Song des Tages (62).

Das neue Springsteen-Album (wir berichteten hier) bescherte mir einen Song, bei dem ich nach dem ersten Hören ahnte: den werde ich lieben!
Und so kam es auch – ein paarmal angehört, die Lyrics inhaliert und seither x-mal angehört, so langsam klappt auch das Mitsingen (man lernt diese Texte ja leider nicht mehr in a wink of an eye, so wie das in den 80er und 90er Jahren noch der Fall war), bin schon immer der Typ gewesen, der sich an sowas regelrecht besäuft.
Überlebt der Song dieses Besäufnis, bleibt er mir für immer, und ansonsten war’s halt ein toller Rausch, ein intensiver Trip, eine kleine Orgie für die Ohren, an die man sich gern erinnert.

Das Stück, in das ich mich verliebt habe, heißt „Song for Orphans“. Wenngleich es nur bedingt der Bruce darin war, den in den ich mich verliebte, sondern vielmehr der Bob.
Schon mit den ersten Takten von „Song for Orphans“ tritt Mr. Dylan durch die Tür, erst rein instrumental, von Anfang an ist es da, dieses herrliche, geleierte Dylan-Gequietsche (freilich nur für den, der’s mag), die Mundharmonika vor allem, und kurz bevor der Gesang einsetzt, ja, da hörte ich’s schon, was gleich kommen würde, in mir sang es ein „May God bless and keep you always, may your wishes all come true“, dieser göttliche Beginn von „Forever young“, der so beiläufig und zugleich so wohlplatziert daherkommt und einen sofort mitnimmt in die Geschichte, die erzählt wird, ein Auftakt, der einen mitreißt in eine Bilder- und Klangwelt, in die man Hals über Kopf eintauchen möchte, um vorübergehend und wie in einem Sog, einem Strudel darin unterzugehen. So ging mir das mit etlichen Liedern aus der Feder des Herrn Robert Allen Zimmerman, erst neulich wieder in dem uralten „To Ramona“ versunken, allein wegen der Zeile „your cracked country lips I still wish to kiss“ (und wie er diese paar Worte ausspricht!).

Als Springsteen in „Song for Orphans“ zu singen beginnt, ist von Gott und sich erfüllenden Wünschen zwar weit und breit nichts zu hören, stattdessen vernehme ich ein „Well the multitude assembled and tried to make the noise“, das allerdings von der Metrik fast 1:1 übertragbar wäre auf den zuvor assoziierten Dylan-Song, und bei der zweiten oder dritten Strophe dämmert’s mir, dass ich das alles doch vor langer Zeit schon mal irgendwo gehört habe, aber nicht bei Dylan, sondern bei Springsteen selbst, wohl auf irgendeiner der zahllosen Bootleg-CDs, die M. mir damals (vor über 15 Jahren?) mit den Worten „durch diese Sammlung wirst du dich noch an langen Winterabenden durchhören, wenn du mich schon längst nicht mehr kennst“ überreichte (womit er falsch lag).

Ich recherchiere, was es mit dem Song auf sich hat und woher ich ihn kennen könnte und stelle fest: „Song for Orphans“ wurde 1971 geschrieben, dann im Sommer meines Geburtsjahres erstmals aufgenommen, veröffentlicht haben sie ihn erst jetzt (zumindest so richtig offiziell), live wurde er gelegentlich mal zum Besten gegeben, und siehe da, er ist tatsächlich auf einer meiner Bootlegs von M., ein Konzertmitschnitt aus dem Jahre 1973, ein verrauschter, miserabler Mitschnitt, deshalb war meine Erinnerung wohl so schwach (und der Song nicht hängengeblieben). Jetzt aber!

Wen’s interessiert, dem empfehle ich erst die ganz frühe Version aus den 70ern zu hören, danach die aus den 80ern und abschließend dann die letzten Freitag veröffentlichte.
In der Reihenfolge stell‘ ich die drei YouTube-Clips hier auch rein und wünsche viel Spaß beim Nachvollziehen der Entwicklungslinie eines Songs, wie ihn auch Dylan nicht besser hätte schreiben (und vor allem keinesfalls besser hätte singen!) können.

 

 

Wer Nerv, Zeit und Gelegenheit dazu hat, dem sei auch das Dokumentationsfilmchen zur Entstehung des neuen Albums ans Herz gelegt.

Es wurde von Springsteens langjährigem Lieblingsregisseur Thom Zimmy gedreht, hat den Charakter einer winterlichen Bergpredigt (kein Wunder, denn zwei der zwölf neuen Titel zielen genau in diese Richtung, sie heißen „Power Of Prayer“ & „If I Was The Priest“ , wieso „was“?, fragt man sich nur, ein „I am“ wäre aufrichtiger gewesen) und stimmt den Zuschauer/-hörer hervorragend auf nahenden Nachtfrost und erste Schneefälle ein.
Außerdem gibt’s anrührende Rückblicke auf Springsteens Anfänge mit den Castiles, ehrliche Einblicke in die gealterten Gesichter der E Streeter, schwarzweiße Ausblicke aus den Fenstern des Studios im frühwinterlichen New Jersey, in dem sich die Band im November 2019, als man noch nah beieinander sein, singen und werkeln durfte, für einige Tage verschanzt hatte, um „Letter to you“ aufzunehmen. Leider derzeit nur via AppleTV erhältlich oder wenn man Freunde hat, die Freunde haben, die irgendwelche Kontakte haben, die das irgendwie gezippt und irgendwo verschickbar abgespeichert haben, na, Sie verstehen schon und dürften mich ggf. kurzfristig als Freundin betrachten, sollten Sie Bedarf haben.

Jedenfalls war ich gestern Abend recht gerührt beim Gucken der ersten Hälfte dieser Doku. Die zweite zieh ich mir heute Abend rein, wenn das Fräulein und ich am Tegernsee eingetroffen sind, uns gemütlich auf der Couch eingekuschelt haben und draußen der Schnee leise in den Garten rieselt.
Verreist die etwa schon wieder?, denken Sie jetzt, nicht wahr? Nein, nein, so kann man das diesmal wirklich nicht nennen! Ich gebe lediglich dem Wannenlack, den Lolek gerade eben, während ich diesen Blogbeitrag schreibe, auf die Haarrisse in der nagelneuen Badewanne aufträgt, die Gelegenheit, in aller Ruhe zu trocknen.
Seit dem Ende der Staublausinvasion habe ich, wie Sie vielleicht bemerkt haben, konsequent Abstand davon genommen, Sie mit weiteren Baufälligkeiten des hiesigen Binnenbetriebs zu behelligen, man kann es ja irgendwann nicht mehr hören, dieses Mieterelend, und wen interessieren schon von einem Tag auf den anderen entstandene Risse in neuen Badewannen oder nach Gefahrenklassen gestaffelte Schwellenwerte des Legionellenbefalls in Altbauten, auch wenn Letztere mit dem schönen Akronym „KBE“ abgekürzt werden, was für „KolonieBildendeEinheiten“ steht – die Bilder, die so ein Begriff in einem auslöst, faszinieren mich übrigens sehr).
Gottseidank haben wir die Hütte am Tegernsee für die Dauer der Wannenlacktrocknung für uns alleine, der Papa und seine Gefährtin weilen ja nach wie vor im fernen Venetien, mittlerweile fast quarantäneartig in Ihrem Hotel, schon mal so als Einstimmung auf die Tage ihrer behördlich verordneten Abschottung nach Heimkehr. Der Gatte musste wegen präsenzerfordernder Termine nach Frankfurt reisen, das nach bayerischen Ampelanlagen tiefst dunkelrot wäre, nach hessischen aber nur normalrot vor sich hin leuchtet, trotzdem fühlt man sich ja immer unwohler mit Zugfahrten und großstädtischer Menschendichte, auch insofern bin ich nicht unglücklich mit der Option, aufs Land zu flüchten, solange es nicht das Berchtesgadener Land oder der Landkreis Rottal-Inn ist, wo man nicht mehr vor die Tür darf.

Die Sorge vor einem erneuten Lockdown lässt sich übrigens nicht nur am Füllstand der Klopapierregale oder der Flut an Shitstorms unter den zur Vorsicht mahnenden Corona-Artikeln im Netz ablesen, sondern auch am Verkehrskollaps, wie ihn gestern beispielsweise die Region Tegernsee-Schliersee erlitt: ganztags ein einziger, alle Ortszufahrten blockierender Dauerstau, je ein Hausstand im eigenen Auto eingelockt, weil auf die Straßen hinausgelockt vom gradiosen Sonntagswetter.
An Schönwetterwochenendtagen fahren wir – wie auch schon vor Corona – so gut wie nicht mehr raus ins Oberland. Die Stunden, die man mit Ärgern (kein freier Parkplatz/Sitzplatz, Wanderwege überfüllt, zu viele und zu laute Menschen), Rumstehen (auf der Straße, vor dem Selbstbedienungtresen in den Hütten, an der Eisdiele) und Rumkurven (Parkplatz, Schleichwege, Stauumfahrungen) verbringt, können daheim in der Stadt, die manchmal ja erfreulich leer ist an solchen Tagen, besser und vor allem erholsamer verbracht werden.

Schade ist, dass ich an solchen sonnigen Wochenendnachmittagen nun nicht mehr meinem Ritual nachgehen kann, mein Feierabendbier auf einer Bank an der Theresienwiese zu genießen, weil die Aussicht auf die täglich länger werdenden Schlangen drüben vor den Drive-In-Coronatest-Zelten, auf der anderen Wiesnseite, mich deprimiert.
Zudem bauen sie da seit vorgestern an einem neuen, riesigen Zelt. Ich bin sofort rübergelaufen, um mich zu erkundigen, ob das exakt am Standort des oktoberfestlichen Schützenzeltes errichtete Gerüst der Baubeginn für eine Nachhol-Wiesn ist oder aber ein Lazarett, das die Stadt München schon mal für den Fall der Fälle aufstellen lässt.

Beides erwies sich erfreulicherweise als unzutreffend, wie mir der sehr bayerische Bewacher der Drive-In-Zufahrt am Samstag erläuterte: die Stadt baut hier ein neues, winterfestes Coronatest-Zelt, damit „de se beim Obstrich ned d’Finga obfrian“, die bisherigen Behelfszelte sind offenbar nicht gut genug isoliert.

Wahrlich keine verlockenden Aussichten, so insgesamt (im Übrigen: ich bin dafür, dass das Corona-Palaver in der Schwimmbadumkleide – und gern auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, Supermärkten, Wartezimmern etc. – verboten gehört und dort nicht nur Maskenpflicht, sondern auch Schweigepflicht herrschen sollte – vorhin nach dem Schwimmen hätte ich beinahe zwei Weibern meine Flossen nachgeschmissen, weil sie die Ruhe meiner Ankleideprozedur mit ihrer lautstarken Diskussion über die Schikanen unserer Gesundheitsdiktatur zerstörten: Ich lass mich doch nicht nochmal einsperren! geiferte die eine, Ein Winter ohne Sauna wäre das Allerletzte! meckerte die andere, dabei war es das Allerletzte, dass die Inhaftierungsgegnerin ganz offensichtlich ein und dieselbe (hellblaue OP-)Maske seit Monaten trug, so dreckig und zerfleddert wie die aussah).

In dysem Sinne: May God bless and keep you always & kommen Sie wohlbehalten durch diese neue Woche

Es geht ans Eingemachte oder: So schlecht bin ich gar nicht, im Werfen.

Absurd. Bereits zwei saukalte, verregnete Tage fühlen sich mittlerweile (innerlich und äußerlich) an wie früher eine ganze Mistwetterwoche. Ist diese Wahrnehmung etwa auch so ein Nebeneffekt des Älterwerdens? Keine Ahnung.
Heute jedenfalls schon beim Genuss des Frühstückseis erleichtertes, frühmorgendliches Aufatmen, dass es draußen wieder lichter ist (im Hinterkopf pocht die bange Frage, wie man ihm begegnen wird, dem ja erst noch bevorstehenden Novemberregen, geschweige denn dem langen Wintergrau).

Die Brandenburger Freunde bringen einen Geschenkkarton gefüllt mit Erträgen aus dem eigenen Garten und der heimischen Töpferwerkstatt mit, der uns noch den halben Winter über nähren und erfreuen wird: So viele Gelees, Eingemachtes, Brot, zwei dekorative (und sogar schmackhafte) Weißbierproben aus der Hauptstadt, allerlei Obst, schönstes Gemüse (besonders hervorzuheben: ein Potpourri aus den 28 selbst gezogenen Tomatensorten) und gleich noch die entsprechende Keramik dazu, auf der das alles aufbewahrt, angerichtet und serviert werden kann.
Ja ist denn heut schon Weihnachten?, denkt man da kurz, staunt dann aber einfach weiter, wozu die Bloggerei so geführt hat über all die Jahre, und freut sich dran.
Zwischenzeitlich sind die beiden im empfohlenen Ferienort angekommen, sogar ohne Schneeketten, stattdessen bei Sonnenschein und blauem Himmel, was leider nicht den gesamten Aufenthalt über so bleiben wird, wenn man den Prognosen glauben möchte.

Die Gemeinden Murnau, Mittenwald und Lenggries (und demnächst auch Schliersee) dürften mir langsam Provisionen zukommen lassen für die kostenlose Werbung und die erfolgreiche Vermittlung von Gästen. Überhaupt sollte ich ernsthaft drüber nachdenken, ob Individuelle Urlaubsberatung (inkl. -betreuung vor Ort) nicht jenseits des Freundeskreises ein Metier wäre, aus dem sich ein wenig Kapital schlagen ließe.
Das Coronajahr bescherte so einige Anfragen aus der Leserschaft (teils auch von Lesern, von denen ich gar nichts wusste/ahnte): ob ich nicht einen Tipp hätte für eine passende Urlaubs-/Wanderregion, dann wurden die Begleitungen, die Vorlieben, der finanzielle und zeitliche Rahmen sowie die sportlichen und sonstigen Ambitionen zu Berg und Tale genannt, und man stellte mir für meine Bemühungen stets etwas in Aussicht, das über ein herzliches Dankeschön hinausging.
Nicht schlecht eigentlich. Werde ich mal durchdenken und demnächst mit meinem österreichischen Privat-Coach besprechen.

Einstweilen kann ich Ihnen anbieten: Wenn Sie (oder jemand, den Sie kennen), Urlaub in Oberbayern planen und ein paar Tipps brauchen, die Sie mit einem ordentlichen Mahl honorieren möchten – kommen Sie ruhig auf mich zu!
Auch andere Naturalien oder Dienstleistungsen nehme ich gern an, ebenso sind Globetrotter- oder Sport-Scheck-Gutscheine jederzeit willkommen.

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An der nördlichen Spitze der Theresienwiese wurde gestern anlässlich der Gedenkfeier zum 40. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats im strömenden Regen eine Dokumentationsstätte eröffnet.

Ich erinnere mich noch gut an jenen Abend: Die Schlange vor dem Riesenrad war außergewöhnlich lang. Die Mutter wollte, dass wir uns anstellen, weil die Riesenradfahrt jedes Jahr unseren Familien-Wiesn-Abend abrundete, und so sollte es auch diesmal sein. Der Papa war dagegen, weil er keine Lust hatte, eine halbe Stunde für eine wegen des enormen Andrangs womöglich auch noch verkürzte Fahrt anzustehen.
So durfte ich damals entscheiden, ob wir bleiben oder gehen sollen, und wie so oft, schlug ich mich auf die Seite des Papas, und plädierte für den Aufbruch. Die Fahrt mit dem Riesenrad war mir vergleichsweise wurscht, ich war damals deutlich mehr an Geisterbahn, Kettenkarussell, Schießständen (wegen der Riesenteddybären, nicht wegen der Gewehre!) und gebrannten Mandeln interesssiert. Als wir die U-Bahn-Station Goetheplatz erreicht hatten und gerade die Rolltreppe betreten wollten, hörte man die gewaltige Detonation, alles zuckte zusammen, und der Papa packte die achtjährige Tochter fest an der Hand, hakte die Mutter unter, sagte in einem für ihn ungewohnt strengen Ton „Da ist etwas ganz Schreckliches passiert – lasst uns zusehen, dass wir sofort von hier wegkommen!“, und mit zig anderen Menschen stürmten wir zur U-Bahn hinunter.

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Beim Sonntagslauf im Park sehe ich nach Längerem mal wieder den alten Mann mit seinem einäugigen Hund.
Runde 1: Der Mann sitzt auf einer Bank, der Hund liegt vor der Bank im Gras und reckt seine graue Schnauze der Nachmittagssonne entgegen.
Runde 2: Drei Kinder bewerfen den Hund abwechselnd mit Steinen und Kastanien. Der Hund ist zu schwach, um sich zu wehren oder davonzurennen, außerdem würde er seinem Herrchen nicht von der Seite weichen. Das Herrchen guckt verzweifelt und schimpft mit gebrochener Stimme ein bisschen. Die Kinder lachen und verspotten den hässlichen Hund. Ich spüre ein Stechen in Herzgegend, das nichts mit der sportlichen Betätigung zu tun hat.
Runde 3: Die Kinder kreischen nun vor Vergnügen und schmeißen immer noch Steine und Kastanien auf den Hund, der sich mal in die eine, mal in die andere Richtung wegzuducken versucht. Ich unterbreche meinen Lauf. Gehe auf die drei Jungs zu und bitte sie, sofort mit der Quälerei aufzuhören. Einer der Bengel knallt mir eine Kastanie gegen die Wade.
Ich frage ihn, wo seine Eltern sind. Die sind drüben im Biergarten!, sagt er, Wir dürfen hier spielen!, meutert der andere, und der dritte sammelt bereits neue Wurfgeschosse – und genau den knöpfe ich mir als Erstes vor. Halte ihm beide Arme fest, entwende ihm Kastanien und Steine und zische ihn an, dass er jetzt sofort mit diesen Attacken gegen das Tier aufzuhören hat. Eine weitere Kastanie knallt gegen mein Bein und auch der einäugige Hund bekommt wieder eine ab.
Da platzt mir der Kragen, ich brülle den Jungen, der sie geworfen hat, an, was ihm einfiele, den Hund so zu piesacken, flink dreht er sich um und flitzt davon, ich bücke mich, hebe eine Kastanie auf und werfe sie ihm hinterher. Sie trifft ihn an der Schläfe, er quiekt beleidigt auf und greift sich theatralisch an den Kopf, und ich kann es nicht fassen, dass meine Kastanie ihn überhaupt getroffen hat, denn zeit meines Lebens war ich im Werfen eine völlige Nulpe, aber siehe da, wenn’s einmal drauf ankommt, und nicht um irgendwelche dämlichen Bundesjugendspiele geht, da kann ich das offenbar doch!
Runde 4 und 5: Die zuvor ausgesprochenen Drohungen haben Wirkung gezeigt und die drei Burschen haben sich in eine andere Ecke der großen Wiese verkrümelt und quälen jetzt mit ihren Wurfgeschossen andere Kinder, deren Eltern sicherlich ebenfalls irgendwo im Biergarten sitzen und sich dort um nix scheren.
Der alte Mann nickt mir müde zu. Sein Hund hat sich ins Gras gekauert, sicherheitshalber ist er ein Stück näher zur Bank gerückt.

Zuhause muss ich eine halbe Tüte Fruchtgummi essen, um dieses Park-Erlebnis in mir zuzukleistern und dem verbleibenden Tag noch angemessen begegnen zu können. Schließlich ist es erst 15:30 Uhr und da kann man die Schotten ja noch nicht dicht machen.

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Die Sonnenblumen von M. halten sich wacker.
Mit jedem Tag, an dem ich sie ein Stück kürzen und ihnen frisches Wasser geben muss, schneide ich dem zurückliegenden Sommer zwei bis drei Zentimenter aus seinen Eingeweiden und verspüre eine tiefe Melancholie.

Abschiede waren noch nie meine Sache.

See_lenfrieden.

Eine überwiegend aufreibende, anstrengende Woche. Am Schreibtisch ebenso wie draußen – und überhaupt.

So ein Tierkliniktermin hängt mir tagelang nach, vor allem, wenn auch die Diagnosen erst Tage später eintreffen. Selbst, wenn man bewusst nicht wartet, so wartet man eben unbewusst doch.

Seit gestern wissen wir mehr. Giardien. Na super. Den Hundekundigen unter Ihnen ist klar, was das bedeutet. Den anderen empfehle ich, nicht nachzuschlagen. Immerhin ist nun die fünfwöchige Leidenszeit des Dackelfräuleins hinreichend erklärt.

Dann noch ein anderer Verdacht, aufgrund der Blutwerte. Gar nicht schön. Das bleibt hier aber so lange unerwähnt, bis es endgültig abgeklärt ist, denn ich bilde mir gelegentlich ein, dass man manchen Dingen durch ihr Nicht-Niederschreiben auch ihre Existenzgrundlage entziehen kann.

Überhaupt stand Fräulein Hund diese Woche etwas arg im Vordergrund. So lang war sie noch nie paarungswütig, so oft hab ich noch nie „Ist das ein Rüde?“ durch die Gegend geplärrt oder mein Bein trennend zwischen sich begegnende, hormongesteuerte Vierbeiner gestellt.

Und nebenher noch viele andere Dinge, die einen beschäftigen (zwischendurch den rechten Arm endlich dem Osteopathen anvertraut).

Deshalb bin ich jetzt mal kurz weg.
Auf Mutter-Kind-Kur quasi. Nur ohne Kind. Das ist daheim, beim treusorgenden Gatten.
Ich hab mal nachgerechnet: 2019 war ich bislang genau 4 Tage/Nächte als Individuum ohne Anhang unterwegs. Da schlag ich doch nun glatt nochmal zwei Tage obendrauf!

Muss mal für mich sein. Aber nicht irgendsoein Wellnesskörperpamperseeleaufweichprogramm (schade eigentlich), sondern eine kleine Arbeitsklausur. Ein Text möchte fertig werden. Bzw. überhaupt erstmal geschrieben werden. Ein wichtiger Text. Das erfordert Ruhe und Abstand – und einen geeigneten Ort fürs Anfangen.

Dieser Ort ist hier. Am See. Mit Blick auf den See. Grau sieht er aus, im November, aber das passt prima.

Nebenan das Bootshaus, vor dem in den Kindheitsommern der S. saß, der immer mit der Mutter flirtete (und sie mit ihm), wenn wir bei ihm ein Ruderboot ausliehen, um rauszufahren auf den See.

Unverändert steht es da, das Bootshaus. Ich kann das Knarzen der Holzplanken noch hören, wenn die Mutter über den Steg lief, um trockenen Fußes das Boot besteigen zu können (es ging wohl eher drum, sich von S. ins Boot hineinhelfen zu lassen, denn er hielt sie immer an der Hand, sobald sie die erste Sprosse der Leiter betrat, die vom Steg ins Wasser hinunterragte).

Kann das Knirschen und Klackern der Uferkiesel noch hören, über die ich in dem türkisen Jerseykleidchen mit dem Segelbootmuster (die Basttasche über der Schulter und die Sandalen in meiner Rechten) ins Wasser hineinging, um von dort aus ohne helfende Hand in das Boot zu klettern, in dem die Mutter bereits saß und selten selig vor sich hin lächelte.

Der S. wohnt im oberen Ortsteil, ist nun 79 und längst nicht mehr Bootsverleiher, bestimmt aber immer noch so braungebrannt wie 1979.

Haben Sie ein schönes Wochenende & bis demnächst!

Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

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Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

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Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.

Song des Tages (17).

Neue Woche, neue Wege.

Eine Schreibarbeit voranbringen, die OP hinter uns bringen. Und manches mehr.
Hoffentlich wirft’s einen nicht aus der Spur.

Im Küchenradio spuin’s an Hubert, lang‘ nicht mehr gehört!

Ein Open-Air-Konzert in Coburg fällt mir ein, kurz nach dem Independence Day muss es gewesen sein, eine Ameisenstraße unter einer Wolldecke im Wald, irgendwo zwischen Würzburg und Coburg, heiß war es, der Honda von P. ohne Klimaanlage. Die Stimmung schwierig, aber nicht aussichtslos, was man damals vor 24 Jahren zu gern geahnt hätte, aber erst viel später wissen durfte. Immerhin.

An dieser Stelle herzliche Grüße nach Berlin an P., den Läufer mit der feschen Russenmütze (frohes Zehennägelschneiden!) – und allen anderen einen guten Start in die Woche!

De Fiass de gengan wia von selber und de Strass’n
de fangt an vor meiner Tür
nur wo’s aufheat woass ma nie
und wo’s hiführt woass ma nie
und ob ma‘ z’ruckkommt woass ma nie

Frühlingsfedern oder: Damals in Ottakring.

Im stürmischen Südföhn, der das Seeufer großzügig mit Frühlingsluft überschwemmt, kommt dem Dackelfräulein und mir ein Paar entgegen. Ein ungleiches Paar. Sie, um die 60, hat sich bei ihm, sehr jung, untergehakt. Die Federn an ihrem Damenhut vibrieren heftig im Wind. In inniger Vertrautheit aneinandergeschmiegt spazieren sie im Gleichschritt auf uns zu. Es kommt zur Begegnung, gar zum Gespräch – ausschließlich dem Charme des Hundes wegen, ich hätte lieber meine Ruhe gehabt.

Während ich den beiden interessiert Fragenden die üblichen Auskünfte erteile („nein, sie ist nicht mehr ganz jung, sondern schon 6“, „ja, sie liebt Wasser und es ist ihr nicht zu kalt“, „nein, sie ist kein Zwergdackel, sondern Normalschlag, ihr Vater war ein recht zierlicher, aber drahtiger Bursche“) und Pippa das neu gewonnene Publikum geschickt nutzt, um unter großem „Mei, schau!“ und „Herrje, wie reizend!“ mit einer aus dem Schilf stibitzten Feder im Schnabel eine regelrechte Zirkusnummer aufzuführen, habe ich plötzlich ein Déjà-vu. So ein Gespann hast du doch schon mal gesehen!, rumpelt es durch mein Bewusstsein.
Und flugs formiert sich’s zur konkreten Erinnerung: Die beiden vor mir, die sind gar kein Paar, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne – das sind Mutter und Sohn!

Wo war das noch? Genau!
Damals, im Ottakringer Frühling war’s.

Das Ritual aller frisch Getrennten stand mir bevor: meine paar, noch bei K. in Wien deponierten Habseligkeiten abzuholen. Ich wollte K. keinesfalls schon wiedersehen und bat daher seinen besten Freund C., er möge meine Sachen doch bei Gelegenheit an sich nehmen. C. erledigte das umgehend und bot an, ich könne, wenn ich demnächst zum Abholen der Dinge vorbeikäme, gern das Wochenende bei ihm verbringen, um die weite Strecke nicht am selben Tag hin und retour fahren zu müssen. Der Frühling hielte schließlich gerade Einzug in Wien und man könne ja gemeinsam auf den Kahlenberg wandern (und ich dürfe mich auch gern an seiner Schulter ausweinen, wenn mir danach sei).

Ich überlegte kurz, ob mir danach wäre und vor allem, ob ich so viel Wien jetzt schon wieder verkraften könnte, war mir irgendwie unsicher, entschloss mich dann aber, die Unternehmung als willkommene Ablenkung vom Trennungsschmerz und als gute Option für einen positiveren Abschied von der Stadt zu betrachten und nahm das Angebot dankend an.

Eine weise Entscheidung, da sich die Hinfahrt, was ich natürlich vorher nicht ahnen konnte, nicht in den üblichen drei Stunden bewältigen ließ, sondern fast sieben Stunden hinzog, da mir an einer Tankstelle bei Passau der Autoschlüssel im Schloss des kleinen, roten Fiestas abbrach und mich der grantige niederbayerische Tankwart nur sehr unwillig zum nächsten Ford-Händler kutschierte, damit ich einen Ersatzschlüssel anfertigen lassen konnte.

Spätnachmittags traf ich etwas gerädert von der Anreise bei C. in Ottakring ein.
C. war einer der höflichsten Männer, die ich je kennengelernt habe, quasi ein Kavalier alter Schule. Er erwartete mich bereits unten auf der Straße, hielt mir die Autotür auf, um mir aus dem Auto heraus und in den Mantel hinein zu helfen. Trug mein Gepäck nach oben in die – wie er mir im Stiegenhaus erläuterte – 240m² große Altbauwohnung.

Ich war noch nie zuvor bei C. daheim gewesen, staunte daher nicht schlecht über die schier unglaublichen Dimensionen seines studentischen Zuhauses.
Als er die Wohnungstür aufschloss und meinen Koffer auf den Dielenboden stellte, hörte ich ein Klappern aus einem der Räume. Vielleicht die Bedienerin? Das kannte ich schon von K.s Eltern, dass sich in Wien auch der Mittelstand gern diesen mindestens wöchentlichen Luxus im Alltag leistete.
Das Klappern schien näher zu kommen und kurz darauf stand es leibhaftig vor uns. Eine ältere, stark geschminkte Dame in wallendem Gewand, mit Federschmuck im hochgesteckten, silbrigen Haar. C. stellte sie mir als seine Mutter vor. Sie reichte mir ihre knochige, reich beringte Hand mit einem „Ich grüße Sie herzlich, wertes Fräulein Natascha!“, auch das war mir bereits von K.s Eltern vertraut (da wo i dahoam bin, da hatten Freunde der Kinder nicht mehr als ein schlichtes elterliches „Servus“ oder „Hallo“ zu erwarten).

Beim Abendessen erfuhr ich, dass C.s Mutter gar nicht zu Besuch war, wie ich zunächst angenommen hatte, sondern ebenfalls dort lebte und zwar bereits seit über 40 Jahren, und dass die Wohnung deshalb so riesig war, weil es sich eigentlich um zwei Wohnungen handelte, die vor langer Zeit zusammengelegt worden waren, weil C.s Mutter dort auch ihr Geschäft hatte. Sie führte dort jahrzehntelang eine Werkstatt für Kunstblumengestecke. Dass der Laden angeblich längst stillgelegt worden war, sah man dem hinteren Trakt der Altbauwohnung kaum an: drei große Räume mit eingestaubten Werkbänken, Schränken voller Werkzeug und deckenhohen Regalen bis zum Anschlag vollgestopft mit Schachteln, Boxen und Körben. Darin Kunstblumenteile, aus Seide, aus Plastik, aus Holz, aus Drahtgeflecht, eine unfassbare Vielfalt!, nebst zig Schubkästchen voller Federn, Perlen und Zierrat aller Art (und Abart) – mir fiel in einer Tour die Kinnlade herunter, während man mich durch die Räumlichkeiten führte.

Im kleinsten der Zimmer, das vielleicht 25m² maß, stand ein uraltes, riesiges Doppelbett mit besticktem, dunkelroten Überwurf – mein Gästebett fürs Wochenende, wie man mir mitteilte.
Umgeben von all dem Geblümel und der Patina längst verblichener Zeiten und Gewerke sollte ich dort schlafen, was mir zumindest in der ersten Nacht kaum gelingen wollte. Neben dem Bett hatte C. meine Sachen aus K.s Wohnung fein säuberlich aufgeschichtet. Obenauf ein Briefchen von K., das ebenfalls hervorragend als Schlafräuber taugte.

Am nächsten Morgen zog ich die schweren Samtvorhänge beiseite und blickte durch das milchig-schmutzige Sprossenfenster hinab auf die belebte Straße. Die Bim schob sich quietschend neben dem Samstagmorgenverkehr entlang, die Menschen hetzten bereits geschäftig durch die Gassen, ein paar Bäume hier und dort, die erstes Grün zeigten, unter dem Fenster ein Magnolienbaum in voller Blütenpracht. Frühling in Ottakring.

Ich zog mir etwas über, um nicht durch Nachtgewand und Barfüßigkeit meine Gastgeber zu verschrecken und schlich auf leisen Sohlen den langen, dunklen Flur Richtung Küche, in der Hoffnung auf einen Hauch Kaffeeduft und ein vielleicht schon im Entstehen begriffenes Frühstück. Stille empfing mich. Kein Kaffee, kein Croissant weit und breit. Das Knarzen des alten Bodens unter meinen Füßen das einzige Geräusch in der noch schlafenden Wohnung. Ich beschloss, mich ins Bad zu verkrümeln, fand den Weg nicht gleich, bog falsch ab und kam an einer geöffneten Flügeltür vorbei – die einzige Lichtquelle in dem düsteren Gang.

In dem Zimmer sah ich ein fast identisches Doppelbett wie das, in dem auch ich schlief, stehen, und als ich da so hinüberblickte, bemerkte ich, wie sich etwas in dem Bett regte und erkannte den silbrigen Schopf der Mutter. Sie drehte sich im Schlaf um. Aber was war das? In der anderen Betthälfte schien es auch einen kleinen Ruck unter der Decke zu geben!?! Und tatsächlich: Dort lag C., der Mutter den Rücken zugewandt, tief und fest schlafend.
Einer ausgiebige Dusche bot die Gelegenheit, diese frühmorgendlichen Impressionen aus dem 16. Bezirk erstmal sacken zu lassen, um das später folgende gemeinsame Frühstück ohne Entgleisungen in der Mimik antreten zu können.

Es war die seltsamste Mutter-Sohn-Symbiose und zugleich die abstruseste WG, in die mir je Einblick gewährt wurde. Und es war eines der erlebnisreichsten Wochenenden, die ich je in Wien verbracht habe. Mit einer Friedhofsbesichtigung (Ottakring), einer Wanderung (Kahlenberg), dem Abendessen in einem Ottakringer Beisl mit den schrägen Kommilitonen von C. (Indologie, Papyrologie und Epigraphik), der Präsentation von C.s beeindruckender Sammlung schwedischer Pornohefte aus den 70er Jahren (sehr züchtig, sehr blond, sehr haarig überhaupt), den Foxtrottübungen im Flur (C.s Mutter bat mich, ihren Sohn in der Linksdrehung zu unterrichten) und nicht zu vergessen den drei langen Frühstücken zusammen mit C.s Mutter in ihrem divenhaften, brokatenen Schlafrock (und mit flittergesprenkelten Seidenhyazinthen auf dem Frühstückstisch).

Zum Abschied schenkte sie mir ein Paar Ohrringe, die mir fast bis zum Schlüsselbein reichten und sich mit ihren pieksigen Federkielen übel in meinem Mantelkragen verhakten.

Es wird höchste Zeit, wieder einmal nach Wien zu reisen, denke ich.

Vielleicht schon im Frühling.

As sure as night is dark and day is light. Zum 23. Dezember 2016.

In memoriam memoriae

Die Erinnerung ist eine mysteriöse
Macht und bildet die Menschen um.
Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.
(Erich Kästner)

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Für Niklas.

Spontan habe ich mich entschlossen, ab sofort nicht deines Todestages im Januar zu gedenken, sondern deines Geburtstages.
Heute hätte ich dir, wie jedes Jahr, um 23:12 Uhr zum Geburtstag gratuliert, so wie du mich immer um 13:07 Uhr beglückwünscht hast, meist in der Kantine sitzend.

Seit du tot bist, hallen Sätze in mir nach, die du gesagt hast, während wir im „La Fiera“ saßen. Mal diese, mal jene. Im Augenblick ist es einer von Erich Kästner, den du gern zitiert hast: „Das Leben muss noch vor dem Tode erledigt werden.“. Exakt zeitgleich mit David Bowie hast du dich dann still und plötzlich vom Acker gemacht und vieles unerledigt zurückgelassen.

Ich kannte dich 13 Jahre lang. 50% unserer gemeinsamen Zeit haben wir im „La Fiera“ verbracht, einem Italiener im Westend, um die Ecke von unserer Firma. 20% haben wir mit Rumsitzen und Reden in deinem Büro verbracht. Und die restlichen 30% haben wir am Kicker gestanden, uns gefreut und beschimpft. Dein elendes Gekurbel hat uns so manche Punkte gekostet- und leider war das Kickern eines der ganz wenigen Dinge, bei denen ich je ehrgeizig war (und du wie immer überhaupt nicht)!
Draußen pfiff der Wind um die 15. Etage des Hochhauses, in die unsere Firma den Kicker verbannt hatte, damit die Mitarbeiter nicht in jeder Pause dort landeten und zu spät oder verausgabt an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten.
Wir haben mit anderen Kicker-Junkies ganze Feierabende da oben verbracht und sind mit klitschnassen T-Shirts und wunden Handflächen heimgefahren. Wir haben dort für 2 EMs und 2 WMs trainiert. Du warst Kroatien, ich war Argentinien, gewonnen haben aber immer die Jungs von der Haustechnik, egal, welches Land das Los ihnen zugeteilt hatte.

Im Winter haben wir immer in der Tiefgarage ins Auto des anderen geschielt, um zu sehen, wer wohl zuerst die Langlaufski eingepackt und die Saison eröffnet hat. Jeden Montag haben wir uns über die sportliche Wochenendbilanz ausgetauscht. So viele Kilometer in der Loipe wie du hab‘ ich nie geschafft. Du meintest dazu nur, ab 40 liefe man dem Tod davon, das würde ich schon noch verstehen, wenn ich mal 40 wäre (ich bin jetzt 44 und rätsle noch immer). Hast du etwas geahnt, hast du es kommen sehen, bist du deshalb so viel gerannt?, frage ich mich.

Dein Geburtstag ging immer unter. Du sagtest, einen oder acht Tage später wäre noch doofer gewesen. Niemand hatte je den Nerv, mit dir zu feiern, so dass du dir das Feiern bereits mit 18 abgewöhnt hast, die meisten Präsente erst am Tag drauf bekommen hast und stattdessen deinen Geburtstag genutzt hast, um Geschenke für andere zu kaufen oder den Weihnachtsbaum in euer Haus zu schleppen.

In manchen Jahren lief es besser für dich, nämlich dann, wenn der 23.12. noch ein Arbeitstag war, dann haben immerhin ein paar Kollegen in eh schon vorweihnachtlicher Arbeits-und-Jahresausklangs-Verfassung mit dir angestoßen (dieses Jahr hättest du also Glück gehabt). Und im „La Fiera“ hast du dir dann mittags ausnahmsweise 2 Stamperl von diesem ekelhaften Limoncello gegönnt, den du mir all die Jahre lang beharrlich anzudrehen versuchtest (1x hab ich dieses WC-Reiniger-artige Gesöff auch tatsächlich probiert, brrr!).

Genug erinnert für heute.

Statt der üblichen SMS, die nun unverschickbar ist, bekommst du diese Zeilen, pünktlich um 23:12 Uhr und obwohl ich eigentlich gerade blog-pausiere (was ich anschließend auch wieder tun werde).

Und einen Song, den du mochtest, noch obendrauf.

Wish you’d kept a closer watch on this heart of yours.