Mittenwald (3) & Himmel der Bayern (79): Sternweißblau.

7 Uhr. Vorsichtiges, erstes Räkeln im Pensionsbett. Das Sprunggelenk schmerzt.
7:30 Uhr. Es gibt diese beneidenswerten Menschen, die ohne Frühstück schon munter und bewegungsfähig sind. Ich gehöre nicht dazu. Breze mit Butter, eine halbe Semmel mit Käse, dazu ein Ei, zwei Haferl Kaffee.
8 Uhr. Die Dusche funktioniert immer noch nicht vernünftig. Überraschende Temperaturwechsel verbrühen einem entweder die Kopfhaut oder lassen einen vor Kälte kreischen. Beschwere mich zum dritten Mal.
9 Uhr. Mit sonnencremeverklebten Fingern hänge ich das Handy nochmal ans Ladegerät und mache mir Notizen zum 30-minütigen Beratungsgespräch mit dem Juristen vom Mieterverein, das gerade hinter mir liegt. Noch zwei weitere Jahre als Mieter mit Münchner Mieteralltag, und ich kann den netten Herrn in seinem Job beerben. Danach informiere ich den Gatten über die neuesten Erkenntnisse zur Sachlage, erkundige mich nach seinem Befinden und natürlich nach dem des Dackelfräuleins. Alle sind wohlauf. Auch die Psocoptera.
10 Uhr. Rucksack gepackt. Leichteres Schuhwerk als gestern gewählt, auch kürzere Socken. Dick Kühlgel auf das Sprunggelenk geschmiert. Abmarsch. Von Mittenwald zum Lautersee, weiter zum Ferchensee, dann hinauf auf den Franzosensteig.

11 Uhr. Nächste Weggabelung erreicht. Beherzten Bergsteigern mit intakten Sprunggelenken sei hier der kleine, reizvolle, nur ca. 7-stündige Abstecher zur Oberen Wettersteinspitze empfohlen. Ich bleibe schweren Herzens auf dem Franzosensteig und steuere den Grünkopf an. 700 Höhenmeter und eine 17 km-Rundtour mit vier Stunden Gehzeit reichen mir heute ausnahmsweise.

12 Uhr. Der Franzosensteig trägt seinen Namen übrigens völlig zu recht. In weiten Teilen des Bergwalds umgestürzte Bäume, die wie ein Mikado aus Monsterbaguettes anmuten. Das erschwert den Aufstieg hie und da ziemlich. Und auf Buchenlaubschichten, so lockerluftig wie eine Mousse au chocolat, rutscht man die steilen, circonflexeartigen Kehren auch gern mal wieder hinab. Zudem säumen riesige Ameisenhaufen, die es locker mit dem Montmartre aufnehmen können, den gesamten Steig und laden definitiv nicht zum Verweilen ein. Aber wer weiß: der Franzose ist womöglich erfreut über dieses Gekrabbel, weil er das Getier gern frittiert. Ich kenn mich mit der französischen Küche nicht so aus, hab da aber noch irgendwas von bretonischer Kaldaunen im Hinterkopf. Brrrrr!

12:45 Uhr. Erstmals seit Corona unseren Planeten heimgesucht hat, bin ich wieder im Ausland: Servus Österreich, griaß di Tirol!

13 Uhr. Auf dem Gipfel des Grünkopfes ist niemand. Auch keine Schwaben. Das ist rein akustisch schon mal sehr angenehm. Die Fliegenschwärme dort oben sind lästig, aber im Vergleich zu Schwaben natürlich vollkommen harmlos. Phänomenale Aussicht: Ganz rechts das Karwendelgebirge, daneben die Soierngruppe, in der Ferne sogar der Rücken der Benediktenwand samt der Achselköpfe gut erkennbar, weiter links das Estergebirge. Wundervoll. Ich esse 4 französische Aprikosen und 4 Stückchen Schweizer Schokolade. Auch wundervoll. Ein nettes Paar aus Köln keucht kurz nach mir zum Gipfelkreuz hinauf. Das ist ein Dialekt, den ich gern höre.

14 Uhr. Abstieg zur Ederkanzel. Aus Verlegenheit lande ich schon wieder bei Schinkennudeln mit Salat, genau wie gestern auf der Brunnsteinhütte. Ich ersuche um wenig oder keinen Schinken, staune, genau wie gestern, über das Ergebnis meiner Bitte und erspare Ihnen das Bild dazu. Der Berggasthof Ederkanzel liegt zur einen Hälfte in Bayern, zur anderen in Tirol. Wegen des kosmopolitischen Feelings setze ich mich in den österreichischen Teil, allerdings unter einen bayerischen Sonnenschirm. Das wahre Highlight hier oben ist nämlich das echte Himmel-der-Bayern-Weißbier: auf eine Sternweiße von Hacker Pschorr trifft man in freier Wildbahn äußerst selten. Sie rangiert bei mir auf Platz 2 bis 3 meiner persönlichen Weißbier-Top-Five, und teilt sich diesen uneindeutigen Rang mit der Unertl-Weißen. Die Sternweiße ist bernsteinfarben und schmeckt sensationell. So wie fast alles nach gut drei Stunden Marschieren und Schwitzen echt toll schmeckt.
Einen Tisch weiter sitzen – wie könnte es anders sein? – Schwaben, zwei sogenannte rüstige Rentner. Solche, die mit E-Bikes hier raufgekommen sind. Schwaben, so denke ich, während ich ihnen zwangsweise zuhören muss, sind eigentlich genauso wie der Gatte gern die Italiener beschreibt: laut und ohne Unterlass am Labern. E-Bikes haben ja nach meinem Dafürhalten auf dem Berg nichts verloren, es ist eh schon genug los, und schauen Sie sich einfach mal an, wer auf diesen Vehikeln hockt: die, die so unsportlich sind, dass sie per pedes oder mit einem Mountainbike gar nicht mehr hinaufkämen. Das Problem: die meisten können weder lenken noch bremsen und sind auf Schotterstrecken schnell aufgeschmissen. Je nach Wegstück und Frequentierung desselben ist das brandgefährlich. Sollen sie Seilbahn fahren oder Sessellift oder – wenn es denn unbedingt sein muss – einen Kurs besuchen, wie so ein Pedelec zu bedienen ist.

15 Uhr. Es war doch noch etwas früh für ein Hopfengetränk, wie ich beim Aufstehen und Rucksackaufsetzen merke.

Sternweiße vor Brunnsteinspitze.

15:45 Uhr. Erreiche meine Unterkunft. Vor der Tür parkt immer noch der VW Caddy mit der Aufschrift „Toni Auer – Sanitär & Installationen“. Das verheißt nichts Gutes, denn der stand um 10 Uhr auch schon dort. Korrekt, die Dusche kann nach wie vor nur heiß oder kalt. Die Chefin kommt meiner vierten Beschwerde zuvor und bietet mir zur Beschwichtigung einen Gutschein für eine Bootsfahrt an. Nun gut, ich wollte eh noch an den See.

16:15 Uhr. Ich komme am Lautersee an und bin entzückt von dem Bootsverleih. Sie wissen ja, Bootsverleiher wäre einer meiner Traumjobs gewesen, wenn ich nur rechtzeitig und konsequent genug so etwas wie eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, um so richtig Karriere zu machen. Heute ist irgendwie ein gelber Tag, weshalb ich mich für Manu entscheide. Ein gelbes Tretboot, leider ohne Rutsche und Leiter, aber sonst recht flott.

 

16:23 Uhr. In Seemitte ziehe ich Badeanzug und Flossen an und lasse mich ins Wasser gleiten. Huijuijui! Sagen wir’s mal so: knapp 18 Grad sind nicht ganz meine bevorzugte Schwimmtemperatur. Schöner Bergsee hin oder her. Tapfer kraule ich ein Stück von Manu weg, drehe aber bald wieder um. Ich verschone Sie mit der Schilderung des graziösen Erklimmens des Tretboots nach dem Schwumm und bin schon gespannt auf die blauen Flecken. Blöde Bindegewebsschwäche und blöde Ungelenkigkeit. Gottseidank sieht einen keiner, so in Seemitte.
17:15 Uhr. Im Seebiergarten gönne ich mir noch ein Eis und eine Hollerschorle. Dann ist mein Tagesbudget aufgebraucht und die Wirksamkeit der LSF-30-Creme ebenfalls.
19:07 Uhr. Ich trete den Rückweg nach Mittenwald an. Der Installateurs-Caddy ist weg. Die Dusche funktioniert immer noch nicht. Das bringt mir nun mindestens einen weiteren Bootsgutschein ein, vielleicht schlage ich auch noch eine Kutschfahrt zum Schachenhaus raus. Da oben haben sie so guten Kaiserschmarrn.

Matrjoschka (6).

Vier Wochen ohne Wassersport! Die vorletzte Matrjoschka steht am Seeufer, vermisst das Schwimmen so schmerzlich und versucht, sich mit einer Wassergeschichte diese Sehnsucht wenigstens ein bisschen aus dem Leib zu schreiben.

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Zurückkehren muss ich, an jenen Kindheitsort am Wasser, wo vieles begann und manches endete. Hinausblicken muss ich, auf den tiefblauen See, seinem leichten Wellengang und dem sanften Klatschen der kleinen Wogen gegen die Kiesel lauschen, bis die Erinnerungen nach und nach an Land getragen werden und meine Stiefel umspülen, bis ich vierzig Jahre später noch einmal mittendrin stehe, in den verblichen geglaubten Sommerbildern und ihnen zugleich soweit erwachsen bin, dass ich ihre Geschichte erzählen kann.

*****

In meiner Grundschulzeit hatte mich die Mutter an sonnigen Tagen nach dem Mittagessen oft in ihren orangefarbenen VW Käfer gesetzt und war mit mir an den See gefahren. Immer an ein und denselben Ort, in all diesen Kindheitssommern. Sie parkte das Auto in einem schattigen Wohnsträßchen, mit unseren Badetaschen über den Schultern liefen wir den Wiesenhang hinab zum Ufer und bogen links in die Seestraße ein. Unser Ziel war die windschiefe Hütte mit der Nummer 13, ein dunkles Bootshaus mit bemoostem Dach, an das sich ein kleiner Steg mit unebenen Holzplanken anschloss. Auf einer wackligen, selbst-gezimmerten Bank vor der Hauswand saß an jedem dieser Sommertage Herr S., der von der Fischerei und seinem Bootsverleih lebte.

Im Unterschied zur Mutter war Herr S. stets braungebrannt, überaus entspannte Gesichtszüge unterstrichen seinen Teint, und er hatte permanent ein Späßchen auf den Lippen, zwischen denen sonst, wenn er allein und schweigend vor seinem Häuschen in der Sonne saß und sich unbeobachtet wähnte, recht lässig eine halb gerauchte oder erloschene Zigarette klemmte.

Vor allem aber hatte Herr S. die Gabe, der Mutter einen Frohsinn einzuhauchen, der ihr wesensfremd war oder den sie strikt verborgen hielt, jedenfalls kam er in ihrem Alltag fast nie zum Vorschein. Ich beneidete Herrn S. sehr um dieses Talent, über das der Papa und ich trotz redlicher Bemühungen nicht zu verfügen schienen, gleichwohl schwante mir ungeachtet meiner noch jungen Jahre, dass diese Bootsverleiherbegabung offenkundig etwas damit zu tun haben musste, dass Herr S. wohl das war, was man einen attraktiven Mann zu nennen pflegte, der sich noch dazu vortrefflich darauf verstand, die Damenwelt zu umgarnen.

Verlangte die Mutter nach dem tannengrünen Ruderboot, das sie am liebsten mochte, weil dessen Ruderdollen besonders tief und synchron quietschten, begab sich Herr S. sofort schwingenden Schrittes zum hinteren Bootsschuppen, band dort die kleine Barke los und führte sie mit einem Stab, den er an ihrem Bug einhakte, durch das Wasser und um den Steg herum, bis zur Einstiegsstelle vor der kleinen Holzleiter.

Nun folgte der Augenblick, für den die Mutter hierhergekommen war und an dem ihre Stimmung jedes Mal verlässlich von normalgrau in sonnengelb umschlug: Sie betrat den Steg, ging über die knarzenden Planken zur Leiter, und sobald sie ihren Fuß etwas ungelenk auf der obersten Sprosse platziert hatte, reichte ihr der charmante Herr S. seine kräftige, gebräunte Pranke, in die sie dann nur allzu willig ihre blasse, zartgliedrige Hand hineinsinken ließ.

Er hielt die Mutter mindestens so lange fest, bis sie mit beiden Beinen stabil und ohne zu schwanken im Ruderboot zu stehen kam, meist aber hielt er sie noch über diesen Moment hinaus, da die Mutter häufig einen kleinen Gleichgewichtskampf als eine Art Zugabe zur Einstiegszeremonie inszenierte – vielleicht kokettierte sie auch nur, um etwas länger als eigentlich nötig mit ihrem feschen Fischer verbunden zu sein.

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Barfuß stand ich am Ufer, in einem türkisen Jerseykleid mit Segelschiffmuster, das die Mutter mir eigens für unsere Sommerausflüge genäht hatte, damit sie zusammen mit ihrer Tochter auch ja ein adrettes Gesamtbild abgäbe.

Sachte tippte ich mit den Zehen auf die Wasseroberfläche oder drehte meine Fersen in den kühlen Kieseln hin und her und sah der Tändelei zu, die sich auf dem Steg abspielte. Ich harrte artig aus, bis sich das kleine Spektakel seinem letzten Akt näherte, erst dann hob ich meine Sandalen vom Boden auf, ging langsam ins Wasser hinein und balancierte vorsichtig über die großen, glitschigen Steine auf dem Seegrund zum Boot hinüber. Den Weg über den Steg und die Leiter zu nehmen, hätte ich niemals gewagt, denn das dort stattfindende Kammerspiel schien keinesfalls mehr als jene zwei Protagonisten zu vertragen.

Es war, als hätten die Mutter und ich eine stillschweigende Übereinkunft für jene Besuche am See getroffen: dass ich mich diskret von ihr fernhielt, wenn sie ihren Auftritt auf dem Steg hatte, dass ich ihr diesen Moment uneingeschränkt gönnte, sie dabei mit nichts störte und dass ich auf diese Weise zumindest einen Teil meiner töchterlichen Schuld zu tilgen suchte. Die Schuld, ein Dauereindringling in ihrem Leben und die personifizierte Verhinderung ihrer Chancen zu sein – oder was auch immer das Grundschulkind von damals aus Anwürfen wie Wegen dir muss ich bei deinem Vater bleiben – Wegen dir musste ich meine Karriere aufgeben – Wegen dir habe ich auf vieles verzichtet, dabei hätte ich so tolle Optionen gehabt abgeleitet haben mochte.

So war der Deal: sie dort auf dem Showtreppchen tänzelnd, mit ihrem schlanken Arm nach dem Seemann haschend, ich hier am Ufer wartend, mit meinen nackten Füßen im nassen Kies scharrend.

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Bis uns die Mutter schließlich ein Stück aufs Wasser hinausgerudert hatte, verging eine gefühlte Ewigkeit. Alle paar Ruderschläge hielt sie inne, um sich unter mädchenhaftem Winken gen Osten zu recken, wo Herr S. und sein Bootshaus kleiner und kleiner zu werden drohten.

Befand sich unser Schiffchen weit genug von Land entfernt, wurde es von der Strömung sogleich nach Süden getrieben. Dann war sie ganz mit mir allein, die Mutter, obwohl sie viel lieber mit Herrn S. alleine gewesen wäre und zur Not auch mit sich selbst.
Nun kam der Part, dessentwegen ich diese Ausflüge liebte: Unser kleines grünes Ruderboot lag jetzt mitten auf dem weiten See!

Die Mutter saß zwar gerne am oder auf dem Wasser, sie blickte auch gern übers Wasser, aber in Seemitte ein Bad zu nehmen, das kam für sie nicht in Frage. Sie war eine klassische Uferplantscherin und Wellenbestaunerin, die dunkle Tiefe des Sees aber wirkte bedrohlich auf sie, das Bodenlose schreckte sie geradezu ab und mit der aquatischen Ambivalenz von Geborgenheit und Gefahr wollte sie nichts zu tun haben.
Vielleicht hat all das sie zu sehr an ihr eigenes Sein erinnert, ihr den Spiegel vorgehalten – denn der Charakter der Mutter war durchzogen von derselben Ambivalenz.

Wasser ist nie verlässlich, sondern stets ein anderes, von einer Stunde zur nächsten kann der klarste, friedlichste See sich zu einem finsteren, unwetterumtosten Gewässer entwickeln.
Und genauso verhielt es sich mit der Mutter – nur dass mir niemals Sturmwarnleuchten anzeigten, dass ihre Stimmungslage sich demnächst ändern würde.

Beinahe ein Hohn des Schicksals, dass es mich, die Tochter, schon immer ins Wasser zog. Im Wasser zu sein, das bedeutete wohliges Getragenwerden von Weichheit, beruhigendes Umgebensein von Stille und mich für die Dauer eines Schwimmgangs sicher fühlen zu können inmitten dieser großen Schwere und Ungewissheit, die meine Kindheit umgab.

*****

In einem von der Mutter unbeobachteten Moment stand ich auf, zog mir flink das Kleid über den Kopf, sprang über den Bootsrand und glitt mit ein paar kraftvollen Schwimmzügen tief in das Wasser hinein. Der Sprung in den See kam jedes Mal dem Umlegen eines Mantels mit Kapuze gleich: ganz und gar behütet war ich dort, wie von einer Schutzhülle umgeben. Im Wasser war das Leben grenzenlos und weit, es konnte ungehindert fließen, es nahm mich mit.

Tauchte ich dann in einiger Entfernung wieder auf, stand die Mutter bereits zornrot und mit zittrigen Knien im Boot und schrie Ermahnungen in meine Richtung, die schrille Stimme ein einziges Echo ihrer eigenen Ängste. Über den genauen Inhalt ihrer Rufe konnte ich nur mutmaßen, weil ich dank des Wassers in meinen Ohren so gut wie nichts von alldem verstand. Bevor ich hätte reagieren müssen, schob ich den Kopf einfach erneut unter die Wasseroberfläche – und weg war ich, weit weg!

Ich schwamm, als ginge es um mein Leben, ich schwamm, um dem flüssigen Element möglichst viel seiner so belebenden Energie abzuringen und sie in mir aufzunehmen, damit ich mich später, zurück an Land mit der Mutter, eine Weile im wahrsten Wortsinne besser über Wasser halten würde.

Denn die Mutter und ich, wir waren zwei elementar verschiedene Existenzformen: sie Erde, ich Wasser, und die klägliche Schnittmenge daraus nichts als Matsch und Morast, in dem wir gemeinsam feststeckten, bis unsere Wege früh sich trennten.

So wurde mir der See zu meinem kindlichen Refugium, zu meinem Rückzugsort vor dem Regiment der Mutter, zu einem schallisolierten Raum, in den ihre Vorwürfe und Angstschreie nicht eindringen konnten.

*****

Meinen Freischwimmer machte ich an jenem Sommernachmittag, an dem hinter den Hügeln im Westen plötzlich eine düstere Wolkenfront aufzog. Bald war der Wind stärker als die schwachen Ruderzüge der Mutter, der kleine Kahn bewegte sich nicht mehr vom Fleck und tat dies umso weniger, je mehr die Mutter jammerte und schimpfte. Das Bootshaus war zwar in Sichtweite und zugleich schien es unerreichbar.

Obwohl das Gewitter noch nicht unmittelbar bevorstand, war Eile geboten – diese Botschaft blies uns der Wind mit aller Deutlichkeit ins Gesicht.
Als ich beschloss, in den See zu springen und an Land zu schwimmen, um Herrn S. zu sagen, dass er uns helfen müsse, dass er das Ruderboot mit der Mutter drin vom See holen müsse, keimte in mir erstmals die Ahnung von einer Zukunft auf.

Von meiner Zukunft: einer Zeit, in der ich unabhängig sein würde von der Mutter, frei und selbstbestimmt handeln würde. Ohne sie.

Noch nie zuvor war ich so lange im Wasser gewesen. Etwas atemlos erreichte ich schließlich das Bootshaus, Herr S. hatte mich bereits erspäht, empfing mich am Steg mit einem Handtuch in der Hand, klopfte mir anerkennend auf die Schulter und machte sich sofort per Motorboot auf den Weg zur Mutter.
In das Handtuch des Bootsverleihers gehüllt stand ich am Ufer, sah der Rettungsaktion zu und empfand zum ersten Mal im Leben auch zu Land so etwas wie Sicherheit.
Eine, die ganz allein aus mir entsprang.

*****

Heute, an einem weißblauen Frühlingstag, stehe ich vor jenem Bootshaus aus Kindertagen, knirsche mit den Absätzen im Kies und blicke hinaus auf den See.
Unverwandt liegt er da, so wie vor vierzig Jahren, ist immer noch derselbe und doch ein anderer, genau wie ich.

Die Mutter ist längst auf ewig vereint mit ihrem Element, der Erde, und mit einer Mischung aus Befremdung und Wehmut denke ich an unsere Sommer am Wasser zurück.

Auf dem Steg fegt ein Mann die ersten verblühten Vorboten des nahenden Sommers zusammen.
Ich beobachte ihn bei seinem Tun, was er zu bemerken scheint, denn auf einmal sieht er in meine Richtung. Unsere Blicke treffen sich kurz, er lächelt, nickt mir zu und fährt mit seiner Arbeit fort.
An der Holzleiter, über die sich die Mutter einst mit Hilfe von Herrn S. in das tannengrüne Ruderboot hinabließ, hängt ein schwarzer Plastiksack, in den der Mann die welken Blüten hineinstopft. Anschließend knotet er ihn zu und schultert ihn.

Nach vier Jahrzehnten betrete ich nun wieder den alten Holzsteg. Der Mann kommt mir entgegen, wir grüßen einander, er geht an mir vorbei zu seinem Auto.
Aus einem Impuls heraus drehe ich mich um und frage ihn, ob er zufällig den früheren Besitzer dieses Bootshauses kennen würde, den Herrn S., der sei vor vierzig Jahren hier mal Bootsverleiher gewesen.

Schwungvoll bugsiert der Mann die schwarze Tüte auf die Ladefläche seines Anhängers, dann wendet er sich mir zu und antwortet: Er ist mein Vater.

Für einen kurzen Augenblick verspüre ich das Bedürfnis, nach seiner kräftigen, gebräunten Hand zu greifen, sie festzuhalten, so als könne sich dadurch ein Kreis schließen, der in Wahrheit kein Kreis, sondern nur eine von vielen Lebenslinien ist, deren Zickzackmuster sich auf der gekräuselten Oberfläche des frühlingsflirrenden Sees widerspiegelt.

*****

See_lenfrieden.

Eine überwiegend aufreibende, anstrengende Woche. Am Schreibtisch ebenso wie draußen – und überhaupt.

So ein Tierkliniktermin hängt mir tagelang nach, vor allem, wenn auch die Diagnosen erst Tage später eintreffen. Selbst, wenn man bewusst nicht wartet, so wartet man eben unbewusst doch.

Seit gestern wissen wir mehr. Giardien. Na super. Den Hundekundigen unter Ihnen ist klar, was das bedeutet. Den anderen empfehle ich, nicht nachzuschlagen. Immerhin ist nun die fünfwöchige Leidenszeit des Dackelfräuleins hinreichend erklärt.

Dann noch ein anderer Verdacht, aufgrund der Blutwerte. Gar nicht schön. Das bleibt hier aber so lange unerwähnt, bis es endgültig abgeklärt ist, denn ich bilde mir gelegentlich ein, dass man manchen Dingen durch ihr Nicht-Niederschreiben auch ihre Existenzgrundlage entziehen kann.

Überhaupt stand Fräulein Hund diese Woche etwas arg im Vordergrund. So lang war sie noch nie paarungswütig, so oft hab ich noch nie „Ist das ein Rüde?“ durch die Gegend geplärrt oder mein Bein trennend zwischen sich begegnende, hormongesteuerte Vierbeiner gestellt.

Und nebenher noch viele andere Dinge, die einen beschäftigen (zwischendurch den rechten Arm endlich dem Osteopathen anvertraut).

Deshalb bin ich jetzt mal kurz weg.
Auf Mutter-Kind-Kur quasi. Nur ohne Kind. Das ist daheim, beim treusorgenden Gatten.
Ich hab mal nachgerechnet: 2019 war ich bislang genau 4 Tage/Nächte als Individuum ohne Anhang unterwegs. Da schlag ich doch nun glatt nochmal zwei Tage obendrauf!

Muss mal für mich sein. Aber nicht irgendsoein Wellnesskörperpamperseeleaufweichprogramm (schade eigentlich), sondern eine kleine Arbeitsklausur. Ein Text möchte fertig werden. Bzw. überhaupt erstmal geschrieben werden. Ein wichtiger Text. Das erfordert Ruhe und Abstand – und einen geeigneten Ort fürs Anfangen.

Dieser Ort ist hier. Am See. Mit Blick auf den See. Grau sieht er aus, im November, aber das passt prima.

Nebenan das Bootshaus, vor dem in den Kindheitsommern der S. saß, der immer mit der Mutter flirtete (und sie mit ihm), wenn wir bei ihm ein Ruderboot ausliehen, um rauszufahren auf den See.

Unverändert steht es da, das Bootshaus. Ich kann das Knarzen der Holzplanken noch hören, wenn die Mutter über den Steg lief, um trockenen Fußes das Boot besteigen zu können (es ging wohl eher drum, sich von S. ins Boot hineinhelfen zu lassen, denn er hielt sie immer an der Hand, sobald sie die erste Sprosse der Leiter betrat, die vom Steg ins Wasser hinunterragte).

Kann das Knirschen und Klackern der Uferkiesel noch hören, über die ich in dem türkisen Jerseykleidchen mit dem Segelbootmuster (die Basttasche über der Schulter und die Sandalen in meiner Rechten) ins Wasser hineinging, um von dort aus ohne helfende Hand in das Boot zu klettern, in dem die Mutter bereits saß und selten selig vor sich hin lächelte.

Der S. wohnt im oberen Ortsteil, ist nun 79 und längst nicht mehr Bootsverleiher, bestimmt aber immer noch so braungebrannt wie 1979.

Haben Sie ein schönes Wochenende & bis demnächst!

Song des Tages (6).

Das Meiste mündet doch in die ewig gleichen Fragen: Warum, wohin, wie, wann, mit wem – und was man währenddessen am besten hören könnte.

Das Wohin fand ich dieser Tage wunderbar beantwortet, von Gerhard Polt.

Heute, genervt und gehetzt im Stau zwischen Pasing und Neuhausen stehend, fiel mir der Polt sofort wieder ein, als mir ein Radiosender den Ohrwurm des Tages einpflanzte:

The river it touches my life like the waves on the sand
And all roads lead to Tranquillity Base
Where the frown on my face disappears
Take me down to my boat on the river
And I won’t cry out anymore

Wenn ich das ganze Gewurschtel hinter mir habe, hock‘ ich mich allein an den See und stell‘ mir das mal konkreter vor: So ein Dasein als Bootsverleiher. Die Ruhe, das Wasser, die Zeitung, eine Wurst dazu – und alle Störungen mit einem gekonnten Tritt beseitigen. Sehr verlockend (and the frown on my face disappears). Vielleicht fahr‘ ich auch gleich morgen an den See raus.

Mit den besten Wünschen für eine gute Nacht –
Die Kraulquappe.