Von allerhand Strukturen.

Guten Abend aus der Corroventenhölle und vorweg gleich mal eine kleine, gute Nachricht: Seit heute Morgen um 8:11 Uhr pusten und dröhnen hier nicht mehr vier Trocknungsgeräte, sondern nur noch drei.
Das ist immer noch blöd und belastend genug, aber wir wollen jede – wirklich jede! – Verbesserung sehen und würdigen, uns an jedem Strohhalm hochziehen, den man uns in unser Aquarium steckt!

Der Serienbeauftragte hat dankenswerterweise dafür gesorgt, dass die in der Wohnung zu verbringenden Abende der letzten Tage einfach komplett und ganz wunderbar zugeofczarekt waren („ofczareken“, Verb, ugs.: „sich an Filmen überfressen, in denen Nicholas Ofczarek möglichst in der Hauptrolle zu sehen ist und wenn nicht, zumindest dialektal, akustisch oder wampenmäßig präsent ist, was in jedem Fall besser ist als gar kein Ofczarek“), auch das eine wohltuende Ablenkung von der Baustelle direkt vor unserer Wohnzimmertür.
Immerhin ja noch zwei unversehrte Räume hier herinnen, in denen man die DVD oder die CD so laut stellen kann, dass man das Brummen aus dem Rest der Wohnung nicht hören muss (dennoch langsam eine Tendenz zu Kopfweh und Ohrensausen, wenn man länger als 4 Std hier verweilt, um endlich mal wieder dieses Hasswort zu verwenden).

Ebenfalls wunderbar ist, dass sich jeden zweiten Tag oder Abend ein anderer Freund oder eine andere Freundin erbarmt aufschwingt, mich auszuführen und zum Essen einzuladen (und das Fräulein gleich mit).
Letzten Donnerstag ein köstliches Thai Curry mit B. hier ums Eck, am gestrigen Montag mit dem Physiker auf ein Risotto ins Westend, heute mit D. im ehemaligen Heimatviertel tolle Spinatknödel gefuttert – gute Nahrung hält einen ja innerlich zusammen in solchen Phasen, in denen äußerlich alles irgendwie auseinanderfällt, und überdies ist es ja auch schön, mal wieder ein paar neue Lokalitäten kennenzulernen und viele Stunden mit Menschen zu verbringen, die man gern hat.

Passend dazu purzelt heute noch ein tröstendes und Mut zusprechendes Kärtchen von A. aus dem fernen B. durch den Briefkastenschlitz…

…für das ich hiermit ganz herzlich danke!
Der Spruch auf der Kartenvorderseite hinten ergänzt um die Fußnote, dass damit selbstverständlich auch anderer Kuchen gemeint sei – und Weißbier ebenso).
Sehr gerührt hat mich das, weil ich mich nicht nur verstanden, sondern auch erkannt fühlte, was ja ohnehin eng miteinander verknüpft ist, denn nur was man wirklich erkennt, vermag man auch wirklich zu verstehen.

All das ist mir ein großer Anker in diesen Wochen. Sie müssen nämlich wissen, dass meine innere Strukur eine ist, die von Verhau, Schäden, zu vielen Provisorien und Baustellen im eigenen Zuhause unverhältnismäßig stark erschüttert wird. Andere Menschen sind da viel cooler, rationaler und gelassener, sagen „Mei, sowas passiert halt“ oder „Wird schon wieder“, was ja auch alles stimmt.
Aber für mich ist das nichts Rationales, sondern mir geht’s da brutal ans Eingemachte: schon Umzüge, bei denen ja immer irgendwas schief- oder kaputtgeht, sind ein Alptraum für mich (all das Gewusel, all das Durcheinander), und wenn meine Abstellkammer zusammenbricht, ist das, als hätte mir jemand die Milz rausgerissen, und wenn – wie nun der Fall – die halbe Wohnung von einem Wasserschaden heimgesucht wird, kommt das folglich einem ziemlich umfassenden Ausweiden gleich, und zwar am lebendem Objekt.
Nur ein Brand oder Erdbeben träfe mich noch krasser (oder ein Einbruch mit Totalverwüstung oder eine Sturmflut).

Das kommt – und das ist jetzt keine faule Ausrede! – aus frühester Kindheit und dass ich damals ohne meine Struktur in meinem kleinen Zimmerchen wohl eingegangen wäre. Der kleine Raum war meine Burg, meine Festung, mein Halt, dort spielte ich, dort schrieb ich, dort bastelte und musizierte ich, dort fand ich Ruhe und Muße. Draußen vor der Zimmertür tobte einfach zu oft das Chaos oder der Wahnsinn, ich zog mich also zurück, schloss die Tür und befand mich in meinem kleinen, geschützten Ausschnitt der Welt, in dem ich den Dingen und Ereignissen eine Struktur geben konnte, die mich gleich mit ordnete oder mich zumindest vor dem Auseinanderfallen bewahrte, was freilich nur so lange währte, so lange die Mutter meinen kleinen Ausschnitt der Welt unversehrt ließ, ihn also nicht betrat oder zertrat (vielleicht berichtet ja eine der Matrjoschkas noch von dem Tag, an dem ich es wagte, mich einzusperren oder auch von dem Tag, an dem die Mutter sich einsperrte, ich bin noch unschlüssig, welcher der beiden mitteilbarer wäre).

Dummerweise hat sich dieses Verhaltensmuster im Laufe meines Lebens von einem kleinen Zimmer auf eine ganze Wohnung ausgeweitet und hat selbst vor Ferienwohnungen und Hotelzimmern nicht Halt gemacht: wo auch immer ich mich länger als ein oder zwei Tage aufhalte, muss ich herumräumen, bis sich der Raum nach „Zuhause“ und nach „Struktur“ anfühlt, sonst komm ich dort nicht an oder kann mich dort nicht aufhalten oder muss – wenn es sich gar nicht umstrukturieren lässt oder per se gegen jedes ästhetische Empfinden verstößt – sogar abreisen.
Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich wirklich Freude am (Ver)Reisen empfinden konnte und nicht ständig insgeheim dachte, dass ich mich zuhause ja eigentlich viel wohler fühlen würde als in der relativen Unbehaustheit, in der ich mich nun dort in der Fremde befand.
Aus dem Koffer leben, im Zelt hausen, wochenlange Rucksackreisen oder mit mehr als nur mir in einem Camper unterwegs – undenkbar für mich, bis heute, weil ein einziges gruseliges Baustellengefühl wäre das und ein elendes Dauerprovisorium, dem ich nicht den geringsten Genuss abringen könnte.

Seien Sie aber bitte gänzlich unbesorgt, falls ich mal zu Ihnen zu Besuch käme und über Nacht bliebe: ich bin als Gast äußerst pflegeleicht, schmutze nicht, helfe jederzeit in Ihrem Haushalt mit und benötige nicht mehr als ein Handtuch ohne Weichspülergestank, eine saubere, nicht zu weiche Schlafstatt und neben dieser ein Nachttischlämpchen, das auf halbwegs staubfreiem Untergrund steht und ein Leuchtmittel zwischen 2700 und 3000 Kelvin enthält, meine bescheidenen Frühstückswünsche teile ich gern mit einem Vorlauf von ein paar Tagen mit, damit Ihnen der Einkauf keinerlei Umstände beschert, Sie vor allem nicht zu viel besorgen, wo ich doch nur wenig brauche, und sowieso bliebe ich keinesfalls länger als ein bis drei Nächte.

So. Nun nochmal 9 Tage mit den verbliebenen Corroventen und sofern Atlacoya, die holde Göttin der Trockenheit, uns gnädig gestimmt sein sollte, sind dann alle Wände gelbgrünbraun und durchgetrocknet und harren dem kühlenden Nass der frischen, weißen (und rauchgraublauen) Isolier- und Wandfarbe, die Lolek in absehbarer Zeit auf sie draufpinseln wird, auf dass sie wieder erstahlen in vertrautem Glanze.

Wenn alles gut geht, haben wir nach dem Abbau der Corroventen und vor dem Beginn der großen Badzerstörung sogar 3 (in Worten: d-r-e-i ) Tage vollkommene Ruhe hier daheim, die wir schon im Verlauf des dritten Tages wieder werden eintauschen müssen gegen die Dauerbeschallung durch die Lebensgefährtin des Papas, das ist das große Manko am Tegernseer Ausweichquartier, aber vermutlich immer noch erträglicher als täglich 10 Stunden Fliesenabschlaggeräusche und Gestaube von Lolek und seiner Mannschaft.

Ab morgen teste ich erstmal das Ausweichquartier zum Ausweichquartier, denn die Lebenserfahrung lehrt: Du sollst immer einen Plan B haben!

Matrjoschka (3).

Am mütterlichsten war die Mutter, wenn das Kind krank war.

Vielleicht war die Tochter ja deshalb als Kleinkind so häufig krank. Um so ein bisschen mehr Mütterlichkeit abzubekommen als es im normalen Alltag je drin gewesen wäre. Wobei die Tochter in ihrer Erinnerung gar nicht so häufig krank war wie die Mutter es früher stets behauptet hatte.
Vielleicht hatte sie es ja vor allem deshalb behauptet, um die Schuld, in der die Tochter ihr gegenüber bereits qua Geburt stand, noch zu erhöhen. Denn ihrem unermüdlichen Einsatz fürs kranke Kind war mindestens eine Extraportion Dankbarkeit zu zollen.

Aber wie das mit Kindern eben so ist: von moralischem Gedöns noch völlig unverbogen sind sie halt einfach nur krank und bedürftig (und in diesem Zustand naiven Versehrtseins wohl auch undankbar, sofern das bereits eine Kategorie für sie wäre, was ziemlich sicher aber nicht der Fall ist in ihrem kindlichen Universum, das sie leider meist eh zu früh verlassen müssen).

Matrjoschka Nr. 3 putzt sich das Näschen, räuspert sich, kratzt sich noch eine Narbe blutig, steht langsam auf und spricht. Über Grießbrei und andere Torturen.

*****

In der Lebensphilosophie der Mutter gehörte Undankbarkeit bestraft.

Bei jeder grippal bedingten Bettlägerigkeit wurde ich von der Mutter mit Lindenblütentee und Hühnersuppe malträtiert. Alternative: Kamillentee und Rinderbrühe. Alles nah am Brechreiz für mich, bis heute. Was an damals liegt, denn nichts davon habe ich je freiwillig zu mir nehmen können. Als Kind wurde mir regelrecht übel, wenn der Geruch einer dieser vier Plörren durch die Wohnung bis zu meinem Krankenlager kroch oder mir dampfend unter die Nase gehalten wurde.

Da ich zu einer Zeit aufwuchs, in der manche noch an den ehernen Gesetzen der vorigen Generation festhielten, die in dem Fall lauteten „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ und „Wenn dir das nicht schmeckt, hast du eben Pech gehabt – was anderes gibt’s nicht!“, hatte ich doppelt Pech.
Zum einen war ich krank und zum anderen bekam ich nichts zu essen, was ich mochte. „Verzogene Göre“, hieß es dann, und im Krieg und danach wäre man froh gewesen und so weiter… – na, Sie wissen schon. Dabei hätte mir schon etwas Zwieback und Hagebuttentee völlig gereicht, aber wenn die Mutter der Ansicht war, diese Krankheit müsse mit Hühnersuppe und Lindenblütentee und jene mit Rinderbrühe und Kamillentee kuriert werden, dann war das so.
Denn die Mutter war Legislative, Exekutive und Judikative in ein und derselben Person.

War ich auf dem Weg der Besserung, drohte mir die nächste kulinarische Eskalationsstufe. Unter der Überschrift „Dem Kind was Gutes tun“ kochte mir die Mutter Grießbrei oder briet Pfannkuchen. Pur wäre das vielleicht tatsächlich eine Leckerei für mich gewesen, die Crux war nur: es wurden Äpfel zugesetzt. Säuerliche, mehlige Äpfel, die ich nicht mochte. Im Grießbrei wurden sie als Stückchen mitgekocht, von denen nur die Schale übrigblieb, die sich immer in den Zahnzwischenräumen verfing, in die Pfannkuchen kamen sie als große Spalten hinein, die nie gar wurden und beim Draufbeißen sauer, morsch und eben halbgar schmeckten.
Die ultimative Krönung hieß schließlich Zimtzucker. Der kam über beide Speisen drüber, recht reichlich sogar, damit das Saure der Äpfel abgemildert wurde. Dummerweise mochte ich keinen Zimt, was die Mutter auch wusste, aber mit einem strengen „Alle Kinder mögen Zimt“ beiseite zu wischen pflegte.

Denken Sie jetzt bitte nicht, ich sei ein geschmäcklerisches Kind gewesen. So eines, das fast nichts essen mag und immer die Nase rümpft, egal, was man ihm vorsetzt. So war das nicht. Ich aß gerne und gut, ich liebte sogar Bitteres wie Chicorrée und Endivie, ich mochte eben nur diese Krankheitsgerichte der Mutter nicht. Schon in gesundem Zustand war ich kein Apfel- oder Zimtfan und auch kein Freund von klaren Brühen, aber wenn ich krank war, wurde ich davon eher noch kränker. Es war einfach anstrengend, sich ein Essen oder ein Getränk reinzuwürgen, das einem nicht schmeckte.

*****

Zwanzig Jahre nach diesen Kinderkrankheitsjahren, die Mutter und ich gingen schon längst getrennter Wege, mussten meine Mandeln entfernt werden.

Ich verließ die Studienstadt und fuhr für die Operation und den kurzen Krankenhausaufenthalt heim nach München. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hatte der Papa der Mutter am Telefon berichtet, dass ich in München im Krankenhaus läge und die Mutter entschloss sich zu einem Überraschungsbesuch. Schließlich war das Kind krank – eine Situation, der sie sich gewachsen fühlte.

Dummerweise hatte der Operateur mir nach der Entfernung der Mandeln den Mund nicht achtsam genug geschlossen. Die Zunge war zwischen die Backenzähne geraten und beim Zusammenklappen des Kiefers eingeklemmt worden. Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich scheußliche Schmerzen im Rachen, die ich nicht zuordnen konnte und zunächst auf die OP an sich schob.
Erst am Tag drauf entdeckte eine Schwester das eitrige Loch hinten in meiner Zunge, ich hatte sie mir fast durchgebissen. Konnte nichts schlucken und auch kaum ein Wort sprechen.

In genau diese Phase fiel der Überraschungsbesuch der Mutter. Wir hatten uns über zwei Jahre nicht mehr gesehen, nur ein paar wenige unerfreuliche Telefonate geführt oder wegen irgendwelcher Formalitäten führen müssen. Da saß sie nun neben meinem Bett, redete auf mich ein, hielt mein ersticktes Krächzen für Getue, wunderte sich lautstark darüber, wie man nur nach einer läppischen Mandeloperation so fertig sein könne („Das ist doch heuzutage ein Routineeingriff!“), mokierte sich über meine Einsilbigkeit und drängte mir – Sie ahnen es, was jetzt kommt?! – ihren mitgebrachten Grießbrei mit Apfelstücken und Zimt auf. Allen Ernstes derselbe verdammte Brei mit  Apfelstücken und Zimt, den ich schon als Kind gehasst hatte! – und als ich mich abwandte und ihr andeutete, dass ich vor lauter Schmerzen nichts schlucken könne, setzte sie sich auf den Rand meines Bettes und wollte mich füttern.

Hätte ich eine Stimme gehabt, hätte ich geschrien, aber ich hatte keine, ich hatte nur meine Hände, um mich zu wehren, und so fegte ich mit einem Handschlag den Breipott von meiner Bettdecke, er fiel polternd zu Boden, und während die Mutter sich unter wütenden Exklamationen nach dem Gefäß bückte, riss ich die Klingel aus ihrer Halterung über meinem Kopf und läutete nach einer Schwester, die kurz darauf das Krankenzimmer betrat.
Ich heulte mittlerweile vor Anstrengung, Halsschmerzen und Verzweiflung, die Mutter stand schimpfend mit einem Fuß im Brei und hielt den halbleeren Pott in ihrer Hand wie eine Granate, die nur auf ihren Einsatz wartete, die Schwester beugte sich zu mir und fragte, was denn los sei und mit zerquetscher Stimme und letzter Kraft presste ich noch ganze drei Worte aus meiner wunden Kehle: SIE SOLL GEHEN!

*****

Und sie ging.

Als wir uns weitere zwanzig Jahre später wiedersahen (dazwischen gab es nur noch zwei Begegnungen, von denen möglicherweise ein andermal die Rede sein wird), lag sie abgemagert und leichenblass und von zig Schläuchen umgeben, die irgendetwas in sie hinein- oder aus ihr herausleiteten im Krankenbett der Palliativstation, musste gefüttert werden, konnte nicht mehr sprechen, vermochte nur noch eine Hand und die Augenlider minimal zu bewegen, alles andere hatte der Hirntumor komplett lahmgelegt.

Ich besuchte sie, um mich von ihr zu verabschieden, saß neben ihrem Bett und saß überwiegend schweigend dort. Es gab nicht mehr viel, das ihr hätte sagen wollen oder können nach all den Jahren und bei dieser unserer letzten Begegnung. Zwischen uns war manches zu oft gesagt worden und vieles unsagbar geblieben. Es war stimmig, dass es nun sprachlos endete. Reglos lag sie in ihrem Bett, sah mich ab und zu an und blinzelte oder zupfte mit der Hand an ihrer Bettdecke. Ich sah sie an und dachte: „Jetzt ist es wenigstens einmal friedlich zwischen uns.

Eine Pflegerin durchbrach dann diese Stille und betrat den Raum. Sie brachte einen Tee und ein Schälchen Grießbrei mit, stellte die Sachen auf den Nachttisch der Mutter, guckte mich an und fragte: „Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter mit dem Grießbrei füttern?“
Die Frage traf mich wie ein Blitz. Völlig paralysiert starrte ich erst auf den Grießbrei, dann auf die bleiche Mutter und schließlich zur Pflegerin – alles fühlte sich an wie eingefroren oder wie in Zeitlupe, kein Wort wollte über meine Lippen kommen, mein Hals war wie zugeklebt. Irgendwann gelang es mir, verneinend den Kopf zu schütteln.

Kurz darauf bin ich gegangen.
Und sie dann auch.

*****

Himmel der Bayern (68): Vom Lauf der Zeit (und dem Lauf zur Brotzeit).

Blick von Wamberg Richtung Wank.

Um ein Haar hätte ich „Schimmel der Bayern“ ins Überschriftenfeld getippt – ein recht deutlicher Hinweis darauf, gestern einfach zu oft dieses Ekelwort geschrieben zu haben. So einen schimmligen Feuchtfleck im Innersten der Wohnung zu haben, das belastet mich schon sehr.

Heut aber weit weg vom Schimmel (und den anderen Malaisen zu Tale), dafür echt nah am Himmel der Bayern. Wie erwartet: ganztags Sonne und die Wege menschenleer.
Die Partnachklamm wird nämlich grad „renoviert“, drumrum sind noch ein paar Wege aufgrund von Sturmschäden unpassierbar, der Sessellift steht still, der Skizirkus hat noch nicht begonnen – und schon haben dort oben alle (!) Hütten und Almen zu. Und all diese Gegebenheiten zusammen locken dann halt so gut wie niemanden mehr hinauf.

Erst war ich auch ein wenig zerknirscht, weil so eine gepflegte Weiße nach dem schweißtreibenden Aufstieg in der Wintersonne schon eine feine Sache ist. In Begleitung eines halbierten Kaiserschmarrns sogar eine noch feinere Sache. Aber wir beschließen, die Tour trotzdem oder gerade deshalb zu machen, weil uns ja außer unserem Geschnatter nach Ruhe ist und man beim Eckbauer die ganze Terrasse für sich allein haben wird, ein wirklich seltener Luxus!

Also übernimmt D. die Proviantplanung und ich kümmere mich um den Rest, kutschiere uns nach Garmisch und zurück und bastle eine Tour aus den aktuell begehbaren Routen zusammen.

13 Kilometer Winterwanderung, davon mindestens die Hälfte in der Sonne, der erste Schnee für uns alle und – ich wiederhole diesen Satz Winter für Winter mit derselben Freude, weil es einfach jedes Jahr aufs Neue ein so wonniger Moment ist: das Dackelfräulein flippt erstmal aus und saust wie ein wildgewordenes Karnickel über die schneebedeckten Hänge.

Überhaupt hat sie blendende Laune heute und ist sehr gut beieinander. So kurz vor ihrem 8. Geburtstag beglückt mich das fast noch mehr als sonst, denn diese Acht, die tut schon ein bisserl weh, wenn man sie so hinschreibt und sie anschaut, mit dieser Einschnürung in ihrer Mitte symbolisiert sie ja geradezu, dass sie zwei Hälften zusammenhält und jetzt bricht eben diese zweite Hälfte an und wenn ich bedenke, wie schnell die erste vergangen ist, dann wird mir ganz klamm ums Herz. „Viereinhalb Monate“ – das antwortete man mal auf die Frage nach ihrem Alter, und ich hör’s mich noch sagen als wär’s gestern gewesen, dabei ist das 7 Jahre und 7 Monate her (damals benannte man noch halbe Monate, mittlerweile rundet man bereits seit Wochen auf die 8 auf).

Naja, der Lauf der Zeit eben.

Mahlzeit!

Aber wenn so eine gemeinsame Zeit schon länger läuft, hat das ja auch viele Vorteile. In allen Beziehungen. Zum Beispiel kennt D. nicht nur meinen Münchner Lieblingsbrezenbäcker (praktischerweise ist sie sogar ins Haus neben ihm gezogen), sondern nach 19 Jahren auch alle anderen wesentlichen Nahrungsvorlieben und -abneigungen, so dass ich mich entspannt an den gedeckten Tisch, der heute Mittag eine Holzbank an der Hüttenwand ist, setzen und das wohlsortierte Buffet genießen kann.

Die wattierten Jacken kann man dort oben getrost zum Trocknen ausbreiten, die Ärmel etwas hochkrempeln und die Sonnenbrille aufsetzen. Der Blick über die Schulter, aufs Thermometer an der Hauswand, zeigt 18 Grad. Der Blick geradeaus ruht auf dem Wettersteingebirge oder sucht das Schachenhaus oder das Dreitorgatterl.

Ich verschone Sie heute mal mit einer größeren Auswahl der immergleichen Fotos, speziell zu dieser Tour.
Sie können sich die Wintervariante ausgiebig hier ansehen und die Sommerausgabe dort. Es ist eigentlich immer krass schön in der Gegend, zumindest wochentags, außerhalb der Saison oder eben wenn alles zu hat.

Möge die heutige Vitamin D-Intensivkur nun eine Weile vorhalten.
Ihnen auch noch eine schöne, sonnenreiche und schimmelfreie restliche Woche!

Sich einen Ast lachen.

Und hier zum Abschluss der Woche gleich nochmal ein Fundstück aus der Reihe: „Redensarten, anhand von Alltagsbeispielen erklärt“.

Wobei ich Sie warnen möchte: So ein Dackel goutiert es überhaupt nicht, wenn Sie ihn auslachen. Sie dürfen mit ihm lachen, weil das Leben so schön ist oder die Pferdeäpfel so lecker, vielleicht auch mal über ihn lachen, etwa, wenn er Sie mit einer Clownerei aufheitern möchte, auch anerkennendes Lachen schätzt er, wenn er z.B. seinen ganzen Mut zusammennimmt und vom Steg zu Ihnen in den See springt.

Aber wenn Sie über ihn lachen, wird er ob dieser Respektlosigkeit beleidigt sein und Ihnen das nachtragen.

Mindestens bis zum nächsten Öffnen der Kühlschranktür (je nachdem halt, was Sie dort herausholen, denn das geübte Hundeohr vermag auch drei Zimmer weiter präzise zu unterscheiden zwischen Käse/Schinken/Quark und Senf/Tofu/Gurke).

Wir wünschen noch einen gemütlichen Sonntag!

Zum Tag der Liebe oder: Bereiche der Beachtlichkeit.

In einem Leben als Gattin mit sporadischem Teilzeit-Homeoffice und Vollzeit-Hundedompteuse, in dem zu den alltäglichen Aufgaben auch das regelmäßige Staubsaugen und Abstauben gehört, hat man, je nach Haushaltsgröße, Putzpassion und Beruf des Ehemanns, ja en passant die schönsten Bildungsmöglichkeiten.

In einer kleinen Entstaubungspause greife man sich je nach Lust, Interesse und Tagesverfassung einen (freilich zuvor abgestaubten) Schmöker aus dem Regale und stöbere darin.

Zum Valentinstage empfiehlt sich natürlich ein Bändchen zu Liebesdingen, also schnappe ich mir den Niklas Luhmann, wohl wissend, dass der die Liebe nicht etwa als Gefühl begriff, sondern als eine Gefühlsdeutung, die auf Kommunikation beruht (womit nicht nur das ewige Gerede gemeint ist, sondern vielmehr, dass man beispielsweise dieselben Serien liebt und sich gleichermaßen begeistert darüber auszutauschen imstande ist). Guter Ansatz!

Mindestens so gut wie die Luhmannsche Empfehlung, sich gleich bei Heirat einen Brockhaus anzuschaffen, damit jeglicher Dissens, der durch Nachschlagen ausgeräumt werden könnte, keine Liebesfragen aufwirft. Umgekehrt könnte man auch sagen, dass die Liebe ihre liebsten Themen im Bereich nicht wahrheitsfähigen Erlebens hat, also z.B. in Urteilen über Dritte, Geschmacks-, Stil- und Moralfragen, Hobbies, Religion und Haushaltsführung.

Ein großartiger Praxistipp, dessen Umsetzung für heutige Paare natürlich bereits stark vereinfacht ist durch den permanenten Zugriff auf das Internet im Allgemeinen und die Wikipedia im Besonderen: man hat ja stets ein Smartphone/Tablet oder was weiß ich was für ein mobiles Endgerät auf dem Frühstücks- oder Nachttische bereitliegen, so dass alles sofort recherchiert und geklärt werden kann (sofern das WLAN ein stabiles ist) und man danach wieder einträchtig über den depperten Kollegen lästern kann oder in aller Ruhe ausdiskutiert wird, wer beim nächsten Großputz für welche Einsatzgebiete zuständig sein soll oder ob man die heimischen Fenster lieber mit einem Stoff von Marimekko oder Almedahls verhängen möchte (Hauptsache, skandinavisch, so weit ist man eh längst einig nach ein paar Ehejährchen) oder sich dem größten gemeinsamen Hobby zuwendet und beispielsweise bespricht, wie man dem Hündchen endlich beibringen könnte, dass der von den ersten Strahlen der Frühlingssonne aufgetaute Fremdkot diverser Lebewesen nicht dem von uns für sie präferierten Ernährungsstil entspricht (wozu kauft man eigentlich dieses sauteure Premium-Futter in Lebensmittelqualität?).

Und während ich mich so durch die diversen Luhmänner des Gatten blättere, finde ich eine noch viel köstlichere Passage, die es nicht nur zum Tag der Liebe unbedingt verdient, vollständig zitiert zu werden:

„So erwartet die Hausfrau, daß ihr Mann abends von ihr kaltes, nicht aber warmes Essen erwartet. Der Mann muß seinerseits diese Erwartungserwartung miterwarten können, weil ihm nur so klar werden kann, daß er mit einem unerwarteten Wunsch nach warmem Essen nicht nur Ungelegenheiten bereitet, sondern auch die Erwartungen seiner Frau in Bezug auf sein Erwarten durcheinanderbringt, was, wenn wiederholt betrieben, sehr weittragende Unsicherheiten zu Folge haben kann. Diese dreistufige Reflexivität ermöglicht rasche und rücksichtsvolle, kommunikationslose Verständigung, die nicht nur die Erwartungen, sondern auch die Erwartungssicherheit des Partners mit in den Bereich der Beachtlichkeit einbezieht – allerdings mit entsprechend gesteigerten Irrtumsrisiken, die wohl nur in sehr kleinen Sozialsystemen in engen Grenzen gehalten werden können.“

Niklas Luhmann, Die Moral der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, S. 32.

(Was sagen Sie dazu? Sind das nicht herrliche Begriffe und Formulierungen? „Erwartungserwartung“, „gesteigertes Irrtumsrisiko“ und „Bereich der Beachtlichkeit“ oder auch das mit den unerwarteten Wünschen, die Ungelegenheiten bereiten. Hätte ich nicht noch die ganze Wohnung mit dem Staubsauger durchkämmen müssen, hätte ich mich glatt festgelesen!)

Nur gut, dass in unserem kleinen Sozialsystem immer abends warm gegessen wird.

Mit den herzlichsten Grüßen an den Gatten, für den vor 45 Minuten in Frankfurt die Semesterferien begonnen haben (wobei ich mein zu Beginn der Ehe noch völlig naives Verständnis dieses Begriffs längst der Realität angepasst und also eingesehen habe, dass das „-ferien“ in diesem Wort blanker Euphemismus ist, aber immerhin wird hier nun wieder häufiger gemeinsam warm gegessen) und den besten Wünschen für eine störungsfreie Heimreise mit der Deutschen Bahn!

Mettinée oder: Sonntagmorgens in Niedersachsen.

Different jokes for different folks 😏

I’ll be watching you.

Aus der Rubrik: „Ecken, in denen man nicht sitzen mag.“

Every move you make | Every steak you take | I’ll be watching you!

Himmel der Bayern (18): Aqua vitae.

Wenn einem der Kopf schwirrt und das Wasser bis zum Hals steht…

… sollte man einfach mal die Füße in Selbiges tunken …

… eine Weiße tanken & ein Weilchen von Umzugsplanung und Arbeit abschalten.

Sogar den Gatten konnt‘ ich vom Schreibtisch loseisen! Schließlich kann man auch abends oder am verregneten Wochenende arbeiten.

Nur eins versteh ich nicht: Warum ist das Kalbsrahmgulasch, wenn’s eh nur so selten auf einer Speisekarte auftaucht, immer alle, wenn ich komme?!?
Aber das ist Meckern auf hohem Niveau – die Schlutzkrapfen mit Spinatfüllung an Parmesanbutter samt Salatbeilage waren schon auch fein.

Einen schönen Abend wünscht
Die Kraulquappe.

Lohnt sich ja nicht mehr. Ein Kompensationsversuch.

Um eines mal klarzustellen: So eine allein unternommene Reise ist keine Aneinanderreihung von Highlights, super Ausflügen bei permanentem Sonnenschein und rund um die Uhr empfundener Seligkeit.

Gut, ich will nicht meckern, die meiste Zeit hier ist das meiste im Lot, bislang. Sogar ich. Meist geht es mir gut und ich komme wunderbar zurecht mit mir, der Tagesgestaltung, der Arbeit, dem Kochen, dem Dackel, der Bewegung, der Einsamkeit und Ruhe. Meist empfinde ich große Zufriedenheit und Dankbarkeit, dass ich mir gerade einen lang gehegten Traum erfüllen kann.

Aber es gibt auch sie, diese dunklen Momente des Alleinreisens und ich will nicht so tun, als würden sie mich nicht heimsuchen. Das soll ein ehrlicher Blog bleiben und kein gekünsteltes Hochglanztagebuch werden.

Die Rede soll sein von jenen Momenten, in denen alles aus den Fugen gerät. Augenblicke oder Stunden, gar Tage!, in denen der Alleinreisende in Abgründe blickt (und zwar in die eigenen, denn sonst ist da ja niemand), ihm die soziale Kontrolle abgeht, mindestens aber der Partner, der einem mittags dezent zu verstehen gibt, dass man jetzt doch mal duschen könne oder bei gemeinsamen Mahlzeiten darauf bedacht ist, dass gerecht halbiert wird. Oder das bloße Zuzweitsein schon dafür sorgt, dass man einander gegenseitig davon abhält, dann, wenn man gerade gut gesättigt ist, sinnlos Schokoladentafeln oder andere Dickmacher zu mampfen, ja sogar komplett zu vernichten, weil es sich irgendwann ja angeblich nicht mehr lohnt, den Rest aufzuheben.

Gestern Abend geriet meine heile Ferienwelt in eine solche Mampf-Schieflage, dass ich heute unbedingt dafür sorgen wollte, alles wieder in Balance zu bringen. Aber der Reihe nach!

Es begann damit, dass meine Vermieterin mir ein Willkommenskörbchen auf den Tisch gestellt hatte. An sich eine nette Geste. Bei näherer Betrachtung aber ein Affront, zumindest für Menschen wie mich. Das Körbchen war bestückt mit: Blaubeerkeksen, Schokolade, einer Nussmischung, einem Tetrapack Himbeersaft und einer Tüte Tortillachips, Geschmacksrichtung Nacho-Cheese.

Ich freute mich still und artig ob der Geste, bedankte mich umgehend per WhatsApp und räumte alles beiseite, damit es mir weder im Weg herumläge, noch irgendwelchen abendlichen Gierattacken zum Opfer fiele.

Das funktionierte 24 Std lang im Großen und Ganzen gut. Die Kekse sind nämlich nicht mein Ding, weil dieser ins Mittelloch des Kekses reingepresste Beerenklumpen eklig in den Zähnen klebt. Die Schokolade enthielt neben Haselnüssen, auf die ich wenig Wert lege, auch noch Rosinen, die ich hasse wie die Pest. Die Nussmischung ebenso, und aus solchen Mischungen picke ich mir allerhöchstens die Cashews und Walnüsse raus, da es aber nach Billigmarke aussah, war eh klar, dass sich nicht mehr als 2-3 Cashews und Walnüsse da hineinverirrt haben. Der Saft ist mir zu süß, ich trinke kaum Säfte und wenn, nur als Direktsaft oder zur Schorle verdünnt.

So blieben noch die blöden, fettigen, unnützen Maischips als Fressoption übrig. Mais ist mir zwar auch wurscht, aber in Form von Popcorn oder Tortillachips mag ich ihn ganz gern. Also landete diese Tüte besonders weit hinten im Küchenschrank. Ich wollte bei keinem Handgriff über sie stolpern, ich wollte sie ignorieren oder am besten ganz vergessen. Schließlich ist mein Kühlschrank voll mit Dingen, die ich mag und die keine 900kcal pro Packung haben. Und ich mag Reisen und Urlaube, nach denen man keine Diät machen muss, um wieder in all seine Sachen zu passen. Als Selbstversorger sollte das spielend leicht einzurichten sein.

Aber die blöde Tüte knisterte und flüsterte vor sich hin. Unaufhörlich. Seit sie da nach ganz hinten in den Schrank verbannt worden war, gab sie permanent Geräusche von sich. Ich wette, der eine oder andere von euch kennt das und weiß genau, wie sich das anhört! Umso besser, wenn man fast den ganzen Tag draußen ist, dann ist man auf der sicheren Seite.

Gestern Abend, ich saß gerade drinnen und an meiner Arbeit und hatte nebenbei Musik laufen (an Geburtstagen des Lieblingssängers gehört das zum Fan-Pflichtprogramm), fing die blöde Tüte an, lauter zu werden, aufdringlichder, impertinent geradezu, wohl um die Musik zu übertönen oder um nachhaltiger auf ihr verwaistes Dasein aufmerksam zu machen. Was auch immer. Ich blieb zunächst hart. Irgendwann schrie sie. Es klang wie „Hilfe, hol mich hier raus!“ und „Nimm mich zu dir!“. An konzentriertes Arbeiten und Genießen der Musik war beim besten Willen nicht mehr zu denken.

Und irgendwann, bevor mir das Geplärr den gesamten Abend vergällt hätte, erbarmte ich mich ihrer, und das, obwohl ich pappsatt, wirklich absolut pappsatt von meinem üppigen Abendessen war.

Erst war es nur ein gesittetes Schälchen voll, und die Tüte gleich wieder im Schrank verstaut. Dann nochmal nachgefüllt. Und nochmal. Und danach war nur noch so wenig übrig, dass es sich nicht mehr lohnte… Um 22:30 war die Schlacht geschlagen, die Tüte trug ihren Sieg davon und lag leer, erschöpft und verrunzelt auf der Küchenablage, während ich meine Kapitulation in Rotwein ertränkte.

Wäre ich nicht alleine hier, hätte mich jemand abhalten können oder ich hätte mich als die Disziplinierte aufführen können und den anderen abgehalten. Oder wir hätten die Tüte gemeinsam, mit vereinten Kräften, zum Schweigen gebracht. Und wenn auch das nicht geglückt wäre, hätten wir sie zumindest teilen können! Aber als Alleinreisender hat man keine Chance, wenn so eine Tüte sich erstmal ins Feriendomizil eingeschlichen hat.

Viel zu vollgefuttert und mit einem Hauch von Selbstekel wegen dieses elenden Völlegefühls (und auch noch selbst schuld daran zu sein!) kroch ich ins Bett, lag noch eine Weile wach und sinnierte über Phänomene wie Willensschwäche und Genussfähigkeit, und wo da wohl die verträgliche Mitte sei. Über derlei ergebnislosem Grübeln sank ich schwerer und schwerer in die Matratze – und schlief irgendwann ein.

Beim Aufstehen heute Morgen, die Erinnerung an das Geschehene wollte sich gerade wieder meiner bemächtigen, beschloss ich sofort, gnädig zu mir zu sein und mir diese Orgie zu verzeihen. Was soll’s. Darf ja mal sein. Bikinisaison ist eh vorbei. Und man sprengt ja nicht wegen einer albernen Chipstüte bereits am Tag danach alle Hosen. Schwamm drüber. Nicht der Rede wert. Neuer Tag, andere Ernährung. Die Sonne scheint, ich bin in Schweden, das Meer glitzert, die Gegend will entdeckt werden. Carpe diem.

Himbeermüsli zum Frühstück. Gepressten Orangensaft später. Hach ja, bahnt sich da vielleicht ein kompletter Obst-Gemüse-Tag an!?
Vormittags plötzlich Lust auf Laufen, also rein in die Joggingsachen und fast eine Stunde losgedüst. Strandlauf wohlgemerkt, das ist anstrengender als Asphalt oder Waldboden. Mit jedem Kilometer fühlte ich mich besser: Ha, von wegen Schwere und Völllegefühl, die Erinnerung an gestern verblasste bis zur Unkenntlichkeit, leicht wie eine Feder fühlte ich mich, als ich wieder bei meiner Hütte ankam, mich im Garten noch dehnte und bei einem Glas Wasser auf der Terrasse ausdampfte.
Alles wieder im Lot. Totale Katharsis, mental, physisch und überhaupt – dem Sport sei dank.

Beim Duschen überlegte ich mir bereits die Route für den langen Marsch mit Pippa sowie eine Gemüsekreation fürs Abendessen. Als ich anschließend meine Handtücher im hinteren Teil des Gartens zum Trocknen aufhängte, fielen mir erstmals die üppigen Beerensträucher auf.

dsc02572

Was für eine Pracht. Voll von reifen Himbeeren. Ein Wink des Schicksals musste das sein – an meinem Obst-Gemüse-Tag!

dsc02574

Ich erntete sie ab, auf dem Weg durch den Garten sprangen mir dann noch die reifen Äpfel ins Auge, ich pflückte sie beherzt ab – Her zu mir, ihr gesunden Gefährten! – und vollbeladen mit Gartenobst stand ich anschließend in der Küche, legte meine Beute in die Spüle, um sie abzubrausen und zuzubereiten.

Tja, die Zubereitung. Plötzlich war da der ernüchternde Gedanke: Äpfel mag ich eigentlich gar nicht sooo sehr und Himbeeren pur sind auch irgendwie seltsam. Ja, und nun? Es ist Quark noch im Kühlschrank, das wäre eine Option. Aber Apfelquark? Geht gar nicht.

Um es abzukürzen: die Lösung hieß Apfel-Himbeer-Crumble.

Butter, Haferflocken und Zucker waren im Haus. Der Ausflug wurde verschoben. Erstens, weil die Zubereitung des Crumbles nun mal seine Zeit braucht, zweitens, weil ich wenigstens eine ofenwarme Portion kosten wollte, und zu guter Letzt, weil ich natürlich wieder die Lohnt-sich-ja-nicht-mehr-Grenze überschritt und mich danach nicht mehr in der Lage zu einem dreistündigen Ausflug fühlte.

dsc02579

Der Apfel-Himbeer-Crumble-Obst-Tag.

Schuld ist: die Vermieterin. Mit ihrem verdammten Fresskorb hat sie den Anfang gemacht, mit dem dämlichen reifen Obst in ihrem Garten perfide den zweiten Anschlag vorbereitet und dann hat sie nicht mal eine kleine 1-Personen-Backform in ihrer Hütte, stattdessen aber Zucker und Haferflocken en masse.

Vielleicht geh ich morgen wieder Laufen. Das macht den Kopf ja so schön frei.

Aus dem Sommerhaus, in dem nun nichts mehr außer dem Ofen knistert, grüßt euch satt für 3 und immerhin doch noch nach einem Spaziergang in den Nachbarort,

die Kraulquappe.

PS: Die Bilderserie des Tages will ich euch nicht vorenthalten (Hunde-Desinteressierte können nun wegklicken):

dsc02625

Oh, island in the sun, willed to me by my father’s hand …

 

dsc02616

… all my days I will sing in praise of your forest, waters, …

 

dsc02597

… your shining sand!