Mit_tendrin oder: Eine kleine Corona-Choreographie.

Mit_tag.

Ein schöner Sonntag, gestern.
Wärmend und berührend, dieser Tag, trotz der kühlen Temperaturen und des frostigen Windes draußen.

Zur Mittagszeit verlassen wir das Haus.
Der Gatte und das Dackelfräulein biegen nach rechts ab, ich nach links.

Mit_tendrin. Mit_denken.

Rechts geht’s zum Polizeirevier, das üblicherweise keines unserer Gassiziele ist, aber der Gatte spaziert dort kurz vorbei, um die Fragen zu stellen, die uns keine der FAQ-Seiten von Zeitungen oder Ministerien hier in Bayern beantworten konnten:
Wie stellen die sich das mit dem Gassigehen denn nun konkret vor?
Nur wohnungsnah, nur im nächsten Park, nur an der nahegelegenen Isar?
Oder kann man auch mit der U-Bahn ein paar Stationen fahren, um etwas weiter südlich durch die dort weitaus leereren Isarauen zu spazieren?
Oder ins Auto steigen und zum Wald am Stadtrand fahren, wo man mal ohne jegliche Begegnung eine Runde drehen kann?
Die Antwort: Ja, man kann.
Und das ist gut so. Wenn das Fräulein jetzt zwei Wochen lang oder bis Ostern oder Pfingsten täglich nur hier vor der Tür durchs Viertel wackeln dürfte, kriegen wir alle in Kürze einen Knall.
Hoffen wir, dass es dabei bleibt, man hat ja eh schon Knalle genug (ein Plural, der mir falsch vorkommt, wenn ich ihn so betrachte, es aber nicht ist).

Links geht’s zum Park, in dem ich üblicherweise meinen Sonntagslauf absolviere. Und dort erlebe ich gestern etwas so Neues und unerwartet Positives, das auch auf das Konto des Cornonavirus geht, eine seiner Buchungszeilen, vor der ausnahmsweise mal kein Minus steht, sondern ein Plus: Denn die Menschen, die sich im Park begegnen, sehen einander heute an, mit nahezu jedem gibt es einen Moment lang direkten Blickkontakt, mit manchen tauscht man ein Lächeln, die Jogger nicken sich stumm und freundlich zu, kein Spaziergänger glotzt in sein Smartphone oder sonstwie abgeriegelt von der Welt vor sich hin, selbst die nicht, die ganz allein dort spazierengehen und etwas in sich gekehrt wirken, auch sie haben das Fenster zu ihrer Umwelt noch einen Spalt weit offengelassen, so scheint es, gucken kurz hinaus und nehmen die anderen wahr.

Jeder passt auf, dass er nicht in den anderen hineinrennt, dreht sich auch mal um, bevor er die Wegseite wechselt, um Kollisionen zu vermeiden, gewährt einem Schnelleren den Vorrang oder wartet, bis ein Langsamerer sich in seinem Tempo weiterbewegt hat, keiner latscht mehr rüpelhaft oder rücksichtslos herum, so als hätte er den Park zur Privatnutzung gepachtet.

Alle schauen sie drauf, dass das mit dem Abstandhalten für sich und auch für die anderen funktioniert, die Kleinfamilien, die Hundebesitzer, die Kinderwagenschieber, die Hand-in-Hand-Flaneure, die Solo-Spazierer, die wenigen Radfahrer, und sogar der dicke, parkbekannte Obdachlose mit seinem unförmigen, alten Hund hat ausnahmsweise seinen Stammplatz an der Hauptwiese des Parks geräumt und sich auf eine Bank in einem Bereich der Grünanlage gesetzt, der wenig frequentiert ist.

Ich frage mich, ob den Eichhörnchen, die überall munter und emsig durch die Baumwipfel hüpfen, dieses neue Tänzchen da unten auf dem Boden wohl auffällt, ob sie diese Corona-Choreographie von oben bestaunen oder ob sie relativ unbeeindruckt von der Umgebung ihrem Hörnchentagwerk nachgehen, wie immer eben, und ganz so, wie wir es ja auch noch bis vor Kurzem taten.

Mit_einander. Mit_menschen.

Es ist ein achtsames, aufmerksames, angenehm ruhiges und fast einträchtiges Miteinander wie ich es noch nie sonntags im Park wahrgenommen habe. Und es fühlt sich an, als wären plötzlich nicht mehr irgendwelche Passanten, sondern konkrete Mitmenschen zeitgleich mit mir da draußen unterwegs.
Gerade durch die Distanz sieht man den Einzelnen ja viel deutlicher als wenn man sich an einem Pulk Menschen vorbeiquetschen oder durch eine kleine Lücke zwischen den Entgegenkommenden hindurchhuschen muss, zwischendurch lege ich sogar meine Kopfhörer ab, um diese Atmosphäre nicht nur sehen und spüren, sondern sie auch hören zu können.

Auf diese Weise und mit dieser neuartigen Choreographie, deren Motto „Mit Abstand zu Anstand“ zu lauten scheint, könnten wir meinetwegen gern häufiger sonntags durch die Münchner Parkanlagen streifen!

Jetzt wäre es natürlich reichlich naiv und unsinnig, anzunehmen, dass durch die COVID-19-Pandemie oder wegen der bayrischen Ausgangsbeschränkungen auf einmal die große Brotherhood-Welle über die Münchner geschwappt wäre und wir alle ab sofort gemeinsam in einem Ozean voller Sozialromantik herumplantschen würden.

Aber vielleicht sind es jene Augenblicke wie die gestern im Park erlebten, die uns jetzt auf positive Weise rausreißen aus unserem vormals so gewohnten, oft wenig hinterfragten Trott (durch den Park, durch den Alltag, durchs Leben) und die uns dazu animieren, mal wieder ganz neu und anders hinzuschauen, was und wer uns so alles umgibt und begegnet, während wir durch unseren kleinen, begrenzten Ausschnitt der Welt spazieren.
Mit Sicherheit ist da jedenfalls mehr Verbindendes und Gemeinsames als nur die vielen negativen Nachrichten, die nun täglich lawinenartig auf uns niederrollen und die zwar jeder für sich, aber eben auch wir alle miteinander, zu (er-)tragen haben.

Mit_teilen. Mit_helfen.

Was ich eh schon immer tat, tue ich auch jetzt, nur noch deutlich mehr als sonst: Nachfragen.

Wie geht’s dir, kommst du klar, brauchst du was, was beschäftigt dich, sollen wir mal telefonieren?

Bei Freunden, Bekannten, Nachbarn. Bei Menschen, die auch einen Hund haben. Und bei denen, die nicht mal einen Hund haben. Und nicht zuletzt auch bei denen, die in irgendeiner Hinsicht zu einer Risikogruppe gehören, so wie leider auch der Papa.

Ein paar Überwindungen sind auch dabei. Ich muss mir zum Beispiel einen Ruck geben und den Sohn der Lebensgefährtin vom Papa kontaktieren, ihn fragen, ob wir uns nicht abwechseln sollen mit Besorgungen für die beiden. Ich muss es aushalten, dass da nur ein lasches und laues Echo kommt, so wie unsere Begegnungen halt schon immer etwas Lasches und Laues hatten, weil uns nun mal nichts verbindet außer der Tatsache, dass seine Mutter und mein Vater zusammenleben. Eine Tatsache, die uns in den letzten zwanzig Jahren zu nichts verpflichtete, ein paar lasche Umarmungen und lauer Smalltalk bei runden Geburtstagen (vor Ewigkeiten auch noch zu Weihnachten und Ostern), mehr war da nicht, mehr brauchte es auch nicht.
An dem Wintertag vor zwei Jahren, an dem mein großer Freund S. den Papa endlich durch das Thema „Patientenverfügung & Co.“ gelotst hatte, habe ich mir die Nummer von M., dem älteren der beiden Söhne der Lebensgefährtin vom Papa geben lassen.
Es war mein damaliger, vorläufiger Schlusspunkt, den ich hinter diese unendliche Geschichte zur Vorsorge für den Notfall gesetzt hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Nummer bald brauchen würde.

Der Papa findet das mit der Versorgung durch M. und mich total überflüssig, die Lebensgefährtin sowieso, die beiden weisen jede Bedürftigkeit weit von sich und unterstellen uns, wir sähen sie jetzt schon mit einem Fuß im Grab stehen.
„Nein, tun wir nicht“, sage ich, „wir wollen nur auf euch Acht geben“. Er kann es nicht annehmen, so wie er auch das Rentnersein oder das Parkinsonpatientsein lange nicht annehmen konnte.
So ist er nun mal, jeder Verlust von Status oder Autonomie wird ein Kampf bleiben, und vielleicht ist’s ja auch besser so als wenn er sich sofort und ohne jedes Auflehnen fügen würde.

Mit_fühlen. Mit_nehmen.

Wie in jeder Krise, so zeigt sich auch in dieser, wer diejenigen sind, die Kontakt, Nähe und Austausch suchen. Die über Gräben springen, vielleicht sogar über ihren Schatten. Die einfach mal anrufen, egal, wie lange man einander nicht gehört hat. Oder eine Mail schreiben oder eine Postkarte schicken (nur Seife schickt noch niemand, aber vielleicht hat der Gatte ja nachher, bei seinem täglichen Jagdausflug, endlich mal Glück). Und umgekehrt: an wen man sich selbst so wendet.

Am Nachmittag klingelt es. Das kommt bei uns nicht allzu oft vor, wir haben auch ohne Corona eher wenig Publikumsverkehr, schon gar nicht sonntags.
Der Gatte fragt über die Türsprechanlage, wer da sei. Von unten vor der Haustür meldet sich mein noch recht neuer Freund, der hübsch Bewimperte, und flötet hinauf, dass er der Frau Kraulquappe gern etwas vor die Tür legen wolle, ganz kontaktlos und diskret, versteht sich.
Er war beim einsamen Spaziergang mit seiner Hündin an einem To-go-Blumenladen vorbeigekommen, einem dieser Selbstpflückfelder, und hatte dort – „Mit Handschuhen!“, wie er versichert – ein paar Narzissen für mich mitgenommen.

Ich verdrücke mir ein Tränchen, als ich die sonnengelben Blumen von der Fußmatte nehme und auf die Fensterbank stelle, und im nächsten Moment lache ich mit dem Gatten mit, der amüsiert das Sträußlein kommentiert: dass das ja auch mal eine Premiere sei, dass mir ein anderer Mann in seinem Beisein Blumen vorbeibrächte.
Stimmt, das hatten wir noch nicht. Wobei ich mich sowieso nicht dran erinnern kann, dass mir jemals ein anderer Mann während der Abwesenheit des Gatten Blumen gebracht hätte. Überhaupt bringt man(n) mir eher mal einen Strauß aus Paragraphen oder Kabelbindern mit, wenn ich so drüber nachdenke (und das gäbe mir jetzt glatt zu denken, wenn ich noch weiter drüber nachdächte).
Nur N., der vor vier Jahren seinen letzten Atemzug in den Schnee hauchte und sich dann für immer vom Acker gemacht hat, der meinte mal, wenn er mir je eine Blume schenken würde, wozu es nie kam, dann wäre es eine Narzisse. Aber das ist eine andere Geschichte und eine über die Jahre mehr und mehr verwelkende und verblassende Erinnerung.
Weil ja alles im Laufe der Zeit und des Lebens von etwas Anderem, von etwas Neuem abgelöst wird.

Auch auf der Schneise der Verwüstung, die dieses Virus hinterlassen wird, gedeiht irgendwann wieder etwas Anderes, etwas Neues.
Ob es sonnengelbe Narzissen sein werden oder schnödes Unkraut, das vermag momentan keiner zu sagen, wir wissen es nicht, niemand hat das derzeit in der Hand.

Aber wer wir in dieser Zeit füreinander gewesen sind, das haben wir in der Hand.
Und es ist das, was uns bleiben wird.

Mit_singen. Mit_machen.

Am frühen Abend kündigt Brenley MacEachern von Madison Violet auf Facebook ein kleines Wohnzimmerkonzert an.
Purer Zufall, dass ich das mitbekomme, denn eigentlich will ich nur kurz einer schwedischen Blogkollegin einen Gruß via FB-Messenger schicken und stolpere bei der Gelegenheit in meiner Timeline über diese Meldung aus Ontario. Man darf Brenley vorab requests schicken – ist ja super!

Es wird dann eher ein Treppenkonzert: Um 16 Uhr (Toronto Time) sitzt sie mit ihren zwei Gitarren und einem Cowboyhut daheim in Kanada auf einer Stiege – und singt und singt und singt.
Zwischen 100 und 140 Menschen sind live mit dabei. Und singen vielleicht mit.

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fbrenley.maceachern%2Fvideos%2F10163649151515497%2F&show_text=0&width=560

Es ist mein erstes Wohnzimmerkonzert in diesem Stil: unfrisiert und in Jogginghose auf der Couch lümmelnd, das Dackelfräulein zwischen meinen Beinen eingekringelt, die Wolldecke drüber, die Schneider Weiße neben mir, das Laptop auf dem Schoß, der Gatte nebenan (zur feierabendlichen Rekreation historische Fußballspiele guckend, glaub ich, weil ich „Robben! Robben!“-Rufe höre, nicht vom Gatten freilich, sondern aus dem Lautsprecher des PCs), irgendwann kommt er rüber, setzt sich zu mir und lauscht ebenfalls der netten Kanadierin.

Es würde mir übrigens keinerlei Umstände bereiten, per Mausklick für diesen Musikgenuss und solche Privatkonzerte eine Spende nach Ontario zu schicken.
Dasselbe gälte natürlich für New Jersey und die Steiermark, falls sich auch dort mal jemand daheim musizierenderweise auf sein Showtreppchen setzen möchte.

Hey, ihr wunderbaren Musiker da draußen, lasst eure Auftritte nicht ausfallen!
Spielt und singt weiter und schweigt jetzt nicht!
Ich bin dabei.

Schon der Hammer.

Um 9:35 Uhr kurvt die erste Polizei-Patrouille durch die menschenleere Allee vor der Haustür. Mit Durchsage, versteht sich. Megalaut. Wacht mit Sicherheit auch die letzte Schnarchnase davon auf.
Bitte nicht noch früher!, denkt man da kurz, denn wenn man schon nicht hinausdarf ohne triftigen Grund, dann möchte man wenigstens auch ohne triftigen Krach da draußen sein Frühstücksei löffeln und die Zeitung lesen können.
Meine diesbezügliche Empfehlung heute: der Artikel „Die gehorsame Gesellschaft“ aus der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Am besten noch nicht vor dem Erstkaffee und auch erst, wenn die schlafverklebten Augen schon etwas klarer in den Tag blinzeln, da sonst womgölich intellektuell noch zu herausfordernd, zumindest ging es mir so.

Beim Morgengassi entdecke ich, dass jemand auf jede vierte Windschutzscheibe in der Reihe der parkenden Autos „Wir lieben Demokratie“ geschrieben hat. Nein, nein, nicht etwa mit einer Spraydose! Sondern einfach mit dem Finger in den Schnee gekratzt. Über Nacht hat es nämlich wieder geschneit. Vorgestern noch mit hochgekrempelten Ärmeln und Hosen (und sogar barfuß) auf einer Bank gesessen, heute wieder Mütze und Handschuhe, aber allmählich wundert man sich ja über gar nichts mehr.

Der Schwimmbadentzug macht sich langsam bemerkbar, und das offenbar nicht nur bei mir.
Der Gatte, der ja neben seinem Zweitjob als häuslicher Serienbeauftragter (ein nicht zu unterschätzendes Amt in Corona-Zeiten) ja noch einen Drittjob als Pressespiegelbeauftragter hat (damit ich nicht ständig mit dem großformatigen Papier hantieren muss), legt mir kichernd eine Zeitungsmeldung neben mein Quittengeleebrot.

Da es in meinem Ganzjahresfreibad keine Scheiben gibt, die man einschlagen könnte, behelfe ich mir erstmal anderweitig, schnüre nun wieder meine Asics und sprinte springsteenbeschallt und selbstverständlich schön sozialdistanziert ein paar Runden durch den nahegelegenen Park.
Fürs Immunsystem, fürs Abschalten, fürs Frischlufttanken. Und mittlerweile scheint sogar die Sonne.
Das sollten genug der triftigen Gründe sein.

Ihnen allen einen schönen Sonntag!

PS: Weiß zufällig jemand, wieso der angeratene Abstand zum Mitmenschen hier in Deutschland mindestens 1,5 Meter betragen soll, man in Österreich aber nur 1 Meter empfiehlt? Husten unsere Nachbarn etwa anders, haben sie eine geringere Tröpfchendichte im Ausgehusteten oder fliegen die Aerosole dort einfach langsamer durch die Luft, quasi eine österreichische Variante des Virus, die sich dem nationalen, so angenehm unhektischen Tempo dort angepasst hat?

Mountainview with a Star.

Das Dackelfräulein liegt im Sessel vom Papa und schläft, der Papa und ich sitzen am großen Esstisch und schweigen. Er liest Zeitung, ich arbeite am Laptop.

Es ist still im Haus, wir genießen das. Obwohl wir im Moment auch nicht reden könnten, selbst wenn wir wollten, weil der Papa für die nächsten Stunden Ober- und Unterkiefer aufeinanderpressen muss, damit die Tamponade die Wunde, die durch den vorhin gezogenen Backenzahn entstanden ist, desinfiziert und beruhigt.

Dass dem Papa heute beim ersten Biss in die Morgensemmel ein Backenzahn zerbrochen ist, passt wie die Faust aufs Auge: damit hat er sich als Erster erfolgreich aus der Affäre gezogen. Ein möglicher Diskutant weniger heute Abend, das könnte die Lage verschärfen.

Ohnehin darf mit Spannung erwartet werden, was als nächstes passiert, hier im Hause am Fuße des Wallbergs.

*****

Meine Arbeit geht nur schleppend voran, die Worte flutschen nicht, geschweige denn dass ein roter Faden für die Geschichte in Sicht wäre. Überhaupt schleppe ich mich eher etwas beschwerlich durch die Tage als dass ich leichtfüßig durch sie hindurchtänzelte.

Nach nur 48 Stunden im Exil ist gestern Abend ein erster Tiefpunkt erreicht. Innerlich kurz vor Abreise, äußerlich kurz vor Losbrüllen.

Die Lebensgefährtin des Papas, künftig G. genannt (G., wie das Großbürgerliche Grauen), entwickelt mit voranschreitendem Älterwerden verstärkt keifende, missmutige Züge. Früher war sie einfach nur laut und nervig, jetzt ist sie laut, keifend, miesepetrig und nervig.

Man möchte es kaum für möglich halten, was während eines lieben langen Tages so alles „falsch“ sein, Kopfschütteln und Kritik auslösen kann.
Nichts an mir scheint zu passen, nahezu jede Banalität ist ein Grunzen, Gemecker oder einen Kommentar wert.

– Wie kann man nur ständig zum Frühstück eine Breze essen? (Weil es mir schmeckt.)
– Warum hast du deine eigene Marmelade dabei, hier gibt’s doch auch welche? (Weil ich lieber eine nicht so überzuckerte Marmelade esse.)
– Was ist denn das für ein komisches Müsli? (Eines aus dem Bioladen, das ich mir von daheim mitgebracht habe.)
– Wieso nimmst du keine H-Milch in den Kaffee? (Weil ich H-Milch hasse.)
– Warum hast du dein eigenes Waschpulver dabei? (Weil ich diese süßlich stinkenden Waschmittel nicht riechen kann.)
– Wie kann man nur bei Nieselregen zum Laufen gehen? (Weil ich mich gern bewege und froh bin, dich dann eine Stunde weniger sehen oder hören zu müssen.)
– Wozu brauchst du den Staubsauger, das Studio wurde gesaugt bevor ihr kamt? (Weil wir nun den 6. Tag dort oben mit Hund wohnen und es gern sauber haben.)
– Warum nimmst du denn nicht meine Rinderbrühe für dein Risotto? (Weil ich diesen Glutamat-Hefeextrakt-Schrott niemals zum Kochen verwenden würde und in mein Gemüse(!)risotto prinzipiell keine Rinder(!)brühe reinkommt.)
– Wie unnötig, den Fenchel so kleinzuschneiden, das ist ja viel zu viel Arbeit! (Wer kocht heute? Du oder ich?)
– Warum presst du dir zwei Orangen aus, wir nehmen jeder nur eine? (Wo ist das Problem? Hab mir ein ganzes Netz voller Orangen mitgebracht und teile es gern mit euch.)
– Was soll jetzt an deinen Bio-Eiern besser sein, die sehen doch genauso aus wie meine? (Ist mir zu blöd, wir diskutierten das bereits, ergebnislos.)
– Warum muss dieser Hund so ein Luxusfutter bekommen, das vom Lidl ist doch viel billiger? (Halt die Fresse.)

Die Antworten in Klammern habe ich übrigens fast allesamt so nicht gegeben, sondern sie mir nur gedacht, denn G. kommt mühelos auch ohne Antworten klar, weil ihr Gekeife sowieso nicht als Einladung zum Gespräch, als ernsthaft interessierte Nachfrage oder gar Verstehenwollen gemeint ist.

Gestern Abend verheddern wir uns zu dritt im Thema „Was kochen und essen wir die nächsten Tage“. Wir wollten uns mit dem Kochen abwechseln, mal ich, mal die beiden, so war’s abgemacht. Das Abendessen ist die einzige, längere gemeinsame Zeit am Tag, was auch gut so ist, denn es kommen ja eh täglich noch kurze Begegnungen im Haus dazu, die sich durchaus summieren.

Der Papa schlägt ein Gericht vor, fragt mich, ob ich darauf Lust hätte. Ich verneine höflich. Wir wollen gerade gemeinsam weitere Ideen wälzen, da grätscht G. dazwischen. Was mir denn nun an dem Vorschlag nicht passe und wieso wir das nicht essen könnten und wieso der Papa sich schon wieder weichkochen lasse von mir und auf diese Sonderwünsche einginge. Der Papa wehrt sich und meint, ich müsse hier nichts essen, was mir nicht schmecke, ganz einfach, und es gäbe schließlich noch genug andere Rezepte, und wir hätten uns bislang immer auf was einigen können.
G. grunzt grantig und zieht die Mundwinkel hinunter bis zu den Armlehnen des Sofas, auf dem sie hockt.
Ich schlage vor, dass die beiden sich dieses Gericht doch ruhig kochen sollen und ich dann einfach nur von den Beilagen esse, mit denen ich völlig zufrieden bin, und betone zum x-ten Mal, dass ich eh nur selten Fleisch esse und wenn, dann eben nur ausgewähltes und ich aber nicht erwarte, dass sie das auch so handhaben. Als ich versöhnlich ein „Jeder darf doch hier essen, was ihm schmeckt und behagt“ ans Ende dieser unseligen Debatte setzen will, eskaliert das Gekeife: mir würde ja nichts schmecken und behagen und man sähe das ja schon an diesem Luxushundefutter, wie seltsam es um meinen Geschmack bestellt sei.
Daraufhin explodiert erst der Papa („Jetzt gönn doch dem Hund sein Futter!“), danach ich (sage: „Warum hast du eigentlich an allem, was ich esse, etwas auszusetzen?“ und denke: „Ich feinde dich doch auch nicht an, weil du dir diese gruselige, ranzige Kondensmilch in deinen Kaffee kippst!“).

*****

Ich sag’s Ihnen: Patchwork-Familien sind ein Traum! Und Dreierkonstellationen ebenso. Mit beidem habe ich zwar langjährige Übung, aber die hat offenbar nicht das Geringste gebracht. Das mit G. und mir, das funktioniert einfach nicht, obwohl ich mir schon vor drei Wochen eine Haltung zu diesem Wasserschaden-Exil-Aufenthalt hier zugelegt hatte (oder es zumindest versucht habe) – aber mehr als Duldung ist nicht drin, erstaunlich, dass nun offenbar nicht mal die gelingt, und ich überlege, ob G. mich wohl hier rausekeln möchte oder ob ich eher als Ventil für ihren angestauten Frust über den Papa fungiere.
Der macht ihr nämlich auch nichts mehr recht, es ist ein ständiges Widersprechen und Dagegenhalten und Herummosern.
Seine Parkinsonerkrankung wirkt in diesem Lichte wie eine Reflexion des Status quo seiner Lebensgemeinschaft mit G. – alles wird zusehends regloser und starrer, dem einen hängt eine ganze Körperhälfte herab, dem anderen die Mundwinkel. Deprimierend ist das.

Ich hätte heute Vormittag, während G. sich mit ihren saturierten, verwitweten Canasta- und Tennis-Tanten zum freitäglichen Tratsch im Café trifft, den Papa mal drauf ansprechen wollen, denn mehr als ein paar verbundene, gequälte Blicke haben wir über diese Sache noch nicht austauschen können. Nun darf er aber wegen seines Besuchs beim Dentisten nicht sprechen und letztlich bin ich im Augenblick auch froh um jede weitere Anstrengung, die mir erspart bleibt.

Vielleicht später, wenn G. beim Friseur ist. Oder beim Abendessen, wenn sie dabei ist und sich gerade darüber grämt, dass ihr mein Risotto hervorragend mundet und es darüber nichts zu meckern gibt außer der Ungeheuerlichkeit, dass die Küche schon vor dem Essen weitgehend wieder aufgeräumt ist („so zwanghaft wie dein Vater!“).

*****

Der Morgenblick aus dem Dachfenster kann hier leider nicht immer halten, was er verspricht. Obwohl der wirklich schön ist.

Und obwohl er sogar noch von einem Star gekrönt wird, der jeden Morgen auf dem Dachgiebel des Nachbarhauses sitzt und den zur Neige gehenden Winter und den nahenden Frühling bezwitschert.

Da logiert man nun in einer Gegend, in der andere Urlaub machen, sich zur Kur aufhalten, Hochzeiten feiern oder ihre Seelen baumeln lassen, und ist ansatzweise schon wieder auf der Flucht: nun nicht mehr vor den Bauarbeiten daheim in München, sondern vor den bad vibrations einer Endsiebzigerin.

Es gibt natürlich Garstigeres als täglich drei bis fünf Stunden das Tegernseer Tal oder die hiesige Bergwelt zu durchstreifen, aber es gäbe eben auch was zu Arbeiten, wozu man mal einige Stunden Ruhe am Stück bräuchte und eine dem Arbeitsprozess zuträgliche häusliche Umgebung.

Versucht man’s dann in einem Café am See, in das man Dackelfräulein und Laptop mitnimmt, wird auch nichts draus. Man hat – als ahnungslose Zugroaste – aus Versehen den Lieblingsplatz zweier Spezls aus dem Dorf erwischt, die genau dort für ihren Männerplausch zu sitzen belieben.

Weil die beiden einen aber nicht auch noch in die Flucht schlagen wollen, setzen sie sich einfach dazu und der eine stürzt sich gleich auf Pippa („i hob amoi so oan ghobt, der is ma vui z’friah gstorbn“), der andere auf mich: „Sagen Sie, dürfte ich Ihnen ein Gedicht vortragen, das ich über den Tegernsee geschrieben habe? Mich würde interessieren, wie das auf eine junge Frau wirkt!“.
Ich schmunzle über das Attribut „jung“, kommentiere es und werde belehrt, dass ich aus seiner Warte (er ist 84 und ein paar zerquetschte, wie er sagt) sehr wohl „jung“ bin. Alles eine Frage der Perspektive.

Es wird dann ein netter, herzlicher, interessanter, inspirierender und ausgesprochen anregender Nachmittag mit den beiden Herren, ein Theologe und ein Onkologe übrigens.

Sie spendieren eine Runde Gebäck und Trüffel aus der Vitrine („in unserem Alter muss man die Feste feiern, wie sie fallen!“), wir sprechen über Gott und die Welt, über Berg und Tal, über Leben und Tod. Werden wir die Tage wohl fortsetzen, haben ja auch noch nicht von allen 25 Trüffelsorten gekostet.

Wieder nicht zum Arbeiten gekommen.
Dafür gut getrüffelt und gelaunt mit dem Fräulein am Seeufer heimwärts geschlurft.

Sie sehen, ich bin in allerbester Gesellschaft.
Sollten Sie erstmal nichts mehr von mir hören, müssen Sie sich keine Sorgen machen: der Onkologe wirkt auch mit seinen über 80 Jahren noch wie ein kompetenter und hellwacher Arzt und der Theologe hat sogar schon Reden für Seebestattungen verfasst.

*****

Westwärts oder: Feels like Finsdorf.

Eine Fahrt in eine Richtung, die noch nie die meine war.
Graue Landschaften und trostlose Dörfer huschen draußen vor dem verschmierten Zugfenster vorbei. Immerhin, der ICE ist pünktlich und ich habe ein Abteil für mich.
Die Reise ist zu kurz, um in mir irgendwo anzukommen, daher bleibt sie einfach eine Fahrt von A nach B.

Am Zielort erblicke ich für einen winzigen Moment mein Spiegelbild im Fenster der Zugtür, die sich gleich öffnen wird, und denke: Oh je! Krank irgendwie, arg blass und hohlwangig.
Der, den ich für einen Freund hielt und den ich vielleicht eines Tages – die Zeit und die Akteure werden’s zeigen – wieder dafür halten werde, holt mich am Bahnsteig ab.
Um ein Haar verfehlen wir einander: er guckt in die falsche Richtung und ich erkenne ihn erst auf den zweiten Blick. Auch er gerade alles andere als das, was man das blühende Leben nennt.

Eine ganze Menge steckt in den beiden Terminen, die uns an diesem Tag bevorstehen: Meine Zeit, seine Hoffnung.
Ich fühle mich wie eine Anwältin auf dem Weg zur entscheidenden Verhandlung. Mein ebenfalls angespannter Mandant fährt uns beide zum Amtsgericht. Was freilich nicht der Fall ist, da ich keine Juristin bin und er nicht mein Mandant.
Vielmehr reisen wir in eine Sphäre, die jener der Capitol-Filiale in Finsdorf ähnelt, was jetzt nur die Stromberg-Fans verstehen werden, was aber auch wurscht ist. Irgendeine schwäbische Gemeinde halt, mit schwätzende Sachbearbeiter und häuslebauende Filialleiter (nein, ich habe die Deklination nicht verhunzt, sondern der dortige Dialekt hat sie verschluckt), die Mischd sagen zu Dingen, die nix taugen und ein geknödeltes Adeee zum Abschied.

Es läuft den Umständen entsprechend gut.
Das Meiste, das ich derart akribisch plane und vorbereite, läuft gut, wenn mir nicht andere oder eben irgendwelche Umstände in die Quere kommen und mich in meinem Tun behindern. Rein energetisch und strukturell betrachtet war ich noch nie ein Fan von Teamarbeit in größerem Umfang, aber das ist ein anderes Thema.

Am Nachmittag stolpere ich mit hämmernden Kopfschmerzen aus dem zweiten Termin heraus.
Fertig. Geschafft. In jeder Hinsicht.
Von allen Wettern begleitet kutschiert der Mandant uns wieder über die wie eh und je vollgestopfte A8 zurück zum Ausgangsort. Halb verhungert steuern wir dort das nächstbeste Lokal an, zufälligerweise von Interieur und Speisekarte her eine halbwegs gelungene Hommage an meine Heimatstadt. Nur Breze können sie hier weder im Singular noch im Plural korrekt schreiben, geschweige denn aussprechen.

Langsam entspannt sich die Situation.
Zusammen gießen wir ein bayerisches Bier über diesen Tag. Für das Ertränken des in den Wochen zuvor Geschehenen bräuchte man ein kleines oder mittleres Fass, aber man muss ja noch heimkommen und von Nachhaltigkeit wäre diese pennälerhafte Maßnahme ja auch nicht gekrönt.
Ein Gespräch, ja, das wär’s wohl, aber dazu müssten mal beide zeitgleich in der Verfassung sein und mindestens einer den Anstoß geben.

Meine Sohlen sind durchgelaufen.
Dies nicht nur als Metapher für den Status quo, sondern auch ganz real. Der nasskalte Schlonz, der auf dem Asphalt liegt, kriecht mir auf dem Weg zum Bahnhof unangenehm in die Stiefel, in die Waden, die Beine hinauf und von dort weiter bis ins Herz.
Mir klappern die Zähne, ich fühle mich untergewichtig, beinahe wie in Auflösung begriffen, und als wir uns an Gleis 2 verabschieden, bin ich tatsächlich nur noch ein dünner, wackliger Strich, der sich in der beschlagenen Scheibe eines Schaukastens spiegelt, in dem der Wagenstandanzeiger hängt.

Warum fühlt man sich eigentlich so gut wie nie richtig gewichtig ausgewogen, sondern entweder schwer wie Blei oder wie ein Blatt im Wind?, frage ich mich, als ich mich in dem schmuddligen Intercity auf irgendeinen freien Platz setze.

Draußen hebt der, der mich gerade verabschiedet hat, die Hand und winkt. Ich winke zurück.
Wir lächeln uns etwas schief zu, was gut passt zu all den schrägen Umständen und überhaupt diesem ganzen Tag.
Dann geht er. Nach ein paar Schritten dreht er sich nochmal um.
Das hat er von mir!, schießt es mir durch den Kopf, denn als ich ihn kennenlernte, war er kein Umdreher, sondern einer, der einfach ging.

Und in dem Moment kann ich doch noch einmal unschief lächeln, was er aber nicht mehr sehen kann.

Hinauf.

Wenn da unten mal wieder etliche Wege verstellt sind, bleibt ja nur der Weg nach oben.

Ein kurzer Gruß aus der Blogpause!

Cessante causa cessat effectus.

So simpel ist das: Wenn die Ursache (z.B. vergebliches, stundenlanges Warten auf DHL oder spontan verschobene Handwerkertermine oder unter krassem Unterzucker beinahe verursachter Unfall) wegfällt, entfällt auch die Wirkung (z.B. Wutanfälle, Frust, Kniezittern).

Distanz ist schon was Wohltuendes. Noch dazu bei Sonnenschein.

Gestern war schrecklich. Bis auf den Balkontisch hat nix so geklappt wie es sollte. Nix! Und im Grunde war ja selbst die Sache mit dem Balkontisch eine Abweichung vom Geplanten.

Zur Krönung am Abend: Die mörderisch steile Auffahrt aus der neuen Garage war so sandig, dass die Reifen durchdrehten (und ich mit ihnen). Steht man da, mitten auf der Schräge, mit angezogener Handbremse, weil zuvor fast an die Wand gedotzt, und von oben kommt Nachbar Herr T. mit dem Radl und staunt nicht schlecht als er mich da so kreidebleich hängen sieht. 

Nach 20 Minuten hatten wir’s dann zu zweit geschafft, den Kombi rauszufahren. In solchen Situationen lernt man sich ja gleich richtig gut kennen. Nett ist er, und geduldig. Auto hat er keins, beinahe hätte ich ihm das Geständnis entlockt, dass er’s kurz vor seinem Einzug verhökert hat.

Wenn ich das alles mal hinter mir habe, schreibe ich vielleicht einen Umzugsratgeber inkl. der Kapitel „Bestellungen und Lieferungen ohne Amoklauf meistern“, „Der erfolgreiche Beschwerdebrief als Ventil und Ersatz für die Boxbirne“ sowie „Making friends: In 15 Minuten auf Du und Du mit den neuen Nachbarn“.

Heute bewusst nach drei Stunden am Schreibtisch einen Schnitt gemacht, ab ins Schwimmbad und danach raus zum See. Das Endziel „Bootsverleiher“ muss im Blick behalten werden.

Erholsame Ostertage wünscht 

Die Kraulquappe.

PS: Wegen des lateinischen Zitats und bevor da wieder eine Frage kommt: Nein, das ist kein Klugscheißerblog. Ich mag Latein einfach. Es gehörte zu den wenigen Schulfächern, an denen ich Freude hatte.