Cevedale oder: Neue Horizonte.

Heute die erste einer Handvoll (therapeutisch begleitender) Sitzungen, die zu Beginn dieses neuen Jahres (vielmehr aber zum Beginnen des Beendens eines langgehegten Lebensmusters) äußerst sinnvoll bzw. geradezu notwendig schienen.

Coach und Couch sind vertraut, das Dackelfräulein darf auch mit und rollt sich nach kurzem Begrüßungswälzen auf dem roten Teppich genüsslich auf selbigem ein (Donut-Style) und verschläft dort, selig berieselt von ihr bekannten Stimmen, das Stündchen.

Es geht heute um die „Blutegel“ in meinem Leben.
Nicht etwa um die, nach deren Ansetzen man angeblich schmerz- und entzündungsbefreit wie ein junges Reh durchs Leben springen würde. Sondern um die, deren Biss nichts als weh tut und deren Saugen überhaupt nichts bringt, sondern nur wertvollen Saft abzapft, der dann anderswo fehlt, nämlich im eigenen Energie- und Lebensfluss.

Warum aber – und das ist das eigentlich Spannende dabei – geht man wider besseren Wissens immer wieder in die Sümpfe hinein und holt sich dort einen neuen Blutegel? Und setzt den nutzlosen Sauger wieder an, mit dem ewig gleichen, negativen Resultat? Was soll diese Reinszenierung?

Etwas leer im Kopf verlasse ich die Praxis und spaziere durch die Altstadt Richtung Isar.
Am Isartorplatz fällt mein Blick in das Schaufenster eines großen Sport- und Outdoorladens. Auf einem der Riesenplakate erkenne ich die Birkkarspitze. Drüber zieht ein Adler seine Kreise, drunter steht „Neue Horizonte“.
Sehr ansprechend. Mir fallen sofort meine alten, undichten, abgelaufenen Bergstiefel ein, in denen ich neulich mit eiskalten Zehen durch den Schneesturm den Berg hinunterrutschte und in denen man dem Ruf des Adlers nicht mehr allzu gut folgen könnte.

Ich gehe in den Laden hinein. Paradiesische Ruhe dort, so am späten Vormittag. Die Symmetrie, mit der die Langlaufski an der Wand lehnen, farblich und nach Größe geordnet, eine wahre Augenweide.
Ein netter Verkäufer, dem ich im Unterschied zum IKEA-Katalog das (an sich unpassende) Geduze sofort nachsehe, kümmert sich mit einer Engelsgeduld um die Neueinkleidung meiner Füße, vermisst sie, bemerkt die beiden Spezialzehen und erhält dafür sofort einen Vertrauensvorschuss.
Das Dackelfräulein beobachtet das Geschehen ebenfalls mit ungewöhnlicher Engelsgeduld (gestern noch, mit dem Gatten telefonierend, lang über ihre Unart geschimpft, sich nicht einfach mal ohne Umschweife an einem ihr zugewiesenen, warmen und sicheren Platz ruhig niederlassen zu können – sie muss es gehört und sich zu Herzen genommen haben) und erhält dafür sofort einen Fressensvorschuss.

Die Atmosphäre ist so angenehm, dass sogar Zeit ist, sich mal mit ausführlichen Instruktionen zu Schnürtechniken zu befassen (wahlweise straff am Rist oder an der Ferse oder oben gelockert für den Aufstieg) und schlussendlich staube ich nebenbei auch noch fürs Fräulein einen hilfreichen Bergtipp ab, weil ich – mittlerweile in Plauderlaune – von der Kängurunummer neulich berichte und der Verkäufer dazu eine Idee hat: „Kennst du die Filz- und Lodenmanufaktur in der Rumfordstraße? Der Chef fertigt spezielle Rucksäcke für Jäger, in die der Waldi neipasst, wenn er mal nimmer ko oder derf!“.
Nein, kenn‘ ich nicht. Ist aber der Brüller: Schau’n Sie sich DAS mal an (unter dem Menüpunkt „für den Hund“, ganz links unten) – ja da möchte man sich doch auf der Stelle einen Zweitteckel zulegen, damit die dann im Doppelpack so keck rausgucken aus dem Rucksack (und auch die lässige Hundetragtasche, echt spitze, braucht man nur noch einen Sponsor für die noble Dackelsänfte)!

So macht Einkaufen tatsächlich mal wieder Spaß, was für jemanden wie mich wichtig ist, da ich grundsätzlich nicht gern „shoppe“ oder „bummle“, sondern nur losgehe, wenn ich konkret was brauche und selbst dann dauert’s, bis ich mich zu der Besorgung aufraffen kann.

Der freundliche Verkaufsbursche holt mir vier Paar Bergstiefel in meiner Größe aus dem Lager. Ich turne nacheinander mit allen Modellen über die Fels-Attrappen, die als Teststrecke für den Schuhkauf dienen, steige Treppen hinauf und hinab, marschiere in aller Ruhe durch die gesamte, herrlich leere Bergsportetage.
Die seit 40 Jahren bewährte Marke bewährt sich auch jetzt wieder. Passt wie angegossen.
Sehen sogar fesch aus. Und sind nach dem Monte Cevedale benannt, den man beispielsweise über einen Grat von den Zufallsspitzen aus erreichen kann, was irgendwie leicht/locker und so gar nicht schicksalsträchtig/düster klingt, und die Region stimmt eh.

Eine Dreiviertelstunde später treten meine neuen Stiefel und ich hinaus in die Kälte. Auf der überdimensionierten Tasche, die ich stolz über meine Schulter gehängt habe, prangt ebenfalls der Schriftzug „Neue Horizonte“ (was bin ich nur für ein schlichtes Konsumentengemüt an diesem Montagvormittag nach Termin 1 zum Blutegel-Thema, nach den noch folgenden Terminen werde ich künftig sicherheitshalber mit der U-Bahn zur Isar fahren).

Die scarpe cevedale turchese werden locker drei Birkkarspitzen in Serie packen (was ich gar nicht vorhabe, aber es muss ja noch Luft nach oben sein bei solchen Anschaffungen).
Kein Tiefschnee der Welt wird ihnen etwas anhaben können und auch kein noch so sumpfiges Gelände.
Und mit ihrem „aggressiven Profil“ (Zitat aus dem Verkaufsvortrag) können sie auch jedem Blutegel auf Anhieb den Garaus machen oder der kleine Parasit beißt sich zumindest gscheid seine Zähne aus an der Hard-Shank-Brandsohle (nie gehört, klingt aber wichtig und wie eine Lebensversicherung).

So wie jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt, schreite man neuen Horizonten am besten mit geeignetem Schuhwerk entgegen.

Unter den Glücksspielen bietet die Ehe noch die besten Gewinnchancen!

Liebe Leserinnen und Leser!

Diverse besorgte Nachfragen entzündeten sich an meinem gestrigen, spätabendlichen Beitrag, der ja im Abgang etwas melancholisch, ernst und schwermütig war. Ob es mir denn gut ginge bzw. ob es mir nun arg schlecht ginge, ob ich Hilfe bräuchte, ob man etwas zu meiner Erheiterung tun könne, so kurz vor dem anstehenden Geburtstag, an dem nun aufgrund der Sintflut, die erneut über das Alpenvorland gekommen ist, auch noch die geplante Karwendeltour entfallen muss, und dann noch die Kalkschulter und überhaupt…

Obwohl ich als Mitte-Juli-Geborene natürlich zu den Hochsensiblen gehöre, nah am Wasser gebaut habe und darüber hinaus einen latenten Drang zum Drama habe, möchte ich hiermit eure Sorgen zerstreuen!

Trotz des gestrigen Halbjahrestages, der mich traurig und nachdenklich stimmte, bin ich nicht in ein Loch gefallen, aus dem ich alleine nicht mehr herauskäme. Ich sitze also aktuell weder zuhause und heule mir die Augen aus, noch höre ich im Dauerregen am Grab des Freundes stehend Tom Waits in Endlosschleife.

Denn gestern gab es ein Highlight sondergleichen (Freud‘ und Leid liegen ja oft dicht beisammen):
Der Gatte hat einen Gewinn eingefahren!

Er hat nämlich die EM gewonnen, also das Tippspiel, bei dem wir mitgemacht hatten. Meine Erfolge haben die Gruppenphase leider nicht überlebt, denn danach habe ich mich zu sehr von meinen Gefühlen oder Hormonen leiten lassen: auf Buffon gesetzt, statt auf Neuer. Dann aber wieder auf Manu statt Hugo. Naja, lauter so Sachen eben. Musste ja schief gehen.

Der Gatte hielt sich lange irgendwo im Mittelfeld der Tipp-Rangliste auf, fast schon verdächtig unauffällig. Um im Tippspiel  zu punkten, hat er ab dem Viertelfinale teils sogar bewusst anders getippt, als er eigentlich tippen wollte. So auch bei seinem finalen Tipp: Er ging davon aus, Frankreich würde gewinnen, setzte dann aber – als einer der wenigen in unserer Tippgemeinschaft – auf einen portugiesischen Sieg. Dieses eiskalte Kalkül hat ihm schließlich zum Durchbruch verholfen (man muss dazu sagen: in derselben Tippgemeinschaft hat er bei der WM 2014 bereits den zweiten Platz errungen, hat also schon etwas Übung). Meinen Glückwunsch, liebster Gatte!!!

Worüber ich mich aber am meisten gefreut habe, ist weder sein 1. Platz, noch die Siegprämie, sondern seine Reaktion auf die gestrige Mitteilung, dass er gewonnen hat.

Aber lest selbst!
Hier der Auszug aus dem Blog, den die Tippspielleitung in Berlin während der gesamten EM täglich mit aktuellen Berichten und Ranglisten gefüttert hat, bis zum (bitteren) Ende – samt Kommentaren.

Die Tippspielleitung am 11. Juli 2016 um 08:37

Guten Morgen Tippgemeinde!

Alle Schlachten sind geschlagen – und wir haben zwei überraschende Sieger, denen das 1:0 die Erfüllung aller Träume brachte:

Da die Presse das Feiern der Portugiesen übernommen hat, verneigen wir uns also vor R. (nun auf ewig mit dem Ehrentitel „Tippspiel-Messi“ versehen), der in einem unglaublichen Finish mit einem 8-Punkte-Volltreffer noch von Platz 5 auf das oberste Treppchen gehüpft ist!

(…) Er erhält als Siegerprämie € 130,00 aus der gemeinsamen Kasse und kann nun seiner Kraulquappe auf den letzten Metern noch ein besonders nettes zusätzliches Geburtstagsgeschenk aussuchen. (…)

 

R. am 11. Juli 2016 um 21:14

Liebe Tippspielgemeinde,

was soll ich sagen: DAS IST DER HAMMER! Auch fast 24 Stunden nach meinem fantastischen Finish kann ich es immer noch nicht recht fassen, den EM-Titel errungen zu haben. Ich sag mal, bei dieser Konkurrenz! Ihr wart echt alle total super, ohne euch hätte ich nie und nimmer meinen sensationellen Endspurt hinlegen können! Dass ich den Sieg verdient habe, steht natürlich außer Frage. Aber selbstverständlich war er halt auch nicht. Ich sag mal, das toppt ja sogar den großen und ruhmreichen FC Bayern! Ihr wisst schon, damals in der Saison 85/86, 33. Spieltag, Bayern zu Gast bei Bremen, Bremen in der Tabelle 2 Punkte vor den Bayern (damals galt noch die 2-Punkte-Regel), Bayern kein einziges Mal in der Saison auf Platz 1. Dann dieser unberechtigte Elfmeter (das war nie und nimmer Hand vom Lerby, hat nachher sogar Käthe Völler zugegeben!) in der 88. Minute für Bremen beim Stand von 0:0. Kutzop tritt an – PFOSTEN!!! Gerecht ohne Ende! Bremen damit nicht Meister, und dann vergeigen die auch noch das letzte Spiel in Stuttgart, während unsere Super-Bayern zu Hause die Gladbacher 6:0 vermöbeln – und ich war dabei! War im Stadion und hab diese unglaubliche Meisterschaft live miterlebt!! Ich sag mal, könnt ihr euch das vorstellen? Da bist du die ganze Saison nie auf Platz 1, also, überhaupt nie nicht. Und dann eroberst du am letzten Spieltag die Spitze! WAHNSINN! Und jetzt stellt euch mal vor, wie sich das anfühlt, wenn man von Platz 5 (!!) auf Platz 1 (!!!) vorstürmt!! GEIL, sag ich euch, GEIL, GEIL, GEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIL!!!!

Andererseits hätt’s auch niemanden überraschen dürfen. Ich sag mal, als Vize-Weltmeister ist man IMMER auch Favorit bei einer EM! Ist ja logisch, weil die WM natürlich mehr zählt als die EM. Wobei ich mich dieses Mal, das muss ich echt zugeben, schon wirklich selber übertroffen habe. Ich sag mal, das macht mir so schnell keiner nach, das war schon echt super von mir!

Wie ihr euch denken könnt, bin ich heut schon öfter gefragt worden, ob ich denn jetzt, als Vize-Weltmeister UND Europameister, an Rücktritt denke. Ich sei ja nicht mehr der Allerjüngste, hat der eine oder andere gemeint. FRECHHEIT! Nicht mehr der Allerjüngste!!! Mit den Jungen nehm ich’s noch immer auf! Da braucht sich keiner auch nur irgendeinen Krümel Hoffnung machen, mit mir ist auch beim nächsten Mal zu rechnen! ICH LASS MIR DOCH NICHT DIE FETTE KOHLE ENTGEHEN!!! (Ok, darf ich auch nicht, ruft mir grad mein Personal Coach aus dem Nebenzimmer zu, hat wohl irgendwie eigenes Interesse an meinen Erfolgen…)
In dem Sinne: Trainiert fleißig, meinetwegen auch bei Olympia, damit ihr mich beim nächsten Mal wieder zur Höchstleistung antreiben könnt!

Servus, euer Tippspiel-Messi for ever

 

Die Tippspielleitung am 12. Juli 2016 um 09:30

Sehr geehrter Herr Tippspiel-Messi,

angesichts dieser Orgie an Selbstbeweihräucherung sieht sich die Tippspielleitung im Rahmen der UEFA-Fairplay-Regeln zu einigen Klarstellungen veranlasst:

1. Bayern München wird generell nie verdient Meister; insbesondere war das auch nicht in der Saison 85/86 der Fall, da sich der Torwart (ein gewisser Herr Pfaff) beim erwähnten Elfmeter viel zu früh bewegt und der Pfosten des Tores die erlaubte Breite um mehr als 50% überschritten hatte (dies seltsamerweise nach dem ersten unbeobachteten Geheimtraining der Bayern). Auf Grund der damaligen Verfilzung der DFB-Spitze mit dem Bayern-Präsidium ist dieser Vorfall der Öffentlichkeit niemals bekannt geworden.

2. Eine Nachfrage bei den „unterlegenen“ Mitspielern des Tippspiels hat ergeben, dass mit deren Tipps eine Bevorzugung der älteren Mitspieler aus Fairnessgründen durchaus gewollt war. So wurden etliche „1:0 für Portugal“ mit Hinweis auf die berühmte „Rentner-Regel“ in den UEFA-Statuten kurzfristig noch in bewusst falsche Tipps geändert, um dem rüstigen Tippspiel-Messi ein letztes Glücksgefühl zu bereiten (auch im Hinblick auf die kommende Bundesliga-Saison).
Dies sollte doch bitte angesichts der ausgeuferten Jubelarien berücksichtigt werden.

3. Die Letzten werden die Ersten sein (alter albanischer Trinkspruch)

Die Tippspielleitung

Tja, auch wenn die Letzten irgendwann die Ersten sein werden, kümmert uns das hier und jetzt herzlich wenig, denn heute suhlen wir uns darin, sich als Erster aus purer Freude ausnahmsweise mal so zu verhalten wie der Allerletzte!
Wobei das moderne Ego-Coaching genau das nicht nur ausnahmsweise empfiehlt: Halte deine eigene Laudatio (Schritt 41 von 44 auf dem Weg zum erfolgreichen Ego, zum wahren Ich oder wohin auch immer). Demzufolge soll man sich ja lieb haben, toll finden und das auch unverhohlen zum Ausdruck bringen. Weg mit der verknöcherten, protestantischen Bescheidenheit – zumal die hier in Bayern eh nix verloren hat!

Der Tippspielleitung sei Dank wurde der Verwendungszweck der Siegprämie zwar sehr sinnvoll festgeschrieben, aber da der Gatte selbstverständlich niemals Geschenke auf den letzten Drücker besorgen muss, weil er bereits mindestens ein Quartal zuvor mit dem Dichten und Denken für den großen Tag seiner Frau beginnt, können wir die stattliche Summe einfach hineinfeiernd verjubeln, verfuttern und versaufen (übrigens Schritt 16 von 44 auf dem Weg zum erfolgreichen Ego, zum wahren Ich oder wohin auch immer)!

Und das geht in der Stadt wahrlich besser als auf einer Hütte im Gebirge.

In guter und gefasster Stimmung grüßt euch –
Die Kraulquappe.