Das Wort zum Sonntag.

Regentage.

Regen konnte man das eigentlich gar nicht mehr nennen, was da ab Dienstagnachmittag über unsere Stadt hereinbrach.

Als ich abends mit meinem großen Freund S. telefonierte, mussten wir uns fast anschreien, um einander verstehen zu können, so laut hämmerten die Wassermassen gegen die Fenster. Die Straßen nachts völlig überflutet, das Dackelfräulein angewidert und beherzt mit großen Sätzen von Grünstreifen zu Grünstreifen springend.

Am nächsten Morgen dieselbe Lage, nur der Starkregen hatte sich zu Normalregen gewandelt, immerhin.
Ich sah aus dem Fenster und wusste: das ist einer dieser Tage, an denen der Hund 3x abgeduscht werden muss und 2 Pfotenhandtücher in der Wäsche landen und überhaupt alles ziemlich nass und ungemütlich werden wird und der Gatte natürlich in Frankfurt sitzt, wo es nicht halb so doll regnet wie hier.

An solchen Tagen (allein mit Hund) fasst man entweder gleich frühmorgens den Beschluss, sofort das Stimmungsruder herumzureißen und sich nicht vom Weltuntergangswetter anfressen zu lassen – oder man ist verloren und geht unter in den Fluten der grauen Asphaltflächen und der verschlammten Isarauen (gen Süden braucht man auch nicht fliehen, da sind ganze Ortsdurchfahrten wegen der Wassermassen gesperrt).

Ich fasste also den Beschluss, es würde ein guter Tag werden und raffte mich als Allererstes zu einer kleinen beruflichen Weichenstellung auf, die mir etwas im Magen lag und notierte dann beim Morgenkaffee etliche mistwettergeeignete Punkte auf meine Erledigungsliste, um die ich mich schon länger herumdrückte.

Zum Beispiel jenen, dem Gatten bis WM-Anpfiff hier daheim das Fernsehen zu ermöglichen. Nein, nein, das ist nicht trivial und in 5 Minuten erledigt, wo denken Sie hin? Dafür muss man heutzutage nicht mehr bloß einen Stecker in die Steckdose drücken und ein Antennenkabel in die Buchse schieben. Erst recht nicht als Vodafone-Kunde, der im Rahmen seines DSL-Anschlusses überraschend zu IP-TV verdonnert wurde. Da hocken Sie erstmal vor einem Karton (Receiver) und einem Papierberg (Bedienungsanleitung, Installationsanleitung, mehrseitige Schreiben von Vodafone mit allen möglichen 32-stelligen Codes, die man an allen unmöglichen Stellen im Installationsprozess eingeben muss), packt aus, liest, studiert, schüttelt den Kopf, googelt, um zu verstehen, versteht irgendwann so halberlei und wurschtelt am Fußboden sitzend mit all den Geräten und Kabeln und Zetteln herum. Und natürlich ist das LAN-Kabel nicht lang genug, so dass man den WLAN-Repeater umstöpselt und es damit probiert, was dann dank des LAN-Ports, den der Repeater hat, auch funktioniert, aber halt nur so, dass man im Wohnzimmer über etliche kreuz und quer gespannte Kabel hüpfen müsste, bis man mal auf der Couch säße. Kann man dem Gatten nicht zumuten, nicht eine ganze WM lang, wo er die doch auch aus beruflichen Gründen gucken muss, wie ich aus der Zeitung erfuhr.

Also das Mittagsgassi kurzerhand zu Saturn verlegt, um einen Powerline-Adapter zu besorgen. Zu Saturn können wir nun zu Fuß laufen, weil wir hier ja eine Spitzen-Infrastruktur rundum haben und nicht mehr für jeden Mist ins Auto steigen müssen, so wie damals in Suburbia. Wir queren im strömenden Regen die Theresienwiese und staunen nicht schlecht: zum einen haben sich dort so große Pfützen gebildet, dass Enten munter darin ihre Runden schwimmen und zum anderen haben sie am nördlichen Ende der Wiesn binnen zwei Tagen (die wir da nicht so genau hingeguckt haben) ein Zeltdorf für die Afrika-Tage errichtet (möge das Oktoberfest doch ähnlich fix auf- und abgebaut sein).

Das Dackelfräulein findet es prima bei Saturn. Untere Regalfächer mit kleinen Kisten drin hatten es ihr schon immer angetan: die purzeln so lustig aus dem Regal, wenn man sie mit der Nase anstupst und dann kann man sie im Flur herumkicken bis sie unter die Regale kullern! Binnen weniger Minuten hatte sie ihr Publikum gefunden und fünf Saturn-Mitarbeiter rissen sich erst darum, mit dem kleinen Hund Powerline-Adapter-Boxen in den Gängen hin und her zu schießen und warfen sich schließlich alle auf den Boden, um das Dackelchen zu streicheln (man warnt dann: „Vorsicht, sie hat ganz dreckige Pfoten und der Bauch trieft entsetzlich!“, aber das juckt keinen, trotz Arbeitskleidung, die ja noch ein paar Stunden kundentauglich getragen werden muss) und schlussendlich in einer Gemeinschaftsaktion die Kisterln wieder unter den Regalen hervorzuangeln und in die Fächer zurückzustellen (Teambuilding, vom Kunden gesponsert). Leider war daher erstmal kein Kundenberater mehr frei, der mich zum Powerline-Adapter-Kauf hätte beraten können, es ist immer derselbe Graus in diesen Geschäften, man muss sich allein durchschlagen durch den Produktdschungel.

Daheim angekommen beseitigen wir alle Wetterspuren an Mensch und Hund – und weiter geht’s auf dem Wohnzimmerboden, mit neuen Schachteln und Zetteln, so lange, bis alles läuft. Die WM kann kommen!

Zur Rekreation turne ich danach ausgiebig zwischen Fensterbänken und dem Schreibtisch herum, um endlich Maß zu nehmen für die Verdunkelungsjalousien, die der Gatte braucht, um endlich ohne Schlafbrille (wobei ihm die gut steht, finde ich, sie hat so was zorromäßiges!) nächtigen zu können (sein Zimmer ist das einzige ohne Rolladen und von Vorhängen und dergleichen können wir frühestens im Herbst zu träumen wagen).
Und wieder ein Haken auf der Liste – die Dinger sind eine gute Stunde später bestellt und werden nächste Woche etwa gleichzeitig mit dem Handwerksfreund hier eintreffen (es geht nichts über gute Koordination).

Ich gönne mir zur Belohnung eine warme Mahlzeit und stöbere beim Essen in anderen Blogs. Und entdecke die druckfrische Rezension über das Kiefer-Konzert vom vergangenen Wochenende meiner Konzertfreundin Sori. Ja super! Endlich hat mal jemand kenntnisreich etwas über die musikalischen Aspekte geschrieben und den Abend nicht nur aus Groupie-Sicht beleuchtet! Die Lektüre weckt in mir sogleich mehr Appetit auf Musik als auf meine Linguine mit Spargel, muss ich feststellen.
Beim Abwasch denke ich dann: Warum nicht einfach mal wieder ganz spontan sein und genau diesem Appetit (oder Hunger?) folgen, so wie man das früher gemacht hat, als man noch jung und frisch war und sich einbildete, die Welt (oder das Leben?) böte täglich 1000 tolle Chancen (und gehöre einem), und man müsse nur zugreifen?

Eine halbe Stunde später sitzen das Dackelfräulein und ich im Auto und brettern in einer Stunde und sechsundzwanzig Minuten in die Nürnberger Südstadt.
Die Musikkneipe heißt HIRSCH, sieht aber eher nach Wildschwein aus, davor eine lange Schlange, trotzdem ist das mit dem Ticket schnell geregelt, so dass noch Zeit für ein lauschiges Gassi (in Nürnberg: null Regen!) im Industriegebiet bleibt. Das Auto wird nochmal umgeparkt, so dass es besonders ruhig und geschützt steht, damit die Hundedame ungestört schlafen kann. Zeitlich ist es plötzlich doch etwas knapp geworden (falls Sie es noch nicht wissen: Hunde spüren, wenn ihre Menschen nur darauf warten, dass sie ihre Geschäfte verrichten und ihnen dann Alleinsein und Warten droht, da können Sie dann ein 3x längeres Gassi als sonst einplanen, bis alles erledigt ist und Sie gehen dürfen!), ich renne zum HIRSCH rüber, die Schlange ist längst weg, von drinnen hört man schon die Musik wummern, verdammt!

Vor lauter Eile irre ich mich im Eingang, drücke irgendeine Klinke herunter und stehe in einem Vorraum, in dem kein Kartenabreißer und auch sonst niemand steht, sehe eine weitere Tür, öffne sie und schlüpfe eilig hindurch – und gerate direkt hinter die Bühne, wo mich ein Roadie (und zwar der langhaarige Gitarren-Tausch-Buddy) vom Kiefer abfängt und mich auf Englisch drauf hinweist, dass ich hier falsch sei. Ja sowas. Ich antworte, dass ich keine Zeit mehr für Umwege hätte, weil doch das Konzert gerade begonnen habe (die Band spielte just den Opener! – ja Herrgott nochmal, da kann man doch nicht mehr irgendwelche Eingänge suchen!) und dann klopft der Typ mir auf die Schulter, sagt „allright“ und „come along with me“ und geleitet mich durch den Backstage-Bereich bis zu einem Filzvorhang, den er beiseiteschiebt. Dahinter steht ein Security-Walross mit schwitzigem Gesicht und wildem Bart, an den übergibt er mich mit den Worten „she’s allowed to stay there“ – und so darf ich für die nächsten anderthalb Stunden direkt neben der Bühne verweilen, zwischen dem Verstärker und den Spitzen der Cowboystiefel des Gitarristen.

Front-of-stage-Platz für die Kraulquappe 🙂

Das Security-Walross denkt offenbar, ich sei irgendeine Art VIP und bietet mir höflich aus seinem Getränkevorrat (der auch jener ist, mit dem die Band versorgt wird) wahlweise Wasser, Bier oder Whiskey an (@Gatte in FFM: natürlich nahm ich das Wasser, ich musste schließlich noch heimfahren!).
Der Gitarrist nickt mir freundlich zu, auch der Kiefer guckt herüber und wenn ich nicht schon seit Nürnberg-Langwasser so nötig aufs Klo müsste, würde ich vor sofort Glück platzen (aber so ist es eher die Blase, die kurz vorm Platzen steht). Ich wende mich an den Bärtigen und schildere mein Problem: dass ich ja zu gern ein Wasserfläschchen nähme, aber dringend zuvor eine Toilette aufsuchen müsse, und der Koloss nickt stumm, führt mich durch den Filzvorhang rüber zur Umkleide, zeigt auf eine Tür und knorzt auf Fränkisch, er müsse zurück und würde sich drauf verlassen, dass ich sofort wiederkäme, weil er hier eigentlich niemanden reinlassen dürfe. Ich verkneife es mir also brav, in der Umkleide nach den Zivilklamotten vom Kiefer zu fahnden und beeile mich.
Danach ist alles super: das kühle Getränk, das leichtere Körpergefühl, der grandiose Logenplatz, die tolle Sicht, der Kiefer, der den proppenvollen HIRSCHen rockt.

90 Minuten lang halte ich mich für einen seltenen Glückspilz. Mr. Sutherland springt auf den Sockel des Verstärkers, der vor meiner Nase steht, man könnte jetzt glatt an seine stramme Wade greifen!

Die paar Fotografen von den Lokalzeitungen verlassen irgendwann den Graben vor der Bühne und quetschen sich in das kleine Areal hinein, das ich bis dahin nur mit dem Security-Kerl teilen musste, es wird also etwas enger, aber mei, es geht ja eh schon dem Ende entgegen. Drei Zugaben werden noch gespielt – ein famoses „Knockin‘ on heaven’s door“ diesmal ohne Regen und mit Kniefall! – …

…und dann geht’s durch den Filzvorhang wieder zurück nach draußen und im Schweinsgalopp zum Auto zurück. Das Ticket hätt‘ man gar nicht gebraucht an dem Abend, es ist unversehrt, der Gitarren-Buddy hat’s nicht kontrolliert und sonst auch keiner.

Auch im Auto ist alles bestens, das Fräulein hat friedlich geschlafen, schreckt etwas verwirrt hoch als ich die Tür öffne und schleckt mir zur Begrüßung die Arme ab. Ich packe die Leine und wir drehen unsere Nachtgassi-Runde, die uns wie zufällig nochmal am HIRSCH vorbeiführt, denn wenn man schon weiß, wo der Künstlereingang ist, ist das einfach zu verlockend.
Heute aber gibt’s kein Autogramm- und Selfie-Stündchen mehr, die Band hat’s eilig, es geht noch weiter nach Zürich, daher ist es mit einem kurzen Winken der Crew zur Absperrung rüber getan.
Ich bücke mich zu Pippa hinab, kraule sie hinterm Ohr, zeige zum Tour-Truck, auf den die Band zugeht, und sage: „Schau, Mäuschen, da drüben ist der Hollywood-Star – jetzt hast du den auch mal gesehen!“

Anschließend noch eine entspannte Fahrt durch die Nacht – nix los auf der Straße und bis hinter Ingolstadt alles trocken – und 90 Minuten später liegen wir auch schon zuhause im Bett.

So Regentage können manchmal echt super sein.

Hund haben (10).

Woche 1 mit Waldi („Single-Version“).

Montag:
– hundefrei –

Dienstag:
[morgens: der Gatte verzieht sich für die nächsten 10 Tage nach Mainhattan]
Possenhofen bis Tutzing und zurück. Wunsch-Café hat zu (kein Verlass mehr aufs Internet). Verdammt. 16 km.

Mittwoch:
[morgens: kein Mann mehr im Haus => das Dackelfräulein legt los mit der Läufigkeit]
Frieding bis Kloster Andechs und zurück. Bräustüberl hat offen (auf Gott ist eben Verlass). 14 km.

Donnerstag:
[morgens: muss mal allein sein, gönne mir einen Schwimmbadbesuch]
Wald vor der Haustür bis Pullach im Isartal. Tee und Brot im Rucksack (am verlässlichsten). 11 km.

Freitag:
[vormittags: wir besuchen Freundin D. zwecks Maßkonfektion für den Dackelfräulein-Wintermantel und Zweitfrühstück]
Ehemalige Haus- und Hofstrecke durch den Olympiapark. 1 Becher Kaffee auf der Olympiaalm (ansonsten noch satt vom Frühstück). 7 km.

Samstag:
[morgens: zefix nochamal, kaputten Ellenbogen beim Getränkeholen erneut gezerrt => wo ist eigentlich der Gatte?]
Rundwanderweg Murnauer Moos. Ähndl hat offen, Kuchen ist alle (zu spät dran). Mist. 13 km.

Sonntag:
[vormittags: Care&Clean-Programm => vereinzelte Blutspuren auf dem Boden wegputzen, Slipeinlagen fürs Schutzhöschen halbieren, Hund bürsten, Ohren säubern usw.]
Umrundung Staffelsee. Keinen Bock auf Überraschungen, also von unterwegs aus im Ziel-Café Wunschplatz und -kuchen reserviert. 20 km.

Wochenbilanz:
81 km gelatscht (ohne Morgen- und Abendgassi + andere Wege), das ist wie 1x von München nach Garmisch.
2x Schwimmen, 1x Waldlauf (Letzteres grauenhaft und zäh).
4 lästige, lang aufgeschobene Dinge endlich vom Hals geschafft (sogleich besserer Nachtschlaf).
400 Fotos sortiert (ab sofort: Artikel schreiben & verkaufen).

Zufriedenstellendes Pensum an Bewegung, innen & außen.

Diesen Modus noch 4 Tage beibehalten, bis die Verstärkung wieder anrückt.
Überwiegend eine Einstellungs- und Aufstellungssache.
Schön, wenn man’s nach nur 6 Jahren endlich mal raushat.

Wo die Sinne herrschen oder: Vom Schweigen des Sinns.

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Kürzlich fragte mich ein Leser dieses Blogs, ob ich eigentlich – wie ja manche der Fotos vermuten ließen – im Dauerurlaub sei, wie es denn käme, dass ich mir mein Leben so einrichten könne und ob das alles dem Gatten zu verdanken sei. Er schloss seine Mail mit dem Fazit, wie traumhaft das doch alles sein müsse. Obgleich mich diese Fragen per Mail erreichten, möchte ich sie öffentlich beantworten. Rein prophylaktisch, falls noch jemand dieselben Fragen wälzt, noch stellen wird oder sie sich nicht zu stellen traut.

Nein, mein Leben ist kein Dauerurlaub, trotz der zahlreichen Himmel-blau-alles-prima-Fotos vom glücklichen Hündchen, mir und den sonnendurchfluteten Bierhumpen. Mein Leben ist auch kein Wunschkonzert. Nicht mal ein Ponyhof. Ganz profan habe auch ich einen Sack an Sorgen, den ich mit mir rumtrage, so wie alle anderen (ab und zu plumpst eine raus oder eine neue wird dazu gestopft).

Zum Beispiel: Ich bin derzeit die Erwerbsarbeit los, was oft befreiend ist und selbst so gewählt war, aber zugleich eben Erwerbsarbeitslosigkeit mit all den dazugehörigen Überlegungen, Einschränkungen, Zweifeln und Ängsten bedeutet – und keineswegs ein kontinuierliches Urlaubsgefühl und Freiheit pur. Da der Gatte seine Arbeit ganz und gar nicht los ist (was so auch gut und gewollt ist), also quasi für zwei arbeitet, kommen wir schon über die Runden. Aber nicht für alle Ewigkeit. Über kurz oder lang sollte auch ich wieder in Lohn und Brot stehen. Denn – um auch auf das Fazit des oben erwähnten Lesers zurückzukommen – der momentane Zustand ist zwar immer wieder recht angenehm (dienstags in den Bergen zu sein könnte glatt ein Dauerhobby werden!), aber als einzige Zukunftsperspektive eher belastend statt traumhaft.

Dass ich dieses Thema hier nicht breittrete, hat viele persönliche Gründe. Den simpelsten davon will ich nennen: Jammern ist unsexy, nervtötend, langweilig und macht also weder mich, noch den Leser froh. Außerdem schöpfe ich mein Jammerpensum (im Blog sowie im echten Leben) bereits mit Themen aus, die noch bedrängender und schmerzlicher waren oder sind. Zum Beispiel: Lamentieren über die Kalkschulter.

Die wuchs sich nämlich zu einem in der vergangenen Dekade noch nie dagewesenen persönlichen Elend aus: Vier Wochen lang war ich nicht beim Schwimmen. Es war grauenhaft, wirklich! Aber es wäre einfach nicht gegangen, die Schulter hätte keinen der mir bekannten Schwimmstile zugelassen. Ob einarmiges Schwimmen machbar ist, wollte ich partout nicht testen, es wäre mir wie eine Kapitulation vorgekommen (und die muss man sich für Extremsituationen wie Schulter-OP oder -Amputation aufheben).

Ich habe gejammert, was das Zeug hielt (und tue es noch!).

Es gibt ja etliche Menschen, die in fast jeder Krankheit und auch sonst jedem Ungemach einen tieferen Sinn oder zumindest ein Zeichen sehen können (oder wollen), das einem der eigene Körper (gerne auch: das betroffene Körperteil oder Organ) oder das Schicksal sendet. Ich sträube mich beharrlich gegen diese Betrachtungsweise, dazu bin ich zu nüchtern oder zu wenig spirituell und insgesamt wohl zu pragmatisch.

In den drei Monaten, die ich nun mit meinen Schulterbeschwerden herumziehe, habe ich mich daher nicht in die Frage vertieft, ob und wenn ja, was mir der Kalk oder die feinen Risse in der Sehne für eine Botschaft überbringen möchten (lastet da etwas zu sehr auf meinen Schultern? das Leben etwa? oder die Zukunftssorgen? oder all die Gedanken in meinem Kopf? oder gar der Kopf selbst?).

Hinzu kam die schnöde Tatsache, dass der Auslöser der Schulterbeschwerden ein „Unfall“ war. Ein paar dämliche, pubertierende Jungs gaben mir – Rolltreppe abwärts fahrend, mit Pippa auf dem Arm – am 17. April um 10:32 Uhr von hinten einen Schubs, der mich samt Hund unsanft über die Treppen stürzen ließ. Auch darin sehe ich im Übrigen kein Zeichen, es ging halt einfach mal so richtig abwärts, das kommt vor.
Das einzige Zeichen, das ich erkennen konnte, war jenes auf meinen Schienbeinen, die aussahen wie eine Adidas-On-body-Werbung, nur dass die drei Streifen nicht – wie meist – weiß waren, sondern blutig rot. Seitdem hab‘ ich „Schulter“ und eine große, hässliche, noch immer taube Beule am Bein (lästigerweise genau dort, wo die Zungenspitze des Bergstiefels endet).

Drei Monate sind eine lange Zeit – für die Schulter, für mich und für meine Mitmenschen.

Die Schulter durchlief diverse Stadien der Entwicklung und Schmerzes. Ich durchlief eine Menge neuer Körperzustände: Vom Schlafen in Sargposition über das einarmig-verkrampfte Wäscheaufhängen bis hin zur Schmerzmittelunverträglichkeit, die aussah wie Masern und sich anfühlte wie ein Magen-Darm-Infekt, fiese Spritzen unters Schulterdach, und – nicht zu vergessen! – zwei Springsteen-Konzerte ohne Klatschenkönnen und andere Arm-Ekstasen. Wenn man zudem drei Minuten braucht, um alleine ein T-Shirt an- oder auszuziehen, kaum noch rückwärts einparken kann und für vieles um Hilfe bitten muss, schlägt das mit der Zeit aufs Gemüt.

Seit geschlagenen drei Monaten jammere ich nun mein Umfeld voll, meine Laune war und ist gelegentlich unterirdisch, und der Alltag an vielen Ecken eine Qual. Und ein Ende ist noch nicht abzusehen 🙂

Das strapazierte Umfeld reagierte mit Mitleid, Nachfragen, Zuspruch, Genervtheit, Kopfschütteln, noch mehr Mitleid, noch mehr Zuspruch, guten Ratschlägen, aber auch selteneren Nachfragen oder kritischen Anmerkungen (an dieser Stelle ein Dankeschön an alle, die mich und meine Schulter immer noch tapfer ertragen!).
Die kritischen Fragen oder Kommentare, die bislang an mich herangetragen wurden, fokussierten allesamt mehr den psychsichen Kontext meines Leidens: Meine Einstellung zum Schmerz, mein Umgang damit, meine Unfähigkeit (oder, noch schlimmer: mein Unwille), die Zeichen und den Sinn hinter den Symptomen zu erkennen.

Ich bin bei sowas ein ungnädiger, ekelhafter und dogmatischer Zeitgenosse.
Wenn die drei Reizworte – „Zeichen“, „Sinn“, „Einstellung“ – mal gefallen sind, wische ich sie mit einer rabiaten Handbewegung vom Tisch, schrubbe ihre Splitter von der Oberfläche, desinfiziere alles und stelle unmissverständlich klar, dass ich damit nichts zu tun haben will. Diese Radikalität gibt natürlich umgehend Anlass zu neuen Mutmaßungen, denn solche Vehemenz und Ablehnung muss ja einen Hintergrund haben, und der würde mir was sagen wollen, wenn ich denn bereit wäre, ihn mal zu erhören…

Bin ich aber nicht. Wenn’s weh tut, tut’s weh. Und der Schmerz wird nicht weniger, wenn ich da eine Prise Schicksal hineingeheimnisse oder ein Stück der „Am Leiden wachsen“-Philosophie herausschnitze. Ich war schon beim Yoga immer unfähig, einen krassen Dehnungsschmerz wegzuatmen und gäbe auch einen miserablen Fakir ab.

Meine Strategie ist: Ertragen und Klagen (also Pragmatismus und Ventil). Abwarten und sich mit Alternativen ablenken. Das Unterkellern von Krankheiten, um dort Sinn einzulagern, ist jedenfalls nicht mein Ding. Wo die Sinne herrschen – in dem Fall der Schmerz – hält der Sinn am besten die Klappe.

Seit der Tour auf den Hirschberg gibt es ein wenig Hoffnung. Ich will es noch nicht beschreien, aber es kommt mir so vor, als ginge es langsam aufwärts (und das nicht nur auf den Wegen zu diversen Berghütten). Das musste ich sofort ausnutzen und war letzte Woche endlich wieder Schwimmen!

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Der zweimalige Versuch war allerdings noch weit entfernt vom einst so fröhlichen Flossenschlag:

– wie auf rohen Eiern ins Wasser gegangen (über die Leiter, welch‘ Schmach!)
– wie eine Omi auf Reha mit vorsichtigem Brustschwimmen begonnen
– wie ein Angsthase das Kraulen nach einer Bahn wieder bleiben lassen
– wie ein begossener Pudel nach 45 Minuten aus dem Becken gestiegen (dummerweise nicht über die Leiter!)

Da fällt mir gerade dieser saublöde Spruch ein, dass das Schwimmen schon so manchem geholfen hätte, sich über Wasser zu halten. Haha. Ja, mehr ist es gerade auch nicht. Ich halte mich über Wasser.

Zu Land und auf meinen Füßen halte ich mich derzeit deutlich besser. Nichts tut weh, wenn ich gehe, und mit Trekkingstöcken zu gehen tut der Schulter sogar richtig gut. Früher war ich ja gleichermaßen intensiv in den Bergen wie im Wasser unterwegs, in den letzten 5 Jahren hat das Bergsteigen etwas gelitten. Wir legen täglich so viele Schritte mit dem Hund zurück, dass mir die Lust auf noch mehr Gehen tatsächlich ein wenig vergangen war und ich die regelmäßigen Bergtouren nicht nur vernachlässigt, sondern mit der Zeit als weitere Sport-Option schon fast vergessen hatte.

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Vorgestern, während des stundenlangen Abstiegs im Karwendel, schlich sich doch glatt der Gedanke in mein sonnenverbrutzeltes Hirn ein, ob ich dem Umstand, „dank“ meiner Wasser-Zwangspause nun meine alte, große Liebe zu den Bergen wiederentdeckt zu haben, nicht doch ein Fitzelchen Sinn unterjubeln soll.

Über derlei sinnierend grüßt euch zur Nacht –
Die Kraulquappe.

PS: Das war das letzte öffentliche Äußern zur Schulter. Ich schwöre.