Stadtflucht.

Danke an D. für die schöne Wanderung durch den Wildbach, das gemeinsame Radeln zum See und all die guten Gespräche – und an den Papa fürs mehrtägige Hitzeasyl am bergnahen See, wo all das und mehr stattfinden konnte. An einem Ort sein zu dürfen, wo man einfach sein kann, wo man sich auskennt, wo man gekannt wird, wo es nach Heimat riecht, obwohl man dort nicht Zuhause ist.

Morgens frische Brezen, jeden Tag 2x zum Schwimmen und große Eisbecher mit Waffelröllchen drin: das fühlte sich vorübergehend so sorglos und leicht an wie Sommerferien zu Schulzeiten (dass man erwachsen ist, merkt man dann unangenehm plötzlich daran, dass einem während des Gassigehens irgendein Depp den Stoßfänger anfährt, übel verschrammt, sich einfach aus dem Staub macht und es einem leider niemand mehr abnimmt, sich mit so einem Sch*** rumzuschlagen).

Dennoch: Gut gewässert (ich) und mit allen Wassern gewaschen (das Dackelfräulein) sind wir wieder in die Stadt zurückgekehrt.

F63.9 oder: Der Wunderfitz.

In ein paar Wochen werde ich 45. Ein Alter, von dem ich, als ich noch jung war, eine bestimmte Vorstellung hatte: Davon, wie ich dann sein bzw. nicht mehr sein würde. Nicht äußerlich betrachtet (hier ist ein gewisser Verfall nun mal unaufhaltsam), sondern in Bezug auf Verhaltensweisen, Einstellungen, Temperament etc.

Vor 35 Jahren z.B. bin ich spätestens ab Anfang Juli neugieriger als sonst durch die Wohnung getigert, habe meine Eltern aufmerksamer als üblich beobachtet, v.a. wenn sie von Einkäufen zurück kamen. Ich platzte vor Neugierde und Vorfreude, was ich wohl zum Geburtstag bekommen würde. Ich zählte die Tage bzw. wie viele Male ich noch schlafen musste, bis es endlich soweit wäre.

Zweimal – noch heute treibt es mir die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich dran denke – kam es ganz krass, und ich nahm heimlich den Küchenhocker zu Hilfe, um in die obersten Fächer des elterlichen Schlafzimmerschrankes gucken zu können. Einmal habe ich dort meinen allergrößten Wunsch im Karton stehen sehen – der allererste, heiß ersehnte Radio-Kassettenrekorder (Stereo!) – und glatt gewagt, ihn schon mal auszuprobieren. Was für ein Graus war es, das Kabel wieder aufzuwickeln und in das winzige Tütchen zu zwängen, in dem es originalverpackt gesteckt hatte! Und danach noch tagelang wie auf glühenden Kohlen zu sitzen, bis ich endlich „offiziell“ mit dem Gerät Musik hören durfte.

Es muss so um meinen 25. Geburtstag herum gewesen sein, als mir bewusst wurde, dass ich aus diesen Verhaltensweisen immer noch nicht herausgewachsen war, obwohl ich mich bereits für mordsmäßig erwachsen hielt. Seinerzeit ertappte ich mich nämlich dabei, zu Beginn des Julis beim Staubsaugen im Zimmer meines ersten Gatten, plötzlich auch sehr gründlich unter dem Bett, in Schubladen und Schränken nach Abzustaubendem zu fahnden…
Fortan arbeitete ich hart an mir, diese Neigungen zu unterbinden, mich in Geduld und Gelassenheit zu üben. Überraschungen sind doch schließlich sowas Wunderbares und Vorfreude ist die schönste Freude!

Mit den Jahren wurde es dann wirklich besser und mittlerweile hab ich’s im Griff: Warte ab, wühle nicht mehr, zähle keine Tage oder Nächte mehr und kann trotzdem ruhig schlafen. Bin drüber weg, habe diese Kindereien endlich überwunden. Dachte ich.

Bis diese Woche ein großes, in vollendetem Schwimmer-Design gestaltetes Kuvert im Briefkasten lag. Es war an mich adressiert und auf der Rückseite – ich traute meinen Augen kaum – mit dem Hinweis „Bitte erst am Geburtstag öffnen!“ versehen.
Wie bitte?!? Über drei Wochen sollte ich die Finger davon lassen? Das konnte nur ein Scherz sein, allerdings ein schlechter.

Während ich überlegte, welcher meiner Freunde aktuell Anlass haben könne, ein solches Attentat auf meinen so mühsam errungenen Erwachsenenstatus zu verüben, sah ich mir den Absender an und war sogleich milder gestimmt. Das Kuvert kam aus Paderborn, von Frau Hikeonart.

Nun gut, dachte ich, wir kennen einander noch nicht so lange, und offenbar weiß sie trotzdem, dass sich mein erster Schrei in diese Welt jetzt irgendwann jährt, aber eben nur so ungefähr. Ich schickte ihr eine WhatsApp, bedankte mich artig, erwähnte dennoch offen die Bürde, die sie mir mit ihrer doch sehr frühen Briefsendung auferlegt hatte, gelobte aber, die gewünschte Frist einzuhalten. Schlappe drei Wochen… – das wird man ja wohl schaffen, nach 44,9 Lebensjahren.

Die Antwort war erfreulich ehrlich, aber zugleich knallhart: Das Ganze sei ein Test für meine Impulskontrolle. Das saß.
Woher wusste die das? Nur 2x live gesehen und schon dermaßen durchschaut worden? Oder hatte sie heimlich den Gatten über meine wunden Punkte ausgefragt, hatte er mich verraten?

Ich beschloss, standhaft zu bleiben und packte das Kuvert in eine Schublade meines abschließbaren Sekretärs. Leider merkte ich schon am selben Abend, dass dem Frieden nicht zu trauen war. Es ist wie mit Chipstüten, die im hintersten Winkel des Küchenschranks gelagert werden, damit man sich ihrer möglichst erst dann erinnert, wenn eine adäquate Gelegenheit zu ihrem Verzehr gekommen ist (Gäste, WM-Endspiel, Fernseh-Abend am Ende eines Tages, an dem man nicht sonst schon esstechnisch über die Stränge geschlagen hat etc.) und nicht einfach so bzw. aus purer Gier zuschlägt. Diese Tüten rascheln ständig vor sich hin, bisweilen sind sogar fiese Lockrufe aus dem Schrank zu hören (wie das endet, ist hier nachzulesen). Wir kaufen deshalb keine Chipstüten mehr. Denn: keine Tüte => kein Rascheln und Rufen => keine sinnlose Fresserei bis zum letzten Krümel am Tütenboden.
[Randnotiz: Dummerweise haben wir jetzt einen „Notausgang“ entdeckt, quasi die Hintertür zu unseren ungezügelten Gelüsten gefunden. Unser neuer Nachbar hat immer Chipsvorräte in seiner Küche gebunkert. Unvorsichtigerweise hat er uns das mal erzählt. Also: Nebenan klingeln => Notfall verkünden => aus mehreren Tüten eine aussuchen dürfen => sinnlose Fresserei bis zum letzten Krümel am Tütenboden. Gestern getestet, mit Erfolg.]

Zurück zu der gut verstauten Sendung aus Paderborn. Sie verhielt sich also wie eine Chipstüte, das Miststück. Drei Tage ging das so dahin, einen davon bin ich sogar in die Berge geflüchtet, um ihr enervierendes Plärren nicht hören zu müssen. Gestern habe ich dann kapituliert.

Ich schloss den Sekretär auf, riss die Schublade auf, danach den Umschlag, aber damit noch nicht genug: drin war ein weiterer Umschlag! Der war zu hübsch zusammengebastelt, um ihn aufzureissen, also musste ich auch noch ein Messer holen gehen, dachte dabei an Schulzeiten und diese Kuverts im Kuvert im Kuvert im Kuvert…, die einem Freundinnen damals schenkten – und im allerletzten, kleinsten Kuvert lag dann ein verziertes Zettelchen mit „Ätsch“ drauf.

Im Zweitkuvert verbarg sich gottseidank kein Drittkuvert, sondern das, was ich erst in drei Wochen auspacken und an mein Geburtstagsfrühstücksei hätte lehnen sollen: das Präsent.

Und zwar ein sogenanntes „persönliches Präsent“. Ein Kunstwerk. Ein zum Original transformiertes Original, Teil der aktuellen Postkarten-Serie, die Frau Hikeonart gerade entstehen lässt.

Mit meinem absoluten Lieblingsmotiv drauf!

@hikeonart: WauWow! Herzlichen Dank dafür. Es wird eingerahmt auf meinem Sekretär stehen.
Und eine Frage noch zum Kartenmotto „geführte Touren 2017“: ich dich ziellos durch München oder du mich an der Nase herum oder nochmal ganz anders?

Bin ich also beim Test durchgefallen, kläglich gescheitert. Mal wieder auf ganzer Linie versagt.

Ich dachte immer, Mitte Vierzig wäre ein Alter, in dem man entspannt abwarten, sich Überraschungen aufheben, Impulse im Zaum halten könnte. Keine schöne Erkenntnis, dass das nicht klappt. Immer noch auf dem Niveau einer Zehnjährigen. Und wenn es bei einem Kuvert schon nicht klappt, klappt es bei einem Päckchen oder Paket erst recht nicht.

Daher die Bitte an alle anderen, die vorhaben, etwas zu schicken, ganz egal, in welcher Größe und Verpackung: Bitte erst drei Tage vorher losschicken (der 10.07. wäre ein guter Tag, da hat die Post noch einen Puffer oder DHL Gelegenheit für den üblichen zweiten Zustellversuch).

Dann kommt das hier so an, dass niemand mit Psychotests für Erwachsene drangsaliert wird und in dem einzigen meist durchweg positiven Monat im Jahr, in dem das sonst wacklige Seelenleben mal einigermaßen in der Balance ist, dermaßen über die eigenen Unzulänglichkeiten stolpern muss.

Besten Dank für die Rücksichtnahme!

Kraulquappenkindheit oder: Bubbles, grün-blau.

Während der Kombi heute Morgen beim Service war, bin ich zum Duschen gegangen. Man kann sich das schon angewöhnen, nicht mehr daheim, sondern im Schwimmbad zu duschen. Selbst wenn’s zuhause wieder ginge. Das Auto kann man auch ungeduscht abgeben.

Die Service-Zeit musste überbrückt werden und ich hatte keine Lust, sie mit Wochenendeinkäufen zu verbringen. Sondern ich wollte nach über 30 Jahren dem Schwimmbad meiner Kindheitstage einen Besuch abstatten, weil das in der Nähe liegt. Das will ich schon ewig machen!

Das 70er-Jahre-Moosgrün ist an nahezu allen Stellen durch ein modernes Dunkelrot ersetzt worden. Schön. Ein architektonisches Glanzstück ist es dadurch trotzdem nicht geworden.

Was 1978 noch „Familienumkleide“ hieß, ist heutzutage patchwork-konform unterteilt in „Vater-Kind“- und „Mutter-Kind“-Umkleide.

Und wie fast immer, wenn ich fremde Bäder aufsuche, ist MEIN Spind belegt und wie ebenfalls fast immer sind links und rechts davon mindestens 10 Spinde frei. Aber ich bin geübt darin, mir 3 Ziffern zu merken.

Nach dem Duschen ab in die Schwimmhalle. Ich kann Hallenbäder eigentlich nicht ausstehen, mir ist Frischluft beim Schwimmen einfach lieber. Und 25m-Becken sind auch nicht mein Ding. Heute mache ich mal eine Ausnahme. Wobei die Halle wirklich hässlich ist, dafür ist die Belüftung besser als vermutet.

Hier, in diesem Becken, und zwar auf den Bahnen im linken Bereich des Beckens, hat die Kraulquappe das Schwimmen gelernt. So zwischen 1976 und 1978. Der Hallenhimmel ist immer noch blau und vernetzt.

Aber das Beste ist, …

… dass die Bubbles noch da sind! In den Originalfarben auf den Originalkacheln meiner Originalkindheit!
Damals habe ich in dem Gesamtgebubble immer ganz klar die Umrisse von Elliot, dem Schmunzelmonster erkannt.

Heute wirkt es auf mich wie grüne und blaue Kreise, bestenfalls wie das Modell einer chemischen Reaktion (was wird man doch einfältig).

Als ich so schwimme und nach 20 Minuten wie immer am Beckenrand meine Flossen anlege, überkommt mich die stärkste aller Erinnerungen.
Ich greife an den Beckenrand, meine Hand spürt diesen rauen, leicht geriffelten Rand, und erinnert sich sofort, wie oft sie dieses Material schon angefasst hat (bewusst hätte man das nie erinnern können, aber im Körpergedächtnis ist’s noch wie in Stein gemeißelt da!) und ich fühle mich um 40 Jahre zurückversetzt.

Das Kind, sich an den Beckenrand klammernd, weil 25 Meter damals so unendlich weit schienen, und weil man ihm die Schwimmflügel abgenommen hatte, fieserweise auch noch auf der tiefen Seite des Beckens, damit es nicht schummeln und sich hinstellen konnte.
Der Papa, ein paar Meter vor dem Kind im Wasser paddelnd und die Arme ausbreitend, mit allerhand Lockrufen und Pommes- oder Steckerleisversprechen, damit sich das Kind, das ja längst schwimmen konnte, auch ohne Schwimmflügel die 3 Meter bis zum Papa wagt: „Komm, du kannst das! Schwimm, du gehst nicht unter, ich bin doch da!“.
(Dann hat er geschummelt, ist heimlich ein paar Meter zurückgewichen, damit ich weiter und weiter schwimme.)

Und jetzt ist man da, ganz allein, am Beckenrand und im Wasser, 1 Stunde lang, ohne Angst, ohne Sich-Überwindenmüssen.
Aber eben auch ohne die Aussicht auf die genoppte blau-weiße 70er-Jahre-Badekappe des Papas und auf Pommes und Steckerleis.

Erwachsensein heißt: Freiwillig ins Wasser gehen, ohne Hilfsmittel, zur Leibesertüchtigung, danach einen gesunden, frisch gepressten Saft trinken und das Auto vom Service abholen.

Schade, dass einem das damals keiner gesagt hat, man wär‘ glatt Kind geblieben.

Wünsche allseits ein schönes Wochenende,
Eure Kraulquappe.