Soundtrack meines Lebens (1): Keep pushin‘ till it’s understood.

Es kommt so gut wie nie vor, dass ich an einem Tag gleich 3x mit dem Papa telefoniere. Heute hat es sich so ergeben.

Nach einer nervenaufreibenden morgendlichen Arbeitseinheit – Beratungstelefonat mit dem Mieterverein zwecks erster aufscheinender Probleme mit der im Juni anstehenden Übergabe der alten Wohnung (die damenbärtige Vermieterin mit Großgrundbesitzerattitüde meint, uns vorschreiben zu können, wer hier die Renovierung durchführt – und auch wie), zwei Telefonaten mit dem Kreisverwaltungsreferat (eine Parklizenz erhalten Sie in München nur, wenn Sie bereits umgemeldet sind, Ummelden können Sie sich aber erst ab Einzug, d.h. Sie müssen im neuen Viertel mindestens 3 Wochen lang Parkscheine kaufen und das geht dann durchaus ins Geld) sowie einer langen Auseinandersetzung mit der Spedition, die den neuen Kühlschrank nach vorheriger Absprache zu liefern versprach (was aber nicht der Fall war, so dass ich mich samstags von einem grantigen Südländer am Telefon beschimpfen lassen durfte, wieso ich nicht die Tür öffnen würde, er stünde da mit einem Kühlschrank) – nach dieser nervenaufreibenden Arbeitseinheit also, die in dieser oder ähnlicher Form momentan zu meinem täglichen Brot gehört (vor allem jetzt, wo es nur noch 4 Werktage bis zum Umzug sind), wollte ich mir eine kleine, erfreuliche Pause gönnen und rief den Papa an.

Der fliegt morgen nach Norwegen und reist per Hurtigruten an der Küste entlang, was er schon immer mal tun wollte und nicht mehr lange wird tun können, da der Parkinson ihm das Reisen mehr und mehr erschwert. Etwas geknickt meinte er heute, dass er bei etlichen Landgängen wohl kaum noch weiter käme als bis zur Eisdiele im Hafen, aber so sei das eben nun.
Ich wünschte ihm eine gute Reise, er mir einen guten Umzug – und wie immer versprach er, sich 1x von unterwegs zu melden (und ich bat um eine Postkarte aus Bodø oder Bergen oder Trondheim, wir haben so unsere Rituale).

Eine gute Stunde später, ich saß gerade über dem Online-Banking-Portal und überprüfte mit weit aufgerissenen Augen die aktuellen Abbuchungen – allein bei der Zeile mit der heute fälligen Kaution für das neue Zuhause stockt einem schier der Atem! – entdeckte ich zu meiner Überraschung zwischen all den Beträgen mit vorangestelltem Minus doch auch glatt einen einzigen (!) mit einem Plus davor. Verwendungszweck: „Zuschuss zum Umzug (hoffentlich der letzte für längere Zeit!)“.

Der Papa war das. Dieser Obolus kam unerwartet, schließlich hatte er sich vor genau einem Jahr bereits recht spendabel gezeigt in Sachen Umzugsunterstützung und erst neulich auch noch einen Großteil der Operation vom Dackelfräulein übernommen. Wir reden nie über Geld, der Papa und ich, oder dass ich was brauchen könnte oder würde, er überweist das einfach so, dabei ist er selbst alles andere als Krösus oder ein wohlhabender Rentner.

Ich wählte also ein zweites Mal seine Nummer. Mit einem brummelnden „Was gibt’s denn noch?“ hob er ab, schwer schnaufend vom Gang zum Telefon. „Ich packe doch gerade meine Koffer und muss immer die Treppe runterlaufen zum Telefon!“ beschwerte er sich. Ich bedankte mich für seinen Zuschuss, war in recht gerührter Stimmung, er aber eher nicht, was ich daran merkte, dass er meinen Dank mit einem nüchternen „Seit 2 Jahren bin ich ja den Unterhalt an deine Mutter los, da kann ich dir schon ab und an was geben. Aber das ist jetzt hoffentlich euer letzter Umzug, bevor ich ins Gras beiße.“ quittierte.

Das klingt makaber, aber er meint es nicht so. Gewissermaßen ist das ein Teil seiner rheinischen Frohnatur, die bislang gottseidank nur ansatzweise dem Parkinson zum Opfer fiel. Dennoch weiß man nicht so recht, was man auf einen solchen Satz entgegnen soll. Ich versuche es mit einem unbeholfenen munter-optimistischen „Na, so schnell wirst du ja nicht ins Gras beißen!“ (und beiße mir danach heimlich ein wenig auf den Lippen herum, denn: Weiß man’s?!? Oft ist mein diesbezügliches Gefühl ja gar kein so zuversichtliches!).

Anschließend geht das wackere Werkeln in die nächste Runde.
Diese Woche gibt es für jeden Tag eine Liste, was zu tun ist und was nicht vergessen werden darf. Anders haut das nicht hin, wenn man mehr oder weniger alleiniger „Umzugsmanager“ ist und als solcher zwei ehrgeizige Ziele verfolgt: 1. Auf dem letztjährigen Pokal eine zweite Zeile eingraviert zu bekommen (da ist nämlich noch Platz!) und 2. bis zum Geburtstag mit allem (außer Antworten auf Vorhangstoff-Fragen) fertig zu sein.

Sie wollen diese 2-Monats-Liste nicht sehen, glauben Sie mir (und ich veröffentliche sie auch nicht).
Die neue Wohnung ist prima, aber weist diverse Baufälligkeiten auf bzw. erfordert an einigen Ecken kleinere oder größere Anpassungen und Umbauten, damit man überhaupt erstmal Auspacken oder gar Wohnen kann. Ein prima Handwerker ist zwar schon gefunden, der sich in den nächsten Wochen all dieser Dinge annehmen wird, auch der Projektplan ist zeitlich und organisatorisch bereits fixiert, trotzdem wartet da eine ganze Menge Arbeit.

Als ich gegen Mittag aus unserer Tiefgarage fahren möchte, die wirklich ein sadistisches Schmankerl des hiesigen Architekten war, da sie einem zumindest bei vollbeparkter Garage ein diffiziles, minutenlanges Gekurbel um Säulen, Wände und andere Stoßfänger abverlangt, streikt der seit Monaten lädierte Ellenbogen endgültig. Heulen könnte ich vor Schmerzen!

Schon letzte Woche rief ich nach einer ähnlichen Situation verzweifelt beim behandelnden Orthopäden an, der in seiner Praxis ja immerhin ein Schild hängen hat, dass man in Notfällen anrufen und einen kurzfristigen Termin vereinbaren solle, aber nach Auskunft der unfreundlichen Tresentussi wäre das „frühestens Mitte Juni“ möglich gewesen, woraufhin ich pampig sagte, den Notfall wolle ich mal sehen, der in der Lage sei, sechs Wochen auf einen „kurzfristigen Termin“ zu warten, und dann verärgert das Gespräch beendete (und meine Ibuprofenkur um eine weitere Woche verlängerte, bis ich sie wegen Ganzkörperausschlags, die sog. „Ibu-Masern“, und Magenschmerzen dann doch abbrechen musste).

Den Tränen nahe googelte ich in der Tiefgarage nach der Nummer der orthopädischen Praxis. Ein Anrufbeantworter informierte mich, dass ich außerhalb der Öffnungszeiten anriefe, um 14 Uhr könne ich wieder jemanden erreichen. Es war 13:45 Uhr.
Kurzerhand beschloss ich, einfach hinzufahren und mich notfalls an den Empfangstresen zu ketten und so lange um eine Spritze zu winseln, bis sie mich wohl oder übel drannehmen würden. Gleichwohl war mir klar, dass das bei der bärbeißigen Tresentussi verdammt schwierig werden würde.

Auf der Fahrt zur Praxis musste ich an einen Satz denken, den mir der Papa mit auf den (Lebens-)Weg gegeben hatte und an den er mich bis zum Erwachsenwerden (wann auch immer dieser Zustand „erreicht“ war oder sein würde) stetig erinnerte: „Wenn du etwas willst, das dir wichtig ist, dann musst du das auch ausstrahlen, und dafür musst du dir die passende innere Haltung zulegen, damit man die auch deutlich spüren kann.“

Vier Kilometer Autofahrt sind nicht viel, um sich, wenn man Schmerzen hat und auch sonst eher gestresst ist, diese Haltung zuzulegen, selbst wenn man extrem dringend seine Pein loswerden will. Glücklicherweise bekam ich vom Schicksal noch 5 zusätzliche Minuten auf den Stufen vor der Praxistür für diese innere Präparierung geschenkt, da die Tresentussi erst Punkt 14 Uhr um die Ecke bog und grantig die Tür aufschloss.
Alles an mir, sogar der kaum noch bewegliche rechte Arm, strahlte beim Betreten der Praxis aus, dass ich jetzt sofort eine Spritze will. Ich gab mir einen Ruck und begann den Dialog so charmant ich konnte. Trug ausgesucht höflich und zugleich bestimmt mein Anliegen vor, wurde aber sofort unterbrochen und mit „Haben Sie einen Termin?“ angebellt.
Nein, den habe ich nicht, aber es ist ein Notfall, die Diagnose ist seit Monaten dieselbe, und in 1 Woche ziehe ich um und das werde ich definitiv nur packen, wenn ich jetzt eine Spritze in den Ellenbogen bekomme.

Erwartungsgemäß rührte das den Praxis-Cerberus überhaupt nicht und ich wurde erneut in muffigem Tonfall belehrt, dass es die nächsten freien Termine erst ab Mitte Juni gäbe. Nun entspann sich eine heftige Diskussion, in der ich an dem einen oder anderen Punkt zu gern mal mit der Faust auf den Tresen gehauen hätte, wenn mein Arm das nur zugelassen hätte. Es blieb aussichtslos, der Tresen-Terminator stellte sich stur.

Ich betete mir innerlich nochmal den Satz des Papas vor, holte ein letztes Mal tief Luft und sagte „Hören Sie mir jetzt mal gut zu: Ich verlasse diese Praxis erst nach einer Spritze, im Wartezimmer sitzt gerade noch niemand, die Spritze dauert keine 2 Minuten und Sie fragen nun bitte Ihren Chef, ob er bereit ist, mir diese zu verpassen.“ Und das Ganze vorgetragen mit Oberterminator-Miene und einer Stimme so fest wie der Würgegriff einer Python!

Die Tresentussi ließ mich augenblicklich im Wartezimmer Platz nehmen. 3 Minuten später holte mich dort mein Orthopäde ab, war sehr freundlich und zugewandt, wie immer, ich mag diesen Arzt (der erste Orthopäde, von dem ich das behaupten kann). Er tastete meinen Ellenbogen ab, ich schrie mehrfach auf, wir besprachen noch kurz die Dosierung und die Ingredienzien der Spritze – und, zack!, setzte er auch schon die Nadel an meinen Arm. Ich biss die Zähne zusammen – zeitlebens war ich Spritzenphobiker! – dachte fest an den Umzug und an die Wirkung, die in spätestens 48 Stunden einsetzen würde.
Der Arzt begleitete mich anschließend noch hinaus und bevor wir uns verabschiedeten, drehte er sich um und rief dem Tresenterminator zu, dass Frau Kraulquappe in Notfällen zu ihm vorzulassen sei, da sie Stammpatientin ist.

30 Minuten nach Ankunft in der Praxis verließ ich diese wieder.
Gespritzt und zugenäht – was für ein Akt, was für ein Kampf! Im Auto heulte ich erstmal (vor Erleichterung und wegen überstandener Spritze) und fuhr dann weiter zum Einkaufen. Auf dem Supermarktparkplatz angekommen, blieb ich noch im Auto sitzen, nahm spontan das Handy und rief zum dritten Mal den Papa an.

Um ihm zu sagen, wie dankbar ich ihm bin für diesen Satz aus seinem väterlichen Survival-Baukasten und wie gut es war, dass er mir den so früh und so nachhaltig eingeimpft hat, und wie traurig es zugleich ist, dass ich schon so oft ich von dieser Empfehlung Gebrauch machen musste.

Danach hörte ich mir noch Springsteens Badlands an, ein Song aus dem musikalischen Fundus, den ich den Soundtrack meines Lebens zu nennen pflege.
Und als ich die für heute entscheidende Strophe mitgesungen hatte, in der es heißt: „keep pushin‘ till it’s understood and these badlands start treating us good“, da hatte ich mich wieder einigermaßen gefangen und konnte den Wagen verlassen, mich nochmal schütteln und frisch gespritzt den Supermarkt betreten.

*****

Freuen Sie sich schon heute auf den demnächst in der Rubrik „Keep pushin‘ till it’s unterstood“ erscheinenden Beitrag „Kafka on the phone“, den Sie sich gerne als Anleitung für die Beauftragung des Umzugs Ihres Telefon-, Internet- und TV-Anschlusses ausdrucken dürfen, falls Sie zu den armen Schweinen gehören, die einen Vertrag mit Vodafone abgeschlossen haben, an den Sie (mit Ihrem versehrten oder unversehrten Ellenbogen, das macht hier kaum einen Unterschied!) für 24 bittere Monate gefesselt sind.

Bis dahin grüßt Sie herzlich –
Die Kraulquappe.

Flüssiges Gold.

Stelle dich dem Regen entgegen, lass die eisernen Strahlen dich durchdringen, gleite in dem Wasser, das dich fortschwemmen will, aber bleibe doch, erwarte so aufrecht die plötzlich und endlos einströmende Sonne.

(Franz Kafka, Tagebücher.)

Ein Prosit der Beweglichkeit!

Stets findet Überraschung statt…

…da wo man’s nicht erwartet hat.
(Wilhelm Busch)

Ein gruseliger Tagesbeginn bedeutet ja manchmal, dass es nur noch besser werden kann.

Der Grieche kam pünktlich um 8:30 Uhr. Als er klingelte, schreckte das Dackelfräulein hoch – es lag noch im Tiefschlaf unter der Bettdecke, um nach einer unruhigen Nacht erneut eine Mütze Schlaf zu nehmen, bevor es sich seinem Tagwerk würde widmen können.
Ich hingegen saß zu dieser Zeit schon wieder bzw. immer noch ermattet im Bürostuhl. „Die lange Nacht des Erasers“ lag hinter mir bzw. dauerte immer noch an.

Gestern hatte sich nämlich völlig überraschend ein Interessent auf mein wochenlang missachtetes Inserat hin gemeldet, eben jener eingangs erwähnte Grieche.

Seit einem Jahr haben wir einen neuen PC, seither habe ich vor, das alte, ausrangierte Gerät zu verkaufen. Nach nur 10 Monaten habe ich mich aufgerafft, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, mich überwunden, die technischen Daten herauszusuchen, abzutippen, eine Anzeige zu entwerfen und diese mit tollen Fotos vom eigens hierfür entstaubten PC zu bestücken und das Ergebnis in Quoka zu inserieren. Null Reaktion. Matratze und Monitor bin ich neulich vergleichsweise zügig losgeworden.

Beinahe hatte ich mein Vorhaben schon wieder vergessen, bis gestern der Grieche anrief. Er brauche das Gerät ganz dringend, da der PC seines Sohnes kaputtgegangen sei und dieser nur 14 Tage pro Monat bei ihm lebe (Scheidung, seither Sohn-Aufteilung nach dem Wechselmodell), das sei ab heute Abend wieder der Fall und da müsse er zusehen, dass er dem Sohn einen funktionierenden PC zur Verfügung stellen könne (erschütternd, unter welchem Druck die Geschiedenen heutzutage stehen!). Ob er ihn jetzt gleich (=gestern Abend, 30 Min nach seinem Anruf) abholen könne. Huch!

Entgegen meiner ansonsten fast durchgängig praktizierten Ordnungs- und Aufräumwut hatte ich just an diesem Punkt der Vorhabenplanung kläglich versagt. Der PC stand (erneut eingestaubt) im Keller und das Datenlöschen und Formatieren der Festplatte hatte ich auf irgendwann verschoben. Wäre ja noch genug Zeit dafür, wenn sich jemand gemeldet hätte und der Verkauf bevorstünde.

Ich wollte mir meinen einzigen Interessenten natürlich nicht vergraulen und war daher heilfroh, dass er sich darauf einließ, den Rechner erst am nächsten Morgen abzuholen und dem Filius bis dahin sein Laptop zur Verfügung zu stellen.

Ich ging in den Keller, schleppte das Ding nach oben, wischte es ab, nahm es in Betrieb (wie war doch gleich nochmal vor einem Jahr das Passwort? achso, dasselbe wie immer!), lud den Secure-Eraser runter und begann mein Werk, von dem ich um 20 Uhr noch voller Zuversicht annahm, ich hätte es bis zur üblichen Zubettgehzeit (23:30 Uhr) locker erledigt, ergo alles gelöscht und formatiert, so dass ich dem Griechen um 8:30 Uhr ausgeschlafen die Tür öffnen und die Kiste in die Hand drücken würde.

Nach 17-jähriger Maloche in einer großen IT-Abteilung hätte ich es besser wissen müssen, aber die 17 Jahre sind halt auch bald 4 Jahre her und wenn man mit dem Mist nicht mehr täglich konfrontiert ist, entfallen einem mit der Zeit gottseidank selbst die größten Frustmomente dieser Lebensphase. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass das Programm mir fortwährend Fragen zu stellen gedachte, ohne deren Beantwortung es nicht weitermachen wollte mit seinem Ausnullen und -radieren. So hing ich noch um Mitternacht mit einem belebenden, heißen Ingwergesöff vor dem Monitor, drückte immer wieder brav <Enter>, wenn ich etwas gefragt wurde, das ich verstand (oder auch nicht verstand), klickte auf <ok>, wenn mir die Applikation zuraunzte, sie hätte ihr Tun wegen eines fatalen Fehler ab- oder unterbrechen müssen, und las währenddessen die letzten zwei Ausgaben der ZEIT quer, was dem Wachbleiben auch nur teilweise zuträglich war.

Gegen 2 Uhr nachts, Pippa wimmerte aus dem Schlafzimmer herüber, weil sie noch immer nicht in ihrer gewohnten Schlafposition (in meiner Achselhöhle) liegen durfte und demnach nicht zur Ruhe finden konnte, unterlief mir der fatale Fehler, eines der 18 Fenster, in denen psychedelisch flirrende, grüne Balken sogenannte „Fortschritte“ anzeigten, aus Versehen zu schließen. Einer der Löschvorgänge musste also erneut gestartet werden (fragte sich bloß, welcher) und ich überlegte kurz, einen erfrischenden Nachtlauf bei Minus 4 Grad zu absolvieren, um mich hernach wieder voll auf die Aufräumarbeiten konzentrieren zu können.

Aber es ging nichts mehr, die Augenlider wurden schwer und schwerer, ich überließ das Betriebssystem und den Secure-Eraser ihrem Schicksal, hoffte das Beste und kroch gerädert zu meinem Hund unter die Decke, natürlich nicht, ohne mir vorher den Wecker auf 4:30 Uhr zu stellen, um dann nochmal den „Fortschritt“ zu checken.

Um 4:30 Uhr schepperten die Klänge von Springsteens „Radio nowhere“ in meinen Betäubungsschlaf hinein, pflichtschuldig sprang ich auf, sauste ins Arbeitszimmer und drückte mit verklebten Augen ein paarmal <Enter> und bestätigte alle 34 Nachfragen. Zurück im Bett gab ich als neue Weckzeit 7 Uhr ein, um noch einen Puffer für die restlichen Arbeiten zu haben, bis der Grieche an der Tür schellen würde.

Mit einem starken Morgenkaffee saß ich überpünktlich wieder an meinem Arbeitsplatz. 87% der Löscharbeiten waren nach nur 11 Stunden erfolgreich abgeschlossen, für die restlichen 13% sah ich in den verbleibenden 90 Minuten eher schwarz. Viel sah ich ohnehin nicht, zu der Stunde und in dem Zustand.

Ich griff manuell ein, nahm dem Eraser ein paar Radierungen ab und als um Punkt 8:30 Uhr der Grieche die Treppe hinaufkam, schob ich ihm mit letzter Kraft den restlos erloschenen Dell-Rechner durch den Flur bis an die Türschwelle. Die noch überlebenden 8% des Datenbestands wären hoffentlich undramatischen Inhalts und man muss ja auch mal alle Fünfe gerade sein lassen können: Keine Sau (und erst recht kein gerade volljährig gewordener Halbgrieche) schaut sich doch die Unmengen an Dackelfotos an, studiert eingehend die Vortragsdokumente des Gatten oder hört sich durch die 300 besten Springsteen-Songs, selbst wenn da um die 40 echt seltene Bootlegs aus uralten Napster-Raubzügen mit von der Partie sind.

Erfreulicherweise begann der Grieche keine Preisverhandlungen, denn vermutlich hätte ich allem zugestimmt, nur um endlich von dieser Kiste befreit zu sein. Er nahm den Rechner, drückte mir die Scheine in die Hand, bedankte sich, strahlte übers ganze Gesicht und rief beim Hinuntergehen: „Mein Sohn wird mich lieben!“.
„Na dann ist ja alles gut“, sage ich, schließe die Tür hinter ihm, gieße mir mit zittriger Hand einen zweiten Kaffee ein und denke: Was für ein grausiger Start in den Tag, Griechenglück hin oder her.

Aber es sollte mein Glückstag werden, auch wenn ich das um 8:39 Uhr, als ich mir die Mütze über die Augenringe zog, um zum Morgengassi in die Welt hinaustreten zu können, noch nicht im Geringsten ahnte.

Bei der Heimkehr vom Gassi erwartete mich eine Paketabholkarte, die außen am Briefkasten klebte. Kaum zu glauben, dass DHL in den 11 Minuten, die wir unterwegs waren, vor dem Haus geparkt, geläutet und diese Karte ausgedruckt haben sollte, aber auf dem Zeitstempel stand 8:45 Uhr. Abholbar wäre das Paket, von dem ich nicht wusste, was es sein könnte, da ich nichts bestellt hatte, ab 12 Uhr an dem in den nahegelegenen REWE-Markt (der, den ich am meisten hasse) integrierten Postschalter.

Reihe ich mich da also zur Mittagszeit ein, stehe mir 20 Minuten todmüde die Beine in den Bauch, ertrage tapfer die muffelnden Gestalten vor und hinter mir und übe mich in Geduld, die ich noch nie hatte. Aber dann! Die freakige Schalterbeamtin mit den weggerupften Augenbrauen und dem Nasenring reicht mir im Austausch gegen den Abholschein und nach einem kurzen, ungläubigen Blick auf meinen Ausweis (ausgeschlafen, dynamisch und noch blond) ein kleines Päckchen über die Theke. Ich schiele auf den Absender und mein Herz klopft freudigst: Freundin H. aus P. hat mir etwas geschickt, wow, damit ich hätte ich ja echt gar nicht gerechnet!

Auf dem Heimweg überlege ich, die Sendung in meinen Händen hin und her wiegend, was sich wohl in ihrem Inneren befinden würde und träume bereits davon, dass sie mir eventuell eine Portion der leckeren Kokosplätzchen, die es neulich in P. gab, als ich sie besuchte, hätte zukommen lassen.

Zuhause schlitze ich den gut verklebten Karton auf, ramme mir dabei um ein Haar vor lauter Tatterigkeit das Teppichmesser in die Hand – und schon guckt mich das obenauf liegende Kärtchen an.

Den philosophischen Gehalt dieser tiefschürfenden Sentenz spontan zu erfassen überfordert mich heute leider komplett, aber das Rotkehlchen erkenne ich gleich. Ich mag Rotkehlchen sehr. Was für ein entzückender kleiner Vogel!

Umseitig eine handschriftliche Notiz von H., deren Sinn sich mir erst erschließt, als ich die Luftpolsterfolie im Karton beiseite schiebe und eine weitere kleine Pappschachtel finde, diese öffne und ein Präsent in Händen halte, mit dem ich im Leben nicht gerechnet hätte.

Keine Kekse, geschweige denn Kokosplätzchen, ist ja eigentlich auch logisch, da doch H. momentan einen verätzten Daumen hat , wie soll sie da einen Teig kneten und schmerzfrei Plätzchen formen – und nicht auszudenken, sie würde sich gar am heißen Backblech verbrennen…

Stattdessen eine vermutlich von ihrem Gatten hand-, fuß- oder mundbemalte Porzellantasse (Künstlerhaushalt eben), als beinahe noch pünktliches Trostpflaster für meine gestern entfallene Porzellan-Hochzeit, aber treffsicher an einem 13. zugestellt, und damit eindeutig als 7 Monate zu früh erhaltenes Geburtstagsgeschenk zu werten. Ich schätze es sehr, wenn Freunde meinen Jahrestag derart ernstnehmen und keinesfalls zu spät dran sein wollen mit ihren Gaben.

Besonders großen Freuden kann ein schlichtes „Danke“ kaum gerecht werden, dennoch, liebe H., hiermit meinen herzlichsten Dank – du hast meinem Tag so unerwartet eine neue, positive Wendung verliehen!

Meine Müdigkeit ist nach dieser gelungenen Überraschung wie weggeblasen, freudig hüpfe ich treppabwärts und mit federndem Schritt weiter zur U-Bahn, um das Dackelfräulein in den Englischen Garten zu begleiten, wo ich ganz erfüllt von neuer Energie (Freunde sind etwas Wunderbares!) putzmunter Bälle schießen und mit dem Hündchen um die Wette rennen werde.

Was für ein Tag! 🙂

Blau in der Au.

Mit dem neuen Monat hat gewissermaßen eine neue Ära hat begonnen.

Am Friedensdenkmal (München-Bogenhausen).

Bei ein paar sehr persönlichen Themen haben sich die Knoten, die seit Wochen/Monaten festgezurrt waren, gelöst. Leider nicht überall in der Weise, wie ich es mir gewünscht hätte, aber dennoch: die gefühlte Enge ist verschwunden, die störende Blockade ist weg, die Energie fließt wieder.

Im Fluss (Luitpoldbrücke, München).

Zeit wurde es, denn seit August stand ich innerlich auf der Bremse oder wurde von außen gebremst (was beides anstrengend war und mich erschöpft hat).

An der Grantkugel vorbei (München, Maximiliansanlagen).

Der November ist von jeher der Monat, den ich am wenigsten mag, umso wohltuender ist es, dass er auf diese Weise beginnt: Gelöst.

Ich beschließe, statt der wöchentlichen Bergausflüge nun einmal pro Woche einen Stadtausflug zu machen.
Um durch Viertel zu wandern, in denen ich zu selten bin, um neue Wege zu erkunden und Neues zu entdecken.
Das wirkt auf Mensch & Hund gleichermaßen beflügelnd.

Auf dem Steg zwischen Isar und Auer Mühlbach.

Heute sind das Dackelfräulein und ich von der Münchner Freiheit durch den Englischen Garten über die Maximiliansanlagen bis zum Mariahilfplatz spaziert, mit kleiner Kaffeepause in Münchens einzigem isländischen Café.
Das war ehrlich gesagt auch der Grund für die Wahl der Route. Wegen des isländischen Skyr-Kuchens.

Das Café Blá in der Au.

 

Ödes, bleiches Outfit, aber ein Fest für den „Skyrgámur“ (isl. für Skyr-Gierschlund).

Ein guter Einstieg in die graue und kalte Jahreszeit, so dürfte es gern weitergehen.

Ich wünsche allseits mehr Licht als Dunkel sowie mehr Süßes als Saures & schicke ein Dankeschön nach Paderborn für die wertvollen Impulse.
Die Kraulquappe.