Song des Tages (62).

Das neue Springsteen-Album (wir berichteten hier) bescherte mir einen Song, bei dem ich nach dem ersten Hören ahnte: den werde ich lieben!
Und so kam es auch – ein paarmal angehört, die Lyrics inhaliert und seither x-mal angehört, so langsam klappt auch das Mitsingen (man lernt diese Texte ja leider nicht mehr in a wink of an eye, so wie das in den 80er und 90er Jahren noch der Fall war), bin schon immer der Typ gewesen, der sich an sowas regelrecht besäuft.
Überlebt der Song dieses Besäufnis, bleibt er mir für immer, und ansonsten war’s halt ein toller Rausch, ein intensiver Trip, eine kleine Orgie für die Ohren, an die man sich gern erinnert.

Das Stück, in das ich mich verliebt habe, heißt „Song for Orphans“. Wenngleich es nur bedingt der Bruce darin war, den in den ich mich verliebte, sondern vielmehr der Bob.
Schon mit den ersten Takten von „Song for Orphans“ tritt Mr. Dylan durch die Tür, erst rein instrumental, von Anfang an ist es da, dieses herrliche, geleierte Dylan-Gequietsche (freilich nur für den, der’s mag), die Mundharmonika vor allem, und kurz bevor der Gesang einsetzt, ja, da hörte ich’s schon, was gleich kommen würde, in mir sang es ein „May God bless and keep you always, may your wishes all come true“, dieser göttliche Beginn von „Forever young“, der so beiläufig und zugleich so wohlplatziert daherkommt und einen sofort mitnimmt in die Geschichte, die erzählt wird, ein Auftakt, der einen mitreißt in eine Bilder- und Klangwelt, in die man Hals über Kopf eintauchen möchte, um vorübergehend und wie in einem Sog, einem Strudel darin unterzugehen. So ging mir das mit etlichen Liedern aus der Feder des Herrn Robert Allen Zimmerman, erst neulich wieder in dem uralten „To Ramona“ versunken, allein wegen der Zeile „your cracked country lips I still wish to kiss“ (und wie er diese paar Worte ausspricht!).

Als Springsteen in „Song for Orphans“ zu singen beginnt, ist von Gott und sich erfüllenden Wünschen zwar weit und breit nichts zu hören, stattdessen vernehme ich ein „Well the multitude assembled and tried to make the noise“, das allerdings von der Metrik fast 1:1 übertragbar wäre auf den zuvor assoziierten Dylan-Song, und bei der zweiten oder dritten Strophe dämmert’s mir, dass ich das alles doch vor langer Zeit schon mal irgendwo gehört habe, aber nicht bei Dylan, sondern bei Springsteen selbst, wohl auf irgendeiner der zahllosen Bootleg-CDs, die M. mir damals (vor über 15 Jahren?) mit den Worten „durch diese Sammlung wirst du dich noch an langen Winterabenden durchhören, wenn du mich schon längst nicht mehr kennst“ überreichte (womit er falsch lag).

Ich recherchiere, was es mit dem Song auf sich hat und woher ich ihn kennen könnte und stelle fest: „Song for Orphans“ wurde 1971 geschrieben, dann im Sommer meines Geburtsjahres erstmals aufgenommen, veröffentlicht haben sie ihn erst jetzt (zumindest so richtig offiziell), live wurde er gelegentlich mal zum Besten gegeben, und siehe da, er ist tatsächlich auf einer meiner Bootlegs von M., ein Konzertmitschnitt aus dem Jahre 1973, ein verrauschter, miserabler Mitschnitt, deshalb war meine Erinnerung wohl so schwach (und der Song nicht hängengeblieben). Jetzt aber!

Wen’s interessiert, dem empfehle ich erst die ganz frühe Version aus den 70ern zu hören, danach die aus den 80ern und abschließend dann die letzten Freitag veröffentlichte.
In der Reihenfolge stell‘ ich die drei YouTube-Clips hier auch rein und wünsche viel Spaß beim Nachvollziehen der Entwicklungslinie eines Songs, wie ihn auch Dylan nicht besser hätte schreiben (und vor allem keinesfalls besser hätte singen!) können.

 

 

Wer Nerv, Zeit und Gelegenheit dazu hat, dem sei auch das Dokumentationsfilmchen zur Entstehung des neuen Albums ans Herz gelegt.

Es wurde von Springsteens langjährigem Lieblingsregisseur Thom Zimmy gedreht, hat den Charakter einer winterlichen Bergpredigt (kein Wunder, denn zwei der zwölf neuen Titel zielen genau in diese Richtung, sie heißen „Power Of Prayer“ & „If I Was The Priest“ , wieso „was“?, fragt man sich nur, ein „I am“ wäre aufrichtiger gewesen) und stimmt den Zuschauer/-hörer hervorragend auf nahenden Nachtfrost und erste Schneefälle ein.
Außerdem gibt’s anrührende Rückblicke auf Springsteens Anfänge mit den Castiles, ehrliche Einblicke in die gealterten Gesichter der E Streeter, schwarzweiße Ausblicke aus den Fenstern des Studios im frühwinterlichen New Jersey, in dem sich die Band im November 2019, als man noch nah beieinander sein, singen und werkeln durfte, für einige Tage verschanzt hatte, um „Letter to you“ aufzunehmen. Leider derzeit nur via AppleTV erhältlich oder wenn man Freunde hat, die Freunde haben, die irgendwelche Kontakte haben, die das irgendwie gezippt und irgendwo verschickbar abgespeichert haben, na, Sie verstehen schon und dürften mich ggf. kurzfristig als Freundin betrachten, sollten Sie Bedarf haben.

Jedenfalls war ich gestern Abend recht gerührt beim Gucken der ersten Hälfte dieser Doku. Die zweite zieh ich mir heute Abend rein, wenn das Fräulein und ich am Tegernsee eingetroffen sind, uns gemütlich auf der Couch eingekuschelt haben und draußen der Schnee leise in den Garten rieselt.
Verreist die etwa schon wieder?, denken Sie jetzt, nicht wahr? Nein, nein, so kann man das diesmal wirklich nicht nennen! Ich gebe lediglich dem Wannenlack, den Lolek gerade eben, während ich diesen Blogbeitrag schreibe, auf die Haarrisse in der nagelneuen Badewanne aufträgt, die Gelegenheit, in aller Ruhe zu trocknen.
Seit dem Ende der Staublausinvasion habe ich, wie Sie vielleicht bemerkt haben, konsequent Abstand davon genommen, Sie mit weiteren Baufälligkeiten des hiesigen Binnenbetriebs zu behelligen, man kann es ja irgendwann nicht mehr hören, dieses Mieterelend, und wen interessieren schon von einem Tag auf den anderen entstandene Risse in neuen Badewannen oder nach Gefahrenklassen gestaffelte Schwellenwerte des Legionellenbefalls in Altbauten, auch wenn Letztere mit dem schönen Akronym „KBE“ abgekürzt werden, was für „KolonieBildendeEinheiten“ steht – die Bilder, die so ein Begriff in einem auslöst, faszinieren mich übrigens sehr).
Gottseidank haben wir die Hütte am Tegernsee für die Dauer der Wannenlacktrocknung für uns alleine, der Papa und seine Gefährtin weilen ja nach wie vor im fernen Venetien, mittlerweile fast quarantäneartig in Ihrem Hotel, schon mal so als Einstimmung auf die Tage ihrer behördlich verordneten Abschottung nach Heimkehr. Der Gatte musste wegen präsenzerfordernder Termine nach Frankfurt reisen, das nach bayerischen Ampelanlagen tiefst dunkelrot wäre, nach hessischen aber nur normalrot vor sich hin leuchtet, trotzdem fühlt man sich ja immer unwohler mit Zugfahrten und großstädtischer Menschendichte, auch insofern bin ich nicht unglücklich mit der Option, aufs Land zu flüchten, solange es nicht das Berchtesgadener Land oder der Landkreis Rottal-Inn ist, wo man nicht mehr vor die Tür darf.

Die Sorge vor einem erneuten Lockdown lässt sich übrigens nicht nur am Füllstand der Klopapierregale oder der Flut an Shitstorms unter den zur Vorsicht mahnenden Corona-Artikeln im Netz ablesen, sondern auch am Verkehrskollaps, wie ihn gestern beispielsweise die Region Tegernsee-Schliersee erlitt: ganztags ein einziger, alle Ortszufahrten blockierender Dauerstau, je ein Hausstand im eigenen Auto eingelockt, weil auf die Straßen hinausgelockt vom gradiosen Sonntagswetter.
An Schönwetterwochenendtagen fahren wir – wie auch schon vor Corona – so gut wie nicht mehr raus ins Oberland. Die Stunden, die man mit Ärgern (kein freier Parkplatz/Sitzplatz, Wanderwege überfüllt, zu viele und zu laute Menschen), Rumstehen (auf der Straße, vor dem Selbstbedienungtresen in den Hütten, an der Eisdiele) und Rumkurven (Parkplatz, Schleichwege, Stauumfahrungen) verbringt, können daheim in der Stadt, die manchmal ja erfreulich leer ist an solchen Tagen, besser und vor allem erholsamer verbracht werden.

Schade ist, dass ich an solchen sonnigen Wochenendnachmittagen nun nicht mehr meinem Ritual nachgehen kann, mein Feierabendbier auf einer Bank an der Theresienwiese zu genießen, weil die Aussicht auf die täglich länger werdenden Schlangen drüben vor den Drive-In-Coronatest-Zelten, auf der anderen Wiesnseite, mich deprimiert.
Zudem bauen sie da seit vorgestern an einem neuen, riesigen Zelt. Ich bin sofort rübergelaufen, um mich zu erkundigen, ob das exakt am Standort des oktoberfestlichen Schützenzeltes errichtete Gerüst der Baubeginn für eine Nachhol-Wiesn ist oder aber ein Lazarett, das die Stadt München schon mal für den Fall der Fälle aufstellen lässt.

Beides erwies sich erfreulicherweise als unzutreffend, wie mir der sehr bayerische Bewacher der Drive-In-Zufahrt am Samstag erläuterte: die Stadt baut hier ein neues, winterfestes Coronatest-Zelt, damit „de se beim Obstrich ned d’Finga obfrian“, die bisherigen Behelfszelte sind offenbar nicht gut genug isoliert.

Wahrlich keine verlockenden Aussichten, so insgesamt (im Übrigen: ich bin dafür, dass das Corona-Palaver in der Schwimmbadumkleide – und gern auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, Supermärkten, Wartezimmern etc. – verboten gehört und dort nicht nur Maskenpflicht, sondern auch Schweigepflicht herrschen sollte – vorhin nach dem Schwimmen hätte ich beinahe zwei Weibern meine Flossen nachgeschmissen, weil sie die Ruhe meiner Ankleideprozedur mit ihrer lautstarken Diskussion über die Schikanen unserer Gesundheitsdiktatur zerstörten: Ich lass mich doch nicht nochmal einsperren! geiferte die eine, Ein Winter ohne Sauna wäre das Allerletzte! meckerte die andere, dabei war es das Allerletzte, dass die Inhaftierungsgegnerin ganz offensichtlich ein und dieselbe (hellblaue OP-)Maske seit Monaten trug, so dreckig und zerfleddert wie die aussah).

In dysem Sinne: May God bless and keep you always & kommen Sie wohlbehalten durch diese neue Woche

Song des Tages (57).

Feiner Abschluss einer erlebnisreichen Woche: Fräulein Pippa erlebt ihr erstes Open Air.

Harry Ahamer gastiert in der Goiserer Unterwelt mit einem Solo-Acoustic-Abend, der fast ausschließlich aus gecoverten Songs besteht, je später der Abend, desto sangesfreudiger die Gemeinde und desto wilder die Dorfjugend.

Das Dackelfräulein liegt zusammengekringelt unterm Tisch und schläft, kaum zu glauben.

Nettes Geplauder mit dem Künstler aus Vöcklabruck in den zwei Pausen, der Wunschsong (Dylans „Forever young“) leider nicht im Repertoire, dafür aber ein veritables „Don’t think twice, it’s all right“. Passt!

Well, it ain’t no use to sit and wonder why, babe
If’n you don’t know by now
And it ain’t no use to sit and wonder why, babe
It’ll never do somehow

When your rooster crows at the break of dawn
Look out your window, and I’ll be gone
You’re the reason I’m a-traveling on
But don’t think twice, it’s all right

Kein sauberes T-Shirt mehr im Koffer, der Hundefuttervorrat aufgebraucht, das Mückenspray so leer wie das Geldbörsel – wir fahren dann mal nachhause.

Alles anders als geplant, aber schee war’s!

Die Kraulquappen-Redaktion dankt Ihnen ganz herzlich für Ihre treue Begleitung und verabschiedet sich nun in eine kleine Sommerpause.

Machen Sie’s gut, bleiben Sie cool, gesund und munter & bis bald!

Song des Tages (50).

Gestern. Sonntagabend, nach 22 Uhr.
Wir liegen nicht nur erschlagen auf der Couch, sondern auch in den letzten Zügen der ersten Staffel einer neuen Serie.
Das Festnetztelefon klingelt. Wir schrecken sofort hoch, denn a) klingelt das abends üblicherweise sehr selten und b) schon gar nicht sonntags und nach 22 Uhr. Der Gatte springt vom Sofa hoch und rennt ins Nebenzimmer. Zu spät, das Klingeln verstummt in dem Moment, als er das Telefon aus der Basisstation reißt. Gerade noch rechtzeitig konnte er aber auf dem Display die zwei Worte „Papi zuhause“ erkennen. „Das war dein Papa!“, ruft er mir zu, und ich bekomme sofort Herzrasen, denn der Papa ruft nie zu so einer Uhrzeit an. Nie! Außer im Notfall.

Ja um Himmels Willen! Das Herz pocht mir sofort bis in die Schläfen, in mir denkt es in Sekundenschnelle: Ist er selbst der Anrufer gewesen, dann liegt die Lebensgefährtin im Krankenhaus, und wenn es aber nicht er war, der den Hörer dort am fernen Tegernsee in der Hand hält, sondern die G., dann ist der Papa im Krankenhaus. Den Drittgedanken behalte ich lieber für mich, der hat hier nichts verloren.
Panik steigt in mir hoch. Hektisch wühle ich zwischen den Sofakissen nach meinem Smartphone (der Papa wählt beim Zweitversuch immer die Mobilnummer), finde es, klappe die Schutzhülle auf und sehe justament den eingehenden Anruf (ich höre Anrufe in den seltensten Fällen, weil ich das Handy zu 98% seiner eingeschalteten Zeit pro Tag auf lautlos geschaltet habe).
„Papi zuhause“, lautet die Botschaft auch in diesem Display. Eilig wische ich das winzige Telefonhörer-Symbol zur Seite, das der Anrufannahme dient, und keuche fast in den Hörer: „Hallo Papi, was ist los?“

Am anderen Ende ertönt die krächzige, aber alles in allem muntere Sonntagabendstimme meines Herrn Vaters, ein verlegenes Lächeln schwingt in ihr mit, als er sagt: „Mir fiel grad siedend heiß ein, dass ja vorgestern der Geburtstag meines Schwiegersohnes war – vor lauter Coronadegöns hab ich das doch tatsächlich verschwitzt.“
Ich kreische ein „Na gottseidank!!!“ in den Hörer und füge an, wie froh ich sei, dass es „nur das“ sei und reiche den Hörer mit immer noch bebendem Arm und klopfendem Herzen an den bereits in ein erleichtertes Glucksen ausbrechenden Gatten neben mir weiter.

Mannomann. O tempora, o menses!

*****

Nachts geträumt, dass ich ein Tablett mit Frühstücksutensilien von der Küche durch den langen Flur ins Wohnzimmer trage und mir beim Gehen so denke: „Huch, der Boden hat ja eine Neigung, ist irgendwie leicht abschüssig, das ist ja seltsam!“.
Kurz vor dem Wohnzimmer entdecke ich dann einen Riss, etwa einen Meter breit, der quer durchs Parkett geht und den südlichen Teil der Wohnung vom nördlichen trennt (was jetzt nach nobler Villa oder Mega-Altbauwohnung klingt, es aber nicht im Geringsten ist) und eine Schlucht freigibt.
Der Graben durchteilt also die Wohnung, ein Blick in den Abgrund offenbart morsches Gebälk, das modrig riecht (vielleicht schon wieder ein Wasserschaden, irgendwo?) und alles sieht entsetzlich marode aus (ich kneife die Augen zusammen und meine, weit unten sogar ein Loch zu erkennen, durch das ich in den Flur der Nachbarsfamilie unter uns spähen kann).

Immerhin erklärt sich nun schlagartig die zuvor empfundene Neigung beim Gehen durch den langen Flur, und weiterträumend ist mir völlig klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch der Flurboden Risse bekommt und einbricht.
Es folgt die glasklare Gewissheit, dass nun alles im Eimer ist. Danach die Überlegung, wie wir vielleicht ein paar Möbelstücke retten könnten, abrupt unterbrochen von dem Gedanken, dass wenigstens die Frage nach der Mietminderung diesmal eine eindeutige Antwort erfahren wird und ja eigentlich auch die Hausratsversicherung einspringen müsste.
Als nächstes schreie ich nach dem Gatten, schreie laut und fast hysterisch seinen Namen und dass er bitte schnell herkommen soll und dass etwas Furchtbares passiert und unser Zuhause für immer ruiniert sei. Bevor er an dem Abgrund, vor dem ich stehe, eintrifft, wache ich auf.

Schöne Nächte sind das zur Zeit. Kaum Schlaf. Daher auch kaum Ausflüge in irgendwelche Traumwelten, aber wenn, dann gleich richtig dolle Abenteuertrips, so wie der von heute Nacht: Grand Canyon in der eigenen Bude. Wow! Das war noch nicht alles, da geht noch mehr, das spüre ich.

Beim Aufwachen und dem bald folgenden Griff zum Handy (kurzer Check, ob die Welt noch steht bzw. die Tageszeitung imstande war, das noch zu vermelden) dann die Erleichterung, dass der Arzt des Vertrauens auf meine Mail geantwortet hat und mir ein Rezept ausstellt, das künftig beim abendlichen Steckerziehen helfen wird. Hab sowas noch nie genommen, möchte aber das leidige Experiment „Leben mit Schlafmangel in Wasserschaden- und Coronazeiten“ nach nunmehr 7 Wochen (und seiner Intensivierungsphase in den letzten drei Wochen) jetzt gern mal unterbrechen oder am liebsten komplett beenden, selbst wenn man derzeit niemanden mehr trifft, der einen auf die Augenringe ansprechen könnte. Die zwanzig Kilometer, die ich nun jogge, um das Wasservermissen und den Schwimmentzug aus dem Körpergedächtnis zu vertreiben, sind sonst bald auch keine sinnvolle Ertüchtigung mehr, in dem müden Zustand droht vieles eine bleierne Schwere zu bekommen, was dann ja kontraproduktiv wäre, weil es ja der Rekreation und Kräftigung dienen soll.

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Aufgestanden, die Jalousien hochgezogen und gestutzt: schon wieder alles weiß. Aha. Naja, auch schon egal. Wieder hingelegt und mit dem Fräulein gekuschelt, das ist immer wie Frühling und Sommer und alles Glück der Welt konzentriert auf einem dackeldonutgroßen Stück der Matratze.

Der Gatte macht Frühstück und trägt das Tablett ins Wohnzimmer und kommt auch unbeschadet dort an, weil vor dem Wohnzimmer nur der übliche verschrammelte Parkettboden liegt, sich aber kein meterbreiter und -tiefer Graben auftut. Beruhigend. Ist also doch noch nicht alles im Eimer. Ich stehe auf.

Routinen tragen einen sanft in einen neuen Tag hinein, manche formieren sich derzeit auch neu, aber wie immer ist es wichtig, dass man sie überhaupt hat, diese Routinen, sie sind stützend und sie erinnern einen daran, dass es trotz allem ja immer noch sehr verlässlich sowas wie einen Alltag gibt und man sich nicht täglich alles neu zusammenklauben muss, damit man durch den Tag kommt.

Kleine Konstanten wie das dampfende Kaffeehaferl auf dem Frühstückstisch, daneben die Ausbeute des Pressespiegels vom Wochenende, vom Gatten mit den vertrauten Textmarker-Kreuzchen versehen, damit ich auf jeder der sorgsam herausgetrennten und zusammengefalteten Seiten gleich erkenne, welcher Artikel der zu lesende ist.
Der kleine Hund, der sich nochmal mit dem üblichen wohligen Grunzer ins Körbchen neben dem Esstisch plumpsen lässt, sich dort einkringelt und geduldig ausharrt, bis die Zeit fürs Morgengassi gekommen ist.

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Morgengassi dann bei klirrend kalten minus 1 Grad durch die weiß bepuderte Allee.
Der Gabenzaun hat sich über Nacht exakt gemäß meiner Befürchtung entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch etwas krasser.
Nasse Klamotten, heruntergefallene Klamotten, eingeschneite Klamotten, aufgerissene Tüten, verteilter Tüteninhalt, hier ein paar Milchpackungen, dort ein paar Damenbinden, extra-saugfähig, daher dekorativ aufgequollen.
Irgendeine besonders helle Leuchte hat am Fuße des Zaunes einen Karton mit Semmeln abgestellt. Ohne Abdeckung. Sehr clever. Sogar die Krähen gucken irritiert und fragen sich, was sie mit einer vereisten Semmel vom Vortag anfangen sollen, versuchen dann aber ihr Glück und zerhacken in trautem Teamwork einen der Tiefkühlwecken.

Woran ich noch gar nicht gedacht hatte, ist, dass diese Müllmeile ja neben all den Klamotten auch bergeweise „Biomüll“ enthalten würde, und dass ich ja mit einem Interessenten für Biomüll jeder möglichen und unmöglichen Herkunft und Beschaffenheit dort entlangspazieren müsste.

Das Dackelfräulein ist nämlich ein sogenannter „Staubsaugerhund“, was, selbst wenn man, so wie ich, ein passionierter Zusammenleber mit diesem sauberkeitsherstellenden Hausgenossen ist, ein ziemlicher Graus ist.
Hundebesitzer, die ebenfalls einen Staubsaugerhund haben, wissen, was ich meine. Darum geht unsereins auch lieber außerhalb der vielbegangenen Routen spazieren, weil sich dann die Objekte der kaniden Begierde wenigstens auf Hasenköttel, Pferdeäpfel, Marderkot, Fischgräten, Jauche, Kadaver und Gebeine reduzieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die städtische Müllentsorgung bald zur Tat schreitet, damit das Morgengassi jetzt nicht täglich ein zehnminütiger Spießrutenlauf wird, wonach es aber nicht aussieht, wenn ich mir die Mülleimer und Wertstoffcontainer so ansehe.

Wieder zuhause angekommen warten gottseidank noch eine zweite Tasse Kaffee und ein Toast mit Quittengelee auf mich.
Immer her mit den Routinen (und an dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die liebe B. aus O., die dafür sorgte, dass es keine Geleeengpässe gibt, speziell jetzt wäre das wirklich nur schwer verkraftbar gewesen)!

*****

Die derzeitige „Lage der Nation“ verdichtet, wie ich hier eh schon mehrfach sagte (oder dachte?), gerade nahezu alles, was schon vor der Verbreitung dieses Virus‘ zu dicht, zu brisant, zu fragil oder sonstwie zu schwer zu ertragen war.
Auf all das kommt jetzt unter Umständen nochmal eine Schippe obendrauf, wenn es dumm läuft. Und teilweise treten diese Umstände nun auch ein und es läuft dann auch dumm, so wie vorgestern.

Da beschließe ich am späten Nachmittag, nochmal kurz mein Hirn durchzulüften, schnappe mir mein Feierabendbierfläschchen, gieße 0,25 l davon in mein Störtebeker-Säbelglas und begebe mich nach draußen.
Möchte mich einfach mal für 15 Minuten auf die vertraute Parkbank am Rande des Coronatest-Drive-In-Geländes (formerly known as „Wiesn“) setzen und der Bavaria gegenüber zuprosten und ein paar Surfern zusehen, wie sie ihre Runden auf der großen Freifläche vor den Testzelten drehen und sich vom Wind mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Auch so ein Ritual, so eine kleine Konstante und Angewohnheit, die Struktur gibt und einfach wohltut, selbst wenn die Szenerie vor meiner Nase nicht mehr so ganz dieselbe ist.

Auf dem Bürgersteig angekommen, der sehr breit ist und eher einer gediegenen Allee gleicht als einem normalen Trottoir, will ich zur Überquerung ansetzen, sehe dann aber von rechts jemanden im Stechschritt heranmarschieren, ein komplettvermummter, vermutlich eher junger Mann (wegen Atemmaske und zusätzlicher Gesichtsverhüllung ist das schwer zu erkennen), in kurzer Hose (eigentlich zu kühl für den Tag) und ansonsten mit Turnschuhen, Kapuzenshirt und Baseballmütze bekleidet.
Ich bleibe mit meinem Weißbierglaserl in der Hand am Rand des breiten Weges stehen, um abzuwarten, bis er vorbeigegangen ist und dadurch sogar einen Abstand von mehr als zwei Metern wahren zu können.
Anstatt einfach weiter seines Weges zu gehen, macht der Kerl aber, auf meiner Höhe angelangt, auf einmal einen großen Sprung in meine Richtung, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, stampft mit dem Fuß auf und brüllt mir ein „Huh!“ entgegen. Und dann nochmal: „Huh!“

Ich bezweifle, dass er Isländer oder ein engagierter Botschafter für Fußballgesänge ist, vielmehr lag in diesem „Huh!“ eine Aggression, die mich recht unangenehm anwehte und mir den kurzen Aufenthalt auf meiner Parkbank schon eintrübte, bevor ich diese überhaupt erreicht hatte.

Im Treppenhaus höre ich eine Viertelstunde später dann zufällig mit, wie ein Nachbar einen anderen mit seinen kruden Verschwörungstheorien bequatscht: „Alles Fake, alles inszeniert.“ und „Mir macht das Virus keine Angst, nur unsere Regierung.“
Momente, in denen ich fast geneigt bin, zu verstehen, warum manch einer sich gern in Sphären der Transzendenz flüchtet oder Trost in der Religion sucht (oder sogar findet).
Momente aber auch, in denen ich sehr froh darüber bin, gleich die Tür hinter mir zuzumachen und in der Wohnung bleiben zu dürfen.

*****

Eigentlich hatte ich als Song des Tages für heute den freitags so überraschend veröffentlichten Song des Großmeisters aus Duluth, MN, vorgesehen, diesen apokalyptisch anmutenden Abgesang auf die USA – God’s own country, über das nun der Zorn des Herrn gekommen ist (wie irgendein Amerikaner aus dem dortigen Politbetrieb kürzlich mutmaßte) -, der einen, nur dreimal in Folge und mit Bedacht angehört (das Stück ist 17 Minuten lang!), mal für ein ganzes Stündchen total wegbeamt von all den viralen Plagen, mit denen wir uns arrangieren müssen und auch die soziologischen Feldstudien, deren Teilnehmer wir so unfreiwillig geworden sind, mal für ein Weilchen vergessen lässt.
Und die restlichen Minütchen, um diese Stunde vollzumachen, sollte man unbedingt der Lektüre der Willi-Winkler-Rezension zu diesem Requiem widmen. Vielleicht noch die andere Hälfte des Weißbierflascherls dazu, so zur Abrundung des Genusses auf allen Ebenen.
Gut verbrachte Zeit, das versichere ich Ihnen (natürlich nur, sofern Sie irgendwas mit Dylan am Hut haben, klar).

Spontan erschien mir nun, beim Niederschreiben dieser Zeilen und meinem dabei immer wieder aus dem Fenster und auf die Allee hinuntergleitenden Blick, aber ein anderer Song die passendere musikalische Allegorie meiner Verfassung an diesem Montagnachmittag zu sein:

Well, everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my Ray Bans weren’t quite so
I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know how I laugh when winter shows her hand

With that picture framed, there is a saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m goin‘ now, please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Well, everyone was hopin‘ you would stay awhile
Tell us ‚bout that great land in the South
Then you’ll see that man
Now ain’t he under offer?
Well, I tell you child, you go wash out your mouth

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Now what can you say?
I’m hidin‘ in the belfry
How can you say I want to catch time?
How can you say you know anythin‘ about me?
Because I knew about you but I won’t care about you

Now, everyone has come to see
But some things have to die
Flowers out for this graphic haunt
But they all pass me by

But the age is not
A funny game
It don’t give such a buzz
And when I winced with ignorance
I had to kiss this dust

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh, and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

*****

Grau ist es heute da draußen. Bleigrau. Und kalt. Eiskalt.
Aber es kommen auch wieder hellere und wärmere Tage.
Tage, an denen man wieder ein feelin‘ of redemption wird spüren können.

Marode oder: Ein Plädoyer für die Ruhe.

Ein kurzer, kräftiger Atemstoß von Sturmtief Yulia genügte, um eine der morschen Garagentüren dieser Tage endgültig aus ihrer Verankerung in der nicht minder morschen Wand zu reißen.

Jetzt muss man zu zweit sein, wenn man das Auto in die Garage oder aus ihr heraus fahren möchte. Einer bewegt die Karre, der andere hält die Tür fest. Der Hausmeister ist im Fasching verschollen und kümmert sich danach um eine Lösung, wahrscheinlich wird’s ein Provisorium, das bis zum Frühsommer irgendwie halten wird. Denn ab Mai möchte der Vermieter die Garagen im Hinterhof, eine baufälliger als die andere, sanieren lassen, was auch immer das heißt (wenn Münchner Vermieter von „Sanierung“ sprechen, bedeutet das manchmal kaum mehr als einen neuen Anstrich, der die vorhandenen Risse kaschieren soll, so dass man getrost noch ein paar Jahre warten kann, bis die Mauer endgültig zerbröselt).

Manchmal kann ich all das Marode, all das Provisorische, die Notlösungen und das Sanierungsstückwerk, das so ein Durchschnittsaltbau bietet, nicht mehr sehen. Was nicht heißen soll, dass ich mich wieder in den Neubau am Stadtrand zurücksehe, wirklich nicht. Es soll eigentlich nur heißen, dass ich es toll fände, wenn man für seinen saftigen Mietzins einfach mal etwas bekäme, das rundum intakt ist. Eine Utopie in dieser Stadt, ich weiß, und daher stelle ich das unnütze Mietergejammere auch gleich wieder ein.

Was ich auch nicht mehr sehen kann, ist das zu häufige Grau und Geniesel draußen vor dem Fenster. Die Gemütslage ist derzeit nur durch regelmäßigen (!) Sonnenschein und möglichst täglichen (!) Hagebuttenkrapfenkonsum stabilisierbar und beides scheint Mangelware zu sein.

Kaum je mehr als zwei sonnige Tage am Stück, und bei Kustermann, der Münchner Traditionskonditorei hier ums Eck, die wirklich den mit Abstand besten, luftigsten, unfettigsten Hagebuttenkrapfen der Stadt täglich dutzendfach und liebevoll per Hand formt und in ihren Vitrinen zum Verkauf drapiert, ist jeden zweiten Tag bereits vor (!) 12 Uhr das gesamte (!) Krapfensortiment ausverkauft.

Dankenswerterweise saust der Gatte heute extra vor 9 Uhr aus dem Haus, um an der Krapfenmangelfront verlässlich Abhilfe zu schaffen, denn morgen (Aschermittwoch!) ist ja das köstliche Gekrapfe leider schon wieder vorbei und die in Kürze in den Bäckereien Einzug haltenden Osterbackwaren sind bis auf den klassischen Hefezopf (ohne klebrige Rosinen und anderes Beiwerk) allesamt nicht so mein Ding.

Oder man greift zur dritten, verlässlich stimmungsfestigenden Maßnahme: 2.000 Meter durchs Lieblingsbad pflügen. Aber selbst das wird einem bisweilen vergällt. Grad noch schön und friedlich die 40 Bahnen gezogen und wie neugeboren dem Wasser entstiegen, wird man schon wieder ungut beschallt.

In der Dusche plärren zwei mitduschende Frauen in meinem Alter einander Banalitäten zu („Nein, zu dem Shampoo gibt’s leider keinen Conditioner“ / „Ich hatte von gestern noch Quinoasalat übrig, den hab ich mir für nach dem Schwimmen gleich mitgenommen“). In dem gekachelten Raum hallt ja alles dreimal so laut wie draußen oder in der Umkleide, aber nein, man muss überall labern und auch die Umwelt an dem Gelabere teilhaben lassen. Noch dazu erzeugen ja bereits die Duschen einen nicht unerheblichen Dauerlärmpegel.

Ich gebe mir einen Ruck (und Mühe, nicht zu gucken wie ein Kojote kurz vor dem Erlegen seiner Beute), bitte die beiden höflich um etwas mehr Ruhe, werde dann aber angepöbelt: Ja man müsse hier in der Dusche doch lauter sprechen, weil man sich ja sonst bei dem lauten Geplätschere nicht verstünde. Themaverfehlung!, denke ich, gebe den Kampf um Ruhe aber sofort auf, verzichte spontan auf die Haarwäsche und suche das Weite bzw. die Umkleide auf.

Momentan muss ich jeden nicht zwingend nötigen sozialen Aufruhr und Kraftakt meiden, um Energie zu sparen für den Kontakt mit der Firma, die den Wasserschaden saniert und mit anderen Unbilden, die im Kontext der heimischen Misere daherkommen.

[Und die Erfahrung sagt: da kommen schon noch welche daher, wenn es nächste Woche am Montag mit all den Handwerkereien erstmal so richtig losgeht für mehr als zwei Wochen. Leider ist ja Lolek nicht für alles zuständig, schade auch, denn mit dem läuft es weiterhin wie am Schnürchen – wir schicken uns mittlerweile sogar kleine, selbstgedrehte Videos von Duschtüren mit Hebe-Senk-Mechanismus in Aktion. Alles Zubehör ist nun bestellt-besprochen-bereitgestellt, auch ein großer Vorrat an Vinzenz-Murr-Gutscheinen ist schon besorgt, den wir Lolek zu Beginn der Bauphase überreichen werden, damit er für sich und Bolek täglich eine Krakauer kaufen kann. Das wird ihn sicher ebenso freuen wie die Tatsache, dass ich ihm zwei tolle, haargenaue Skizzen zum neuen Badezimmer angefertigt habe („Was kommt wo hin“) und ihm schon am Nachmittag von Tag 1 den Hausschlüssel anvertrauen werde, um ihm hier nicht weiter auf den Wecker zu gehen…]

Auch in der Umkleide ist nicht das zu finden, was ich mir unter Ruhe vorstelle. Einen Gang weiter kreischen vier aufgekratzte Teenager herum, weil der einen das iPhone auf den gefliesten Boden gefallen ist und das Display nun ein Spinnennetzmuster hat (wie konnte ich nur vergessen, dass dieser Tage ja schulfrei ist?).
Neben meinem Spind sitzt eine ältere Frau auf der Bank und ölt sich mit schmatzenden Glitschgeräuschen und unter permanentem Stöhnen eine gruselige, 30 cm lange, blutrote, halbverkrustete Narbe auf ihrem Schienbein ein. Vor dem Spiegel verrenkt sich eine Amazone, um sich ihre Achselhöhlen zu rasieren und daneben verteilt ein Mauerblümchen die Ladung einer ganzen (FCKW-)Haarspraydose auf ihrer Frisur, die durch die betonartige Fixierung kein bisschen schöner wird, im Gegenteil.

Respekt vor der Intimsphäre anderer Menschen und/oder Hemmungen (gar Scham?!), was die Präsentation der eigenen Intimverrichtungen angeht, verkommen im öffentlichen Raum mehr und mehr zu Fremdworten und zu verblassten Phänomenen aus einer anderen, leider fernen und ziemlich vergangenen Zeit. Einer, in der die Menschen noch nicht dauerdämlich, laut und indiskret vor sich hinlabernd mit diesen weißen Pfriemeln im Ohr durch die Stadt stolperten (oder, wie eine Nachbarin: sogar durchs Treppenhaus des Mietshauses) und in der nach den allwöchentlichen Unwettern und Stürmen die Bürgersteige noch nicht zuhagelt waren von diesen blödsinnigen Vehikeln für „die letzte Meile“, die seit letztem Sommer den bis dahin angenehm geringen Unratsfaktor in dieser schönen Stadt verzehnfacht haben.

[Woran man merkt, dass man selbst marode älter wird? Unter anderem daran, dass einen neue Trends und Moden seltener begeistern und die Alltagstoleranz ungefähr im selben Maße abnimmt, in dem die Alltagsdünnhäutigkeit zunimmt. Ich tippe diese Zeilen übrigens in einem der Lieblingscafés sitzend, zwei Tische weiter zwei italienische Pärchen, die so laut sind, dass man von der schönen Musik, die hier üblicherweise läuft, nicht mehr das Geringste hört. Auch deshalb sind mir Skandinavier die angenehmeren Zeitgenossen.)

Verzehnfacht haben wird sich auch unser Stromverbrauch für den Monat Februar. Die Corroventen pusten nach wie vor 24/7 vor sich hin, Ende der Woche werden die Dinger endlich abgeholt. Dank des Geräuschpegels in unserer Wohnung geht uns allerdings die sechsstündige Faschingsparty der Familie unter uns weniger auf den Keks als sie es täte, wenn wir hier ohne Trocknungsgeräte wohnen würden. Eigentlich muss die Bausubstanz dieses Hauses doch eine recht robuste sein: dass das 4. OG und das 1. OG, wo die jeweils zwei kinderreichsten Mitbewohner leben, noch nicht eingestürzt ist bei den vielen Feiern und Familienbesuchen, grenzt an ein Wunder.

Was hingegen an eine Zumutung grenzt: dass in Staffel 2 von „Big little lies“ ausgerechnet Meryl Streep , die ich früher mal so gern mochte, frappierend an die Mutter erinnert. Dasselbe Geschau, wenn man Kritik an ihr übt, derselbe Opferblick, wenn man sich von ihr abwendet, dasselbe Lächeln und derselbe Zuckertonfall, wenn sie einem gleich die nächste Gemeinheit reinreiben wird. Ich schlafe unruhig nach allen drei Serienabenden, was aber wurscht ist, da ich sonst (halt aus anderen Gründen) bestimmt ähnlich unruhig geschlafen hätte.

Zum Beispiel, weil seit zehn Tagen die linke Niere schmerzt, sogar in Ruheposition. Ich bin ja kein Freund von diesen pseudopsychologischen Pathogenesen, dennoch passt das grad hervorragend zusammen: diese Redewendung „etwas geht einem an die Nieren“ und eben genau dieser Schmerz. Also setze ich darauf, dass die Niere sich auch wieder beruhigt, wenn ich mich erstmal im Tegernseer Exil befinden und hier die Bauarbeiten im Gange sein werden (und ein Ende dieser Unbehaustheit absehbar wird).
Wenn sie dort weiterhin piekt, die Niere, kann ich’s für die Dauer des Exils ja auch noch auf die Lebensgefährtin des Papas schieben oder auf den Schwimmbadentzug (zumindest was das 50m-Becken angeht).
Sicherheitshalber habe ich mir dennoch eine nephrologische Praxis am Tegernsee rausgesucht, die Gegend dort ist ja gesegnet mit einer hohen Arztpraxendichte, und gegebenenfalls möchte man ja schnell handeln können.
Spätestens, wenn Lolek mir den Hausschlüssel zurückgibt und die Wohnung wieder ein Ort ist, an dem man gerne wohnt, wird die Niere jeden Schmerz eingestellt haben.

Und bis dahin müsste auch das Dackelfräulein wieder in eine normale mentale und körperliche Spur zurückgefunden haben. Seit zwei Wochen brütet Madame permanent in einem Filzkorb, in dem wir unsere zwei Sofadecken aufbewahren, ihre Nachkommen aus, und vor wenigen Tagen wurde (während einer unserer kurzen Abwesenheiten) der Schaumstoff ihrer Liegeunterlage zu 10.000 Flöckchen zerrupft, mit denen das Nest für den Nachwuchs ausgepolstert werden sollte, damit es die Welpenschar auch gemütlich hat.

Praktischerweise musste ich eh in den Baumarkt, um für Lolek die rauchblaue Farbe anmischen zu lassen (nett: das freundliche Männeken an der Farbenmischstation erinnert sich an einen, „Ist ja erst anderthalb Jahre her!“ sagt er und stellt den Farbkübel fröhlich in die Rüttelmaschine), mit der die Diele zu streichen ist, also dort gleich noch neue Schaumstoffplatten besorgt und zuschneiden lassen.

Und als Konsequenz dieser sonst nie auftretenden Zerstörungswut kommt die Hundedame nun einfach überallhin mit. Natürlich nicht mit mir zum heutigen Konzertabend, dafür darf sie aber nachher den Gatten in die lauschige Lokalität begleiten, wo dieser zum Fußballgucken in größtmöglicher Ruhe hinzugehen pflegt.

Die vier Italiener haben das Café soeben verlassen, man hört die Musik wieder. Ein Aufatmen ist das! Der Cafébesitzer nickt mir zu und dreht die Lautstärke hoch. Manchmal liegen die gesamte Ruhe und das ganze Glück des Universums in einem richtig laut gehörten „You Angel You“.

Was mich auch glücklich machen würde: eine Ruhebank unter den alten Linden an der Theresienwiese mit einem eigens für mich und dieses Mußeplätzchen angefertigten Messingschildchen (ich bastle gedanklich schon seit Jahren an der ultimativen Inschrift, wenn ich bei Regen durch den Englischen Garten oder die Isarauen spaziere).

Grazer Grandezza in Wien.

Well, she drew out some money from the Southern Trust
And put her little backpack on a public bus
Leaving Munich with a pipe dream in her hand
And a cheap return ticket to an eastern land

(frei nach Bruce Springsteens „Johnny Bye-Bye“)

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Und plötzlich fiel mir Winckelmann ein.

Winckelmann! Hätte mir nie träumen lassen, dass mir der mal gegen 23 Uhr in einer verqualmten Bar einfallen würde.

Sie wissen schon, der, der einst das Begriffspaar von der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“ prägte, das die Genossen der Weimarer Klassik später eifrig rezipierten.

Die musikalische Darbietung, die in diesem Moment vor meinen Augen (und vor allem in meinen Ohren) stattfand, strahlte exakt das aus: edle Einfalt und stille Größe. Und Erhabenheit.

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Hello again, Vienna!

Langsam findet der Tag sein Ende…

…und die Nacht beginnt!

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Wien, 1. Bezirk, am Samstag, den 12. Oktober.
Ein milder, sonniger Herbsttag legt sich schlafen. Die Nacht erwacht langsam zum Leben, blickt unternehmungslustig auf die dunkle Stadt hinab und überlegt, was sie anstellen und wen sie in ihren Bann ziehen könnte.

Ein verheißungsvolles Flüstern weht durch die Weihburggasse – show a little faith, there’s magic in the night! – und es weist uns den Weg zu einer gemütlichen Bar, und dort an einen Tisch in vorderster Front vor der kleinen Bühne, die gar keine richtige Bühne ist, sondern einfach ein „Künstler-Eckerl“: ein Barhocker, etwas technisches Equipment, ein paar Instrumente – that’s all.

Neben mir: Sori, überzeugte Wahl-Wienerin und meine Blogfreundin und Musikgefährtin.
Vor uns: zwei köstliche Schnaitl-Halbe und – was weit besser ist als jedes Bier – Matthias Forenbacher.

Falls Sie Winckelmann nicht kennen, dann ist das ja so grad noch verzeihlich, aber den aus Graz stammenden Forenbacher, den sollten Sie wirklich kennen. Tun Sie vielleicht auch, wenn Sie diesen Blog schon länger lesen oder Musik eine Ihrer Leidenschaften ist.

Auf ein oberösterreichisches Bier im Front-of-stage-Bereich…

…während der Musiker sich am Tresen seine Setlist zusammenbastelt.

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Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mich zuletzt eine musikalische Neuentdeckung derart umgehauen hat.

Es war Anfang Mai dieses Jahres, es war ein Frühlingsabend, ich saß am PC, recherchierte etwas lustlos für einen zu schreibenden Artikel und durchstöberte zwischendrin die paar Blogs, die ich abonniert habe.

Auf Soris Blog war mal wieder ein Konzertbericht erschienen, sie ist bei einem Auftritt von einem Herrn Forenbacher gewesen und erzählte davon. Aha. Nie gehört. Viele der Künstler, über die sie berichtet, kenne ich nicht, also war ich wenig verwundert, dass mir auch dieser Name nichts sagte.

Neugierig las ich den Beitrag. Das klang ja grandios, was da stand, und für den restlichen Abend war ich nicht mehr damit beschäftigt, das Netz nach der Historie der Klöster und den besten Wanderwegen im Fünfseenland abzugrasen, sondern nach allen irgendwie auffindbaren Songs von diesem Matthias Forenbacher (der bedauerlicherweise erst seit Kurzem im Hauptberuf Musiker ist).
Postwendend kamen dann die ersten beiden CDs aus Wien (danke auch hierfür, Sori!), die dritte besorgte ich mir selbst, und für Wochen lief daheim und im Auto fast nichts anderes mehr.

Denn wenn mich mal was am Wickel hat – und zwar so richtig am Wickel! – dann ist das erstmal eine ziemlich ausschließliche Sache. Völlig wurscht, ob es sich dabei um Orte, Berge, Seen, Texte, Bilder, Gefühle, Atmosphären, Essen, Trinken oder eben um Musik handelt: ich werde vorübergehend zum Junkie, verliere beim Konsumieren des „Stoffs“ jedes Maß und manchmal beinahe den Blick für anderes.

Meist endet dieser suchtartige Zustand recht abrupt (bei Genussmitteln oder Gefühlen), manchmal hält er auch für Monate oder Jahre an. Und in seltenen Fällen ist es sogar, wie man so sagt: was fürs Leben. Wie mit dem Wettersteingebirge, mit Lenggries, mit dem Maisinger See, dem Lieblingsschwimmbad, der Gänsehaut auf dem Rücken, dem Pistazieneis und der Musik von Springsteen, Dylan und Waits.

Als ich zum ersten Mal „Walden Pond“ hörte, hatte ich sofort dieses Gefühl: das hier, das hat das Zeug dazu, in die letztgenannte Kategorie aufgenommen zu werden. Und als dann sukzessive mehr von dem „Stoff“ in meine Ohren drang („Why“, „Self-loading gun„, „Escape for a while“ – um nur ein paar weitere Songs zu nennen, die ich zum Niederknien schön finde), legte ich die in etwa zeitgleich zu meiner steirischen Neuentdeckung erschienene Springsteen-CD „Western Stars“ beiseite und auch die frisch erschienene „Reckless & Me“ vom Kiefer verschwand irgendwo im Regal.

Das alles war erstmal unerheblich geworden, die neuen Scheiben könnte man ja immer noch hören, wenn man demnächst die weite Strecke nach Gotland führe und dabei ja beim besten Willen nicht tagelang nur die drei Forenbacher-Alben in Endlosschleife hören könnte, zumal auf der Öresundbrücke Springsteens „Across the border“ Pflicht ist und manch anderes ja auch schon gewissermaßen Tradition hat bei diesen einsamen Fahrten quer durch Schweden („Mansion on the hill“, „Janey don’t you lose heart“, „Fade away“).

Zu „Western Stars“ kam’s allerdings während der gesamten Reisewochen kaum, und auch Mr. Sutherland fristete in Schweden eher ein Schattendasein.

Umso häufiger griff ich auf der langen Reise zu Forenbachers Songs: man muss das ja unbedingt mal ausprobieren, wie sich diese neue Musik beim Unterwegssein anfühlt, man kennt einander ja erst so kurz und war noch nie zusammen auf Reisen! Man muss das testen, ob und wie sich diese Songs in einem entfalten, wenn man währenddessen an der rauen Küste entlangfährt oder durch wilde Raukarlandschaften oder abends beim Feierabendbier über die Zinnen von Visby guckt.

Der „Cradle Song“ war zum Beispiel der perfekte Begleiter zum morgendlichen Lauf am Meer („…inside is heaven and outside there is joy“), wohingegen „Totally blind“ eher was fürs Dahingrooven auf den Serpentinensträßchen im Süden Gotlands war („and in the streets of a little village with wind and rain and fainting lights…“ – rein aus Platzgründen kann leider nicht die ganze Strophe zitiert werden, obwohl sie’s verdient hätte), „Walden Pond“ geradezu ideal zur Abendstimmung in meiner kleinen, dunklen Holzhütte an der Stadtmauer von Visby passte („you’d like to speak, it’s strange but you just can’t„) und das wunderbar seelenvolle Cover von „I’m a believer“ den einen oder anderen Erinnerungs- und Gedenkmoment an was oder wen auch immer absolut adäquat zu untermalen verstand („what’s the use in tryin‘? all you get is just pain! when I needed sunshine I got rain…“).

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Auf diese Art und Weise gestalten sich bei mir üblicherweise nur jene Anfänge, denen das Potenzial zu mehr innewohnt, und da sich diese neue Story bislang Monat um Monat und Kapitel um Kapitel in ungebrochener Begeisterung fortschreibt, wage ich die Prognose, dass sie sich bald auf Augenhöhe befinden könnte mit der Aussicht, die man auf der Meilerhütte hat.

Sie erinnern sich? Dieser vor Pathos und Ergriffenheit nur so triefende Bericht von meiner Hochsommertour? Als ich mich vor lauter Erhabenheitsgefühl dort oben kaum noch einkriegen konnte?

Womit wir quasi wieder bei Winckelmann wären. Und bei der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“.

Erstere zeigt sich für mich in der puristischen Ästhetik dieser Songs, in den schörkellosen Skizzen, die sie zeichnen, plus der Prise dylanscher Poesie, die sie umweht.

Die feindosierte, melancholische Intensität Springsteenscher darkness sowie die fragile, ansatzweise monotone, aber stets eindringliche Energie, wie man sie aus etlichen Waits-Songs kennt, macht hingegen ihre „stille Größe“ aus.

Neben all den Vergleichen (Dylan-Springsteen-Waits), denen, so schmeichelhaft und zutreffend sie auch sein mögen, ja immer etwas Schablonenhaftes anhaftet (keiner möchte Imitat oder Nachfolger sein, sondern Individuum und Original), muss man sagen: was wir hier hören, ist auch nicht die Kunst von einem, der angetreten ist, um dem Boss auf einer Stone-Pony-Kopie hinterherzugaloppieren oder den wortreichen Balladen eines Literaturnobelpreisträgers nachzueifern.

Matthias Forenbachers Musik ist ein ganz eigenes und gekonntes (weil so behutsames und unaufdringliches) Changieren zwischen den Welten – der realen wie der fiktiven: mal berichtet ein Reisender, mal ein Verlorener, mal ein Rastloser, ein Staunender, ein Verzweifelter, ein Beobachtender, ein Hoffender, Liebender oder Fragender (und ab und an spricht das Instrumentale auch einfach nur für bzw. zu sich selbst), aber nie erzählt hier ein Angekommener, Saturierter oder Selbstzufriedener seinen Zuhörern fertige, abgeschlossene Stories.

Die Lyrics lassen per se (mindestens aber zwischen den Zeilen) genug Platz für ein individuelles Weiterspinnen und Kolorieren der Klang- und Wortbilder, das ganz der persönlichen Imagination folgen kann. Zugleich sind Forenbachers Kompositionen mehr als nur Gerüst oder Geländer für eigene Fantasien und innere Dialoge: Manche der Fragen, die sich beim Zuhören auftut, verdampft in der Präsenz und Atmosphäre dieser Geschichten, die einem durchs bloße Hinhören und Draufeinlassen lesbar werden, auch ins Nichtausgeführte hinein.

Umso schöner, wenn sich all diese Wahrnehmungen dann mit dem ersten Live-Eindruck decken. Wenn sich kein Riss auftut zwischen Studio-Alben hier und Person/Performance dort.

You got this guitar and you learned how to make it talk (and taught her to tell your stories in such a haunting voice).

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Ein rundum authentischer, persönlicher, nahbarer Auftritt und Abend war das, der noch lange in mir nachhallen wird und für den es sich absolut gelohnt hat, 900 km Zugfahrt binnen 23 Stunden und etwas Schnaitlschädelweh auf mich zu nehmen.

Möge auch diese Geschichte, die ich hier nun zu erzählen begonnen habe, unbedingt unfertig bleiben, und mögen sich noch oft Gelegenheit, Zeit und Raum finden, um ihr weitere Kapitel in Form von Songs, Konzerten und Gesprächen hinzuzufügen.

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Danke an den Gatten, dass er – kaum von seiner Dienstreise heimgekehrt – gestern den Mantrailing-Schnupperkurs übernommen hat, anschließend abends daheim nicht nur ein, sondern gleich zwei Dackelfräuleins gehütet hat, weil’s dem Nachbarn schon so zugesagt war, und mir dadurch diesen fünfzehnstündigen Spontanbesuch in Wien ermöglicht hat.

Danke, Wien, für die laue Herbstnacht.
Danke, Sori, für den herrlichen gemeinsamen Abend.

Und danke, Matthias, für deine wunderschöne Musik und Stimme.

Song des Tages (4).

Hatschi, schnief, tröööt, hatschi, schnief, tröööt. That’s the sound of spring!

Hazel, stardust in your eye
You’re goin‘ somewhere and so am I.
I’d give you the sky high above
Ooh, for a little touch of your love.

Hazel is in the air. Die Wochen des Niesens und der Antihistaminika haben begonnen.

Niemand hätte das besser vertonen können als der gute Bob.