Song des Tages (45).

Im Gasthof der Ersthochzeitsfeier sitzend. Um 17 Uhr, ziemlich alleine, ziemlich hungrig, nach einem längeren Marsch durch Wald, Feld und Moor.
Wie oft bin ich genau diese Runde in meinem Leben wohl schon gegangen? Hundertfünfzigmal? Oder noch viel öfter? Seit 1990 jedenfalls jährlich mehrfach, vermutlich mit jedem Menschen, der mir je wichtig war oder ist oder es mal sein könnte, und natürlich auch mit allen drei Dackeldamen, die Teil meines Lebens waren oder sind.

Quasi das „Thunderroad“ unter meinen Spazierwegen, diese Rundwanderung: lebenslang und durch alle Gezeiten (und alle Gefährten) wird sie einen begleiten, sofern sie nicht das schöne Moor trockenlegen und eine hässliche Neubausiedlung draufklotzen, was im Naturschutzgebiet ja zumindest während meiner noch verbleibenden Lebenszeit kaum zu anzunehmen ist, ich aber auch nachfolgenden Generationen nicht wünsche.

Der Gasthof Georg Ludwig. Zuletzt mit meinem großen Freund S. hier gewesen, vor zwei oder drei Jahren, glaube ich. In den 1990er Jahren oft mit dem Papa in diesem Wirtshaus gesessen, in den 2000er Jahren einige Male mit dem Ex-Gatten, seitdem nur noch alle paar Jahre, wenn es sich grad ergibt, und das tut es eher selten.

Ich sitze im Stüberl, am selben Platz wie bei den Feierlichkeiten damals, das Fräulein schnarcht zufrieden in ihrem sogenannten Schmuddelkörbchen, ein ausrangiertes Exemplar einer Dackelschlafstatt, das hinten im Kofferraum liegt und überallhin mitfährt, um jederzeit für eine Einkehr auch im Wildschweinlook mit Rundum-Dreckverkrustung gerüstet zu sein und keinen Wirt zu verärgern, weil sein Boden nach des Fräuleins Besuch ausschaut wie Sau.

Äonen her, diese Feier, nur der schöne alte Holzboden ist noch derselbe, ansonsten macht man jetzt auch hier auf gediegen und some kind of Cottage-Shabby-Chic.
WLAN gibt’s nun ebenso wie ein paar hübsche Hotelzimmer (was ist nur dem herrlichen Begriff Fremdenzimmer widerfahren, wieso existiert der nimmer?) und Vegetarisches auf der Speisekarte (sogar Formulierungen wie „Duett von…“ und „Kreation aus…“ treten dort mutig an gegen allerlei „Hausgemachtes“). Beim Blick aus dem Fenster aber immer noch vergilbte CSU-Plakate und gegenüber der alte Bauernhof (hinter dessen Scheune mich einst ein verheirateter Chirurg aus Oldenburg küssen wollte, aber das ist eine andere Geschichte, noch dazu eine reichlich banale, obwohl der Typ ein bisschen wie Damian Lewis aussah, aber das war auch das einzig Interessante daran).
Manches ändert sich in Bayern eben nie, genau wie im richtigen Leben.

Die Menschen, die man schon Jahrzehnte kennt, ändern sich ja auch weitaus weniger als sie den Anschein zu erwecken bemüht sind (oder das wirklich glauben, weil sie sich dem Diktakt, sich selbst zu finden oder gar neu zu erfinden, verschrieben haben oder irgendeinem vergleichbaren Quark auf den Leim gegangen sind).
Mich brauch ich da gar nicht explizit einschließen, in den Kreis der sich kaum Veränderthabenden, da ich mich nie aus jenem ausgeschlossen habe, weil ich mich im Kern (von dem wir jetzt einfach mal so annehmen, dass es ihn überhaupt gibt) nicht mehr wesentlich neu ge- oder erfunden, verwirklicht oder optimiert habe, seit ich zum ersten Mal die eingangs erwähnte Spazierrunde durch Wald, Feld und Moor drehte – auf meine relative Unveränderbarkeit ist schon seit 30 Jahren relativ unverändert Verlass, was so seine Vor- und Nachteile hat, über die ich mich jetzt aber nicht auszulassen gedenke, weil es mir gerade gut geht und ich diesen Zustand unverändert belassen und nicht sezieren möchte.

Gestern Abend, nach anderthalb Jahren, M. wiedergesehen. Einst mein bester Freund, zu Zeiten, als man an diesem sozialen Exzellenz-Label noch hing und es gelegentlich hochhielt wie eine kleine Trophäe (in der irrigen Annahme, man würde sich damit irgendwie vom Rest der nurnormalefreundehabenden Menschheit abheben). Mittlerweile eine Kategorie, die mir eh wurscht ist.
Freundschaften kommen und gehen (oder kommen wieder, obwohl sie zuvor gegangen sind), nur wenige haben Bestand über Jahre oder Jahrzehnte, etliche überstehen kaum ein Sommergewitter oder ein Blitzeis, manche sind an einzelne Themen oder Lebensphasen gebunden, eine Handvoll funktioniert nur, wenn die Befreundeten in einem ähnlichen Ausmaß vor Glück und Gesundheit strotzen oder in Leid und Krankheit versinken, andere wiederum sind völlig losgelöst von Zeit, Raum, Befindlichkeiten, Situationen und Dingen, die man teilt oder nicht teilt (und mit hoher Wahrscheinlichkeit hab ich noch x weitere Möglichkeiten und Gesichter von Freundschaft hier überhaupt nicht aufgezählt, weil sie mir grad nicht einfielen).

M. ist jedenfalls der erste meiner Freunde, mit dem die Freundschaft endete, ohne dass ich einen radikalen oder zumindest deutlich ausgesprochenen Schlussstrich gezogen hätte, was meiner Ordnungsliebe und dem Bedürfnis nach Klarheit zunächst sehr zuwiderlief.
Es gab lediglich ein paar Auseinandersetzungen, weil M. im Gegensatz zu mir damals nicht der Ansicht war, etwas ganz Entscheidendes sei uns abhanden gekommen. Richtig ausdiskutiert wurde das nie, zwar offen und ehrlich angesprochen, besonders kontrovers oder allzu emotional ging es dabei aber nicht zur Sache, geklärt wurde auch nichts, sondern es blieb dann irgendwann so stehen, in seiner ganzen unübersehbaren Beschädigtheit und der Runzligkeit von Phänonemen, die ihren Glanz verloren haben. Nur ab und an verspürte ich kurz den Drang, M. vielleicht doch besser nie wieder zu sehen, weil ich keinen Abklatsch dessen erleben wollte, was wir mal hatten, gab diesem Impuls aber nicht nach.

Nun also das dritte Treffen seit dem Bruch. Immer noch vertraut, weil man sich zu lange kannte und zu viel zusammen erlebt hatte, um einander je völlig fremd werden zu können, solange keine Extremfälle eintreten wie: einer wird Hedgefondsmanager und der andere Anhänger einer religiösen Sekte (oder andere biographische Disparitäten dieser Dimension).
M. ist im Grunde immer noch der, den ich vor zwanzig Jahren kennenlernte. Dieselbe Art, seine zahlreichen Anekdoten einzuleiten („der Story muss ich erstmal zwei, drei Sätze vorausschicken“) und zu erzählen (locker, lustig, langatmig: inklusive Einleitung dauern als kurz angekündigte Stories gern mal 45 Minuten oder länger). Derselbe trockene Humor, dieselbe wohlplatzierte Selbstironie, und sogar bei neuen Vorlieben (die ja nun völlig getrennt voneinander entwickelt wurden) noch eine Schnittmenge zu den meinen erkennbar.
Und auch dieselben Dinge, die mich vor ein paar Jahren so ermüdet und frustriert hatten, dass ich die noch verbliebenen Reste des blassen und rissigen Beste-Freunde-Aufklebers von der dünner und dünner werdenden Blase, in der wir uns noch manchmal gemeinsam aufhielten und die darin dünner und dünner werdende Luft einatmeten, und eine Weile hechelnd und heuchelnd so taten, als sei alles noch wie immer, abkratzen musste.

Bei unserem letzten Wiedersehen im Herbst 2018 war ich enttäuscht, dass auf eine ominöse Art in den paar Stunden alles war wie immer, obwohl ja zugleich nichts mehr so war wie zu früheren Freundschaftszeiten, keiner von uns sprach das an, stattdessen brachten wir einander auf Stand (eine selten dämliche Redewendung, passt aber gut zu dem Missmut, den ich oft gegenüber der damit bezeichneten Aktivität empfinde), vor allem M. mich, denn M. ist einfach der größere und bessere Auf-Stand-Bringer und Redner von uns beiden, und auch der, der für den Redebeginn keine Frage benötigt oder erhofft und für den das auch im Fortgang der Rede keine Rolle spielt, wenngleich ich fairerweise sagen muss, dass Ms Gerede nie dumm oder langweilig ist, im Gegenteil, es ist eher wie einer recht unterhaltsamen Sendung im Radio zu lauschen, und so kam ich nachhause und sagte zum Gatten, dass ich nicht wisse, was das noch solle, und dass der Abend zwar durchaus kurzweilig und ganz nett war, ich aber zugleich ein Gefühl von umfassender Belanglosigkeit verspüre (alles irgendwie einerlei: ob das nun war oder nicht, ob es nochmal sein würde oder nicht) und ich doch ein Leben mit so wenig Belanglosigkeiten wie möglich führen wolle und daher nicht sagen könne, ob ich mich je nochmal mit M. treffen würde, das aber erstmal sacken lassen müsse, bevor ich eine Entscheidung träfe. Die ich dann wieder nicht traf, weil sie sich mir nicht aufdrängte, folglich wohl auch nicht dringend getroffen werden musste, und weshalb wir uns gestern eben erneut treffen konnten.

Gestern gegen 23 Uhr, nach fünf Stunden mit M. – er war gerade zur Toilette verschwunden und ich hatte einen kurzen, anekdotenfreien und ruhigen Moment für mich allein, da wir die letzten im Lokal waren – , saß ich da, spürte, wie man so sagt, in mich hinein und hatte zum allerersten Mal den Gedanken: Vielleicht werde ich allmählich altersmilde.
Denn ich ertappte mich dabei, dass ich es letztlich gut fand, ihn wiederzusehen. Nicht existenziell wichtig und auch nicht tagelang beglückend oder anderweitig nachwirkend, auch weder große Zukunft verheißend noch viel Vergangenes aufwühlend, beileibe nicht mehr diese große Sache von früher und auch nicht mehr diese alte Begeisterung, aber dennoch eben auf eine simple Art einfach in Ordnung und gut.

Zu hören, dass auch er zufällig denselben zum Nachfolger des leider mehr und mehr von der Bildfläche (treffender noch wäre: von der Hörfläche) verschwindenden Klaus Maria Brandauers auserkoren hat, nämlich Nicholas Ofczarek.
Ihm zu erzählen, ich hätte zwar nicht ganz wie einst Jon Landau die Zukunft des Rock ’n‘ Roll, dafür aber die Zukunft dieser Zukunft gesehen und ihm dann einen Forenbacher-Song vorzuspielen und mitzuerleben, dass ihn das sofort erwischt, beim ersten Hören, und er sich gleich den Namen notiert.
Vor Monaten den gleichen Artikel von Kurt Kister gelesen und dabei gedacht zu haben, dass man den Text eigentlich dem anderen schicken sollte, falls der ihn verpasst hätte und es dann doch nicht getan hat.
Beim Abschied vor dem Lokal die Mütze aufzusetzen und gefragt zu werden, ob das immer noch diese Sturmhaube sei, die er damals, vor zwanzig Jahren, so albern fand, dass er mich wochenlang Frau Pipolaki nannte, nach dem eingestickten Markenamen in der Mütze, was wir dann beide albern finden konnten.
„Nein, das ist sie nicht!“, antwortete ich, und dachte: aber es ist eine verdammt ähnliche Mütze und auch ich bin’s immer noch und du bist’s ja auch noch, und dann sagten wir „Ja also dann, bis zum nächsten Mal!“, in einem Jahr vielleicht, oder wann auch immer, es ist auf eine nicht völlig belanglose, aber völlig zeitlose Art egal, kein Schlussstrich hat uns den Weg abgeschnitten, und dass das nun so ist, ist womöglich ja doch ein winziges Indiz für eine gewisse Veränderbarkeit von dieser Frau Pipolaki, die ja heutzutage eher unter Frau Kraulquappe firmiert und nach der Wildschweinreinigung daheim auch gleich wieder als solche in die Freitagabendfluten eingetaucht und ihnen soeben erfrischt wieder entstiegen ist.

Auf dem gestrigen Heimweg durch die nächtliche Allee an diese Sentenz (vergessen, von wem) gedacht, in der es heißt, man müsse die Menschen nehmen wie sie sind, es gäbe schließlich keine anderen.
Was angesichts der Vielzahl der Menschen und der daraus resultierenden Auswahlmöglichkeiten natürlich ein Schmarrn ist, aber wenn man die Aussage mal eingrenzt auf die Wegbegleiter, die man so hatte oder immer noch hat oder mal haben wird, und eine Schippe Altersmilde und eine Prise Panta rhei dazugibt, freilich ohne den kritischen Blick und das No-surrender-Feeling früherer Jahre (inklusive mancher seiner zu recht kompromisslosen Aspekte) gänzlich über Bord zu werfen, dann bleibt vielleicht ja doch mehr übrig von dieser Strophe, die M. und ich anno 2002 mal zu „unserer“ erklärt hatten, als ich es in den letzten Jahren gedacht habe:

It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting baby, your heart to mine
We’re runnin‘ now but darlin‘ we will stand in time
To face the ties that bind
The ties that bind
Now you can’t break the ties that bind
You can’t forsake the ties that bind

Ein Gesicht wie eine topografische Karte vom Steinernen Meer…

Foto: Stefan Kümmritz

…und eine Stimme, knarzig und verschrammelt wie ein alter Bauernschrank, eher: wie eine alte Bauernkommode, denn das richtig Tiefe und das ganz große Volumen, das hatte er ja stimmlich nie.

Wurscht. Toller Typ, klasse Konzert!
Ein unverwüstlicher Haudegen, dieser Söllner, phantastische Präsenz, wunderbarer Dialekt (oana, der wo goa ned anders ko, selbst wenn er woin dad!), nach wie vor gradraus in Sachen Meinungsäußerung, so abgründig und charmant im Humor – möge es seiner Kandidatur zum OB von Bad Reichenhall zuträglich sein.

Schaut auch immer noch fesch aus, seit er seine Dreads für 800 Öcken bei eBay verscherbelt hat, eigentlich noch viel fescher als früher, finde ich, oder ist’s etwa wieder mal dieser weibliche Blick, irgendwo zwischen Verklärung und Verblendung oszillierend, mit dem man früher, als man bzw. frau noch keine Ahnung hatte von der Realität längeren Zusammenlebens und der wahren Bedeutung des Wortes Alltag, sich solche Burschen nicht nur betrachtet, sondern sich manchmal auch so einen gewünscht hat: gelernter Koch und Kfz-Mechaniker (fehlt ja nur noch die Drittausbildung zum Physio) und zugleich Musiker, eine saftige Prise Wilderer und Rebell obendrauf, bodenständig, heimatverbunden, clever, engagiert, gewitzt, furchtlos, lange Haare, kerniger Bart, halt ein Kerl, der am Ufer vom Thumsee, die Fluppe lässig im Mundwinkel hängend und mit hochgekrempelten Ärmeln, beim Holzhacken, der Bootsreparatur oder dem Gitarrenspiel anzutreffen ist, bevor er sich dann die Arbeiterhände kurz an der abgewetzten Jeans abklopft und einen die paar Stufen auf die Veranda der kleinen Hütte am See hinaufträgt und dort in eine jamaikafarbene Hängematte hineingleiten lässt, die bei jeder Schaukelbewegung leicht gegen den großen Terracottatopf dotzt, Sie wissen schon, den mit dem Marihuana-Bäumchen drin, im Hintergrund leuchtet die Abendsonne oder die Bergkulisse oder beides – und fertig war das Traumbild von einem Leben, wie man dachte, dass es doch unbedingt sein sollte oder könnte: einfach, authentisch, unkompliziert, pur, geerdet, wild, romantisch, naturnah.
Vieles davon rosarote Jungmädchenträume und naiver Schmarrn aus Teenietagen, nicht alles, schon klar, aber halt doch das Meiste, zumindest wenn man – so wie ich – im Laufe der Jahrzehnte erkennen musste, dass man doch eher der Typ Frau geworden ist, der eine regelmäßig staubbefreite Wohnung, einen Toaster mit integrierter Krümelschublade und ein Auto mit Sitzheizung zu schätzen weiß – alles nicht wirklich Inbegriffe der Simplizität, Naturnähe oder Wildheit.

Äh, wo waren wir gleich nochmal stehengeblieben? Richtig. Beim heutigen Abend. In Bad Tölz. Im Kurhaus. Etwas ungewohnte Location zwar, aber altersmäßig kein Schaden (was für den Künstler und den Großteil der Besucher gleichermaßen galt), so ein Sitzabend im Kursaal des hübschen Isarstädtchens (ich sag’s ungern, aber mir steckt der Abstieg von letzter Woche immer noch ein wenig in den Knochen, auch 1x Schwimmen und 1x Genusswandern konnten das nicht ganz wegzaubern).

Jetzt aber mal fix des Noagerl austrinken und los hier. Gemütlich (und mit eingeschalteter Sitzheizung!) über die nächtlichen Hügel und Dörfer des nebligen Oberlands heimwärts fahren, bzw. zum Papa an den Tegernsee, wo das Dackelfräulein heute Abend be- und gehütet wurde, was mittlerweile so ausschaut, dass die beiden einfach vier Stunden gemeinsam im Sessel fläzen und fernsehen und zwischendurch allenfalls mal in die Küche schlurfen.

Dort, beim Papa, schon vor der Fahrt zum Söllner-Konzert einen recht schönen Nachmittag und Abend verbracht.

Als das Fräulein und ich von der verschneiten Schwarztennalm runterkamen, war seine Lebensgefährtin bereits zum Tennis und dann zur Canastarunde ausgeflogen, also herrliche Ruhe im Salon, und nicht, wie beim letzten Mal, solch haarsträubende Dispute, wieso man keine Eier aus Bodenhaltung kaufen sollte und was industrielle Milchproduktion für die Kuh bedeutet (und was das wiederum für den Verbraucher bedeuten sollte, wenn er denn nicht wegschauen möchte).
Diese Stunden zu zweit mit ihm, die sind ebenso selten wie kostbar geworden.

Mit einem Liebeslied, das heut Abend Teil des Programms war, verabschiede ich mich aus dem zapfigen Tölzer Land von Euch…

…wünsche allseits eine gute Nacht und, denkt’s dran: liebt euch!

Und wenn’s grad nix von Liebe hören wollt’s, dann pfeift’s euch doch diesen Klassiker hier rein, noch im ursprünglichen Look dargeboten:

Uijuijui oder: Servus 2019!

Der letzte Tag des alten Jahres beginnt denkbar gut: Ausgeschlafen, mit Schokohagel auf dem Toast und Sonnenschein zum Morgengassi. Kurz drauf Post vom Finanzamt: Auf den letzten Metern des alten Jahres dem sachbearbeitenden Frollein M. eine Änderung des Steuerbescheids 2018 rausgeleiert und noch eine Erstattung kassiert.

Sehr erfreulich, das Ganze, wenn auch nicht ganz so ein krasser Jubelanlass wie vor zwei Wochen das Einschreiben von der alten Vermieterin: im November schickte sie die Nebenkostenabrechnung zur (längst in der Erinnerung ausgelöschten) Wohnung am Stadtrand, in 2018 hatten wir da noch für 6 Monate Heizung, Wasser, Hausmeister etc. aufzukommen. Absurd hoch erschien mir der nachzuzahlende Betrag, 368€ für nur noch 4 Monate Anwesenheit, danach waren wir ja schon weg, also ging ich der Sache erst allein, dann mit Hilfe des Mietervereins auf den Grund und verweigerte in einem saftigen Antwortschreiben die Nachzahlung, erbat Belegeinsicht und stellte allerhand Nachfragen zu den Einzelposten.
Die Vermieterin ließ meine Einwände ebenfalls juristisch prüfen und sandte uns schließlich eine überarbeitete Abrechnung zu, die schlussendlich – da alle Einwände berechtigt waren – eine reduzierte Nachzahlung von nur noch 8€ ergab, die sie uns, natürlich ohne Entschuldigung für ihre 360€ zuvor verkehrt berechneten Posten, in altbekannter Gnade und Großgrundbesitzerattitüde erließ.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, auf wie vielen Ebenen mir dieser Brief Anlass zur Freude war – besser hätte diese elende Sache nicht zu einem Ende kommen können als genau so.

(Und hätte ich in meiner Jugend nicht so viel Schule geschwänzt und diese Zeit walkmanhörend am See, in die Sonne blinzelnd auf Bootsstegen oder plantschend im Wasser verbracht, wäre das Abitur vielleicht die Eintrittskarte in eine glänzende berufliche Zukunft als Juristin gewesen, sofern sich die angeborene Lust am Müßiggang und der Mangel an Eifer und Fleiß während des Studiums noch gelegt hätten, damit dann auch ein vernünftiges Staatsexamen dabei rausgekommen wäre.)

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Nach dieser Morgenfreude das Schwimmbad zum 86. Mal in diesem Jahr aufgesucht. Zusammen mit 60 Läufen, 22 Bergtouren und fast 2.100 per pedes zurückgelegten Gassi-Kilometern eine zufriedenstellende Bewegungsbilanz für so ein Jahr.

Aus dem immer noch spürbaren Sixpack hat sich allerdings ein dezenter Sevenpack entwickelt, irgendeine neuartige Ebene (nennen wir sie mal Streuselschicht oder Weißbierwattierung) hat sich nun dazugesellt.
Das Alter halt, es zieht überall seine Furchen hinein, hinterlässt Ablagerungen oder Verfärbungen und das passt ja auch prima zu den diversen orthopädischen Hakligkeiten und anderen Malaisen körperlicher Natur. Wäscht man sich 86x im Jahr in einer Schwimmbaddusche, hat man allerdings ein so breites Vergleichsspektrum, dass man weiß: der Sevenpack muss einen wirklich noch nicht ängstigen, da gibt’s ganz anderes.

Ein sehr schöner Jahresabschluss-Schwumm, obwohl bereits ein paar Weihnachtsklöße und etliche gute Vorsätze die Bahnen verstopfen, zu Jahresbeginn wird das aber erfahrungsgemäß für etwa 6 Wochen noch übler werden.
Die Sonne flutet das Freibad, scheint einem rückenschwimmend direkt ins Gesicht, die Flossen tragen einen kraulend flink durchs Wasser – es geht nichts über dieses sanfte, stille Dahingleiten im Wasser.

Hier und da fließt auch ein Gedanke, ein Gefühl, eine Erinnerung durch mich hindurch, schwimmend gelingt es mir immer, dass nichts zu lang an mir haftet oder mich zu Boden zieht, sondern alles an mir abgleitet. Im Wasser sein, das heißt Freisein. Der schwarze Balken am Boden wie eine Leitlinie, seine Botschaft: „Atmen, Bewegen – vorwärts!“, trotz Bursitis, trotz Strömung, trotz Gegenwind.

Falls Sie mit der Schwimmerei nichts am Hut haben, illustriert vielleicht dieses kurze Video, was ich meine:

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Während ich meinen ersten selbstgekochten Vanillepudding seit Jahrzehnten löffle und draußen auf der Theresienwiese ein paar Unverbesserliche trotz Böllerverbot rumballern, schreibe ich Ihnen noch ein bisschen.

Einen Jahresrückblick gibt’s nicht, denn wie das Jahr so war, das muss ich nicht wiederkäuen, Sie haben das ja in Auszügen hier mitverfolgt.
Wofür ich Ihnen danken möchte: es ist doch recht wohltuend, sowohl bei diversen Höhenflügen als auch bei Wasserschäden und anderen Unbilden des Daseins verbal anteilnehmende, konkret mitfühlende oder gar real unterstützende Weggefährten um sich zu haben.

Wofür ich dem vergangenen Jahr danken möchte:
Für alles Schöne und Gute, Bereichernde und Aussichtsreiche, Stärkende und Verheißungsvolle.
Für ein beheizbares Dach über dem Kopf sowie ausreichend Essen, Kleidung, Kultur, Mobiliät und Teilhabe am Leben da draußen.
Dafür, dass ich eine kleine Familie habe und ein paar echte Freunde, so dass mein Leben von Liebe und Freundschaft begleitet wird.
Dafür, dass ich immer noch gesund genug bin, um mich fast überall hin bewegen zu können, wohin es mich zieht: ins Wasser, in die Berge, in Konzerte, in die Eisdiele um die Ecke – und sogar bis nach Gotland.
Dafür, dass ich in einem Jahr gleich zwei Stars kennenlernen durfte, einen Bayern und einen Österreicher, deren Werke und Taten mich zutiefst begeistern.

Dafür, dass ich neue, wohltuende Menschen in mein Leben lassen konnte und mich von anderen, die mir gar nicht gut taten, trennen konnte.
Dafür, dass das Dackelfräulein eine erste, richtige Freundin gefunden hat (bislang gab es „nur“ Männer in ihrem Leben).

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An der Hundefront zum Jahresende noch zwei Erkenntnisse:

  1. So ein Anti-Schling-Napf ist eine feine Erfindung. Er verlängert die Nahrungsaufnahme von 20 Sekunden auf 10 Minuten und verhindert tatsächlich Magenprobleme und Aufstoßen.
    Finden wir, nicht Pippa, die hätte lieber ihren alten Pott zurück, der ungebremstes Reinschaufeln ermöglichte.
  2. Im siebten (!) gemeinsamen Winter haben wir endlich kapiert, was dem Dackelfräulein auf Autofahrten an sehr kalten Tagen schon immer gefehlt hat: eine vom Menschen vorgewärmte Jacke in und über ihrem Transportkorb auf der Rückbank. Kein Zittern mehr bis das Auto warm ist, kein Ungeduldswinseln mehr nach ein oder zwei Stunden – Madame verschwindet in ihrer Höhle und ward nicht mehr gehört oder gesehen.
    Schöner Nebeneffekt: die Jacke riecht anschließend wunderbar nach Dackelschlaf. Manchmal auch nach Hasenkötteln oder Jauche.

 

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Bevor das Getöse nun bald losgeht, verabschieden wir uns von Ihnen und dem zu Ende gehenden Jahr, und freuen uns, Sie im nächsten Jahr (also schon morgen!) wieder bei uns begrüßen zu dürfen…

… kommen Sie gut rüber & lassen Sie es sich heut Abend ganz nach Ihrer Fasson gut gehen!

Lassen Sie die freudvollen, kreativen, mutmachenden, hoffnungsfrohen und wegweisenden Dinge, die Sie in 2019 erlebt haben, Revue passieren, schauen Sie ansonsten mehr nach vorn als zurück, verballern Sie weder Ihr Geld noch Ihre Gehirnzellen, verfallen Sie nicht in düstere und unnütze Grübeleien darüber, wieso Sie wieder nicht zu rauschenden Festen mit zig Freunden eingeladen wurden (wir hocken hier auch zu zweit mit Hund und grämen uns nicht) oder beim Bleigießen auch dieses Jahr nichts als Sargnägel oder Pilze produzieren (so ging es mir jedenfalls immer, als ich noch mit Freunden feierte und gegen 1 Uhr nachts kochende Bleiklumpen in Wasserschüsseln schmiss) und nehmen Sie sich bitte, bitte nicht ausgerechnet heute wieder irgendwelche Dinge vor, die schon ab morgen eh nicht oder nur mit größter Anstrenung und gräßlichster Selbstgeißelung klappen und mit denen Sie sich in exakt einem Jahr, wenn Sie dann die nächste Bilanz ziehen (falls Sie zu sowas neigen sollten), nur selbst runterziehen.

Und wenn Sie heute Abend noch 9 Minuten und 15 Sekunden rumbringen müssen übrig haben und wissen möchten, wieso dieser Beitrag mit „Uijuijui“ betitelt ist, dann gucken Sie das hier:

Sollte Ihnen gerade nicht nach polterndem Lachen zumute sein, empfehle ich Ihnen diesen beschaulichen Naturfilm, der von sympathischen Laiendarstellern an der schwedischen Westküste gedreht wurde (bei einem Wind, der ebenfalls unter Uijuijui verbucht werden kann):

Ich hau‘ mich jetzt mit einem Kaltgetränk und meiner neuen Bibel auf die Couch…

Weihnachtspräsente 2019.

…sage Servus & Baba und wünsche Ihnen & Euch einen angenehmen Jahresausklang!

Die Chefredaktion.

10 Dinge, die ich in 5 Jahren Bloggen gelernt habe.

WordPress gratuliert mir morgens um kurz vor 4 zum 5-jährigen Jubiläum. Zeit für ein kleines Resümee.

1. Die Blogosphäre: Eine unendliche Spielwiese für Identitätsentwürfe aller Art und Unart. Ein Blick durchs Schlüsselloch in die Reinräume diverser Selbsttherapien und in die Verliese vermeintlich Austherapierter – ein weites Feld und noch mehr, das alles.

2. Zwischen bloggender Kunstfigur und realer Person hinter Text/Bild unterscheiden zu können, ist gleichfalls Kunst. Eine, die ich mangels diesbezüglicher Phantasie oft nur ungenügend beherrsche.

3. Es gibt Blogger, die unter lautstarkem Vorgeben von Authentizität schreibenderweise eine komplette Biographie erfinden. Um sich dann ganz authentisch darüber zu freuen, wenn andere das lesenderweise für bare Münze nehmen.

4. Man kann überall Freunde finden. Auch in der World of WordPress.

5. Beim Bloggen über Fußball hört der Spaß auf. Bei bestimmten Vereinen sowieso.

6. Worte verbinden nur dort, wo Wellenlängen übereinstimmen. Da hatte Max Frisch schon recht.

7. Dass jemand Follower wird, heißt noch lange nicht, dass derjenige dir folgt (im Wortsinne) oder dem, was du schreibst, folgen kann (im Hirn- oder Humorsinne). Und es heißt erst recht nicht, dass er deinen Blog aufmerksam oder überhaupt verfolgt.

8. Ein Like bedeutet manchmal weder, dass der Liker deinen Beitrag gelesen hat, noch, dass er ihm gefällt. Manchen rutscht einfach nur die Maus oder der Finger aus.

9. Ein Dackelfoto (be)wirkt mehr als 1000 Worte. Diese Erkenntnis sollte womöglich ernster genommen werden (doch besser zu Instagram auswandern?).

10. Mehrere Fotos von zwei Dackeln (wie gestern) – und die Aufrufzahlen gehen durch die Decke (ich bin noch nicht im Stande, „viral“ korrekt in einen anständigen Satz einzubauen, daher die altmodische „Decke“, aber immerhin eine im Altbau). Das gibt mir ziemlich zu denken.

Von Schuld, Campingplatzleben und Mollusken. Ein nächtliches Purgatorium.

Seit einiger Zeit beobachte ich morgens beim Zähneputzen ein abstruses Phänomen an meinem Körper. Wenn mir der Ausschnitt meines Schlafshirts durch die Putzbewegung ein Stück über die Schulter rutscht, sehe ich im Spiegel mein Schlüsselbein. Direkt unter dem Knochen ist eine längliche Wölbung erkennbar. Von Größe und Form her in etwa so, als säße unter meiner Haut eine halbierte Nacktschnecke.

Manchmal lege ich die Zahnbürste beiseite und ziehe mir das Shirt noch weiter über die Schulter, um dieses skurrile Spektakel genauer anzusehen. Spektakel, weil: das wulstartige Etwas bewegt sich ein bisschen. Ich betaste es vorsichtig. Es fühlt sich unangenehm, aber nicht schmerzhaft an, es lässt sich verschieben und eindellen. Vielleicht bewegt es sich auch nur, weil ich zuvor den Arm bewegt habe?
Ich berühre die Stelle noch ein paarmal, versuche mich an einer kleinen sensorischen Testreihe (sogar unter Zeugen, damit es nicht irgendwann in einer Notambulanz heißt: Die spinnt doch!), aber jedesmal macht sich die halbierte Nacktschnecke mittendrin vom Acker und taucht erst am nächsten Morgen wieder auf.

[Ein Filmausschnitt fällt mir dazu ein. Als ich ca. acht Jahre alt war, tappte ich spätnachts, aus einem unruhigen Kindertraum erwacht, ins Wohnzimmer, weil ich den Fernseher hörte und wusste: da ist der Papa, da bin ich sicher. Er saß dort manchmal nachts, wenn er nicht schlafen konnte und guckte sich Weltraumsendungen oder irgendwelche schrägen Filme an. Ich setzte mich neben ihn aufs Sofa und mein Blick fiel unweigerlich auf den Fernseher. In der Szene, die gerade lief, war ein Mensch zu sehen, in dessen Rücken ein Wurm hauste, ein Riesenwurm, der gerade dabei war, sich von innen durch die Haut zu fressen. Ich kreischte vor Ekel und der Papa schaltete natürlich sofort den Fernseher aus.]

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Campingplatzleben.

Mit diesem gänzlich neuen Wort – nie zuvor gedacht/gesagt/geschrieben – frühmorgens aus einem Traum aufgeschreckt.
Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, so mein letzter erinnerter Satz, aus dem Alptraum erwachend. Ich schrie ihm diesen Satz ins Gesicht und fuhr davon.

Zuvor hatte ich mich von ihm überreden lassen, ihn zu seinen Eltern zu begleiten. Obwohl er gar nicht mehr mein Freund war, genau genommen ist er das wohl nie gewesen (und was auch immer wir waren: Freunde jedenfalls nicht).
Er jammerte wochenlang, dass er dort nicht alleine aufkreuzen könne, im Elternhaus, nach all den Jahren. Seine Freundin sei als Begleitung ungeeignet, die könne sich nicht benehmen und sei zu laut für die schwachen Nerven seiner Mutter. Und sein Vater dürfe sie nicht sehen, diese Freundin, denn der wäre schockiert über eine solch ungehobelte Person.

Deshalb ICH. Bitte, nur noch dieses eine Mal. Es würde ihm bestimmt sehr helfen. Ich könne das doch locker. Er könne das nun mal gar nicht. Diese ganze Herkunftsfamilie, alle so schrecklich. So viele Rechnungen offen mit denen, dass ein läppisches Leben sowieso nicht ausreiche, um die alle zu begleichen. Gut, das Erbe nahe ja nun, das würde vielleicht was heilen, eines Tages. Eine Art Schmerzensgeld, das stünde ihm doch zu, nach all dem Erlittenen seien sie ihm das schuldig.

[Kinder sitzen diesem Trugschluss ja gar nicht so selten auf: zu meinen, die schrecklichen Eltern seien ihnen ja wenigstens eines Tages ihren gesamten Besitz schuldig, wenn sie ihnen schon sonst nichts Gutes gegeben hätten. Ein Schuldschein, der nicht einlösbar ist. Vielleicht eh bloß die Rückseite des genauso wertlosen elterlichen Schuldscheins, auf dem in großen Lettern „Dafür, dass wir dir das Leben schenkten, schuldest du uns Dankbarkeit“ prangt. Meist stehen beide Seiten knietief im selben Moralmorast des Familiengeweses, gleichwohl denkt jede der Seiten, nur die andere stünde drin und sie selbst sei erhaben über diese Niederungen menschlicher Gesinnung.]

Er müsse diesen Besuch jetzt machen, damit ihm das nicht durch die Lappen ginge, man wisse ja nie. Ich müsse ihn unbedingt begleiten.
Und ich? Natürlich. Ich mach‘ das. Weil ich gefall‘ mir ja in dieser vertrauten Rolle der Retterin der Unrettbaren. Damit kenn‘ ich mich aus, das kann ich. Mit dem ewig gleichen Misserfolg am Ende, versteht sich. Denn man kann das Seelenleben der anderen nicht retten, was man zwar von Anfang an weiß, aber nicht ernst nehmen möchte, weil: das lenkt so prima ab von potentiell schöneren, neueren, bunteren Rollenkleidern, in die zu schlüpfen ich mich ziere oder ängstige (weil ich dabei womöglich den eigenen familiären Moralmorast betrachten oder gar betreten müsste: die Mutter, die Mutter, die Mutter).

Ich sitze also am Steuer einer überdimensionierten, schwarzen Limousine und kutschiere ihn zum Elternhaus. Unterwegs erzählt er mir unaufhörlich von seiner Kindheit und von seinen Eltern, die ich noch nie gesehen habe und eigentlich auch lieber nie sehen wollte, weil das, was er erzählt, wahrhaft gruselig und traurig klingt.

Dort angekommen öffnet uns niemand. Die tun nur so!, sagt er zu mir: das konnten sie schon immer am besten – nur so tun als ob.
Er weiß offenbar, dass sie zuhause sind. Wir schleichen uns durch einen verwachsenen Garten zu einer Terrassentür, die einen Spalt breit offensteht. Er greift nach innen, legt den Griff um und schiebt die Tür ganz auf. Seine Eltern liegen auf einer riesigen Eckcouch und schlafen und sehen aus wie tot, so friedlich.
Durch das Quietschen der Schiebetür erwacht die Mutter. Erkennt ihn, den Sohn, setzt sich auf und will etwas sagen, aber es kommt kein Ton aus ihrer Kehle. In dem Moment wacht auch der Vater auf, blickt uns an und poltert sofort los: Wieso der Sohn erst jetzt komme, so kurz vor ihrem Tode, wieso er sich all die Jahre nicht habe erinnern wollen an sie, seine Eltern, wieso erst jetzt?

Dieser Sohn, den ich begleite, steht hinter mir und ringt nach Luft, will auch etwas sagen und kann nicht. Der Moment meines Einsatzes ist gekommen, denke ich noch, als ich aus den Augenwinkeln sehe, wie der Sohn wortlos ein großes Ölgemälde von der Wohnzimmerwand nimmt und damit auf die Mutter zugeht, mit sehr entschlossener Mine. Sie will noch schützend die Hände über den Kopf heben , aber es ist zu spät. Der Sohn erschlägt sie mit dem Bild, mit mehreren Hieben. Ein Stück Bilderrahmen ragt ihr schließlich aus der Brust (nirgends Blut, ich träume fast ausnahmslos blutfrei, in diesen seltenen Horrorträumen).

Der Vater ist fassungslos und beginnt zu weinen. Ich setze mich zu ihm und sage mit zitternder Stimme: Es tut mir leid, aber genau DAS habe ich kommen sehen. Dass es so eskaliert. Ich habe es kommen sehen. Dann lege ich ihm tröstend die Hand auf seinen runzligen, von Altersflecken übersäten Arm.
Warum haben Sie es dann nicht verhindert?, will der schluchzende Vater von mir wissen.
Weil Ihr Sohn es sowieso getan hätte, irgendwann, irgendwie, entgegne ich.

Dann frage ich mich, wo er eigentlich ist, der Sohn.
Stehe auf und gehe durchs Wohnzimmer, schaue hinüber in den Flur und ins Esszimmer. Dort ist er nicht. Ich trete durch die Terrassentür hinaus in den Garten – und da sehe ich ihn: er kauert in einer Ecke, hat sich in eine Decke gehüllt und nimmt große Schlucke aus einer Weinflasche. Als ich auf ihn zugehe und ihn ansprechen möchte, schreit er mich an. Ich solle stehenbleiben, sonst würde er auch mich erschlagen, so wie er überhaupt alle erschlagen möchte, die ihn nicht gesehen und ernst genommen hätten. Mit einem beherzten Sprung nähere ich mich ihm, wische mit einer schnellen Bewegung des rechten Armes die Flasche aus seiner Hand und schreie zurück: Er müsse jetzt zu dem stehen, was er getan habe, einmal in seinem Leben müsse er das hinbekommen, denn nicht an jedem Drama seien immer nur die anderen schuld!

Mein Mut verlässt mich schnell wieder, ich bekomme Angst und renne weg. Warum auch immer ich ins Haus zurückeile, kann ich nicht sagen, aber als nächstes stehe ich wieder in diesem hässlichen Eiche-rustikal-Wohnzimmer.
Der Vater sitzt immer noch starr vor Schreck und weinend auf dem Sofa. Ich sehe zur anderen Couchseite hinüber, wo die tote Mutter liegt. Auf einmal reißt sie die Augen weit auf und sagt in einem Tonfall, in dem Fürbitten verlesen werden: Jetzt wird er wieder jahrelang in unserem Garten campen! Oh helfen Sie uns doch!

[Und mitten in dieser Traumszene denke ich: Ja, so ist er. Ein Camper. Schlägt irgendwo sein Zelt auf, behilft sich mit dem Nötigsten, harrt aus, bis alles um ihn herum sich dieser Campingszenerie angeglichen hat: die Freundin, die Nahrung, die Wohnung, die Gegend, die Vegetation. Alles wird zum Zubehör, alles ist im Notfall schnell zurückzulassen. Er lebt auf dem Boden, er schläft im Schlafsack, kein Wetter kann ihm etwas anhaben. Er befindet sich in seinem Survival-Camp und sitzt dort und hält Mahnwache. Schon jahrelang. Ein Outlaw, der sich am Feuer wärmt, sich von Wurzeln ernährt, sich kaum mehr pflegt, sich den Menschen entfremdet, sich in seinem selbstgewählten Exil eingerichtet hat. Ab und an stößt er einen Hilferuf aus, manchmal ertönt ein Echo, letztlich aber verhallt alles in der Dunkelheit und Wildnis.]

Ich wende mich von der Mutter ab, drehe mich um, trete ganz nah an die Scheibenfront des Wohnzimmers heran und schaue in den Garten hinaus, wo er noch immer in der hintersten Ecke sitzt. Sehe, dass er schon eine neue Flasche Wein in der Hand hält. Ausdruckslos und passiv starrt er die Hecke gegenüber an, so als ginge ihn all das, was hier drüben, im Wohnzimmer seiner Eltern, geschehen ist, nichts mehr an.

Mich ergreift eine unsagbare Wut, wie ich ihn da so hocken sehe. Dieser unerträgliche Trauminet. Dieser Blutegel-Habitus hinter der Opfer-Maske, wenngleich wohl unbewusst. Nach Jahren des Mitleids packt mich nun die blanke Wut.
Die aber richtet sich nur teilweise gegen ihn, dieses dort im Rasen hockende, trotzige, verletzte Häuflein Elend, das mir so viel Energie für die Bekümmerung um sein Elend abgezogen hat, so dass diese Energie nun für mich fehlt.
Im Kern und in letzter Konsequenz richtet sich diese Wut gegen mich. Gegen mich, dieses dort hinter der Glastür stehende, grollende und ebenfalls verletzte Häuflein Elend, das sich ohne jeden Zwang diesen Blutegel aus dem Sumpf fischte, ihn sich anlegte und ihn saugen ließ.
Kaum zu glauben, wie ähnlich man einander in manchen Aspekten doch ist, trotz größter Verschiedenheit!

Er starrt die Hecke an, ich starre ihn an. Wut und Selbsterkenntnis pochen hinter meinen Schläfen, die Scheibe beschlägt von meinem Schnauben. So sehr, dass seine Konturen dort draußen im Garten mit jedem Ausatmen mehr und mehr verschwimmen. Kurz bevor er hinter dieser Kondenswasserschicht völlig verschwindet, ruft er nach mir: Was stehst du da so herum, kommst du jetzt bitte?

Kaum ist der Ruf ertönt, setze ich mich langsam in Bewegung. Jeder Schritt wie in Zeitlupe. Ein paar Meter vor ihm bleibe ich auf dem Rasen stehen und schaue ihn an. Ja, siehst du denn nicht, wie es mir geht?, wimmert er.
Ich versuche, meine Wut wegzudrücken, mich zu sammeln und zu sagen: Nein, weil ich jetzt endlich wieder sehe, wie es MIR geht!

Sage es dann tatsächlich, drehe mich um und gehe aus dem Garten hinaus, der nun noch zugewachsener wirkt als beim Betreten. Ein paar dornige Zweige schnalzen mir schmerzhaft ins Gesicht.
Schließe das Auto auf, lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Bin fix und fertig.

Dann klopft es am Fenster. Draußen steht er, mit hochrotem Gesicht. Zorn? Tränen? der Wein? – die Röte ist nicht zuzuordnen, es ist mir auch egal, denn ich kann meine Wut nicht mehr unterdrücken.
Drehe den Zündschlüssel um, lege den Gang ein, öffne das Fenster – das Blut kocht nun in meinen Adern – und brülle: Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, und trete mit dem Fuß aufs Gaspedal, so fest ich kann.

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Beim Zähneputzen suchen die Augen bereits automatisch das morgendliche Spiegelbild nach der halbierten Nacktschnecke unter dem Schlüsselbein ab.
Sie wulstet heute nicht an der üblichen Stelle herum. Seltsam. Ich lege die Zahnbürste auf den Waschbeckenrand und streife das Shirt über meine Schulter. Nirgends ist es zu sehen, das kleine Monster. Irritiert ziehe ich das Shirt ganz aus. Taste das Gewebe rund ums Schlüsselbein gründlich ab. Inspiziere den gesamten Oberkörper. Nichts, nirgends.

Die Molluske ist über Nacht verschwunden.

Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

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Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

Wien (6): Physiognomien.

Genau so ist es: Wann ist man’s schon?
Und wenn man’s dann vielleicht mal kurz ist: Wie lange ist man’s? Und wie ernsthaft oder wahrhaft?

Es kommt doch immer auf den Kontext an.
Und auf die Tagesverfassung.
Und auf den Gegenstand.
Und auf das Ausmaß der Beeindruckung.

(Sometimes I know how the bunny runs!)

Living snoopy.

Oder, wie schon Faust zu Helena sagte: Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick!
(Goethe, „Faust. Der Tragödie zweiter Teil.“, Kapitel 43.)

Ge_danke_n 2018 (8).

Istud, quod tu summum putas, gradus est.

(„Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe.“ – Seneca)

So ist es. Nur eine Stufe.

Nicht eine Stufe „höher“ oder „weiter“ oder überhaupt „irgendwohin“. Sondern einfach eine Stufe. Manchmal eine, über die man ganz unspektakulär hinwegsteigt. Manchmal eine, auf der man sich niederlässt – alleine oder in Begleitung eines Bergkameraden, gern vierbeinig – und einfach schaut und sitzt.

Und seltene Male auch eine, die einen für eine kleine Weile erhebt. Einen erhebt über all das „dort unten“. Vielleicht sogar mit einem aussichtsreichen Verweis auf etwas „dort oben“ oder „da drüben“. Wie eine leise Ahnung, ein noch nie zuvor so gefühlter Horizont, ein Hauch einer Klarheit, die Berge zu versetzen vermag, vielleicht.

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Zutiefst dankbar bin ich für die Zeit, die Kraft, das Zutrauen, die Möglichkeit und die Ausrüstung, um auch in diesem Jahr wieder intensiv in den Bergen unterwegs gewesen sein zu können.

Die wohl schönsten Touren waren die auf die Blauberge, den Heimgarten, die Plose, den Stuiben und die Umrundung der Drei Zinnen.

Danke 2018, Du warst ein gutes, sonniges, strahlendes Bergjahr, trotz spätherbstlichem Strecksehnenabriss im kleinen Finger, der nun, meine Freundin D. hat’s die Tage ganz gradheraus gesagt, ein bisserl aussieht wie ein „Hexenfinger“ (woraufhin ich mir dachte: Na, das passt ja dann prima zu meiner Nase!).

Niedergebügelt oder: Rowenta, 1984.

Eine der Tätigkeiten im Haushalt, die ich outgesourced habe, weil ich sie stets weniger mochte als alle anderen, aber passenderweise mit jemandem verheiratet bin, dem diese Tätigkeit nicht so zuwider ist, vielleicht auch, weil er dabei stundenlang in Ruhe Fußballgucken kann (freilich nicht die Spiele „seines“ Vereins, denn das wäre gerade bei dieser Tätigkeit durchaus riskant) oder sich alternativ dazu von YouTube-Videos von Philosphievorlesungen berieseln lassen kann (denn Fußball läuft ja nicht täglich, YouTube aber schon), ist das Bügeln.

Im Klartext: Ich hasse Bügeln. Schon immer. Ich bin geradezu traumatisiert, was Bügeln betrifft. Offen gestanden, beginnt das schon beim Anfassen des Bügeleisens. Denn bevor ich in meinem Leben überhaupt an den Punkt gelangt war, an dem es wirklich erforderlich geworden wäre, dieses Gerät anzufassen (also zur ersten Hochzeit oder mit Beginn der Phase der Vorstellungsgespräche), war ich bereits über 10 Jahre im Besitz eines Bügeleisens.

Ich war 12 Jahre alt, als ich mein erstes Bügeleisen bekam.
Es trat unter sehr schwierigen Umständen in mein Leben, und dass es ein Begleiter für sage und schreibe 34 Jahre werden sollte, hat damals wohl niemand beabsichtigt oder geahnt, am allerwenigsten ich, die ich 1984 wirklich so manches gern hätte haben wollen, aber definitiv kein Bügeleisen und erst recht kein damit verbundenes Trauma.

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1982. In der sich bereits anbahnenden, kleinen, ganz privaten Dystopie in jenem facettenreichen Gebilde, das man Herkunftsfamilie nennt, knirschte es schon lange im Gebälk, aber noch stand das Gebäude, die Fassade wies keine sichtbaren Schäden auf, die Abrissbirne war noch nicht geschmiedet worden, alle klammerten sich noch an einander oder an Dinge, die irgendeine Art von Griff oder Mulde boten, in die sich die nach Hilfe tastenden Hände krallen konnten.

Wohin man aber auch blickte oder lauschte – wenn man wirklich aufmerksam war und das Wahrgenommene an sich heranließ – dann war es überall spürbar, dieses Knirschen und Knarzen, dieser Zersetzungsprozess, dieses langsame Verschmelzen der vielen kleinen Eiterbeulen zu einem riesigen Abszess, der gar nicht anders konnte, als irgendwann zu platzen, wenn ihm denn niemand eine Drainage legen würde, was keiner tat oder tun konnte, so wie in vielen Familien ja den grausigsten Dingen ihr Lauf gelassen wird, anstatt die ganze Bagage gesammelt in die Notaufnahme zu schicken.

We played out an all-night movie role
You said it would last, but I guess we enrolled
In 1984 (Who could ask for more?)

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1984. Die Mutter kurz vor einem ihrer Reha-Aufenthalte. Jahrelanges Herumdoktern an dem Kreuzbandriss einer Unsportlichen, die sich „der Familie zuliebe“, die bevorzugte Plattform ihrer Opferrolle, eine Saison lang ungelenk auf die Skier gestellt hatte, bis es sie, am letzten Tag des fürchterlichen „Familienskikurses“ im weltmeisterlichen Schladming mitten auf der Planai zerlegte. Im Winter 1982. Bei der letzten Abfahrt.
Der Papa hatte sich am Tag zuvor am Hochwurzen das Kahnbein der linken Hand gebrochen.

In meine spätkindliche Welt war damit endgültig das Unglück hereingebrochen, es war sichtbar geworden, es ließ sich nicht mehr verbergen. Zerbrochen an allen Ecken und Enden wurden wir wie ein Haufen Versehrter heimgekarrt, der Fahrer vom Papa kam mit dem Kombi, um die Mutter mit ausgestrecktem, provisorisch geschientem Haxn nach München zu kutschieren und direkt ins Rechts der Isar einzuliefern. Dort wetzte der seinerzeit als Kniespezialist ausgewiesene Chefarzt in der Chirurgie bereits die Messer, verpfuschte dann aber das Knie nachhaltig, so zumindest die Version der Mutter.
Der Papa transportierte mit eingegipstem Hangelenk unsere Skiausrüstung, die Koffer und mich nachhause. Aus der Traum vom Wintersport, vorbei die Ferien, die Kindheit auch und das Familienleben ebenso.
Entschuldigen Sie den kleinen Exkurs in den Winter des Jahres 1982, aber der ist als Prolog zum Winter 1984 nunmal unerlässlich.

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Zwei Jahre nach diesem Drama in St. Eiermark, wie der Papa die Region immer nannte, was ich als Kind lustig fand, aber nur bis zu diesem Unglückstag, an dem unsere Familie für alle Zeiten verunfallte (was für ein gräßliches Verb, aber es trifft genau), zwei Jahre nach Schladming stand also wieder mal einer der Reha-Aufenthalte der Mutter an. 1984. Dazwischen lag übrigens die räumliche Trennung der Eltern, der Papa war ausgezogen bzw. ausgezogen worden, zur Scheidung rang man sich erst Jahre später durch, der eine aus Berechnung, der andere aus Hoffnung.

Jeder Aufenthalt, egal wo und für wie lange, ist ja verbunden mit Kofferpacken. Das pünktliche Herrichten von Sachen beherrschte die Mutter noch nie, sie beherrschte es so wenig, dass der Papa irgendwann die Beherrschung verlor und ihr das Packen abnahm. Was die Mutter gar nicht ertragen konnte: dass ihr jemand die zumindest in ihrem Kopf wohl existenten Listen an mitzunehmenden Gegenständen aus der Hand nahm oder gar ignorierte und nach seiner Fasson ihren Koffer befüllen wollte. Bevor wir für drei Wochen nach Holland reisen konnten, reisten wir stets drei Tage durch die Vorbereitungshölle und die letzten drei Stunden vor der Abreise durch das Fegefeuer des finalen Kofferpackens.

Sie können sich nun in etwa vorstellen, was sechs Wochen Reha-Aufenthalt also im Vorfeld bedeuteten.
Die Mutter saß überfordert vor ihren Koffern, um sie herum Berge an unnützem Zeug, bis Mittag sollte man in der Klinik eintreffen, sie hockte da morgens in ihrem Chaos und konnte keine Entscheidung treffen, was wohin eingepackt werden musste. Der Papa hatte einen Tag freigenommen, fuhr zu uns, um beim Koffertragen zu helfen und um sie und ihre Sachen in die Klinik zu bringen, hatte alles Überflüssige vorsorglich aus dem Mercedes entfernt, damit das Kind neben all dem Gepäck auch noch irgendwie Platz auf der Rückbank fände.

Die Zeit wurde knapp und knapper, der Papa wollte packen, durfte aber nicht, die Mutter konnte nicht packen, tat es dann aber. Kurz vor dem Aufbruch wanderte sie rastlos durch die Wohnung, mit einem suchenden Blick nach Dingen schielend, die sie vergessen haben könnte oder noch brauchen würde, dort in Bad Heilbrunn.

Plötzlich griff sie nach dem Bügeleisen und stopfte es obenauf in eines iher übervollen Gepäckstücke. Dem Papa platzte der Kragen. Ob sie jetzt spinne?! Es gäbe Bügeleisen in der Klinik, die man bei Bedarf ausleihen könne! Sie solle sich das doch bitte sparen, das Auto würde eh schon überquellen vor lauter Gepäck. Auf einmal wurde um dieses Bügeleisen so gestritten wie seinerzeit beim Auseinanderdividierens des Hausstandes über einen pottscheußlichen Wandteppich aus Ägypten, an dem eigentlich keiner hing, aber an dem man vielleicht genau deshalb alles aufhängen konnte. Diese ganze Ehe, dieses ganze Scheitern, all die Verzweiflung.

Die 12-Jährige heulte. Natürlich nicht wegen des Bügeleisens, das für 6 Wochen zu verreisen drohte, auch nicht wegen der Mutter, die für längere Zeit verschwinden würde, nein, sie heulte einfach nur wegen der immensen Lautstärke und der ewigen Wiederholung des Immergleichen.

Man fuhr schließlich in Bombenstimmung los, genau wie früher, wenn es Richtung Holland ging.

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Bei der Ausfahrt Penzberg/Iffeldorf verließ der Papa die A95, nicht nur, um die kürzeste Strecke nach Bad Heilbrunn zu wählen, sondern um einen unangekündigten Zwischenstopp in Penzberg einzulegen. Er bog spontan von der Durchgangsstraße ab und hielt vor einem Elektro- und Haushaltswarengeschäft. Eines dieser Geschäfte, mit allem, was das Hausfrauenherz an kleinen Alltagshelfern begehrt, zusammengepfercht in einem mit billigem, beigem Teppich ausgekleideten Schaufenster, hinter staubigen Scheiben auf Kundschaft wartend und mit handgeschriebenen Preisschildchen versehen, die wacklig an den ausgestellten Waren hängen. Geschäfte, die es heute kaum noch gibt, weil sie längst der großen Konkurrenz erlegen sind, selbst in Penzberg.

Er stieg aus, verschwand in dem kleinen Laden und kam 10 Minuten später mit einer Schachtel unter dem Arm wieder heraus. Riss die Autotür auf, drückte mir den kleinen Karton in die Hand und sagte „Da, jetzt hast du selbst ein Bügeleisen, wenn deine Mutter nicht in der Lage ist, ohne dieses Trum in die Klinik zu gehen.“.
Ich hielt es auf dem Schoß, betrachtete die Schachtel, auf der „Rowenta“ stand und der darin befindliche Inhalt mit einem schnöden Foto abgebildet war, und war unschlüssig, ob ich nun „Danke“ sagen müsste oder ob ich nochmal weinen sollte oder ob mir all das einfach nur egal sein dürfte.
Keine Ahnung, was ich damals tat, manches entsorgt das Hirn ja dankenswerterweise.

Jedenfalls war ich nun Eigentümerin eines Bügeleisens und wenig später auch Besitzerin eines Bügeleisentraumas.

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Denn dieses Gerät wurde nicht nur zum Symbol meiner Abnabelung von der Mutter, sondern nach ihrer Rückkehr aus der Klinik auch zum Streitobjekt. Schließlich hatte die Tochter nun das bessere Bügeleisen, das neuere, das mit mehr technischen Finessen. Und sie brauchte es doch gar nicht! Ha! So ging das nicht, so war das nicht vorgesehen!
Aber irgendwas war da in der Tochter, das bereits so widerspenstig geworden war, dass sie auf einmal dieses olle Bügeleisen festhielt und nicht hergeben wollte. Nicht mal ausleihen wollte sie es, nein! Es war IHR Bügeleisen und sie würde es nicht von der Mutter anfassen lassen, fast wie ein geliebtes Haustier, das man vor den unkundigen Zugriffen zu neugieriger Fremder zu beschützen versucht.

Mit 17 verließ ich die Mutter. Ich ließ sie zurück mit ihrem alten Bügeleisen und ihren ganzen Krankheiten (und leider auch mit meinem Hund).
Ich nahm mein Bügeleisen und alles, was ich sonst noch packen konnte (ordentlich packen, versteht sich, denn ich kann gar nicht anders als Dinge ordentlich und übersichtlich zu packen, ich kann Chaos beim Packen oder Zeitnot vor der Abreise nicht ausstehen) und ging.

Das Bügeleisen wurde damit auch zum Inbegriff meines frühen Auszugs in die Welt, es wurde mein erster praktischer Begleiter auf dem Weg zum ersten eigenen Hausstand, den ich schließlich mit 18 hatte. Ich trug es von Bleibe zu Bleibe, räumte es von Schrank zu Schrank, von Regal zu Regal, es war immer bei mir, obwohl ich es in den ersten Jahren so gut wie nie verwendete.
Es wohnte all die Zeit in seiner Originalschachtel aus dem Penzberger Haushaltswarengeschäft, ab und zu sah ich hinein, ob es noch da wäre. Das war es, es war sehr verlässlich da. Manchmal war es nahezu das einzige greifbare Relikt einer früheren Zeit, das noch da war und gottseidank auf eine stumme Weise da war und nichts von mir wollte – das hatte in all den unruhigen Jahren etwas ungemein Beruhigendes und Kontinuitätspendendes.

Und es war unversehrt, das hatte es mir voraus. Es war so herrlich heil und glänzend und unversehrt.

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Nein, ich erzähle Ihnen jetzt nicht die vergangenen 34 Jahre, die ich mit diesem Rowentagerät verbracht habe, en detail nach – seien Sie unbesorgt.
Ungefähr 20 Jahre unseres Zusammenseins kann man nämlich in zwei knappe Sätze fassen: Wir gewöhnten uns aneinander und kamen klar. Aber es war eine rein pragmatische Beziehung, wirklich tiefe Gefühle oder gar Freude am gemeinsamen Alltag kamen nie auf.

Heute würde ich sagen, dass uns das am Tag unseres Kennenlernens schon so vorherbestimmt war: Da war kein Fünkchen Liebe oder freie Wahl im Spiel, sondern wir wurden zwangsverheiratet, Rowenta und ich. Daraus hätte auch großes Leid erwachsen können, in unserem Fall blieb es bei einem kleinen Trauma. Wenn man so will, ist es also noch ganz gut gelaufen. Denn 34 Jahre sind kein Pappenstiel.

Ich überließ das Bügeleisen schon in meiner ersten Ehe gern und regelmäßig M., der damit auch meine Sachen bügelte. Rowenta und M. kamen nämlich gut zurecht, sie waren zufrieden miteinander. Als ich M. verließ, habe ich mein Bügeleisen dennoch nicht bei ihm zurückgelassen. Es hing an mir wie ein früher Fluch (oder ich an ihm), etwas, das man zwar loswerden will, aber nicht loslassen kann. Die Erinnerungen an diesen Penzberger Montagmorgen im Jahr 1984 waren zwar rabenschwarz, aber ich konnte sie nicht loslassen. Undenkbar, mich von diesem Ding zu trennen.

Einige Jahre lang haben Rowenta und ich dann zu zweit zusammengelebt. Sogar ungeahnt intensiv, denn bei meinen 3-4 Dienstreisemonaten pro Jahr war ich doch sehr auf das Funktionieren unserer Beziehung angewiesen. Es lief an der Front reibungslos zwischen uns, aber Herzlichkeit keimte dennoch nie auch nur ansatzweise auf.
Bis Rowenta zu schwächeln begann. Nicht, was ihre Heizleistung anging, da hapert es bis heute kein bisschen. Das mit einer Art Kunstgarn umwickelte Kabel begann sich aufzulösen, hier und da hing ein Faden aus dem Gewebe heraus. Eine zeitlang ließen sich diese Alterserscheinungen noch mit der Nagelschere stutzen oder wegzupfen, so wie man ab 40 beginnt, sich die ersten grauen Haare einzeln auszurupfen, was man dann aber bald wieder bleiben lässt, weil man ja sonst mehr Schaden als Nutzen damit anrichten würde und gewisse Prozesse sich ja eh nicht aufhalten lassen.

Ich begann auf einmal, mich um mein Bügeleisen zu sorgen. So funktional, lieblos und nüchtern die Beziehung zwischen uns auch immer war, sein Verfall bekümmerte mich zutiefst und sein potentieller Tod war mir eine schier unerträgliche Vorstellung.

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Genau in dieser kritischen Phase trat der Gatte in mein Leben. Er konnte von Anfang sehr gut mit Rowenta, umwickelte ihre Wunden fürsorglich mit einem Stoffklebeband, was ihrem Faserkleid wohlttat. Er entführte sie, verjüngt und aufgebrezelt wie sie dann aussah, in die Welt des Fußballs. Erstmals durfte dieses Bügeleisen erfahren, dass das Leben aus mehr bestand als aus dunklen Schränken und kurzen, wortkargen Ausflügen ins Licht.
Sein trostloses Kasper-Hauser-Dasein wurde abgelöst von stundenlangen Champions-League-Abenden bei Festbeleuchtung, mit Rotwein und laut krakeelenden Kommentatoren, und dazu durfte es noch geschmeidigweiche Boss-Hemden bis zur Perfektion streicheln. Vom Alter her hätte man sagen müssen: Rowenta erlebte ihren zweiten Frühling! Die traurige Wahrheit aber war: es war der erste Frühling überhaupt für dieses arme, ungeliebte Ding.

Als Rowenta dann dank der Förderung durch den Gatten auch noch ein Seniorenstudium beginnen durfte, war mir klar, dass ich mich fortan aus der Beziehung zwischen den beiden ganz raushalten sollte. Es ist mit Sicherheit das einzige Bügeleisen, das zahlreiche Vorlesungen über Husserl gehört hat und etliche Vorträge von Hans Joas auswendig kennt. Der ungeahnte, späte Geistesreichtum kam auch Rowentas körperlicher Verfassung sehr zugute, sie hielt sich wacker, trotz aller Betagtheit. Ich ließ die beiden in Ruhe, wohl wissend, dass ich da eh nur störte, sie kamen ohne mich ganz hervorragend klar.

Wir begegneten uns in den letzten Jahren kaum noch, Rowenta und ich, und wenn, dann lehnte sie gerade erschöpft in der Küche und befand sich in der Abkühlphase nach einem langen Abend mit dem Gatten, an dem ihr wahre Höchstleistungen abverlangt worden waren (denn der Gatte bügelt immer erst dann, wenn „ein bisserl was zusammengekommen ist“, und „ein bisserl“ ist ein recht dehnbarer Begriff zwischen Männern und Frauen).

Ich würde rückblickend sagen: diese Zeit war die beste in Rowentas langen Leben. Und ein paar solcher Abende werden sie schon noch miteinander haben, die beiden (@Gatte: ähem, räusper – die Schublade mit der Bügelwäsche geht übrigens kaum noch zu, es wär‘ also ein bisserl was zusammengekommen 😉 ).

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Aber alles geht irgendwann zuende. Auch das längste Bügeleisenleben. Und wie es oft so ist: wenn das Ende bevorsteht, kommen manche einander doch nochmal näher, nach einer Pause oder nach Jahren des Zerwürfnisses, vielleicht auch zum allerersten Mal überhaupt.

In den letzten Wochen habe ich mich Rowenta erstmals nach vielen Jahren wieder zugewandt. Sie sogar berührt. Stundenlang! Ich holte im Wochentakt je ein Paar unserer neuen Vorhänge aus der Näherei ab, die dann gewaschen und vor dem Aufhängen natürlich gebügelt werden mussten. Da der Gatte zeitlich und bügeltechnisch aus dem letzten Loch pfeift, so mitten im Semester, wollte ich ihn nicht damit belasten, obwohl ich sonst wirklich konsequent gar nichts bügle, nicht mal in Notfällen wie spontanen Theaterbesuchen oder Beerdigungen.

Nach ca. 10 Jahren der totalen Distanz zwischen uns, kam es also jüngst nochmal zu mehreren Begegnungen. Mir fiel auf, dass Rowenta mittlerweile schwer ächzt und knarzt, wenn man sie auf höchster Stufe über 11 Meter Marimekkostoff scheucht. Kleine Runden stemmt sie noch ganz gut, aber solche Marathonläufe sind ihre Sache nicht mehr. Sie ist alt geworden, uralt.

Plötzlich, beim letzten Vorhang, den ich bügle, spüre ich ein Ziehen in der Herzgegend. Mein Blick fällt auf ihr Kabel, auf ihren an ein paar Stellen gebrochenen Griff, auf ihren zierlichen, altersschwachen, bleichen Körper. Es schnürt mir den Hals zu.

Und ich sehe auf einmal wieder das unglückliche Mädchen von 1984 auf der Mercedesrückbank sitzen, und ich spüre seinen Drang loszuweinen oder wegzulaufen, damals in Penzberg, an diesem Wintertag, der so düster war, obwohl der Himmel so blau war über dem herrlich verschneiten Tölzer Land.

Ich höre die Autotür noch zufallen, als der Papa ausstieg, um Rowenta zu kaufen, sehe ihn noch aus dem Geschäft kommen und diese Bügeleisenschachtel unter dem Arm tragen, dort eingeklemmt wie ein Gewehr, mit dem er der Mutter mindestens einen Streifschuss verpassen und die Tochter vor irgendwas beschützen und bewahren wollte, das er selbst nicht hätte in Worte fassen können (weil er in derlei Worten keine Übung hatte und im Umgang mit den dahinterliegenden Gefühlen schon gleich gar nicht), und vor allem aber sich selbst den Weg freischießen wollte, in ein Leben ohne diesen ganzen familiären Scheiterhaufen, dessen Teil leider auch er war.

*****

Und mit dieser launigen Lebensgeschichte eines einst so ungeliebten Geschenks, dessen Tage nun ebenso gezählt sind wie die der Türchen des Adventskalenders 2018, verabschieden wir uns hier und heute in eine kurze Auszeit, in der wir in Ruhe ein paar Dinge ein bisschen sortieren, wenn nicht gar ausmisten wollen, um anschließend unbelasteter an Zukünftigem feilen zu können.

Nicht nur an einer Zukunft ohne Rowenta, sondern auch an einer, in der man Penzberg 1984 noch ein Stück friedlicher unter dem Schnee vom vergangenen Jahrhundert mitsamt seiner teilweise schon verstorbenen Protagonisten ruhen lassen kann.