Von Tauben und Menschen.

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Ich stehe in der Abflughalle eines Flughafens und warte auf den Freund.
Wir haben einen gemeinsamen Termin, etwas wichtiges Zukünftiges hängt daran.
Die Zeit drängt, eine Lautsprecherstimme hat das Gate ausgerufen. Vom Freund weit und breit keine Spur.
Ein geradezu typischer Zustand. Seine Unsichtbarkeit und Unzuverlässigkeit bin ich längst gewohnt, daher versuche ich, nicht sofort nervös zu werden, denn erfahrungsgemäß kommt er meistens noch. Zwar auf den letzten Drücker und oft in desolater Verfassung, aber er kommt.
Das Gate wird ein zweites Mal ausgerufen. Jetzt werde ich doch unruhig, greife zum Handy, rufe den Freund an. Wie immer klingelt es ins Leere, auch das bin ich längst gewöhnt. Es gibt keinen Menschen, den ich so zuverlässig nicht erreiche wie ihn.
Ich versuche es mit einer Textnachricht: Wo bist du? Ruf mich bitte an, es ist dringend!

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Kurz darauf ruft er tatsächlich zurück. Ist nach meiner aufgebrachten Frage, wo er denn bliebe, ganz erstaunt, dass unser Flug heute, genauer gesagt jetzt dann geht (ja sowas, ist denn schon Mittwoch?, will er wissen – Nein, sage ich, es ist Dienstag, aber unser Flug war schon immer für den heutigen Dienstag gebucht!).
Oh, dann hätte er sich wohl im Tag geirrt, mache sich aber nun auf den Weg und würde sich beeilen.

Wir beenden das Telefonat umgehend, weil wir keine Zeit mehr zu verlieren haben und mir ohnehin nichts mehr zu sagen einfällt.
Ich bin sprachlos ob dieser Vergesslichkeit. Nehme meinen Rollkoffer und mache mich auf den Weg zum Gate.

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Als ich auf dem Laufband stehe, folge ich einem Impuls: ich habe Lust loszurennen. Ich renne so schnell ich kann, unter mir das sich ebenfalls vorwärts bewegende Laufband, das dadurch entstehende Körpergefühl finde ich äußerst ulkig und denke: Lustig, das ist ja, als würde man sich gleich selbst überholen und abheben und fliegen. Herrlich!
Am Ende des Bandes angekommen setze ich den ersten Fuß (immer noch im Laufschritt) auf den hell gefliesten, blitzsauberen Boden und stürze beinahe kopfüber, weil der Untergrund ja nun nicht mehr rollt. Huch!

Etwas außer Atem komme ich am Gate an. Trete zu der langen Fensterfront, von der aus man wie von einer Empore auf das Rollfeld hinabschauen kann. Greife in die Manteltasche, um das Handy herauszuholen und dem Freund nochmal Bescheid zu geben, dass ich jetzt im Wartebereich bei Gate 261 sei und dass die Maschine noch nicht da sei, er es also vielleicht noch schaffen könne, wenn er die Beine unter die Arme nähme.

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Während ich seine Nummer in der Kontaktliste suche und mehrfach über das Display wische, denn bis zu seinem Namen muss ich diese Liste bis unten durchscrollen, fällt mein Blick auf das Rollfeld.

Dort unten tanzt jemand, umringt von Tauben. Kann das sein? Mitten auf dem Rollfeld?
Ich schaue genauer hin und erkenne in dem Tanzenden den Freund. Er tanzt nicht im herkömmlichen Sinne, sondern er dreht sich auf der Stelle, ein bisschen wie in Trance, immer um die eigene Achse – Was für eine grandiose Symbolik!, denke ich sofort, denn nichts könnte besser passen -, fuchtelt mit einem Gegenstand herum, macht Wurfbewegungen, die Tauben umflattern ihn, und als ich noch genauer hinsehe, entdecke ich, dass es eine kleine Papiertüte ist, mit der er herumfuchtelt und in die er immer wieder hineingreift, um ein Stück von einer Semmel abzubrechen.
Den Teigbrocken zerpflückt er dann in viele kleine Stückchen und wirft sie den Tauben zu, die Geschickten fangen die Krumen gleich im Flug auf, andere schwirren hektisch um ihn herum und gehen leer aus, ein paar der Vögel warten faul am Boden sitzend darauf, dass dem Freund ein Bröckchen aus der Hand oder einer anderen Taube eines aus dem Schnabel fiele und sie auf diese Weise etwas abbekämen.

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Staunend betrachte ich dieses Spektakel und mir wird klar: der Freund hat mich vergessen und er hat auch vergessen, dass er sich gerade eben noch beeilen wollte, so wie er zuvor auch den Flug vergessen hatte, und wie er ohnehin so vieles vergisst (oder ausblendet oder abklemmt), weil er in seiner ganz eigenen Realtiät lebt, die nur eine kleine Schnittmenge mit der Wirklichkeit da draußen hat (jene Wirklichkeit, in der es Freunde und Uhrzeiten und Flüge und Termine und Zukunftspläne gibt) – und oft wohl nicht einmal die.

Ich lasse mein Handy zurück in die Manteltasche gleiten. Betrachte ihn, wie er sich da unten auf dem riesigen, betonierten Rollfeld um sich selbst dreht und dabei Tauben füttert, er tut das mit einer Selbstvergessenheit wie man sie von einem Kind kennt, das einem plötzlich daherfliegenden Ahornblatt oder Schmetterling hinterherläuft, ganz fasziniert von der Buntheit des einen oder dem Flügelschlag des anderen, und das darüber völlig vergisst, dass es ja auf dem Weg zur Schule oder zur Klavierstunde oder wohin auch immer war – und das folglich zu spät kommen oder sich verlaufen oder nicht mehr wissen wird, wohin es eigentlich unterwegs war.

(Tatsächlich sah ich den Freund einmal – fernab jedes Orts- und Zeitgefühls, wie mir schien – auf einer betonierten Fläche stehen und Vögel füttern. Krähen waren es. Und er tanzte nicht.)

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Auf einmal hält der Freund kurz inne, dreht dann eine letzte Pirouette. Besonders schwungvoll soll sie aussehen, sie wirkt aber einfach nur affektiert.
Anschließend taumelt er mit herumrudernden Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, auf eine Parkbank zu, die am Rande des Rollfelds steht. Ein Mensch sitzt dort, von hinten sehe ich nur dessen Umrisse.

Die Tauben erschrecken über den plötzlichen Ausbruch des Freundes aus ihrer Mitte, flattern wild auf und quittieren den unerwarteten Abbruch der Fütterung mit lautem Kreischen.
Es ist ein großer Schwarm, wie ich jetzt erst bemerke. Dutzende Vögel sind dort unten und sie kreischen so laut, dass ich es bis hinauf in den Wartebereich von Gate 216 hören kann. Als der Freund die Bank erreicht hat, landen sie wieder und sind still.

Plötzlich ist meine Perspektive auf das Rollfeld eine andere und ich kann erkennen, dass es die Mutter ist, die dort unten auf der Bank sitzt.
Der Freund redet nun mit der Mutter, ich sehe auch, wie ihre Lippen sich bewegen und noch mitten im Traum denke ich verwundert: Sieh an, von den Toten auferstanden ist sie und sogar die Sprache hat sie wiedergefunden, trotz ihrer Krankheit…
Er hält ihr die Papiertüte hin, in der sich die Semmeln befinden, neigt sie etwas nach vorn, damit die Mutter hineingreifen und sich ein Stückchen abrupfen kann. Als er merkt, dass ihr diese Bewegung schwerfällt, setzt er sich neben sie auf die Bank. Blass sieht er aus. Und abgemagert.

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Gemeinsam werden sie gleich die Tauben füttern, denke ich. Aber ich werde es nicht mehr sehen, der Flug wird soeben zum letzten Mal aufgerufen, ich muss mich auf den Weg machen.

Das Letzte, was ich sehe, ist das welke, bleiche Gesicht der Mutter, die kloßartig auf der Bank sitzt (oder ist’s gar ein Rollstuhl?), nahezu reglos bis auf ein müdes Lächeln, als sie unendlich langsam in die Semmeltüte hineingreift.
Verblichen ihre Theatralik und ihr Talent, sich bestmöglich in Szene zu setzen und der ganzen Inszenierung ihre ureigene, oft für ach so genial gehaltene Note aufzudrücken, um nicht zu sagen: ihre Fanfare.
All das ist verblichen, ihr Auftritt endlich mal ruhig und unspektakulär.

Ich empfinde eine tiefe Zufriedenheit beim Anblick dieser so neuen und ungewohnten Wahrhaftigkeit und bin zugleich der Fensterfront dankbar, dass sie mich durch ihre dicken Glasscheiben spürbar von dieser Szenerie trennt, dass sie mich abschirmt von den beiden dort unten.
Von Menschen, die den Vogel, den sie haben, ebenso regelmäßig wie selbstverliebt mit der Taube des Heiligen Geistes verwechseln.
Von Menschen, die so in sich und ihre Welt verschraubt sind, dass sie nie dort waren, wo sie hätten sein müssen, manchmal vielleicht sogar sein wollten.
Wo man fest mit ihnen rechnete.
Wo man sie gebraucht hätte.
Wo man auf sie gewartet hat.
Vergeblich.

Das Letzte, was ich in diesem Traum denke, ist: Da haben sich ja zwei gefunden, sollen sie mal zusammen dort unten hockenbleiben – ich werde jetzt fliegen.

Es ist ein friedlicher Gedanke, gleichwohl folgt ihm ein innerer Aufruhr, ein mahnendes, anklagendes: Warum bin ich nicht schon längst geflogen?

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Mit diesem Gefühl wache ich auf.
Finde mich in Seitenlage ganz nah an der Bettkante vor, dem Bettinneren zugewandt, nicht dem Abgrund.

Das Erste, was ich wahrnehme, als ich die Augen öffne, ist ein auf Brusthöhe und von dort im 90°-Winkel von mir weggestreckt liegendes, ellenlanges Dackeltier, das mit seiner Nasenspitze fast bis zur anderen Bettkante reicht.
Unser einziger Kontakt: ihr Hinterteil an meinem Solarplexus, eine der sensibelsten Stellen meines Körpers.

Ein Arzt fragte mich vor vielen Jahren einmal, ob und wenn ja, wo an bzw. in meinem Körper ich mich (wir wollen uns hüten, vom wahren Selbst oder der eigenen Mitte oder irgendetwas in der Art zu faseln) denn am deutlichsten fühlen oder verorten würde.
Ganz spontan tippte ich damals auf den Solarplexus und sagte: „Da wohne ich!“
Und so ist es geblieben: wenn ich überhaupt irgendwo in mir wohnhaft bin, dann exakt dort.

Ein warmes, weiches Dackelhinterteil beim Aufwachen aus so einem Traum an genau diesem Punkt innerster Heimat und größter Empfindsamkeit zu spüren – das ist wunderbar.

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Beim Duschen nochmal über den Traum nachgedacht und mich im Zuge dessen an den Tauben-Song schlechthin erinnert: When doves cry.

Den Text beim Haarewaschen repetiert (ein wandelndes Songbook der 70er und 80er Jahre bin ich, nichts sonst – von ein paar Schiller-Balladen und einer Handvoll anderen Gedichten mal abgesehen – konnte ich mir je so schnell und nachhaltig einprägen wie Liedtexte).

When doves cry. Noch ins Handtuch gewickelt in YouTube nach der Musik gesucht. Ewig nicht mehr gehört.
Lieber nicht das Video von dem Toten (so nackt, so verloren, so dunkel), sondern dieses hier (eh die bessere Stimme):

Maybe I’m just too demanding
Maybe I’m just like my father too bold
Maybe you’re just like my mother
She’s never satisfied (She’s never satisfied)
Why do we scream at each other
This is what it sounds like
When doves cry

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On tour: Zwischen Kiefer und Fichte.

Greetings to S. – not from Asbury Park but from the Wiesn.

Servus, Minga!

Selten so auf eine Zugfahrt gefreut.
Einfach mal gut drei Stunden dasitzen, fern der Wohnung und des Werkelns, aus dem Fenster gucken, dem einen oder anderen Gedanken nachhängen und -spüren. Oder ihn sogar notieren.

ICE-Lieblingsplatz: Einzelsitz am Waggonende.

Nachher wird mich S. am schönen Leipziger Bahnhof abholen, wir werden zur Begrüßung schmunzeln, weil wir beide unsere Springsteen-Shirts tragen, werden dann zum Hotel schlendern, unsere zwei Einzelzimmer beziehen, uns anschließend in die Altstadt aufmachen, wo wir uns bei 25 Grad in einen schattigen Lokalgarten setzen, dort Essen und Trinken, und am frühen Abend spazieren wir dann rüber in den großen Stadtpark, in dem ab 20 Uhr der Kiefer rockt. Nach all den Fichten in der Wohnung mal eine willkommene Abwechslung.

Ein kleines, feines Sommer-Open-Air, auf das ich mich seit Monaten freue. Es mit S. zu teilen, wird prima sein. Ein Rosie-Sandy-Mary-Candy-Wendy-Feeling, denn der Bruce hat uns zusammengebracht (und vielleicht ist uns auch das ja eines Tages noch vergönnt, mal gemeinsam auf ein Springsteen-Konzert zu gehen, wer weiß).

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So wie der Bruce vor fast genau 5 Jahren (meine Güte: wie die Zeit verfliegt!) in derselben Stadt T. und mich zusammengebracht hat. Kleine Konstanten im Leben: ich trug dasselbe Shirt wie heute und es war ebenfalls ein herrlicher Sommertag. Damals: Open-Air in der Red-Bull-Arena. Zufällig nebeneinander gestanden, vorn in der Arena.

T. versuchte, mit einem dicken, schwarzen Edding ein Request-Schild zu bepinseln, „Local hero“ sollte draufstehen. Zu wacklig, das Ganze. Gemeinsam ging’s dann besser mit dem Beschriften. Und fast vier Stunden später – nachdem man gemeinsam zu „Back in your arms“ fast geheult hatte und beim Encore denselben Favoriten bejubelt hatte („Bobby Jean“) – tauschte man Adressen und Telefonnummern aus, umarmte sich in der lauen Sommernacht und sagte „Wir sehen uns wieder!“, was dann auch so war.
Eine Begegnung, die bis heute Bestand hat. Der Bruce & seine Musik schweißt einen zusammen (natürlich nur, wenn’s drüber hinaus auch noch was gibt, das verbindet), das war schon immer so.

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Leipzig 2013 war aber nicht nur einer meiner Springsteenschen Sommernachtsträume, sondern auch mein vorletzter Konzerttrip mit M., dem jahrelang besten Freund und Begleiter zu allen Konzerten vom Boss. Letzte Begegnung dann 2016 in Berlin, mit Abschied vor den Toren des Olympiastadions – passenderweise nach dem Springsteen-Konzert (jenes, bei dem ich in einem einsamen Moment voller Andacht und Melancholie dachte: möglicherweise ist das das letzte Mal, nicht nur mit M., sondern überhaupt.)

Ich sehe uns noch vor dem Alten Rathaus in Leipzig sitzen, 2013 im Sommer, am Tag nach der Leipziger Konzertnacht, mit Sonnenbrillen vor den müden Augen, plaudernd und in Eiskaffees rührend, und ich erinnere mich ebenso genau, wie ich die wachsende Erkenntnis auszublenden versuchte, dass M. das Fragen mehr und mehr einzustellen schien und sich mit einer Selbstzufriedenheit, die mir unheimlich war, in seinen Anekdoten einzurichten begann und sich geradezu gemütlich darin sonnte. Fraglos, kritiklos, bezugslos.

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Es gibt diese Menschen, die irgendwann keine Fragen mehr an andere haben. Mit denen man eines Tages fast nur noch Story gegen Story tauschen kann und wo Zuhören und Anteilnahme durch schalen Applaus und das heimliche Warten auf Stichworte ersetzt werden.

Auf Stichworte, die den Startschuss geben für den schnellen und geschmeidigen Rollenwechsel, vom Applaudierer zum Anekdotenerzähler und umgekehrt – übrigens eine Kommunikationsform, die man auch gut auf Partys beobachten kann: Hör ich dir zu, hörst du mir zu, aber eigentlich hört niemand mehr hin, sondern jeder nur noch sich selbst.

Ein Graus.

Und danach gehen sie lachend und zufrieden und vielleicht ein bisserl beschwipst heim und sagen sich „Was hab ich mich heut wieder gut unterhalten!“ und genauso ist’s ja auch, das „ich mich“ trifft’s so exakt! – ein Selbstgespräch hätt’s auch getan, wäre da nicht die Gier nach Applaus (selbst wenn’s oft nur ein geheuchelter ist).

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Mir fällt dazu immer ein Satz von Leonhard Frank, dem Würzburger Schriftsteller, ein: „Er war egozentrisch wie ein Kreisel, der sich noch im Totlaufen schwankend um sich selbst dreht.“

Ich kannte ein paar solcher Kreisel, meist trennten sich die Wege irgendwann. Nach einiger Zeit der Beobachtung bekam ich vom bloßen Zusehen einen heftigen Drehwurm, mir wurde unerträglich schwindlig und ich taumelte von dannen.

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Der ICE rauscht an Bamberg vorbei. Ich denke an H., die hier mal studiert hat und meine Besuche bei ihr. Von Würzburg aus übers Land gezuckelt mit dem kleinen roten Fiesta. Damals hörte man im Auto noch Musik auf Kassetten und schnippte die Zigarettenasche beim Fahren aus dem offenen Fenster. 20 Jahre später reist man mit cleaner Sportlerlunge in klimatisierten Wägen.

Glaubt man den väterlichen Überlieferungen, nahm ich meinen ersten Schluck Bier aus einer Flasche Bamberger Rauchbier. Die herben Geschmacksnoten hatten es mir in der Kindheit angetan. Oder der schmucke Bügelverschluss oder das Ploppen, wenn man ihn öffnete. So erzählt es der Papa jedenfalls.

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Noch eine knappe Stunde bis Leipzig. Zeit für die Kopfhörer und ein letztes Mal „Shirley Jean“, mein vermutlich meistgehörter Song 2018, nachher dann live on stage. Wie schön!