Himmel der Bayern (38): West of Wiesn.

München, Samstagmittag. 22 Grad, blauer Himmel und Sonne satt.

Alles fährt raus aus der Stadt, wir fahren rein (merke: immer antizyklisch unterwegs sein, das erspart einem sehr viel Nervensalat!).

Und gucken uns mal ein bisschen um im künftigen Westflügel der neuen Heimat.

Über die menschenleere Theresienwiese geht es hinauf zur Münchner Freiheitsstatue…

…danach hinter der Ruhmeshalle vorbei…

…in den Bavariapark hinein…

…in dem nicht nur schöne Männer zu finden sind…

…sondern – fast ebenso wichtig – auch schöne Biergärten.

Und im angrenzenden Viertel – noch wichtiger – sogar eine schöne Eisdiele, in wir uns das erste Zitroneneis des Jahres holen…

…und das Waffel-Endstück zehn Minuten später seiner einzig wahren Bestimmung zuführen.

Vom Westend dann in großem nördlichen Bogen von der Theresienhöhe wieder hinab auf die Wiesn, wo man sich über die unbewusst sehr geschickte Wahl des Umzugstermins freut (knapp nach Ende des Frühlingsfestes)…

…und nebenbei auf seltene, in der Bergwelt leider noch nie angetroffene Almen stößt.

Nebenan kraxeln ein paar Möchtegern-Alpinisten unbeholfen herum.

Wieder an der Ostkante der „Wiese“ angekommen, schnappt das Dackelfräulein zwei bärtigen Kerlen geschickt den Tischtennisball weg…

…und saust davon, stolz wie Oskar, und als ich sie wieder einfange, sieht der Ball aus wie ein zerdeppertes Frühstücksei.

Aber das Tolle an so einem Dackelfräulein ist, dass ihm quasi nie jemand etwas übel nimmt: die Jungs lachen und nehmen gelassen ihren Zweitball.

Ich glaube, das wird gut werden, dort und überhaupt.

Patrona Bavariae oder: Ein Abendtermin in Singapur.

Die Pforte zum künftigen Zuhause: Ein gelungener Mix aus Sackkarrenverbot und Kakadueleganz.

Beim abendlichen Vermessungstermin in der neuen Wohnung öffnet uns Louis, der derzeitige Untermieter der Vormieter, die das Feld bereits physisch geräumt haben (Trennung – keiner will dann mehr dort sein), freundlich die Tür und bittet uns hinein.
Ein Pimpf im Superman-Schlafanzug (einer der drei Kleinen von Louis) springt uns die nächste halbe Stunde permanent zwischen Zollstock und Maßband herum und quietscht jedesmal vor Begeisterung, wenn der Gatte die Rückholtaste des 4m-Maßbandes betätigt und das Metallband zurück in sein Gehäuse schnalzt. In der Küche werkeln die beiden (?) Frauen von Louis, es riecht nach asiatischem Klebreis und intensiven Gewürzen, eine der Frauen steht im Micky-Maus-Jumpsuit am Herd, die andere hilft den Kindern bei der Nahrungsaufnahme.

Wir befinden uns mitten im Abendtrubel einer singapurischen Familie und müssen bei all dem Krach und dem Versuch, uns aufs exakte Vermessen der Räume zu konzentrieren, auch noch Englisch sprechen. Müssen mit Vokabeln hantieren, die man auf Reisen und Tagungen nicht braucht, uns also komplett fremd sind (Maßstab, Nische, Kammer, Einbauschrank, Winkel, Mietdauer, Auszug, Malerarbeiten, Dübellöcher, Fußbodenleisten etc.).

Auf dem Fußboden zwischen klebrigen Reiskörnen kniend und mit dem Meterstab in die Ecken robbend lernen wir: In Singapur muss man nichts ausmessen, wenn man umzieht. Ja sowas.
Die Jumpsuit-Frau erklärt uns in einem an indische IT-Callcenter erinnernden Englisch (und einem Affentempo), dass in Singapur alle Wohnungen möbliert vermietet werden, niemand müsse da mit einer Spedition umziehen, sondern man nähme einfach seine paar persönlichen Dinge und zöge um („hm & aha“, denke ich, meinen Blick über die Küchenmöbel schweifen lassend, „so sieht das hier auch aus“, eben nach furniture-to-go & -not-to-use-with-care und justament verspüre ich noch mehr Schmerzen in meinem kaputten Ellenbogengelenk: denn das Küchenmobiliar übernehmen wir ja, vermutlich inkl. Klebreis auf dem Boden und Sesamöl an den Schubladengriffen).

Sie kichert ein bisschen dazu (eigentlich kenne ich fast nur kichernde Asiatinnen, stelle ich mal wieder fest, und bis heute weiß ich nicht, ob das was Genetisches ist oder ein kulturtypisches Verlegenheits- oder Beschwichtigungskichern). Und sie kichert noch mehr, als sie uns, die zwei in ihren Augen mit Sicherheit äußerst seltsamen Deutschen, mit dem Zollstock sogar im Einbauschrank und in der Speisekammer verschwinden sieht. Wenn der Deutsche was misst, dann halt auch gründlich (Grundriss in doppelter Ausfertigung zur Hand, falls man sich verschreibt).

Zum Abschied muss uns Minisuperman die Hand drücken und „Goodbye“ piepsen, Louis wünscht uns „all the best“ und erwähnt höflich, er würde die Wohnung Ende April besenrein an unsere Vormieter zurückgeben. Ich mache mir innerlich sogleich eine Notiz, in der ich schon heute schon gelobe, mich dann sehr zu bemühen, die singapurische Definition von „besenrein“ unter „Kulturstudien/Südostasien“ zu verbuchen.

Der Name „Singapur“ entstammt übrigens dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „Löwenstadt“. Was recht gut zur Umgebung rund um die neue Wohnung passt, wie ich finde.

Denn der Dackel, der ja bekanntermaßen in seiner Persönlichkeitsstruktur weder zu Bescheidenheit noch zu Wankelmut neigt und sich daher zu recht dem König der Tierwelt mindestens ebenbürtig fühlt, wie nachfolgendes Video eindrücklich dokumentiert…

… jener Dackel wird hier (in personam des weltschönsten Dackelfräuleins) nämlich künftig seine Freude haben an der neuen Umgebung mit ihren ultrabreiten Grünstreifen (gespickt mit den Boulevardnachrichten der Artgenossen aus dem Quartier, auch hier: deutlich mehr Vielfalt als in Suburbia, da alles geboten wird von der anspruchsvollen Wochenzeitung für den urbanen Hund von Welt bis zur Tagespostille für die Promenadenmischung schlichteren Gemüts), die wir künftig bei der Abendrunde entlangschlendern werden, Richtung Bavaria- und Löwen-Monumentalstatue.

Oder wir überqueren die riesige Freifläche und gehen dem Münchner Wahrzeichen direkt entgegen.

Der ortskundige Leser mag an dieser Stelle stutzen, sich an den Kopf fassen und gleichermaßen verwirrt wie bang fragen: „Ja, sind die deppert? Welcher normale Mensch zieht denn in die Nähe der Theresienwiese? Müssen die jetzt wirklich von einem Extrem ins andere fallen?“

„Wissen Sie“, würde ich entgegnen, „suchen Sie erstmal ein halbes Jahr in dieser Stadt nach einer schönen und bezahlbaren Wohnung, in der auch Ihr Hund ohne Auflagen willkommen ist, Ihnen auf lange Sicht kein Eigenbedarf droht, Grünstreifen vor dem Haus sind und Sie rundum eine Top-Infrastruktur haben. Dann können wir gern weiterreden.“.

Wir gehen da jetzt positiv ran!
So eine riesige Freiflache unweit der eigenen Haustür hat schon was, so mitten in der Stadt. Ein seltenes Raumerleben, Platz fürs Auge, wohltuende Weite.
Die Lichter des Winter-Tollwoods werden wir mögen und das Oldtimer-Treffen wird uns auch nicht stören. Einmal im Jahr noch ein Flohmarkt und die Handwerksmesse, ja mei.
Unsere Urlaubszeiten sind nun dank des Wohnungswechsels für die kommenden Jahre fest geregelt und werden künftig stets den Zeitraum von Mitte September bis Anfang Oktober umfassen (passt eh super, da sind immer Semesterferien) und die Urlaube werden grundsätzlich mit dem Auto stattfinden.
Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten entlasten ja das vom großstädtischen Alltag impulsgestättigte Gehirn (und zudem möchte man sich ja weder auf die Kühlerhaube kotzen lassen noch morgens vor dem Haus in ein Meer aus Scherben und gebrannten Mandeln treten, vom nächtlichen Lärm der Saufbrüder und dem Gedröhne der Fahrgeschäfte mal ganz zu schweigen).
Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Irgendeine Kröte muss man hier in München immer schlucken, wenn man nicht Krösus ist. Und an ca. 350 Tagen im Jahr wird sich die Kröte ja auch weitgehend fernhalten.

Fotos werden wir schießen, viele Fotos, in allen Belichtungen und Stimmungen, zu allen Jahreszeiten, an die bronzene Patronin gelehnt, mit einem oder beiden bayrischen Löwen drauf, dorische Säulen umarmend oder zu den Büsten der Herren Brecht, Fraunhofer und Pschorr aufblickend, die für uns auf die eine oder andere Art bedeutsam waren oder sind (der Haifisch, die Firma, der Himmel der Bayern!).

Und mein Aufatmen wird man deutlich hören können, von dort bis hinüber zur Paulskirche, sofern das Dackelfräulein nicht gerade eine Taube oder einen Skater verbellt.
An Sommerabenden werden wir uns nach unserem Rundgang noch eine Kugel Eis holen, beim Kustermann ums Eck. Stracciatella, Kokos oder Pistazie, im Hochsommer auch mal Zitrone oder Heidelbeer.
In der Waffel versteht sich, denn es ist seit jeher nicht nur Sitte, sondern Gesetz, dass die kleine Hundemadame das Endstück der Waffel zu erhalten hat.

Liebe geht schließlich nicht nur miteinander durch dick und dünn oder täglich Spazieren, sondern Liebe geht immer auch durch den Magen.

Worrying about your little world falling apart.

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Dieser vorwiegend verjammerte Monat neigt sich nun erfreulicherweise seinem Ende zu. Der Inhalt des Jammertopfes ebenfalls.
Alles ist gesagt, gefühlt, beweint, beschrieben und beklagt worden.
Bei einem der Loopings während der emotionalen Achterbahnfahrten, die der Februar mir gratis und so reichlich zugedacht hatte, hat’s mich aus der Kurve gehauen.
Der Aufprall war unsanft, das System wurde ziemlich durchgerüttelt. Überall schepperte, wackelte oder flatterte es.
Nach all dem Aufruhr macht sich nun eine beinahe wohltuende Leere breit und bietet Gelegenheit, die Wunden zu lecken und zu verpflastern.

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Das für gestern Vormittag geplante Schwimmen verschob sich dann doch auf den späten Abend. Was sich gelohnt hat.
Zum einen, weil man rückschwimmend durch den Dampf direkt zum (Voll?)Mond im schwarzen Winternachthimmel hinaufschauen konnte, zum anderen, weil nach dem Bahnenziehen erstmals in meiner über 20-jährigen Schwimmkarriere die Badelatschen am Beckenrand festgefroren waren. Das gab’s noch nie.
Der Lieblingsbademeister eilte mit dem Heißwasserschlauch herbei, eiste meine gelben Crocs los und spendierte mir zur Entschädigung für die 15 Sekunden Extra-Frieren eine Gutschrift für den nächsten Besuch.
Ich liebe dieses Bad.

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Man kann nicht alles wegschwimmen, was einem im Nacken sitzt oder im Magen liegt.
Aber manches kann man leichterschwimmen oder schwimmend ins Wasser hineindenken und dann zugucken, wie es allmählich auf den Beckenboden (den gekachelten!) sinkt.
Kleine Verletzungen, große Enttäuschungen, nagende Zweifel, wiederkehrende Zukunftssorgen, fehlende Antworten, schwelende Ängste, spontane Lebensmüdigkeiten, kraftraubende Viren, zerplatzte Hoffnungen – bei jedem dritten Armzug vollständig Ausatmen, und ab damit Richtung schwarzer Balken auf türkisem Boden.
Man muss außerdem sehr viele Bahnen schwimmen, um seinen Ballast loszuwerden. Keine Ahnung, wie viele.
Jeder hat so seine Ventile. Das Schwimmen ist meines.
Ein weiteres ist die Musik.

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Auf der nächtlichen Heimfahrt ist die alphabetische Tracklist der 16GB-Musiksammlung bei „M“ angelangt. Macdonald, Amy.
Sie singt darüber, was Glück für sie bedeutet. Netter Song, 4:49 lang. Dann Stille, das Gerät springt nicht automatisch weiter zum nächsten Titel, und ich denke sofort: „Verdammt, geht DAS jetzt auch noch kaputt in diesem versemmelten Monat.“
Weil die Straße glatt ist, kann ich nicht an der Anlage rumfummeln. Als ich an der nächsten Ampel stehe und mit dem Finger aufs Display zusteuere, singt die Amy plötzlich weiter, nach über 70 Sekunden Pause.
Siehe da, es sind ja noch 3 Minuten Restzeit für „What happiness means to me“ angezeigt, das Glück hat also einen Epilog, den ich bislang nie bemerkt habe (da könnte sich das Leben mal eine Scheibe von abschneiden).
Unverzeihlich, denn es folgt eine Acoustic-Zugabe in schottischem Akzent von „Dancing in the dark“. Ein Song, den ich zwar seit 33 Jahren in & auswendig kenne, aber früher mal so oft gehört habe, dass ich schon lange nicht mehr wirklich zuhörte (sofern er mir überhaupt ab und zu mal unterkam).
Manches hat man ja als Teenager ganz anders aufgefasst (oder noch gar nicht erfasst) – und gestern Nacht trafen diese Worte zum ersten Mal einen völlig neuen Punkt meines Bewusstseins (oder auch bloß einen der Nerven, die sich im Februar entzündet hatten).

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You sit around getting older
there’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
come on baby this laugh’s on me

Stay on the streets of this town
and they’ll be carving you up alright
They say you gotta stay hungry
hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ‚round here trying to write this book
I need a love reaction
come on now baby gimme just one look

You can’t start a fire sitting ‚round crying over a broken heart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
You can’t start a fire worrying about your little world falling apart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark

*****

(This one’s for you, S.)

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Hund haben (11).

Wenn es draußen minus 11 Grad hat und einem Nase und Kinn nach spätestens einer Viertelstunde einfrieren, kürze man den Spaziergang radikal ab, nehme drinnen in der warmen Wohnung ein Kirschkernkissen zur Hand, binde ein Stück Kletterseil dran…

…locke das gelangweilt schlummernde Fräulein aus dem Haifisch – dem peinlichsten ihrer Körbchen! – hervor…

…animiere sie zu einem munteren Kissenparkour quer durch die Wohnung…

…erweitere die Übung durch Hinzunehmen der Hunde-Rampe vor Sofas und Betten…

…und lobe & belohne das Dackelchen wie wild, wenn das Kirschkernkissen schließlich auf dem Bett landet!

Mit besonders herzlichen Grüßen an den derzeit in Frankfurt weilenden Gatten, der durch unermüdliches Üben und viele didaktische Kniffe den soliden Grundstein legte für „Zieh!“ und „Rampe!“ (und die Kombination von beidem).

Zum „Tag des Eisbären“ die wärmsten Wünsche –
Die Kraulquappe, auf dem Weg ins Winterwarmfreibad.

Pucks.

Two little pucks on ice: Unser Beitrag zu Olympia.

Eisbeute

Schubbern

Strecken

Schlittern

„I go, I go, look how I go!
Swifter than arrow from the Tartar’s bow.“

(W. Shakespeare: A Midsummer Night’s Dream)

Auf dem Weßlinger See, 24.02.18.

Talk about a dream, try to make it real…

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So kann’s gehen. Da hat man das Freibad der Träume endlich erreicht (und es ist ein ganz schön weiter Weg bis dorthin: erst eine halbe Stunde mit dem Rad, dann weiter mit der U-Bahn, danach in den Bäderbus)…

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Tor zur Donauinsel Großes Gänsehäufel

…und dann haben die dort ihre ganz eigene Berechnung von 50 Metern.
In L-Form und zusätzlich noch irgendwie diagonal gemessen.
Der Bademeister raunzt mir auf mein irritiertes „Ist das hier das Sportbecken?“ ein „Jo eh!“ entgegen. 20 Ls, dann reicht es mir, offenbar bin ich kein geeigneter Um-die-Ecke-Schwimmer.

Nach einer Wanderung durch das Gelände…

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…gelange ich an den menschenleeren Donau-Sandstrand.

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Vorteil: 500m-Bahnen in jede erdenkliche Richtung (nur Obacht, dass man sich nicht in den Bojen verheddert).
Nachteil: Die Donau hat nur 21°C. Egal, eine Viertelstunde geht das schon mal.

Gut durchgekühlt geht’s zurück zu den Umkleiden…

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Karge Kästchen-Architektur

…zu Segment „L“ (nomen fuisset omen), nur für Frauen…

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Retro-Umkleiden

…und zu Fuß an der Donau entlang zurück zur UNO City…

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…weil der Bäderbus leider in einem Rutsch durchfährt und nicht an der Eisdiele hält, die ich nach diesem Ausflug nach Transdanubien nötig hatte.

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Coppa Consolazione con crema

Mir geht der uralte Song von STS durch den Kopf: „Aus der Traum, zerplatzt wia Seifenblosn, nix is blieb’n…“. Der Mythos „Gänsehäufel“ ist entzaubert, für alle Zeiten.
Ein schönes Freibad zwar, in toller Lage, am Fluss, aber zum Schwimmen nicht ansatzweise so traumhaft wie erträumt.

Macht nix.

Wieder eine neue Ecke von Wien gesehen. In Bewegung gewesen, in der Sonne gelegen, den Bauch vollschlagen und ausgiebig gratis gewuzzelt. Was will man mehr im Urlaub?!

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Der wahre Grund meines Reisens

Auf der Suche nach neuen Träumen grüßt euch
die Kraulquappe