als meine treue und erprobte Bergkameradin mit mir dort hochlaufen sehen. Mit etwas Geschick hätte man das Zweierzimmerchen schon bekommen, in dem brave Hunde nach Absprache erlaubt sind.

Schweren Herzens, aber leichten Verstandes nun Abschied genommen von dieser Idee. Zu lang und zu steil der Weg für unsere kleine Hundedame, momentan zumindest, und bei dem Wetter eh völlig undenkbar, da auf der Hälfte des Weges ja nicht mal mehr ein Baum oder Strauch Schatten spendet.
Vor ein, zwei Jahren wär’s wohl noch problemlos gegangen, woraus mal wieder die Lehre zu ziehen ist, dass die paar Lebensträume, die man hat, nicht zu lang aufgeschoben werden sollten.

Catch your dreams before they slip away, wie die Stones schon 1967 sangen – schließlich wird man weder jünger noch beweglicher (wer weiß, wie lang Schulter, Ellbogen und Knie solche Aufstiege noch gut mitmachen und die Trittsicherheit noch in dem Maß vorhanden ist, wie diese Tour es ab und an erfordert).

Besser also nicht weiter vertagen, dachte ich, denn eines Tages kommt evtl. nicht nur Pippa nicht mehr hinauf, sondern auch ich nicht mehr – und damit stand der beste Zeitpunkt fest: jetzt.
Das Wetter ist mir grad recht, denn so weit oben ist es herrlich frisch und luftig, man schwitzt halt ein bisschen, um hinaufzukommen. Auf rutschignasse Felsen kann ich, vor allem abwärts, gut und gern verzichten, da nehm ich lieber das Hochsommerwetter wie’s ist.

Das ist schon eine Wucht da heroben: diese Steinriesen, soweit das Auge reicht, und es reicht bis ins Zugspitzplatt und den Schneeferner hinein und wenn man sich umdreht bis tief ins Karwendelgebirge. Und diese Hütte, die sich wie ein Adlerhorst auf 2.374m Höhe (exakt auf den Landesgrenzen) an den Fels schmiegt, von Dohlen umkreist und von Murmeltieren bepfiffen. Atemberaubend ist das! Zweitausdendreihundertvierundsiebzig Meter, was sagen Sie dazu?!? Und zu dem Panorama?

Mich befiel Sprachlosigkeit und Demut, als ich da gestern am frühen Nachmittag stand und schaute (war eh niemand da, mit dem man ein Wort hätte wechseln können oder müssen, nur ein Steinbock im Kar unter mir).

Nirgends sonst ist Erhabenheit für mich so greif- und spürbar wie auf solchen Gipfeln oder Graten – und ich bin sicher: auch Schiller hätte seine Freude daran gehabt, hier zu stehen, zu schauen und vor sich hin zu fühlen.

Wenn sich der Morgennebel auflöst und den Blick freigibt auf den Wettersteinkamm und die Dreitorspitzen ist das nicht einfach nur eine schöne Aussicht. Es ist ein ernster, ein erhabener Anblick.

Man hat ihn im Visier, den Felskamm, der hinauf zur Törlspitze führt, und von neuen Kräften belebt (nach einer vergleichsweise passablen Nacht im oberen Einzel-Stockbett – merke: wähle immer den Lagerplatz mit dem größtmöglichen Abstand zu den Mitschläfern und dem kleinsten Abstand zum Fenster), steigt man wieder sicheren Schrittes voran. Der Rucksack wartet unten bei der Hütte (nichts irgendwie Belastendes möchte ich mit hinaufnehmen auf diesen letzten Metern), er lehnt windgeschützt neben der eigenen, kleinen Alltagsexistenz an der steinernen Hüttenwand (gestern, bei Ankunft, alles abgelegt).

Das Erhabene ist mehr als Natur – es ist Herausforderung und Übung zugleich. Das Gebirge ist so viel stärker, größer, gewaltiger als wir, und als kleiner Wicht, als der man oft auf Erden umherirrlichtert und dennoch meint, das meiste im Griff zu haben oder zumindest emsig daran zu arbeiten (denn man muss ja heutzutage an allem arbeiten), muss man einsehen, wie ohnmächtig man doch den Gewalten der physischen Welt gegenübersteht, wie sehr man ihnen als Wesen der sinnlichen Welt im Grunde ausgeliefert ist.

Eine Übermacht, gegen die wir uns nur behaupten können, indem wir als Wesen der geistigen Welt, die wir nicht auch, sondern vor allem sind, uns auf unsere eigene Freiheit besinnen (keine Sorge: das hab ich von Schiller, und vor Urzeiten, in meiner Abschlussarbeit, sicher auch mal treffender formulieren können, ich musste nur gestern Abend, durch diese krasse Stille und Steilheit um die Hütte streifend, nach Langem mal wieder dran denken). Der Mensch, sagt Schiller, ist immer schon mehr als Natur: Er ist freier Wille, und das Erhabene fordert ihn gerade in jenen Momenten, in denen es ihn physisch vernichten könnte, dazu heraus, dieses Mehr auch zu sein.

Eine Art vorübergehender Nullpunkt der Existenz und zugleich ihre ganze Möglichkeit und Fülle. Das sag ich jetzt mal so, ganz unschillernd.

Was dieser pathetische Exkurs soll, fragen Sie sich? Hat Frau Kraulquappe einen Sonnenstich? Oder einen Höhenkoller? Oder ticken die Hormone mal wieder aus?
Nein, nichts von alledem, glaube hoffe ich. In den Bergen kann ich machmal einfach freier herumdenken als unten im Tal. Und den Schiller hab ich damals wirklich gern und mit großem Interesse gelesen.

Genug geschwafelt. Nun mal zurück in die Niederungen, die Hälfte des Abstiegs liegt ja noch vor mir.

Und wissen Sie, worauf ich mich jetzt schon am meisten freue? Auf eine ausgiebige Dusche und frische Kleidung am Leib. Auch das wird sich erhaben anfühlen, für so einen verzärtelten Großstädter. Das Alpspitzbad wartet!

Stood alone on a mountain top
Starin‘ out at the Great Divide
I could go east, I could go west
It was all up to me to decide

Just then I saw a young hawk flyin‘
And my soul began to rise
And pretty soon
My heart was singin‘

Roll, roll me away
I’m gonna roll me away tonight
Gotta keep rollin‘, gotta keep ridin‘
Keep searchin‘ till I find what’s right

And as the sunset faded I spoke
To the faintest first starlight
And I said next time
Next time, we’ll get it right

In einem früheren Leben war ich vielleicht eine Bergziege…

…und im nächsten Leben möchte ich ein Steinadler sein.

Im Wettersteingebirge.

In der Zwischenzeit laufe ich weiter und immer weiter, dem Himmel entgegen.

Ist schon noch ein Stück!

Es läuft sich unerwartet gut bislang, aber man soll ja den Bergtag nicht vor Bewältigen der 1.400 Höhenmeter und Erreichen der Hütte loben.

Bin jetzt dann mal offline!

Weibaleitdog oder: Be happy.

Freitag. Frauentag im Kreuther Tal.
Das Fräulein und ich auf der Halserspitz, der Königsalm und danach in der Weißach. Mal wieder ganz ohne beruflichen Blick auf irgendwas, einfach nur gehen und gucken, keine Notiz, zu nichts, kein beim Gehen im Geiste verfasster Absatz zu einem Wegstück oder einer Beobachtung. Nur wir, der Berg und die Sonne.

Naja, nicht ganz. Wir gerieten etwas unerwartet mitten in den Almauftrieb, der dieses Jahr im Kreuther Tal so spät stattfand wie schon lang nicht mehr.
Überall Kühe, nicht ideal, wenn man mit Hund da durchmarschiert. Zumal die Kühe, wie ich gestern erleben durfte, ihren ersten Freilauf auf der Weide mit wilden Hüpfern und Sprüngen feierten – das verstört dann sogar den kuhgewohntesten Hund.
Also doch den Weg genommen, der als „gesperrt“ markiert war, wegen diverser Winter- und Sturmschäden. Klaro: vorher nachgefragt, ob man das riskieren dürfe, aber wenn der Almwirt meint, wir schaffen das, wenn wir trittsicher sind und über ein paar umgefallene Bäume klettern können, dann schaffen wir das auch).

Das Dackelfräulein liebt waldige Berghänge, Kraxeln über umgefallene Bäume und schmale Nebenpfade – und ich liebe es, wenn der Hund glücklich ist.
Auf den sonnigen Strecken weiter oben hechelt sie dann sehr und ich auch und ich sage zu ihr: „Mäuschen, wir sind nicht mehr die Jüngsten, mach langsam!“, was sie sogar beherzigt.
Hieve sie in jede Viehtränke (wirklich wie gemacht für die Dackelstatur, diese Wannen), hieve unseren Proviant den Berg hoch (der Rucksack, halb so voll wie bei den Wintertouren, kommt mir doppelt so schwer vor). Auf der Alm fast eingeschlafen, trotz Kaffee.
Demnächst, so denke ich dort im Schatten vor mich hin dösend, gibt’s hier im Blog mal einen Beitrag über Tabuthemen. Es ist zum Beispiel eine Schande, dass kaum jemand weiß, was Endometriose ist und was das im Alltag bedeutet. Und ebenso, dass über manche Symptome der Wechseljahre nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird.

Anschließend in Rottach-Egern im Garten des Papas die Füße hochgelegt (korrekt müsste es heißen: im Garten der Lebensgefährtin des Papas, denn er ist dort „nur“ Mitbewohner und ich somit keine Haus-am-Tegernsee-Erbin in spe, leider).
Ersten Aperol des Jahres serviert bekommen. Erstes Grillen in diesem Sommer genossen. Erstmals bis spätabends draußen gesessen.
Fräulein Hund hellauf begeistert von all den Gerüchen und Gaben und noch heller aufgeregt vom Kurzbesuch der Nachbarskatze. So ist das auf dem Land.

Wie oft wir wohl noch genau so dasitzen werden?, frage ich mich. Das frage ich mich schon lange und bei jedem Besuch. Eine unnütze Frage, und doch nicht abzuklemmen in diesem Hirn, das ständig vor sich hindenkt.

Der Papa und seine Lebensgefährtin zanken jetzt öfter als früher. Wenn im Alter alles immer beschwerlicher wird, sind manche Klüfte offenbar schwerer durch Humor oder Toleranz zu überbrücken.
Ihn nervt, dass sie so viel vergisst/verlegt/verdreht und sie nervt sein immer kleiner werdender Radius und sein immer größer werdendes Bedürfnis nach Struktur.
Ich sage es den beiden im Laufe des Abends, dass sie mittlerweile arg viel herumkeifen und dass sie doch froh sein sollen, dass jeder von ihnen noch Dinge kann, die der andere schon nicht mehr kann. Weil sich das doch immerhin ergänzt. Der Papa lächelt fast beschämt, die Lebensgefährtin guckt auf ihren Buchsbaum und ich bin nicht sicher, ob sie’s überhaupt gehört hat.

Spätnachts nachhause gefahren. Herrliche Fahrt durch die Sommernacht. Telefonat mit dem Gatten, der auf einer Theologen-Tagung weilt, seinen Vortrag hinter sich gebracht und sich auf sein protestantisch-asketisches Zimmerchen zurückgezogen hat, auf dem es eine Bibel, aber keinen vernünftigen Internetempfang gibt.

Nach nur 51 Minuten die Ludwigsvorstadt erreicht.
Daheim Ankommen nach so einem Tag ist ein etwas größerer Akt.
Erst fahre ich in den Hinterhof, dort halte ich vor dem Garagentor an. Dann steige ich aus, schließe das Tor auf, hole mein Rad aus der Garage, schiebe es zur Seite, befestige die Flügeltüren des Garagentores. Danach klappe ich den rechten Außenspiegel ein, hole das Dackelfräulein aus dem Auto, binde sie an einem Dachrinnenabflussrohr im Hinterhof an. Öffne den Kofferraum, hole das ganze Glump des Tages heraus, stelle es neben dem Hund ab. Steige wieder ein, lasse den Motor an, fahre das Auto vorsichtig in die enge, miserabel ausgeleuchtete Garage (in den 1950er Jahren hat keiner damit gerechnet, dass die Menschen 70 Jahre später mal viel breitere Autos fahren würden).
Ein Moment höchster Konzentration, jedesmal. Vor allem das mit dem Außenspiegel sollte man nicht vergessen!
Aussteigen, Rad vors Heck schieben, Garage absperren, Sachen schultern, Hundeleine aus der Öse am Dachrinnenabflussrohr ausfädeln und ums Handgelenk legen.
So bepackt nochmal kurz vors Haus schlurfen, damit der Hund sein Nachtpipi auf dem Grünstreifen machen kann – und dann mit einer ziemlichen Verrenkung den Schlüssel aus der Hosentasche fummeln, die Haustür aufsperren und mit Hund und Gepäck zum Aufzug gehen.

Oben angekommen eine große nächtliche Freude vor der Tür: die Expresslieferung von Freund T. aus Z. ist eingetroffen. Das neue Springsteen-Album liegt endlich auf der Fußmatte, mit einem Tag Verspätung.
Ich mache einen Knicks, aus Dankbarkeit – und um es aufzuheben.

Und nun verabschieden wir uns in eine kleine Klausur: Ein Auftrag muss dringend fertig werden, eine Planung vollends abgeschlossen sowie ein paar andere Baustellen endlich zuende gebracht werden.

Aber wenn Sie mal ganz ehrlich sind, haben Sie ja fürs Erste eh genug Sommer-, See-, Dackel- und Bayernhimmel-Fotos gesehen, nicht wahr?

Be happy & bis bald –
Ihre Kraulquappe.

Himmel der Bayern (54): Es apert!

Die Hauptsache aber ist ja, dass es nicht hapert – und das ist definitiv der Fall da heroben!

Vormittags kommt eine Whatsapp von der ehemaligen Hüttenkollegin: „Hi, Grödeln und Sulzer. Würd mich freu’n!“. Etwas knapp fasst es sich ja schon, das Bergvolk, aber die Botschaft war klar: Der Sulzersteig ist wieder begehbar, zumindest mit Grödeln, die Lawinengefahr vorüber, das Wetter bestens und offenbar freut man sich auf mich.

Und das wiederum freut mich, denn es hätt‘ ja auch anders ausgehen können, nachdem ich ja den Hüttenjob letzten Sommer bereits nach 2,5 Tagen (was hier heroben 34 Arbeitsstunden exkl. Auf- und Abstieg bedeutet) wieder quittiert habe, weil weder ich noch mein Ellenbogen diese körperlich brutal anstrengende Akkordarbeit verkraftet haben (obwohl’s mir stimmungsmäßig und atmosphärisch schon getaugt hätte).

Umso schöner, wenn das Gute überdauert und bleibt. Jetzt gibt’s hier immer noch mindestens eine leichte Weiße aufs Haus und ein Premiumplätzchen am Ofen oder auf der Sonnenterrasse, die erst vor ein paar Tagen von den Schneemassen befreit werden konnte, so dass man da wieder prima sitzen kann mit Zugspitzblick und Sonnenbrandgefahr.

Der Hüttenwirt hat nach diesen Winterwochen Oberarme wie ein Bodybuilder vom Schaufeln und Fräsen und wirkt insgesamt ein bisserl drahtiger als noch im Herbst.

Bergab macht der Sulzersteig spätnachmittags seinem Namen dann alle Ehre und von den Tannen tropft’s hie und da auch schon mächtig runter. Es apert wie wild!

In den Baumwipfeln des Bergwalds werden erste Frühlingslieder geträllert und daheim in München sitzt der Gatte mit offener Jacke im Eiscafé und apfelstrudelt in seiner Mittagspause vor sich hin.

In diesem Sinne beschließen wir die Blogwoche mit einem Lied, das wir immer dann hören, wenn ein kalter, schneereicher Winter sich allmählich dem Ende neigt und der Frühling uns sanft in der Nase zu kitzeln beginnt:

Little darling, it’s been a long cold lonely winter
Little darling, it feels like years since it’s been here
Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s all right
Little darling, the smiles returning to the faces
Little darling, it seems like years since it’s been here
Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s all right
Little darling, I feel that ice is slowly melting
Little darling, it seems like years since it’s been clear
Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s all right

Ge_danke_n 2018 (8).

Istud, quod tu summum putas, gradus est.

(„Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe.“ – Seneca)

So ist es. Nur eine Stufe.

Nicht eine Stufe „höher“ oder „weiter“ oder überhaupt „irgendwohin“. Sondern einfach eine Stufe. Manchmal eine, über die man ganz unspektakulär hinwegsteigt. Manchmal eine, auf der man sich niederlässt – alleine oder in Begleitung eines Bergkameraden, gern vierbeinig – und einfach schaut und sitzt.

Und seltene Male auch eine, die einen für eine kleine Weile erhebt. Einen erhebt über all das „dort unten“. Vielleicht sogar mit einem aussichtsreichen Verweis auf etwas „dort oben“ oder „da drüben“. Wie eine leise Ahnung, ein noch nie zuvor so gefühlter Horizont, ein Hauch einer Klarheit, die Berge zu versetzen vermag, vielleicht.

*****

Zutiefst dankbar bin ich für die Zeit, die Kraft, das Zutrauen, die Möglichkeit und die Ausrüstung, um auch in diesem Jahr wieder intensiv in den Bergen unterwegs gewesen sein zu können.

Die wohl schönsten Touren waren die auf die Blauberge, den Heimgarten, die Plose, den Stuiben und die Umrundung der Drei Zinnen.

Danke 2018, Du warst ein gutes, sonniges, strahlendes Bergjahr, trotz spätherbstlichem Strecksehnenabriss im kleinen Finger, der nun, meine Freundin D. hat’s die Tage ganz gradheraus gesagt, ein bisserl aussieht wie ein „Hexenfinger“ (woraufhin ich mir dachte: Na, das passt ja dann prima zu meiner Nase!).

Ge_danke_n 2018 (3).

Das heutige Ge_danke_n-Stückchen 2018 ist für meine Bloggerfreundin Andrea.

Seit über zwei Jahren hegen und pflegen wir, was seinerzeit beim Gipfeltreffen im unvergessenen Nörten-Hardenberg begann, wo ich (beinahe noch unvergessener) auf Springsteens Spuren lustwandelte. Das allein ist schon ein Grund, dankbar zu sein, denn oft lassen sich neue Verbindungen, die von Anfang an mit einer räumlichen Distanz von 500km verbunden sind, nicht allzu lang aufrecht erhalten.

Letztes Jahr 1x München und 1x Braunschweig und dieses Jahr dann unser Abend in Reichenhall und die Tour bei Berchtesgaden, das war – so mitten im Umzugsstress – ein echtes Highlight und eine willkommene Abwechslung. Ein ganz tolles Wochenende zu sechst war das!
Vor allem aber möchte ich Danke sagen für all den Austausch das ganze Jahr über und: es gibt nur wenige Menschen, bei denen ich mich mit meinen gelegentlichen Hundesorgen so gut aufgehoben fühle.

Und ganz aktuell danken wir auch noch für das Weihnachtspaket.

Eine der wenigen Sendungen, die durch den Briefkastenschlitz aufs Parkett segelte und nicht sofort angebellt wurde. Beim Öffnen verstand ich natürlich, wieso: Ein Hunde-Wurst-Lolli kullerte heraus, das hatten wir noch nie! Pippa war ganz aufgeregt und es war schwer, ihr zu vermitteln, dass das ein verfrühtes Geburtstagspräsent ist und kein Weihnachtsgeschenk, an das man sofort ran darf, wenn einem Weihnachten so lolliwurscht ist wie uns.

An die anderen Köstlichkeiten wollte sie auch sofort ran, aber die in der Sternchentüte, die hab ich ihr weggefressen, die waren nämlich ganz klar für die menschliche Vorweihnachtszeit gedacht. Sie tröstete sich dann mit dem Pin-up-Boy-Kalender von ihrem großen braunen Freund, der ja wieder ein kleines Kunstwerk ist, sowohl der Freund als auch der Kalender.
Mal ehrlich: wir hatten uns schon etwas bang gefragt, was wir machen, wenn der dieses Jahr nicht in DIN A5-Format, sondern aufgrund unseres überschwänglichen Lobes im Upgrade auf ein DIN A2-Format eingetroffen wäre – vorsorglich haben wir eine große Wand im langen Flur freigehalten! -, aber gottseidank kam er in der gewohnten Version und Größe hier an, so dass er 1:1 auf den Nagel des 2018er-Vorgängers passt 🙂 – und ich würde mich freuen, wenn du das bald persönlich begutachten kämest.

Danke für alles, liebe Andrea, grüß Deine drei Männer & bis bald im neuen Jahr!

PS: Sorry, es hat doch nicht geklappt mit der Aufbewahrung bis zum 28.12….