Irish Passion.

Man kann ja über Facebook meckern, so viel man will: gezielt genutzt kann diese Plattform wirklich manchmal von Vorteil sein (und im Geiste danke ich dem, der mich vor gar nicht allzu langer Zeit überzeugt hat, mich da doch mal einzuklinken).

Nicht nur, dass man dort so gnadenlos gut ausgekundschaftet wird, dass man niemals eine Hunderampenwerbung für Doggen erhält, sondern exakt die für Dackel tauglichen Modelle empfohlen bekommt, genauso wie das lifehack-Filmchen zum korrekten Schälen einer Mango (oder Paprikaschote), oder dass Facebook einen über nahezu jeden Pups, den irgendein Mitglied der E Street Band gelassen hat (oder lassen könnte) in Echtzeit informiert – nein, man kann noch viel mehr Nutzen aus diesem Buch mit den vielen Gesichtern ziehen.

So auch am vergangenen Wochenende: nur wenige Stunden vor Beginn eines Glen Hansard-Auftritts noch eine Karte dafür zu ergattern, weil unter der auf Facebook kundgetanen Veranstaltung zahlreiche Kommentare herumgeistern. Da ist natürlich alles dabei von „Glen, I love you!“ über „Wie lange dauert das Konzert?“ und „Ich hasse die Akustik im Circus Krone!“ bis hin zu „Weiß jemand, ob es einen support act geben wird?“, aber mit etwas Zähigkeit findet man dort eben auch die eine oder andere Ticketofferte zu Nicht-Viagogo-Preisen.

C. aus dem Erzgebirge wurde am Samstag zum Beispiel sehr kurzfristig von jemandem versetzt und hatte nun ein Ticket abzugeben. Vor lauter Frust sogar um 50% günstiger, denn man weiß ja nie, ob man’s sonst loswird.
Da ich nicht nur im persönlichen Kontakt absolut zuverlässig bin, sondern auch unbekannterweise und schriftlich Zuverlässigkeit verströmen kann, wurden wir uns schnell einig, Uhrzeit und Treffpunkt für die Übergabe waren nach 5 Minuten via Messenger ausgemacht – und ein Konzert lang neben C. zu sitzen, auch das war ziemlich ok, denn der Dialekt hielt sich noch gerade so im Rahmen und bei Konzerten ratscht man ja sowieso nicht.

Glen Hansard war der Hammer, was ich allerdings auch genau so erwartet hatte, mir aber für 60€ nicht geleistet hätte, damals, als die Tickets in den Vorverkauf gingen und ich grad die Penunzen zusammenhalten musste für die große Nordlandfahrt.

Mein Erstkontakt mit Hansard war dieser hier:

Als ich das im Juli 2013 erstmals hörte, wusste ich: den musst du dir mal näher angucken! Und am besten auch mal solo & live erleben. Nun hat das also endlich geklappt!

Eine grandioses Stimmvolumen, und eine Inbrunst, mit der sich der Ire in jeden Song reinschmeißt – es war eine Freude, ihm zweieinhalb Stunden lang zuzuhören.

Und noch eine große Freude hielt dieser Abend bereit.

Bloggerkollegin Anna aus Göteborg war an dem Abend auch im Circus Krone, und weil der support act (eine nette, aber musikalisch belanglose Irin) so fad war, schrieb sie mir sehr bald per Messenger: „Ich hol mir jetzt ein Bier. Mag die Vorband nicht.“, und da es mir genauso ging, marschierte auch ich zur Bar, wo Anna bereits anstand.
So haben wir uns tatsächlich mal live gesehen, zusammen eine Halbe gezischt, uns unterhalten und die Zeit bis zum Auftritt von Glen Hansard bestens überbrückt.

Es war eine dieser schönen Begegnungen aus der Rubrik „Springsteen-Fans aller Länder, vereinigt euch!“, denn in der Blogosphäre war natürlich Bruce der Grund, wieso wir uns überhaupt „gefunden“ haben 🙂

Deutsch-schwedisches Bloggertreffen!

Das nächste Bier geht auf mich, Anna, und ich hoffe, dein erster München-Trip hat dir gefallen!

Von dem Konzertabend zehre ich noch heute, und das ist auch recht hilfreich so, weil wir uns zwischenzeitlich längst wieder in anderen Sphären befinden, da das sich schon seit fünf Wochen mit kurzen Unterbrechungen dahinziehende Kränkeln des Dackelfräuleins uns nun erneut in die Klinik führte, die Finanzamtfragen noch immer nicht alle beantwortet sind und der Installateur den Austausch der Badewannenarmatur nun schon mindestens so lange nicht hinbekommt, wie das Fräulein morgens vor lauter Übelkeit Gras frisst.

Ich sagte es ja, glaube ich, schon: der November, das ist mein Monat nicht.

Herbstpredigt aus Colts Neck. Ein homiletischer Interpretationsversuch.

„In this life nobody gets away unhurt.“ (Bruce Springsteen in his movie „Western Stars“)

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Als Bruce Springsteen die ausgehungerte Fangemeinde im Juni mit seinem 19. Album namens „Western Stars“ beehrte, befand ich mich gerade in der ersten forenbacherschen Vollvernebelung und konnte deshalb anfangs nur sehr am Rande Notiz nehmen von dem neuesten Werk meines seit frühester Jugend so bewährten Allzeitseelenretters.

Erst viele Wochen später wandte ich mich nach und nach den 13 (!) Songs zu und fand langsam einen Zugang zu dem Album, wenngleich nur zu einem Drittel der neu veröffentlichten Lieder.
Spontan mochte ich bloß die Lieder, bei denen durchgehend oder zumindest zwischen den Zeilen und Akkorden diese tiefe Melancholie und be(d)rückende Authentizität hindurchschimmerte, die „Nebraska“ (für mein Empfinden eines seiner wichtigsten Alben überhaupt) uns Langzeit-Fans vor ein paar Jahrzehnten unter die Haut geätzt und dort für immer konserviert hatte – ein Widerfahrnis, das wir mit Ehrfurcht und Stolz in und an uns tragen wie andere ihre Tattoos oder Schmisse.

Die anderen beiden Drittel empfand ich zunächst wie ein etwas ausgeleiertes Echo von bereits Gesagtem bzw. Gesungenem. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Referenzsongs die passenden gewesen wären und die Ingredienzen dieser neuen Stücke nicht dem Topf der Bedeutungslosigkeit und Unerheblichkeit entnommen worden wären, den der Boss mit einigen Kellen voll Songs aus seinen letzten Alben (allen voran „Magic“ und das bald darauf folgene „Working on a dream“) schon reichlich gefüllt hatte (was ich ihm gleichwohl längst verziehen habe, aus alter, immerwährender Zuneigung und Verbundenheit).
Aber genau aus diesem Topf schienen sie mir zu entstammen, sie klangen wie etwas, das wirklich nicht zwingend hätte erzählt und vertont werden müssen – und genau deshalb wurde ich mit mehr als der Hälfte der Songs dieses neuen Albums nicht so recht warm.

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Nun also, vier Monate später, der Film zum Album: „Western Stars“, gestern Abend europaweit als einmalige (!) Kinoaufführung zelebriert. Für mich eine weitere Chance zur Annäherung an dieses Werk, die durchaus als gelungen bezeichnet werden kann.

Schöne Vorstellung, dass fast all meine Fanfreundinnen und -freunde gestern zeitgleich im Kinosessel saßen, die meisten sogar um Schlag 20 Uhr, so wie ich. Großes Synchrongucken und -hören war somit angesagt, eine Prise brotherhood-feeling, wenn auch meilenweit von jenem entfernt, das man in Live-Konzerten spüren kann. Eher so die Feierabend-Couch-Community-Variante, dafür ohne Rückenschmerzen und Heiserkeit am nächsten Morgen, aber eben auch ohne dieses tiefe, tagelang anhaltende und vorübergehend seelenheilende und lebensverändernde Glücksgefühl solch gemeinsam erlebter, dreistündiger Live-Segnungen.

Ansonsten nervt diese Eventisierung total: Nur an einem einzigen Abend, nur in ausgewählten Kinos… – absurd!

Ich meine, als Bruce-Fan seit bald 35 Jahren fühl ich mich ja sowieso längst auserwählt, da braucht’s diesen Kult doch überhaupt nicht.
Und die damit einhergehende Vermarktung nervt ebenso: Natürlich folgt jetzt noch eine CD zum Film, die dieselben 13, im Juni veröffentlichten Songs enthält, nur eben in den Live-Versionen aus dem Film, die allerdings nicht so bahnbrechend anders klingen als die Studio-Versionen, aber damit auch jener Konsument anbeißt, der genau so denkt, packen sie noch einen Bonus-Track mit drauf, der bislang nirgendwo anders zu hören war als im Kinofilm, nämlich ein Cover von „Rhinestone Cowboy“, und selbstverständlich singt und interpretiert Bruce diesen Uralt-Country-Hit von Glen Campbell um Welten besser als dieser ihn je hätte darbieten können (und trägt dazu auch noch die bessere Frisur und das schönere Hemd als seinerzeit Mr. Campbell).
Trotzdem kauf‘ ich die CD nicht, ein bisschen mehr muss man mir schon bieten!

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München, gestern Abend um 19:45 Uhr.
Etliche Brucianer und Tramps hatten sich an diesem nasskalten Oktoberabend vor Saal 5 des Cinemaxx am Isartor eingefunden, um der groß angekündigten, einmaligen Herbstpredigt zu lauschen.

“Bruce Springsteen turns a concert film into a transcendental experience”, schrieb der Rolling Stone ein paar Tage zuvor, und so waren manche der Zuschauer mit Taschentuchpäckchen bewaffnet angerückt, andere mit zwei Flaschen Bier, denn wenn womöglich ein Transzendenzerlebnis bevorsteht, dann will ja man entsprechend gerüstet sein, um diesem zu begegnen (ich hatte den Gatten dabei sowie ein halbes Päckchen Tempos, eine Flasche Wasser und ein paar Gummibärchen).

Was haben wir zu sehen und zu hören bekommen?
Wie war es um die Transzendenz bestellt? Und kamen die Taschentücher zum Einsatz?

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Geschmeidig traben Wildpferde im Sonnenuntergang durch eine gigantische Steppenlandschaft. Dann Wechsel zu einer Gegenlichtszene, in der ein Rancher sein Pferd lässig am Zügel durch ebendiese Landschaft führt und uns bedächtig entgegenschreitet. Es dauert einen Moment, bis wir feststellen: Nein, das ist keine Zigaretten-Werbung, sondern der Film hat bereits begonnen, und der lässige Typ auf der Leinwand, das ist Mr. Bruce Springsteen aus Freehold, New Jersey, und kein cool vor sich hinqualmender Macho aus dem Marlboro-Country (die trugen ja außerdem weiße Westernhüte, was halt zunächst im Gegenlicht schwer zu erkennen war).

Zum einen präsentiert uns der Film „Western Stars“ alle Songs des zugehörigen Albums live und in der ebenso intimen wie feierlichen Umgebung einer alten Scheune auf Springsteens Anwesen in Colts Neck, die mit etwas Fantasie architektonisch und atmosphärisch locker als Kathedrale durchgeht: am Hauptaltar Bruce Almighty, gelegentlich bei Gesang und Gitarrenspiel unterstützt von Ehefrau Patti, im Chorraum drumherum die Band und ein beachtliches Orchester.

Manche der Lieder gehen mir plötzlich viel mehr unter die Haut, wenn ich nicht nur höre, wie er sie singt, sondern sein Gesicht dabei betrachten kann, eine Band im Hintergrund sehe, auf einer in blaues Licht getauchten Bühne. Beispielsweise kommen mir „Drive fast“ oder „Chasin‘ wild horses“ gestern beinahe wie ganz andere Songs vor als die, als die ich sie bisher wahrgenommen hatte. Ich kann auf einmal genauer hinhören, mich anders drauf einlassen, besonders Letzterer erreicht mich mehr denn je (die Frau neben mir schnieft heftig und aus der Reihe hinter uns ist ebenfalls Taschentuchpäckchenknistern vernehmbar) und als wir am späten Abend heimkommen, muss ich sofort die CD einlegen und den Song gleich nochmal anhören.
Anderes, wie beispielsweise „Sundown“ oder „There goes my miracle“, erscheint mir hingegen genauso unerheblich wie bislang auch, egal, welche Geschichte die Lyrics erzählen wollen, es erreicht mich musikalisch (und auch sonst) einfach nicht.

Überhaupt: Zu viele Backgroundsänger, zu viele Streicher, zu viel orchestrale Weichspülung und cineastisch zurechtgefiedelte Dramaturgie. In manchen Momenten des Films meint man fast, der optisch leider mehr und mehr wächsern anmutenden Patti könnten jeden Moment Engelsflügel unter ihrem Rotschopf hervorwachsen, die sie in die Kuppel der Kathedrale hinauftrügen und dank derer sie durch die alten Holzbalken der Scheune in den amerikanischen Nachthimmel entschweben würde, empor zu den Western Stars, die von dort oben auf uns Normalsterbliche hier unten herabstrahlen.

Etwas arg viel Pathos, so insgesamt, aber wenigstens die Grenze zum Kitsch wurde meistens gewahrt.

Zum anderen ist der Film ein elegischer Roadtrip, eine sehr persönliche Seelenschau und Bilanz, ein meditativer Marsch durch ein Lebenswerk und ein im Stil einer Messe inszeniertes, selbstreferentielles Vermächtnis, das uns der nunmehr 70-Jährige zu treuen Händen übergibt.

Der Boss streift nämlich zwischen den einzelnen Tracks philosophierend durch die Badlands of New Jersey, durch die kalifornische Wüste oder durch diverse Stationen seiner Vergangenheit. Dabei blickt er nicht nur fragend auf die vergilbten Seiten seiner Notizbücher oder durch die verschmierte Windschutzscheibe seines Pickups, sondern auch nachdenklich in die Ferne und lässt seinen teils müde wirkenden Blick über die unendlichen Weiten karger Canyons und staubiger Steppen schweifen, während ein Voiceover – natürlich von Springsteen selbst gesprochen – dem geneigten Zuschauer sehr wissend und teils sogar sehr weise vom Leben, von Heimat, von der Liebe, von Schmerz, Destruktion, Isolation sowie vom Davonlaufen und Zurückfinden (und vielleicht auch ein Stück weit vom Ankommen und Erlöstwerden) erzählt.

Manchmal leider etwas zu weise und aphoristisch, aber Schwamm drüber.
Mit 70 ist das schon ok so und als wahrer Fan sieht man ihm selbstverständlich die eine oder andere etwas triviale Sentenz nach, die man aus anderem Munde vernommen vielleicht als banal abgetan hätte, aber von der so geliebten Stimme verkündet erstrahlt eben manch noch so schlichte Aussage trotzdem in einem gewissen Glanz – und alles in allem spricht hier ja nach wie vor ein großer Geschichtenerzähler zu uns (und etliche der existenziellsten Dinge sind ja auch genau das: schlicht, banal, trivial).

Und gelegentlich spricht er wohl auch nur zu sich selbst: denn manche der Kommentare sind ganz persönliche Erkenntnisse (oder Bekenntnisse), hören sich wie Tagebucheinträge an, die oftmals erst im Herbst des Lebens verlesen werden können, wenn ihr Verfasser sich in all seinen Facetten (und auch in all seiner Verletzlichkeit) zu zeigen wagt und weitgehend Frieden mit sich und seinem So-Sein geschlossen hat: „The older you become the heavier the baggage becomes that you haven’t sorted through. So you run.“

Der schwarze Cattleman wirft einen Schatten auf sein Gesicht, er vermag die Spuren gelebten Lebens nicht zu verdecken und das haben er und das von ihm behütete Gesicht auch weder beabsichtigt noch nötig.

Denn unser Wandererprediger hat längst ein Stadium der Zeitlosigkeit und Unzerrüttbarkeit erreicht. Er ist zu einem Solitär geworden, genau wie die Josua-Palmlilie, die im Film gelegentlich seinen Wegesrand ziert und jeder Dürreperiode (ganz gleich ob es eine der Politik, der Gesellschaft oder der eigenen Kreativität, des persönlichen Lebensweges samt der begleitenden Gemütszustände ist) standhaft trotzt.
Die kalifornische Wüstensonne flirrt durch ihre schwertförmigen Blätter und unter der Hutkrempe des lonesome cowboys summt es womöglich ganz zart:

This is your sword, this is your shield
This is the power of love revealed
Carry them with you wherever you go
And give all the love that you have in your soul

The times they are dark, darkness covers the earth
But this world’s filled with the beauty of God’s work
Hold tight to your promise, stay righteous, stay strong
For the days of miracles will come along

Genau dieser Song vom Album „High Hopes“, um das es hier überhaupt nicht geht, kommt mir plötzlich in den Sinn während ich Springsteen ganz alleine durch den Joshua Tree Nationalpark marschieren oder in seinem Geländewagen durch die Gegend kurven sehe.

*****

Einigen der Dämonen, die wir aus dem springsteenschen Kosmos bereits kennen, begegnen wir auch in „Western Stars“ erneut. Und vielleicht schließt sich damit ein Kreis.

Denn wenn man so möchte ist „Western Stars“ an manchen Stellen quasi das Diapositiv zu „Nebraska“: vordergründig leichter und lichter kommt es daher, dringt man allerdings unter die Oberfläche, kann man wieder eintauchen in die Welt altbekannter Springsteen-Melodien, -Motive, -Bilder und -Charaktere. Dieselbe Medaille, nur ihre Kehrseite? Es ist alles eins geworden (oder vereint sich nun).

All das wirkt jetzt – zu Beginn seines letzten Lebensquartals – deutlich weniger düster und auch weniger resignativ als noch vor 37 Jahren im in jeder Hinsicht sehr schwarzweißen Nebraska. Als hätten Licht und Schatten einander erstmals die Hand gereicht und sich zum Tanz aufgefordert. Als hätten sich all die schmerzhaften Gegensätze zwar nicht gänzlich auflösen, aber doch ein wenig aussöhnen können.

Als hätte manch einer der früheren Johnnys sich nach durchlittenen Seelenqualen zum geläuterten John gemausert und hätte nach langen Irrwegen in abgewrackten Used Cars auf schier endlos erscheinenden, grauen, trostlosen Highways und trotz all der Narben, die ihm zahlreiche und hartnäckige Devils & Dust(s) während seiner langen Reise zugefügt haben, nun doch noch nachhause gefunden.

Was ja nicht die schlechteste Bilanz wäre, die man nach sieben Jahrzehnten ziehen kann.

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So meine Gedanken, Gefühle und Interpretationsversuche gestern nach dem Kino der abendlichen Herbstpredigt, auf dem Nachhauseweg durch die nächtliche Stadt, noch ganz im Bann der fast 90-minütigen Liturgie.

Vielleicht ist es so, vielleicht aber auch ganz anders.

Denn ein bisschen sieht/hört man ja immer auch das, was man sehen/hören möchte, weil das gerade einen Widerhall in der eigenen Innenwelt erzeugt, der morgen auch schon wieder irrelevant oder ein ganz anderer sein kann.

Oder, um es mit Springsteens Worten zu sagen:
„You lose track of time, it’s all just storms blowin‘ through“ (aus: „Chasin‘ wild horses“).

Grazer Grandezza in Wien.

Well, she drew out some money from the Southern Trust
And put her little backpack on a public bus
Leaving Munich with a pipe dream in her hand
And a cheap return ticket to an eastern land

(frei nach Bruce Springsteens „Johnny Bye-Bye“)

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Und plötzlich fiel mir Winckelmann ein.

Winckelmann! Hätte mir nie träumen lassen, dass mir der mal gegen 23 Uhr in einer verqualmten Bar einfallen würde.

Sie wissen schon, der, der einst das Begriffspaar von der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“ prägte, das die Genossen der Weimarer Klassik später eifrig rezipierten.

Die musikalische Darbietung, die in diesem Moment vor meinen Augen (und vor allem in meinen Ohren) stattfand, strahlte exakt das aus: edle Einfalt und stille Größe. Und Erhabenheit.

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Hello again, Vienna!

Langsam findet der Tag sein Ende…

…und die Nacht beginnt!

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Wien, 1. Bezirk, am Samstag, den 12. Oktober.
Ein milder, sonniger Herbsttag legt sich schlafen. Die Nacht erwacht langsam zum Leben, blickt unternehmungslustig auf die dunkle Stadt hinab und überlegt, was sie anstellen und wen sie in ihren Bann ziehen könnte.

Ein verheißungsvolles Flüstern weht durch die Weihburggasse – show a little faith, there’s magic in the night! – und es weist uns den Weg zu einer gemütlichen Bar, und dort an einen Tisch in vorderster Front vor der kleinen Bühne, die gar keine richtige Bühne ist, sondern einfach ein „Künstler-Eckerl“: ein Barhocker, etwas technisches Equipment, ein paar Instrumente – that’s all.

Neben mir: Sori, überzeugte Wahl-Wienerin und meine Blogfreundin und Musikgefährtin.
Vor uns: zwei köstliche Schnaitl-Halbe und – was weit besser ist als jedes Bier – Matthias Forenbacher.

Falls Sie Winckelmann nicht kennen, dann ist das ja so grad noch verzeihlich, aber den aus Graz stammenden Forenbacher, den sollten Sie wirklich kennen. Tun Sie vielleicht auch, wenn Sie diesen Blog schon länger lesen oder Musik eine Ihrer Leidenschaften ist.

Auf ein oberösterreichisches Bier im Front-of-stage-Bereich…

…während der Musiker sich am Tresen seine Setlist zusammenbastelt.

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Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann mich zuletzt eine musikalische Neuentdeckung derart umgehauen hat.

Es war Anfang Mai dieses Jahres, es war ein Frühlingsabend, ich saß am PC, recherchierte etwas lustlos für einen zu schreibenden Artikel und durchstöberte zwischendrin die paar Blogs, die ich abonniert habe.

Auf Soris Blog war mal wieder ein Konzertbericht erschienen, sie ist bei einem Auftritt von einem Herrn Forenbacher gewesen und erzählte davon. Aha. Nie gehört. Viele der Künstler, über die sie berichtet, kenne ich nicht, also war ich wenig verwundert, dass mir auch dieser Name nichts sagte.

Neugierig las ich den Beitrag. Das klang ja grandios, was da stand, und für den restlichen Abend war ich nicht mehr damit beschäftigt, das Netz nach der Historie der Klöster und den besten Wanderwegen im Fünfseenland abzugrasen, sondern nach allen irgendwie auffindbaren Songs von diesem Matthias Forenbacher (der bedauerlicherweise erst seit Kurzem im Hauptberuf Musiker ist).
Postwendend kamen dann die ersten beiden CDs aus Wien (danke auch hierfür, Sori!), die dritte besorgte ich mir selbst, und für Wochen lief daheim und im Auto fast nichts anderes mehr.

Denn wenn mich mal was am Wickel hat – und zwar so richtig am Wickel! – dann ist das erstmal eine ziemlich ausschließliche Sache. Völlig wurscht, ob es sich dabei um Orte, Berge, Seen, Texte, Bilder, Gefühle, Atmosphären, Essen, Trinken oder eben um Musik handelt: ich werde vorübergehend zum Junkie, verliere beim Konsumieren des „Stoffs“ jedes Maß und manchmal beinahe den Blick für anderes.

Meist endet dieser suchtartige Zustand recht abrupt (bei Genussmitteln oder Gefühlen), manchmal hält er auch für Monate oder Jahre an. Und in seltenen Fällen ist es sogar, wie man so sagt: was fürs Leben. Wie mit dem Wettersteingebirge, mit Lenggries, mit dem Maisinger See, dem Lieblingsschwimmbad, der Gänsehaut auf dem Rücken, dem Pistazieneis und der Musik von Springsteen, Dylan und Waits.

Als ich zum ersten Mal „Walden Pond“ hörte, hatte ich sofort dieses Gefühl: das hier, das hat das Zeug dazu, in die letztgenannte Kategorie aufgenommen zu werden. Und als dann sukzessive mehr von dem „Stoff“ in meine Ohren drang („Why“, „Self-loading gun„, „Escape for a while“ – um nur ein paar weitere Songs zu nennen, die ich zum Niederknien schön finde), legte ich die in etwa zeitgleich zu meiner steirischen Neuentdeckung erschienene Springsteen-CD „Western Stars“ beiseite und auch die frisch erschienene „Reckless & Me“ vom Kiefer verschwand irgendwo im Regal.

Das alles war erstmal unerheblich geworden, die neuen Scheiben könnte man ja immer noch hören, wenn man demnächst die weite Strecke nach Gotland führe und dabei ja beim besten Willen nicht tagelang nur die drei Forenbacher-Alben in Endlosschleife hören könnte, zumal auf der Öresundbrücke Springsteens „Across the border“ Pflicht ist und manch anderes ja auch schon gewissermaßen Tradition hat bei diesen einsamen Fahrten quer durch Schweden („Mansion on the hill“, „Janey don’t you lose heart“, „Fade away“).

Zu „Western Stars“ kam’s allerdings während der gesamten Reisewochen kaum, und auch Mr. Sutherland fristete in Schweden eher ein Schattendasein.

Umso häufiger griff ich auf der langen Reise zu Forenbachers Songs: man muss das ja unbedingt mal ausprobieren, wie sich diese neue Musik beim Unterwegssein anfühlt, man kennt einander ja erst so kurz und war noch nie zusammen auf Reisen! Man muss das testen, ob und wie sich diese Songs in einem entfalten, wenn man währenddessen an der rauen Küste entlangfährt oder durch wilde Raukarlandschaften oder abends beim Feierabendbier über die Zinnen von Visby guckt.

Der „Cradle Song“ war zum Beispiel der perfekte Begleiter zum morgendlichen Lauf am Meer („…inside is heaven and outside there is joy“), wohingegen „Totally blind“ eher was fürs Dahingrooven auf den Serpentinensträßchen im Süden Gotlands war („and in the streets of a little village with wind and rain and fainting lights…“ – rein aus Platzgründen kann leider nicht die ganze Strophe zitiert werden, obwohl sie’s verdient hätte), „Walden Pond“ geradezu ideal zur Abendstimmung in meiner kleinen, dunklen Holzhütte an der Stadtmauer von Visby passte („you’d like to speak, it’s strange but you just can’t„) und das wunderbar seelenvolle Cover von „I’m a believer“ den einen oder anderen Erinnerungs- und Gedenkmoment an was oder wen auch immer absolut adäquat zu untermalen verstand („what’s the use in tryin‘? all you get is just pain! when I needed sunshine I got rain…“).

*****

Auf diese Art und Weise gestalten sich bei mir üblicherweise nur jene Anfänge, denen das Potenzial zu mehr innewohnt, und da sich diese neue Story bislang Monat um Monat und Kapitel um Kapitel in ungebrochener Begeisterung fortschreibt, wage ich die Prognose, dass sie sich bald auf Augenhöhe befinden könnte mit der Aussicht, die man auf der Meilerhütte hat.

Sie erinnern sich? Dieser vor Pathos und Ergriffenheit nur so triefende Bericht von meiner Hochsommertour? Als ich mich vor lauter Erhabenheitsgefühl dort oben kaum noch einkriegen konnte?

Womit wir quasi wieder bei Winckelmann wären. Und bei der „edlen Einfalt“ und der „stillen Größe“.

Erstere zeigt sich für mich in der puristischen Ästhetik dieser Songs, in den schörkellosen Skizzen, die sie zeichnen, plus der Prise dylanscher Poesie, die sie umweht.

Die feindosierte, melancholische Intensität Springsteenscher darkness sowie die fragile, ansatzweise monotone, aber stets eindringliche Energie, wie man sie aus etlichen Waits-Songs kennt, macht hingegen ihre „stille Größe“ aus.

Neben all den Vergleichen (Dylan-Springsteen-Waits), denen, so schmeichelhaft und zutreffend sie auch sein mögen, ja immer etwas Schablonenhaftes anhaftet (keiner möchte Imitat oder Nachfolger sein, sondern Individuum und Original), muss man sagen: was wir hier hören, ist auch nicht die Kunst von einem, der angetreten ist, um dem Boss auf einer Stone-Pony-Kopie hinterherzugaloppieren oder den wortreichen Balladen eines Literaturnobelpreisträgers nachzueifern.

Matthias Forenbachers Musik ist ein ganz eigenes und gekonntes (weil so behutsames und unaufdringliches) Changieren zwischen den Welten – der realen wie der fiktiven: mal berichtet ein Reisender, mal ein Verlorener, mal ein Rastloser, ein Staunender, ein Verzweifelter, ein Beobachtender, ein Hoffender, Liebender oder Fragender (und ab und an spricht das Instrumentale auch einfach nur für bzw. zu sich selbst), aber nie erzählt hier ein Angekommener, Saturierter oder Selbstzufriedener seinen Zuhörern fertige, abgeschlossene Stories.

Die Lyrics lassen per se (mindestens aber zwischen den Zeilen) genug Platz für ein individuelles Weiterspinnen und Kolorieren der Klang- und Wortbilder, das ganz der persönlichen Imagination folgen kann. Zugleich sind Forenbachers Kompositionen mehr als nur Gerüst oder Geländer für eigene Fantasien und innere Dialoge: Manche der Fragen, die sich beim Zuhören auftut, verdampft in der Präsenz und Atmosphäre dieser Geschichten, die einem durchs bloße Hinhören und Draufeinlassen lesbar werden, auch ins Nichtausgeführte hinein.

Umso schöner, wenn sich all diese Wahrnehmungen dann mit dem ersten Live-Eindruck decken. Wenn sich kein Riss auftut zwischen Studio-Alben hier und Person/Performance dort.

You got this guitar and you learned how to make it talk (and taught her to tell your stories in such a haunting voice).

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Ein rundum authentischer, persönlicher, nahbarer Auftritt und Abend war das, der noch lange in mir nachhallen wird und für den es sich absolut gelohnt hat, 900 km Zugfahrt binnen 23 Stunden und etwas Schnaitlschädelweh auf mich zu nehmen.

Möge auch diese Geschichte, die ich hier nun zu erzählen begonnen habe, unbedingt unfertig bleiben, und mögen sich noch oft Gelegenheit, Zeit und Raum finden, um ihr weitere Kapitel in Form von Songs, Konzerten und Gesprächen hinzuzufügen.

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Danke an den Gatten, dass er – kaum von seiner Dienstreise heimgekehrt – gestern den Mantrailing-Schnupperkurs übernommen hat, anschließend abends daheim nicht nur ein, sondern gleich zwei Dackelfräuleins gehütet hat, weil’s dem Nachbarn schon so zugesagt war, und mir dadurch diesen fünfzehnstündigen Spontanbesuch in Wien ermöglicht hat.

Danke, Wien, für die laue Herbstnacht.
Danke, Sori, für den herrlichen gemeinsamen Abend.

Und danke, Matthias, für deine wunderschöne Musik und Stimme.

„That was it, I was in at the deep end where I still swim to this day.“

(Wir sind immer noch dort drüben unterwegs, aber dieser Beitrag muss unbedingt auch hier erscheinen, weil sonst was Wichtiges fehlen würden.)

Who’s the Boss?!?

23. September 2019.

Bereits Springsteens letzten runden Geburtstag verbrachte ich in Niedersachsen, damals auf der A7, unterwegs Richtung Heimat, nach einem Rügen-Urlaub, der NDR dudelte die großen Hits rauf und runter, es war eine herrliche Heimreise.
Zehn Jahre später verbringe ich ihn nun im Weltvogelpark Walsrode.

Deshalb bleibt am heutigen Morgen auch keine Zeit für lange Retrospektiven zu meiner lifelong relationship mit Bruce.
Mittags auch nicht, denn nach drei Stunden im Vogelpark steht das große Gassi mit dem Fräulein auf dem Programm, und danach geht’s nochmal in den Vogelpark. Abends werde ich nach all dem Gezwitscher wohl zu platt sein. Vielleicht werde ich im Hotelbett liegend noch den einen oder anderen Artikel lesen, der heute anlässlich dieses 70. Geburtstags erscheinen wird, und mit Sicherheit werden einige erscheinen.

„(…) now there’s wrinkles around my baby’s eyes“ (Quelle des Fotos leider unbekannt, ich erhielt es von einem anderen Fan per Mail.)

Mal sehen, ob es dann am Abend noch irgendeinem dieser Artikel gelingen wird, mich ähnlich zu berühren wie dieser hier, den ich bereits vor drei Tagen an der Nordsee las.

Mir ging es nahezu genauso wie dem Verfasser dieser kleinen, sehr privaten Laudatio, als ich am 10. Mai 2003 im Ludwigshafener Südweststadion zum ersten Mal „Racing in the street“ live hörte.
Und obgleich ich damals bereits über 17 Fan-Jahre hinter mir hatte, war ich wie vom Donner gerührt, als dieses 10-minütige Monument ertönte (dabei habe ich keinerlei Faible für Autos und Straßen und so Kram) und ich stand da neben M. und seinem Sohn und wir wagten es kaum, einander anzusehen, weil jeder von uns in diesen zehn Minuten mit den Tränen zu kämpfen hatte (den Song finden Sie ebenfalls in dem verlinkten Artikel).

Es war eines dieser musikalischen Erlebnisse, die sich einem für immer und ewig einbrennen und in dem ich fühlte, was der Autor des Artikels in einen einzigen Satz gegossen hat: „That was it, I was in at the deep end where I still swim to this day.“

Amen.
Mehr kann und muss ich dazu heute nicht sagen.

(Wobei es mir schon gut gefallen hätte, genau zum heutigen Tag Freundin H. ihre Frage zu beantworten, die sie mir vor anderthalb Wochen nachts recht unvermittelt per Whatsapp nach Stockholm schickte, und aus der – nach all den Jahrzehten, die man Bruce und einander nun kennt – fast eine gewisse Dringlichkeit sprach: „Welche sind eigentlich deine Lieblingslieder, falls es die gibt bzw. sich das nach der langen Zeit überhaupt so einfach sagen lässt…?“ – Ja, liebe H., das lässt sich sagen, nur nicht heute, denn der Schuhschnabel ruft!)

Happy birthday, Bruce.
Thank you for giving my life such a soundtrack & see you next summer!

You can’t start a fire without a spark oder: Ein Stück Lebensverfilmung.

Gestern Abend, 20:15 Uhr, München-Schwabing.
Endlich mal das neu umgebaute ARRI-Kino besucht. Eine fantastische Lounge, eine ansprechende, schummrige Bar und ein kleiner, extravaganter Kinosaal mit Wohnzimmerfeeling.
Umgeben von einer deckenhohen Bibliothek sitzt man dort, die Buchreihen werden von geschmackvollen Lämpchen beleuchtet, nix Halogen oder LED, sondern auch hier unaufdringliches Licht, schließlich ist es Abend und der Mensch möchte nicht von irgendeinem Drumrum erleuchtet oder bestrahlt werden, sondern sich dem Inneren zuwenden und den Feierabend vom Außen einläuten.

Die plüschigweichen, samtroten Fauteuils sind nicht nur herrlich groß und bequem, sondern können auch leicht nach hinten geneigt werden, für jene Fimmomente, in denen es einen innerlich umnietet, es die Seele sozusagen in die Kissen drückt (und dann ist es schon sehr schön, wenn sie so weich fällt wie hier).
Der Fußraum ermöglicht auch 2-Meter-Menschen komplette Beinfreiheit und könnte mühelos noch ein Dackelkörbchen beherbergen (ein lang gehegter Traum: den Hund ins Kino mitnehmen können, damit man nicht immer so hetzen muss, vor und nach dem Film).
Neben jedem Sessel breite Armlehnen, mit integrierten Abstellflächen und einem Flaschenkühler davor, ein Kellner im Frack schleicht mit einem Tablett dezent durch die Reihen und serviert Drinks, nicht zu fassen (die Getränkekarte liegt ebenfalls in der Armlehne und hätte man von diesem Luxus vorher gewusst, hätte man glatt die Penunzen für einen Mai Tai mitnehmen müssen, dank der Buy-online-and-print-at-home-Tickets hat man aber nix dabei).
Nicht unbedingt ein Kinosaal für Händchenhalten und Tauschen von Küssen, trotz der dunkelrot-heimeligen Atmosphäre, denn der Sitznachbar ist schon arg gut verschanzt hinter dem ausladenden Lehnstuhl.

Um 20:15 Uhr schiebt sich der Vorhang lautlos beiseite und die Vorführung beginnt.
Und ich muss sagen: Die britische Regisseurin Gurinder Chadha hat einen Film gedreht, der ohnehin kein Händchenhalten und Geknutsche nebenher zuließe. Weil dieses Movie im wahrsten Sinne des Wortes ein Movie ist: Es bewegt einen.
Erst recht, wenn die eigene Frühadoleszenz in dieselbe Zeitspanne fiel wie die des Protagonisten, wenngleich sie glücklicherweise nicht umgeben war von denselben Rassenunruhen und Trostlosigkeiten eines grauen Industriekaffs (dafür von den Scheidungsunruhen daheim).
Vor allem bewegt „Blinded by the light“ wegen seines Soundtracks. Obwohl dieser Satz, aus der Tastatur eines seit 35 Jahren eingefleischten Fans stammend, als tendenziös gewertet werden könnte – ist er dennoch objektiv und zutiefst wahr (lesen Sie die Rezensionen, sogar die taz hat etliche gute Haare an dem Streifen gelassen).

„Blinded by the light“ ist ein großer kleiner Film.
Kein cineastisches Meisterwerk, keine bahnbrechende Filmkunst, aber ein ehrlicher Film über Familie und Freundschaft, über Heranwachsen und Identitätssuche, über Zwänge und Befreiung, über Politik und Kultur, über – und das ist das Herzstück des Films, sein Pulsschlag! – Musik und Liebe (und über die Liebe zur Musik und die erste Liebe mit der richtigen Musik im Herzen und Hintergrund).
Und es braucht wahrlich keine Kinosesselküsse mehr, wenn auf der Leinwand so ein erster Kuss geküsst wird (das sympathische junge Paar abgeschirmt von der Welt, weil beschirmt von den Kopfhörern eines SONY-Walkmans, den man selbst in den 80ern hatte, bloß in einer anderen Farbe) und diese Initiation auch noch zu dieser breathtaking-earthquaking Hammerstrophe aus „Prove it all night“ stattfindet… (was gäbe ich drum, wenn ich meinen ersten Kuss zu diesen Zeilen erlebt hätte, aber das kommt halt davon, wenn man sich vier Wochen vor dem ersten Springsteen-Konzert zum ersten Mal küssen lässt).

Naja, genug geteenelt & geträumt.
Schauen und hören Sie sich das an, wenn Sie bislang Bruce Springsteen nur mit dem totgedudelten „Born in the USA“-Gestampfe assoziieren oder wenn Sie damals in den 80ern jung waren und ebenfalls nicht viel mit Wham, a-ha und all dem Pop-Geplänkel anfangen konnten.
Und erst recht, wenn Sie womöglich einen ähnlichen Moment der Erweckung erlebt haben wie Javed, als er zum allerersten Mal eine Musik hört, die ihn durch und durch berührt, ergreift und aufrüttelt, die ihm einen Teil seiner Perspektivlosigkeit nimmt, von der er sich nicht nur verstanden, sondern behutsam in den Arm genommen fühlt und die ihn fortan ebenso zuversichtspendend wie zukunftweisend dabei begleitet, der zu werden, der er ist, sein möchte oder noch werden kann.

Springsteen selbst sah den Film weit vor Fertigstellung und Veröffentlichung, weil es der Regisseurin wichtig war, vorab zu erfahren, ob er mit der Story einverstanden wäre und gegebenfalls noch was am Plot ändern zu können.
Nach der Vorführung sagte er zunächst kein einziges Wort, dann stand er auf, umarmte Gurinder Chadha, küsste sie auf die Wange und meinte: „Danke, dass du dich so um meine Musik gekümmert hast. Es ist wunderschön. Ich liebe es. Bitte ändere kein einziges Detail.“

Heute in einem Monat wird Bruce Springsteen unglaubliche 70. Die Jahre rasen nur so dahin.
2016 stand ich im Berliner Olympiastadion, hörte mein erstes „Backstreets“ live und hatte das Gefühl, das könne es jetzt womöglich gewesen sein, das könne nun das letzte meiner vielen Springsteen-Konzerte gewesen sein. Weil er nie wieder durch Europa tourt, weil es niemals eine Farewell-Thunderroad-Tour geben wird, sondern es einfach eines Tages vorbei sein würde, ohne Ankündigung, ohne große Inszenierungen.

Seit ich mich gestern Abend aus dem gemütlichsten aller Kinosessel erhob, hinaus ins nächtliche Schwabing trat und mir auf dem Weg zu meinem Fahrrad ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln tupfte, hoffe ich inständig, dass es das doch noch nicht gewesen ist.

Sondern dass er doch nochmal kommt und wir alle uns nochmal gemeinsam um diese Musik kümmern können – und diese Musik sich um uns.
Denn es ist wunderschön. Ich liebe es. Und bitte ändere kein einziges Detail, Bruce.

You sit around gettin‘ older
There’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
Come on, baby, this laugh’s on me

Ganz besondere Grüße sende ich mit diesem Beitrag an meine lang- oder kurzjährigen Bruce-Weggefährten: Helen, Marko, Peter, Robert, Thorsten, Sori und Lukas. Keep on rockin‘, Tramps!

Song des Tages (34).

Schon der zweite Traum von B. innerhalb weniger Tage.
Und eine völlig neue Traumkategorie erlebt: den Traum im Traum, sozusagen.

*****

In dem zu Pfingsten geträumten war ich mal wieder (eine schon vertraute Traumsequenz) im selben Hotel gelandet wie B., und nicht die Einzige, die sich über das zufällige Entdecken dieser Prominenz freute. Nett, wie er in meinen Träumen immer ist, lässt er sich ganz spontan an der Bar zu einem kleinen Signier- und Plauderstündchen nieder.

Die anderen interessierten Hotelgäste rücken mit seiner Autobiographie unterm Arm an und wünschen sich ein Autogramm auf der vordersten Vakatseite, vielleicht noch mit ihrem Namen davor.
Mir ist das zu schnöde. Ich sause auf mein Hotelzimmer und hole ein Album im DIN A3-Format aus meinem Koffer. Seitliche Spiralbindung, schwarzer Karton mit breiten Rillen außen, die schwarzen Seiten im Inneren mit weißer Tusche beschriftet, alle Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte etc. seit 1985 sorgsam eingeklebt (nein, ein solches Album gibt es in echt nicht bzw. nicht mehr). Zufällig habe ich dieses Riesending dabei, wie das halt in Träumen so ist.

Bis ich wieder in der Bar ankomme, ist von der kleinen Schlange vor dem Tresen nur noch eine Person übrig, B. signiert fix das Buch, die beiden tauschen noch zwei Sätze aus, dann bin ich dran. Ich lege das unhandliche Album auf den Tresen, er guckt verdutzt, ich schlage es auf, reiche ihm einen Silberlackstift und bitte ihn, er solle sich ein freies Fleckerl aussuchen. Er blättert es durch und bleibt auf der seltsamsten aller Seiten in diesem Buch hängen: eine schwarze Doppelseite, auf der lediglich links oben ein Aufkleber pappt: ein knallroter Kussmund mit herausgestreckter Zunge. Ja genau, der von den Stones. Was auch immer der in dieser Devotionaliensammlung verloren hat. Egal.

B. bleibt bei dieser Seite, zieht die Kappe vom Silberlackstift ab und guckt mich erwartungsvoll an. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich mir ja noch gar nicht überlegt habe, was ich da gern für eine Widmung drinstehen hätte. Am liebsten freie Prosa, aber so läuft das ja nicht, wenn man sich nicht kennt.
Sonst ein wandelndes Songbook und überhaupt ja mit einer gewissen textlichen Spontaneität ausgestattet, ist mein Hirn in dem Augenblick wie leergefegt.

B. lacht mich an und kratzt sich mit der Hinterseite des Lackstifts im Nacken. Der erste Textfetzen, der mir wieder zu Bewusstsein kommt, ist eine eine Zeile aus Badlands. Zufällig auch der Untertitel des Blogs einer Freundin. Den stammle ich dann: It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Er schmunzelt, fragt nach meinem Namen, schüttelt den Stift nochmal, das Kügelchen im Inneren des Stifts scheppert wie wild, und dann schreibt er – in dem Augenblick ganz ernst und konzentriert dreinblickend – diesen Satz quer über die schwarze Doppelseite. It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Drunter noch eine persönliche Widmung, die ich nicht erinnere, weil ich ja wie gelähmt bin von dem Moment selbst, der Atmosphäre, der fehlenden Distanz, der Intimität dieses Augenblicks.

Wir unterhalten uns noch kurz – er spricht sogar ein paar Brocken Deutsch – und danach ziehe ich mit meinem monströsen Album, das ich wie einen Pokal in beiden Händen halte, selig von dannen.

*****

Heute Nacht dann eine andere Szenerie.
My Hometown. Das Fräulein und ich abends auf dem Flauchersteg, große Abendgassirunde am Ende eines heißen Sommertages.
Dort steht ein Mann mit Stadtplan am Geländer und guckt abwechselnd in den aufgefalteten Plan oder gen Süden. In einer eher seltenen Aufwallung von sommerlicher Lockerheit und menschlicher Zugewandtheit gehe ich hin und frage, ob ich helfen könne. Kann ich bestimmt, sagt er, und als er sich zu mir dreht, erkenne ich B. Und er mich.
Wir hätten uns doch erst neulich im Hotel getroffen, meint er. Ich bin perplex, weil mir im Traum bewusst ist, dass diese Hotelbegegnung doch eine geträumte war, aber wie er das so sagt, bin mir dann nicht mehr sicher und nicke zustimmend.

Er suche einen Biergarten, sagt er, in dem er vor über 30 Jahren mal war, den Bruckenfischer. Himmel, der ist in Schäftlarn, antworte ich, da sei er hier aber reichlich falsch. Empfehle ihm den nahegelegenen Flaucherbiergarten. Aber er will unbedingt zum Bruckenfischer. Ob ich ihm den Weg erklären könne. Immer der Isar entgegen, sage ich, und zeige nach Süden. Es wären aber locker 18km, gebe ich zu bedenken.

B. schaut mich von der Seite an, die Abendsonne leuchtet auf seinen Hals und sein Gesicht, ich nehme wahr, wie alt er geworden ist, wie müde er aussieht, dann räuspert er sich und fragt mich, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen. 18km, das sind, wenn wir nicht rennen, knapp vier Stunden, denke ich. Aber vor allem denke ich: das ist eine dieser Chancen, die man nur einmal im Leben bekommt und die man ergreifen muss.
Also sage ich: Ja, sehr gerne. Und wir gehen gemeinsam auf dem schönen Flauchersteg weiter, durch die Isarauen, immer weiter, down to river.

*****

That night we went down to river, denke ich träumend und wache leider zu früh auf.

In einer kurzen Regenpause oder: Hey, where did we go?

Dieser kleine Hund…
Was für eine Lebensfreude! Was für eine Lust zu spielen und sich zu bewegen!

Da kann man sich echt eine Scheibe von abschneiden.

(Gleich danach im Freibad gewesen, bei 11°C, im Wasser also deutlich wärmer als draußen. Regen prasselt auf den Rücken, leer isses im Becken. So lässt sich’s entspannt Kraulen, ohne Aufschauenmüssen, zwei Kilometer völlig ungestört, wirklich schön. Und trotzdem sehnt man sich nach dem Sommer.)

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping
In the misty morning fog with
Our, our hearts a-thumping
And you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl!

Sometime I’m overcome thinking about
Making love in the green grass
Behind the stadium
With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Beglückend.

Schwer zu sagen, welcher dieser Anblicke mich heute am meisten beglückt hat:

a) der des kleinen gelben Fischleins, das heute so überraschend meine Bahn kreuzte und quasi mitten im Kraulschlag entzückend an meine Schwimmbrille dotzte, in diesem schönen, erst diese Woche neu entdeckten Schwimmbad, das ich zunächst nur notgedrungen als Alternative zum Lieblingsbad, das wg. der üblichen Revision grad zu hat, aufsuchte, das aber glatt das Zeug hat, mein dauerhaftes Zweitbad zu werden

oder

b) der des Trailers, der mich via Whatsapp von M. aus Berlin erreichte und in dem ich sofort dieses Gefühl von Aufbruch und Verheißung und Zukunftsoffenheit, jenes übermütige, allen äußeren Widerständen trotzende „Alles ist möglich“-Empfinden wiedererkannte und wiederspürte, das sich am 18. Juni 1985 so tief und unauslöschlich in mich eingegraben hat:

oder

c) der des grünspargeligen Abendessens, wie es vorhin so duftend vom Ofen auf den Tisch hinüberwanderte und dann auch noch genau so geworden ist, wie’s gedacht war.

Hello sunshine & hydrangea, so blue.

Gestern Nacht schon wieder eine Whatsapp-Botschaft von T., der gerade mitten im Umzug steckt und mich alle Nase lang wegen rechtlicher Fragen kontaktiert.
Aber der Terror lohnt sich. Guck ich mir die Tage seinen uralten Mietvertrag von der Wohnung, die er nun verlässt, genauer durch und kann ihm sofort sagen: Musst du nix renovieren, starrer Fristenplan usw., hat der Vermieter keine Schangse. Besenrein, Bohrlöcher zu – und tschüss.

Der erleichterte T. meint daraufhin, jetzt hätt‘ ich was gut bei ihm. Ich möchte, obwohl er sich nun ein paar Hunderter spart, nicht maßlos sein und eine Reise nach Lissabon oder Turku vorschlagen, obwohl ich da schon immer mal hinwollte, sondern nenne ihm einen anderen Herzenswunsch: eine blaue Hortensie.
T. ist sofort sehr einverstanden mit der blauen Hortensie, wahrscheinlich sogar erleichtert, dass es kein roter Fächerahorn oder ein Zitronenbaum sein soll.

Seit über zwölf Jahren sehne ich mich nach einer blauen Hortensie. Seit damals, als ich mit U. in dem Haus (kleine, steinerne Villa in Hanglage, sogar irgendwas mit romantica im Namen) am Lago Maggiore war – eine überwiegend schreckliche Erinnerung übrigens, was ganz und gar nicht am Lago Maggiore lag – da stand der große Garten voll mit blauen Hortensien.
Neben der Aussicht, dem See, den Bergen, dem guten Wetter und dem köstlichen Eis in Piazzogna, war das mit Abstand das Beste, das dieser (erste und letzte) Urlaub mit U. zu bieten hatte. Blaue Hortensien, wohin das Auge nur blickte.

Heute dann die große Gassirunde in den Münchner Westen verlegt, wo das große Gartencenter ansässig ist. Die bieten gerade ein paar Tage lang einen kostenlosen „Einpflanz-Service“ an.
Bring your own Topf, buy some flowers – und die Erde & Arbeit schenken sie dem treuen Kunden. Ich muss das nutzen, mein Ellbogen ist vollkommen im Eimer von den anderen Arbeiten auf unserem Balkon (24 kaputte Holzfliesen, noch vom Vormieter, ins Auto geschleppt und auf dem Wertstoffhof entsorgt, und fragen Sie nicht, wie es unter den 24 Holzfliesen aussah).
Am Telefon erfrage ich die günstigste Zeit, um nicht in eine ellenlange Schlange zu geraten, schließlich habe ich das Dackelfräulein dabei und die kann Shopping, Warten und Rumstehen nicht leiden. Die Dame am Telefon nennt mir die beste Stunde, von 13 bis 14 Uhr, denn Da san d’Leit beim Essen.

25 Grad, die Sonne knallt vom Himmel runter, der Parkplatz ist gut voll. Ich packe Pippa auf einer Matte oben in den Einkaufswagen, das haben wir noch nie gemacht, aber das funktioniert prima, so ein Dackel hat wirklich praktische Maße.

Und man kommt so auch gleich viel leichter durch den Markt, weil alle zur Seite huschen und mitleidig gucken, wenn sie das etwas unglücklich dreinblickende Hündchen sehen, das sich die Ladefläche nach und nach mit großen Blumentöpfen teilen muss und sowieso nicht begeistert ist von den im unteren Wagenteil klappernden Tontöpfen.

Seien Sie versichert: es ging ihr gut dort oben, sie hat einfach einen Hang zum dramatischen G’schau, im Grunde ist sie nämlich froh, mit dabei zu sein, und hernach waren wir im Wald und am See, dem Tier geht es also prächtig und es hat auch was vom Tag gehabt, ehrlich! Und ich habe nun eine blaue Hortensie und freue mich sehr daran.

Zurück zu gestern.
Die Whatsapp-Nachricht von T., die er kurz vor der Geisterstunde sandte, bot leider keine Gelegenheit, mir noch durch Hobby-Juristerei eine weiße Hortensie zu verdienen, denn ausnahmsweise hatte T. mal keine Frage zu Schönheitsreparaturen, Wohnungsübergaben oder selbst verlegtem Laminat, sondern er schickte mir ein Foto und zwei Zeilen dazu.

Schlaftrunken blinzelte ich auf das kleine Display und erkenne einen Gaul. Überschrift „Western Stars“.

Ja, Umzüge sind ätzend, anstrengend und zum Davongaloppieren. Oder was will er mir sagen?

Dann setzte ich meine Brille auf und las: Mr. Springsteen hat ein paar ominöse Fotos auf Instagram veröffentlicht und die Fan-Gemeinde damit in Aufruhr versetzt. Irgendwelche Wüstenfotos: Bäume, Sonne, Pferde, Sand.
Die Gerüchteküche brodelte sofort los wie wild, denn seit fünf Jahren hat uns Bruce Almighty keinen neuen Song mehr geschenkt – nicht einen Ton, nicht einen Vers. Wir sind am Verhungern und Verdursten. So gesehen passt das mit der Wüstenszenerie schon recht gut.

Heute Nachmittag dann die Bestätigung vom „Rolling Stone“: Der erste Song kommt bereits morgen raus, das Album dann Mitte Juni. Was für gute Nachrichten!

Ostern ist kaum vorbei, da legt uns Bruce noch ein Ei ins Nest: Hello sunshine!

Ich informiere sofort meine paar Fan-Freunde. Alles freut sich. So sehr, dass wir alle zusammen gnädig drüber hinwegsehen wollen, dass die erste Auskopplung den Titel „Hello sunshine“ trägt, denn – herrje! – das klingt verdammt nach „Queen of the supermarket“, also einem dieser Songs, die mir nichts bedeuten, weil sie einfach nur öde dahinplätschern und man in ihnen nichts außer der gesamten Saturiertheit unseres verehrten Barden aus New Jersey hört, weil ihnen jeglicher Hauch darkness abgeht (von lyrischen Untiefen wie in Nebraska wollen wir gar nicht erst sprechen, sowas gab’s eh nie wieder), die seine depressiven Phasen so zauberhaft umwitterte, und weil es ihnen aber ebenso an der authentischen und saftigen Vitalität eines „Badlands“ oder „Prove it all night“ mangelt.

Nun ja, wir werden es hören und spüren.

Jedenfalls ein guter Tag heute: früh aufgestanden, viel geschafft – und draußen fühlte sich’s schon nach Sommer an.

Bathing beauty.

Song des Tages (32).

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Soundtrack meines Lebens (nach langer Zeit mal wieder gehört, auf dem nächtlichen Heimweg vom Schwimmbad): Something in the night.

Einer dieser Songs, die – wenn man so richtig eintaucht in Text und Ton – weit mehr als nur eine fünfminütige Momentaufnahme oder ein Schlaglicht sind.
Einer dieser Songs, die eine Geschichte erzählen, genauer gesagt: ein Drama.

Ein Drama, das über seine Handlung hinaus so reich an Platzhaltern und Metaphern ist, dass es einem jeden freisteht, hineinzufüllen und herauszulesen, wonach auch immer es ihn drängt. Oder die Leerstellen und Sinnbilder so zu belassen, wie sie sind – als ein Etwas in der Nacht.
Ein Etwas, das sowohl zum Jäger als auch zum Gejagten wird, ein ewiges Wechselspiel zwischen Vergeblichkeit und Verdammnis, dem man sich entweder ausliefert oder dessentwegen man sich tunlichst aus dem Staub macht.

Wohl besser Letzteres, um nicht als Versehrter zu enden oder von der einst so süßen Lady Luck, die sich während dieses Trips als bitterer Mister Misfortune entpuppte, gar den Schierlingsbecher in die klammen Hände gedrückt zu bekommen.

Dieser ebenso simple wie wuchtige Song: ein klassisches Drama, allerdings eines in nur vier Akten statt der üblichen fünf – denn es endet unmittelbar nach der Retardation.
In seinem vierten und finalen Akt werden die Lyrics nur noch von den Drums begleitet – doch was heißt „nur noch“?!

Diese Beats: einem wummerden Herzschlag gleich (so überdeutlich, wie durch ein Stethoskop), ob es der eigene oder der der Nacht ist, das bleibt ebenso im Dunkeln wie eigentlich der ganze Song – vom Piano-Intro über den Urschrei, die Story, das Verschwinden der Band bis hin zu diesem so reduzierten, schlichten, existenziellen Pulsieren – mehr oder minder blind durch die Finsternis irrt.

Es ist daher nur folgerichtig, dass das Stück vor dem fünften Akt, in dem es zur Katastrophe (sehr wahrscheinlich) oder zur Auflösung (hier eher unwahrscheinlich) kommen könnte, retardiert, dass es also sekundenlang in diesem eindringlichen Pochen verharrt und anschließend mit demselben Schrei, aus dem es geboren wurde, ausklingt, um nicht zu sagen abstirbt – und einen erschüttert und verloren zurücklässt (dieser Schrei: eine Reprise ist er, kein Schluss, denn das wäre zu einfach, viel zu einfach).

Einen zurücklässt in der Dunkelheit der Nacht, irgendwo auf einer dieser undeutlich eingezeichneten Straßen der eigenen Lebenslandkarte, auf denen die Gefahr lauert, sich gnadenlos zu verfahren, an den entscheidenden Kreuzungen falsch abzubiegen, irgendwo unterwegs in der Düsternis wegen Spritmangel liegenzubleiben oder wegen schlechter Sicht in die Leitplanke zu rauschen.

When we found the things we loved
They were crushed and dying in the dirt
We tried to pick up the pieces
And get away without getting hurt

Und hier der komplette Text zu den vier Akten: