Vom Kiefer-Koma ins Kloster.

Orff-Zitat im Bräustüberl zu Andechs.

Zunächst erwog ich, den Beitrag mit „Von Passionen und Pilgern“ zu betiteln, aber das wäre reine Schönfärberei gewesen. Denn es geht um Kontrollverlust und den anschließenden (wie immer mühsamen) Versuch, den Verlust wieder loszuwerden, sprich: die Kontrolle zurückzugewinnen.

Nach acht Staffeln suchtartigem Konsum von „24“, von denen wahrlich nicht alle acht Staffeln exzellenter Stoff waren, fiel ich nach dem Finale nicht nur komatös von der Couch, sondern schlug am Morgen danach auch auf den Boden der Realität auf, die wohlgemerkt eine Realität ohne Kiefer Sutherland ist.

Es war, wie es immer war, wenn wir uns an einer Serie festgefressen haben: Wir ziehen das in einer Maßlosigkeit durch, die ihresgleichen sucht (wenn irgend möglich: täglich), schotten uns von der Außenwelt ab (Kontaktversuche werden ab spätestens 20 Uhr komplett ignoriert), bis das letzte Krümelchen Stoff verbraucht ist. Plötzlich ist es aus und vorbei, ein gleichermaßen katastrophaler wie befreiender Moment. Und dann? Gnadenloser Cold Turkey.
Wenigstens haben wir es diesmal gut terminiert, bewusst zum Feiertags- und Jahreswechsel-Leerlauf hin (quasi ein kontrollierter Kontrollverlust, was die Rekonvaleszenz aber kaum erleichtert).

Mein Suchtpotenzial erschreckt mich immer wieder.
Die 1x jährlich auftretende, mehrwöchige Kokos-Intensiv-Phase ist da mit Abstand das harmloseste Phänomen.
Musik, Berge, Sprache, Wasser, Verliebtheit, Bewegung, Essen, Reisen, Serien – ich bin für vieles offen. Hauptsache, es begeistert mich dermaßen, dass der Endorphinrausch zuverlässig eintritt und ich auf dieser Welle surfen kann, weg von hier, weg von mir, weg von unguten Gedankenschleifen (das könnte – ja: sollte! – noch gründlicher durchdacht und ausgeführt werden, vielleicht ein andermal).
Am jeweiligen Suchtmittel überfresse ich mich, bis es a) mir zu den Ohren rauskommt, mich der Selbstekel ergreift und ich es nie mehr sehen/hören/essen/tun will (bis es mich, variiert oder identisch, ein weiteres Mal heimsucht) oder b) mir unfreiwillig entzogen wird, oder zur Neige gegangen ist und nicht wiederbeschaffbar ist.

Just aus dem Kiefer-Koma erwacht, merke ich, dass ich ein schier unglaubliches Bedürfnis habe, das alles loszuwerden, frei zu werden von all diesen Bildern und Emotionen, für die die Serie nur den Anstoß gab zum Weiterspinnen und -spüren. Höchste Zeit ist es, anderes zu sehen, zu hören, zu lesen und wahrzunehmen.
Nicht, dass ich zwischendrin nicht draußen in der Natur gewesen wäre oder mich zu wenig bewegt hätte, aber jetzt, in diesen ersten Tagen des Entzugs, tut eine höhere Dosis frische Luft und flottes Gehen mehr als sonst not.

Vom Queriwirt in Frieding aus marschieren wir mit wohltuendem Weitblick über die sonnigen Felder…

…bis zu dieser einen wunderbaren Kuppe, hinter der das Ziel erstmals hervorlugt: Kloster Andechs!

Das Dackelfräulein schlurft im Hormontaumel neben mir her und gibt nur dann Gas, wenn die Mäuselöcher im Acker besonders zahlreich locken oder ein zerstückelter Dachskadaver am Waldrand feilgeboten wird. Mit Dachsfellborsten um die Dachshundnase kommt sie nach dem dritten Abruf mit der Trillerpfeife sogar schmatzend zurückgeschwänzelt – und verfällt augenblicklich wieder in den PMS-Schlurfschritt.

Nach 7 Kilometern nähern wir uns dem Klosterberg und man staunt immer wieder, wer da an einem Mittwoch/Werktag außer uns noch so alles herumrentnert oder -touristet.

Einfachste bajuwarische Basis-Symbole weisen dem hungrigen und durstigen Wanderer den Weg:

Wir passieren den Kiosk (geschlossen), der in Kindertagen das einzig taugliche Argument war, mit dem ich mich zu einem Ausflug nach Andechs überreden ließ – hier gab mir der Papa stets eine Mark und ich durfte mir davon drei Liebesperlen-Armbänder oder fünf weiße Mäuse kaufen…

… eine pädagogisch äußerst wertvolle Maßnahme, da der ausgesprochen schön gelegene Wallfahrtsort sonst niemals so früh eine solch positive Konnotation erfahren hätte und wohl dem kindlichen Vergessen anheimgefallen wäre (wie all die Museumsbesuche).
Mit Tieren, Eis, Knödeln, Schwimmbädern, Tretbooten und Seilbahnen geködert lernte ich meine Heimat kennen (und später auch lieben). Hat er schon gut gemacht, der Herr Vater.

Auf dem Heiligen Berg angekommen, bekommt Pippa ein Würstchen und ich eine Aussicht auf die heute etwas diesig-verschwommene Alpenkette.

Sattes Orgelspiel ertönt aus der Klosterkirche und ich beschließe, kurz hineinzugehen, was meiner Begleitung so gründlich missfällt, dass sie das frisch verzehrte Würstchen – ummantelt von einem Stück borstigem Dachsfell – demonstrativ auf die Pflastersteine kotzt.

Da sich der Todestag des Freundes jährt, möchte ich ein paar Kerzen in der angrenzenden Kapelle anzünden…

…und weil sonst niemand da herin sitzt, kann ich das Dackelfräulein sogar mit hinein nehmen (warum sind eigentlich brave Hunde in Kirchen verboten, frage ich mich) und ein wenig dort verweilen.

Anschließend folgt der weltliche Part der Pilgertour:

Dank ausreichender Vorbildung muss ich nicht alle 7 Sorten probieren und dabei ein Vermögen verpulvern, sondern kann zielsicher das eine Lieblingsbier ordern und während der Wartezeit beratend tätig werden.

Einen Tisch weiter verlangt das junge Paar aus dem Norden höflich nach einem „kleinen, kräftigen Bier“, hat offensichtlich keine Ahnung vom bayrischen Bier, deutet übermütig an, mehrere probieren zu wollen, aber halt so, dass man danach noch Autofahren könne, und verfällt dann angesichts der barschen Antwort der Kellnerin („Dann nehmts hoid an 0,3 Doppelbock!“) in hilfloses Stottern und nervöses Blättern in der Karte.
Darin allein vier Seiten zum klösterlichen Brauereiwesen nebst detaillierter Beschreibung der sieben vor Ort gebrauten Sorten, die in je drei Ausführungen (normal/leicht/alkoholfrei) sowie drei Größen (0,3/0,5/Maßkrug) aufgeführt sind – das kann den Fremden schon mal verwirren.

Ungefragt schalte ich mich ein, rate klar vom Doppelbock ab (wg. des Alkoholgehalts von 7,1%) und empfehle das Helle (Variante „Spezial“), das noch Platz für ein zweites oder drittes Kleines ließe.
So machen sie’s dann – und zum Dank erhält das Dackelfräulein später ein Stückerl von der Surhaxn, die sich das Pärchen teilt und dabei zufrieden feststellt, dass auch hier auf meinen Tipp Verlass war, dass von einer Portion auch locker zwei sattwerden.

Nach dem Genuss meines Kleinen steige ich mit meiner Kleinen wieder von Heiligen Berg hinab und begebe mich zügig auf den Rückweg, damit wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Auto erreichen.

Soweit ein durchaus gelungener zweiter Entzugstag.
Auf der Heimfahrt die Sutherland-CD gehört, ein bisschen Substitution muss erlaubt sein.
Prosit.

Wuthering heights oder: Bajuwarische Freizeitgestaltung.

Die erste Nacht in der Jachenau war kurz.

Durch das gekippte Fenster hörte man das Rauschen des Baches dermaßen laut und um 2 Uhr kam die vorletzte Stechmücke der Saison hereingesurrt… Natur verzückt nicht immer!

Das Dackelfräulein schläft weiter, während ich um 7:50 Uhr zum Frühstück wanke. Eine unfreundliche Alte in Tracht knurrt mich an, dass es erst ab 8 Uhr Buffet gäbe, bringt mir dann aber gnädigerweise schon ein Kännchen Kaffee. Die 12-köpfige Motorradfahrer-Gang, die den Nebentisch im Beschlag nimmt, verjagt mich bereits um 8:20 Uhr durch ihr Gegröle.

Um 10 Uhr passieren wir die Brücke über den Sylvensteinstausee, einem meiner Lieblingsorte im Tölzer Land. Der Schafreuter winkt uns bereits entgegen (Berg mit flach abfallender Gipfelkante, in Bildmitte hinten).

Vom Parkplatz Kaiserhütte kurz hinter der Tiroler Grenze starten wir den Aufstieg zum Schafreuter.
Der farbenprächtige Bergwald gibt immer wieder den Blick auf den Mahnkopf und die Lalidererwände frei…

…und in der Halbzeitpause, wenn man die Baumgrenze hinter sich gelassen hat, liegt einem beinahe das gesamte Karwendelgebirge zu Füßen.

Was die kitschigen Bergfotos und der kackblaue Himmel allerdings völlig verschleiern: Mangels Schutz des Bergwaldes ist es ab 1.600m ziemlich windig (siehe abhebende Dackelohren im Bild!). Xavier ist im Anmarsch.

Nutzen Sie auch heute wieder das linke Dackelohr: ziehen Sie von dort aus eine Diagonale zur linken oberen Bildecke – unterhalb des letzten Liniendrittels erkennen Sie die Tölzer Hütte!

Kurz vor der Einkehr orientieren wir uns hinsichtlich der weiteren Expeditionsoptionen…

…aber mittlerweile bläst es dermaßen, dass wir uns lieber schnell zur Hütte flüchten. In den klitschnassen Klamotten friert man verdammt schnell, wenn man rumsteht (alles Lüge, dieser Hightech-Atmungsaktiv-Membran-Quatsch, es hilft nur Umziehen).

Trotz der garstigen Orkanböen beharrt die schwäbische (!) Hüttenwirtin darauf, dass Hunde nicht in die Stube hineindürfen und befiehlt mir, Pippa allein (!) auf der Terrasse anzubinden, was natürlich nicht in Frage kommt.

An der Hauswand ist es einigermaßen windgeschützt und die bessere Aussicht hat man sowieso.

Wenig später befehle ich mir, es als ausgleichende Gerechtigkeit, über die kein Wort verloren werden muss, zu betrachten, dass sich die schwäbische Hütten-Xanthippe beim Abkassieren meines kleinen Bergmenüs ganz unschwäbisch, nämlich extrem zu meinen Gunsten, verrechnet.

Während die Spinatknödel wohlig sacken, beschließe ich, den Gipfelaufstieg bleiben zu lassen. Eine weitere Stunde bei Sturmböen von 85km/h und mit einigen ausgesetzten Stellen, zudem noch mit angeleintem Dackeltier (zu viele Gemsen!), und alles wieder retour – das ist mir zu riskant. Und die knapp 1.000Hm bis hierher stecken uns ja auch schon in den Knochen.

Also treten wir ohne Gipfelerlebnis den Abstieg an, dafür mit der erfreulichen Feststellung, dass zum ersten Mal seit langem wirklich keinerlei überflüssiges Glump im Rucksack mitgeschleppt wurde. Sogar die Windbreakerjacke und die Stormlockmütze kommen mal zum Einsatz (nicht zu vergessen: die roten Lindor-Kugeln, die der Lieblingsnachbar einem geschenkt hat als er zur Apfelstreuselkuchenschlacht kam)!

Pünktlich zur 16 Uhr-Fütterung der Madame sind wir wieder am Auto, eine halbe Stunde später schon auf der Sylvensteinbrücke.
Noch ein wehmütiger Blick zurück, denn vermutlich war’s für dieses Jahr der letzte Ausflug dorthin.

Im Dorfladen der Jachenau besorge ich mir einen Kornspitz und ein Wiener Würstchen als Abendimbiss im Sonnenuntergang auf Balkonien.

Das Dackelfräulein fläzt bereits friedlich schnarchend im Körbchen als ich noch schnell runtersause ins Restaurant, um mir ein Weißbier zu holen. So zur Abrundung dieses tollen Tages.

2 Minuten später betrete ich mit dem Bier in der Hand das Zimmer wieder und freue mich auf meine Brotzeit. Zu meinem Erstaunen liegt der Hund nicht mehr im Körbchen, sondern sitzt auf dem Bett, wirkt etwas krumm im Rücken, hält den Kopf gesenkt und guckt elend drein. Dann rülpst sie. Und guckt anschließend noch elender. Und dann schwant es mir!

Ganz genau. Mein Wiener Würstchen ist verschwunden. Heimtückisch gemopst (bzw. gedackelt) und vernichtet, in nur 2 Minuten – und aus dem Tiefschlaf heraus.

Das Papier, in das es eingewickelt war, liegt säuberlich aufgefaltet auf dem Tisch. Sowas hat sie in all den Jahren noch nie gewagt. Man darf wirklich nie denken, dass man einander zu 100% kennen würde und vertrauen könnte, nur weil man schon seit über 5 Jahren so eine innige Beziehung führt!

Während ich den trockenen Kornspitz mit dem Weißbier runterspüle und versuche, den Wurst-Diebstahl irgendwie zu vergessen, kommt mir ein Aushang im Entree des Gasthofs nochmal in den Sinn:

Ich meine, wie ich’s auch drehe und wende – ich check‘ dieses „Angebot“ einfach nicht.

Die Halbe (egal, welche) kostet hier 3,20€, also kosten 10 Halbe 32€ und 11 würden 35,20€ kosten. Wenn ich mir also diesen Pass ausstellen lasse, mir 11 Bier reinschütte und dafür 34€ blechen muss, dann hat mir der Gasthof für diese komatöse Aktion, nach der nicht nur der Bierpass voll ist, sondern vor allem ich, nur schlappe 1,20€ „geschenkt“?!?

Was wird hier beworben und worin besteht das Angebot? Oder spielt dieser knausrige Nachlass nach 11 Halben sowieso keine Rolle mehr? Und was zum Teufel soll der Hinweis auf Silvester und diese Verlosung? Oder hab‘ ich da was übersehen, so wie früher in der Schule? Hängen mir vielleicht immer noch diese 4 Punkte nach, mit denen ich vor einem Vierteljahrhundert das Fach Mathe abgewählt habe? Mit diesen fiesen Textaufgaben kam ich noch nie zurande!

In diesem Sinne:
1.) Niemals zum Bier holen verschwinden, wenn’s um die Wurst geht.
2.) Falls die Wurst bereits verschwunden ist, den Ärger mit 34 Bier runterspülen und über Goldfische und Palmen nachdenken – das lenkt hervorragend ab.

Einen schönen restlichen Abend ohne Sturmschäden und Wurstverlust wünscht
Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (21): Zwischen Gespinstmotten und Russ’n.

Kann sein, dass ich noch ein Fan von blind dates werde.

Seit ich blogge, mache ich mit dieser Art des Kennenlernens nämlich ausnahmslos gute Erfahrungen. Damals, gefühlte Jahrzehnte ist’s her, zu Zeiten der Partnersuche, waren von den wenigen auf diese Weise angebahnten Begegnungen fast alle ein Griff ins Klo. Ob es wohl daran lag, dass ich mich damals ausschließlich an blind dates mit Männern versuchte?

Heute date ich Frauen. Und ganz so blind wie früher stolpere ich auch nicht mehr in diese Treffen hinein.

Im Gegenteil: Von der einen hatte ich schon etliche Geschichten und zig Zitate quer durch die Weltliteratur gelesen, bei der anderen wusste ich um jede Vorliebe und Abneigung ihres Hundes sowie um zahlreiche persönliche Details des „Rudel-Lebens“, mit der nächsten teile ich dieselbe große und einzig wahre, lebenslange Musik-Liebe und irgendwann tauchte dann auch die eine auf, die liebend gern schwimmt, ähnliches Equipment im Badezimmer verwendet und der Zahl 13 ebenso zugetan ist wie ich.

Als sie sich neulich meldete und mitteilte, dass sie mit Kind und Kegel ein paar Tage in München sein würde, hatte ich dank ihres an Kunstwerken/Zeichnungen/Selfies reichen Blogs bereits ein präzises Bild von ihr. (Gut, als wir uns dann vorgestern am Fischbrunnen verabredet hatten, kam sie in anderem Outfit daher, trotzdem haben wir uns gleich erkannt.)

Angedacht war erstmal ein blind date zu zweit und vielleicht an den folgenden Tagen noch eine Fortsetzung, bei der unser gesamter Anhang mit von der Partie sein sollte.
Für den Fall, dass wir uns mit diesem Vorhaben zu weit aus dem Fenster gelehnt hätten, wurde vorab sicherheitshalber eine Parole vereinbart, mit der man sich nach dem ersten Abend auf unpeinliche Art aus der Affäre hätte ziehen können, wenn die Chemie doch nicht gepasst hätte (meine: „Sorry, der Hund hat Durchfall, wir können leider nicht weg“).

Der Hund hatte weder real, noch fiktiv Durchfall und auch die andere Seite machte von ihrer Parole keinen Gebrauch.

Stattdessen haben wir viel gefuttert, geredet, gelacht und sind noch mehr gelaufen. Außerdem weiß ich dank ihrer botanisch-biologischen Expertise nun endlich, wie der Kokon der Gespinstmotte aussieht (und sie kann nun zielsicher „an Russ’n“ bestellen).

Danke, liebe Heike, für die Initiative – es waren zwei rundum schöne Begegnungen mit Dir und Euch!

Bis zum nächsten Mal gelobe ich, mich nachts nicht mehr im Gärtnerplatzviertel zu verlaufen, aber ich hoffe, ich konnte diesen faux pas durch die heute präzise vorbereitete und ohne jede Panne durchgeführte Groß-Expedition durch den nördlichen Englischen Garten wieder wettmachen.

Im Aumeister (vergrößern lohnt nicht, da ist keiner von uns drauf!).

Hikeonart & pseudopregnant Pippa & Kraulquappe.

Ein schönes restliches Wochenende wünscht allen Leserinnen und Lesern
Die Kraulquappe.

Smell the same deep green of summer. Zum 1. Juni 2017.

Lieber T.,

bei unserer ersten Begegnung hatte ich zittrige Knie, schweißnasse Hände und brachte vor lauter Nervosität kaum noch einen Ton heraus.

Da stand ich mit meinem abgesoffenen Kombi auf der Auffahrt der neuen Tiefgarage und hatte keinen Schimmer, wie ich diesen Fleck jemals wieder verlassen würde.

Steil, steiler, unsere Garage.

Die neue Tiefgarage ist ein kleiner Alptraum: eng, steil, im unteren Drittel mit einer unmöglichen Kurve versehen (inklusive Schräge mitten in der Kurve) und damals auch noch mit dem Streusplitt einer ganzen Wintersaison übersät, so dass die Hinterachse des Autos bei nur minimal zu viel Gas ausbrach und der sonst so tolle „Berg-Anfahr-Assistent“ versagte – ich würgte die Kiste ab, zog die Handbremse, wusste nicht, wie vor oder gar zurück, das Licht in der Garage erlosch, das Tor schloss sich und da saß ich nun. Just in diesem Moment – dem beschämendsten meiner gesamten eigentlich eher störungsfreien Autofahrerkarriere – traf ich dich. Das Garagentor ging auf und oben erschien ein Mann mit Fahrrad: Du. Damals firmiertest du noch unter „der neue Nachbar“ oder „Herr T.“, denn wir hatten uns noch nie gesehen. Dank deiner Unterstützung habe ich mich aus dieser schrecklichen Schräglage befreien können und es noch rechtzeitig zum Abendessen nachhause geschafft (wo doch ausgerechnet an jenem Abend das Quartals-Kochen des Gatten stattfand).

Die Wochen bis zu unserem Einzug hast du mit geduldigem Annehmen von zig Lieferungen für uns verbracht. Gut zwei Monate nach der Tiefgaragenbegegnung betrinken wir uns bereits mit alkoholfreiem Radler und Weißbier auf deinem Balkon, während Pippa drinnen selig auf der Couch schnarcht. Du zeigst mir deine Briefmarkensammlung Stadtchronik von N., zwischen deren vergilbten Seiten sich eine der bewegendsten Stories deiner Jugend verbirgt (die ich nie vergessen werde – danke für diesen ersten Akt des Vertrauens!).

Abends auf Balkonien bei T.

An Samstagen fläzt neuerdings der Gatte bei dir rum, 90 Minuten geteiltes Männerleben unter dem Fürstenrieder Sky, wenngleich meist mit heruntergelassenen Jalousien, so dass man selbigen kaum sehen kann. Vom Balkon unserer Wohnung höre ich euch jubeln oder fluchen und freue mich, dass ich kein „Heute im Stadion“ mehr hören muss und die Debatte über ein Sky-Abo diesmal so elegant wie noch nie losgeworden bin.

Du besorgst Leckerli für das Dackelfräulein (Regel Nr.1 fürs making-friends mit Hunden, well done!), wir revanchieren uns mit Kuchen. Du bietest Asyl, wenn ich vom Joggen heimgehechelt komme, mich ausgesperrt habe und Gatte&Hund erst in 2 Stunden zurückkehren werden. Im Gegenzug darfst du meine bewährten Beschwerdebrief-Textbausteine und unseren Drucker nutzen.

Man tauscht bei jeder Begegnung ein paar Worte, Sätze oder Geschichten aus, schließlich auch die Hausschlüssel, denn transpirierende, schusselige Nachbarinnen will man nicht allzu oft bei sich rumsitzen haben, logisch. Das erste Dogsitting hast du auch bereits mit Bravour gemeistert und sogar beide Ohren behalten, das erste Abendessen zu dritt konnte ebenfalls unter „gelungenes Sozial-Event“ verbucht werden.

Eine rasante Entwicklung, vor allem für drei, die von sich behaupten würden, dass lockere Geselligkeit und rasche Annäherung nicht ihr hervorstechendstes Talent sind.

Gute Nachbarschaft und beginnende Freundschaft sind gleichwohl fragile Angelegenheiten, weshalb wir einvernehmlich eine Probezeit vereinbart haben, damit man ggf. nochmal rauskommt aus der Nummer. Neben aller anfänglichen Freude nimmt man einander in den ersten Wochen und Monaten schließlich auch kritisch unter die Lupe: Was liest der andere, was isst er, wann steht er auf, wann geht er schlafen, hat er viel Publikumsverkehr oder lebt er eher zurückgezogen, welches Waschmittel benutzt er, welche Rituale sind sonst noch zu beobachten, hat er seinem WLAN einen kreativen Namen verpasst, welche Musik schallt vom Nachbarbalkon hinüber und welche Leichen hat er im Keller oder in der Garage versteckt.

Was Letzteres angeht, so hast du mir erstmal ein großes Rätsel aufgegeben.
Fast täglich bot sich meinem aufmerksamen Blick in der Garage eines der folgenden Stilleben, wenn ich zu deinem Stellplatz guckte:

Mal eine Bierflasche, mal mehrere, Sorten wechselnd, ab und an auch eine Dose Red Bull dazwischen. Das Arrangement wechselte stets abends. Hm, fragten wir uns, ist das die tägliche Feierabend-Wegzehrung unseres neuen Nachbarn? Aber der hat doch nur 10 Minuten zur Arbeit zu radeln, wie kippt man denn in der Zeit einhändig ein Bier rein (oder gar drei)? Oder fährt er gar nicht Rad, sondern fliegt – Red Bull sei Dank? Und wieso hat der Typ keine Lieblingssorte, sondern springt von Hacker zu Augustiner zu Tegernseer…? Seltsam auch, dass er immer so nüchtern wirkt, wenn man ihn trifft! Was stimmt da bloß nicht?!?

Nachfragen verbot sich zunächst, so nahe war man einander noch nicht. Manchmal zahlt sich Geduld wirklich aus. Bei unserem ersten Abend an deiner Hausbar (mit Schorle, Pizza und Gummibärchen) hast du sie mir einfach von selbst serviert, die Story zum Bild.
Du bist ein Held des Umweltschutzes (vom „Blauen Engel“ wollen wir in dem Zusammenhang lieber nicht sprechen), das ist des Rätsels Lösung!

Auf dem Weg zur Arbeit, den du radelnd zurücklegst, passierst du eine Unterführung, in der nahezu jeden Tag leere Flaschen herumkullern. Du hälst an, sammelst sie ein, nimmst sie mit, parkst sie abends neben deinem Rad und nimmst sie bei der nächsten Einkaufsfahrt zur Leergutrückgabe mit.
Nebenbei – ich hab’s mal hochgerechnet – fließen auf diesem Weg jährlich ca. 188€ in dein Geldbörsel (flaschenlose Urlaubstage und Werktage mit nur einer Flasche sind in die Rechnung einbezogen). So kommen in deinem restlichen Berufsleben noch ca. 4.700 Öcken zusammen. Nicht schlecht!

Es sei dir vergönnt, dieser beharrliche Einsatz für eine saubere Umwelt muss natürlich belohnt werden. Ich jedenfalls bin nur erleichtert, dass sich deine „Leichen“ in der Garage als so harmlos erwiesen haben (oder du dir spontan eine klasse Story ausgedacht hast).

Da du ja meinen Blog rückwärts gelesen hast, bist du schon vorgewarnt, was diese Geburtstagsbeiträge schlussendlich krönt…
Zu deinem heutigen Ehrentag hier also dein Song von Bruce, den ich in Text und Ton wunderbar passend finde:

I could smell the same deep green of summer
‚bove me the same night sky was glowin‘
In the distance I could see the town where I was born

It’s gonna be a long walk home

Everybody has a neighbor
Everybody has a friend
Everybody has a reason to begin again

 

Everybody has a reason to begin again.
Da sprachen wir ja drüber, dass Neuanfänge gelegentlich gut tun. Altes hinter sich lassen, mit Phasen, Konstellationen, Beziehungen und Orten abschließen, Ausmisten, Aufräumen, Umräumen und sich einfach mal wieder an einen anderen Ort und in einen neuen Kontext stellen.

It’s gonna be a long walk home.
Das dachte ich mir neulich, als ich mit Pippa durch die dunkle Straße auf unser Haus zulief und bei dir Licht brennen sah. Es war nicht irgendein Licht im Haus, von irgendeinem Nachbarn, den man nicht kennt oder mit dem man sich nicht mehr als „Hallo“ zu sagen hat. Sondern das Licht in deiner Küche, in der du vielleicht gerade standest und Pfandflaschen sortiert oder die Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben hast.

Es ist schön, wenn nebenan jemand ist, der auf seinem Balkon the same deep green of summer wahrnimmt und sich über denselben Doppel-Regenbogen freut.

Zu deinem Geburstag wünsche ich dir alles Liebe und Gute – und danke dir dafür, dass du mir und uns das Ankommen hier so erleichtert hast!
Die Kraulquappe von nebenan.

Meine eher nüchterene Version.

 

Deine, durch den Gummibaum (der da sonst nie steht!) aufgepeppte Version.

Song des Tages (9).

Warmmachen für den nächsten Beitrag.

Arbeitstitel: Was hat der Lago di Bonzo urlaubenden Hunde zu bieten?

Hurra – ein ganzes Ufer für mich allein!

In einem der saubersten Seen Bayerns plantschen, während sich Herrchen und Frauchen an der Wiesseer Skulpturen-Promenade von der Muse küssen lassen?

Nicht ganz wie Kopenhagens Kleine Meerjungfrau, aber mei!

Auf eine Chance hoffen, dem Ex-Captain des FC Bayerns das Leder abzujagen? Einen norddeutschen Pudelrüden aufreißen, der auf Besuch bei Frauchen im Medical Park ist?
Unter einem der schattigen Tische im Bräustüberl geduldig aushaaren, bis man ein Stück Bierbratl ergattert?

Aus der Serie „Dackelbadewannen“. Hier: Vor dem Tegernseer Bräustüberl.

Pippa besucht am Tegernsee in erster Linie ihren Opi. Der schießt zwar keinen Fußball mehr, bietet aber stets genug Schatten, Schutz und Schmankerl. Aber das taugt nicht wirklich als Tipp für andere Hundehalter.

Pippa und ihr „Opi“.

Mir wird schon noch was einfallen. Nächste Woche, nächster Anlauf.

War jedenfalls ein schöner Tag mit meinem Papa. Vorgezogener Vatertag quasi, da uns so eine Katastrophe wie 2016 nicht mehr passieren wird: Völkerwanderung zur Alm, 45 Min Anstehen für 2 Stück Kuchen, lauter besoffene Mountainbikevätertrupps um uns herum.

Abends dann nach 10 Jahren regelmäßiger Aufenthalte am Tegernsee zufällig festgestellt, dass es dort ein Freibad mit 50-Meter-Becken gibt. Wie konnte mir das entgehen? Blind vor lauter Vorurteilen („Das haben die bei dem Altersdurchschnitt eh nicht“)? Hätte man da nicht 1x in 10 Jahren wirklich gründlich recherchieren können? Unfassbar! Schönste Sportschwimmerbahnen, nix los, Wallbergblick beim Rückenschwimmen, ja toll!

Leider komme ich bislang weder einen Tag lang in Ruhe zum Arbeiten, noch ausreichend zum Fotografieren oder Nachdenken. Dafür hat mir der Handwerker, der hier gestern 7 Stunden geschuftet hat (unter anderem haben wir jetzt Licht!), am Ende des gemeinsamen Arbeitsmarathons die Hand gedrückt und gemeint, er nähme mich jederzeit als Assistenz mit. Denselben Satz habe ich doch schon vor 4 Wochen vom Schreiner gehört…?

Vielleicht wäre das ja eine Karriereoption. Am Ende des Tages zu sehen, was man geschafft hat – das hat schon was. Genug Bewegung hätte man dabei auch. Und abends den Kopf so leer, dass einem eh nicht mehr einfiele, was man sonst noch so wollte oder wollen könnte, wenn man nicht so dermaßen müde und geschafft wäre.

Erleuchtet und erschöpft grüßt
Die Kraulquappe (beinahe fertig mit dem Projekt „Umzug“).

Walk tall oder: Der Elch-Test.

Zweite größere Körperkrise dieser Reise. Gehört wohl dazu, so jenseits der 40 (wo man die kleineren Gebrechen schon gar nicht mehr erwähnt).

Beginn: Wieder morgens nach dem Aufstehen, damit auch ja der ganze Tag versaut ist.
Symptome: Diesmal nicht die Knie, sondern mittelschwere HWS-Blockade, stocksteif im Schulter-Nacken-Bereich.

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Auslöser: Mitten in der Nacht schief aufgesetzt und mit dem falschen Arm den Dackel vom unteren Drittel der Bettdecke an den Bettrand verschoben, damit man unter der Decke endlich mal wieder die Beine komplett ausstrecken kann.

Abhilfe: Trotzdem Joggen & Spazierengehen. Ganztags den Gatten und den Dackel volljammern. Starkes Öl als Muskelrelaxans.

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Hat funktioniert.
(Frage mich nur manchmal, wie Besitzer schwererer Hunderassen derlei Probleme lösen, ohne zum orthopädischen Wrack zu werden.)

Nach bestandenem Elch-Test grüßt
Die Kraulquappe.

Samstagsrätsel.

Freue mich über rege Beteiligung. Mehrfachnennungen möglich. Auflösung morgen.

(Hinweis für www-und-Datenschutz-Phobiker: die Umfrage ist anonym!)

Himmel der Bayern (9): Aussichten und Einsichten.

Bis Mittag gearbeitet, dann raus an den Tegernsee…

…dort von der freien Bahn für den Herrgott profitiert…

…und hochgesaust zur Aueralm…

…wo ein jeder findet, wonach ihn dürstet:

Keiler, Brotzeit, Aussicht, Ruhe – auf herzoglich bayrische Art.

Indes der verwaiste Nebentisch von tiefen Einsichten erzählt. Wozu Sehhilfen?

Man sieht eh nur mit dem Herzen gut. 

Endlich ist geklärt, wie dieser Saint-Exupéry zu der Story kam (oder sie zu ihm).

Prosit! Die Kraulquappe.

Da Buzi is fei ned schuid!

Selbst bei der Abschlussfeier der Hüttentour und mit müden Knochen…

… gibt’s noch was zu entdecken.

Unverschämte Schuldzuweisung aber auch – immer auf die Kleinen!

Ein letztes Prosit aus Benediktbeuern von der Kraulquappe.

In nomine supraspinatis et tendinosis calcareae et spiritus sanctis.

Oder so ähnlich.

Ein Prosit der Gemütlich-, aber v.a. der Gebrechlichkeit. 16 Tage ohne Schwimmbad, also quasi auf dem Trockenen. Horror für eine Kraulquappe. Kalkdepot statt Aktiendepot, Riss statt Kiss, Entzündung statt Entzückung. 
Neue Entdeckung: Bier und Kuchen, das geht auch. Diese Blockade hab‘ ich soeben ein für allemal gelöst. 

Einen guten und unversehrten Start ins Wochenende wünscht Euch 

Die Kraulquappe.

(@Bobby Jean: noch Fragen?)