Die Kunst der Fuge (und was man sonst so treibt).

Abends ein Telefonmarathon von Couch zu Couch (1x Berlin, 1x München), aufgrund der Länge und der Themen fühlte sich das fast an wie ein richtiges Treffen.
Nebenbei bescherte das Gespräch die erfreuliche Erkenntnis, dass auch andere Menschen dem Bedürfnis nachgeben, diverse Listen zu führen, deren Nutzen und Notwendigkeit objektiv betrachtet als fragwürdig bezeichnet werden könnte.

Danach im Bett liegend gleich die Liste meiner persönlichen Widerwärtigkeitsworte ergänzt, in der medialen Peripherie der Pandemie stößt man derzeit ja fast täglich auf neue Fundstücke, derer ich mich durch Niederschreiben zu entledigen versuche. Nun neu auf der Liste: geshutdownt (überhaupt: dieser gesamte anglizismenlastige Seuchen-Sprech gehört komplett auf den Index gesetzt, genauso wie das Wort Sprech selbst), Inzidenz-Hotspot (brr!), Knuffelkontakt (bäh!), Winterwonderland (warum muss nur immer alles so überhöht werden? und wenn schon: warum geht das nicht in unserer Sprache?), Krisenfrise (frisch aus dem kommunikativen Komposthaufen des Morgenradiomoderatorenhumors).

Tagsüber hämmert, schleift und bohrt Lolek unterstützt von seiner unverwüstlichen Verwandtschafts-Gang schon seit letzter Woche wieder in der Wohnung über uns herum, der Gatte ist nach Frankfurt in die menschenleere Universität geflohen und ich lasse mir jeden zweiten Tag Schnee in die Ohren rieseln und bade in der Stille der weißen Flöckchen.
Ende Januar wird die Bude fertig sein, dann droht nahtlos der Einzug der neuen Nachbarn, eine vierköpfige Familie, Franzosen wohl, wie Lolek mir verriet. Spontan eine Assoziation: dass die bestimmt dezenter und leiser sind als die trampeligen und laut krakeelenden Südländer, freilich sind das alberne Vorurteile und dennoch hätte ich nichts dagegen, sie träfen in diesem Fall zu.
Wir werden es sehen bzw. hören.

Da die 7-Tage-Inzidenz hier in München noch unter 200 liegt und man noch ohne Bußgeldbefürchtungen zu Sport und Bewegung ins Voralpenland fahren darf, nach einem Tag Pause zu dem Schönwetterbergtag gleich wieder eine Schnee-Expedition gemacht. Endlich mal die Leib-und-Magen-Rundtour des hübsch Bewimperten ausprobiert, sehr schöne Sache, wirklich.
Bei Sonnenschein sicher noch viel schöner, denn von der Aussicht, die man dort haben könnte, war vor lauter Schneewolken nichts zu sehen (siehe grau-weiße Bildergalerie etwas weiter unten im Beitrag). Dafür sorgten Himmelsgrau und Wochentag für absolut freie Strecke und während sich daheim in der Stadt der Schnee bereits in eine braune Brühe verwandelt hatte, konnten D. und ich und das Dackelfräulein dort draußen durch den Pulverschnee wedeln.
Ist die 200er-Marke dann überschritten, und ich tippe hierfür auf Ende der kommenden Woche, muss man sich zum Gassigehen und Schneesuchen an eine neue Landkarte gewöhnen:

Wobei ich jetzt keinesfalls jammern möchte, denn nie war es beruhigender, den einzigen Verwandten ausgerechnet am Tegernsee wohnend zu wissen, weil man (Stand Söder, von vorgestern) den selbst dann noch besuchen darf, wenn hier wie dort die 15-Kilometer-Regel gelten sollte (dort, im Landkreis Miesbach, tut sie’s bereits!), nicht auszudenken, es hätte den Papa 60 km in die entgegengesetzte Richtung verschlagen, weil was sollte man in Zeiten wie diesen, in denen es einen so nach Ästhetik dürstet, man diese außerhalb der eigenen vier Wände und der dort genossenen Bilder, Buchstaben oder Bässe, von denen so ein Akkordeon ja gottseidank stolze 72 bietet, nur in der freien Natur findet, die aber seit Wochen und Monaten noch mehr als sonst unter dem Ausflüglerandrang ächzt, so dass es oft detektivischen Spürsinns bedarf, Spazier- oder Wanderwege zu finden, auf denen es sich befreit durchatmen und das Weltgeschehen mal ein Weilchen ausblenden lässt, was also sollte man ausgerechnet in Zeiten wie diesen in einem Kaff wie beispielsweise Wolnzach, da bin ich doch wirklich froh, dieselben 60 km ins Tegernseer Tal fahren zu dürfen.

Das Schwimmen, es muss mal wieder gesagt werden, fehlt schmerzlichst. Ich habe aufgehört, die Wochen zu zählen. Sowohl in die eine Richtung (wie lang ist das letzte Mal her) als auch in die andere (wann wird es wohl wieder möglich sein). Der Schultergürtel ein Brett, der Nacken knackt, die Hüfte zwickt.
Bergsport ist großartig, aber man kann ja (leider) nicht dreimal die Woche ins Auto steigen, um zwei- bis vierstündige Touren im Voralpenland zu unternehmen, da kommt man nämlich sonst zu gar nichts mehr und tut trotz aller CO2-Freundlichkeit und Spritsparsamkeit des Autos der Umwelt nichts Gutes.
Vollends zuhause und in meinem Element bin ich nunmal im Wasser. Und ohne Wasser kein Leben, das ist ja bekannt.
Auf der Homepage der Münchner Bäderbetriebe, die die Kundschaft alle paar Wochen mit lieb gemeinten Durchhalteparolen zu trösten versuchen („Wir vermissen Euch, bleibt gesund!„), kommentiert dieser Tage eine Ärztin: „Ich vermisse euch auch und hoffe, wir sehen uns dann Ende Juni wieder.
Ende Juni?!? Woher hat die das? Wie kommt die da drauf? Ist das realistisch?

So gut es geht schiebe ich diese (Luxus-)Sorgen beiseite und blende Fragen, auf die jetzt eh niemand eine Antwort hat, aus. Freue mich an dem, was noch geht, fokussiere mich auf Anderes und Neues.
Bestelle beispielsweise Sanitärsilikon und erneuere die Fuge an der Badewanne des hübsch Bewimperten. Ein Projekt, das mehr Zeit und Nerven kostet, als wir beide dachten. Nachdem der Fugenhai seine Arbeit getan hat, stellen wir fest, dass der Vormieter ca. drei Liter Silikon in dem Spalt zwischen Wanne und Wand versenkt hat. Da die Baumärkte geschlossen haben, muss die eine Kartusche, die ich besorgt habe, ausreichen. Also werden aus Styropor ein paar Balken gesägt, um Hohlräume aufzufüllen und trotzdem ist anschließend noch eine dermaßen dicke Silikonwurst nötig, dass der Dichtstoff ausgeht und eine zweite Kartusche bestellt werden muss (absurd: Sanitärsilikon in weiß ist deutschlandweit nahezu ausverkauft, offenbar ist Verfugen ein typischer Lockdown-Lückenfüller oder eine nur allzu menschliche Reaktion auf die aus den Fugen geratene Situation – Silikonieren als Sinnbild der subjektiven Seuchenbekämpfung in unseren häuslichen Sanitärzellen, was weiß ich…?).
Ich klebe den gesamten Wannenrand mit Folie ab, damit der Freund bis zur Vollendung des Werks duschen kann. Mit der zweiten Kartusche geht es eine Woche später weiter, immerhin kann man jetzt verschwenderischer agieren.
An den zwei langen Abenden, an denen ich mich der Kunst der Fuge widme, kauert der hübsch Bewimperte stundenlang vor seiner Nähmaschine oder auf dem Fußboden, um den Prototyp der Lodenmäntel für unsere Hundefräuleins zu entwerfen, anzupassen und zu nähen. Dazwischen bestellen wir Pizza, machen Yoga, spielen mit den Hunden und erzählen uns unser Leben.

Auch mit D., meiner anderen Corona-Bezugsperson, ehemals enge Freundin genannt (ich treffe ja, wie schon im Frühjahr 2020, seit drei Monaten konsequent nur noch zwei haushaltsfremde Menschen) ein Nähprojekt, hier ohne Pizza und Yoga, stattdessen mit Weißwurstfrühstück und Tiefschneespaziergang durchs Stadtviertel.
Man schätzt die Talente und Nähe der Freunde jetzt nochmal mehr (oder entdeckt sie ganz neu), jede/r tut, was er/sie kann, gemeinsam ist man so ein Stück unabhängiger von der weitgehend geschlossenen Infrastruktur da draußen.
(Nächstes Projekt: Wir bestellen zwei Friseurscheren und üben uns halt mal in dieser Handwerkskunst.)

Dank Hund sind auch lange, mit den Corona-Bezugspersonenen verbrachte Abende nach wie vor möglich, das nächtliche Heimspazieren nach 21 Uhr läuft unter Handlungen zur Versorgung von Haustieren und wird nicht geahndet.
Diese unfassbare Stille der Stadt um 23 Uhr ist immer wieder ein Erlebnis, manchmal allerdings auch ein unheimliches, denn wenn man eine Viertelstunde lang, mitten im Herzen der Stadt deren Puls weder hört noch spürt, maximal zwei anderen Gassigehern und einer leise durch die Lautlosigkeit der Straßen gleitenden Polizeistreife begegnet, hat das was Gespenstisches.

Das Glück des Hundhabens fühlt sich momentan aber vor allem aus einem anderen Grunde besonders groß an.
Kurz vor dem Tumorkontrolltermin in der Tierklinik, bei dem auch der operative Eingriff vereinbart werden sollte, tasten der Gatte und ich die beiden Knoten an Pippas Brust nochmal selbst ab und staunen nicht schlecht – beide Umfangsvermehrungen haben binnen zwei Wochen ihren Umfang reduziert, die eine sogar deutlich (um gefühlte 60-70%). Die Tierärztin staunt ebenfalls, denn damit ist aus der winzigen Chance, die sie Anfang Dezember erwähnte (zugleich aber empfahl, uns nicht an sie zu klammern), höchstwahrscheinlich nun doch eine Tatsache geworden: die erbsengroßen Verhärtungen, die sich verkleinert haben, dürften einer Lactatio falsa entsprungen sein, eine Art verfrühter, verkaspelter Milchstau während der Scheinträchtigkeit und vor dem fiktiven Wurftermin, der sich, wenn die Hündin dann die Wochen der Pseudo-Mutterschaft durchlebt, wieder auflöst. Nach dieser Botschaft löste ich mich ebenfalls auf, und zwar in Tränen, und die Nierenschmerzen, die mich wochenlang gequält hatten, waren plötzlich verschwunden.

Wir verließen die Tierklinik also ohne OP-Termin in der Tasche, sondern mit dem Rat, das, was von den Knoten noch übrig ist, alle zwei Wochen durch Abtasten zu kontrollieren, und falls nach Ende der Scheinmutterschaftswochen dann gar nichts mehr zu spüren ist, wären wir dem Tumor-Thema tatsächlich erstmal von der Schippe gesprungen.
Sollten die Knoten allerdings nicht komplett verschwinden, muss das Fräulein der Ärztin erneut vorgestellt werden (nun besteht die winzige Chance nämlich in anderer Hinsicht… – dann war es doch nichts rein hormonell Bedingtes, aber daran wollen wir jetzt wirklich nicht denken).

Und so genieße ich es im Augenblick mehr denn je, dem Dackelfräulein zuzugucken, wie sie durch den Pulverschnee pflügt, unter der Schneedecke den einen oder anderen Tannenzapfen ausbuddelt und ihre Beute ausgelassen herumwirbelt, oder so viele weiße Kügelchen an Bauch und Pfoten kleben hat, dass sie aussieht wie ein Büffel mitten im übelsten Fellwechsel und nicht mehr weiterlaufen kann vor lauter eisigem Behang, mich dann hilfesuchend an die Wade stupst, damit ich sie von den Eisbommeln befreie oder – weil ich warme Hände behalten und mir das Gepfriemel ersparen möchte – sie gleich unter meinen Goretexmantel packe (wo das ganze Kugellager von ihr abtaut, bis sie schön trocken und mein Bauch unschön patschnass ist), oben den Reißverschluss knapp unter ihr Nicht-Kinn hochziehe, unten den Gürtel enger zurre, damit sie nicht rausrutscht, und so mit ihr vor die Brust geschnallt wie eine Kängurumutter den watteweichen Winterhang hinuntersurfe.

Himmel der Bayern (90): Flughunde und Blumenmädchen.

Frisch eingezuckert liegt uns das Lieblingstal zu Füßen, über uns strahlt der weiß-blaue Himmel – und so sagen wir „Servus, 2020!“

Nach zwei Monaten Lockdown kneift die Hose allmählich wieder. Nicht etwa wegen Virusfrustvöllerei, sondern weil das Laufen die Schwimmfigur zerstört hat. Aber was soll man anderes tun in diesen Zeiten, als sich einen halbwegs erträglichen Ersatzsport zu suchen, und wahrlich gibt es momentan größere Probleme als Beinkleider, die sich etwas straffer als üblich über die Oberschenkel spannen.

Das Jahr 2020, über das ich persönlich nicht klagen möchte, weil allerorten schon genug geklagt wurde (ja, bisweilen auch hier) und weil es für mich durchaus viele schöne Wochen und Augenblicke hatte, ist in ein paar Stunden vorüber. Viele sind froh darüber, manchen graut es vor dem kommenden Jahr, mir hingegen entlockt der Jahreswechsel heuer keine besonderen Emotionen.
In den letzten Wochen fließen die Worte nicht wie gewohnt, weshalb ich mich dagegen entschieden habe, ein längeres Schlusswort zum Seuchenjahr Nr. 1 zu verfassen. Schließlich begleitet uns das alles sowieso noch in 2021, zudem dominiert derzeit das Gefühl, dass alles schon zigfach gesagt wurde und man die Wortsuppe momentan nicht mehr durchzurühren braucht, nur um ihr hernach eine Kelle voll Wiedergekäutem abzuschöpfen.
Und all das Erfreuliche, das war und ist, nochmal aufzuwärmen, reizt mich gerade ebenso wenig, außerdem haben Sie das ja eh während der vergangenen 12 Monate eifrig hier mitgelesen und Anteil daran genommen, wofür ich Ihnen an dieser Stelle herzlich danken möchte.

Die vergangenen Tage bestanden aus aktiv wie passiv genossener Musik, aus guten und gesunden Mahlzeiten, aus ausgiebigen Märschen durchs verschneite Oberland und aus Muskelkater im Oberkörper. Letzteres ging weder aufs Konto des Laufsports noch der Bergtouren, sondern verdankt sich einigen Verrenkungen an einem Hightech-Gerät namens „Mammomat Inspiration“ – ein Ding, das in etwa so viel mit Inspiration zu tun hat wie die „WC-Ente“ mit einem Teich.

Ich bin ein Freund positiver Bilanzen und so bin ich 2020 nicht für das gram, was nicht möglich war, sondern nehme erfreut zur Kenntnis, was so alles drin war in diesem Jahr – trotz Corona.
56x Schwimmen ist für ein Pandemiejahr ja so übel nicht und mit 44 Bergbesteigungen bin ich sogar äußerst zufrieden. Dass es 80 Läufe geworden sind, naja, Schwamm drüber – aber bevor das in 2021 so weitergeht, kaufe ich mir wohl doch noch einen Neoprenanzug oder imitiere Schwimmbewegungen mit einem Theraband, das ich an der Türklinke befestige.

Vorsätze fürs kommende Jahr? So gut wie keine!
Höchstens: Der viele Feldsalat soll bleiben. Der fiese Knoten vom Dackelfräulein soll abhauen, die Querdenker vor unserer Haustür bitte ebenso.
Und ich möchte „La Paloma“ auf dem Akkordeon spielen können, gern auch „Lili Marleen“. (Falls der Papa mal in einem Pflegeheim landet, werde ich an seinem Bett sitzen und ihm beides vorspielen und er wird sich freuen und an früher erinnern, und ich werde glücklich sein, dass wir ein Stück gemeinsamer Geschichte bis zu dieser Bettkante hinüberretten konnten.)

Der heutige Tag begann mit einem Bild, das vor meinem inneren Auge entstand, als ich eine nicht ganz kurze Sprachnachricht des hübsch Bewimperten auf meinem Handy abhörte. Es begleitete mich durch den gesamten Tag, dieses Bild, und ich habe es nun stimmungsmäßig zu meiner inneren Kompassnadel für 2021 auserkoren: der Freund erwähnte in einem Kontext, den zu erläutern hier jetzt viel zu weit führen würde, dass er mich, wenn er denn jemals noch heiraten würde, gern als sein Blumenmädchen an seiner Seite hätte.
Sofort sah ich mich in einem lindgrünen, flatternden Kleidchen, und mit einem Weidenkorb voller Rosenblätter in der Armbeuge, einen gekiesten Weg entlanghüpfen und fröhlich all das zarte Bunt in den Sommerhimmel werfen. Diese Allegorie gefällt mir, weil ich auf den ersten (und offen gestanden auch auf den zweiten) Blick herzlich wenig mit dem gemein habe, was ich mir unter Blumenmädchen vorstelle, es mir aber genau deshalb erstrebenswert erscheint, mich, was Leichtigkeit und Frohsinn angeht, ein Stück weit davon leiten zu lassen.

Bevor es nun gleich gebratene Maultaschen an oder mit (um die 2020 am meisten verwendete Präpositionskonstruktion hier endlich auch mal unterzubringen) Feldsalat (!) gibt und später, vermutlich so zwischen Episode 2 und 3 von Staffel 4 der aktuellen Suchtserie, noch eine kleine Pannacotta mit Himbeermark, wollte ich es nicht versäumt haben, Ihnen allen einen guten und gesunden Sprung ins neue Jahr zu wünschen…

…mit sanfter Landung, versteht sich!

Bergwieseln, allein.

Nach einer vergleichsweise längeren Bergpause – wider besseren Wissens zwar, aber bei allem, was war und ist, hab ich die Kurve einfach nicht gekiegt (oder es waren die falschen Gelegenheiten, wie z.B. am Wochenende, als B. eine Tour vorschlug, die ich aber wegen des zu erwartenden Andrangs ausschlug, weshalb es kurz knirschte zwischen uns, so wie es in diesen Zeiten ja mit manchen schnell mal kurz knirscht, weil die geltenden Regeln oder Empfehlungen unterschiedlichste und individuellste Deutungen und Dehnungen erfahren) – nach einer längeren Bergpause also, es mögen glatt gute drei Wochen gewesen sein, gab ich mir heute Morgen einen Ruck, packte das dazugehörige Säcklein und fuhr hinaus.

Ausnahmsweise mal ganz allein, ab und zu muss das sein, ohne Bezug und Begleitung, auch wenn es sich fremd und fast ein bisschen falsch anfühlte, nicht wenigstens das Dackelfräulein an meiner Seite zu haben (in der Jackentasche aber trotzdem ein Gassisackerl mit dabei und im Rucksack später auch noch ein Würstchen gefunden).

Früher genoss man das Leben ja in vollen Zügen, heutzutage ist man heilfroh, wenn selbige leer sind. Da wagt man sogar an Ort und Stelle das temporäre Ablegen der Maske, um die stadtbeste Breze zu verzehren.

Wo gestern noch eine Völkerwanderung unterwegs war, weil Sonntag war und die Wettervorhersage vier Sonnenstunden versprach, war heute keine Socke unterwegs.

Nur 2,5 Menschen auf der 12 Kilometer langen Strecke getroffen, in knapp 3 Stunden von Hausham am Schliersee über die Gindelalmschneid und die Neureuth runter nach Tegernsee am Tegernsee gewieselt, 20 Minuten Pause verteilt auf 2x zehn Minuten, man möchte ja nicht festfrieren da heroben im Schnee, alles in allem eine ordentliche Gehzeit für die 620 Höhenmeter hinauf und wieder hinab, dazu dieses beglückende Gefühl, dass man wenigstens das (noch) kann und wie viel Freude das macht.

Was in meinen Beinen an Kraft und Ausdauer steckt, das könnte mein Herz sich doch mal an Mut und Zuversicht zulegen.

So ungefähr formuliere ich beim Abstieg in der Abendsonne meinen diesjährigen Weihnachtswunsch.

Himmel der Bayern (89): See_lenfrieden (mit Lama und Panorama).

Pandemic Peaks oder: Bedeutungslose Berge in Bayern.

Die Einschläge kommen näher.
Jemand, mit dem der Gatte in einer präsenzerfordernden Besprechung saß (mit großem Abstand zu allen Teilnehmern und mit offenen Fenstern), ruft an und teilt mit, er sei positiv getestet worden und befände sich nun mit leichten Covid-19-Symptomen in Isolation. Öha!
Nach einer Schrecksekunde beschließen wir, die empfohlene Quarantänedauer durch einen Corona-Test (hoffentlich) abzukürzen.

Top organisiert, dieser Test-Termin, null Wartezeit, zumindest wenn man zu Fuß hingeht, ein bisschen spooky zwar, dieses zweckentfremdete Bierzelt, aber mei.

Bis zum Testergebnis werden wir nun niemanden mehr treffen.
Und suchen nur noch Orte auf, an denen auch uns niemand mehr treffen kann.
Das macht uns zum einen nicht viel aus, da wir ja auch sonst mal gern ein paar Tage lang recht abgeschottet leben und arbeiten.
Zum anderen sind wir Anhänger des pandemischen Imperativs, den Herr Drosten in seiner Schillerrede verkündet hat: „Handle in einer Pandemie stets so, als seist du selbst positiv getestet, und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an„.

Angst haben wir keine. Vermutlich wird einem das in den nächsten Monaten noch öfter so ergehen, dass sich im Umfeld jemand infiziert hat und einen darüber informiert.
Überhaupt ist das mit der Angst ja einer der interessantesten psychologischen Aspekte (und Argumente) in dieser Pandemie. Die Querdenker unterstellen den Geradeausdenkern immerzu Angst (im Sinne eines von der perfiden Regierung und dem teuflischen Drosten angeworfenen Motors, der uns antreibt, ebenso blind wie verschreckt einem diktatorischen Ruf in unseren eigenen Untergang zu folgen, wenn wir nicht endlich – so wie sie – quer statt geradeaus denken und „die Wahrheit“ hinter all dem Raunen hören/sehen/erkennen. Die Geradeausdenker hingegen attestieren den Querdenkern ebenfalls von Angst getrieben zu sein (weshalb sonst würden die den diversen Gurus oder dem Geschwurbel, das auf diesen Gottesdiensten Versammlungen verkündet wird, folgen und diese einfachen „Lösungen“ oder Parolen weiterbeten glauben). Besonders bemerkenswert finde ich, dass beide Lager auf die eine oder andere Weise felsenfest von sich behaupten, keinerlei Ängste zu haben.
Bei Gelegenheit werde ich mich darüber vielleicht mal ausführlicher und differenzierter auslassen, vor allem über den feinen Unterschied zwischen „Panikmache“ und „Information“.

Die Quarantänetage nutze ich, um den Balkon endlich winterfest zu machen, Gugelhupf zu backen und zu essen, die Ablagestapel der letzten Wochen abzutragen und das Forschungsprojekt KoCo19 (unter dem Link finden Sie meinen Blogbeitrag zum Studienbeginn) in seinem Fortgang zu unterstützen.
Sie erinnern sich bestimmt: wir gehören zu den 3.000 zufällig ausgewählten Münchner Haushalten, denen das Tropenmedizinische Institut der LMU (die verlinkte Seite offenbart Ihnen u.a. spannende Einblicke in unser Esszimmer) im Rahmen eines großen Corona-Forschungsprojekts Blut und Informationen abzapft.
Erfreulich ist, dass in Phase II des Projekts das Blut nicht mehr aus der Vene entnommen werden muss, sondern man das nun ganz entspannt und ohne den dreiköpfigen Test-Trupp um einen herum eigenständig erledigen kann, nachdem man das Anleitungsvideo studiert hat (das Filmchen hat mich sprachlich begeistert und mir ein neues Lieblingswort beschert: „die Fingerbeere“).

Da das Dackelfräulein auch in Quarantänezeiten hinausmuss, schleichen wir uns maskiert zum Auto und fahren unmaskiert in das schöne und dank Herbstferienende nun endlich wieder halbwegs leere Voralpenland.

Alle bekannten Wanderparkplätze, Wege und Berge werden gemieden, und dabei kommt dann halt auch mal so ein schräges Vorhaben wie das heutige raus.
Als bekennender Zahlenfetischist (nein, nicht von Fallzahlen, sondern von Jubiläen, Geburtstagen und anderen wichtigen Daten) bin ich schon länger auf der Suche nach einem Berg, zu dessen Gipfel ich entweder genau 1.307m hinaufsteigen kann oder der exakt 1.307m hoch ist. Und heute Morgen, beim Studium des Kartenmaterials, entdeckte ich ihn. Sogar in der Gegend, in die ich sowieso gern fahren wollte. Er heißt der oder das Schwarzbergel und befindet sich im Tölzer Land.

Ich (= blauer GPS-Signalpunkt) auf dem 1.307m hohen Schwarzbergel.

Betrachten Sie dieses alpine Ziel übrigens ausnahmsweise einmal explizit nicht als Wanderempfehlung, außer Sie sind Förster, Fährtensucher oder warten auch gerade auf Ihr Testergebnis und müssen dennoch mit dem Hund raus.
Denn das Schwarzbergel lohnt sich nicht. Keine Aussicht, kein Rastplatz, kein Gipfelkreuz, nur ein schnöder Stein markiert den höchsten Punkt.

Der 6,5 km lange und immerhin 640 Höhenmeter überwindende Aufstieg ist zur Hälfte weder ausgeschildert noch instinktiv auffindbar. Ohne GPS-Signal finden Sie den Gipfel garantiert nicht und selbst mit Signal ist er des Gefundenwerdens nicht wert.
Nicht einmal Einheimsiche kennen ihn, wie ich bei der einzigen Begegnung des Tages feststellen durfte („Gehst aufn Geierstein auffi?“ – „Nein, ich gehe aufs Schwarzbergel.“ – „So an Berg gibts hier ned.“ – „Doch, in meiner Karte gibt’s den.“).

Als wir nach einigem schweißtreibenden Hin und Her das Schwarzbergel samt Gipfel schließlich gefunden haben, blinzle ich an einen halb abgeknickten Baum gelehnt ich in die Sonne, esse meine Semmel, trinke meinen Tee und klemme dem Fräulein ihren heiß ersehnten Futternapf in eine Lücke zwischen zwei Tannenstümpfen.
Das ist also ein Lieblingszahl-Berg. Tja. Dass er gar so unscheinbar sein würde, hätte ich nicht gedacht.

Macht nichts, die Bewegung tut trotzdem gut und Ruhe hat man hier auch und beim nächsten Versuch mit einem 1307er probiere ich wohl besser die Variante aus, bei der die Zahl sich auf die zurückzulegenden Höhenmeter bezieht und nicht auf die Höhe des Berges.

Beim Abstieg machen wir noch einen Schlenker hinüber zum Geierstein, auf richtigen Wegen und sogar von Schildern und neugierigen Blicken begleitet.

Die Entschädigung für all das Unspektakuläre kommt ganz zum Schluss – und dann aber knüppeldick.

Was für eine Stimmung, was für ein Panorama, was für ein Sonnenuntergang!

Freuen Sie sich schon heute auf eine weitere Folge der neuen Serie „Pandemic Peaks – bedeutungslose Berge in Bayern“, wir werden solche Unternehmungen in nächster Zeit nämlich fortsetzen und uns lockdowngemäß weitgehend von den Mitmenschen fernhalten, obwohl soeben das negative Testergebnis eingetrudelt ist und man ja nun wieder auf normalen Wegen wandeln dürfte.

Verlängeren.

Gesehen…

…getan.

Traben wir eben wieder mit Thermosbecher und Tupperdose durch diese Traumgegend. Abseits beliebter Ausflugsziele, mit Abstand zu allem, alleine.

Noch so viel zu entdecken hier: Schluchten, Bächlein, Kapellen, Wälder, Schlösschen, Moorseen, Dörfer, Buchten, neue Rastplätze am Seeufer für Pause wegen Verlängeren und für Imbiss wegen Verhungeren, aber davor bewahrt einen so ein Gugelhupf ganz ausgezeichnet.

Und wer weiß, was das Dackelfräulein und ich heut noch alles entdeckt hätten, wenn es mich nicht auf dem schmalen, abschüssigen, glitschigen Pfad in der Schlucht geschmissen hätte, nicht nur mit den schönen roten Schuhen komplett im Morast gelandet, eine Hüfte geprellt, den Handballen hat’s noch übler erwischt, auf der Heimfahrt dann ein abenteuerliches Schalten mit der linken Hand, da mit rechts gar nichts mehr geht, nur gut, wenn man daheim jemanden hat, der einem abends das Weißbier öffnet, das gefüllte Glas an/in der Hand entpuppt sich als die perfekte Kühlung, nur mit dem Hochheben und Trinken muss man mit links nachhelfen, der Lockdown auf gewisse Weise nun auch ein kleiner Knockdown, sowieso eine nicht nur aufgrund des Weltgeschehens bewegende Woche, aber dazu ein andermal, wenn das Tippen auf der Tastatur wieder etwas leichter fällt.

Closing time.

Sonntag, 1. November 2020. München, Theresienwiese.
Vor der Haustür heute zur Abwechslung mal ein „Gottesdienst“. So haben sie ihre für heute Nachmittag geplante Demo, die erst vom KVR und dann auch vom VGH (mit völlig nachvollziehbarer Begründung) untersagt wurde, in aller Eile umbenannt, diese Querdenker.
Damit sie sich nach Belieben auch distanz- und maskenlos und vor allem in gewünschter Truppenstärke dort versammeln und ihre plumpen Phrasen dreschen predigen können. In Bayern unterliegen Gottesdienste unter freiem Himmel nämlich keiner Beschränkung der Teilnehmerzahl. So macht man das, nimmt man halt einfach mal die Religion zu Hilfe.

Nicht zu fassen. Eigentlich müsste doch allen, die denken, egal ob quer oder geradeaus, auffallen, wie dummdreist oder blasphemisch das ist. Und wie schade, dass ausgerechnet in dieser Hinsicht die nächsten vier Wochen keine Ruhe zu erwarten ist.

Ansonsten: It’s closing time.

Mit ein paar anderen Wasserjunkies pflüge ich ein letztes Mal zu jener Abendstunde, in der das Schwimmbad grundsätzlich am leersten ist, durch das riesige Becken.
Jede einzelne Bahn mit Bedacht und fast feierlich geschwommen, das hatte auch ein bisschen was von einer Messe, die jeder still und konzentriert für sich allein zelebriert (und doch sind wir alle im selben Wasser).

Erstmals in meinem Leben schwimme ich 2.800 Meter am Stück. 100 für jeden Tag der bevorstehenden Schließung (sofern es bei den vier Wochen bleibt). Obwohl es sich mit dem Schwimmen ja leider genauso verhält wie mit dem Schlafen: man kann es nicht auf Vorrat betreiben und wochenlang davon zehren (was man aktuell bunkern könnte, wäre lediglich Klopapier und so Kram).

Egal, es tut mir trotzdem gut, das mal auszuprobieren, bis kurz vor Beckenschluss (wie der Zapfenstreich im Schwimmbad genannt wird) zu schwimmen.

Ist viel, aber ging schon – die schweren Beine können sich ja nun lang genug von dem Einsatz erholen.

Die nette Kassiererin verabschiedet sich geknickt in die nächste Kurzarbeit, der Lieblinsgsbademeister ruft einem zum Abschied ein optimistisches „Servus und bis bald!“ hinterher.

Genau wie im Frühjahr werden wir unser Freibad und unseren Sport sehr vermissen in den kommenden Wochen (und die Psychohygiene, die damit verbunden ist, ebenso), aber so ist das nun.

Ab morgen wird wieder Gugelhupf gebacken, das hat sich schon mal bewährt.

Pandemiepommery.

Rituale sind ja, sofern sie nicht gedankenlos repetiert oder zelebriert werden, eine äußerst gute, struktur- und haltgebende Sache.

Zur Zeit ganz besonders, denn die Pandemie-Nachrichten kündigen zunehmend einen Winter an, der zwar recht stayathome-kuschelig werden dürfte, demzufolge steht aber zu befürchten, dass er zugleich ziemlich kontaktreduziert verlaufen wird, je nachdem, wie viele Kuschelgenossen eben im eigenen Hausstand vorhanden sind. Eine wohlüberlegte Auslese der darüber hinaus wichtigsten Menschen und Tiere wird man hoffentlich weiterhin zu diversen AHA-Erlebnissen und gemeinsamen Wanderungen durch die Kälte noch treffen dürfen.

Option 3: Zum befreundeten Rudel reisend.
Hallo Bobby, schön, dich wiederzusehen!

Die drei Tage bei den Braunschweiger Freunden haben das Depot an externem Sozialglück nun nochmal ordentlich aufgefüllt: ein Stadtspaziergang mit A., ein Privatcoaching durch W., dreimal Gute-Nacht-Kuscheln mit B., eine ausgiebige Wanderung durch den Südharz, ein Schwumm im schönen und leeren 50-Meter-Becken des Sportbads, lange Frühstücke, noch längere Abende, leckeres Essen & Trinken und abschließend eine richtige Party anlässlich des vierjährigen Freundschaftsjubiläums, so wie auch schon im letzten Jahr am 17. Oktober. Werden wir beibehalten, dieses Ritual.

Coronamäßig ist man ganz auf einer Linie, was den Umgang mit Nähe und Distanz doch sehr erleichtert und unerquickliche Diskussionen erspart, wir sind uns also völlig einig über die konkrete Ausgestaltung der kleinen Jubiläumsfeier zu Coronazeiten: jeder lümmelt in Hausklamotten auf einem separaten Sofa, statt Aerosolen schwirren herrliche Klänge aus fünf Jahrzehnten Musikgeschichte, ein paar Katzenhaare und Wunderkerzenfunken durch das schummrig-gemütliche Dachgeschoss.

W. kümmert sich um das Kaminfeuer, ich kümmere mich um meine allergiebedingt triefende Nase, A. kümmert sich pünktlich zu Mitternacht um das Öffnen des feierlichen Fläschchens, nur die Haustiere, die kümmert der ganze Zinnober herzlich wenig, die suchen lieber das Weite.

Diese Nacht hat gleichermaßen was von 80er-Jahre Schulparty und Silvester in einer urigen Hütte, wir sind glücklich, dass wir das zusammen erleben dürfen, irgendwer sagt kurz vor dem Korkenknallen den albernen Satz „So jung kemma nimma zamm„, woran uns freilich für einen winzigen Augenblick doch bewusst wird, dass die 80er Jahre ja glatt schon etwas länger zurückliegen, als man’s nach den paar Schlückchen an dem Abend gedacht hätte, überhaupt sind wir recht ausgelassen und albern in diesen Stunden, ein gewisser Galgenhumor ist wahrscheinlich auch verantwortlich für diese Stimmungslage, und vielleicht wäre es an der Zeit, den zahlreichen neuen Vokabeln, die diese komische neue Normalität uns bereits vor die Füße gehustet hat, noch eine weitere hinzuzufügen: Galgenschampus.

Oder Pandemiepommery – das gefällt mir eigentlich noch besser.

Danke, liebe Andrea und lieber Wolfgang, für die schöne Zeit bei bzw. mit Euch und für vier Jahre Befreundetsein, bleibt gesund, kommt gut durch den Winter und schaut immer nach vorn: bei unserer nächsten Party am 17.10.21 gibt’s dann bestimmt schon einen Vakzineveuveclicquot! 🙂🥂🍾💛

Freitagabend, im Freibad.

Dichter Dampf steigt über dem menschenleeren 50m-Becken auf, das Thermometer an der Außentür zeigt 5 Grad. Ja haben wir da jetzt eine komplette Jahreszeit übersprungen oder was ist los?

Auf der Gufferthütte hat es geschneit, und das nicht zu knapp. Der Papa meldet auch schon weiße Berggipfel ringsum.

Morgen fahren die Freunde 613 km hierher, um den Wanderherbst in Oberbayern zu genießen. Gerade habe ich die Mitnahme von Mützen und Handschuhen empfohlen.

Was für ein schräges Jahr – aber wir machen einfach weiterhin das Beste draus. Gute Reise, liebe B.!

Das letzte Zeichen des Sommers brachte der hübsch Bewimperte erst vor 3 Tagen vorbei, hartnäckig strahlen die zwei Blumen nun gegen das Regengrau an.

Himmel der Bayern (85): Über den Wolken.

Links die Zugspitze, rechts der Kramer und neben mir meine kleine, treue Gefährtin.
Über allen Gipfeln ist Ruh‘: Nuluensis & ich, wunschlos glücklich.
Namensgeber meiner „Himmel der Bayern“-Serie.