57 questions (and nothin‘ less) oder: Es ist nie zu spät.

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Die Menschheit unterteilt sich ja nicht nur in Männer und Frauen, Katzenliebhaber und Hundefreunde, Pechvögel und Glückspilze, Couchpotatoes und Bewegungsjunkies, Pessimisten und Optimisten, Landbewohner und Stadtmenschen – nein, sie unterteilt sich auch in Frager und Nichtfrager. Man ist keinesfalls beides, sondern immer nur eines von beidem.
[Im Folgenden wird aus Gründen der Vereinfachung bewusst auf genauere Differenzierung verzichtet. Nur so viel: Selbstredend gibt es Frager, die nicht immer und überall fragen, sowie Nichtfrager, die gelegentlich auch mal Fragen stellen. Dennoch: in Tendenz ist jemand entweder das eine oder das andere.]

Was mich angeht, so gehöre ich zu den Fragern und umgebe mich, das muss ich gestehen, auch lieber mit Gleichgesinnten. Weil es auf lange Sicht kommunikativ besser und runder läuft, weil die Beteiligten einfach weniger holpern und stolpern, wenn man in der Hinsicht aus dem gleichen Holz geschnitzt ist. Man tut sich leichter im Miteinanderreden, erfährt mehr voneinander, gerät öfter in spannende Diskussionen, kann den eigenen Standpunkt durchs Gefragtwerden besser überprüfen, zeigt dem anderen durchs Nachfragen, dass man sich seine Belange nicht nur gemerkt hat, sondern aktiv daran Anteil nimmt und wirklich wissen will, wie es um ihn bestellt ist.

Dennoch bin ich aufrichtig darum bemüht, meinen Kommunikationshorizont zu erweitern und mich auch im Umgang mit Nichtfragern zu üben, vereinzelt sind mir sogar schon längere Freundschaften mit selbigen geglückt. Ich weiß mittlerweile, dass diese ihr Nichtfragen teils mit „Diskretion“ oder „Vorsicht“ erklären oder damit, nicht zu aufdringlich, plump, direkt oder neugierig wirken zu wollen und daher lieber abwarten, ob und wenn ja, was der andere von sich preisgeben möchte. Zu dem Mitgeteilten fragen sie dann wiederum aus Diskretion/Vorsicht/Rücksichtnahme nicht viel (oder gar nichts) nach, nehmen das Erzählte aber wohl zur Kenntnis, so versicherte man es mir zumindest schon des Öfteren.

Manche betreiben das sogar innerhalb ihrer Partnerschaft so, vermutlich handelt es sich hier auch um Beziehungen unter Gleichgesinnten – also zweier Nichtfrager.
Für mich wäre das ziemlich undenkbar: Von jemandem, mit dem ich Tisch, Bett, Badewanne, Sofa, Plätzchenteller von Rischart, Alltag, Freizeit, Hotelzimmer und Hund (kurz: mein ganzes Leben) teile, erwarte ich keine Diskretion in der Kommunikation, mit der Ausnahme, dass er Dritten gegenüber Stillschweigen darüber bewahren möge, welches Design meine Badeente hat oder wie ungelenk ich aussehe, wenn ich in meiner ausgebeulten Haushose und unter enormen Verrenkungen auf die Couch klettern muss, um das darauf bereits in aller Länge ausgestreckte Dackelfräulein keinesfalls in ihrem Schönheitsschlaf zu stören.

Und auch in Freundschaften brauch‘ ich das nicht, diese Vorsicht oder Diskretion. Mich darf man alles fragen – und ich halte es genauso. Denn schließlich hat man es ja mit erwachsenen Menschen zu tun, die gegebenenfalls (also falls ihnen eine Frage als zu indiskret aufstieße oder anderweitig unpassend vorkäme) einfach sagen können, dass sie jetzt gerade oder generell dazu nichts antworten können oder wollen. Das habe ich dann zu respektieren.
Umgekehrt handhabe ich es ebenso: es gibt durchaus manchmal Fragen, die ich nicht beantworten kann oder will, und dann sag‘ ich das eben. Für mein Empfinden ist das der einfachste Weg, miteinander zu kommunizieren. Alles andere ist in meinen Augen komplizierter, denn schließlich unterstellt man seinem Gesprächspartner mit diesem aus Vorsicht nichtfragenden Verhalten ja auch, dass er/sie evtl. nicht in der Lage sein könnte, sich gegen die Frage zu wehren, ja, als wäre er ihr geradezu hilflos ausgeliefert und womöglich überfordert von ihr. Das mutet fast schon wie eine Art von Bevormundung an (so nach dem Motto „ich frag sie/ihn das lieber nicht, nicht dass sie/er sich bedrängt fühlt“), mindestens aber wie eine unangebrachte Unterstellung.

Ich wünsche mir also, dass andere mir ihre Fragen zumuten und mir damit (statt allem möglichen Unsinn) die Mündigkeit unterstellen, dass ich mich so zu reagieren traue, wie ich in dem Moment empfinde: antwortend, ablehnend, ahnungslos, auf später verweisend oder – was ja auch ab und an mal vorkommt – die Frage an sich zurückweisend und ggf. (sofern ich mir dessen schon gewahr sein sollte) erläuternd, wieso diese Frage für mich die „falsche“ Frage ist (es gibt ja so Themen, die im eigenen Universum nicht mal ansatzweise vorkommen, so dass man dazu definitiv nichts sagen könnte, selbst wenn man wollte – beispielsweise, wenn mich jemand fragte, ob ich eher Horrorfilme oder Science-Fiction bevorzuge oder ob ich lieber Trippa alla fiorentina oder Surströmming essen würde).
Fragen sind jedenfalls niemals indiskret, lediglich Antworten können es bisweilen sein. Ich finde Fragen und Gefragtwerden spannend, weil es Nähe schafft, zu Genauigkeit anhält, Differenzen offenlegt, Austausch fördert, Verständnis vertiefen und Unverständnis vermeiden hilft.

Manch einer findet ja auch deshalb keinen Gefallen an der Fragerei, weil er die eventuellen Konsequenzen einer Antwort nicht tragen möchte. Weil ihm die Antworten, die er erhalten könnte, womöglich erneut das Ungemach des Eingehens auf den anderen, einer wahrhaft dialogischen Auseinandersetzung mit ihm, bescheren könnten. Oder sie ihn gar zu einer spontanen Reaktion nötigen könnten. Denn es gibt ja so Antworten, da kannst du nicht nichts dazu sagen, wenn du nicht als völliger Stoffel oder Ignorant dastehen willst (Fragen kann also auch riskant sein, wenn sich mit der Antwort ein Abgrund auftut, in den man nicht hat blicken wollen, wenn’s auch nicht der eigene ist).

Auch hier ist die Unterstellung die Prämisse des Handelns: denn der Nichtfragende kann ja nicht a priori wissen, was der Nichtgefragte im Falle des Gefragtwordenseins überhaupt geantwortet hätte. Er unterstellt ihm aber munter und bar jeder vernünftigen Grundlage eine irgendwie heikle Antwort, vermeidet schließlich aufgrund dieser Unterstellung die Frage und bleibt dadurch nicht nur unwissend, sondern als Konsequenz seiner unüberprüften Annahme auch noch sehr ungut auf seiner womöglich ziemlich falschen Spekulation sitzen.

Der Nichtgefragte hingegen bleibt ratlos und vielleicht etwas enttäuscht sitzen, sofern er selbst ein Nichtfrager ist. Ist er aber ein Frager, wird er eventuell wissen wollen, wieso der andere nicht nachfragt und genau diese Frage auch stellen. (Zu-viel-)Gefragt-Werden ist für den Nichtfrager jedoch meist ein großer Stress, so dass sich an diesem Punkt gern weiteres Konfliktpotential auftut: ein weites Feld der Verhedderung und Verständnislosigkeit wird betreten (und nicht selten suchen beide dann lieber das Weite).
Frager und Nicht-Frager brauchen gutes Schuhwerk und viel Ausdauer, um diesen Acker gemeinsam zu beschreiten, ihn zu bestellen, ihm gar Fruchtbarkeit und Ertrag abzuringen.

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In dem Kontext fällt mir eine Situation aus dem Kollegenkreis meiner ehemaligen Firma wieder ein.

Von den über 60 Kollegen in der Abteilung wussten seinerzeit – die Begebenheit ist viele Jahre her – mindestens die Hälfte, dass mir eine größere Operation bevorstand, denn die längere Abwesenheit war bereits weit vor dem Eingriff verkündet worden. Von diesen 30 Personen hatte ich mit gut der Hälfte durchaus viel zu tun.
Genau einer hat mir damals, bevor ich für ein paar Wochen den Dienst quittierte, eine Frage gestellt: „Hast du denn Angst vor dieser Operation?“, wollte er wissen. Ich habe mich riesig gefreut, dass einer sich traute, genau diese Frage zu stellen, und damit den Mut bewies, die Antwort nicht nur hören zu wollen, sondern sie auch auszuhalten, egal wie sie ausfallen würde.
„Ja, ich habe Angst“, antwortete ich, und J. sah mich an und ertrug es einfach, dass ich genau das sagte (und nicht mehr, aber auch nicht weniger) und entgegnete, das würde ihm wohl auch so gehen und er wünsche mir, dass alles gut ginge. Das werde ich ihm nie vergessen, wenngleich ich schon vorher wusste, dass er nicht zu denen gehörte, die sich ständig durch übermäßig lautes und persönliches Getue auf dem Flur oder in der Kaffeeküche anzuwanzen versuchten, aber bei der erstbesten Gelegenheit, bei der mal mehr als nur Getue gefragt gewesen wäre, kläglich und geradezu hilflos verstummten.

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Neulich erhielt ich überraschend Post aus Rheinland-Pfalz (um ein Haar hätt‘ ich wieder „Saarland“ geschrieben, dabei ist das grottenfalsch).

Der Absender war T., mit dem ich nahezu seit Beginn unserer Freundschaft in unregelmäßigen Abständen immer wieder in Diskussionen, wenn nicht sogar Streit darüber gerate, dass und v.a. wieso unser jeweiliger Wissensstand vom (Leben des) anderen ein recht unterschiedlicher sei und dass dieses Ungleichgewicht daher rühre, dass er so gut wie nie Fragen stellen würde.
Auch hier vereinfache ich nun stark, denn Sie wollen wirklich nicht in die Einzelheiten dieser Dispute eintauchen, da bin ich sicher. Sehr sicher sogar, denn nicht mal T. oder ich wollen da im Nachhinein nochmal tiefer eintauchen. In zähen Phasen unserer Verbindung hatte das geschilderte Phänomen schon zu wechselseitiger Totalverstummung geführt. In guten Phasen begleitete es uns als Running Gag.

Nach über fünf Jahren soll nun offenbar, so wirkt es auf mich, seit ich die Postsendung öffnete, die Zeit des Nichtfragens enden und eine neue Ära eingeläutet werden: denn T. hat sich hingesetzt und alles notiert, was er schon immer mal wissen wollte (mich aber bisher nicht zu fragen wagte oder mal abwarten wollte, ob ich mich eines Tages auch ungefragt dazu äußern würde).
57 Fragen sind es geworden, fein säuberlich abgetippt und durchnummeriert, auf 6 DIN A4-Seiten (natürlich kein Zufall, dass es 57 an der Zahl sind, denn T. ist wie ich Springsteen-Fan und versucht an jeder möglichen und unmöglichen Ecke einen versteckten oder auch offenen Hinweis auf einen Psalm aus dem gemeinsamen Bruceeversum einzuflechten).

57 Fragen also.
Ein Meisterwerk der Indiskretion und Unvorsicht ist dabei herausgekommen! Aber hallo!
Dinge will er wissen, von denen ich gar nicht weiß, ob ich sie je gewusst habe oder noch wissen will… (wie z.B. die Abiturnote oder die ursprünglichen Berufswünsche u.v.m.).
Heute Abend – die Wohnung ist endlich fertig, ich bin erkältet und habe folglich Zeit und Ruhe – werde ich mich nun hinsetzen und seine Fragen beantworten.
Ja, da brauchen Sie jetzt gar nicht staunend die Augenbrauen hochziehen wegen der Anzahl.
57 Fragen bzw. 57 Antworten, das geht locker an einem Abend, denn T. hat – in weiser Voraussicht und weil er mich nach fünf Jahren fraglosen Befreundetseins vielleicht doch gar nicht so schlecht einschätzen kann – unter jeder Frage nur Platz für einen etwa zweizeiligen Freitext gelassen, so dass man gar nicht in Versuchung geraten kann, ins Schwafeln zu kommen.
Manche der Fragen sind zudem bereits so gestellt, dass sie eher auf eine Ja/Nein-Antwort hinauslaufen, wofür dann ja nicht mal die zweite Zeile benötigt würde, außer man ist unschlüssig und streicht die Antwort mehrfach durch und schreibt sie erneut hin usw. Und im Fall der Abiturnote bedarf es eh nicht mehr als einer Zahl – da lasse ich sogar freiwillig die Nachkommstelle weg und fasse mich extrem kurz.

Dafür gestattete ich es mir jetzt hier in meinem Blog, dieses Thema nochmal ohne Beschränkung auf zweizeilige Zusammenfassungen aufgefächert zu haben, mich quasi warm geschrieben zu haben für die abendliche Antwort-Orgie zu T.s Fragenkatalog.

Und außerdem verdient manche Erkenntnis es einfach, festgehalten zu werden.
Diesmal: Man sollte die Nichtfrager unter seinen Freunden niemals nicht unterschätzen, manche sparen sich das ganze Gefrage einfach nur fünf Jahre lang auf (für den einen, großen Wurf 🙂 ).

Es ist wirklich nie zu spät für Überraschungen.

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I came home and I pointed it out into the stars
A message came back from the great beyond
There’s fifty-seven questions and nothin‘ on…

Ein zweiter Versuch über die Liebe: Zeugen.

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Es war wenige Tage vor meiner (Erst-)Hochzeit.
Nach einem langen Arbeitstag saß ich mit Kollegen an der Bar eines bedeutungslosen Hotels im ebenso bedeutungslosen Sankt Ingbert, das irgendwo östlich von Saarbrücken liegt, als mich eine Freundin anrief und sich nach meiner Verfassung erkundigte und fragte, ob alles in Ordnung sei, so kurz bevor ich den Bund fürs Leben schließen würde. Ihren Job als Trauzeugin schien sie ziemlich ernst zu nehmen.

Ich schnappte mir meinen Drink, verzog mich auf mein Hotelzimmer, da solche Nachfragen natürlich nicht vor Kollegenohren beantwortet werden konnten.
Recht unvermittelt stellte sie mir im weiteren Verlauf des Telefonats eine echte Gretchenfrage: Ob ich mir in meiner Liebe zu M. denn sicher sei, wollte sie wissen. Was sie damit genau meine, wollte ich zurückwissen. Naja, sagte sie, ob es eben so sei, wie in No surrender und wie wir uns die Liebe damals, als wir 16 waren, vorgestellt hatten, und diese Ahnung, einem Manifest gleich, mit weißer Tusche auf schwarzem Papier für die Ewigkeit festgehalten, eingerahmt und in unseren Jugendzimmern übers Bett gepinnt hatten.
„Ich glaube schon“, entgegnete ich, und spülte den seltsamen Nachgeschmack, den diese Antwort sogleich auf meiner Zunge hinterlassen hatte, schnell mit dem restlichen Cocktail hinunter. Die Freundin ließ natürlich nicht locker, so wie sich das gehört für wahre Freunde, und legte nach: „Wie, du GLAUBST es nur? Und du meinst, DAS wird reichen?“ – „Ja, ich denke, dass es reichen wird“, hörte ich mich sagen.

Nun ja, es hat nicht gereicht.
Und das Verflixte daran war, dass ich es ganz genau gewusst hatte, damals, auf dieser Hotelbettkante sitzend, mit dem viel zu süßen Mai Tai in der einen und dem Telefonhörer mit der Trauzeugin dran in der anderen Hand.

Eine zurechtgedachte Liebesmöglichkeit war es, die ich fühlen und festhalten wollte, damals, auf meiner verzweifelten Suche nach einem Ort, den ich mein Zuhause würde nennen können.

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Den Anfang vom Ende der Freundschaft mit C. besiegelte nach einem zweijährigen, mit großer Mühe und Qual verleugneten Auseinanderleben schließlich ein Satz, der bei einer abendfüllenden Diskussion im „Radha“, unserem Stamm-Inder, fiel.
Er war C.s Antwort auf meine Frage, ob und wenn ja, weshalb sie – glücklich verheiratet und Mutter einer fröhlichen Tochter im Grundschulalter – sich eigentlich noch ein weiteres Jahr mit dieser extrem nebenwirkungsreichen Hormonbehandlung schinden wolle, nur um irgendwie und mit aller Macht vielleicht doch noch die Voraussetzung für ein zweites Kind schaffen zu können, das dann via Eizellspende in einer spanischen Klinik gezeugt bzw. ins Leben gerufen werden sollte.
„Weißt du, ich habe einfach so viel Liebe zu geben“, antwortete sie mir damals.

Huch!?!
Entweder hätte ich dazu den Rest der Nacht weiterfragen müssen oder ich hielt für immer meinen Mund zu dem Thema. Ich entschied mich fürs Beibehalten der Sprachlosigkeit, in die mich dieser Satz schlagartig hatte verfallen lassen.
Es war das erste Mal in unserer langen Freundschaft, dass wir beide froh waren, als der Inder um uns herum die Stühle hochzustellen begann und damit unmissverständlich das Zeichen zum Aufbruch gab.

Bald darauf trennten wir uns einvernehmlich.
Als sie mir meinen Hausschlüssel in den Briefkasten warf, lag ein Zettel bei. „Mir ist die Liebe abhanden gekommen, um unsere Freundschaft fortzuführen.“, war darauf zu lesen.

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An einem schwülwarmen Sommernachmittag, ich saß schwitzend, barfuß, ermattet und lustlos in meinem Büro, klopfte es energisch an meine Tür, und ohne mein „Ja?“ oder „Herein!“ abzuwarten, betrat Frau G. den Raum. Nein, sie betrat ihn eigentlich nicht, sondern sie stolzierte herein, affektiert wie eine überdressierte Lippizanerstute. Schüttelte die Mähne, blähte die Nüstern und kam schließlich schnaubend nach einem Hufstampfen zum Stehen.

Frau G. war die neue Lebensgefährtin von A., mit dem ich viele Jahre zuvor eine kurze Affäre gehabt hatte, die aus diversen Gründen nicht das Zeug zu mehr hatte.
Einer davon war der, dass A. sich nach wenigen Wochen entschloss, als Demonstration seiner Liebe all jene CDs zu erwerben, die ich zuhause in meinem Musik-Regal stehen hatte. Bei einem der Wochenendbesuche bei ihm dudelte mir, als ich aus dem Auto stieg und durch das Gartentürchen Richtung Haus ging, von der Terrasse Drive all night entgegen (an einem Mittag im Hochsommer! ja, ist das denn die Möglichkeit? – nein, das geht gar nicht, das ist ein Song für Dunkelheit und schlaflose Nächte! aber woher sollte er das auch wissen?).
Drinnen sah ich dann die vielen Springsteen-, Waits-, Dylan-CDs – meine Musik! – neben seinem Wasserbett liegen, auf dem ich schon bald nicht mehr umherwuppern würde, wie mir in dem Moment schwante.
A. und ich hatten dann recht bald keinen Kontakt mehr, außer man lief einander zufällig in der Firma über den Weg, was so gut wie nie der Fall war.

Zurück zu dem Auftritt von Frau G. an jenem Sommernachmittag.
A. war zwischenzeitlich ein hohes Tier in der Firma geworden, und dank des Flurfunks hatte ich auch bereits erfahren, dass er was mit einer seiner Mitarbeiterinnen, nämlich Frau G., angefangen hatte.
Im Stillen fragte ich mich, welche CDs er wohl angeschafft haben würde und ob Frau G. überhaupt Zeit zum Musikhören hatte, bei all der Karriere, die sie so verbissen zu machen versuchte.
Frau G. war eine sehr energische Person auf sehr hohen Absätzen (die sehr energische Geräusche machten), mit sicht- und spürbarer Disziplin von der allgemeinen Fitness über die Figur bis zur Frisur (in jeder einzelnen getönten Strähne eine Spannung wie in den durchgestreckten Knien und dem kerzengeraden Rücken), einer durchdringenden, harten Stimme (die durch das rollende „r“ ihres osteuropäischen Akzents noch an Schrecken gewann), kettenrauchend und permanent im Kampfmodus.

In meinem Büro stehend holte sie entschlossen Luft und zischte mir zu: „A. hat mirrr alläs von Ihnän errrzählt, ich habe Ihrrrä Brrriefä von frrrüherrr geläsen und ich möchte Sie warrrnän: Wagän Sie äs ja nicht, meinen A. noch jämals zu kontaktierrrän. Denn wirrr sind fäst zusammän und wirrr liebän uns – und zwarrr für immärrr! Das wirrrd Ihnen A. auch gerrrnä bäzeugän!“
Was für eine Ansage, ich war sehr beeindruckt und zugleich sehr verwundert, was wohl den Anlass gegeben haben könnte, dass Frau G. plötzlich meinte, mir das mitteilen zu müssen.
Lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück und versicherte ihr, ich habe schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu A. und sei sicher, dass er das ebenso bezeugen könne wie das feste Zusammensein mit ihr.
Sie schnaubte noch ein paarmal, scharrte mit den Hufen und verließ mit wehender Mähne mein Büro.

„Für immärrr“ hat dann übrigens keine zwei Jahrrrä gedauert (Frau G. flog anschließend auf den Schwingen ihrer Karriere auf und davon).

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Heute Mittag zum Spaziergang an den See gefahren.
Auf halber Strecke wie immer Einkehr auf ein wärmendes Getränk. Ein Paar um die 60 sitzt am Nebentisch und plaudert im Säuselton über das eigene, noch so frische und unbesudelte Zusammensein und grenzt sich zur Zementierung der Exklusivitätssehnsucht verbal heftigst von allen anderen ab, allen voran von „de junga Leit, die wo des Kuscheln verlernt ham“. Dabei sei das doch das A&O einer Liebe, wenn es halt eine echte Liebe sei, so wie die ihre, und nicht nur um schnellen Sex ginge, so wie bei de junga Leit heidzudog.
Man vergewissert sich durch permanentes Getätschel dieser Echtheit oder seiner selbst oder des Feuers, das zwischen ihnen lodern möge. Erst vor zwei Wochen hatte man einander bei Feierlichkeiten gemeinsamer Bekannter am Eibsee kennengelernt. Und man hat noch so viel vor – aber hallo!

Er schwafelt sie voll mit der x-ten Wiederholung der gemeinsamen Kennlernstory, die gerade mal 14 Tage alt ist und bei der sie ja wohlgemerkt ebenfalls zugegen war, aber seinen Worten lauscht, als höre sie das alles zum allerersten Mal.
Sie hängt an seinen Lippen, schiebt ihr Dekolletee mit jedem seiner Sätze weiter über die Tortenstücke, und schließlich entfährt ihr ein kleines Stöhnen, während er die Details jenes Abends für sie ausschmückt als verfasse er gerade ein Drehbuch für eine opulente Seifenoper: „Als ich dich zum Buffet gehen sah, mit deinen wippenden Brüsten und deinem weiblichen Hüftschwung, da war es sofort um mich geschehen, da wusste ich: Die Frau musst du haben, der musst du die Sterne vom Himmel holen. Und zwar alle!“. Weil die Lautstärke bei seinem heißblütigen Monolog etwas aus dem Ruder gelaufen war, hebt sie den Finger vor die Lippen und deutet ihm an, leiser zu sprechen. „Das darf jeder hören, meine Liebe!“ – schmettert er lautstark ihren Fingerzeig ab.

Als unfreiwilliger Zeuge solch herausposaunter Leidenschaft bereits ein wenig errötet – Knistern und Funkenflug sind längst im gesamten Lokal spürbar! – versinke ich tiefer und tiefer in die Polster meiner Sitzbank und wage es kaum, meine heiße Schokolade mit dem metallenen Löffel umzurühren. Man möchte ja weder auffallen, noch stören!
In der hintersten Ecke des Seelokals stochert ein anderes älteres Paar derweil stumm in dem gemeinsamen Viktoriabarsch herum, der mit glasigen Augen und in traurigtoter Seitenlage den Spätherbst der Ehe seiner Verzehrer kaum perfekter symbolisieren könnte.

Im Mittelpunkt des Restaurants hat das glühende Bekenntnis eine kleine Atempause eingelegt. Die beiden Frischverliebten führen vor Erregung bebend synchron ihre Kaffeetassen zum Mund, nippen daran und blicken einander unendlich lange und tief in die Augen.
„Du bist ja so ein Kuschelbär!“ haucht sie ihm dann zu, erhitzt lächelnd und mit nervösen Fingern das kleine Kreuz der Halskette in ihrer Busenfalte neu ausrichtend, danach den Ober heranwinkend, um sich ein weiteres Tässchen zu bestellen.
„Ich kann keinen zweiten Kaffee trinken, meine liebe Inge“, sagt er, „sonst steh‘ ich heut Nacht senkrecht im Bett, wegen dem zweiten Haferl – und wegen dir ja sowieso.“. (Der alte Kuschelbär – höhö!)

Wo kämen wir nur hin ohne eine Portion Größenwahn in Liebesdingen?, denke ich. Wir blieben alle armselige Gefangene in unseren Gehäusen und Flüchtlinge vor dem Leben.

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Das Dackelfräulein und ich spazieren am Seeufer entlang zurück zum Parkplatz.
Mir sind die Taschentücher ausgegangen. Die Haselpollen nehmen darauf keine Rücksicht und fliegen weiter munter umher. Ich schniefe so vor mich hin, ziehe die Nase hoch, behelfe mir mit dem letzten, völlig durchnässten Fetzchen und dem eh schon vom Ballspielen versauten Handschuh. Das Gerotze nervt ziemlich. Irgendwann fluche ich.

Pippa dreht sich sofort um, wirft mir einen besorgten Blick zu, und weil ich just in dem Moment erneut und offenbar dramatisch schniefe, kommt sie zu mir und stupst mit ihrer Nase an mein Bein.
Es ist dieses spezielle Stupsen, das so viel bedeuten soll wie „Na, mein Mensch, ist alles gut mit dir? Ich bin doch da!“, und das mich jedesmal zutiefst rührt.
Also beruhige ich sie, sage ihr, dass alles gut ist, gebe das Kommando zum Weiterlaufen, dem sie auch folgt. Da ich aber nach wenigen Schritten schon wieder seltsame Nasengeräusche von mir gebe, wiederholt sich das Ganze: Umdrehen, Gucken, Kommen, Stupsen. Diesmal belasse ich es nicht bei „Alles gut“ und „Geh schön weiter“, sondern beuge mich zu ihr hinunter, streichle sie und ernte dafür noch einen Stupser.

Und dann passiert es, ich kann es nicht zurückhalten,und sage diesen Satz, den ich eigentlich nur zuhause hinter verschlossenen Türen ausspreche, weil sie ihn ja sowieso nicht versteht und weil man sich und anderen daher diese Peinlichkeit in der Öffentlichkeit ersparen sollte: „Ich liebe dich über alles!“
In dem Moment höre ich Schritte hinter mir. Das Viktoriabarsch-Paar hat uns eingeholt und muss den Satz gehört haben. In seinem starren, blassen Gesicht hat der Schimmer eines Schmunzelns Einzug gehalten und in ihrem vormals so trostlosen Blick ist ein fernes Funkeln zu erkennen.
Ganz kurz lächeln wir einander wortlos an und einige Zeit später, als man sich am Parkplatz erneut begegnet, sagt er zu ihr „Schau, der nette Dackel!“ und sie zu ihm „So einen hätte ich auch gern!“.

Zum Abschied nicken wir uns freundlich zu, ich steige ins Auto und denke: Liebe kann sich auch anfühlen wie eine Leerstelle, die die Wirklichkeit mit nichts zu füllen vermag.
Und bin für einen Augenblick versucht, die Autotür nochmal zu öffnen und den beiden zuzurufen, dass es nun Frühling wird und sie sich doch dieses Hundeliebesglück einfach gönnen sollen.

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Alle Fotos aus der Ausstellung „Du bist Faust“ (Kunsthalle München)

Snowflakes are perfect. Zum 4. März 2018.

Liebe H.,

vor ein paar Tagen, als ich dir auf deine Mail antwortete, gestand ich dir ja bereits, dass mein Brief in diesem Jahr nicht mehr bis zum 4. März eintreffen würde. Nicht nur wegen der Zustelldauer der Post bis in die Schweiz, nein, allein, weil er noch gar nicht geschrieben wurde. Und auch das Geschenk wird es nicht mehr rechtzeitig geschafft haben, ist aber immerhin schon unterwegs.
So bleibt mir heuer nur dieser Weg, um meine Gratulation noch pünktlich zwischen Frühstücksei und Blumen auf deinem Gabentisch zu platzieren.

Anlässlich deines Geburtstages ging ich in den Keller, natürlich nicht zum Lachen und auch nicht, um nach meinen Leichen zu sehen, sondern um dort nach einem alten Filmplakat zu suchen, das ich für dich abfotografieren wollte, um den Blogbeitrag ein bisschen geburtstäglich zu bebildern. Hinter den eingemotteten Langlaufski und den Krücken von der Knie-OP fand ich es schließlich auch, es lagerte in einer großen Posterrolle, zusammengerollt mit etlichen anderen Gedenktafeln unserer Jugend.

Leider war es beidseitig durch zu lange, unsachgemäße Lagerung (heiße Speicher, feuchtkalte Keller) und zu viele morsche Gummiringe verklebt und verbacken – auf der Vorderseite mit dem großen Klaus Maria Brandauer und auf der Rückseite mit dem Hintern des Holzfällers aus Freehold (man kann wahrlich einen schlechteren klebrigen Liegeplatz erwischen). Die Farben des Posters haben durch die Jahrzehnte der Einlagerung auch etwas gelitten und die Beschriftung hatte mitten in der entscheidenden Zeile einen kleinen Riss – kurz: das Ganze war einfach untauglich.
Es wäre das „Beaches“-Plakat gewesen, under the boardwalk & man findet nur einmal (…) und so, du weißt schon.
Schade, wirklich, denn ich habe das all die Jahrzehnte nicht nur aus Nostalgie, sondern vor allem für dich aufbewahrt.

Als ich dann frustriert ob der Unbrauchbarkeit meiner Idee wieder vom Keller nach oben ging, dachte ich an andere Filme, die wir zusammen gesehen hatten und aus denen wir uns seinerzeit diverse Zitate wie an ein fernes und zugleich nahendes Schicksal gerichtete Fürbitten vorgetragen hatten, so oft, bis wir sie auswendig aufsagen konnten (ein so umfangreiches Credo, aus dem ich noch bis zu deinem 80. werde schöpfen können!).
Ich ging also auf die Suche (im Netz verklebt und vermodert ja gottseidank nichts) und konnte eines davon tatsächlich in voller Länge finden, und es erschien mir irgendwie genau richtig für jetzt, hier und heute.

Zu deinem Geburtstag also diesmal kein Bruce, kein Song, keine alten Fotos oder Plakate. Sondern das hier (v.a. ab 2:29):

Erinnerst du dich?

An diese Szene, an diese Zeilen und an dieses Gefühl, in dem wir das vor 30 Jahren sahen und hörten (with those romantic dreams in our heads)?

Als ich mir die Sequenz ansah, musste ich schmunzeln – nach drei Jahrzehnten hört man das doch mit anderen Ohren (und vor allem mit echten Erfahrungen im Nacken). Vieles ist anders, aber nicht alles, und vor allem kann ich mich noch präzise an die erinnern, die ich war, als ich es erstmals hörte, zusammen mit dir.
Einer dieser Augenblicke, in denen Vergangenes und Gegenwärtiges verschmelzen und man für den Bruchteil einer Sekunde tatsächlich meint, sich selbst auf die Spur gekommen zu sein: wer man war und geworden ist und vielleicht noch sein könnte.

Für dein neues Lebensjahr wünsche ich dir viele Momente, die dich im Inneren berühren, deinen Weg bereichern und dein Herz wärmen.
Und für alle anderen Momente lässt sich jederzeit auf dem kurzen Dienstweg eine Konsultation vereinbaren 🙂

Alles Liebe zum Geburtstag,
Deine Natascha.

PS: Who the fuck is Natascha? – wirst du dich jetzt fragen.
Alles gut, ich bin’s natürlich, die T., wollte nur den Spitznamen hier raushalten, das ist alles 🙂

Privatissime.

Lieber Gatte,

es kam mir ja bereits etwas seltsam vor, dass du Anfang letzter Woche deinen Bademantel einpacktest, als du dich wegen dieses angeblichen Blockseminars für 10 Tage nach Frankfurt verabschiedet hast.
Blockseminar? Bademantel? Jaja, ich weiß, seit Bologna hat sich viel verändert an den deutschen Universitäten, und ich weiß auch, dass dein Blockseminar vom vergangenen Wochenende das Wort „systemisch“ im Titel trug – dennoch: Bademantel und Blockseminar passt für mich einfach nicht so recht zusammen.

Dann heute Morgen diese Abbuchung von einer Frankfurter Bar auf unserem Kontoauszug, hm…?!? Und kaum war das einigermaßen geklärt, rückt heute Mittag diese Friederike an. Langsam denke ich, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht: jetzt verschiebt sich also tatsächlich deine Heimreise und beschert mir eine weitere Nacht- und Morgenrunde mit dem hormonell ausgetickten, anhänglichen Dackelweib (nicht zu vergessen: die Stunden dazwischen).

Aber es kommt noch doller!

Abend(ge)mahl samt Lektüre.

Beim Abendessen, das ich ja heute eigentlich für zwei geplant hatte und nun alleine verspeisen musste, sitz‘ ich da so und stochere im Auflauf herum, als mir plötzlich diese schwarzweiße Postkarte einfiel, über die wir mal so gelacht haben. Du weißt schon: die mit der Rückenansicht einer nackten Frau, die frivol und erwartungsfroh an der Tischkante lümmelt, als man den Herrn des Hauses nach einem langen Arbeitstag (oder Blockseminar) ganz hinten im Flur die Wohnung betreteten und auf die Frau zugehen sieht – über ihm die Denkblase „So ein Mist, schon wieder nichts gekocht!“.
Und weiter dachte ich: Mensch, die suchst du raus, machst noch schnell ein Foto vom Abendmahl, und stellst beides in den Blog rein, mit einem schmissigen Satz drunter (à la „Wie man’s macht, macht man’s verkehrt!“).

Esse zu Ende, stehe auf und gehe zu meinem Sekretär. Durschuche die ganze Box, in der ich meinen Kartenvorrat horte – nichts! Denke dann: Hm, vielleicht hast du ihm die Karte ja schon geschenkt, schließlich gab’s ja nicht zum ersten Mal abends bei Heimkehr eine warme Mahlzeit, dann musst du halt mal in seiner Box (die rote mit den zig Ehefrau-Postkarten, -Briefen und -Depeschen) kramen. Suche dann erstmal minutenlang diese Box (leider wohnt die nicht mehr dort, wo sie in der alten Wohnung stand), finde sie schließlich und durchforste die in über zehn Jahren aufgelaufene Sammlung (nebenbei bin ich ein wenig schockiert über die Entwicklung, die meine Handschrift nahm, außerdem ist es komisch, die eigenen Worte so kreuz und quer in einer Kiste gestapelt vorzufinden). Aber dort ist besagte Postkarte auch nicht!

Jetzt frage ich mich: Hast du sie an einem geheimen Ort versteckt (Vorsicht, Fangfrage!) oder etwa weiterverschenkt (Obacht!) oder sie dir gar auf deinen Schreibtisch in Frankfurt gestellt (was irgendwie zu der Bademantelsache passen würde)?
Oder hab ich sie anderweitig verschenkt (wenn ja: wem nur?) oder einfach nur verschmissen (wir wissen: das ist höchst unwahrscheinlich)?
Wo zum Teufel ist diese verdammte Karte abgeblieben?

Als Ersatz für die nicht auffindbare Karte, wegen der ich nun auf den Gag, den ich gern gemacht hätte, verzichten muss, bekommst du hier ein Hundefoto (just in dem Moment aufgenommen, als ich ihr mitteilte, dass du heute doch nicht kommst) samt Gustl, Schorschi, Söckchen und Bällchen. Eine geballte Ermahung quasi (letztlich angebrachter als jeder Gag).

So, wir müssen dann mal raus in den Sturm und Regen, wünschen dir noch einen schönen Abend in der Mainmetropole und pass gut auf, dass Friederike dir nicht den Bademantel aufweht!

Es grüßen –
Deine beiden Frauen.

Für immer 20 Jahre.

Beim heutigen Spaziergang an der Isar kam uns im Schneetreiben ein Jogger entgegen. Ich war gerade viel zu sehr mit Bällchenschießen beschäftigt, um genauer auf den sich nähernden Läufer zu achten und sah erst auf, als mir eine wohlbekannte Stimme „Das gibt’s ja nicht!“ zurief. In winterliche Laufklamotten vermummt hätte ich J. sowieso nicht erkannt, aber seine Stimme ist für mich unverkennbar, ich höre sie schon seit vier Jahrzehnten und es ist eine der wenigen Stimmen, die ich mir jederzeit präzise in Erinnerung rufen könnte.

J. ist ein langjähriger Mitarbeiter meines Vaters gewesen, ausgebildeter Bergführer, alpiner Hobbyfotograf, Sportler durch und durch, ansonsten Griechenland-Fan und ein Freigeist, wie ich wenige kennengelernt habe.
Schon als ich klein war, mochte ich seine Stimme und die John-Lennon-Brille, die er heute noch trägt. Wenn der Papa mich ins Büro mitnahm, so hielt ich mich entweder bei der Telefonistin auf und sortierte begeistert Büroklammern und anderen Kleinkrusch in die dafür vorgesehenen Holzfächer der Schreibtischschubladen ein oder ich wollte zu J., um in dessen riesigen Fundus an Wanderkarten und Fotos herumstöbern.
Bei der alljährlichen Faschingsfeier im Büro durfte ich, wenn mein Job als Utensilienträgerin vom Papa (ging er als Lili Marleen, war ich die Laterne, trat er als Cowboy auf, trug ich den Colt) erledigt war und es den Anwesenden eh längst mehr um Trinken, Tanzen und Tuchfühlung ging als um eine gut sitzende Maskerade, gelegentlich mit J. tanzen. Er wirbelte mich herum, warf mich in die Luft, fing mich auf und ich fand das toll, vor allem weil die anderen sich nie so ungezwungen mir gegenüber benommen hätten, weil ich für sie mindestens bis zur 2. Maß Bier (und für die meisten gottseidank auch darüber hinaus) immer die Tochter des Chefs war und entsprechend befangen und korrekt mit mir umgegangen wurde.
J. war da anders – unverkrampft, unkonventionell, ungeniert.

In meinen Teenager-Sommerferien, die ich jobbend in der Jugendherberge Lenggries verbrachte, überschnitten sich unsere Aufenthalte dort meist für ein paar Wochen. Täglich sah ich ihn mit seiner Truppe in die Berge aufbrechen, an meinen freien Tagen durfte ich mich anschließen und ich war jedes Jahr aufs Neue ein wenig verliebt in ihn. Er war immer umschwärmt, die Frauen in den von ihm geführten Bergsteigergruppen hingen wie gebannt an seinen Lippen, wenn er morgens im Frühstückssaal, in dem ich die Semmelkörbe auf den Tischen verteilte, Kaffee servierte und 240 Käsescheiben auf Platten drapierte, seinen Schäfchen die Tour des Tages erklärte und abends, wenn man gemeinsam am Lagerfeuer sitzend dem Bergtag nachsann, waren die beiden Plätze neben ihm die begehrtesten in der ganzen Runde.

Viele Jahre später, als ich in den Semesterferien regelmäßig im väterlichen Büro arbeitete, bemerkte ich, dass J. nun endlich zu bemerken schien, dass ich nicht mehr die Kleine oder die Tochter vom Chef war. Was war das für ein Gefühl!
Wir gingen in den Mittagspausen plötzlich zusammen Eis essen, er stellte mir interessierte Fragen und schnippte vorsichtig einen Marienkäfer von meiner nackten Schulter, ich lauschte seiner Stimme und träumte den restlichen Bürotag über von Bergabenteuern, Alpenglühen, einem sportlichen Mann wie J. an meiner Seite und Marienkäfern auf meinen Schultern. Mit Semesterbeginn klinkte ich mich jedesmal wieder in mein Leben in der unterfränkischen Studienstadt ein und die Schwärmerei für J. verblasste bis zu den nächsten Semesterferien.

Ferien kamen und gingen, bis der Uniabschluss unweigerlich das Ende des sommerlichen Jobbens und Flirtens einläutete. J. hatte sich mit Mitte 40 dann doch noch fest gebunden, ich mich mit Mitte 20 ebenso. Als ich für meinen ersten Job zurück nach München zog, kreuzten sich unsere Wege nicht mehr im Büro des Papas, sondern wir begegneten uns nun zufällig im Schlosspark beim Laufen, an der Isar, in der U-Bahn, beim Schwimmen und einmal sogar im Gebirge (er runter, ich rauf, wir beide in Begleitung, schade eigentlich).
Seit 20 Jahren laufen wir einander also im Schnitt alle zwei Jahre unerwartet irgendwo über den Weg.

Wenn uns diese ebenso schöne wie überraschende Regelmäßigkeit heimsucht, drücken wir uns zur Begrüßung und zum Abschied, tauschen die aktuellen Eckdaten aus, und finden, dass wir uns unbedingt mal verabreden sollten, weil wir jedes Mal feststellen, dass wir uns nach wie vor prima verstehen und es noch so viel zu fragen und zu sagen gäbe.

Heute umarmen wir uns im Schneegestöber, J. begleitet das Dackelfräulein und mich ein Stück, so dass wir uns eine Weile unterhalten können. Diesmal erfahre ich, dass sein kleines Häuschen auf Kreta letzten Sommer abgebrannt ist, er es jetzt neu aufbaut und daher vor allem im Winter mehr Zeit in Griechenland verbringt als in München. Im Gegenzug erfährt er, dass ich umgezogen bin und den Job in Starnberg schon längst wieder an den Nagel gehängt habe. Ihm fällt auf, dass ich schmaler geworden bin seit dem letzten Mal, mir ist nicht entgangen, dass seine sonnengegerbte Haut mittlerweile von vielen Falten durchzogen ist.
Er sei jetzt in Frührente, erklärt er, und könne endlich wochentags zum Bergsteigen gehen. Ich sei auch in Rente, entgegne ich, so eine Art befristete Ultrafrührente, die ebenfalls Bergtouren unter der Woche ermöglichen würde. Wir lachen über unsere ähnlichen und doch so ungleichen Rentnerexistenzen.

Heute vor 20 Jahren hast Du bei meiner Hochzeit vor dem Standesamt gestanden und Konfetti und Reis geworfen, sage ich, weißt Du noch? Klar, er weiß es noch. Einige der Mitarbeiter des Papas waren als Überraschungsgäste erschienen, hatten den Dienst-Mercedes direkt vor dem Standesamt geparkt, hübsch dekoriert und zur Champagner-Bar umfunktioniert. Aus dem CD-Player des Wagens dröhnte Musik, die ich vergessen oder verdrängt habe.

12.12.1997, Standesamt München-Nymphenburg.

Umtrunk vor dem Standesamt.

Die hässlichste Karte von allen, leider sehr verblichen (Text: Freie Fahrt ins Eheglück).

20 Jahre soll das her sein? Ja, sage ich, exakt 20 Jahre. Heute wäre die sogenannte „Porzellanhochzeit“ gewesen. Aber da die Mutter dieser Porzellankiste nicht Vorsicht, sondern Einsicht hieß, hat sich das schon weit vor dem heutigen Jubiläum zerschlagen. Der Mann von damals lebt und lehrert längst wieder in Unterfranken und das schöne, alte Gebäude des Nymphenburger Standesamts hat sich irgendeine schicke Investmentfondsgesellschaft unter den Nagel gerissen. So ändern sich die Zeiten.

Was von dem Mann von damals denn geblieben sei, fragt J. mich. Ich zögere erst (wozu diese bilanzierenden Nachforschungen?), denke dann aber doch nach und antworte schließlich, drei Dinge wären mir wohl von ihm geblieben: die seither endgültig festsitzende Abneigung gegen Zuspätkommen, sechs sehr formschöne Bierkrüge, und dass er mir beigebracht hat, wie man effizient Orangen schält.
Drei, wie ich finde, nicht zu unterschätzende Errungenschaften, die einem das Leben enorm erleichtern können (für einen kurzen Moment versetzt mich diese spontane Erkenntnis in aberwitzige Heiterkeit).

Als J. in seinen Laufklamotten zu frösteln beginnt und das Dackelfräulein ungeduldig quengelt, weil das Ballspiel für ihren Geschmack nun zu oft ins Stocken geraten ist, finden wir wie immer, dass wir uns wirklich mal verabreden sollten, verabschieden uns aufs Herzlichste und gehen unserer Wege (nach ein paar Metern drehe ich mich noch einmal um, sehe J. sportlich wie eh und je davonsprinten, dann befördere ich Pippas Ball mit einem für meine Verhältnisse passablen Schuss in die verschneiten Isarauen).

Es ist über die Jahrzehnte ein ungeschriebenes Gesetz geworden, dass es nicht dazu kommen wird und wir uns einfach aufs nächste Mal freuen. Vermutlich also irgendwann im jubiläumslosen 2019, er dann 67, ich 47, und wenn alles gut geht, haben wir noch weitere 10 Begegnungen in den nächsten 20 Jahren vor uns. Eine beruhigende Perspektive.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis, wie es gelingen kann, sich ein Leben lang gekannt und gemocht zu haben.

O-wimoweh, o-wimoweh, o-wimoweh. Zum 27. März 2017.

Liebster R.,

der Status „Gatte“ bewahrt dich vor nichts: Weder vor dem Geburtstaghaben an sich, noch vor der Gratulationsserie auf meinem Blog. Zumal dein heutigre Geburtstag ein – wie sage ich’s nur? – irgendwie besonderer ist.

Vielleicht ist er am besten durch ein kleines Bildchen zu umschreiben, das ich letztes Jahr an einem Sommermorgen in Tirol schoss, als du schon deinen Pflichten als Hunde-Vater nachgingst, während ich noch im Nachthemd auf dem Balkon unseres Domizils stand und den Sonnenaufgang bestaunte, der hinter dem Lamsenjoch hervorkroch.

Verwackelt, da zu früh am Morgen.

Heute übernehme ich das Morgengassi, so dass du schon mal den Tisch decken noch gemütlich liegenbleiben kannst, bis ich mit frischen Semmeln heimkommen und dich an den Gabentisch bitten werde. In der ganz oben auf dem Geschenkeberghügel thronenden Karte steht dann auch all das, was hier nicht steht (also nicht mehr viel).

Und bitte reiß dich zusammen und beginn mit der Karte! Denn wenn du die zwei Präsente auspackst, besteht Gefahr, dass du womöglich vor lauter Tränen (Freudentränen, hoffe ich!), keinen Buchstaben mehr lesen kannst.

Apropos Freudentränen. Die vergoss ich seinerzeit auch, als wir in unseren Anfangsjahren noch ständig durch die Berge marschierten und ich dich eines Tages, es war auf dem Soiernhaus, dabei ertappte, wie du ganz versonnen Otto, den Hund des Hüttenwirts, deinen Käsebrotfinger hast abschlecken lassen.

Denn da war mir klar: Mit dem kannste zusammenbleiben, der liebt nicht nur dich, sondern auch Dackel. Ein äußerst entscheidendes Kriterium!

Otto vom Soiernhaus.

Wenig später schleifte ich dich – quasi als letzten Lackmustest – zu deinem ersten Springsteen-Konzert und auch da erlebte ich dich so, wie man den, mit dem man sich jung fühlend altern will, erleben möchte: Begeistert, beschwingt, beseelt. Du hattest zwar sehr bald andere Lieblingssongs als ich, aber da auch diese noch in dem Kompendium „Die 300 besten Songs von Bruce Springsteen“ enthalten sind, sagte ich mir: Schwamm drüber. Ohne etwas Toleranz haut so eine Beziehung ja eh nicht hin.

Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Ein paar Jahre später heirateten wir und wurden genau 9 Monate nach der Hochzeit stolze Eltern. Zeit wurde es, wir waren schließlich nicht mehr die Jüngsten! Im Unterschied zur Situation vieler anderer Eltern in unserem Umfeld hatten wir allerdings das große Los gezogen, da unsere Kleine von Anfang an gern und viel schlief. Schon nach 4 Wochen schlief sie durch, und zwar voll 8 Stunden!

Als sie sich dann eines Tages aus ihrer Wiege raus- und in unser Bett reingeschlichen hatte, schlief sie gleich noch länger und lieber.

Sie ist nämlich – genau wie du! – kein Morgenhektiker und lässt sich gern erstmal die Sonne auf den Bauch scheinen, bevor sie aufsteht und in der Küche Stress macht wegen des Frühstücks (was ja mein Job ist).

Du hast sie, kaum dass sie laufen konnte, mit deiner ganz großen Leidenschaft angesteckt. Und ganz wie bei dir wurde fast eine Sucht draus. Wenn der Ball mal nicht so rollte, wie sie sich das erhofft hatte, war sie stundenlang unleidig. Wenn das dann noch auf Tage fiel, an denen der große, ruhmreiche FC Bayern abgekackt hatte, hatte ich gleich zwei Mega-Muffel auf der Couch sitzen.

Philippa Gar-nicht-Lahm.

Pippas Ballsucht hast du mittlerweile durch zahlreiche Intelligenzspiele („Zieh“, „Acht“, „Blau“, „Tür zu“ etc.) und Erweiterung des Repertoires an Gassirouten einigermaßen in den Griff bekommen. Bei dir ist diesbezüglich Hopfen und Malz verloren, aber ich verstehe das schon: Einmal Fan, immer Fan, da helfen nicht mal mehr Intelligenzspiele, geht mir schließlich genauso. Sowas ist wie „lebenslänglich“, wenn es echt ist.

Und so ist es manchmal auch mit der Liebe und der Ehe. Darauf hoffe ich natürlich in unserem Falle sehr, und die Chancen stehen gut, da du nach 10 Jahren immer noch mein Lieblingsmensch bist! 🙂

Den Song vom Boss, den ich für dich ausgewählt hatte, habe ich wieder verworfen (es wäre „Outlaw Pete“ gewesen, obwohl du deine Säuglingszeit nicht im Knast verbracht und auch noch niemanden erschlagen hast). Ich habe ihn verworfen, weil ich dachte, du wirst eigentlich oft genug mit dieser Musik beschallt und hörst sie dir ja sogar freiwillig auf deinen Zugfahrten zwischen Frankfurt und München an, wenn du nicht gerade Sportfilme guckst oder im Gang stehen musst, weil der ICE mal wieder nur halb so lang ist wie er sein sollte.

Dein Geburtstagsständchen werden dir also nicht Bruce Springsteen & the E-Street-Band bringen, sondern Pat, the Hippo & Stanley, the Dog. Der Boss wäre einverstanden mit diesen Stellvertretern, da bin ich mir sicher.

Nach meiner Wahrnehmung ist das nämlich der einzige Song, dessen Erklingen dich absolut immer erheitert (also hoffentlich auch schon am frühen Morgen des heutigen Tages). Gleichwohl birgt der Text nicht allzu viele Highlights, so dass ich es mal auf diesen bedeutungsvollen Vers hier beschränke, den ich dir widmen möchte:

Hush, my darling, don’t fear, my darling
The lion sleeps tonight!

Aber bevor the lion sleeps (und wir neben ihm), feiern wir jetzt erstmal deinen runden GeburtsTag!

Alles Liebe und Gute wünscht dir
Deine Kraulquappenfrau.

Prophylaxe

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„Hass gehört nicht ins Stadion. Die Leute sollen ihre Emotionen zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Frauen ausleben.“ (Berti Vogts, Eheberater)