Von Schuld, Campingplatzleben und Mollusken. Ein nächtliches Purgatorium.

Seit einiger Zeit beobachte ich morgens beim Zähneputzen ein abstruses Phänomen an meinem Körper. Wenn mir der Ausschnitt meines Schlafshirts durch die Putzbewegung ein Stück über die Schulter rutscht, sehe ich im Spiegel mein Schlüsselbein. Direkt unter dem Knochen ist eine längliche Wölbung erkennbar. Von Größe und Form her in etwa so, als säße unter meiner Haut eine halbierte Nacktschnecke.

Manchmal lege ich die Zahnbürste beiseite und ziehe mir das Shirt noch weiter über die Schulter, um dieses skurrile Spektakel genauer anzusehen. Spektakel, weil: das wulstartige Etwas bewegt sich ein bisschen. Ich betaste es vorsichtig. Es fühlt sich unangenehm, aber nicht schmerzhaft an, es lässt sich verschieben und eindellen. Vielleicht bewegt es sich auch nur, weil ich zuvor den Arm bewegt habe?
Ich berühre die Stelle noch ein paarmal, versuche mich an einer kleinen sensorischen Testreihe (sogar unter Zeugen, damit es nicht irgendwann in einer Notambulanz heißt: Die spinnt doch!), aber jedesmal macht sich die halbierte Nacktschnecke mittendrin vom Acker und taucht erst am nächsten Morgen wieder auf.

[Ein Filmausschnitt fällt mir dazu ein. Als ich ca. acht Jahre alt war, tappte ich spätnachts, aus einem unruhigen Kindertraum erwacht, ins Wohnzimmer, weil ich den Fernseher hörte und wusste: da ist der Papa, da bin ich sicher. Er saß dort manchmal nachts, wenn er nicht schlafen konnte und guckte sich Weltraumsendungen oder irgendwelche schrägen Filme an. Ich setzte mich neben ihn aufs Sofa und mein Blick fiel unweigerlich auf den Fernseher. In der Szene, die gerade lief, war ein Mensch zu sehen, in dessen Rücken ein Wurm hauste, ein Riesenwurm, der gerade dabei war, sich von innen durch die Haut zu fressen. Ich kreischte vor Ekel und der Papa schaltete natürlich sofort den Fernseher aus.]

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Campingplatzleben.

Mit diesem gänzlich neuen Wort – nie zuvor gedacht/gesagt/geschrieben – frühmorgens aus einem Traum aufgeschreckt.
Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, so mein letzter erinnerter Satz, aus dem Alptraum erwachend. Ich schrie ihm diesen Satz ins Gesicht und fuhr davon.

Zuvor hatte ich mich von ihm überreden lassen, ihn zu seinen Eltern zu begleiten. Obwohl er gar nicht mehr mein Freund war, genau genommen ist er das wohl nie gewesen (und was auch immer wir waren: Freunde jedenfalls nicht).
Er jammerte wochenlang, dass er dort nicht alleine aufkreuzen könne, im Elternhaus, nach all den Jahren. Seine Freundin sei als Begleitung ungeeignet, die könne sich nicht benehmen und sei zu laut für die schwachen Nerven seiner Mutter. Und sein Vater dürfe sie nicht sehen, diese Freundin, denn der wäre schockiert über eine solch ungehobelte Person.

Deshalb ICH. Bitte, nur noch dieses eine Mal. Es würde ihm bestimmt sehr helfen. Ich könne das doch locker. Er könne das nun mal gar nicht. Diese ganze Herkunftsfamilie, alle so schrecklich. So viele Rechnungen offen mit denen, dass ein läppisches Leben sowieso nicht ausreiche, um die alle zu begleichen. Gut, das Erbe nahe ja nun, das würde vielleicht was heilen, eines Tages. Eine Art Schmerzensgeld, das stünde ihm doch zu, nach all dem Erlittenen seien sie ihm das schuldig.

[Kinder sitzen diesem Trugschluss ja gar nicht so selten auf: zu meinen, die schrecklichen Eltern seien ihnen ja wenigstens eines Tages ihren gesamten Besitz schuldig, wenn sie ihnen schon sonst nichts Gutes gegeben hätten. Ein Schuldschein, der nicht einlösbar ist. Vielleicht eh bloß die Rückseite des genauso wertlosen elterlichen Schuldscheins, auf dem in großen Lettern „Dafür, dass wir dir das Leben schenkten, schuldest du uns Dankbarkeit“ prangt. Meist stehen beide Seiten knietief im selben Moralmorast des Familiengeweses, gleichwohl denkt jede der Seiten, nur die andere stünde drin und sie selbst sei erhaben über diese Niederungen menschlicher Gesinnung.]

Er müsse diesen Besuch jetzt machen, damit ihm das nicht durch die Lappen ginge, man wisse ja nie. Ich müsse ihn unbedingt begleiten.
Und ich? Natürlich. Ich mach‘ das. Weil ich gefall‘ mir ja in dieser vertrauten Rolle der Retterin der Unrettbaren. Damit kenn‘ ich mich aus, das kann ich. Mit dem ewig gleichen Misserfolg am Ende, versteht sich. Denn man kann das Seelenleben der anderen nicht retten, was man zwar von Anfang an weiß, aber nicht ernst nehmen möchte, weil: das lenkt so prima ab von potentiell schöneren, neueren, bunteren Rollenkleidern, in die zu schlüpfen ich mich ziere oder ängstige (weil ich dabei womöglich den eigenen familiären Moralmorast betrachten oder gar betreten müsste: die Mutter, die Mutter, die Mutter).

Ich sitze also am Steuer einer überdimensionierten, schwarzen Limousine und kutschiere ihn zum Elternhaus. Unterwegs erzählt er mir unaufhörlich von seiner Kindheit und von seinen Eltern, die ich noch nie gesehen habe und eigentlich auch lieber nie sehen wollte, weil das, was er erzählt, wahrhaft gruselig und traurig klingt.

Dort angekommen öffnet uns niemand. Die tun nur so!, sagt er zu mir: das konnten sie schon immer am besten – nur so tun als ob.
Er weiß offenbar, dass sie zuhause sind. Wir schleichen uns durch einen verwachsenen Garten zu einer Terrassentür, die einen Spalt breit offensteht. Er greift nach innen, legt den Griff um und schiebt die Tür ganz auf. Seine Eltern liegen auf einer riesigen Eckcouch und schlafen und sehen aus wie tot, so friedlich.
Durch das Quietschen der Schiebetür erwacht die Mutter. Erkennt ihn, den Sohn, setzt sich auf und will etwas sagen, aber es kommt kein Ton aus ihrer Kehle. In dem Moment wacht auch der Vater auf, blickt uns an und poltert sofort los: Wieso der Sohn erst jetzt komme, so kurz vor ihrem Tode, wieso er sich all die Jahre nicht habe erinnern wollen an sie, seine Eltern, wieso erst jetzt?

Dieser Sohn, den ich begleite, steht hinter mir und ringt nach Luft, will auch etwas sagen und kann nicht. Der Moment meines Einsatzes ist gekommen, denke ich noch, als ich aus den Augenwinkeln sehe, wie der Sohn wortlos ein großes Ölgemälde von der Wohnzimmerwand nimmt und damit auf die Mutter zugeht, mit sehr entschlossener Mine. Sie will noch schützend die Hände über den Kopf heben , aber es ist zu spät. Der Sohn erschlägt sie mit dem Bild, mit mehreren Hieben. Ein Stück Bilderrahmen ragt ihr schließlich aus der Brust (nirgends Blut, ich träume fast ausnahmslos blutfrei, in diesen seltenen Horrorträumen).

Der Vater ist fassungslos und beginnt zu weinen. Ich setze mich zu ihm und sage mit zitternder Stimme: Es tut mir leid, aber genau DAS habe ich kommen sehen. Dass es so eskaliert. Ich habe es kommen sehen. Dann lege ich ihm tröstend die Hand auf seinen runzligen, von Altersflecken übersäten Arm.
Warum haben Sie es dann nicht verhindert?, will der schluchzende Vater von mir wissen.
Weil Ihr Sohn es sowieso getan hätte, irgendwann, irgendwie, entgegne ich.

Dann frage ich mich, wo er eigentlich ist, der Sohn.
Stehe auf und gehe durchs Wohnzimmer, schaue hinüber in den Flur und ins Esszimmer. Dort ist er nicht. Ich trete durch die Terrassentür hinaus in den Garten – und da sehe ich ihn: er kauert in einer Ecke, hat sich in eine Decke gehüllt und nimmt große Schlucke aus einer Weinflasche. Als ich auf ihn zugehe und ihn ansprechen möchte, schreit er mich an. Ich solle stehenbleiben, sonst würde er auch mich erschlagen, so wie er überhaupt alle erschlagen möchte, die ihn nicht gesehen und ernst genommen hätten. Mit einem beherzten Sprung nähere ich mich ihm, wische mit einer schnellen Bewegung des rechten Armes die Flasche aus seiner Hand und schreie zurück: Er müsse jetzt zu dem stehen, was er getan habe, einmal in seinem Leben müsse er das hinbekommen, denn nicht an jedem Drama seien immer nur die anderen schuld!

Mein Mut verlässt mich schnell wieder, ich bekomme Angst und renne weg. Warum auch immer ich ins Haus zurückeile, kann ich nicht sagen, aber als nächstes stehe ich wieder in diesem hässlichen Eiche-rustikal-Wohnzimmer.
Der Vater sitzt immer noch starr vor Schreck und weinend auf dem Sofa. Ich sehe zur anderen Couchseite hinüber, wo die tote Mutter liegt. Auf einmal reißt sie die Augen weit auf und sagt in einem Tonfall, in dem Fürbitten verlesen werden: Jetzt wird er wieder jahrelang in unserem Garten campen! Oh helfen Sie uns doch!

[Und mitten in dieser Traumszene denke ich: Ja, so ist er. Ein Camper. Schlägt irgendwo sein Zelt auf, behilft sich mit dem Nötigsten, harrt aus, bis alles um ihn herum sich dieser Campingszenerie angeglichen hat: die Freundin, die Nahrung, die Wohnung, die Gegend, die Vegetation. Alles wird zum Zubehör, alles ist im Notfall schnell zurückzulassen. Er lebt auf dem Boden, er schläft im Schlafsack, kein Wetter kann ihm etwas anhaben. Er befindet sich in seinem Survival-Camp und sitzt dort und hält Mahnwache. Schon jahrelang. Ein Outlaw, der sich am Feuer wärmt, sich von Wurzeln ernährt, sich kaum mehr pflegt, sich den Menschen entfremdet, sich in seinem selbstgewählten Exil eingerichtet hat. Ab und an stößt er einen Hilferuf aus, manchmal ertönt ein Echo, letztlich aber verhallt alles in der Dunkelheit und Wildnis.]

Ich wende mich von der Mutter ab, drehe mich um, trete ganz nah an die Scheibenfront des Wohnzimmers heran und schaue in den Garten hinaus, wo er noch immer in der hintersten Ecke sitzt. Sehe, dass er schon eine neue Flasche Wein in der Hand hält. Ausdruckslos und passiv starrt er die Hecke gegenüber an, so als ginge ihn all das, was hier drüben, im Wohnzimmer seiner Eltern, geschehen ist, nichts mehr an.

Mich ergreift eine unsagbare Wut, wie ich ihn da so hocken sehe. Dieser unerträgliche Trauminet. Dieser Blutegel-Habitus hinter der Opfer-Maske, wenngleich wohl unbewusst. Nach Jahren des Mitleids packt mich nun die blanke Wut.
Die aber richtet sich nur teilweise gegen ihn, dieses dort im Rasen hockende, trotzige, verletzte Häuflein Elend, das mir so viel Energie für die Bekümmerung um sein Elend abgezogen hat, so dass diese Energie nun für mich fehlt.
Im Kern und in letzter Konsequenz richtet sich diese Wut gegen mich. Gegen mich, dieses dort hinter der Glastür stehende, grollende und ebenfalls verletzte Häuflein Elend, das sich ohne jeden Zwang diesen Blutegel aus dem Sumpf fischte, ihn sich anlegte und ihn saugen ließ.
Kaum zu glauben, wie ähnlich man einander in manchen Aspekten doch ist, trotz größter Verschiedenheit!

Er starrt die Hecke an, ich starre ihn an. Wut und Selbsterkenntnis pochen hinter meinen Schläfen, die Scheibe beschlägt von meinem Schnauben. So sehr, dass seine Konturen dort draußen im Garten mit jedem Ausatmen mehr und mehr verschwimmen. Kurz bevor er hinter dieser Kondenswasserschicht völlig verschwindet, ruft er nach mir: Was stehst du da so herum, kommst du jetzt bitte?

Kaum ist der Ruf ertönt, setze ich mich langsam in Bewegung. Jeder Schritt wie in Zeitlupe. Ein paar Meter vor ihm bleibe ich auf dem Rasen stehen und schaue ihn an. Ja, siehst du denn nicht, wie es mir geht?, wimmert er.
Ich versuche, meine Wut wegzudrücken, mich zu sammeln und zu sagen: Nein, weil ich jetzt endlich wieder sehe, wie es MIR geht!

Sage es dann tatsächlich, drehe mich um und gehe aus dem Garten hinaus, der nun noch zugewachsener wirkt als beim Betreten. Ein paar dornige Zweige schnalzen mir schmerzhaft ins Gesicht.
Schließe das Auto auf, lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Bin fix und fertig.

Dann klopft es am Fenster. Draußen steht er, mit hochrotem Gesicht. Zorn? Tränen? der Wein? – die Röte ist nicht zuzuordnen, es ist mir auch egal, denn ich kann meine Wut nicht mehr unterdrücken.
Drehe den Zündschlüssel um, lege den Gang ein, öffne das Fenster – das Blut kocht nun in meinen Adern – und brülle: Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, und trete mit dem Fuß aufs Gaspedal, so fest ich kann.

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Beim Zähneputzen suchen die Augen bereits automatisch das morgendliche Spiegelbild nach der halbierten Nacktschnecke unter dem Schlüsselbein ab.
Sie wulstet heute nicht an der üblichen Stelle herum. Seltsam. Ich lege die Zahnbürste auf den Waschbeckenrand und streife das Shirt über meine Schulter. Nirgends ist es zu sehen, das kleine Monster. Irritiert ziehe ich das Shirt ganz aus. Taste das Gewebe rund ums Schlüsselbein gründlich ab. Inspiziere den gesamten Oberkörper. Nichts, nirgends.

Die Molluske ist über Nacht verschwunden.

Gedanken, wie Hochseevögel über einer schroffen Inselschönheit kreisend.

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Durch weite Wacholdersteppen streifen wir Richtung Meer, der raue Küstenwind weht uns um die Nase, verwaiste Ställe säumen die Ränder der Schafweiden, sandige Pfade durchziehen Kiefernwälder, in denen Äste in der stürmischen Luft ächzen oder das Sonnenlicht flirrende Muster auf den hellen Boden malt.

Im Spätsommer, sobald der Großteil der Urlauber an die Schreibtische zurückgekehrt ist oder von der Schulpflicht nachhause aufs Festland beordert wurde, ist es eine Insel für Außenseiter.
Alles hier passt zu einer Art von Alleinsein, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Auf vollendete Weise kann man tagelang allein umherziehen, völlig für sich sein.
Nicht jenes Für-Sich-Sein, dem es insgeheim darum geht, irgendein Ich oder eine Mitte zu finden (oder eine Leere oder eine Fülle), auch wenn es diese Zwecke hartnäckig zu leugnen sucht, sondern eines, das einfach entsteht: ohne eigenes Zutun, ohne dass man es initiiert oder gesucht oder auf andere Weise herbeizuführen versucht hätte.

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Eine mehrstündige Überfahrt, deren schönste Stunden die waren, in denen rundum nichts als Wasser war, Wasser und Weite, wohin der Blick sich auch wandte, überall am Horizont das Verschmelzen der Blautöne.

Nicht mehr auszumachen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, unerheblich auch, sich dieser Differenzierung zu widmen, wenn die äußeren Bilder das innere Erleben dazu drängen, sich ganz und gar vom Begriff „Universum“ ergreifen zu lassen, ihn neu zu begreifen oder überhaupt erstmals zu buchstabieren.

Irgendwann schiebt sich ein schmaler Streifen Land zwischen die Ostsee und den Himmel: Gotland.

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Wir verlassen den dunklen Bauch der großen Fähre und fahren hinaus ins Helle.
Es erwartet uns keine Hektik wie an so manch anderen Häfen, sondern ein überschaubarer Parkplatz und wenig Betriebsamkeit. Nur einen Steinwurf vom Fährhafen entfernt schlummern die Gässchen der hübschen, buckligen Altstadt.

Wir umrunden die Stadt auf einem Spazierweg, der durch die Wiesenhügel unterhalb der Stadtmauer verläuft, in denen das Dackelfräulein, das so brav und ruhig war auf der langen Überfahrt, sich erstmal austoben kann.
An mehreren Stellen gewährt der Weg einen Durchschlupf durch die dicke, steinerne Mauer ins Stadtinnere, einen davon nutzen wir, denn die Essenszeit naht und vor Sonnenuntergang will die abgelegene Stuga im Süden der Insel erreicht sein bzw. gefunden werden.

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In den Seitenstraßen niedrige Häuser, kühles, klares Licht, ein paar Platanen am Rand des Kopfsteinpflasters, zeternde Möwen, die sich in der Luft fetzen. Eine alte Frau in Blumenrock und Strickpullover schiebt sich langsam aus ihrer gelben Tür heraus und tritt vor ihr blaues Haus, um dort ein paar Spitzen von den roten Rosen zu schneiden.

Gelb, blau, rot, Farben fluten das Auge, dieses Schweden ist ein Land der satten und kräftigen Farben, aber auf Gotland trifft man das Bunte niemals flächendeckend, sondern es versammelt sich nur an auserwählten Orten: in der kleinen Hauptstadt der Insel oder in Lummelunda und Kneippbyn sowie auf Dorfplätzen, Friedhöfen und natürlich in den süßen Auslagen der zahlreichen Bäckereien.

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Ein erster Duft des einfachen und milden Alleinseins, das neben Pippa mein beständiger Begleiter werden wird in dieser Inselstille und das nichts zu tun hat mit dem hohlen Schmerz, der Alleinreisende manchmal in den Abendstunden befällt, strömt aus den schmalen Mauerspalten der bunten, eng beieinander liegenden Häuschen und aus den sandigen Ritzen zwischen den abgewetzten Pflastersteinen.

Ich atme ihn ein, inhaliere diesen Duft geradezu, die Lungen weiten sich, ihre Flügel werden schon nach wenigen Atemzügen freier und freier, ein Gefühl wie beim ersten Spaziergang nach einem zähen, endlich überstandenen Bronchialkatarrh.

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Unterhalb der Kirchenruine auf dem Stora Torget, dem schiefen Marktplatz von Visby, plötzlich noch ein anderer Duft.
Safranpannkaka. Allein das Wort: so saftig, süss und sonnengelb. Wenn man aber aufmerksam hinhört, warnt schon sein im Abgang spitz klingendes -kaka davor, dass diese Köstlichkeit limitiert ist: So ist es dann auch, ins Café lassen sie uns nämlich nicht hinein.
Bo utanför! – Bitte draußenbleiben!, darüber das durchgestrichene Hundesymbol, und das fast überall.

Als Hundebesitzer ist man auf Gotland zwar willkommen, gleichwohl zum Außenseiterdasein verdammt – und zwar in jeder Saison.
Miete dir also dein eigenes Häuschen, verpflege dich selbst, reise außerhalb der Hauptsaison, so dass die Strände leergefegt sind, die meisten Lokale geschlossen haben und dich und deinen Hund diese unglaubliche Stille umgibt, die nur vom Blöken der grauen Gotlandschafe, dem Kreischen der Hochseevögel oder dem Schlag der Wellen gegen die bizarren Rauken bei Slite oder die schroffen Felsen vor Högklint durchbrochen wird.

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Die Erinnerungen alle noch so präsent: die Schlaglöcher auf den krummen Inselstraßen, das leere Schwimmbad in Hemse, die klebrigen Kanelbullar aus Hablingbo, der kilometerlange Strand von Nisseviken, der fiese Dorn in Pippas Pfote bei Fidenäs, das Versäumnis mit Fårö und die Entdeckung, dass man ab Tag fünf des Inselexils (der auf Tag 12 der gesamten Reise fiel), allmählich mit Selbstgesprächen beginnt.

Kurze Sequenzen zwar nur und diese freilich nicht zur Wand hin oder ins Spülbecken oder übers Verandageländer gesprochen, sondern an den kleinen Hund adressiert, der immer neben einem ist und für nahezu alles einen wachen Blick oder ein freundliches Schwanzwedeln parat hat. Ein verlässliches Reagieren und Antworten, manchmal auch ein Auffordern und Fragen (Geh’n wir jetzt los? Spielst du mit mir?), ein so wohltuendes und selbstverständliches Bezogensein aufeinander, mehr als von so manchem Menschen zu erwarten ist, und vor allem so gleichbleibend freudig und zugewandt, so fern von jeglichem Wankelmut und Seelenzirkus, dass einem das Herz aufgeht und es ganz und gar überflüssig wird, auch nur einen Moment lang über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu sinnieren.

Jedem Blick und Kontakt dieses „Wo du bist, dort will ich auch sein, dort bin ich zuhause und zufrieden“ innewohnend, das einen ebenso trägt wie bindet, das Struktur gibt und einen bewegt, Letzteres sogar im doppelten Wortsinne.

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Die Zeit ist nicht nur die Komplizin des Vergessens, sondern auch die Kumpanin der Verklärung und Verzerrung. Manches, was nicht dem Vergessen anheimfällt, wird, je mehr Zeit vergangen ist, gern zum Gegenstand verklärender oder verzerrter Betrachtung.
In der Retrospektive und im Erinnern erscheint uns das Erlebte dann intensiver als es tatsächlich war: Gipfel werden höher, Wegstrecken länger, Verletzungen tiefer, Unwetter widriger, Liebe leuchtender, Schmerzen schrecklicher, Begegnungen einzigartiger, Gespräche bedeutender, Töne klangvoller und Farben satter.
Dieses Phänomen macht auch vor unseren Reiseerinnerungen nicht immer Halt: das Entlanghatschen des Jakobsweges wird im Rückblick tatsächlich zur ersehnten Seelenkatharsis, die Alpenüberquerung zum überfälligen Befreiungsschlag und Aufbruch in eine neue Ära, selbst ein viertägiger Kurztrip nach Passau kann – mit der falschen Begleitung, bei Dauerregen und in einer schlecht beheizten Unterkunft – zu einer Expedition in psychische und physische Gefilde werden, die denen eines Survivalcamps in der Wildnis Neufundlands in nichts nachstehen.

Ja, die Zeit (bzw. man selbst in ihr und durch sie) ist sogar imstande, die Toten in einem Licht erstrahlen zu lassen, in dem man sie zu Lebzeiten kaum je wahrnahm oder sie in der unbarmherzigen Dunkelheit des Vergessens zu versenken, was ihnen womöglich auch nicht gerecht wird.

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Gedanken, die ich niederschreibe, während ich eigentlich damit beschäftigt war, mich auf eine berufliche Unterredung in der kommenden Woche vorzubereiten, für die sich ein recherchierendes Kramen in Erinnerungen und Notizen durchaus empfahl und der es vielleicht sogar zuträglich ist, dass sich das Kramen dann verselbständigte, weil man dadurch ja nochmal richtig eintaucht in das, was damals war und sich daraus das, was nun kommen könnte oder sollte, besser herausschälen lässt.

Vielleicht verleitete auch nur das Drumherum – Sofa, Tee, Schokolade, Wolldecke mit Dackel drunter- zum gemütlich-genüsslichen Abschweifen.

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57 questions (and nothin‘ less) oder: Es ist nie zu spät.

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Die Menschheit unterteilt sich ja nicht nur in Männer und Frauen, Katzenliebhaber und Hundefreunde, Pechvögel und Glückspilze, Couchpotatoes und Bewegungsjunkies, Pessimisten und Optimisten, Landbewohner und Stadtmenschen – nein, sie unterteilt sich auch in Frager und Nichtfrager. Man ist keinesfalls beides, sondern immer nur eines von beidem.
[Im Folgenden wird aus Gründen der Vereinfachung bewusst auf genauere Differenzierung verzichtet. Nur so viel: Selbstredend gibt es Frager, die nicht immer und überall fragen, sowie Nichtfrager, die gelegentlich auch mal Fragen stellen. Dennoch: in Tendenz ist jemand entweder das eine oder das andere.]

Was mich angeht, so gehöre ich zu den Fragern und umgebe mich, das muss ich gestehen, auch lieber mit Gleichgesinnten. Weil es auf lange Sicht kommunikativ besser und runder läuft, weil die Beteiligten einfach weniger holpern und stolpern, wenn man in der Hinsicht aus dem gleichen Holz geschnitzt ist. Man tut sich leichter im Miteinanderreden, erfährt mehr voneinander, gerät öfter in spannende Diskussionen, kann den eigenen Standpunkt durchs Gefragtwerden besser überprüfen, zeigt dem anderen durchs Nachfragen, dass man sich seine Belange nicht nur gemerkt hat, sondern aktiv daran Anteil nimmt und wirklich wissen will, wie es um ihn bestellt ist.

Dennoch bin ich aufrichtig darum bemüht, meinen Kommunikationshorizont zu erweitern und mich auch im Umgang mit Nichtfragern zu üben, vereinzelt sind mir sogar schon längere Freundschaften mit selbigen geglückt. Ich weiß mittlerweile, dass diese ihr Nichtfragen teils mit „Diskretion“ oder „Vorsicht“ erklären oder damit, nicht zu aufdringlich, plump, direkt oder neugierig wirken zu wollen und daher lieber abwarten, ob und wenn ja, was der andere von sich preisgeben möchte. Zu dem Mitgeteilten fragen sie dann wiederum aus Diskretion/Vorsicht/Rücksichtnahme nicht viel (oder gar nichts) nach, nehmen das Erzählte aber wohl zur Kenntnis, so versicherte man es mir zumindest schon des Öfteren.

Manche betreiben das sogar innerhalb ihrer Partnerschaft so, vermutlich handelt es sich hier auch um Beziehungen unter Gleichgesinnten – also zweier Nichtfrager.
Für mich wäre das ziemlich undenkbar: Von jemandem, mit dem ich Tisch, Bett, Badewanne, Sofa, Plätzchenteller von Rischart, Alltag, Freizeit, Hotelzimmer und Hund (kurz: mein ganzes Leben) teile, erwarte ich keine Diskretion in der Kommunikation, mit der Ausnahme, dass er Dritten gegenüber Stillschweigen darüber bewahren möge, welches Design meine Badeente hat oder wie ungelenk ich aussehe, wenn ich in meiner ausgebeulten Haushose und unter enormen Verrenkungen auf die Couch klettern muss, um das darauf bereits in aller Länge ausgestreckte Dackelfräulein keinesfalls in ihrem Schönheitsschlaf zu stören.

Und auch in Freundschaften brauch‘ ich das nicht, diese Vorsicht oder Diskretion. Mich darf man alles fragen – und ich halte es genauso. Denn schließlich hat man es ja mit erwachsenen Menschen zu tun, die gegebenenfalls (also falls ihnen eine Frage als zu indiskret aufstieße oder anderweitig unpassend vorkäme) einfach sagen können, dass sie jetzt gerade oder generell dazu nichts antworten können oder wollen. Das habe ich dann zu respektieren.
Umgekehrt handhabe ich es ebenso: es gibt durchaus manchmal Fragen, die ich nicht beantworten kann oder will, und dann sag‘ ich das eben. Für mein Empfinden ist das der einfachste Weg, miteinander zu kommunizieren. Alles andere ist in meinen Augen komplizierter, denn schließlich unterstellt man seinem Gesprächspartner mit diesem aus Vorsicht nichtfragenden Verhalten ja auch, dass er/sie evtl. nicht in der Lage sein könnte, sich gegen die Frage zu wehren, ja, als wäre er ihr geradezu hilflos ausgeliefert und womöglich überfordert von ihr. Das mutet fast schon wie eine Art von Bevormundung an (so nach dem Motto „ich frag sie/ihn das lieber nicht, nicht dass sie/er sich bedrängt fühlt“), mindestens aber wie eine unangebrachte Unterstellung.

Ich wünsche mir also, dass andere mir ihre Fragen zumuten und mir damit (statt allem möglichen Unsinn) die Mündigkeit unterstellen, dass ich mich so zu reagieren traue, wie ich in dem Moment empfinde: antwortend, ablehnend, ahnungslos, auf später verweisend oder – was ja auch ab und an mal vorkommt – die Frage an sich zurückweisend und ggf. (sofern ich mir dessen schon gewahr sein sollte) erläuternd, wieso diese Frage für mich die „falsche“ Frage ist (es gibt ja so Themen, die im eigenen Universum nicht mal ansatzweise vorkommen, so dass man dazu definitiv nichts sagen könnte, selbst wenn man wollte – beispielsweise, wenn mich jemand fragte, ob ich eher Horrorfilme oder Science-Fiction bevorzuge oder ob ich lieber Trippa alla fiorentina oder Surströmming essen würde).
Fragen sind jedenfalls niemals indiskret, lediglich Antworten können es bisweilen sein. Ich finde Fragen und Gefragtwerden spannend, weil es Nähe schafft, zu Genauigkeit anhält, Differenzen offenlegt, Austausch fördert, Verständnis vertiefen und Unverständnis vermeiden hilft.

Manch einer findet ja auch deshalb keinen Gefallen an der Fragerei, weil er die eventuellen Konsequenzen einer Antwort nicht tragen möchte. Weil ihm die Antworten, die er erhalten könnte, womöglich erneut das Ungemach des Eingehens auf den anderen, einer wahrhaft dialogischen Auseinandersetzung mit ihm, bescheren könnten. Oder sie ihn gar zu einer spontanen Reaktion nötigen könnten. Denn es gibt ja so Antworten, da kannst du nicht nichts dazu sagen, wenn du nicht als völliger Stoffel oder Ignorant dastehen willst (Fragen kann also auch riskant sein, wenn sich mit der Antwort ein Abgrund auftut, in den man nicht hat blicken wollen, wenn’s auch nicht der eigene ist).

Auch hier ist die Unterstellung die Prämisse des Handelns: denn der Nichtfragende kann ja nicht a priori wissen, was der Nichtgefragte im Falle des Gefragtwordenseins überhaupt geantwortet hätte. Er unterstellt ihm aber munter und bar jeder vernünftigen Grundlage eine irgendwie heikle Antwort, vermeidet schließlich aufgrund dieser Unterstellung die Frage und bleibt dadurch nicht nur unwissend, sondern als Konsequenz seiner unüberprüften Annahme auch noch sehr ungut auf seiner womöglich ziemlich falschen Spekulation sitzen.

Der Nichtgefragte hingegen bleibt ratlos und vielleicht etwas enttäuscht sitzen, sofern er selbst ein Nichtfrager ist. Ist er aber ein Frager, wird er eventuell wissen wollen, wieso der andere nicht nachfragt und genau diese Frage auch stellen. (Zu-viel-)Gefragt-Werden ist für den Nichtfrager jedoch meist ein großer Stress, so dass sich an diesem Punkt gern weiteres Konfliktpotential auftut: ein weites Feld der Verhedderung und Verständnislosigkeit wird betreten (und nicht selten suchen beide dann lieber das Weite).
Frager und Nicht-Frager brauchen gutes Schuhwerk und viel Ausdauer, um diesen Acker gemeinsam zu beschreiten, ihn zu bestellen, ihm gar Fruchtbarkeit und Ertrag abzuringen.

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In dem Kontext fällt mir eine Situation aus dem Kollegenkreis meiner ehemaligen Firma wieder ein.

Von den über 60 Kollegen in der Abteilung wussten seinerzeit – die Begebenheit ist viele Jahre her – mindestens die Hälfte, dass mir eine größere Operation bevorstand, denn die längere Abwesenheit war bereits weit vor dem Eingriff verkündet worden. Von diesen 30 Personen hatte ich mit gut der Hälfte durchaus viel zu tun.
Genau einer hat mir damals, bevor ich für ein paar Wochen den Dienst quittierte, eine Frage gestellt: „Hast du denn Angst vor dieser Operation?“, wollte er wissen. Ich habe mich riesig gefreut, dass einer sich traute, genau diese Frage zu stellen, und damit den Mut bewies, die Antwort nicht nur hören zu wollen, sondern sie auch auszuhalten, egal wie sie ausfallen würde.
„Ja, ich habe Angst“, antwortete ich, und J. sah mich an und ertrug es einfach, dass ich genau das sagte (und nicht mehr, aber auch nicht weniger) und entgegnete, das würde ihm wohl auch so gehen und er wünsche mir, dass alles gut ginge. Das werde ich ihm nie vergessen, wenngleich ich schon vorher wusste, dass er nicht zu denen gehörte, die sich ständig durch übermäßig lautes und persönliches Getue auf dem Flur oder in der Kaffeeküche anzuwanzen versuchten, aber bei der erstbesten Gelegenheit, bei der mal mehr als nur Getue gefragt gewesen wäre, kläglich und geradezu hilflos verstummten.

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Neulich erhielt ich überraschend Post aus Rheinland-Pfalz (um ein Haar hätt‘ ich wieder „Saarland“ geschrieben, dabei ist das grottenfalsch).

Der Absender war T., mit dem ich nahezu seit Beginn unserer Freundschaft in unregelmäßigen Abständen immer wieder in Diskussionen, wenn nicht sogar Streit darüber gerate, dass und v.a. wieso unser jeweiliger Wissensstand vom (Leben des) anderen ein recht unterschiedlicher sei und dass dieses Ungleichgewicht daher rühre, dass er so gut wie nie Fragen stellen würde.
Auch hier vereinfache ich nun stark, denn Sie wollen wirklich nicht in die Einzelheiten dieser Dispute eintauchen, da bin ich sicher. Sehr sicher sogar, denn nicht mal T. oder ich wollen da im Nachhinein nochmal tiefer eintauchen. In zähen Phasen unserer Verbindung hatte das geschilderte Phänomen schon zu wechselseitiger Totalverstummung geführt. In guten Phasen begleitete es uns als Running Gag.

Nach über fünf Jahren soll nun offenbar, so wirkt es auf mich, seit ich die Postsendung öffnete, die Zeit des Nichtfragens enden und eine neue Ära eingeläutet werden: denn T. hat sich hingesetzt und alles notiert, was er schon immer mal wissen wollte (mich aber bisher nicht zu fragen wagte oder mal abwarten wollte, ob ich mich eines Tages auch ungefragt dazu äußern würde).
57 Fragen sind es geworden, fein säuberlich abgetippt und durchnummeriert, auf 6 DIN A4-Seiten (natürlich kein Zufall, dass es 57 an der Zahl sind, denn T. ist wie ich Springsteen-Fan und versucht an jeder möglichen und unmöglichen Ecke einen versteckten oder auch offenen Hinweis auf einen Psalm aus dem gemeinsamen Bruceeversum einzuflechten).

57 Fragen also.
Ein Meisterwerk der Indiskretion und Unvorsicht ist dabei herausgekommen! Aber hallo!
Dinge will er wissen, von denen ich gar nicht weiß, ob ich sie je gewusst habe oder noch wissen will… (wie z.B. die Abiturnote oder die ursprünglichen Berufswünsche u.v.m.).
Heute Abend – die Wohnung ist endlich fertig, ich bin erkältet und habe folglich Zeit und Ruhe – werde ich mich nun hinsetzen und seine Fragen beantworten.
Ja, da brauchen Sie jetzt gar nicht staunend die Augenbrauen hochziehen wegen der Anzahl.
57 Fragen bzw. 57 Antworten, das geht locker an einem Abend, denn T. hat – in weiser Voraussicht und weil er mich nach fünf Jahren fraglosen Befreundetseins vielleicht doch gar nicht so schlecht einschätzen kann – unter jeder Frage nur Platz für einen etwa zweizeiligen Freitext gelassen, so dass man gar nicht in Versuchung geraten kann, ins Schwafeln zu kommen.
Manche der Fragen sind zudem bereits so gestellt, dass sie eher auf eine Ja/Nein-Antwort hinauslaufen, wofür dann ja nicht mal die zweite Zeile benötigt würde, außer man ist unschlüssig und streicht die Antwort mehrfach durch und schreibt sie erneut hin usw. Und im Fall der Abiturnote bedarf es eh nicht mehr als einer Zahl – da lasse ich sogar freiwillig die Nachkommstelle weg und fasse mich extrem kurz.

Dafür gestattete ich es mir jetzt hier in meinem Blog, dieses Thema nochmal ohne Beschränkung auf zweizeilige Zusammenfassungen aufgefächert zu haben, mich quasi warm geschrieben zu haben für die abendliche Antwort-Orgie zu T.s Fragenkatalog.

Und außerdem verdient manche Erkenntnis es einfach, festgehalten zu werden.
Diesmal: Man sollte die Nichtfrager unter seinen Freunden niemals nicht unterschätzen, manche sparen sich das ganze Gefrage einfach nur fünf Jahre lang auf (für den einen, großen Wurf 🙂 ).

Es ist wirklich nie zu spät für Überraschungen.

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I came home and I pointed it out into the stars
A message came back from the great beyond
There’s fifty-seven questions and nothin‘ on…

Eine Nachlese oder: Fröstelnd sitz‘ ich auf der Couch und blättere.

Eine Sitzordnung hatte er sich überlegt. Das gab’s noch nie, aber gut war’s.
Denn wohldurchdacht war sie, diese Sitzordnung, da die Egozentriker und Plärrer ebenso wie die Kinder unter 3 Jahren einigermaßen weit von mir entfernt saßen, den Gatten hatte ich schräg gegenüber, so dass man sich bei Bedarf (akute Anstrengung, sporadische Fluchtüberlegungen, temporärer Ekel ob der schier unglaublichen Fleischmengen auf den Tellern) unkompliziert per Blick über die Gefühlslage verständigen konnte, rechts neben mir den Jubilar höchstselbst (sehr schön, mal wieder so lang und nah nebeneinander zu sitzen) und zu meiner Linken den langjährigen, beruflichen Weggefährten des Papas (einen pensionierten Oberstudienrat aus Passau mit einem poltähnlichen Humor und seiner so warmherzigen Klugheit), der mich fast ebenso lang kennt wie der Papa.

Die beiden waren über 40 Jahre in beruflichem Kontext sowas wie ein eingespieltes Ehepaar, der Niederbayer in seiner Funktion als ehrenamtlicher Vorstand, der Papa in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Geschäftsführer, alles Wichtige gemeinsam erlebt, entschieden und umgesetzt, zig Dienstreisen rund um den Globus, von all den Weihnachtsfeiern, Grundsteinlegungen und Jubiläen gar nicht erst zu reden.
Über alle Maßen gerührt war ich, sie nun einmal als befreundete ältere Herren zu erleben. Sie umarmen sich jetzt zur Begrüßung und duzen sich sogar seit dem gemeinsam vollzogenen Eintritt ins Rentenalter – und im Laufe des Abends trug Herr W. auch mir in seiner unverwechselbaren, niederbayrischen Direktheit an, ich möge ihn doch fortan beim Vornamen nennen: „Mia zwoa dean jetzd a amoi Du sogn: I bin da Otto!“.
Nach über 40 Jahren ist das schon ein Schritt und ich gebe zu, dass es für mich völlig ok gewesen wäre, wenn die Duzerei weiterhin einseitig geblieben wäre und ich weiterhin „Herr W.“ hätte sagen können. Aber mei, nun eben „Otto“, der Papa strahlte als er’s mitbekam und daher soll’s mir recht sein.

Ich sitz‘ da also so den lieben langen Geburtstagsfeierabend über zwischen den zwei alten Männern, fühle mich zeitweise, wenn ich sie beide mal nicht ansehe und sie nur so über meinen Kopf hinweg reden höre, zurückversetzt in uralte Zeiten, an die ich auf diese Weise ewig nicht mehr dachte. Stimmen ändern sich ja meist nur wenig oder gar nicht im Laufe eines Lebens: Herr W. Otto hört sich an wie eh und je und die Stimme des Papas wird nur ab und an vom Parkinson etwas gebremst und in Einzellauten zerquetscht. Wie oft ich das Duett dieser Stimmen in meinem Leben hörte, schon als Kind!

Am späteren Abend, die gehaltvolle Bayrisch Creme lässt allmählich auch jenen Teil der Gäste spürbar in die Sitzgelegenheiten sinken, der dort noch nicht dank des Veltliners oder Zweigelts hineingesunken ist, tippt mich der Papa am Unterarm an, drückt mir unterm Tisch und beinahe verstohlen seinen Autoschlüssel in die Hand und raunt mir zu: „Hinterm Fahrersitz, da liegt was für dich, geh mal raus und nimm es an dich.“.
In meinem viel zu dünnen Kleidchen (ich besitze keine Auswahl an „Festgarderobe“, muss daher Jahreszeiten ignorieren) trete ich hinaus in die klare, eiskalte Herbstnacht und öffne den Wagen. Auf der Fußmatte hinter dem Fahrersitz liegt ein großes, schweres Fotoalbum. Noch im schwachen Licht der Parkplatzbeleuchtung klappe ich es auf und sehe an der Widmung: Es ist das Album, das man ihm nach 44 Jahren gebastelt und mit in den Ruhestand gegeben hatte.
Ein ganzes (Berufs-)Leben, zwischen in dunkelrotes Leinen eingebundene Albumdeckel geklebt.

1974 in München-Bogenhausen: Gefeiert hat er früher sehr gern, der Herr Vater.

Wieder in der warmen Gaststube angekommen frage ich den Papa, wieso er mir das vermachen möchte, es sei doch sein Erinnerungsalbum an sein Berufsleben.
„Du bist in dem Album auch mit drin“, antwortet er, „Du warst da ja immer viel mit dabei“ und außerdem sei er seit einiger Zeit dran, sich von vielem zu trennen, was er eh nicht mit ins Grab nehmen könne und Ausmisten müsse man schließlich, so lange man noch alle Tassen im Schrank und zwei einigermaßen gesunde Arme habe. Und außer mir würde dieses Album ja sowieso in ein paar Jahren niemanden mehr interessieren – deshalb gäbe er es mir eben jetzt.
Momente, in denen ich nicht nur zweimal schlucken muss bevor ich wieder einen Ton rausbringe, sondern auch gefährdet bin, mir meine Unterlippe mal wieder blutig zu beißen – es ist jenes Phänomen „Eine altbekannte Wunde durch eine andere toppen“, damit’s in dem Augenblick lieber anderswo weh tut als dort, wo es eigentlich schmerzt, vielleicht kennen Sie das ja auch (ich kannte mal jemanden, der sich die Daumenkuppe blutig biss und einen anderen, der sich eine Narbe im Nacken aufpulte, in diesen Sekunden oder Minuten akut drohenden inneren Zerberstens).

Ich beginne, es durchzublättern, Herr W. Otto und der Papa gucken mir links und rechts über die Schultern und rufen ein paarmal abwechselnd „Oh!“ und „Meine Güte, weißt du noch…?“ und „Ach, das war ja damals in … mit … und …!“ (Herr W. Otto alle paar Seiten in Original-Polt-Manier noch ein „Ja mei, schau, der Ding, der is a scho lang nimmer da!“).
Der Papa sagt zu mir „Guck, das bist du, bei der Faschingsfeier im Büro!“ und ich sehe mich gar nicht vor lauter Starren auf seine Maskerade damals, er ging als Gespenst und ich erinnere mich an die Mutter, wie sie ihn so toll zurechtschminkte, er auf einem Hocker im Bad sitzend, sie auf dem Wannenrand vor ihm, und sehe das weiße Gewand, das sie genäht hatte für diesen einen Abend, der noch in einer Zeit lag, in der alles noch in Ordnung war oder zumindest noch nicht sichtbar in Unordnung, so unendlich lang ist das alles her!, ein paar Seiten später bin ich schon als semesterferienjobbende Studentin zu sehen, das rupft er sich raus, das Bild, ganz spontan will er das doch noch behalten.

Eine Zeitreise durch 40 Jahre, in etwa auf ebenso vielen Seiten, wir reisen nicht bis zum Ende, sondern steigen mittendrin aus, ich klappe nämlich das Album zu bevor wir zu dem Foto aus Mittenwald gelangen könnten, das die Einladungskarte zu seinem Ausstand zierte und von dem ich sicher bin, dass es nicht fehlen wird in dieser Sammlung: der korpulente Mann mit weißen Löckchen auf den dortigen Buckelwiesen stehend, mit dem noch korpulenteren Karwendelgebirge im Hintergrund (und natürlich dem Herrn W. Otto an seiner Seite).
Keine Ahnung, warum ich das Bild an dem Abend auf keinen Fall sehen möchte, aber irgendwie meine ich zu spüren, dass es den beiden Herren neben mir ähnlich ginge.

Szenen einer Ehe: links Otto, rechts Papa (im Hintergrund das Karwendel), 2008.

Am Morgen nach der Feier fröstele ich.
Zunächst schiebe ich es auf das Morgengassi, das einem erstmals nach einem gefühlt ewigen Sommer und ausgehnten Spätsommer nun bei gruseligen null Grad sehr unangenehm in die Knochen kriecht.
Als wir Richtung München fahren und das Frösteln trotz Sitzheizung nicht nachlässt, verdächtige ich die zu kurze Nacht und das zu fettige Essen. Zuhause wird es dann noch schlimmer.

Mittlerweile läuft in allen Zimmer die Heizung und ich friere dennoch.
Es sind nicht nur die kalten Finger und Füße, nein, es ist ein inneres Zittern und Bibbern. Es ist dieses Album, das ich mir zwischenzeitlich viermal alleine und in aller Ruhe angesehen habe, das Betrachten dieses ganzen langen Lebens meines Vaters, und das Gefühl, tatsächlich so gut wie alle seine Stationen miterlebt zu haben und dieses Wissen, dass nicht mehr allzu viele Stationen folgen werden (der Papa pflegt seit Jahren bei Neuanschaffungen zu witzeln: das ist jetzt die letzte Matratze vor dem Heim / das ist der finale Langstreckenflug vor der Pflegestation).

Fröstelnd sitz‘ ich auf der Couch und blättere.
So wärmend und wunderbar viele dieser Erinnerungen auch sind, so klamm und kalt kleben sie da zwischen all diesen Seiten eines gelebten Lebens, von dem ich ein Teil war und bin und immer sein werde, und an dem ich Anteil hatte und nehme und das weiterhin tun werde, bis es eines Tages eben vorüber sein wird.

Manche Farben auf den Bildern leuchten noch, andere wirken vergilbt und unwirklich. Alles ist vergangen und zugleich ist alles noch da.
Mein Gedächtnis ein Elefant, den ich gelegentlich zu gern mit einem gezielten Speerhieb erlegen würde (und doch auch wieder nicht).

Als ich das Album ins Regal stellen will, rutscht aus dem hinteren Einband plötzlich ein lose hineingestecktes Foto heraus und fällt zu Boden. Er muss es dort für mich platziert haben, denn zufällig ist es da nicht gelandet und es kann auch nicht dem Fundus seiner Mitarbeiter entstammen, die ihm das Album gebastelt haben.
Ich hebe es auf und betrachte es lange. Es zeigt den Papa mit einer sehr selten an ihm gesehenen, so versonnenen und verzückten Miene (über das Leopardenleiberl wollen mir mal hinwegsehen, das ist unwesentlich!), und er hält etwas ungelenk eine Frau im Arm.
Nein, es ist nicht die Mutter, die da im Kölner Karneval mit gesenkten Lidern und so hübsch beschleift neben ihm sitzt, sondern es ist die Studienfreundin. Meine Patentante.

So war das also, irgendwann in den späten 1960er Jahren im Rheinland.

Für einen Augenblick weicht das Frösteln einer herzenswärmenden Aufwallung:
Glücklich war er also doch manchmal, auch außerhalb des Berufs, wie schön.

[Jetzt hat es sich dann auch erstmal ausgepapat, ich verspreche es Ihnen, ehrlich: Sie müssen jetzt nicht fortwährend diese Rührstücke ertragen, obwohl der erste Herbststurm, der hier gerade durch die Ludwigsvorstadt fegt und sich so aufführt, als wolle er die Lindenallee vor meinem Fenster heute noch komplett entlauben, durchaus imstande wäre, noch ein paar weitere Rührstücke an die Oberfläche zu befördern, aber zumindest an der Papa-Front und für heute lassen wir’s mal gut sein und lenken uns nun mit deutlich emotionsloseren Arbeiten rund um die Renovierung der Türen und Türrahmen hier im neuen Heime ab und versuchen, den heute begonnenen türlosen Tagen irgendwie ein Gefühl von Behaustheit abzuringen, morgen eine Mittagseinladung zum Italiener, übermorgen vielleicht und hoffentlich ein Besuch und am Freitag kommen die Türen ja auch schon wieder nachhause.]

Einen wohligwarmen Abend wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

Wir lassen uns das Leben nicht verbittern. Zum 21. Oktober 2018.

Lieber Papi,

heut‘ isses soweit: wir feiern Deinen 75., von dem Du seit Wochen sagst, es sei der letzte Geburtstag, den Du in größerer Runde feiern würdest. Nun denn!

Bei der Suche nach einem passenden Song für diesen Deinen Tag, habe ich mich in den Untiefen von YouTube ziemlich verlaufen. Ich kenne einfach zu viele Deiner Lieblingslieder…

Meine Güte, wie gern Du früher gesungen hast!
Und auf wie vielen Konzerten wir früher gemeinsam waren, sogar eine Schnittmenge zwischen Deinem und meinem Geschmack gab es bisweilen, wenn auch nur beim Hubert von Goisern, bei STS und dem Ambros und – noch viel länger her, das! – ganz kurz auch mal den Gipsy Kings, Gianna Nannini und Tina Turner.

Erst dachte ich, es müsse unbedingt „Island in the sun“ – eigentlich wohl Dein liebster Lieblingssong – sein, aber den hast Du zu oft gesungen, wenn Du in melancholischer Stimmung warst, vielleicht also nicht das Wahre für heute. Dasselbe gilt für „Du entschuldige, i kenn di“ vom Peter Cornelius – ich glaube, Carla hieß die Mitschülerin, an die Du dabei dachtest – auch das wohl eher sentimental-nostalgisch besetzte Musik.
„Major Tom“ und „Words“ schieden aus, weil ich bei dem einen noch zu gut erinnere, wie die Mutter (resp.: Deine Frau) Dir ihre schneeverkrusteten Winterstiefel im Flur hinterherwarf als Du es gerade zum dritten Mal in Folge aufgelegt hattest (ja, damals legte man noch auf, ich seh den Grundig-Plattenspieler im Lederkoffer noch vor mir!) – sie hasste das Lied und alles, was sie Dir dazu an Weltzugewandtheit und Frohsinn unterstellte und nicht zu gönnen vermochte. Und bei dem anderen hatte sie Dich auf einer Faschingsfeier in, naja, sagen wir mal „kompromittierender“ Tanzpose mit Deiner Sekretärin beobachtet und hasste es deshalb.
Gut, dass Du ihren Musikgeschmack leidenschaftlich zurückgehasst hast und eines Tages den blöden Iglesias (oder war es der noch blödere Whittaker?) einfach zum Balkon hinuntergeworfen hast.
Die Beatles mochtest Du auch immer, aber denen wurde ja eines Tages Hörverbot bei uns daheim erteilt, nachdem Euer Kennenlernsong, „Hey Jude“, schließlich auch aus der Feder der Fab Four stammte (und dann eben irgendwann nicht mehr passte, weil sich niemand mehr an bessere Zeiten und deren Unwiederbringlichkeit erinnern wollte).

So entschied ich mich, etwas aus dem weiten Feld des Rasur-Liedgutes auszusuchen.
Morgens, wenn Du als Einziger in der Familie gut oder zumindest nicht schlecht gelaunt aufgestanden warst und Dich im Bad für Deinen Bürotag fertigmachtest, hast Du immer vor Dich hin gesungen, vor allem in den Minuten, die Du vor dem Spiegel verbrachtest. Parallel dazu brummte Dein Braun-Rasierer munter vor sich hin.
Aus meinem Kinderzimmer, das direkt an das Bad grenzte, hörte ich Dich jeden Morgen singen – und was ich mit am meisten vermisste, als die Mutter Dich aus der Wohnung hinauskomplimentiert hatte, war eben diese Deine frühmorgendliche Singerei.
Das Rasur-Liedgut war ein spezielles: Du liebtest Seemannslieder so wie das Meer, große Schiffe und die Insel Helgoland (vor der Du gern einmal Deine Asche verstreut wüsstest, wenn das nicht so ein Heidengeld kosten würde).
Von „Wir lagen vor Madagaskar“ über „Heidewitzka, Herr Kapitän“ und „Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn“ bis hin zu „La Paloma“ – all das hat sich mir in Ton und Text auf Ewigkeit eingebrannt.

Wenn Du der grauen Alltagsmühle ein wenig trotzen wolltest, gabst Du gern das Shanty „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ zum Besten.
Du hast es wahrlich schöner gesungen als Freddy Quinn, weniger gekünstelt, rauer, ungehobelter und krummer sowieso.
Besonders der Vers „Keine Angst, keine Angst, Rosmarie!“ hat mir als Kind irgendwie Mut gemacht, so wie Du mir überhaupt immer Mut gemacht hast als ich noch klein/jung/ahnungslos war: dass man sich vom Leben nicht unterkriegen lassen dürfe, dass man seinen Mund aufmachen müsse, wenn einem etwas nicht passt und dass man nie von dem Kakao trinken dürfe, durch den… (na, Du weißt schon).

Es weht der Wind mit Stärke zehn,
das Schiff schwankt hin und her.
Am Himmel ist kein Stern zu sehn,
es tobt das wilde Meer.
O seht ihn an, o seht ihn an:
Dort zeigt sich der Klabautermann!
Doch wenn der letzte Mast auch bricht,
wir fürchten uns nicht!

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!
Wir lassen uns das Leben nicht verbittern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!
Und wenn die ganze Erde bebt
und die Welt sich aus den Angeln hebt:
Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!

Die Welle spülte mich von Bord,
dort unten bei Kap Horn.
Jedoch für mich war das ein Sport,
ich gab mich nicht verlor’n.
Ein böser Hai hat mich bedroht,
doch mit der Faust schlug ich ihn tot!
Dann schwamm dem Schiff ich hinterdrein
und holte es ein!

Ja, jeder böse Hai, der uns bedrohte, wurde von Dir erschlagen. Auf meinen Papa war immer Verlass!
Mein Lebensgefühl als Deine kleine Tochter bestand damals aus einer unerschütterlichen Sicherheit, in der ich mich wähnte. Die entsprach ungefähr dem Gefühl, das ich auch hatte, wenn wir von Ausflügen oder Urlauben heimfuhren und ich mich auf der Rückbank Deines Dienst-Mercedes‘ zusammenrollte und wusste, dass mir dort hinten nichts passieren würde, weil Du ja da vorn am Steuer sitzt und alles im Griff hast.
Freilich war das alles eine Illusion, aber ein paar wichtige Jahre lang war sie sehr kindgerecht, diese Illusion, und sie funktionierte auch – und dafür bin ich Dir, neben vielem anderen, was Du mir in den letzten 46 Jahren gegeben hast, sehr dankbar.

Natürlich warst Du nicht permanent der große Held oder Beschützer für mich, weder als Vater, noch als Mensch (und ein Vorbild auch nur in wenigen Dingen). Du magst oder kannst über vieles nicht sprechen, Du bist sturer als jeder Dackel, festgefahren und dickschädelig. Es gab und gibt kübelweise Ansichten und Lebenseinstellungen, die wir nicht teilen.
Wir haben uns viel gestritten, angeschrien, getobt und bitter geheult vor lauter Wut auf einander oder wegen manch unüberbrückbarer Differenzen.
Aber es war immer eine klare Sache mit Dir und zwischen uns: danach war die Luft wieder rein, auch wenn die Sache selbst nicht zu bereinigen war, dann ließen wir uns an dem Punkt künftig eben in Ruhe. Nachgetragen haben wir uns diese Dispute und Kämpfe jedenfalls nie oder nicht allzu lange.
Oder wir haben uns mit Humor über die eine oder andere Klippe hinweggerettet, was manchmal nicht das Verkehrteste ist, wenn alle Argumente oder Gesprächsversuche gescheitert sind.
Denke ich heute zurück an unsere viereinhalb Jahrzehnte (und ich würde sagen, ich neige nicht zur Verklärung), überwiegt in der Erinnerung jedenfalls der Eindruck, dass wir deutlich mehr zusammen gelacht haben als uns die Köpfe einzuschlagen und dass wir wesentlich häufiger froh darüber waren, dass wir uns hatten als dass wir den anderen zum Teufel jagen wollten.

Und gefeiert haben wir, mit Deinen Leuten oder mit meinen oder mit allen zusammen, es war immer möglich, einander in die jeweiligen Spären mitzunehmen. Diese Zeiten sind nun leider schon länger vorbei, aber alles im Leben hat nun mal seine Zeit.
Ich bin froh um die vielen schönen Erinnerungen und dass wir all das überhaupt hatten – und heute Abend nochmal haben werden, trotz der zahlreichen Einschränkungen, die Dir mittlerweile zu ständigen Begleitern geworden sind, denn: Wir lassen uns das Leben schließlich nicht verbittern!

Alles Gute zu Deinem Geburtstag, lieber Papi & ein Prosit auf Dich!

Deine Natascha.

A long, long time ago I can still remember…

Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

*****

Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

*****

Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

*****

Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

*****

Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

*****

All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

*****

You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.

Von Verlässlichkeit, Fortpflanzungstrieb und Gerichtspflege.

„Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.

Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle. (…)

Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es grade noch für möglich hält.

Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht.

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, daß er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile:

In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, daß man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.

Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen.

Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.

Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.

Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.

Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, daß er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedne Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, daß sie alt sind, und Junge begreifen nie, daß sie alt werden können.

Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.“

{Kurt Tucholsky: „Der Mensch“. Aus: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 9, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 230-231.]

You better run you little wild heart.

Für Andrea & Pippa.

Vor ein paar Tagen las ich morgens, noch gemütlich mit dem schnarchenden Dackelfräulein im Bett kuschelnd, den neuesten Blogbeitrag meiner Freundin Andrea aus Braunschweig.

Dass Andrea neulich mit Mann und Labradoodle Bobby in Berchtesgaden eine Woche „Hundeurlaub“ gemacht hatte – genauer gesagt: an einem „Antijagdtraining“-Kurs teilgenommen hatte – war mir natürlich nicht mehr neu, denn wir hatten die drei direkt nach Kursende dort besucht und anderthalb schöne Tage miteinander verbracht. Bei einer gemeinsamen Wanderung hatte Andrea mir auch bereits ausgiebig von der Trainingswoche berichtet und wir konnten live zusehen, wie sie die Kursinhalte fleißig unterwegs übten.

Nun reichte sie noch ein Interview zu der Thematik nach, das sie im Anschluss an den Kurs mit der Hundetrainerin geführt hatte.
Beim Lesen blieb mir an einigen Stellen die Spucke weg und die gerade noch so gemütliche Morgenstimmung wandelte sich zu einem Gefühlsmix aus Beschämung und schlechtem Gewissen.

Etwas benommen stand ich auf und wurschtelte mich so durch den Tag, immer wieder mit einem mulmigen Gefühl an diesen Beitrag denkend.

Warum?

Nachdem ich das Ganze ein Weilchen habe sacken lassen, ist es mir klar geworden: Weil mir manche Antworten der Hundetrainerin die Augen für die momentanen Defizite in der Beziehung zu meinem Hund ebenso geöffnet hatten wie für ein paar lang gehegte Fehlinterpretationen (wie z.B. dass Buddeln auch zum jagdlichen Verhaltensrepertoire gehört), für Gedankenlosigkeiten (im Umgang mit dem Hund) und für den üblichen, leider immer wieder mal einreißenden Alltagsschlendrian in unserem Zusammenleben (kein Miteinander, sondern ein Nebeneinander).

Seit drei Monaten dreht sich hier fast alles nur noch um die neue Wohnung, die Renovierung derselben, etliche berufliche Dinge und das Abhaken von diversen Erledigungslisten. Der Gatte ertrinkt ebenfalls in Arbeit und schleppt sich tapfer und ziemlich überarbeitet durch sein Sommersemester.

Nun bin ich zwar gut im Organisieren und auch ein passabler Stressphasen- und Umzugs-Manager, bekomme daneben sogar noch ein gewisses Maß an Sozialleben und Freundschaftspflege auf die Reihe, dasselbe gilt fürs Schwimmen und etwas Bewegung überhaupt.
Aber vor lauter Gewurschtel und Geplane ist Pippa im Laufe der Wochen ganz unmerklich zu einem Pflichtprogramm geworden, das ich zwar diszipliniert in den Tag einbaue wie alles andere Notwendige oder zu Erledigende auch, nur ließ die Freude an der Zeit miteinander, ein echtes Aufeinander-Bezogensein, die Intensität unserer Bindung mehr und mehr nach.

Bei Spaziergängen warf ich ein paarmal pflichtschuldig den Ball, ließ sie buddeln oder das Ufergebüsch durchstöbern, weil ich dann nicht weiter gefordert war, sie zu beschäftigen. Stand unbeteiligt daneben. War froh, einfach mal eine Weile irgendwo rumzustehen und irgendeinen Punkt zu fixieren: das Loch, das sie grub, die Stelle auf der Wiese, in der sie sich wälzte, ihr wackelndes Hinterteil, wenn sie vor mir her lief. Viel mehr ist zwischen uns in den letzten Wochen nicht passiert. Ich war einfach zu erschöpft – von den Wohnungsdingen, von manch zwischenmenschlichen Strapazen, von viel Arbeit mit einem kaputten Ellenbogen.

Es reicht, merkte ich plötzlich. Und zwar reicht’s mit Einigem (wovon heute nicht die Rede sein soll und vielleicht auch überhaupt nicht hier).
Manchmal braucht’s ja diesen Schubs von außen, damit man kapiert: Zeit wird’s, wieder in ein anderes Fahrwasser zu kommen. Höchste Zeit! Und genau diesen Impuls gab mir Andreas Beitrag.

Noch bevor nächste Woche das Bad renoviert wird und man wieder vor lauter Sägespänedunst, der den Handwerksfreund und mich hier Woche für Woche umgibt, kaum noch erkennen kann, welcher Wochentag eigentlich ist, habe ich beschlossen, ab sofort mein Dackelmädchen nicht mehr wie einen Programmpunkt zu behandeln und draußen überwiegend ermüdende Pflichtrunden abzuspulen, sondern schleunigst wieder zu der Beziehung zurückzukehren, die wir den Großteil unserer sechseinhalb gemeinsamen Jahre über hatten und die mich immer so froh gemacht hat (beinahe hätte ich gesagt: auf die ich immer so stolz war, aber mit Stolz und so Sachen hab‘ ich’s nicht so).
Zwei, die nacheinander gucken, die aufeinander achten, die miteinander durch die Welt und durchs Leben gehen – und sich dabei aneinander freuen.

Es gibt so viele Gelegenheiten dazu, man muss sie nur ergreifen und zulassen – und genau damit habe ich heute wieder begonnen.

Die Tour:
Traubling – Golfplatz Tutzing – Deixlfurter Weiher – Ilkahöhe – Forsthaus – und über Obertraubling und Monatshausen zurück. 12 Kilometer. Passables Wetter. Nicht überlaufen, kaum störende Mountainbiker, keine Wildschweine oder Rehe.
Schöne Einkehr mit Weitblick aufs Alpenvorland und auf der Terrasse sogar herrlich Ruhe gehabt, weil das lärmende Sonntags-Familienvolk von einer dichten Hecke abgeschirmt nebenan im Biergarten tobt. Kostet nicht mal 2€ mehr, den Imbiss im Bedienbereich einzunehmen, das war’s wert.

Unterwegs kein stumpfsinniges Bällchenschießen, kein gedankenloses Buddelnlassen, stattdessen gemeinsam durchs mannshohe Schilf gekämpft, unwegsamste Wege ausprobiert, zweimal verlaufen, Schlangen bestaunt, auf wackligen Stegen herumgeturnt, Seerosen beschnuppert, im Moorsee gebadet, auf urwaldähnlichen Sumpfpfaden im Morast versunken (der Dackelpopo danach wie in Tonerde eingebacken, im nächsten Weiher gleich abgewaschen), über Bachläufe gesprungen, einen toten Fuchs gefunden, auf umgefallenen Riesenbäumen herumgeklettert, von Golfspielern angepöbelt worden und zusammen zurückgemotzt – und nach vielen Stunden müde und zufrieden wieder am Auto angekommen.

Auf der Heimfahrt wählt die Shuffle-Funktion des CD-Players aus der Musiksammlung das hier aus:

You make up your mind, you choose the chance you take
You ride to where the highway ends and the desert breaks
Out on to an open road you ride until the day
You learn to sleep at night with the price you pay
(…)
Now they’d come so far and they’d waited so long
Just to end up caught in a dream where everything goes wrong
Where the dark of night holds back the light of the day
And you’ve gotta stand and fight for the price you pay
(…)

Als Springsteen bei der Zeile „So let the games start, you better run you little wild heart“ angekommen ist, halte ich gerade an einer Ampel in Starnberg. Nutze die Gelegenheit, drehe mich um und gucke zu Pippa, die friedlich auf der Rückbank schläft. Ihre Pfötchen zucken ein bisschen, vermutlich träumt sie.

Ich verrenke mir den Arm, greife nach hinten und streiche über ihren kleinen Kopf.
My little wild heart, sage ich zu ihr – let the games start again!

(Dies, liebe Andrea, als Antwort auf deine Frage aus der Mail von heute Mittag.)

For you.

[Same question as every year: Wohin mit dem Dackelfräulein (und uns) an Silvester?
Gerne wären wir in irgendeine stille Lodge in die Berge verreist (zu teuer),
beinahe hätten wir uns mit Freunden in der feuerwerksfreien Zone einer Kleinstadt einquartiert (zu spät dran),
spontan dachten wir noch an eine Nacht im Hilton Munich Airport (zu wenig Grün)
– und letztlich bleiben wir nun doch zuhause.]

Gerade bin ich vom letzten Schwimmausflug des Jahres zurückgekehrt. Der Schwimmsport ist ja, so übers Jahr oder die Jahrzehnte betrachtet, ein Abbild des Lebens im Allgemeinen wie im Besonderen. Manchmal ein friedliches, genussvolles Dahingleiten, mal ein ambitioniertes, beständiges Vorankommen, mal ein energisches, verzweifeltes Herumrudern. Mal liegt man entspannt auf dem Rücken und guckt in den weißblauen Bayernhimmel, mal zieht man an allen anderen ohne jede Anstrengung vorbei, mal haut einem der Nebenmann seine Flossen in die Fresse, dass einem der Atem stockt und entschuldigt sich nicht mal. Schwimmen ist wie das Leben, nur chlorreicher. Bemerkenswert ist übrigens, dass sich bei den diversen Varianten die Zeiten pro Kilometer kaum unterscheiden – auch hier ist eine gewisse Analogie zum Leben außerhalb des Wassers feststellbar: wie oft könnt‘ man sich das ganze Gezappel sparen, weil schlussendlich eh vieles aufs Gleiche hinausläuft.

Im Becken war es heute erwartungsgemäß voll:  All diejenigen, die noch die persönliche Sportbilanz frisieren, sich die Weihnachtspfunde wegschwimmen oder den Frust über den binnen 24 Stunden komplett weggeschmolzenen Winterzauber rauskloppen wollen. Oder die, die sich vor der Silvesterparty nochmal was Gutes tun möchten sowie die, die eh immer sonntags zum Schwimmen gehen – plus ein Schwung Väter, von daheim rausgeworfen mit den Worten „Jetzt mach du halt auch mal was mit den Kindern!“. Urlaubszeit, Schulferien, Sonne und milde 13 Grad locken an einem Silvestersonntag leider viel zu viele ins Schwimmbad.

Dennoch war heute unterm Strich noch der bessere Schwimm-Tag als Neujahr, wenn das Becken überquillt vor lauter guten Vorsätzen, die dann erfahrungsgemäß bis Anfang Februar die Bahnen nicht nur zu den beliebten Zeiten sehr unangenehm verstopfen.

Der Gatte bespaßt gerade da draußen in den ruhigen Wäldern das Dackelfräulein, bevor wir am Spätnachmittag dann die Schotten dichtmachen, damit Pippa die Hundehorrornacht des Jahres einigermaßen gut übersteht.
Wir wagen uns erst wieder nach draußen, wenn der ganze Krach vorüber, die letzte Rakete erloschen und das sinnlose Blei vergossen ist.

Diese Ruhe vor dem Sturm möchte ich nutzen, um auch den Kraulquappen-Blog noch in den Reigen der Jahresrückblicke einzureihen.

Erst dachte ich an eine Rückschau in 12 Kapiteln, was ich wieder verwarf, als ich feststellte, dass sich 7 der 12 Kapitel zu sehr ähneln würden in Tat, Wort und Bild. Eine tabellarische Darstellung wäre auch fein gewesen, aber zugleich albern, da die drei vorzeigbaren Kennzahlen fix zu dokumentieren sind: 85-33-58 (und das sind nicht etwa meine Maße, sondern die Zahlen für Schwimmen-Bergtouren-Läufe).
Und auf anderes bezogen tracke ich mein Self oder die von ihm erreichten Ergebnisse/Nicht-Ergebnisse lieber gar nicht erst (wobei: die Gassigänge und die Weißbieranzahl könnten sich auch noch sehen lassen, wenn ich sie denn nicht nur genossen, sondern auch gezählt hätte).

Ebensowenig dürstet es mich nach einem Abgleich der vor genau einem Jahr gefassten Pläne mit der nun hinter ihnen liegenden Realität eines ganzen langen Jahres – das Fazit wär‘ wenig erbaulich. Mehr und mehr komme ich davon ab, überhaupt vorauszuplanen und hinterherzubilanzieren, weil sich das für den tatsächlichen Verlauf des Lebensweges als zu wenig hilfreich erwiesen hat.

Wider die überzogenen, unnützen Erwartungen. (Aus: „Der große Polt: Ein Konversationslexikon.“)

Stattdessen habe ich mich für eine bebilderte Retrospektive entschieden, mit der ich die schönen Augenblicke/Erlebnisse/Begegnungen/Entwicklungen/Impulse aus dem vergangenen Jahr Revue passieren lassen und denjenigen widmen möchte, die daran beteiligt waren.
Die Reihenfolge der Fotos sagt – von den ersten dreien mal abgesehen – nichts über ihren jeweiligen Stellenwert in meinem Leben/Herzen/Jahr aus, bestenfalls ist sie chronologisch, ansonsten aber rein zufällig.

Jubiläum am Tegernsee – mit dem Lieblingsmenschen und allem, was man(n) sonst noch so brauchen kann für eine kurze Auszeit.

Im Zugspitzland unterwegs – mit dem zweitwichtigsten Menschen in meinem Leben.

Zur beruflichen Fotosession auf den Wallberg – mit dem Papa, der Pippa & dem alten Cabrio.

Sommergenuss am Eibsee – mit S., seiner tollen lila Picknickdecke und Zugspitzblick.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – wunderbares Geburtstags-Kunstwerk von H., der Paderborner Postkartenübermalerin.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – sonniges Saisonende mit D. im Karwendegebirge auf dem Weg zur Brunnsteinhütte.

Im Starnberger See – mit den langstrecken-bewährten Kraulquappenflossen auf den Spuren des Kinis.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – wahlweise Karwendel- oder Wettersteinblick mit W. auf dem Krottenkopf, dem höchsten Gipfel im Voralpenland.

Mein zweitliebster Flügelflitzer (nach dem Dackelfräulein) – mit herzlichem Dank an den Lieblingsnachbarn für die (freudig verwackelte) Live-Aufnahme.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – mit Andrea für einen Brockenblick auf die winterlichen Rabenklippen im Harz.

Mit herzlichem Dank an Dr. T. für das Jahresabschlussgespräch über eingebildete Nadelöhre und geglückte Brückenschläge zwischen damals und heute.

Ich danke Euch allen für diese Augenblicke & Erlebnisse!

Diesen letzten Tag des Jahres 2017 möchte ich außerdem zum Anlass nehmen, um mich bei allen Leserinnen & Lesern, allen Freunden & Followern meines Blogs (und natürlich auch bei den vielen treuen Fans des Dackelfräuleins!) herzlich zu bedanken für die rege Anteilnahme, die wohlwollende Unterstützung, die vielen Kommentare und nicht zuletzt auch die wunderbaren Kontakte, die auf diesem Weg entstanden sind!

Danke dafür & kommt alle gut rüber ins neue Jahr!
Eure Kraulquappe.

PS: …and this one’s for you, Sori, pleased to meet you!

 

Fiesta Dackeliana oder: Abschiede.

Es gibt ja Menschen, die schütteln sich einmal kurz, stehen auf und gehen, drehen sich bestenfalls nochmal fix um und winken lässig zurück, und widmen sich dann voller Elan dem Neuen und Unbekannten. Ich hingegen hadere mit jeder größeren Veränderung und hasse Abschiede. Niemand hat mir je beigebracht, wie das geht, und ich selbst habe es in über 40 Jahren auch noch nicht richtig gelernt.

Wobei mich die Lebenserfahrung immerhin gelehrt hat, dass es bei Abschieden zwei Kategorien gibt, die sich unterschiedlich anfühlen, indem sie jeweils die Enden meiner Hass-Skala markieren: Die guten und die schlechten Abschiede.

Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass man nur noch weg will, nichts und niemandem hinterhertrauert (und womöglich auch auch umgekehrt niemand da ist, der einem nachweint), froh ist, wenn man die Situation, die Beziehung(en), die Tätigkeit, den Ort, das Gefühl oder alles zusammen hinter sich lassen und den Neubeginn so bald wie möglich anpacken kann. Man kommt auch mit dieser Art von Abschieden irgendwie klar, nur „gut“ sind sie langfristig nicht. Weil das, was weg sein wird, irgendwie schon lange vorher weg war oder man selbst sich bereits so weit davon entfernt hatte, dass es zu abstrakt geworden war, um noch etwas sein zu können, das man vermisst. Und das ist letztlich schade, vor allem, wenn es um eine längeren Abschnitt des eigenen Lebens ging.

Gute Abschiede sind jene, die spürbar machen, dass man auch etwas zurücklässt, das einem wertvoll und wichtig war oder ist, dass da Bindungen waren oder sind, die sich nun lockern oder auflösen werden, dass man dort, wo man war, auch wirklich gewesen ist – und gelebt hat (mit allem, was so dazugehört).

Gute Abschiede bringen mit sich, dass sie ziepen oder wehtun, womöglich bricht man ihretwegen sogar in Tränen und Wehmut aus.

Der Auszug aus meiner Würzburger Studentenwohnung war ein solcher Abschied (wenngleich ich mich zunächst freute, wieder nach München zu kommen, dort meinen ersten Job anzufangen und in dem Viertel zu wohnen, das mir als Teenager so erstrebenswert erschien): Alle heulten am Umzugstag, manche vielleicht auch nur, weil ich so heulte, ich wollte den Nachbarn und die Freunde nicht zurücklassen, wusste plötzlich gar nicht mehr, was ich in München sollte und wollte, und es kam mir idiotisch und grausam vor, all die Menschen, die Orte, die Gewohnheiten und mein ganzes schönes Leben in dem kleinen Städtchen, das ich plötzlich mit völliger Verklärung betrachtete, zurückzulassen.

Ich bin schon immer ein elender Bewahrer gewesen, ein schlechter Loslasser, ein übles Gewohnheitstier. Egal, ob es um Freundschaften, Beziehungen, Situationen, Gewohnheiten, Jobs, Orte oder Wohnungen ging: Ich verändere etwas erst dann (oder verabschiede mich), wenn es nicht mehr anders geht (ob aus Einsicht oder Zwang sei mal dahingestellt).

So sehr ich mich nun auf die herrliche neue Wohnung, dichte Fenster, eine funktionierende Heizung, den großen Balkon, nette Vermieter und eine Gegend mit viel mehr Grün freue, so beginnt es jetzt doch manchmal bei Kleinigkeiten zu ziepen. Als ich dieses Ziepen heute erstmals in aller Deutlichkeit wahrnahm, war ich froh, weil ich in dem Moment wusste: Der bevorstehende Abschied von dieser Wohnung wird wohl einer der guten Abschiede werden.

Der Anlass des Ziepens war eine Begegnung mit Frau G., einer älteren Dame aus unserem Haus. Frau G. ist die Witwe eines bekannten Schlagersängers, dessen Leben ebenso ominös wie tragisch endete, Attribute, die wie wohl auch – wenn man der Boulevardpresse Glauben schenken möchte – ihre Ehe treffend beschreiben würden (was ich vor vielen Jahren mal kurz ergoogelt habe, als ich kapiert hatte, wer Frau G. überhaupt ist).

Jahrelang hatte ich mit Frau G. nichts weiter zu tun außer einem freundlichen „Grüß Gott“ (und meinem kurzen Luftanhalten ob ihres Parfüms, wenn ich mich nach oder mit ihr im Aufzug oder Treppenhaus aufhielt). Man munkelte so Einiges über das Leben von Frau G. (noch mehr über das ihres verstorbenen Gatten) und als Hausmeistern Frau S. noch hier lebte, erfuhr man dieses Gemunkel auch ungefragt. Umso zurückgezogener lebte Frau G. und schien froh um jeden, der sie in Ruhe ließ.

Seit Pippa hier eingezogen ist, haben sich unsere Beliebtheitswerte im Haus ja rasant verändert. Wo man früher mit einem knappen Gruß davonkam, musste man plötzlich Gespräche führen und es gar erdulden, dass sich Nachbarn vor uns auf den Boden werfen und dort herumwälzen. All das hat nichts damit zu tun, wer wir sind oder wie wir sind, sondern der Zirkus gilt ausschließlich dem Dackelfräulein. Und die krasseste Kandidatin für derlei Vorstellungen ist Frau G..

Mit ihren schätzungsweise knapp 80 Jahren und trotz Einschränkungen aufgrund mäßig erfolgreicher Knie- und Hüft-Operationen flippt Frau G. jedes Mal aus, wenn sie Pippa sieht. Als Erstes lässt sie ihre Tasche zu Boden fallen, um beide Arme ausbreiten zu können, damit sie den Hund auch ja komplett an ihren Busen drücken kann. Pippa darf ihr sogleich die ordentlich toupierte Frisur ebenso zerstören wie das sorgfältig aufgetragene Make-Up. Sie darf ihr Ohren, Gesicht und Hals abschlecken, während Frau G. juchzend und unter Ausrufen wie „Mein Schatzilein, ja, guten Morgen, du kleine Prinzessin!“ auf den Treppenabsatz sinkt, um noch besser und bequemer für Pippa erreichbar zu sein.

Unser Hund nutzt die Situation schamlos aus, stürzt sich erst mit Inbrust auf Frau G., bis diese gut eingespeichelt und selig japsend am Boden liegt, danach stürzt sie sich in die Tasche von Frau G., in der immer (!) ein Hundewürstchen zu finden ist, da Frau G. ihre Wohnung nur bestens präpariert für etwaige Pippa-Begegnungen verlässt.

Anfangs habe ich noch versucht, diesen Zirkus zu unterbinden, habe den Hund gemaßregelt und angeleint, Frau G. wieder auf die Beine geholfen und versucht, die Situation so abzukürzen, dass sie nicht völlig ins Würdelose abglitte. Zwecklos. Vollkommen zwecklos. Denn Frau G. will es gar nicht anders, sondern das Theater macht sie so glücklich, dass ich es einfach geschehen und die Erziehung mal kurz Erziehung sein lasse. Mittlerweile bete ich in solchen Momenten nur noch, dass kein weiterer Nachbar vorbeikommen und Zeuge dieses peinlichen Szenarios werden möge.

Gestern Abend haben wir am schwarzen Brett einen Aushang gemacht: „Garagen-Nachmieter zum 1. Mai gesucht“ (inkl. der Mitteilung, dass wir nach 17 Jahren hier ausziehen). Die blöde Hausverwaltung beharrt nämlich auf einer absurden Quartals-Kündigungsfrist für den Tiefgaragenstellplatz, obwohl es hier im Haus eine Warteliste für die wenigen und daher heiß begehrten Garagenplätze gibt und obwohl der Mietvertrag für unsere Wohnung bereits einen Monat eher endet (da können sie plötzlich eine Gründlichkeit und Aufmerksamkeit für Fristen an den Tag legen, dass man nur so staunt).

Heute Mittag klingelte es an der Tür. Draußen stand Frau G.. Ich öffnete und sie wedelte aufgeregt mit unserem Aushang herum und stammelte, sie wisse gar nicht, was sie sagen solle. Natürlich nahm ich an, es ginge um unseren bzw. um Pippas Auszug (und wunderte mich dennoch, dass sie den Aushang gleich von schwarzen Brett entfernt hatte).

Das aber war nur einer der Gründe für ihre Aufgescheuchtheit. Der andere war der, dass ihr vorgestern ihre ein paar Straßen weiter angemietete Garage gekündigt worden war, zum 30. April. (Nebenbei: mich traf fast der Schlag bei der Vorstellung, dass Frau G. noch selbst Auto fährt, nie und nimmer hätte ich das vermutet!) Und weiter: was für ein Glücksfall es doch sei, dass wir jemanden suchen, aber zugleich sei es ja so ein Drama, dass ausgerechnet wir es seien, denn dass das Schatzilein dann nicht mehr hier wohnt, das wäre ja schrecklich… (ein Glück, dass der Gatte gerade mit dem Dackelfräulein draußen war, sonst kullerten die beiden jetzt noch auf dem Sisalteppich herum).

Ich versprach Frau G., die keinen PC hat, sofort eine Mail an die Hausverwaltung zu schreiben, mich um alles zu kümmern und anschließend nochmal bei ihr zu klingeln. Eine halbe Stunde später stand ich vor ihrer Tür, drückte ihr die ausgedruckte Mail in die Hand und meinte, sie müsse jetzt nur noch bei der Hausverwaltung anrufen und bestätigen, dass das alles seine Richtigkeit hätte und dann sollte die Sache wohl klappen (eine Seltenheit zwar, dass mit dieser Hausverwaltung etwas klappt, aber da sie es nicht selbst angeleiert hatten, schien es möglich). Sie fiel mir um den Hals. Das hatte es noch nie zwischen uns gegeben.

Eine weitere halbe Stunde später klingelte Frau G. erneut bei mir. Diesmal fiel sie mir bereits im Türrahmen um den Hals. Denn alles hatte geklappt! Sie übernimmt unsere Garage nun nahtlos zu unserem Wunschtermin, der Mietvertrag trifft in den nächsten Tagen ein und sie ist überglücklich, dass sie ihren 3er BMW nun auf einem der hauseigenen Stellplätze parken kann. Schatzilein und ich wurden zu einem Abschiedskaffee eingeladen, besser gesagt: dazu verdonnert, und, tja, dann sah ich ihre feuchten Augen und wir waren auf einmal beide gerührt – und zum Abschied fiel schließlich ich ihr um den Hals, obwohl ich eigentlich gar nicht so der Um-den-Hals-Faller bin und wir ja weder befreundet, noch sonst näher in Kontakt waren.

Als ich vorhin den Müll runtertragen wollte, stolperte ich vor der Wohnungstür fast über eine Tüte, die dort stand. Eine sehr bayrische Tüte. Drinnen: Eine Flasche Schampus, oben auf dem Karton klebte ein Begleitkärtchen, unterzeichnet von Frau G..

Ein paar berührende Zeilen in zittriger Schrift, der man die Betagtheit ihrer Inhaberin ansehen kann. Ich musste schlucken. Und es ziepte.

Wie gesagt: Es wird einer dieser guten Abschiede.