Hund haben (18).

Eines der großartigsten Phänomene jahrelangen Hundhabens besteht darin, dass man mit der Zeit all jene Dinge vergisst oder verdrängt, die man in seinem früheren, hundelosen Leben total gern unternommen hat und die mit Hund an der Backe Hacke einfach nicht mehr so gut gehen oder eher schlecht machbar oder sogar ganz und gar unmöglich sind.

Ich nehme an, es geht Menschen mit kleinen Kindern recht ähnlich und auch sie vergessen mit den Jahren, wie schön das Leben zuvor war, vor allem, was spontane und nicht generalstabsmäßig und tagelang vorher organisierte Abendunternehmungen oder gar Kurzreisen angeht.
Wie nett es war, nach Lust und Laune Biergärten, Theater, Ausstellungen, Kinos, Lokale, Freunde aufsuchen zu können (und das alles ohne ständigen, verantwortungsbewussten Blick auf die Uhr), im Hochsommer stundenlang lesend an Seeufern herumzudösen oder gleich tageweise in die Berge zu flüchten.
Wie unkompliziert es war, in fremden Städten oder Ländern eine Unterkunft zu finden oder ein paar Urlaubstage oder -wochen zu gestalten.
Wie wenig man sich mit dem Partner abzustimmen brauchte, als man noch zu zweit war: es genügte ein „Du, ich treff mich heut Abend mit X, es kann spät werden!“, nun spricht man sich Tage im Voraus ab, wer wann für den Hund zuständig ist, teilt Abendgassis auf, informiert sich über die aktuelle Verdauungslage des Vierbeiners und muss sich in beruflich oder privat enger getakteten Phasen genauestens an Absprachen halten, da es nunmal nicht geht, dass der Hund statt drei Stunden auf einmal mehr als doppelt so lang allein zuhause ist, nur weil einem nach dem Pizzaessen mit einer Freundin plötzlich noch der Sinn nach einem Kinobesuch steht oder die Arbeitskollegen nach Feierabend zu einem gemeinsamen Biergartenbesuch aufrufen.

Da zieht also eines Tages dieses sogenannte „Glück auf vier Pfoten“ ein und in den folgenden zwei Jahren staunt man nicht schlecht, was alles plötzlich nicht mehr geht oder nur noch anders oder mit mehr Aufwand machbar ist oder einem aber bereits im Vorfeld so viel Aufwand bescheren würde, dass man abzuwägen beginnt, ob das noch in einer vernünftigen Relation zu der angestrebten Unternehmung steht oder es nicht entspannter ist, die Sache einfach bleiben zu lassen und nach adäquten Alternativen zu suchen.
Wehmut und Ernüchterung überschatten gelegentlich dieses immens große Glück, das einem die Wohnung vollhaart und einem das nachmittags im Café aus Langeweile zernagte Bierfilzl nachts um 4 Uhr von Gallenflüssigkeit ummantelt auf den Teppich würgt.

Nach weiteren zwei Jahren hat man schließlich mit viel Veränderungswillen und Anpassungsarbeit einen Modus gefunden, in dem sich dieses so gänzlich neue Leben wieder gut und rund anfühlt. Und nochmal zwei Jahre dazu, und schon hat man komplett vergessen, wie das Leben früher mal war.

Ein perfekter Assimilationsprozess ist das, den das Hirn da vollbringt, und er kommt nach ein paar Jahren zu einem geradezu perfekten Abschluss: Man ist dann genauso glücklich wie früher, nein, Unsinn, sogar deutlich glücklicher als früher ist man jetzt, denn ein einziger Dackelblick aus diesen ehrlichen, braunen Augen, und schon ist alle Mühsal und Einschränkung wie weggeblasen, und ein Leben ohne Hund ist im Lauf der Zeit sowieso ganz und gar unvorstellbar geworden – nicht auszudenken, der kleine Schlawiner wäre plötzlich nicht mehr da…

Vier Tage Passau mit Hund und mit Temperaturen von deutlich über 30 Grad bedeuten, dass man vieles, das zu sehen man hoffte, überhaupt nicht zu sehen bekommt (wg. für Hundepfoten zu sonnigen oder langen Wegen dorthin) oder nur die absurdesten Orte sieht (z.B. betonierte, schattige Flusszuläufe, durch die man gemeinsam zwecks Abkühlung watet, oder das verschlammte Inn-Ufer oder die veralgten Donautreppen) oder aus anderen Gründen nichts sehen kann (stundenlanges Verharren unter einem zwar schönen, aber licht- und sichtraubenden Blauglockenbaum, wo es der Hund gut aushält und endlich mal nicht hechelt).

Man gibt dazu dann Kommentare zum Besten wie „Dieser Hund hat meine Perspektive auf die Welt und das Leben vollkommen verändert!“ oder „Dank meines Hundes entdecke ich nun so viel Neues!“ – und das stimmt natürlich auch. Absolut stimmt das.
Früher hätte ich mir halt das Museum für Moderne Kunst angesehen, vielleicht auch eine Führung im Stephansdom oder eine ArchitekTour mitgemacht, wäre zu Fuß jedes Gässchen dieser hübschen Stadt abgelaufen, den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und hätte mich von Eindrücken und Neigungen einfach mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Und nun? Mit Pippa an meiner Seite verzichte ich der Hitze wegen auf all diese Dinge. Meine Perspektive auf Passau ist nun eine, in der mein Auge immer geschickter nach schattigen Rasenstücken, erfrischenden Bachbetten, möglichen Flusszugängen, kühlen Seitengässchen, sonnenbeschirmten Cafés, klimatisierten Geschäften sucht – und fündig wird. Bin ja schließlich kein Anfänger mehr.

Gut, in den Stephansdom habe ich das Dackelfräulein trotz der Verbotsschilder mit reingeschmuggelt und in einer Nische unter einem Opferstock (Aufschrift „Für die Armen“) angebunden, wo sie dann friedlich auf dem kühlen Kirchenboden lag und auf mich wartete und die Spendenfreudigkeit sicher mächtig angekurbelt hat, falls jemand ihrer dort gewahr wurde.
Draußen hätte ich sie nirgendwo lassen können und ich bin sicher, dass Gott, falls es ihn doch geben sollte, auf jeden Fall damit einverstanden gewesen wäre, dass ein Hund keinesfalls auf kochendheißen Steintreppen vor dem Dom warten muss.

Als der Gatte seine Tagung hinter sich gebracht hat und wir überlegen, was wir in den verbleibenden 24 Stunden in Passau noch gemeinsam unternehmen könnten, schminken wir uns schnell alles, was mit der hübschen Altstadt zu tun hat, ab. Dort finden nämlich unzählige Festivitäten statt (Mitternachtsshopping, Konzerte, etliche Sommerfeste, tagsüber wie nachts), so dass klar ist: zu der perversen Affenhitze kämen auch noch größere Menschenmengen hinzu – das geht einfach gar nicht mit einem Dackel, der ja eh gern mal übersehen wird („Huch, wen haben wir denn da unten?“).

Also verbringen wir den einzigen gemeinsamen Abend oberhalb der Innstadt, laufen über luftige Höhenwege vom Kloster Mariahilf bis zum oberösterreichischen Grenzstein und zurück. Das tut dem Hund sehr gut, dort oben zu flanieren: der Asphalt ist kühl, es ist nichts los und man kann endlich mal wieder ein paar Katzen verbellen, weil endlich mal wieder ein paar Kräfte in den kleinen, von der Hitze geschundenen Hundekörper zurückkehren, weil die Umgebungsvariablen stimmen. Danach duschen wir uns alle noch kühl ab und legen uns unter kalten Tüchern aufs Hotelbett. Da kann einem doch jedes Altstadtsommerfest gestohlen bleiben!

Am nächsten Morgen – für den Tag sind 35 Grad vorhergesagt – verwerfen wir ebenfalls jegliches eigentlich noch geplantes Stadtprogramm, lediglich die Veste Oberhaus handeln wir als Kompromiss aus. Zuletzt als Kind mit dem Papa dort gewesen, weil die in der Burg gelegene Jugendherberge umgebaut oder eingeweiht wurde (ich weiß nur noch, dass ich es da recht unheimlich fand, so mit richtigen Luken statt Fenstern, Burgfeeling eben).
Wir starten früh, ergattern den letzten Parkplatz im Schatten und schlagen uns immer nah an den Burgmauern durchs Gelände, ab und an muss das Fräulein irgendwo kurz warten, wenn wir einen sonnigen Aussichtspunkt aufsuchen wollen.

Nach einer (!) knappen Stunde im Burggelände ist sie trotzdem sehr geschafft, allein von der warmen Luft. Also beginnt nun wie ausgemacht das Hundeprogramm, für vier (!) Stunden, wohlgemerkt. Beim Frühstück bereits gründlich recherchiert, wo der nächste See ist, an dem wenige Menschen und keine Hundeverbote zu erwarten sind.
Das ist der Stausee Oberilzmühle, sagt Google. Die Hotelbesitzerin wird dazu auch noch interviewt und auch nach ihren Infos klingt das Ganze ziemlich gut: bloß 20 Minuten zu fahren, sauberes Gewässer, Waldwege drumherum, nur irgendwo eine kleine Liegewiese und eine FKK-Bucht, Parkplatz weit genug vom Seeufer entfernt, so dass nicht mit allzu vielen Besuchern zu rechnen ist. Sogar eine Rundwanderung ist möglich und eine Einkehr soll es auch geben.

Also verbringen wir den letzten Tag fast komplett an der Ilz, die ja immerhin auch was mit der Dreiflüssestadt zu tun hat (zwar als kleinste der drei dort zusammenfließenden Wasseradern, aber mei), laufen auf dem Ilzwanderweg, spielen Frisbee mit Pippa, gehen mit ihr zusammen in den Stausee oder in den flachen Fluss, gucken ihr glücklich und zufrieden dabei zu, wie sie sich im kühlen Gras den nassen Rücken schubbert oder auf schmalen Waldwegen munter vorauswetzt und nur wenige Mal müssen wir ein bisschen Obacht geben, dass sie nicht einem im Ufergebüsch herumlümmelnden und Kombucha trinkenden Nackerten über seine Yogamatte saust (eher alternatives Publikum dort am Ilzstausee).

Der Hund ist im Vergleich zu der einen Stunde im Burggelände der Veste Oberhaus wie ausgewechselt – und die Welt ist wieder rund und schön. Für uns alle. Wir klopfen uns Tannennadeln und Kies aus den Trekkingsandalen, holen die Leckerlis, die Pippa nicht erwischt, selbst aus der Strömung, rutschen dabei fast auf den glitschigen Steinen in der Ilz aus, sprühen uns reichlich mit Anti-Brumm die fast dauernd nassen und von Mücken umkreisten Wadln ein und genießen den Familienausflug. Was hätte man schon in der Passauer Altstadt gesollt? Pah!

Bei der Triftsperre angekommen, sehen wir schon das von unserer Hotelchefin erwähnte „abgelegene Gasthaus“ samt dem sympathischen blauen Schild der Löwenbrauerei Passau durch die Bäume schimmern.

In einer weinrebenberankten Laube des Biergartens lassen wir uns zu einem Imbiss nieder. Von der Nicht-Biergarten-Seite aus erkennt man den Gasthof dann übrigens sofort wieder: Im Mai war er in jeder deutschen Tageszeitung zu sehen. Nicht wegen seiner hübschen Laube oder seines eher durchschnittlichen Essens oder des überbordenden Lokalkolorits in jedem Winkel des Gebäudes und auch nicht wegen manch ebenso antiquarischen wie schlichten Angebots in der Speisenkarte (Limo weiß oder gelb: 2,50€, ja köstlich!). Sondern wegen des dreifachen Armbrust-Suizids, der hier vor ein paar Wochen stattfand. Haben Sie sicher gehört oder gelesen.

Das illustre Trio erweckte wohl schon beim Einchecken etwas Misstrauen bei der Pensionswirtin, da ohne Gepäck gereist und das Frühstück explizit nicht mitgebucht wurde. Macht man ja als Übernachtungsgast eigentlich nicht.
Nun, sieht man die Pension von innen, was man leider muss, wenn man die hübsche Gartenlaube verlässt, um kurz die Toilette aufzusuchen, kann man das sofort nachvollziehen, denn nichts – absolut nichts! – lädt dazu ein, sich hier häuslich einzurichten oder gar ein Frühstück einzunehmen. Aber aus Sicht der Gasthofsbesitzer wird sich das wohl anders anfühlen.

Kein Zufall auch die Ortswahl für diese geplante und gruselige Hinrichtung, denn der mystische Tunnel hinter der Triftsperre, in dem es nachts spuken soll (Mädchenschreie, verschwundene Pfaffen etc.) sowie die Nähe zur Burgruine Reschenstein, auf der es ebenfalls nicht mit reschten Dingen zuzugehen scheint, zieht gelegentlich Menschen an, die sich von solchen lost & spooky places angezogen fühlen und über solche Orte nicht immer nur zur Geisterstunde in Foren mit Gleichgesinnten diskutieren, sondern das mal in echt erleben wollen.

Und manch besonders düsteres Vorhaben lässt sich vermutlich eben besser an einem solchen Ort umsetzen als beispielsweise in einem inmitten saftig grüner Bergwiesen gelegenen 3-Sterne-Hotel mit bodentiefen Glasfronten vor jedem Zimmer und einladender Lobby direkt hinter der Panorama-Sonnenterrasse, von der aus der Blick wahlweise zum Alpenglühen auf dem schrofigen Felsmassiv gegenüber oder zu den glücklich weidenden Kühen der nebenan befindlichen Alm schweift. Da passt so ein niederbayrischer Hinterlandgasthof mit Tunnel und Burgruine daneben schon eher.

Dem Hund ist all das aber ohnehin wurscht, denn Hauptsache während der Rast, und zwar ganz egal, wo und von wie vielen Sternen umgebeben die stattfindet, gibt es die übliche handvoll Futter samt genug Wasser im faltbaren Reisenapf: ein seit Jahren nicht verhandelbarer Programmpunkt bzw. eher so eine Art Ablasshandel (= Ihr dürft hier ein Stündchen in Ruhe sitzen, wenn ich dafür eine Extraportion Fressbares abstaube).

Es war ein toller Tag dort an der schwarzen Ilz. Was man nicht alles sieht und erlebt, wenn man mit Hund leben und reisen darf.
Stephansdom oder Donauschifffahrt kann ja jeder, aber die Halser Ilzschleifen, den Stausee Oberilzmühle und die Triftsperre, zu diesen Kleinoden im Passauer Umland verschlägt es nur die wenigsten Besucher.

Danke dafür, liebster Hund!

(Und gib Bescheid, wenn das kalte, nasse Geschirrtuch dir wieder zu warm wird, dann tränken wir es nochmal in Eiswasser.)

Wien (4): Erlustigungen und Befrustigungen.

Nach dem gestrigen Schwimmausflug weiter in die Leopoldstadt, dort über den Karmelitermarkt und durchs Grätzl geschlendert.

Anschließend in den Augarten.

Im Hundereiseführer angepriesen als eine der größten Parkanlagen, in denen Hunde „mitgeführt werden dürfen“. An der Leine, versteht sich. Aber der Augarten wirbt ja damit, dass er über zwei „Hundeauslaufzonen“ verfügt. Das schaut dann in der Praxis so aus:

Vollkommen trostlos. Wir gehen hinein in das öde, eingezäunte Platzerl mit erdig-sandigem Boden. Pippa guckt uns irritiert an, so ein „Was sollen wir denn hier?“- Blick. Wissen wir auch nicht. Denken wir im Augarten-Café bei einem Törtchen drüber nach (meine Güte: die Kuchen und Torten und Mehlspeisen hier, die sind dermaßen lecker), mit Blick auf den Flakturm (Codename „Peter“).

Nachdem wir uns diesen Erlustigungen gewidmet haben, für die der Park ja auch vorgesehen ist…

…marschieren wir über die Aspernbrücke (ach, die Urania dort am Donaukanal, das erinnert mich an den Kinoabend mit K., vor gefühlt 100 Jahren, als Johnny Depp, der die Hauptrolle in dem Film damals spielte, noch so wunderschön war im Vergleich zu dem Schatten, der er heutzutage ist) rüber in den ersten Bezirk und von dort nachhause.

Nur 14 km diesmal. Nur 1 Std Ruhe, dann weiter zur nächsten Erlustigung, diesmal ohne jede Befrustigung.

Dieses Bauwerk, diese Pracht, diese Flure, dieser rote Samt in den Logen, diese Bühne, dieser Text, diese Sprache, dieser Mann – ein Wahnsinn.

Und sogar Freunde gefunden, beim Anstehen an der Theatergarderobe. Solche wie damals in Eppan. Aber das ist eine andere Geschichte.

Satz des Tages: „Bitte sich festzuhalten.“

Sei jedem Abschied voraus!

(Titelzitat: Rainer Maria Rilke)

Die 8 Kostbarkeiten des Tages:

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Letztes Sonnenbad: Alle Fünfe gerade sein lassen und bei 17 Grad im gräflichen Park rumlungern.

 

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Letzte Wanderung: Alle Wege rund um den Hardenberg und schließlich zur Hardenburg hinauf.

 

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Letzte Fotosession:Burgruine Hardenberg mit Standesamt und Festwiese.

 

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Letzte Entdeckungen: Ja ist denn heut‘ schon Weihnachten?

 

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Letzter Sommerkäfer: Ladybug on his way to the top.

 

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Letzte Ölung: Im selben Whirlpool gesessen wie… (vor Aufregung Bild verzittert und Blitz vergessen)

 

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Letzte Lektüre: Kapitel 49, Heimwärts.

We told each other that we were the wildest… (The Bobby&Pippa-Theme)

Die neue Woche beginnt mit einem gemütlichen Hund-Mensch-Frühstück an einem eigens hergerichteten Tisch in der Lobby. Und sie beginnt sonnig.

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Beste Voraussetzungen also für ein BDBD, das für heute anberaumt war. BDBDs sind Blog-Dog-Blind-Dates, die sich aus der Bloggerei von Hunden und ihren Haltern ergeben, wenn die zentralen Interessen „matchen“ (wie man in der Partnerbörsensprache so sagt).

Für die Hunde-Singles wird von den jeweiligen Besitzern ein Treffen arrangiert, bei dem es Einiges zu beachten gilt:

  • stabile Wetterlage, denn niemand möchte seinen potentiellen Gefährten im Pissregen kennenlernen, wo es einem die Frisur verhagelt
  • gute Beschnupperbedingungen, d.h. kein Aufeinandertreffen in beengten Verhältnissen oder Räumen, in denen einer der beiden bereits Revieransprüche anmelden könnte
  • adäquater Spazierweg für einen ausgedehnten, leinenlosen Ausflug – möglichst auch ohne Konfrontation mit anderen Hunden, Katzen, Hasen, Rehen, Wildschweinen oder Fliegen, die das Kennenlernen stören könnten
  • ausreichend Zeit und Ruhe, um einander besser kennenzulernen als es z.B. das sogenannte Speed-Dating erlaubt, das ja mehr auf Quantität denn auf Qualität setzt

Mensch kümmert sich also um diese Parameter, während Hund Zeit hat, sich in aller Ruhe auf das Date vorzubereiten.

Bei den Damen geht es um Fragen wie „Auf welches Parfum fährt der Rüde wohl ab – soll ich vorher noch duschen oder wälze ich mich besser in Kuhfladen?“, „Ist es geschickter, wenn ich mich bei der Begrüßung stürmisch gebe oder empfiehlt es sich, ein bisschen desinteressiert zu tun?“ und „Trage ich das lange Ohr eher offen oder bedeckt?“.

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Derweil wälzt der Herr Überlegungen wie: „Was mach‘ ich nur, wenn sie sehr klein sein sollte und ich spontan große Gefühle mit noch größeren Gesten zeigen will?“, „Wie lange muss ich wohl abwarten, bis ich endlich überall an ihr riechen darf?“ und „Welches ist das Outfit, in dem ich am besten als Gentleman rüberkomme und einen manierlichen Eindruck mache?“.

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Um 13 Uhr ist es dann soweit.

Das bayrische Isarfräulein Pippa und der gestandene Harzer Wanderkaiser Bobby treffen bei der alten Mühle des Burghotels Hardenberg – romantischer könnte die Kulisse kaum sein! –  aufeinander.

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Die Menschen haben eine 2,5 stündige Wanderung zur Nachbar-Burg Plesse vorbereitet und so zog man – nachdem die ersten aufgeregten Botschaften an das Brücklein und in die Wiese geschrieben und kommentiert worden waren – in zwangloser Runde plaudernd und einander beschnuppernd los.

Herrliche Waldwege luden ein zu ersten gemeinsamen Sprints, freie Felder animierten zur Teamarbeit bei der Mäusesuche und einige längere Steigungen sorgten auf natürliche Art und Weise für Gesprächspausen, in denen man auch mal schweigend nebeneinander her hecheln und den anderen dennoch an seiner Seite spüren konnte.

Fiel Pippa aufgrund ihrer kurzen Beinchen mal ein Stück zurück, wartete Bobby geduldig oder ging nach ihr schauen und kam gemeinsam mit ihr zurück. Als zwei Handtaschenhunde unseren Weg kreuzten und sich anschickten, ihre Nasen Richtung Dackeldame zu recken, intervenierte der selbstbewusste Labradoodlerüde umgehend und brachte dadurch unmissverständlich zum Ausdruck, dass die Kleine seine Verabredung war und die anderen nichts, aber auch gar nichts anging.

Und, was soll man sagen?! Hoch oben auf der Burg Plesse angekommen war alles geritzt. Einträchtig saßen die beiden nebeneinander…

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… man brauchte sie gar nicht mehr getrennt voneinander befragen, ob ihnen die andere Hälfte des Herzblatts zusagte …

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… denn während wir alle auf den Hotel-Shuttle-Bus für erdverkrustete Hunde und verschwitzte Menschen warteten, der uns zurück zur Burg Hardenberg kutschierte (kostenloser Service des wunderbaren Hotels!), wurden sowohl Wassernapf als auch Würstchen friedlich geteilt.

Nur schade, dass man den gelungenen Tag nicht noch gemeinsam bei einem anständigen Wildschweinragout in der Keilerschänke und anschließendem Kuscheln vor dem Kaminfeuer ausklingen lassen konnte, sondern die Menschen der Ansicht waren, dass man es beim ersten Mal nicht gleich übertreiben sollte.

So ging die Sonne schließlich hinter der Burgruine von Hardenberg ebenso einsam unter…

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… wie sich Pippa auf ihrem Lesesessel niederließ, um Bobby noch intensiv nachzuträumen.
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Ich schlich mich leise zu ihr hin, legte mein Ohr ganz sacht an ihres, und – siehe da! – ich konnte sie hören, die Melodie ihres Traumes.
Komponiert von den Erlebnissen des Tages und vollendet intoniert von der Atmopshäre an diesem magischen Ort, an dem nicht nur der große Bobby zu Besuch war, sondern auch the Boss himself, die beiden einander so ähnlich hinsichtlich Kraft, Vitalität und Energie – und so labradoodelte es in ihr:

Yeah, we told each other that we were the wildest
The wildest things we’d ever seen…

…. now I wished you would have told me
I wished I could have talked to you
Just to say goodbye Bobby (Jean).

Schön war’s, ihr beiden.
Danke, dass ihr hier wart & wir freuen uns schon auf ein Wiedersehen!

Die Kraulquappe & ihr Dackel.

207 oder: Saumäßig gut.

Nach gefühlten 800km, die nur zwar knapp 400km waren, aber 200km Staus oder Baustellen oder beides beinhalteten, kamen wir ziemlich gerädert am frühen Abend in Nörten-Hardenberg an.

Hätten wir dieses Grauen nicht durch drei herrliche Stunden am Elbufer bei Blankenese mit meiner Freundin B., Spazierengehen und Kuchenessen unterbrochen, wären wir noch geräderter hier eingetroffen.

Aber selbst dann hätte mich die Ankunft hier für die gesamte dämliche A7 entschädigt!

Der freundliche Herr R. von der Rezeption trug mir einen Teil meiner peinlichen Gepäck-Kisten (wenn ich wochenlang mit Hund reise, ist ein Koffer das Unpraktischste, was es gibt!) aufs Zimmer, auf dem für die Dackelmadame schon Näpfe in Berhardinerformat bereitstanden, ebenso eine Kuscheldecke, ein Lesesessel, ein Doppelbett und zwei eigene Türschilder.

Eines, wenn Fräulein Hund ungestört die Minibar plündern oder in den Daunen ruhen möchte…

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… und eines, wenn das Zimmermädchen bitte die wildschweinartigen Verwüstungen beseitigen möge.

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Liebe Schweden, da könnt ihr euch mal ein Beispiel dran nehmen! So sieht das aus, wenn man in einem hundefreundlichen Land unterwegs ist!

Und weil der Herr R. eh schon so freundlich war, habe ich ihn ohne Umschweife mit dem wahren Grund meines Hierseins – nicht auf Erden, sondern in diesem Hotel – behelligt: Wo hat ER gewohnt?

Ja, und dann zeigte der Herr R. doch glatt in den hinteren Teil des Flures, in dem wir standen.

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Nur ein paar Türen weiter hat Bruce Springsteen logiert und wird es auch 2017 wieder tun, wenn hier das Reitturnier stattfindet, an dem seine Tochter teilnimmt.

Ich verstehe vollkommen, dass man das nicht verstehen kann, wenn man kein Fan von etwas oder jemandem ist. Wer aber schon mal Fan war oder ist, der wird es nachfühlen können, sich an evtl. eigene bekloppte Aktionen ähnlicher Art erinnern und milde lächeln.

Und später, nach Abendessen und Abendgassi, haben der freundlichste aller Herren R. und ich uns nochmal hier im Flur verabredet, er mit Schlüssel zur Suite, ich mit Fotoapparat – denn die Suite war nur bis heute Mittag bewohnt…

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(Für Fans: Weitere Bilder können auf Anfrage zugesandt werden.)

Natürlich habe ich mich auf das Sofa gesetzt, bin einmal durch die Suite spaziert, inklusive Balkon und Bad, während der Herr R. freundlich lächelnd und diskret an der Tür wartete.

Danach bin ich selig in mein Zimmerchen zurückgeschwebt, habe das Betthupferl mit Wildschwein-Dekor verzehrt (in der Hoffnung, dass es für mich bestimmt war und nicht für Pippa, denn das Begrüßungskärtchen richtete sich namentlich an uns beide) und muss sagen, da hat der Herr Graf echt nicht gelogen:

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Die Praline war nur durchschnittlich aufregend, aber das Fanherz schlug vor lauter Freude noch 207x pro Minute.

Es ist die Verwirklichung kleiner, individueller und manchmal völlig kindischer Träume, die einen so froh machen kann. Dinge, zu denen mein Vater sagen würde: „Spinnst du jetzt total? Was willst du denn im Hotel in Nörten-Hardenberg?“.
Ich hab’s ihm einfach nicht erzählt, weil ich ja schon groß bin und alleine entscheiden kann, wo ich hinfahren und spinnen möchte – und zwar ganz ungestört.

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Was für ein schöner Abschluss dieser langen Reise!

Gute Nacht aus Niedersachsen wünscht –
Die Kraulquappe.