Frisch getrennt!

Nach 17 Jahren hab‘ ich’s nun geschafft, die Trennung vollzogen und mir einen Neuen gesucht.

Meine Güte, was für ein Akt!
Man kennt sich ja nach der langen Zeit gar nicht mehr aus auf dem Markt, ein bisschen war’s wie vor vielen Jahren der Umstieg vom Röhrenfernseher auf einen LCD-TV: nicht nur das Ding an sich ist einem fremd, sondern auch das ganze Vokabular drumherum, und die Katze im Sack will man aber auch nicht kaufen, also muss man sich notgedrungen ein bisschen mit dem Neuen vertraut machen, bevor man sich das ins Haus holt.

Ich habe endlich den Friseur gewechselt. Eh ein Wunder, dass ich es 17 Jahre dort ausgehalten habe. Nicht, dass ich ihn nicht auch irgendwie mochte, nein, nein, wir hatten uns durchaus passabel aneinander gewöhnt in diesen fast zwei Jahrzehnten, aber das Ganze hatte schon längst was von einer ausgeleierten Ehe, in der keiner mehr wirklich aufmerksam ist für den anderen, nicht mehr genau hinhört und zahlreiche, zwar freundlich klingende, aber inhaltsleere Floskeln die ausgetretenen Wege durch den Alltag pflastern.

Wobei ich vielleicht sogar bis zuletzt die Achtsamere von uns beiden war, denn ich zählte noch immer bei jedem meiner Besuche in Ps Salon die „von demhers“ und notierte mir auch andere kleine Sprachhighlights (unvergessen: „die Choreophäe“ statt der „Koryphäe“). Mit dem Gatten, der ebenfalls seit Jahren seine Haare bei P. schneiden ließ, teilte ich dieses kleine Hobby, es war wie ein geheimer Wettbewerb, wer von uns beiden pro Kalenderjahr mehr „von demhers“ einheimsen würde.

Vor drei Jahren versuchte ich schon mal, den Absprung zu schaffen, aber offensichtlich war es damals noch zu früh dafür. Allein bei der Recherche nach anderen Friseursalons fühlte ich mich wie eine Betrügerin, oder noch schlimmer: wie die Ehefrau, die in den Seitensprung nicht nur hineinschlittert, sondern diesen sogar gezielt plant. Ich unterließ die Suche sofort und kehrte mit schlechten Gewissen wieder auf meinen angestammten Stuhl in Ps kleinem Salon zurück.

Aber meine Zeit mit P. war längst vorbei. Nicht nur, dass er sich über Jahre weigerte, mir den Pony so kurz zu schneiden, wie ich ihn gern haben wollte oder gelegentlich den Wirbel in meinem Nacken vergass und sich deshalb an der Stelle verschnitt, so dass ich zum Nachschneiden kommen musste. Oder dass er mir, seit er meine ersten grauen Haare entdeckt hatte, standhaft einzureden versuchte, dass diese Spuren des Älterwerdens durch ganz tolle, superschonende Farben vertuscht werden könnten, ja sogar müssten!, und einfach nicht hören wollte, dass ich mit dem Thema vorerst oder für immer durch bin, u.a. weil ich dreimal pro Woche in Chlor bade, was das Haar ja schon genug angreift und auch aus einer Menge anderer Gründe die Nase voll habe von der Färberei.

Nein, viel schlimmer als all das war, dass ich die Gespräche, die man dort führte, immer weniger ertragen konnte. Alles, was man einander hat sagen wollen (oder können), war im Laufe der vielen Jahre ja längst gesagt worden, aber Schweigen war für P. nun mal keine Option, also redete er unbeirrt weiter, und im gleichen Maße wie die Haarsträhnen von meinem Kopf zu Boden fielen, plumpsten von oben all diese Worte auf meinen Scheitel und verteilten sich von dort über den gesamten Schädel.
Verließ ich den Laden, fühlte ich mich kaum je noch erleichtert oder gar beschwingt (man liest das ja immer: dass Frauen sich so gut, frisch und runderneuert fühlen, wenn sie aus dem Friseurgeschäft hinaus auf die Straße träten – keine Spur mehr davon bei mir!).

Als über die letzten Monate auch noch der Wunsch in mir wuchs, die Haare mal wieder ganz kurz zu tragen, so wie vor zehn Jahren, mich von all dem Gehänge da oben radikal zu trennen, da schwante mir dann, dass jene Trennung defintiv einherzugehen hätte mit einer zeitgleichen Trennung von P., dass also genau diese Aktion der richtige Zeitpunkt wäre und wenn ich den nun auch wieder verstreichen ließe, ja Gott bewahre, dann würde ich vielleicht noch gemeinsam mit P. in Rente gehen. Von demher!

Die Suche nach einem neuen Friseur ist so mitten in der Großstadt beileibe keine einfache, weil es hier zig Friseurgeschäfte gibt und man sich erstmal durch dieses Dickicht an Salons durchkämpfen muss. Womit ich vor gut zwei Wochen erstmals begonnen habe.

Dummerweise gibt es bei den hiesigen Friseursalons vorwiegend zwei Kategorien: „Schick und/oder sauteuer“ ist die eine, „to go“ ist die andere. In der ersten Rubrik findet sich zwar gelegentlich ein Laden, wo der Frauenhaarschnitt für unter 60€ zu haben ist, wenn man sich dann aber die Homepage genauer ansieht, macht entweder der Tussifaktor alles zunichte (mir fummelt keine an meinem Kopf rum, die aufgeklebte Fingernägel hat oder die mir vom Typ her sowas von fremd ist, so dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es auch nur eine winzige Schnittmenge an gemeinsamen ästhetischen Vorstellungen geben könnte) oder der Salon hat zu viel Extra-Klimbim, mit dem ich nichts zu tun haben möchte („Wir betrachten immer den ganzen Menschen und die Lebenssituation unserer Kunden ist uns ein Anliegen“ / „Sie kommen als Kunde und gehen als Freund“ / „Familäre Atmosphäre, guter Kaffee, Handmassage oder Make-Up inklusive“). Ein Graus.

Manchmal sind auch die Salonnamen eine Abschreckung für sich, aber da muss man drüber stehen, sonst findet man ja nie was, also hab ich mich überwunden und einfach mal bei „Eve & Me“ angerufen, aber keine der Master-Stylistinnen (wie die Friseusen nun heißen) hatte in den nächsten drei Wochen Zeit für mich und außerdem ist die Preisliste im Internet nicht mehr aktuell und ein „Women Cut“ kostet mittlerweile 70€.
Danach noch ein Anruf bei „Cristian Ricotta“, weil ich den Namen so lustig fand und mich interessiert hätte, ob sein Partner, mit dem zusammen er den Salon betreibt, vielleicht Paolo Mascarpone heißt, dann hätt ich da sofort einen Termin gemacht, allein schon, um drüber bloggen zu können. Signore Ricotta war mir aber schon am Telefon viel zu italienisch, gut gelaunt, laberig und laut, also schied auch er aus.

Friseurläden aus der zweiten Kategorie – „Uwe’s Salon“ oder „Anita’s Haarshop“ – scheiden nicht etwa wegen der Alptraumapostrophe aus, sondern wegen des gruseligen Interieurs (alles gefliest), der noch gruseligeren Beleuchtung (Neon!) und der Menschen mit gruseligen Frisuren, die in solche Läden hineingehen oder aus ihnen herauskommen.

Zwischen diesen beiden Kategorien scheint es so gut wie nichts zu geben.
Also verschob ich das Kurzhaarfrisurvorhaben eben nochmal, schwor mir aber bei der heiligen Effilierschere, es nicht aus den Augen zu verlieren, um nicht doch wieder auf den letzten Drücker, bevor mir der Pony bis zur Nase herunterwuchert, zu P. zu gehen, weil man als Stammkundin nach 17 Jahren bei P. natürlich auch mitten in der Vorweihnachtszeit ganz unkompliziert und schnell einen Termin bekommt.

Gestern kam ich auf dem Rückweg vom Mittagsgassi hier im Viertel zufällig an einem Friseurgeschäft vorbei, das mir sofort gefiel. Keine Billigbude, aber eben auch nicht diese Optik eines SPAs im Vier-Sterne-Hotel. Einfach normal, etwas puristisch vielleicht, was ich ja mag.
Drinnen stand ein Mann in den 50ern, Bart, Brille, Haare hinten lässig zusammengebunden, Blue Jeans, schwarzes Hemd, Typ „unaufgeregter Schlagzeuger“.
Unter der Fensterbank eine Matte, auf der friedlich eine französische Bulldoggendame schnarchte.
Keine weiteren Angestellten, keine Regalwände voller Haarpflegeprodukte, kein Handmassage- oder Barrista-Quatsch – einfach nur dieser Typ und sein Hund. Und für München moderate Preise. Termin für heute ausgemacht, das Fräulein darf natürlich auch mitkommen, obwohl die Bullydame „etwas heikel“ ist mit anderen Hündinnen.

Eine große Umstellung, das alles.
Frank spricht nämlich fast gar nichts. Er fragt nur zu Beginn sehr genau nach, wie ich mir die Frisur vorstelle, berät mich ausführlich und erläutert mir diverse Varianten – und legt dann los. Nach 50 Minuten konzentrierter Arbeit, nur unterbrochen von kurzen Nachfragen, huscht ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht: „Ist ja viel besser als Claire Underwood!“ sagt er, und ich werte das als Kompliment. Nicht für mich oder weil ich Robin Wright irgendwie ähneln würde oder wollte, sondern für seine Arbeit.

Das Fräulein schüttelt sich, schielt hinüber zu der immer noch schnarchenden Kollegin, ich schüttle mich auch, damit sich die letzten feinen Haarstoppel aus dem Nacken verabschieden, und dann gehen wir zufrieden hinaus und weiter zum Postamt, wo ich gleich noch die zweite Trennung des Tages vollziehe und einen Text, an dem ich nun länger gearbeitet habe, wegschicke.

Was für ein herrlich freies Gefühl – auf dem Kopf und auf dem Schreibtisch!

Matrjoschka (1).

Matrjoschka Nr. 1: Die Kleinste von allen hat als Erste das Wort.

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Die Mutter war Russin, weshalb ihre Tochter eine Natascha Irina sein musste.

Hätte sie einen Sohn geboren, säße hier nun mein männliches Pendant auf dem Sofa. Ein Boris Alexander, mit seinem Laptop auf dem Schoß, er hätte vielleicht kein weißes, sondern ein silbernes oder schwarzes.
Vielleicht würde er Wodka trinken statt Weißbier und bestimmt hätte er zur Winterzeit im Unterschied zu mir stets warme Füße. Und vielleicht läge anstelle einer Rauhaardackeldame ein Sibirischer Huskyrüde unter seiner Wolldecke.

Aber wie dem auch sei: Er hätte dieselbe Mutter gehabt, und er hätte sich ebenso als ihr einziges Kind unter ihrem Regiment behaupten müssen.

Was hätte er für eine Überlebensstrategie entwickelt?
Wäre er stärker gewesen als ich? Oder schwächer?
Ob auch er eines Tages davongelaufen wäre? Oder geblieben wäre?
Hätte er sie wohl länger lieben können als ich? Oder gar noch kürzer?
Und wäre es ihm möglich gewesen, an ihrem Sterbebett zu sitzen? Oder ebenso wenig?

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Ein russisches Original: Birkenholz, handbemalt und aus sieben Teilen bestehend.

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Der Papa brachte sie mir neulich aus Russland mit.

Er hätte eine ganze Weile suchen müssen, sagte er, bis er eine gefunden hatte, die der, die zu meinen Kindheitstagen im großen Bücherregal der Mutter stand und von dort, aus einer Lücke zwischen dem grün ummantelten Pschyrembel und den blau eingebundenen technischen Wörterbüchern, völlig reglos, aber mit wachem Augenaufschlag auf unser Familienleben hinunterblickte und das, was sie sah, sich verpuppen ließ, um es dann gut in ihrem Inneren zu verbergen, zum Verwechseln ähnlich sah und die aus genauso vielen Figuren bestand: nämlich aus sieben Puppen.

Schließlich hatte er sie gefunden.

Nach 35 Jahren habe ich nun wieder eine Matrjoschka. Eine echt russische!
So wie die, die ich als Kind immer wieder auseinandernahm und zusammensetzte, um sie dann erneut zu zerlegen und wieder zusammenzubauen – und immer so fort.
Es war die Hauptaufgabe, die ich in dieser Familie hatte: all diese Figuren irgendwie zusammenzuhalten oder sie zu separieren, je nach Temperatur, die das familiäre Thermometer gerade anzeigte, und mit viel Fingerspitzengefühl, damit das feine Birkenholz, aus dem sie gedrechselt waren, ja nicht zerbrach.
Mal stellte ich sie als Ganzes zurück ins Bücherregal der Mutter, mal platzierte ich alle sieben Puppen einzeln dort, was der Mutter missfiel.
Sie geriet dann in Sorge, eine der kleineren Matrjoschkas könne zu Boden fallen und dabei kaputtgehen.

Rückblickend denke ich, dass ich schon früh die Verwandtschaft zwischen der Matrjoschka und unserer Familie wahrgenommen hatte und sie mich deshalb so faszinierte.
Denn unsere Dreiheit war genau wie diese Matrjoschka: ein zurechtgedrechseltes Kunstprodukt, ein ineinander verschachteltes Etwas, nach außen hin zwar bunt und lächelnd, tief drinnen aber mit einem harten, hölzernen Kern, der umgeben war von vielen Hüllen, jede davon schmerzerprobt, weil potentiell jederzeit in ihrer Mitte durchtrennbar und zu oft allein dastehend (und dann diesen unheimlichen Hohlraum in sich spürend).

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Nun, da ich der Mutter nichts mehr übelnehme – und das nicht etwa, weil ich ihr alles verziehen hätte, was ich ihr einst übelnahm, sondern: seit der irdische Part unserer Geschichte ein Ende fand, fühlt sich die Vergangenheit von Jahr zu Jahr friedlicher an, wohl weil ihr jede Zukunft genommen wurde und sich das als heilsam erweist – kann ich über sie schreiben.
Kann sie be_schreiben, die Mutter und die 17 Jahre, die ich mit ihr verbrachte.

Freuen Sie sich also auf „Matrjoschka“, die neue Winterserie hier im Kraulquappen-Blog.
Oder besser gesagt: Seien Sie zumindest gespannt auf etwas dunkle Lektüre in der dunklen Jahreszeit, die gut zu einem Pott schwarzem Tee mit zu viel Rum drin passen könnte, aber richten Sie Ihre Freude vielleicht doch lieber auf Bekömmlicheres wie z.B. Weihnachtsplätzchen oder die Schokoladenstückchen aus Ihrem Adventskalender, die demnächst ja Einzug halten werden.

Diese Serie wird sieben Teile umfassen, so wie auch die Matrjoschka, mit der ich als Kind unter dem großen Schreibtisch der Mutter hockte und spielte, aus sieben Figuren bestand. In jeder Folge wird eine der Puppen ihre Geschichte erzählen.
Obwohl es noch exakt sieben Wochen bis Weihnachten sind, werden wir bis dahin nicht fertig sein, sondern erst dann, wenn der Schnee, der jetzt noch gar nicht gefallen ist, langsam wieder zu schmelzen beginnt.

Ich versichere Ihnen, mir Mühe zu geben, die Memoiren der sieben Holzpüppchen jeweils so zu lektorieren, dass Ihnen die veröffentlichten Beiträge nicht ähnliche Frostbeulen bescheren wie sie sie in der damaligen Kinderseele der Tochter hinterließen – es ist draußen ja schon zapfig genug.

Und falls Sie sich fragen, wieso Sie diesen Siebenteiler nicht während der dauerheißen Sommermonate kredenzt bekommen, wo ein bisschen Frösteln ja durchaus wohltäte, so kann ich das schlicht und schnell damit beantworten, dass manche Geschichten emotional und auch sonst Wintergeschichten sind und daher in keiner anderen Jahreszeit erzählt werden können.

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Die sieben Mütterchen aus Russland packen aus.

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Doei Dubbeltje!

„Wie voor een dubbeltje geboren is, wordt nooit een kwartje.“

Dafür aber der Lieblingsfußballer meines Lebens.

Foto mit Seltenheitswert (aus der aktuellen Ausgabe von „11Freunde“).

Vorletztes Wochenende dein letztes Tor hier in Minga, eine Woche später das letzte Spiel in Berlin, gestern dann die Double-Feier, die durchs gekippte Fenster herüberdröhnte, während ich den Parkettboden wischte – und nun ist’s vorbei, diese Ära mit dir. Unwiderbringlich vorbei. Kaum zu glauben, wie schnell eine Dekade rum ist.

Du wirst mir fehlen, Arjen!
Und das hab ich noch nie über irgendeinen Fußballer gesagt, vielleicht mal ganz kurz gedacht als der Olić ging, aber so öffentlich gesagt hab ich sowas noch nie.

Wegen dir hab ich sogar gelegentlich Spiele angeguckt, eher zum Leidwesen des Gatten, der meine Kommentare (à la „Muss das Spiel ausgehen?“ oder „Der Hummels hat ja eine neue Frisur!“) selten goutierte. Da du oft genug verletzt warst und ich oft genug zur Spielzeit irgendwo draußen unterwegs, hielt es sich ja auch noch im Rahmen, das gemeinsamene Fußballschauen.

Du warst der einzige Spieler, den ich stets auch ohne Brille und aus wirklich jeder Perspektive erkannt habe. Wegen deiner unvergleichlichen Art zu laufen. Und der einzige, der sich nie sein Trikot vom Leib riss, weil das auch gar nicht einfach so gegangen wäre, bei den engen Leiberln. Deine bis weit ins Frühjahr hinein reichende Verfrorenheit war mir (bekennende Schlafsockenträgerin bis mindestens April) sehr sympathisch, genau wie dein nettes Holländer-Deutsch (das mich an all die Sommerurlaube in der Kindheit auf Walcheren erinnerte).

Servus, Arjen Robben!

Werden das Fräulein und ich wohl jetzt öfter mal die Gassirunde nach Grünwald verlegen, vielleicht auch mal beim Chang einkehren oder in der Eierwiese.

Oder zur Weihnachtszeit in dem unsäglichen Fanclub am Tegernsee vorbeischauen:

(Wenn Sie nicht grad Bayern-Hasser sind, dann schauen Sie sich das ruhig an, da erfahren Sie nämlich, wieso der Arjen vor zehn Jahren nach München kam – profaner hätte der Grund kaum sein können 🙂 )

Bundesliga, letzter Spieltag 2019: Dem Dackelfräulein wirst du wohl nicht fehlen, sie fand es immer langweilig, Samstagnachmittage in Fußballkneipen zu verbringen.

Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

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Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

But I’m absolutely sane.

Eine größere Sache heute zuende gebracht, danach gleich die nächste angepackt.
Immer noch bleierne Müdigkeit, beinahe ganztags. Und dieser Ausschlag. Und häufiges Frösteln und so manches mehr. Zugleich ab und zu das Gefühl, das Medikament schlüge an und es ginge aufwärts.

Am späten Vormittag bereits Kuchen gebacken, D. hat sich den gewünscht, für morgen, für ihre große, runde Feier. Das Kuchenbacken doch noch nicht verlernt, schön. Sollte man wieder öfter machen, allein der Duft in der ganzen Wohnung ist ja ein Genuss!
Nebenher die Liste der mitzunehmenden Dinge für meinen großen Freund S. erstellt, der morgen die Ehre hat, für einige Stunden das Dackelfräulein zu hüten, nachdem ich Ds Feier beiwohnen werde und der Gatte in Frankfurt ein Wochenendseminar hält, so dass ein gutes Plätzchen gesucht werden musste.

Mittags Kopf, Körper und Hund ausgiebig an der Isar bei Schäftlarn ausgelüftet, um mal wieder von sauberem Weiß umgeben zu sein statt von schmutzigen Altschneeresten in der Großstadt.
Anschließend kommt die Braunschweiger Freundin kurz zu Besuch, seit Mai nicht mehr gesehen und dennoch war’s als wär‘ man gestern erst auseinandergegangen. Nachdem wir uns die Gesichter mit Krapfenmarmelade und -puderzucker verschmiert haben, fahre ich sie nach Schwabing, wo sie auf einen Geburtstag eingeladen ist.
Das hatten wir noch nie, dass wir zum Abschied sagen konnten: „Bis in drei Wochen!“ – dann reise ich zu ihrer Geburtstagsfeier. Auch ein runder Geburtstag. Ich mag Geburtstage ja, den meinen ebenso wie die der anderen.

Von Schwabing aus fahre ich weiter zum Lieblingsbad, fast eine Woche nicht mehr dort gewesen – ein Unding! – und heut‘ Abend versuch‘ ich’s einfach, trotz der null Grad da draußen (es ist ja ein Winter-Freibad, schön beheizt zwar, dennoch muss man 42 Schritte vom Gebäude durch die Eiseskälte bis zum Beckenrand laufen und der erste halbe Meter unter der Wasseroberfläche hat auch nicht gerade Badewannentemperatur), trotz der Müdigkeit und allem.
In der Bahn sind außer mir nur zwei roboterartige Kampfkrauler, man kommt einander also nicht in die Quere und es geht insgesamt erstaunlich gut.

Auf dem Heimweg mache ich etwas, das ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht habe: ich fahre bei einer Tankstelle raus, um Bier zu kaufen.
Gruselige Assoziationen kommen da hoch: an den, der immer abends zur Tanke ging, um Bier zu kaufen. Und zwar jeden Abend. Und auch nicht nur eine Flasche.
Mit 46 fahre ich also erstmals nur zum Bierkauf an eine Tankstelle. Grund: Der blöde REWE hat seit über einer Woche die für mich einzig wahre Weißbiersorte nicht mehr im Regal stehen, angeblich Lieferschwierigkeiten.

Als ich mit dem Bier in der Hand zum Auto zurückgehe, fühle ich mich unwohl, muss an den Papa denken, der mich in meiner kurzen Phase als Raucherin immer ermahnte, bloß nicht draußen auf der Straße und schon gar nicht beim Herumlaufen zu rauchen, weil das Frauen nicht zu Gesichte stünde. Obwohl ich diese Regel schon damals für äußerst fragwürdig hielt, frage ich mich plötzlich, ob sie nicht für das offene Herumtragen einer Bierflasche ebenso gelten könne und fühle mich noch unwohler.
Ein Geschäftsmann im Lodenmantel steigt aus seinem blankpolierten BMW, unsere Blicke kreuzen sich für einen Moment. Eine Frau allein, am späteren Freitagabend, mit dreckigem Auto, in abgewetzter Jeans, uralten Bergstiefeln, mit nassen Haaren, die unter der Fleecemütze rausschauen (er wird sie wohl für strähnige, ungewaschene Haare halten, nicht für schwimmbadnasse) – wie sieht das aus? Ich bin froh, als ich wieder im Auto sitze und ärgere mich, dass es mich auf einmal beschäftigt, was irgendwer sich über mich denken könnte.

Lasse den Motor an, fädle mich wieder auf die Allee ein, hinter einen Porsche 911, der fast denelben Farbton hat wie der von Saga Norén, der mich aber nicht deswegen, sondern wegen seines Kennzeichens zusammenzucken lässt: M-HK 2108. Genau damit fuhr die Mutter einst herum, im orangefarbenen VW Käfer (der mit den netten, feinrändrigen Augen, nicht der mit den Glotzaugen). Ja gibt’s das?!
M-HK 2108 lebt also noch (und in mir denkt es: „maybe everything that dies someday comes back“, einer dieser Fetzen aus dem Lebenssoundtrack) und dabei ist sie jetzt bald drei Jahre unter der Erde.

Um nicht länger als nötig an den orangefarbenen Käfer und die Geschichten, die sich in ihm und um ihn rankten, zu denken, stelle ich das Radio an, den Sender, von dem man jahrzehntelang dachte, man würde ihn niemals hören (so wie man auch never ever an der Tankstelle Bier kaufen würde).
Ich lande mitten in der ersten Strophe eines Bowie-Songs: „(…) but I’m abolutely sane“.
Absolute beginners.
Sehe A. und mich im gleichnamigen Film sitzen (über 30 Jahre her), von dem ich nichts erinnere außer Bowie, der Zebrafrau und eben diesem Song. Am Tag danach sofort die Single gekauft. Im Jugendzimmer auf dem Boden sitzend, ans Klavier gelehnt, mit Blick auf das damals gerade neu erstandene Tunnel-of-love-Poster die Scheibe in Endlosschleife gehört.
Der größte Segen meines vom Zeitungsaustragesalär gekauften Plattenspielers war seine Repeat-Taste.

Niedergebügelt oder: Rowenta, 1984.

Eine der Tätigkeiten im Haushalt, die ich outgesourced habe, weil ich sie stets weniger mochte als alle anderen, aber passenderweise mit jemandem verheiratet bin, dem diese Tätigkeit nicht so zuwider ist, vielleicht auch, weil er dabei stundenlang in Ruhe Fußballgucken kann (freilich nicht die Spiele „seines“ Vereins, denn das wäre gerade bei dieser Tätigkeit durchaus riskant) oder sich alternativ dazu von YouTube-Videos von Philosphievorlesungen berieseln lassen kann (denn Fußball läuft ja nicht täglich, YouTube aber schon), ist das Bügeln.

Im Klartext: Ich hasse Bügeln. Schon immer. Ich bin geradezu traumatisiert, was Bügeln betrifft. Offen gestanden, beginnt das schon beim Anfassen des Bügeleisens. Denn bevor ich in meinem Leben überhaupt an den Punkt gelangt war, an dem es wirklich erforderlich geworden wäre, dieses Gerät anzufassen (also zur ersten Hochzeit oder mit Beginn der Phase der Vorstellungsgespräche), war ich bereits über 10 Jahre im Besitz eines Bügeleisens.

Ich war 12 Jahre alt, als ich mein erstes Bügeleisen bekam.
Es trat unter sehr schwierigen Umständen in mein Leben, und dass es ein Begleiter für sage und schreibe 34 Jahre werden sollte, hat damals wohl niemand beabsichtigt oder geahnt, am allerwenigsten ich, die ich 1984 wirklich so manches gern hätte haben wollen, aber definitiv kein Bügeleisen und erst recht kein damit verbundenes Trauma.

*****

1982. In der sich bereits anbahnenden, kleinen, ganz privaten Dystopie in jenem facettenreichen Gebilde, das man Herkunftsfamilie nennt, knirschte es schon lange im Gebälk, aber noch stand das Gebäude, die Fassade wies keine sichtbaren Schäden auf, die Abrissbirne war noch nicht geschmiedet worden, alle klammerten sich noch an einander oder an Dinge, die irgendeine Art von Griff oder Mulde boten, in die sich die nach Hilfe tastenden Hände krallen konnten.

Wohin man aber auch blickte oder lauschte – wenn man wirklich aufmerksam war und das Wahrgenommene an sich heranließ – dann war es überall spürbar, dieses Knirschen und Knarzen, dieser Zersetzungsprozess, dieses langsame Verschmelzen der vielen kleinen Eiterbeulen zu einem riesigen Abszess, der gar nicht anders konnte, als irgendwann zu platzen, wenn ihm denn niemand eine Drainage legen würde, was keiner tat oder tun konnte, so wie in vielen Familien ja den grausigsten Dingen ihr Lauf gelassen wird, anstatt die ganze Bagage gesammelt in die Notaufnahme zu schicken.

We played out an all-night movie role
You said it would last, but I guess we enrolled
In 1984 (Who could ask for more?)

*****

1984. Die Mutter kurz vor einem ihrer Reha-Aufenthalte. Jahrelanges Herumdoktern an dem Kreuzbandriss einer Unsportlichen, die sich „der Familie zuliebe“, die bevorzugte Plattform ihrer Opferrolle, eine Saison lang ungelenk auf die Skier gestellt hatte, bis es sie, am letzten Tag des fürchterlichen „Familienskikurses“ im weltmeisterlichen Schladming mitten auf der Planai zerlegte. Im Winter 1982. Bei der letzten Abfahrt.
Der Papa hatte sich am Tag zuvor am Hochwurzen das Kahnbein der linken Hand gebrochen.

In meine spätkindliche Welt war damit endgültig das Unglück hereingebrochen, es war sichtbar geworden, es ließ sich nicht mehr verbergen. Zerbrochen an allen Ecken und Enden wurden wir wie ein Haufen Versehrter heimgekarrt, der Fahrer vom Papa kam mit dem Kombi, um die Mutter mit ausgestrecktem, provisorisch geschientem Haxn nach München zu kutschieren und direkt ins Rechts der Isar einzuliefern. Dort wetzte der seinerzeit als Kniespezialist ausgewiesene Chefarzt in der Chirurgie bereits die Messer, verpfuschte dann aber das Knie nachhaltig, so zumindest die Version der Mutter.
Der Papa transportierte mit eingegipstem Hangelenk unsere Skiausrüstung, die Koffer und mich nachhause. Aus der Traum vom Wintersport, vorbei die Ferien, die Kindheit auch und das Familienleben ebenso.
Entschuldigen Sie den kleinen Exkurs in den Winter des Jahres 1982, aber der ist als Prolog zum Winter 1984 nunmal unerlässlich.

*****

Zwei Jahre nach diesem Drama in St. Eiermark, wie der Papa die Region immer nannte, was ich als Kind lustig fand, aber nur bis zu diesem Unglückstag, an dem unsere Familie für alle Zeiten verunfallte (was für ein gräßliches Verb, aber es trifft genau), zwei Jahre nach Schladming stand also wieder mal einer der Reha-Aufenthalte der Mutter an. 1984. Dazwischen lag übrigens die räumliche Trennung der Eltern, der Papa war ausgezogen bzw. ausgezogen worden, zur Scheidung rang man sich erst Jahre später durch, der eine aus Berechnung, der andere aus Hoffnung.

Jeder Aufenthalt, egal wo und für wie lange, ist ja verbunden mit Kofferpacken. Das pünktliche Herrichten von Sachen beherrschte die Mutter noch nie, sie beherrschte es so wenig, dass der Papa irgendwann die Beherrschung verlor und ihr das Packen abnahm. Was die Mutter gar nicht ertragen konnte: dass ihr jemand die zumindest in ihrem Kopf wohl existenten Listen an mitzunehmenden Gegenständen aus der Hand nahm oder gar ignorierte und nach seiner Fasson ihren Koffer befüllen wollte. Bevor wir für drei Wochen nach Holland reisen konnten, reisten wir stets drei Tage durch die Vorbereitungshölle und die letzten drei Stunden vor der Abreise durch das Fegefeuer des finalen Kofferpackens.

Sie können sich nun in etwa vorstellen, was sechs Wochen Reha-Aufenthalt also im Vorfeld bedeuteten.
Die Mutter saß überfordert vor ihren Koffern, um sie herum Berge an unnützem Zeug, bis Mittag sollte man in der Klinik eintreffen, sie hockte da morgens in ihrem Chaos und konnte keine Entscheidung treffen, was wohin eingepackt werden musste. Der Papa hatte einen Tag freigenommen, fuhr zu uns, um beim Koffertragen zu helfen und um sie und ihre Sachen in die Klinik zu bringen, hatte alles Überflüssige vorsorglich aus dem Mercedes entfernt, damit das Kind neben all dem Gepäck auch noch irgendwie Platz auf der Rückbank fände.

Die Zeit wurde knapp und knapper, der Papa wollte packen, durfte aber nicht, die Mutter konnte nicht packen, tat es dann aber. Kurz vor dem Aufbruch wanderte sie rastlos durch die Wohnung, mit einem suchenden Blick nach Dingen schielend, die sie vergessen haben könnte oder noch brauchen würde, dort in Bad Heilbrunn.

Plötzlich griff sie nach dem Bügeleisen und stopfte es obenauf in eines iher übervollen Gepäckstücke. Dem Papa platzte der Kragen. Ob sie jetzt spinne?! Es gäbe Bügeleisen in der Klinik, die man bei Bedarf ausleihen könne! Sie solle sich das doch bitte sparen, das Auto würde eh schon überquellen vor lauter Gepäck. Auf einmal wurde um dieses Bügeleisen so gestritten wie seinerzeit beim Auseinanderdividierens des Hausstandes über einen pottscheußlichen Wandteppich aus Ägypten, an dem eigentlich keiner hing, aber an dem man vielleicht genau deshalb alles aufhängen konnte. Diese ganze Ehe, dieses ganze Scheitern, all die Verzweiflung.

Die 12-Jährige heulte. Natürlich nicht wegen des Bügeleisens, das für 6 Wochen zu verreisen drohte, auch nicht wegen der Mutter, die für längere Zeit verschwinden würde, nein, sie heulte einfach nur wegen der immensen Lautstärke und der ewigen Wiederholung des Immergleichen.

Man fuhr schließlich in Bombenstimmung los, genau wie früher, wenn es Richtung Holland ging.

*****

Bei der Ausfahrt Penzberg/Iffeldorf verließ der Papa die A95, nicht nur, um die kürzeste Strecke nach Bad Heilbrunn zu wählen, sondern um einen unangekündigten Zwischenstopp in Penzberg einzulegen. Er bog spontan von der Durchgangsstraße ab und hielt vor einem Elektro- und Haushaltswarengeschäft. Eines dieser Geschäfte, mit allem, was das Hausfrauenherz an kleinen Alltagshelfern begehrt, zusammengepfercht in einem mit billigem, beigem Teppich ausgekleideten Schaufenster, hinter staubigen Scheiben auf Kundschaft wartend und mit handgeschriebenen Preisschildchen versehen, die wacklig an den ausgestellten Waren hängen. Geschäfte, die es heute kaum noch gibt, weil sie längst der großen Konkurrenz erlegen sind, selbst in Penzberg.

Er stieg aus, verschwand in dem kleinen Laden und kam 10 Minuten später mit einer Schachtel unter dem Arm wieder heraus. Riss die Autotür auf, drückte mir den kleinen Karton in die Hand und sagte „Da, jetzt hast du selbst ein Bügeleisen, wenn deine Mutter nicht in der Lage ist, ohne dieses Trum in die Klinik zu gehen.“.
Ich hielt es auf dem Schoß, betrachtete die Schachtel, auf der „Rowenta“ stand und der darin befindliche Inhalt mit einem schnöden Foto abgebildet war, und war unschlüssig, ob ich nun „Danke“ sagen müsste oder ob ich nochmal weinen sollte oder ob mir all das einfach nur egal sein dürfte.
Keine Ahnung, was ich damals tat, manches entsorgt das Hirn ja dankenswerterweise.

Jedenfalls war ich nun Eigentümerin eines Bügeleisens und wenig später auch Besitzerin eines Bügeleisentraumas.

*****

Denn dieses Gerät wurde nicht nur zum Symbol meiner Abnabelung von der Mutter, sondern nach ihrer Rückkehr aus der Klinik auch zum Streitobjekt. Schließlich hatte die Tochter nun das bessere Bügeleisen, das neuere, das mit mehr technischen Finessen. Und sie brauchte es doch gar nicht! Ha! So ging das nicht, so war das nicht vorgesehen!
Aber irgendwas war da in der Tochter, das bereits so widerspenstig geworden war, dass sie auf einmal dieses olle Bügeleisen festhielt und nicht hergeben wollte. Nicht mal ausleihen wollte sie es, nein! Es war IHR Bügeleisen und sie würde es nicht von der Mutter anfassen lassen, fast wie ein geliebtes Haustier, das man vor den unkundigen Zugriffen zu neugieriger Fremder zu beschützen versucht.

Mit 17 verließ ich die Mutter. Ich ließ sie zurück mit ihrem alten Bügeleisen und ihren ganzen Krankheiten (und leider auch mit meinem Hund).
Ich nahm mein Bügeleisen und alles, was ich sonst noch packen konnte (ordentlich packen, versteht sich, denn ich kann gar nicht anders als Dinge ordentlich und übersichtlich zu packen, ich kann Chaos beim Packen oder Zeitnot vor der Abreise nicht ausstehen) und ging.

Das Bügeleisen wurde damit auch zum Inbegriff meines frühen Auszugs in die Welt, es wurde mein erster praktischer Begleiter auf dem Weg zum ersten eigenen Hausstand, den ich schließlich mit 18 hatte. Ich trug es von Bleibe zu Bleibe, räumte es von Schrank zu Schrank, von Regal zu Regal, es war immer bei mir, obwohl ich es in den ersten Jahren so gut wie nie verwendete.
Es wohnte all die Zeit in seiner Originalschachtel aus dem Penzberger Haushaltswarengeschäft, ab und zu sah ich hinein, ob es noch da wäre. Das war es, es war sehr verlässlich da. Manchmal war es nahezu das einzige greifbare Relikt einer früheren Zeit, das noch da war und gottseidank auf eine stumme Weise da war und nichts von mir wollte – das hatte in all den unruhigen Jahren etwas ungemein Beruhigendes und Kontinuitätspendendes.

Und es war unversehrt, das hatte es mir voraus. Es war so herrlich heil und glänzend und unversehrt.

*****

Nein, ich erzähle Ihnen jetzt nicht die vergangenen 34 Jahre, die ich mit diesem Rowentagerät verbracht habe, en detail nach – seien Sie unbesorgt.
Ungefähr 20 Jahre unseres Zusammenseins kann man nämlich in zwei knappe Sätze fassen: Wir gewöhnten uns aneinander und kamen klar. Aber es war eine rein pragmatische Beziehung, wirklich tiefe Gefühle oder gar Freude am gemeinsamen Alltag kamen nie auf.

Heute würde ich sagen, dass uns das am Tag unseres Kennenlernens schon so vorherbestimmt war: Da war kein Fünkchen Liebe oder freie Wahl im Spiel, sondern wir wurden zwangsverheiratet, Rowenta und ich. Daraus hätte auch großes Leid erwachsen können, in unserem Fall blieb es bei einem kleinen Trauma. Wenn man so will, ist es also noch ganz gut gelaufen. Denn 34 Jahre sind kein Pappenstiel.

Ich überließ das Bügeleisen schon in meiner ersten Ehe gern und regelmäßig M., der damit auch meine Sachen bügelte. Rowenta und M. kamen nämlich gut zurecht, sie waren zufrieden miteinander. Als ich M. verließ, habe ich mein Bügeleisen dennoch nicht bei ihm zurückgelassen. Es hing an mir wie ein früher Fluch (oder ich an ihm), etwas, das man zwar loswerden will, aber nicht loslassen kann. Die Erinnerungen an diesen Penzberger Montagmorgen im Jahr 1984 waren zwar rabenschwarz, aber ich konnte sie nicht loslassen. Undenkbar, mich von diesem Ding zu trennen.

Einige Jahre lang haben Rowenta und ich dann zu zweit zusammengelebt. Sogar ungeahnt intensiv, denn bei meinen 3-4 Dienstreisemonaten pro Jahr war ich doch sehr auf das Funktionieren unserer Beziehung angewiesen. Es lief an der Front reibungslos zwischen uns, aber Herzlichkeit keimte dennoch nie auch nur ansatzweise auf.
Bis Rowenta zu schwächeln begann. Nicht, was ihre Heizleistung anging, da hapert es bis heute kein bisschen. Das mit einer Art Kunstgarn umwickelte Kabel begann sich aufzulösen, hier und da hing ein Faden aus dem Gewebe heraus. Eine zeitlang ließen sich diese Alterserscheinungen noch mit der Nagelschere stutzen oder wegzupfen, so wie man ab 40 beginnt, sich die ersten grauen Haare einzeln auszurupfen, was man dann aber bald wieder bleiben lässt, weil man ja sonst mehr Schaden als Nutzen damit anrichten würde und gewisse Prozesse sich ja eh nicht aufhalten lassen.

Ich begann auf einmal, mich um mein Bügeleisen zu sorgen. So funktional, lieblos und nüchtern die Beziehung zwischen uns auch immer war, sein Verfall bekümmerte mich zutiefst und sein potentieller Tod war mir eine schier unerträgliche Vorstellung.

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Genau in dieser kritischen Phase trat der Gatte in mein Leben. Er konnte von Anfang sehr gut mit Rowenta, umwickelte ihre Wunden fürsorglich mit einem Stoffklebeband, was ihrem Faserkleid wohlttat. Er entführte sie, verjüngt und aufgebrezelt wie sie dann aussah, in die Welt des Fußballs. Erstmals durfte dieses Bügeleisen erfahren, dass das Leben aus mehr bestand als aus dunklen Schränken und kurzen, wortkargen Ausflügen ins Licht.
Sein trostloses Kasper-Hauser-Dasein wurde abgelöst von stundenlangen Champions-League-Abenden bei Festbeleuchtung, mit Rotwein und laut krakeelenden Kommentatoren, und dazu durfte es noch geschmeidigweiche Boss-Hemden bis zur Perfektion streicheln. Vom Alter her hätte man sagen müssen: Rowenta erlebte ihren zweiten Frühling! Die traurige Wahrheit aber war: es war der erste Frühling überhaupt für dieses arme, ungeliebte Ding.

Als Rowenta dann dank der Förderung durch den Gatten auch noch ein Seniorenstudium beginnen durfte, war mir klar, dass ich mich fortan aus der Beziehung zwischen den beiden ganz raushalten sollte. Es ist mit Sicherheit das einzige Bügeleisen, das zahlreiche Vorlesungen über Husserl gehört hat und etliche Vorträge von Hans Joas auswendig kennt. Der ungeahnte, späte Geistesreichtum kam auch Rowentas körperlicher Verfassung sehr zugute, sie hielt sich wacker, trotz aller Betagtheit. Ich ließ die beiden in Ruhe, wohl wissend, dass ich da eh nur störte, sie kamen ohne mich ganz hervorragend klar.

Wir begegneten uns in den letzten Jahren kaum noch, Rowenta und ich, und wenn, dann lehnte sie gerade erschöpft in der Küche und befand sich in der Abkühlphase nach einem langen Abend mit dem Gatten, an dem ihr wahre Höchstleistungen abverlangt worden waren (denn der Gatte bügelt immer erst dann, wenn „ein bisserl was zusammengekommen ist“, und „ein bisserl“ ist ein recht dehnbarer Begriff zwischen Männern und Frauen).

Ich würde rückblickend sagen: diese Zeit war die beste in Rowentas langen Leben. Und ein paar solcher Abende werden sie schon noch miteinander haben, die beiden (@Gatte: ähem, räusper – die Schublade mit der Bügelwäsche geht übrigens kaum noch zu, es wär‘ also ein bisserl was zusammengekommen 😉 ).

*****

Aber alles geht irgendwann zuende. Auch das längste Bügeleisenleben. Und wie es oft so ist: wenn das Ende bevorsteht, kommen manche einander doch nochmal näher, nach einer Pause oder nach Jahren des Zerwürfnisses, vielleicht auch zum allerersten Mal überhaupt.

In den letzten Wochen habe ich mich Rowenta erstmals nach vielen Jahren wieder zugewandt. Sie sogar berührt. Stundenlang! Ich holte im Wochentakt je ein Paar unserer neuen Vorhänge aus der Näherei ab, die dann gewaschen und vor dem Aufhängen natürlich gebügelt werden mussten. Da der Gatte zeitlich und bügeltechnisch aus dem letzten Loch pfeift, so mitten im Semester, wollte ich ihn nicht damit belasten, obwohl ich sonst wirklich konsequent gar nichts bügle, nicht mal in Notfällen wie spontanen Theaterbesuchen oder Beerdigungen.

Nach ca. 10 Jahren der totalen Distanz zwischen uns, kam es also jüngst nochmal zu mehreren Begegnungen. Mir fiel auf, dass Rowenta mittlerweile schwer ächzt und knarzt, wenn man sie auf höchster Stufe über 11 Meter Marimekkostoff scheucht. Kleine Runden stemmt sie noch ganz gut, aber solche Marathonläufe sind ihre Sache nicht mehr. Sie ist alt geworden, uralt.

Plötzlich, beim letzten Vorhang, den ich bügle, spüre ich ein Ziehen in der Herzgegend. Mein Blick fällt auf ihr Kabel, auf ihren an ein paar Stellen gebrochenen Griff, auf ihren zierlichen, altersschwachen, bleichen Körper. Es schnürt mir den Hals zu.

Und ich sehe auf einmal wieder das unglückliche Mädchen von 1984 auf der Mercedesrückbank sitzen, und ich spüre seinen Drang loszuweinen oder wegzulaufen, damals in Penzberg, an diesem Wintertag, der so düster war, obwohl der Himmel so blau war über dem herrlich verschneiten Tölzer Land.

Ich höre die Autotür noch zufallen, als der Papa ausstieg, um Rowenta zu kaufen, sehe ihn noch aus dem Geschäft kommen und diese Bügeleisenschachtel unter dem Arm tragen, dort eingeklemmt wie ein Gewehr, mit dem er der Mutter mindestens einen Streifschuss verpassen und die Tochter vor irgendwas beschützen und bewahren wollte, das er selbst nicht hätte in Worte fassen können (weil er in derlei Worten keine Übung hatte und im Umgang mit den dahinterliegenden Gefühlen schon gleich gar nicht), und vor allem aber sich selbst den Weg freischießen wollte, in ein Leben ohne diesen ganzen familiären Scheiterhaufen, dessen Teil leider auch er war.

*****

Und mit dieser launigen Lebensgeschichte eines einst so ungeliebten Geschenks, dessen Tage nun ebenso gezählt sind wie die der Türchen des Adventskalenders 2018, verabschieden wir uns hier und heute in eine kurze Auszeit, in der wir in Ruhe ein paar Dinge ein bisschen sortieren, wenn nicht gar ausmisten wollen, um anschließend unbelasteter an Zukünftigem feilen zu können.

Nicht nur an einer Zukunft ohne Rowenta, sondern auch an einer, in der man Penzberg 1984 noch ein Stück friedlicher unter dem Schnee vom vergangenen Jahrhundert mitsamt seiner teilweise schon verstorbenen Protagonisten ruhen lassen kann.

 

Song des Tages (26).

Fertig sind wir, in jeder Hinsicht.
Das aber immerhin bei gutem Licht in allen Räumen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!

Mit einem finalen großen Dankeschön an unseren Handwerksfreund Wiktor und einer Verneigung vor unseren eigenen Kräften & Nerven beschließen wir nun zufrieden und erleichtert das Projekt (besser gesagt: den Lebensabschnitt) „Wohnungswechsel in der Weltstadt mit Herz ( & Wuchermieten)“.

Saw you stretched out in Room Ten O Nine
With a smile on your face and a tear right in your eye
Oh, couldn’t see to get a line on you
My sweet honey love

May the good Lord shine a light on you
Make every song (you sing) your favorite tune
May the good Lord shine a light on you
Warm like the evening sun

And the angels beating all their wings in time
With a smile on their face and a gleam right in their eyes
Could not seem to get a high on you
Come on up now, come on up now, come on up!

Einen lichten ersten Advent wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

(Kaum war die letzte Leuchte angebracht und der letzte Pinselstrich getan, sank sie mit einer stattlichen Erkältung in die Kissen und zog sich für drei Tage die Decke über den Kopf und lupfte sie nur, wenn der Gatte einen Tee brachte oder das Dackelfräulein hinein oder hinaus wollte.)

Ein Gefühl von „Finale“ oder: Klappe, die letzte.

Ein paar Schmuddelwettertage der Extraklasse (und der Steuerklassen) liegen hinter mir.

Wieder eine Komplikation und Last weniger, erstmals im Leben mit zweimonatiger Verspätung, aber immerhin noch vor der Mahnung.

Jetzt nur noch auf den ELSTER-Aktivierungscode für den Online-Zugang warten (dumm nur, dass der per Nachsendeantrag kommen wird, weil – noch dümmer – das Finanzamt noch gar nichts vom Umzug wusste, aber mei) und dann weg damit und hoffen, dass das alles so durchgeht (Rubrik „Übungsleiter“ und so) und wenn nicht, dann hoffen, dass mein großer Freund S. Einspruch einlegt und ggf. danach alles so durchgeht, denn sonst… (aber lassen wir das und bleiben optimistisch).

Einen Abend vor der Ankunft des Handwerksfreundes kommt die vor zwei Wochen bestellte Lampe nach zahlreichen Nachfragen und Ermahnungen und Schweißausbrüchen über nicht nachvollziehbare Sendungsnummern und -verläufe und etliche mafiöse Umwege tatsächlich noch genau rechtzeitig hier an.

Frisch eingetroffen aus dem Land, wo die Zitronen ebenso blühen wie die seltsamen Geschäfte und die Post langsamer arbeitet als anderswo.

Jetzt warten wir auf Wiktor, der in 2 Stunden von der U-Bahn durch den Schnee über die Wiesn zu uns herüberstapfen wird, beladen wie der Nikolaus, und das hoffentlich nicht nur mit Werkzeug und einer reparierten Lampenfassung, sondern auch mit den üblichen Hirschhäppchen fürs Dackelfräulein, die dieses so schätzt.

Mit Wiktor haben wir jetzt, pleite wie wir alle sind, einen neuen Deal, sozusagen ein Tauschgeschäft: Er bringt Licht in unseren Flur und ich bringe Licht in seine Einbürgerungspapiere. Der eine bohrt in die Decke und schmiert Silikon in Fugen, der andere bohrt im Internet und schmiert Notizen auf Zettel (mit Fug‘ und Recht kann man das als Win-Win-Situation bezeichnen, finde ich).

Nun also die letzten Fugen, ein paar Nachbesserungen an Türen und Wänden und noch etwas Kleinkram hier und da.
Und endlich vernünftiges Licht in Flur und Diele (gut, dazu muss noch die Decke aufgemeißelt und ein Kabel verlegt werden, und man weiß nie, was so ein Vorhaben nach sich zieht, evtl. verputzt man dann plötzlich den halben Flur neu oder kommt mit dem Meißel oben im Parkett des Nachbarn raus oder es fällt einem einfach gleich die gesamte, marode Altbaudecke auf den Kopf… – aber Wiktor wird es schon richten.)

Finale.
205 Tage nach Einzug.
Was für herrliche, lichte Aussichten!

Genau wie die, die wir seit Freitagabend hier vor der Tür haben: Die Wintertollwut ist ausgebrochen.

Ansichten einer Abendgassigehenden (1).

Ansichten einer Abendgassigehenden (2).

Und hier das Ganze aus der Perspektive des Hundes der Abendgassigehenden (3).

(Noch während des Editierens dieses Beitrags bellt der Hund, weil die Tagespost im Flur auf den Boden plumpst und siehe da: der ELSTER-Aktivierungs-Code ist eingetroffen. Ein gutes Omen. Alles neigt sich nun dem Ende zu. Darauf heute Abend einen Wodka mit Wiktor.)

Song des Tages (24).

Für meine liebe A. in Berlin –

die ihrer Lola nach 17 gemeinsamen Jahren noch einmal eine Nacht lang die Pfote hielt, damit diese kleine, treue Gefährtin ganz behütet ihren letzten, schwachen Atemzug tun konnte.

Lola war schön
Lola war klug
Sie war der Star
I’m Tombstone Saloon
Ich hab sie geliebt
Mehr als mein Pferd
Bye, Bye, Bye Lola Blue

(Ich hab es nicht geschafft, die „Lola“ von den Kinks zu nehmen, an der hab ich mich irgendwann mal gründlich überhört. Den Westernhagen mag ich zwar nur bedingt, was vor allem an seinen Augen liegt, die mich ungut an etwas erinnern, aber „Lola Blue“ gefiel mir als Titel und schien mir insgesamt passender, auch wenn A. ihre Lola keinesfalls mehr lieben konnte als ihr Pferd, weil sie nämlich keines besitzt, Lola war also ihre einzige Tierliebe.)

Right here by my side.

Zurück zuhause.
Abbracci & Dolomiti wirken noch nach, aber es ist der übliche Effekt: Kaum ist man wieder daheim, umarmt einen auch der Alltag wieder (und der besteht wahrlich nicht nur aus panna fresca oder derlei Balsam).

Die Wunden der Urlaubstage heilen allmählich.
Tagsüber wärmt uns noch die heimische Herbstsonne, aber nachts, da müssen wir mittlerweile schon enger zusammenrücken, um nicht zu frieren. Fürs Winterbett ist’s dennoch zu früh, eindeutig.

*****

Heute, so belehrt einen jede Zeitung, jeder Radiosender und sogar die Biergartentischnachbarn, die dem Dackelfräulein unbedingt eine Pommes andrehen wollen, heute ist Welthundetag.
Darüber darf ich dann ausführlich mit den Biergartentischnachbarn sprechen, was mich eigentlich zunächst im stillen Genuss meines nachmittäglichen Getränks etwas stört, aber man will auch nicht unhöflich sein. Gestattet sogar, dass Madame Hund die Pommes verspeisen darf, die ihr angeboten wird. Was soll’s. Von der Figur her kann sie sich’s ja allemal erlauben.
So erfährt man schließlich, woran Basset Ernie seinerzeit tragisch verschied. Das Ehepaar in den späten Sechzigern verdrückt sich ein Tränchen. Ist ja schon über 10 Jahre her, dass Ernie von ihnen ging, man müsse da ja irgendwann mal drüber weg sein, zumal in ihrem Alter.

Nein, das muss man nicht, sage ich zu den beiden.
Über manches kommt man eben nicht hinweg.
Manche Lebewesen hinterlassen Spuren, die unauslöschbar sind – und es auch bleiben dürfen.

Aber noch hab ich leicht reden, ergänze ich, denn noch wuselt das Dackelfräulein ja hier putzmunter umher, gräbt ein Loch nach dem anderen ins biergartennahe Schilf, verbellt mit Inbrunst andere Hunde, die es wagen, auch nur einen Blick in ihr Schilfareal zu werfen oder einfach (ohne im Besitz eines Passierscheins zu sein) an der Grabungsstätte vorbeizugehen, und sie ist so gesund und munter wie man sich das nur wünschen kann.
Wir sind mittendrin, so fühlt es sich an, und es gibt keinen Grund, ans Ende zu denken, oder doch?

In Südtirol brach ich mal urplötzlich in Tränen aus, als mir – anlässlich der Schinkenspeck-Besorgungen für den nahenden 75. Geburtstag vom Papa – erstmals bewusst wurde, dass es, wenn alles normal liefe, womöglich sein könne, dass es den Papa und unsere Dackeldame eines Tages relativ zeitnah erwischen könnte.
Er hat, optimistisch geschätzt, noch ca. 10 Jahre, eher weniger. Und Pippa hat, realistisch geschätzt, auch noch ca. 10 Jahre, ebenfalls eher weniger. Da kann man sich dann schon mal einen Abend lang hineinsteigern in diese gruselige Vorstellung, dass zwei emotionale Großkatastrophen in einen ähnlichen Zeitraum fallen könnten.
Rüsten kann man sich dafür nicht, es gibt für jeden Schwachsinn Seminare, aber auf die großen Schicksalsschläge bereitet einen keine Sau vor. Da muss man drauf vertrauen, dass man, wenn’s soweit ist, in sich selbst Halt findet und bei ein paar nahen Menschen, die einen auffangen (und drauf hoffen, dass der Psychotherapeut des Vertrauens dann noch nicht in Rente gegangen ist, was durchaus knapp werden könnte).

Ich sitze also am See und unterhalte mich mit Fremden über den Welthundetag und die weltschlimmsten Hundetode. Die Tode, die schon gestorben wurden und die, die eines Tages noch zu sterben sind.
Irgendwann haben wir alle wässrige Augen. Und dann sagt der Mann zu mir, ob wir nicht auch noch ein Wort über die Anfänge verlieren wollen. Und fragt, ob ich mich denn an den Anfang erinnern würde und was meine erste, prägende Erinnerung sei.

Ein Foto, entgegne ich.
Darauf der kleine Hund, den wir schon ausgesucht hatten (um nicht die abgedroschene Formulierung „der sich uns ausgesucht hatte“ zu verwenden).
Sie wurde, noch bei der Züchterin lebend, an ihre (von uns mitgebrachte) Hundebox gewöhnt. War ein Tipp der Züchterin, um dem Welpen dann später die Eingewöhnung ins neue Zuhause zu erleichtern.

Herrje, und dann schickte uns die Züchterin DIESES Bild:

Sehen Sie das Auge?
Und diesen Blick, den dieses winzige Häufchen Hund – mit hochgezogener Braue und so vollkommen authentisch! – in die Welt wirft?
So scheu, so klein, so ausgeliefert, so fragend.
Das hat mich zutiefst ergriffen!

6 Jahre, 8 Monate und 2 Tage nach diesem Foto muss ich sagen: Die Scheu hat sie doch ziemlich abgelegt, ein gestandener Dachshund ist aus ihr geworden, ausgeliefert sind wir einander jeden Tag auf andere Art, die wesentlichen Fragen sind zwischen uns längst alle geklärt, wenngleich nicht immer zur beiderseitigen Zufriedenheit.

Aber ihr Blick, wenn sie denn auf eine dieser bestimmten Weisen dreinblickt, was sie regelmäßig tut und natürlich auch bewusst einzusetzen weiß, also wenn sie mich SO ansieht, dann schießt mir das noch immer mitten ins Herz und ergreift mich ganz und gar (falls Sie das näher interessiert, dann lesen Sie dazu doch mal den Artikel „Der Dackelblick. Phänomenologie einer besonderen Hund-Mensch-Vergemeinschaftung.“ – da haben der Gatte und ich das vor einiger Zeit mal zusammengefasst und illustriert).

Wir wünschen allen Hunden und ihren Menschen einen schönen Welthundetag:
Freut euch aneinander und liebt euch, so lange ihr euch habt!

 

Stay with me
My love I hope you’ll always be
Right here by my side if ever I need you
(…)
I will follow you will you follow me
All the days and nights that we know will be
I will stay with you will you stay with me
Just one single tear in each passing year