Eine Ode an die Vergänglichkeit.

München, 23. Oktober 2020, um kurz nach 7 Uhr.
Die noch müden Augen weiten sich schlagartig, als ich die Tageszeitung vom Fußabstreifer nehme.

Der Boss auf dem Titelblatt?!? Das gab’s noch nie!
So gering meine Erwartungshaltung bezüglich des heute erschienenen Springsteen-Albums auch war – da macht das Fan-Herz allein schon aus Gewohnheit einen Sprung.

Beim ersten Morgenkaffee mischt sich bald ein Gefühl des Bedauerns hinzu: leider kein Willi-Winkler-Artikel, und auch Herr Kister hatte selbstverständlich Besseres zu tun, also musste durfte der Hentschel den Verriss schreiben, den die anderen beiden so nicht bzw. anders und würdiger in Worte gekleidet hätten. Was soll’s.

Kosmischer Motor? Brief an Gott? Nun ja.
„Letter to you“, so viel ist klar, ist meilenweit davon entfernt, nochmal ein ganz großer Wurf zu sein. Vielmehr wirkt Springsteen auf diesem Album wie einer, der etwas müde – das Leben ist, man muss das so sagen, weitgehend gelebt und ein langer ruhiger Fluss geworden – am Ufer steht, auf die Weiten eines Sees (vermutlich in seinem Privatbesitz) hinausblickt und nochmal ein paar Steinchen springen lässt. Aus Zeitvertreib, aus Melancholie, aus Nostalgie, und weil er wissen will, ob er’s noch kann.

Manche flutschen ihm etwas zu glatt aus der Hand und über die Wasseroberfläche, manche gehen nach nur einem kläglichen Hüpfer plump unter und nur wenigen auserwählten Steinchen gelingt plattelnderweise eine Fluglinie, die dem Zuschauer/-hörer spontan ein ehrfürchtiges Wow! entlockt. Ja, da schau her, er kann’s noch!

Der 71-jährige Springsteen bückt sich keinesfalls wie alter Mann, wenn er Stein um Stein aufhebt und zum Wurf ansetzt, aber inhaltlich und musikalisch dreht er sich wie ein Kreisel um sich selbst, hat nichts Neues mehr zu erzählen, vertraute Versatzstücke werden aneinander gereiht (und bestenfalls neu gemischt), er sucht nicht mehr nach Antworten auf Fragen, die zu stellen er längst aufgehört hat, zumindest im tonkünstlerischen Teil seines Seins.
Die großen Geschichten, sie sind auserzählt, ab einem gewissen Punkt wird halt vieles Wiederholung, und das ist auch nicht weiter verwunder- oder verwerflich (die wenigsten erfinden sich permanent neu oder sprudeln bis ins hohe Alter ungebrochen vor Kreativität), sondern der übliche Lauf der Dinge, erst recht in einem privilegierten, weil zumindest materiell vollkommen wattierten und abgesicherten Leben.

Der Mann mag zwar immer wieder mit seinen Dämonen und Depressionen zu kämpfen haben, die zahlreichen seiner Songs eine gänsehautbescherende Tiefe einhauchten, aber eine gewisse Sorte „Hungergefühle“, wie sie dem Schaffen seiner frühen Jahre noch anzuhören war, peinigt ihn längst nicht mehr.
Er ist satt. Nicht überfressen, aber eben sehr gut gesättigt. Alles, was jetzt noch kommt, ist der Nachschlag zum Nachschlag, die ebenso überflüssige wie klebrige Kirsche auf dem Sahnehäubchen eines Desserts, das bereits aus purem Genuss verzehrt wurde und für dessen Verspeisen nicht mal mehr ein kleines Hüngerchen die Kaumuskeln in Gang gesetzt hatte.
Aus gediegener Gewohnheit wird die Kirsche nun abermals zerkaut, pappt sich wie immer in die Krone des maroden Backenzahns, aber ja, sie schmeckt schon noch, und sie schmeckt erwartungsgemäß süß. Ein Überraschungsgefühl stellt sich beim Verzehr nicht ein, und so ähnlich ist das auch mit den zwölf Songs von „Letter to you“.

Das im Herbst des Lebens produzierte Winter-Album.

In Summe ist’s ein etwas glanzloser Abgesang auf die ehemaligen Glory Days geworden, das neue Album, zwar sind ein paar Perlen dabei (besser gesagt: schöne Momente und tröstende, poesiealbumartige Miniaturen, sogar ein paar verheißungs- und kraftvolle Ausbrüche hie und da), aber das war’s dann auch schon.
Der einst so wunderbar wummernde Zug, die von einem donnernden Herzschlag angetriebene Dampflok, die ihre treue Fangemeinde über Jahrzehnte stets mitzureißen verstand, hat das Land of Hope and Dreams längst verlassen.
Am Horizont ist ihre Rußwolke noch erkennbar, mit kohlegrauen Kringeln malt sie ein farewell in den düsteren Himmel dieser gespaltenen, zerfallenden, immer fremder werdenden Nation.

Oder steht da doch eher fair well?
Man kneift die Augen zusammen, versucht, ganz genau hinzusehen, aber die Schrift am Horizont, sie verblasst zusehends, mit jedem Lidschlag verschwimmt sie ein bisschen mehr. Und es ist auch unerheblich.
Worte sind manchmal kaum mehr als Schall und Rauch, den Noten ergeht es da keinen Deut besser, und bekantlich ist alles, was man mit Liebe betrachtet (oder hört), auf seine ganz eigene Art und Weise schön (wenngleich über Jahrzehnte wiederholte Liebeserklärungen etwas von einer hängengebliebenen Schallplatte haben – sei’s drum, ich steh‘ dazu).

Die Titelschlagzeile der Süddeutschen, gleich unter der Ankündigung der Rezension zum neuen Springsteen-Album, lautet: „Die Situation ist sehr ernst“.
Freilich gilt diese Überschrift weder dem Boss noch seinem Schaffen, sondern der Pandemie und dem Virus, das der Welt zu schaffen macht, bemerkenswerterweise trifft sie aber auch ein bisschen den Kern des neuen Albums: Es ist eine Ode an die Vergänglichkeit und insofern ist seine Botschaft durchaus ernst.
Leider ist es eine etwas öde Ode. Selbst aus den großen Themen der Menschheit (Freundschaft, Liebe, Abschied, Tod…) lässt sich nicht auf Biegen und Brechen ein großer Klangteppich weben, manchmal wird eben nur ein kleiner Bettvorleger draus.

Nun, da die kalte Jahreszeit anbricht, wird manch einer froh und dankbar sein, wenn er seine noch nackten, bettwarmen Füße auf dieses anheimelnde, flauschige Etwas stellen kann, anstatt sie schon frühmorgens dem unwirtlichen, kühlen Boden auszuliefern.

Ja, es wird kalt.
Hüllen wir uns also ruhig ein in diese testamentarischen Töne, die – bei aller erlauchten Ernsthaftigkeit, die ihren Erschaffer getrieben haben mag – nirgends unangenehm pieken, an alten Narben ziepen oder im verwitterten Mansion on the hill (einem seiner besten Songs der frühen Jahre) fest verriegelte Türen jäh aufreißen und das dahinter eingelagerte Innenleben verstaubter und dunkler Räume offenbaren, dessen Anblick man gerade jetzt (oder überhaupt) womöglich nicht mehr ertragen könnte.

One minute you’re here, next minute you’re gone.
Wo er recht hat, hat er recht, der altersweise, gute Mr. Springsteen.

So, ich geh‘ dann mal eine Runde Schwimmen, grüße die Tramps unter meinen Lesern ganz herzlich, wünsche eine angenehme Lektüre des Briefes, der uns heute aus New Jersey gesandt wurde – und allen anderen ein schönes Wochenende.

Song des Tages (61).

Da saßen wir heute Nachmittag, wir zwei, inmitten einer unserer Lieblingsgegenden, ließen die stimmungsvolle Gassirunde mit unseren beiden Mädels nachklingen, und plötzlich, so zwischen Breze, Nusskuchen, Cappucino und diversen Themen und Traumfetzen, denen wir in unseren Tassen rührend nachhingen, klang noch etwas anderes an, etwas, über das wir noch nie gesprochen hatten und das uns offenbar beide gleichermaßen bewegt, und ausnahmsweise offenbartest du dabei mal eine Bildungslücke, lieber M., die ich hiermit schließen möchte, und zwar gleich doppelt, denn das hält bekanntlich besser – such dir einfach die Variante aus, die dir mehr zusagt!

 

(Eigentlich wollte ich ja heute zunächst mal über gestern bloggen, dann kam mir aber mit aller Macht das Heute dazwischen, so dass das Gestern nun noch bis morgen warten muss – die Brandenburger mögen es mir bitte nachsehen.)

Song des Tages (60).

Zum 23. September 2020.

„His hair is silver and black, cropped short, and on his still-lean torso is a thin white undershirt not unlike the one he wore on the cover of Darkness on the Edge of Town, with a low, ribbed neck and a tiny hole on the side.“
[Brian Hiatt: „Ghosts, Guitars, and the E Street Shuffle“, in der aktuellen Ausgabe des Rolling Stone]

Gemeint ist dieses Cover aus dem Jahre 1978.

Muss man(n) auch erstmal hinkriegen, den still-lean torso, mit 71 Lenzen.

Aber das ist natürlich nicht der Grund, weshalb es sich – womöglich sogar für Nicht-Fans – lohnt, das lange Feature zu lesen (und das Video vom Fotoshooting am Ende des Artikels rückt das mit dem Oberkörper dann eh etwas zurecht: müde schaut er aus, und der depressive Zug um die Augen, der ist auch wieder stärker erkennbar).

Das Geburtstagsständchen haben andere Tramps bereits vorbereitet, dem schließe ich mich voller Inbrunst an und danke an dieser Stelle dem geschätzten Mr. Spike ganz herzlich für seinen diesbezüglichen Hinweis samt Link sowie der impliziten Aufforderung, dass das doch was für meine Blog-Rubrik „Song des Tages“ wäre.
So einem Leserwunsch kommen wir freilich gerne nach!

Achten Sie übrigens unbedingt auf die Deko in den diversen Fan-Haushalten, die herrlichen Tanzstile und diese köstliche Mischung aus Andacht und Pausbackigkeit in mindestens 50% der Gesichter (mein klarer Favorit ist der nette, langhaarige und äußerst dynamische Bursche vor seiner rauchgraublauen, mit Devotionalien verzierten Wand, dicht gefolgt von dem coolen, jungen Saxophonisten im weißen Muskelshirt).
Nach 35 Fanjahren, die ich nun auf dem Buckel habe, fühl‘ ich mich da vergleichsweise harmlos!

In diesem Sinne: Happy Birthday, Bruce 💙💛💙 & special greetings to Oberkirch, Kos, Göteborg, Küsnacht, Köln, Zweibrücken, Berlin &Teisendorf!

Auf der Himmelsleiter.

Zum Frühstück schickt der hübsch Bewimperte eine Gassigehanfrage und einen verlockenden Kartenausschnitt aufs Smartphone…

…nebst dem noch verlockenderen Hinweis, dass das Ganze mühelos um einen Abstecher in ein Café abseits der Route und des Ausflüglerandrangs erweitert werden könne…

Das Café Max II im hübsch restaurierten Bahnhofsgebäude zu Feldafing.

…selbstverständlich erst, nachdem die beiden Fräuleins ausgiebig sausen und baden durften…

Der Hundeflüsterer bei der Arbeit.

…und wir es angesichts der zahlreichen Kampfradler auf dem seenahen Spazierweg den Gänsen zu gern gleichgetan hätten.

Einfach mal abtauchen!

Aber nach dem Verlassen des Uferwegs bei Possenhofen wurde es gottseidank deutlich ruhiger und in der lauschigen Wolfsschlucht waren wir dann weitgehend allein unterwegs, vor allem nach der Starzenbachquerung via Baumstamm und dem Herumturnen auf noch einsameren Pfaden im Steilhang.

Das Tortenstück in Feldafing war dann hochverdient und über die Himmelsleiter, die gegenüber begann, schwebten wir wieder hinab zum See.

Vielen Dank an M. für diese wunderbare Ausflugsidee am gestrigen Samstag: wir schätzen es neben vielem anderen wirklich sehr, dass Du unsere Trampelpfad- und Torten-Landkarte kontinuierlich zu erweitern verstehst 🙂

[Eigentlich sollte dieser Blogbeitrag Teil der Serie „Song des Tages“ werden, denn wenn es schon zufällig einen passgenauen (!) Titel von Bruce hierzu gibt…, aber ich konnt‘ mich dann doch nicht dazu durchringen, weil mir der Song einfach kolossal auf den Wecker geht mit seinem Bigband-Sound, den enervierenden Rhythmus und seinen schlichten Lyrics (ja, da staunen Sie jetzt, aber diese Rubrik Springsteen-Songs gibt es tatsächlich – und sie ist nicht zu knapp bestückt, leider!]

Zamperl goes Züri!

Gestern ein langer Tag in Zürich.
Mit Hund sind solche Stadtrundgänge etwas strapaziös, man muss aufpassen, sich ja nicht zu viel vorzunehmen und – speziell im Sommer – ausreichend Pausen einzulegen. Erst recht, wenn Shopping angesagt ist. Selbstverständlich nicht für mich. Erstens gehe ich so gut wie nie Shoppen und zweitens schon gleich gar nicht in Zürich.

Ich nutze lediglich die Chance, für Pippa wieder ein originales Appenzeller Halsband zu besorgen, das vor einigen Jahren gekaufte hat letzten Winter den Geist aufgegeben (Kuhbruch, Ledermuff, Schnallenriss), so dass sie seither mit einem Tegernseer Plagiat herumlief, was natürlich an sich wurscht ist, vor allem dem Hund, aber da Madame ja gelegentlich als Model arbeitet, muss auf einen gewissen Standard ihrer ohnehin spärlichen Garderobe dann doch geachtet werden.

Der Herr Caspar, mit dem ich bereits von München aus korrespondierte, wegen Maß, Leder und Ornamenten, hatte die gewünschte Halsung extra aus dem Lager geholt und empfing uns zur verabredeten Zeit in der Boutique am Neumarkt (zwei Häuser weiter bemerke ich einen Shop, der meinen Namen trägt, das ist mir noch nirgendwo untergekommen).

Wir mussten uns ein bisschen sputen, um pünktlich zu sein (und Pünktlichkeit wird hier noch größer geschrieben als in heimischen Gefilden), weil wir zuvor mit einer Freundin des hübsch Bewimperten am Tessiner Platz zum Lunch verabredet waren (ein Dankeschön-Treffen für die Überlassung des Maiensässes in Pretty Prättigau) und daher einmal von West nach Ost die Innenstadt zu durchqueren hatten.

Das Dackelfräulein hechelt hinter mir her, an jedem Brunnen, derer es in Zürich gottseidank viele gibt, halten wir für ein Trinkpäuschen an, auch an dem, der zu Ehren des berühmten Herrn Koller erbaut wurde.

Schon ein schönes Einkaufserlebnis in dem Lädchen am Neumarkt, vor allem für das Fräulein: erst ein Hirsch-Snack, dann Anprobe, anschließend Kurzkraulung, zum Abschied nochmal ein Leckerli (ich widerstehe der für ein paar Sekunden aufpoppenden, albernen Versuchung, mir einen Gürtel oder ein Armband im Partnerlook zu kaufen – eh nicht schwer, wenn man die Preisschilder sieht und modisch sowieso einfach nur peinlich, wenn man nicht von hier ist oder die eigenen Klamotten halbwegs dazu passen).

Zweierlei gönne ich mir dann doch: eine Kaffee-und-Kuchen-Pause in einer lauschigen Gasse…

…und eine kleine Rundfahrt auf dem Zürisee, die nichts kostet, weil das Tagesticket für die öffentlichen Verkehrsbetriebe erfreulicherweise auch Wasserwege beinhaltet.

„Klein“, das bedeutet auf dem Zürisee anderthalb Stunden, aber das tut sowas von gut, einfach mal die Füße hochzulegen, in der Sonne zu sitzen und den Blick über all die schönen Ortschaften am Seeufer schweifen zu lassen, einer lippenaufgespritzten Blondine beim Verzehr ihrer drei Salatblätter zuzugucken (vermutlich eine große Mahlzeit für sie), sich darüber zu freuen, dass die Visage ihres Mackers zur Hälfte hinter einer Maske mit Ferrari-Logo verschwindet und nebenbei der Unterhaltung einer Schweizer Familie zu lauschen (diese „ch“-Laute begeistern mich).

Ganymed, der Schönste unter den Sterblichen, winkt uns zurück in den Hafen und in der Abendsonne sitzen wir noch lange im Arboretum, bis wir schließlich über den Mythenquai und den Bürkliplatz zurückspazieren nach Bellevue, von wo aus unser Bus nach Küsnacht abfährt.

Was übrigens so gar nicht zu dem gemächlichen, moderaten Schweizer Naturell passt: die hiesigen Busfahrer und ihr Fahrstil.

Die heizen hier dermaßen durch die Hügel und Uferstraßen, dass man in jeder Kurve und bei jeder Bremsung brutal in den Sitz gepresst wird und den kleinen Hund besser auf den Schoß nimmt, damit er nicht kreuz und quer durch den Bus geschleudert wird. Da blitzt ja glatt mal ein Temperament auf, mannomann, und erstaunlich auch, dass alle anderen Fahrgäste daran schon so gewöhnt sind, dass sie nicht mal mehr mit der Wimper zucken ob des Gebretters.

Abends dann ein Gin Tonic, der mir etwas zusetzte, weil ich alles, was prozentual krasser daherkommt als mein sanftes, bernsteinfarbenes Weißbier nicht vertrage. Erst morgens, nach dem recht frischen Freibadbesuch (der Schweizer schwimmt kälter, und zwar deutlich), wieder einen vollständig klaren Kopf gehabt.

Heute relativer Ruhetag. Nur eine zweistündige Wasserfall- und Drachenhöhlenrunde durch den Tobel. Die Fee ist glücklich. Ich auch. Gefällt uns letztlich besser als jeder Stadtausflug.

Die Freundin hat ihre Arbeitswoche nun beendet, zum Abendessen geht es nachher hinunter an den See. Morgen eine Wanderung mit Kind und Kegel, d.h. mit den 2 Jungs und dem 1 Jagdhund.

Von sieben (!) verschiedenen Seiten erhalte ich die Nachricht, der Barde aus New Jersey habe nun das Release-Datum seines neuen Albums verkündet.
Danke, ihr Lieben, ich hätte das hier im fernen Nicht-EU-Ausland und mit nur sehr sporadischem Netzzugang glatt verpasst!

„The Power Of A Prayer“ heißt einer der zwölf Titel, „If I Was A Priest“ ein anderer.

Na dann.

Himmelreich 52.

Wieder sehr früh auf, dank des unüberhörbaren Arbeitsbeginns der Polen unten im Hof.
Als ich die Jalousien hochziehe und das Fenster öffne, winkt Lolek vom Garagendach herüber, auf dem er kniet und die dahinterliegende Mauer neu verputzt (kurz der Gedanke, dass er vermutlich zu den Menschen gehört, die ich in 2020 dank anderthalb Wasserschäden und einer Badsanierung mit etlichen Nachbesserungen am häufigsten/regelmäßigsten gesehen habe).

Bis mittags gearbeitet, alle halbe Stunde in der Webcam die Ammergauer Alpen beobachtet. Gegen 11:30 Uhr reißt es tatsächlich auf.
Proviant in den Rucksack und Dackel ins Auto gepackt – und um Punkt 12 Uhr los ins Himmelreich.
Einer der Kindheitsorte, die fast ausschließlich mit guten Erinnerungen gepflastert sind, es gibt nicht viele davon.

Die A95 ist bis auf die übliche Stelle am Autobahnende bei Eschenlohne frei, es könnte wahrlich scheußlichere Fleckchen für einen zehnminütigen Stau geben, überhaupt ist ja die gesamte A95 wie das Blättern in einem Bayern-Bildband (unbegreiflich, dass ausgerechnet diese Autobahn bei Rasern so beliebt ist, wie man immer wieder liest, wo man doch hier aus dem Schauen und Staunen nicht rauskommt).

Chrome wheeled, fuel injected
And steppin‘ out over the line

Zeitgleich fährt auch B. los, der von Westen über die Landstraßen zum Treffpunkt zuckelt. Da er schwer bepackt ist, muss er zuckeln. Um 13:15 Uhr erreichen wir beide den Parkplatz gegenüber von Himmelreich Nr. 52 in Oberammergau.
B. löst die Spanngurte vom Gepäckträger seiner BMW und hebt ein monströses Etwas herunter. Mit zwei Isomatten hat er den großen Akkordeonkoffer, den er mir überreicht, transportsicher umhüllt.

Quasi eine nachträgliche Geburtstagsgeschenkleihgabe: bis er in Rente geht, gehört die Quetschn nun mir. Große Freude!
Im Gegenzug überreiche ich ihm, ebenfalls nachträglich, auch ein Präsent, ein sogenanntes „praktisches Geschenk“, für das er bis weit über seine Rente hinaus Verwendung finden dürfte.
Dass ich das schöne Instrument ausgerechnet in einer Straße namens Himmelreich, umgeben von Bergen und direkt neben dem Kindheits-Wellenbad in Empfang nehme, gefällt mir.

Über den Himmelreichgraben und zahlreiche andere Bachquerungen geht es knapp 700 Höhenmeter hinauf zum Großen Aufacker, ein nur vermeintlich unspektakulärer Berg in den Ammergauer Alpen, denn auf dem Gipfelplateau steht eine Bank neben dem Gipfelkreuz und Sie haben dort herrlich viel Ruhe und Platz und noch dazu eine Premiumaussicht: Zugspitze, Wettersteingebirge, Estergebirge, zu Ihren Füßen das Ammertal, dahinter das Graswangtal, schade nur, dass der Laber einen so hohen Südzacken hat, denn sonst sähe man auch noch das Kloster von Ettal.

Bayrische Bergbank-Deko.

Weiter westwärts einen kleinen Grat entlang, vorbei am Schnitzelgraben und kurz dahinter hinunter zur Romanshöhe, wo wir im Berggasthof etwas trinken, bevor wir über den Altherrenweg zurück zum Ausgangspunkt wandern.
Das Dackelfräulein in Topform, wie immer eigentlich, wenn man ihr a) etwas Neues bietet und b) der verwöhnte kleine Hund seine krummen Füßchen nicht auf schnöde, öde Forststraßen setzen muss, sondern durchweg die präferierte Pfadbreite vorfindet.
Zudem ideales Hundewanderwetter, im Tal 22 Grad, oben entsprechend kühler, ein Sonne-Wolken-Mix erlaubt sogar eine richtig lange Gipfelrast, was sonst oft in Ermangelung schattiger Plätzchen kurz gehalten werden muss.

Just wrap your legs around these velvet rims
And strap your hands across my engines

Die BMW schnurrt vom Akkordeon befreit leichtreifig hinüber zum „Ähndl“ im Murnauer Moos, wo uns der Wirt einen feinen Platz auf seiner Terrasse zuweist. Erstmals sehe ich die neue Art der Speisekartenpflege: 20 laminierte Karten werden in eine Wanne mit Desinfektionsbrühe gelegt und danach in einen eigens für die Trocknung konstruiere Halterung einsortiert. Die Bedienung trägt eine Maske im Söderdesign und hält uns routiniert den QR-Code unter die Nase, den wir einscannen müssen, um uns als Gäste zu registrieren. So viele neue Alltagspraktiken, manches ruckelt noch in der Handhabung, an anderes hat man sich tatsächlich schon gewöhnt.

Wir arbeiten mit Blick auf die langsam im Sommerabendlicht versinkende Alpenkette die seit dem letzten Treffen vergangenen vier Wochen auf. Auch eine Meinungsverschiedenheit bzgl. der Corona-Maßnahmen lässt sich leicht klären, was uns beide sichtlich erleichtert in diesem Jahr, in dem man sich schon mit einigen Weggefährten temporär oder gar nachhaltig entzweit hat, weil die Standpunkte plötzlich zu unvereinbar waren und sich weder handelnd noch redend Kompromisse finden ließen.

Well the night’s busting open
These two lanes will take us anywhere

Als ich durch die sternenklare Nacht heimwärts fahre, bin ich gedankenleer und todmüde, aber glücklich und zufrieden.
Auf der Rückbank liegen in Reihe: der kleine, selig schnarchende Hund, der nach Bergluft duftende Rucksack und das aus jahrelangem Speicherexil befreite Schifferklavier.
Im Rückspiegel sehe ich die Scheinwerfer der BMW noch eine Weile hinter mir leuchten, bis sie schließlich auf die B472 abbiegen und in der Dunkelheit verschwinden.

Manchmal fühlt sich das Leben für ein paar Stunden tatsächlich an wie ein früher Springsteen-Song.

Song des Tages (58).

Langer und aufwühlender Ausflug heute. War so nicht geplant, ergab sich dann aber.

Wacklige Verfassung, trotz Morgenschwimmen. Müde, schwach, ständig nah am Unterzucker. Morgens viel zu früh wach, weil Loleks Bruder bereits um 6:58 Uhr im Hinterhof den ersten Hammerschlag tat. Dummerweise nachts von 3 bis 5 Uhr wachgelegen, weil ich wild geträumt hatte und das Fräulein wild nach einer Mücke schnappte, die wir beide hörten, aber nicht zu fassen bekamen.
Fürchterlich. Wird immer schlimmer, mit jedem Lebenjahr, jede dieser kleinen, leicht paranoiden Anwandlungen. Und zwar bei uns beiden.

Münsing, Holzhausen, Oberambach, Ambach, Seeheim und zurück.
Unterwegs zweimal umgezogen, Leinenhose aus, Shorts an, später wieder umgekehrt, und am Schluss war eh alles wurscht, weil alles nass war. Zweimal lange auf schönen Bänken gerastet.

Traumgegend, nur auf Nebenpfaden unterwegs, nichts los. Erst unten am See ein paar Radfahrer.
Beim „Fischmeister“ auch nichts los. Seltsam. Im Netz stand, bei gutem Wetter hätten sie ab 12 Uhr den Kiosk offen und ab 16 Uhr den Biergarten.

Es ist 15 Uhr und der Kiosk ist zu, dabei rinnt mir der Schweiß auf Stirn und Rücken hinunter und das Fräulein hechelt, weil die Sonne so vom Himmel brennt – wenn das nicht gutes Wetter bedeutet, dann weiß ich auch nicht..

Ich sehne mich nach einem Getränk und der nächsten Bank und Pippa sehnt sich nach einem Bad im See.
Die Seegrundstücke am Ostufer sind weitgehend verrammelt, alles Privatbesitz und eingezäunt oder mit hohen Hecken vor den sehnsüchtigen Blicken des Pöbels geschützt. Oder Erholungsgelände und damit von Mai bis September für Hunde verboten.
Der „Fischmeister“ hat gegenüber vom Biergarten ein kleines Areal direkt am Wasser, und wenn nicht viel los ist und man den Wirt nett fragt, lässt er einen dort auch mit Hund hinein. Was aber nur funktioniert, wenn der „Fischmeister“ wenigstens seinen Kiosk geöffnet hat.

Erst stehe ich ratlos herum, dann gehe ich frustriert weiter. Hinter einem Traktor am Straßenrand tritt ein Mann hervor, alles behäbigbeige und greisgrau an ihm, die Kleidung, die Haare, der Teint, der Gang. Nur die Augen so wach und funkelnd und in letzter Sekunde, ich bin schon fast an ihm vorbeigegangen, kapier ich, wer das ist: Sepp Bierbichler.
Mich reißt’s und ich dreh mich um und er guckt auch her und grüßt freundlich, so freundlich, wie einen nur die grüßen, die das gewöhnt sind, dass sie ständig erkannt werden und trotzdem im Herzen Philantropen geblieben sind.

Ich grüße zurück und starre ihn wahrscheinlich eine Sekunde zu lang an oder aber er ist einfach so nett, das soll’s ja auch geben, jedenfalls wendet er sich nun mit zwei weiteren freundlichen Sätzen an die Dackeldame.
Da jene immer noch hechelt, antworte ich stellvertretend für sie. Und als er daraufhin fragt, ob er uns irgendwie helfen könne, ob wir was suchen würden, weil wir vor dem „Fischmeister“ ja ein Weilchen herumgestanden wären, da frage ich zurück, ob er vielleicht eine Bademöglichkeit für meinen Hund wüsste, hier sei das ja überall so schwierig und ich hätte auf den Mini-Strand vom „Fischmeister“ gehofft, aber der hätte leider zu.

Er fischt mit seiner großen Hand einen Schlüsselbund aus der Tasche seiner beigen Hose, dreht sich schwerfällig um und sagt „Kommen’S mit, ich sperr Ihnen wo auf, da kann das Zamperl ins Wasser!“ und so gehen wir ein paar Meter weiter zu einem kleinen Seegrundstück, dessen Gartentürl er uns öffnet. Wendet den wuchtigen Körper wieder und sagt zum Abschied „Ziehen’S einfach die Tür wieder zu, wenn’S fertig san“ und weg ist er. Wenig später badet die Hundedame glücklich im See und ich hocke erschöpft auf einer Bank in der Sonne und trinke das im Rucksack viel zu warm gewordene Wasser.

Drüben in Possenhofen und Starnberg ist der Himmel schon dunkelblau bis schwarz, ein Wind zieht auf, die blöden Wespen weht’s allesamt davon, ein rauer Wellengang entsteht, der See saugt die Farben des Gewitterhimmels auf, mit jeder Woge schnappt er sich eine neue Farbe und verleibt sie sich gierig ein, und als wir aufbrechen, fallen erste, dicke Tropfen auf den Uferweg und eine halbe Stunde später erreichen wir, zuletzt durch Pfützen rennend, das Auto und sind von Kopf bis Fuß tropfnass.

*****

In der Mittagssonne lag es da, ganz unschuldig, am äußersten Rand der Holzbank. Daneben eine zusammengeknüllte Brotzeittüte mit dem blauweißen Aufdruck der Hofpfisterei und eine leere Halbliterflasche Maracujaschorle.

Das Büchlein wirkte auf mich zunächst wie ein Kalender: schnöde Optik, schwarzes Kunstleder, ein bisschen abgestoßen an den Ecken, ein Gummiband um seine Mitte, damit keiner der in seinem Inneren verborgenen Termine herauspurzeln würde.

Eine Stunde saßen wir ohne jede Berührung beisammen, das verschlossene Etwas und ich, bis mir klar wurde: der Besitzer oder die Besitzerin der kleinen Kladde würde wohl nicht mehr kommen, um sie zu holen.
Ich entsorgte Brotzeittüte und Flasche im Mülleimer hinter der Bank, nahm das schwarze Lederbüchlein in die Hand, löste den Gummi und schlug es auf. Möglicherweise fänden sich ja Kontaktdaten des Eigentümers darin.

Weder vorne noch hinten war ein Name, eine Telefonnummer oder Adresse zu finden. Stattdessen stand auf der Innenseite handgeschrieben und in Großbuchstaben DIESES BESCHISSENE JAHR UND ICH.
Um einen klassischen Terminkalender würde es sich wohl eher nicht handeln, schlussfolgerte ich, und begann zu lesen.

*****

*****

Noch bevor sie einander näher kamen, also zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft, ließ er nebenbei die Bemerkung fallen, er habe sich schon vor vielen Jahren sterilisieren lassen. Sie hörte das wohl und obwohl es noch zu früh war, diese Information konkret auf das Geschehen zwischen ihr und ihm zu beziehen, merkte sie, wie diese Tatsache sie entspannte. Würde sie je – was natürlich hoch unwahrscheinlich war, weil sie beide anderweitig liiert waren – in seinen Armen landen, dann wäre im Falle des Falles das Fallenlassen ein leichteres und sorgloseres. In ihrem Alter wollte sie keine Kinder mehr und aufgrund ihrer labilen Gesundheit konnte sie sich auch sonst keine Eskapaden erlauben.

Die Ereignisse nahmen ihren Lauf, wenngleich von Anbeginn einen komplizierten, trotz dieser erleichternden Nebenbemerkung, die weit vor dem eigentlichen Anfang fiel. Nichts war einfach mit diesem Mann und seiner Persönlichkeitsstruktur, klug war er zwar und auch nicht ganz unpraktisch veranlagt, aber im Sozialen und Emotionalen überwiegend unbeholfen und von allem und jedem schnell überfordert. Mit dem Leben hatte er einerseits auf seltsame Weise bereits abgeschlossen, andererseits gierte er geradezu nach einer Zugabe, bevor der Vorhang endgültig fiele.

Sie wusste von Anfang an, dass eine Beziehung mit ihm – welcher Art auch immer – zum Scheitern verurteilt wäre, sie erkannte sehr früh, dass er ihr gegenüber nicht immer aufrichtig war und ihr schillernde Facetten seines Charakters vorspielte, die er momenthaft gut als Rolle inszenieren konnte, aber niemals auf lange Strecke durchhalten würde.
Das und noch vieles mehr fühlte sie mit starker Gewissheit und dennoch hechelte sie der Fährte, die gelegt worden war (von ihm, von ihr, von ihnen beiden?), hinterher wie eine läufige Hündin.

Sie kratzte ihr Geld zusammen, um ihn zu treffen oder um ihm – er war nahezu mittellos – die Fahrten zu gemeinsamen Treffpunkten zu bezahlen. Sie schrieben einander, telefonierten, hangelten sich von Wiedersehen zu Wiedersehen, und in den Zeiten dazwischen sehnten sie sich nach einander bzw. nach der Vorstellung, die sie sich bei ihren wenigen Begegnungen in der Realität von einander gemacht hatten.

Dennoch kam es eines Tages wie es wohl kommen musste, obwohl es besser nie so hätte kommen sollen und daher beileibe kein Schicksal war, sondern eine Entscheidung von zwei erwachsenen Menschen. Die Zeit des Balztanzes war jämmerlich kurz und die beiden fanden sich alsbald auf einem Laken wieder und zerwühlten es heftig.
Fortan wurden die Laken oft gewechselt, teils auch die Betten und die Orte, an denen der noch so frischen und so heimlichen Verbindung Kapitel um Kapitel beigefügt wurde. Dazwischen blieb es kompliziert, verworren und verlogen. Beide rangen in ihren Partnerschaften um das unauffällige Beibehalten einer Normalität, die schon längst zerbrochen war, weit vor dem, was man landläufig Betrug nannte.

„Vielleicht nennt man es ja „Fremdgehen“, weil man mit einem Fremdem geht?“, fragte sie sich. Aber sie wollte in ihm partout einen Vertrauten sehen, weil sie halb blind war vor Glück, dass da einer war, der vorgab, nur sie zu wollen, und das auch noch in einer Intensität, die ihr schon lange nicht mehr begegnet war.
Große Worte wechselten den Besitzer und es war schwer zu sagen, wer daraus mehr Wonne sog: der, der sie aussprach oder der, der sie empfing. Der ganze Reigen von Du bist die große Liebe meines Lebens bis hin zu Wir müssen zusammenleben wurde abgefackelt, in vergleichsweise kurzer Zeit. Sogar in sehr kurzer, bedenkt man, dass die beiden bis zu diesen Versprechungen zusammengerechnet höchstens drei Wochen miteinander verbracht hatten (und diese nicht mal am Stück, was ja, wie man weiß, die rosarote Brille schnell beschlagen lassen würde).

Eines schönen Sommertages dann der große Knall. Ihre Regelblutung war eine Weile ausgeblieben, für die Wechseljahre war es noch deutlich zu früh und so trieb sie schließlich die Sorge, es könne sich um eine Zyste oder ähnliches handeln, in eine Arztpraxis. Dort gratulierte man ihr jedoch nach kurzer Vergewisserung zu einer Zwillingsschwangerschaft.
Das kann nicht sein!, weinte sie in den Ultraschallmonitor hinein, den ihr der Arzt hindrehte, damit sie die zwei kleinen schwarzen Punkte selbst sehen konnte. Denn er sei doch sterilisiert, dieser Mann, mit dem sie das Bett und all die geheimen Pläne geteilt hatte. Ob er das je habe kontrollieren lassen, wollte der Arzt wissen, weil mit dem bloßen Eingriff sei die Sache ja noch nicht für alle Zeiten wasserdicht.

Natürlich hatte er es nicht kontrollieren lassen. In einem Leben, das längst außer Kontrolle geraten war, ließ er nichts mehr kontrollieren. Das erfuhr sie, als sie ihm davon erzählte, dass sie Zwillinge in sich trug.
Unter Schock stehend wollte zunächst sie sich umbringen. Kurz darauf, als die erste Wut unter dem Schock hervorkroch, ihn. Schlussendlich brachte sie die Zwillinge um, wenngleich sie es eher als Notwehr und Selbstschutz empfand, denn als Mord am ungeborenen Leben.

Er war nicht bei ihr an diesem Tag. Auch am Tag danach nicht.
Er überwies ihr in Raten seinen Anteil an diesem letzten Kapitel ihrer verkorksten gemeinsamen Geschichte. Er fragte nicht nach, wie es ihr ginge und er war auch dann nicht bei ihr, als es ihr schlecht ging und ihr Leben in lauter Einzelteile zerfiel, die sich nicht mehr zusammensetzen ließen.
Er hatte Angst, dass ihm dasselbe widerfahren könnte und verschwand auf Nimmerwiedersehen in den auf einmal so schützend erscheinenden Schoß seiner ausgeleierten Beziehung.

So stand sie allein vor den Trümmern ihres Lebens und denen des zerbrochenen Traumes von einer Zukunft mit ihm. Nach einiger Zeit fand sie einen Besen und begann nach und nach, in unendlicher Langsamkeit, aber größter Akribie, all den Schmutz und die Scherben dieses einen beschissenen Jahres aufzukehren und zu entsorgen.

„Lieben mal wieder mit Leiden verwechselt, trotzdem muss ich nicht alles verzeihen können, was ich erlitten habe.“, lautete der letzte Satz.

*****

Als ich die 30 eng beschriebenen Seiten gelesen habe, lege ich das Buch wieder neben mich. Überlege, ob ich es auf der Bank liegenlassen, es beim Fundbüro abgeben oder es mitnehmen und einen Aushang im Umkreis der Bank machen soll, auf der ich es gefunden habe.
Nach einigem Nachdenken entscheide ich mich gegen jede dieser Optionen.

Schließlich hatte die Verfasserin auf einer der mit türkisblauer Tinte beschriebenen Seiten, zwei klare Wünsche geäußert, was mit dieser ihrer Geschichte geschehen solle.
Zwei Wünsche, die ich hier nicht zitieren möchte, die ich ihr aber beide erfüllen werde bzw. nun schon zum Teil erfüllt habe.

Der letzte Eintrag in dem Buch war auf März 2019 datiert, die darauffolgenden Seiten allesamt leer geblieben.
Ganz hinten hatte sie noch ein Foto mit einer Büroklammer befestigt, darauf zwei Menschen, auf einer Bank sitzend und einander anblickend als ginge es um etwas und als bestünde Einigkeit darüber, dass man das um nichts in der Welt verlieren dürfe.

Meine Güte, wie der Schein doch trügen kann oder wie zerbrechlich so ein Augenblick ist, den eine Kamera als eindeutig und stimmig eingefangen hat.

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Als kleines Requiem am Buchgrabe, dessen Ort ich nicht benennen möchte, ein paar passende Worte von einem, den ich momentan manchmal vermisse, vor allem die alten Zeiten mit ihm.

When the promise is broken you go on living
But it steals something from down in your soul
Like when the truth is spoken, and it don’t make no difference
Something in your heart turns cold

Schöckled and drawn.

So läuft das ja häufig im Leben.
Irgendwas verstopft kolossal den Kanal, es hakt hier und dort, manches verheddert sich, nichts kommt so recht ins Fließen, erst recht nichts ins Sprießen.

Und siehe da – kaum hatte ich gestern einen Schlussstrich gezogen unter dieses arg bemühte Projekt „Graz mit Hund“, das mir von ein paar Umgebungsvariablen hier nicht nur verhagelt, sondern auch insgesamt verleidet wurde, und kaum hatte ich diesen Beschluss mit einem kleinen, äußerst erholsamen Vormittagsnickerchen besiegelt, war es danach plötzlich, als hätte jemand den Badewannenstöpsel gezogen (oder den Wasserhahn wieder aufgedreht oder welches Bild auch immer Ihnen für das Freiwerden verstopfter Energiekanäle genehm ist).
Die Sache hier kam auf einmal wieder in Fluss!

Kein einziger Regentropfen fiel seitdem mehr vom Himmel, geschweige denn ein Hagelkorn, die Hundedame lief wieder flotter und fröhlicher mit mir herum, und mir ging’s genauso. Befreit von der schweren Kamera und dem ebenso schweren Moment der finalen Mitteilung an die netten Sponsoren, dass ich hierüber nichts schreiben kann (was ich freilich auch nicht muss), weil ich das Bildmaterial nicht zusammenbekommen werde bzw. es nur zusammenbekäme, wenn ich in jeder Regenpause loshetze und in einem Affenzahn die Foto-Spots abklappere, was ich aber nicht tun (und schon gar nicht dem Dackelfräulein antun) will, und dass ich allenfalls eine ganz andere Story über diese Tage in Graz anbieten kann (die von A bis Z sehr besonders und intensiv waren) oder eben gar nichts (und überhaupt: künftig erzähle ich nur noch meine Geschichten, ein Fazit, das mir durch die Gespräche mit dem Einheimischen endlich völlig klar wurde, dass es nur so gehen kann und nicht anders), und befreit von all dem hatte ich dann schlagartig wieder Lust, mich hier – egal bei welchem Wetter – zu bewegen und Stadt und Gegend zu erkunden.

Eine Architekturführung (danke an Roswitha!), ein Freibadbesuch (repariert bitte eure Wärmepumpe, 20°C sind einfach zu frisch!), ein Ausflug zu einer Ruine (super Tipp vom Einheimischen), ein Morgenlauf im Park (alles rausgeschwitzt) und schlussendlich haben wir es heute sogar noch auf den Schöckl geschafft (der Grazer Hausberg).

Und all das mit Freude, mit Genuss, ohne Fotografierzwang, ohne irgendeine Ambition außer der, dass wir hier was sehen und erleben möchten, was uns entspricht.

Lieber den Spatz auf dem Teller als die Taube auf dem Balkon! (Alte Großstädterweisheit)

Den Titel dieses Beitrags wählte ich in Anlehnung an Bruce Springsteens „Shackled and drawn“, hatte das Lied beim Bergaufsprinten auf einmal im Kopf.
Keiner meiner favourites, aber der Text passt im Rückblick einfach so gut und außerdem mag der Gatte den Song, also sei er ihm gewidmet – mit der Zusicherung, dass seine beiden Frauen demnächst in aufgeräumter und zufriedener Verfassung heimzukehren gedenken.

Gray morning light spits through the shade
Another day older, closer to the grave
Closer to the grave and come the dawn
I woke up this morning shackled and drawn

Shackled and drawn, shackled and drawn
Pick up the rock son, carry it on
I’m trudging through the dark in a world gone wrong
I woke up this morning shackled and drawn

Song des Tages (56).

Discofeeling in Coronazeiten! Car Wash on the edge of town, konkret: am Stadtrand von Starnberg. Man gönnt sich ja sonst nix (hat aber ganz simple praktische Gründe: hier herrscht null Andrang, denn der Starnberger fährt bei 27 Grad mit seinem Cabrio zum Undosa und nicht in die Waschstraße, so dass der Münchner mit seinem wegen Garagensanierung lindenblütenverklebten Auto flink bedient wird).

Super Sache: Das Programm „Royal“ (für sympathische 13€ inkl. Vorreinigung durch einen sympathischen Kerl) dauert exakt so lang wie der Song, der grad läuft, und der Rhythmus der Bürsten passt teilweise prima zur Musik (man muss halt ein bisserl aufdrehen, damit Bruce gegen die Bürsten ankommt). Die schwungvolle Einlage in den Farben Schwedens gegen Ende des Songs gefällt mir am besten.

Das fetzt, dieses Tänzchen der Plüschwedel auf der Windschutzscheibe, finden Sie nicht? Trotzdem wird’s allmählich Zeit, das Tanzbein mal wieder in echt schwingen zu können, mitsingend und -klatschend bei einem Livekonzert.

Zum Trost gibt’s Streuselkuchen am Lieblingssee.

1 Punkt Abzug für das coronare „Geschirr“ und das fehlende Glas, 1 weiterer dafür, dass die Kuchenstücke mit jedem Jahr um ein paar Millimeter schrumpfen. Ich weiß das, denn ich bin hier seit 30 Jahren treuer Streuselkuchenabnehmer (ein etwas irreführender Begriff, wie mir gerade auffällt, da speziell Streuselkuchen gemeinhin eher wenig mit Abnehmen zu tun hat).

Und sonst?

Der Gatte schreibt und schreibt und schreibt und hat wenig Zeit, der hübsch Bewimperte kümmert sich um ein Maiensäss für unseren ersten gemeinsamen Kurzurlaub, das Dackelfräulein ist glücklich, täglich mit seinem Pfannkuchen planschen zu können und ich lese mich in hundegeeignete Ausflüge in der Steiermark ein. Kaum will man Schluss machen mit den Hundereisereportagen, locken einen die Steirer mit einer Pressereise in ihre Gefilde. Tja.

Solgul och vattenblå. Zum 6. Juli 2020.

Der Morgenschwumm heute aus gegebenem Anlass von oben bis unten in den Landesfarben Schwedens: Himmel und Zehen blau, Sonne und Flossen gelb.

Zweite im 50m-Sportbecken: The early fish catches the wave (uralte Schwimmerweisheit).

Grattis på födelsedagen till min blogg- och Bruce-följeslagare Anna 😎💕
(Keine Ahnung, ob der Satz so passt, hoffen wir einfach mal, das sprachbegabte Geburtstagskind versteht ihn.)

(Aus der Serie „Geheime Schätze im Smartphonespeicher“, Bildrechte leider nicht mehr nachvollziehbar)