Von Schwindegg über Gmund nach Andechs.

Spielen liebe ich ja, seit ich auf der Welt bin.

Die ersten Objekte meiner Spielliebe waren die alljährlich vom Papa zu Weihnachten angeschafften Gesellschafts-/Brettspiele, mit denen wir uns dann (als wir noch eine Familie waren) bis zum Dreikönigstag in Klausur begaben.
Unterjährig vergnügte ich mich vor allem mit Lego und Playmobil oder versaute mit Slime oder Fimo die elterliche Wohnung.
Nicht zu vergessen: die Welt da draußen, die Wohnanlage, das Wäldchen hinter der Schule – alles herrliche Spieloasen, vor allem jene, an denen der mütterliche Ruf „Essen ist fertig!“ nicht mehr zu hören war.

In der Schulzeit reduzierten sich die Spielmöglichkeiten etwas, vor allem, wenn man – wie ich – kein Fan von Mannschaftssportarten oder Wettkämpfen (und ehrlich gesagt von überhaupt keiner sportlichen Betätigung außer Schwimmen & Eisessen war) und die Mutter einem mit 11 die drei Boxen Playmobil einfach weggenommen (und verkauft) hatte. Sogar das geliebte Playmobil-Hausboot (was ich ihr nie verziehen habe).

Mit der Studienzeit begann dann wieder eine intensive Ära des Spielens, und dank der Liaison mit dem Wiener Medizinstudenten lernte ich großartige neue Spiele kennen.
„Activity“ hielt Einzug in mein Leben, vor allem die österreichische Version liebte ich über alles, weil wer mit dem österreichischen Vokabular nix am Hut hatte, der hatte einen eklatanten Nachteil, Begriffe wie „Gelsenkirchner Barock“ pantomimisch darzustellen – und so wurde daraus ein Spiel für Insider oder Hochbegabte, zumindest wenn man es mit den Würzburger Studentenfreunden abendelang spielte. Und wir spielten das damals ganze Wochenenden lang!
Gut, ab und zu auch mal unterbrochen von „Pictionary“ oder „Therapy“ oder eine Runde „Der wahre Walter“ (meine Güte: ganz wehmütig wird mir, wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, das waren die besten alkoholfreien Räusche, die ich je erlebt habe!).
Aber hauptsächlich spielte ich 12 Semester lang „Activity“ in allen erdenklichen Versionen, die es auf dem Markt gab.
Paare gerieten in die Trennungszone an diesen Abenden, wenn der eine mal wieder nicht in der Lage war, aus dem Bleistiftgekritzel des anderen, das aussah wie die Kleinkindzeichnung eines Wollknäuels, binnen einer Sanduhrlänge den Begriff „Globalisierung“ herauszulesen!
Frauen gegen Männer war auch stets eine sehr stimmungsfördernde Variante, vor allem, wenn das Frauenteam fortwährend gewonnen hat (die wenigen Male, in denen das nicht der Fall war, hat man halt verdrängt).
Zum Schluss hin empfahl sich jedoch der Partnertausch als beste Team-Zusammenstellung, weil man dabei erleben durfte, dass auch andere Männer die von einem selbst für so kreativ & genial gehaltenen Paraphrasen, Zeichnungen oder Pantominen nicht sofort zu erraten befähigt waren, was einen sogleich mit dem eigenen Partner, den man kurz zuvor noch unter „Das musst du doch kapieren!“- oder „Wie kann man sich nur so anstellen!“-Rufen am liebsten in die Wüste geschickt hätte, wieder etwas aussöhnte.

Mit dem Diplom in der Tasche begann dann der sogenannte Ernst des Lebens, das Berufsleben nämlich, und das brach den Spielorgien leider alsbald endgültig das Genick.
Alle mussten plötzlich früh ins Bett, damit sie montags wieder fit waren oder bekamen Kinder und hatten deshalb eh keine Zeit und Energie mehr oder waren so fertig von ihren Überstunden und Dienstreisen, dass als einzig möglicher Abend für lange Spiel-Sessions bestensfalls noch der Samstag übrigblieb, der dann aber mit Grillabenden, Schwiegerelternbesuchen und Theater-Abos konkurrierte.
Kurz: im Wesentlichen war nun Schluss mit lustig. Sozusagen game over.
Allenfalls zu Silvester konnte ich noch gelegentlich meiner Spielsucht frönen… – im Grunde aber spiele ich nur noch mit dem Dackelfräulein.

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Vor ein paar Wochen dann plötzlich die seit Jahren allererste Spielaufforderung. Vom Herrn Spike.
Zu einem Sprachspiel, angelehnt an Der tiefere Sinn des Labenz. Hurra!

Als Studenten nannten wir’s das „Lexikonspiel“.
Einer suchte sich einen Begriff im Lexikon aus, von dem er überzeugt war, dass niemand ihn kennen würde, dann schrieb jeder eine im Lexikon-Stil verfasste Definition zu diesem Begriff nieder, der Wort-Geber sammelte alle Versionen ein, mischte die echte Erläuterung drunter, las die Definitionen dann vor und einen Punkt bekam schließlich derjenige, dessen Version von den meisten für „die wahre“ gehalten wurde.

Der Herr Spike und ich spielen das nun seit Januar, schicken uns alle paar Wochen eine Mail, schlagen einander neue Begriffe vor, aus denen man sich einen aussuchen darf, aber ich muss erstmal wieder warm werden, merk ich, wohingegen mein Spielpartner schon auf Hochtouren läuft, was ich heut Abend daran sah, dass der ja gar keine Auswahl mehr trifft, sondern gleich alle drei Begriffe ausarbeitet…

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… und hier das Ergebnis, mit dem herzlichsten Dank an Herrn Spike, der heute diese großartigen Lexikoneinträge zu meinen drei Ortsvorgaben verfasst hat, die mich so amüsiert haben, dass ich sie unbedingt hier veröffentlichen möchte:

Schwindegg, der:
Das Gefühl, wenn man nichtsahnend und ohne Vorwarnung unvermittelt vor einem Abgrund steht und, sich leicht vorbeugend, einen prüfenden Blick in die Tiefe wirft.
Die Bandbreite des Schwindegg kann je nach Mentalität des In-die-Tiefe-Schauenden von einem wohlig-prickelnden Schauer bis hin zu purer Panik reichen, und je nach Veranlagung besteht durchaus Suchtgefahr.
So findet man immer wieder Schwindegg-Süchtige, die auf den Umrandungen der Dächer von Wolkenkratzern balancieren. Ein beliebter Treffpunkt von Schwindegg-Fetischisten ist die Trolltunga am Sørfjord in Norwegen, wo sich die Wagemutigsten unter den „Schwindeggern“ im Sprintduell der Vorderkante nähern, um auf dem letzten Meter vor der Kante abrupt abzustoppen oder sich, wie manche Speerwerfer es vor der Abwurflinie tun, per Hechtsprung im Liegestütz nur wenige Zentimeter vor der Kante abzufangen.

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Gmund, das:
Ein Speiserest, der sich in einem Zahnzwischenraum festgesetzt hat und sich hartnäckig allen Versuchen widersetzt, ihn mit der Zungenspitze zu lösen und ohne Zuhilfenahme der Finger oder eines Zahnstochers unauffällig zu entfernen.
In katholischen Gegenden auch weit verbreitet das Stück der Hostie, das sich bei der Heiligen Kommunion an der Gaumenplatte festsaugt und den gelegentlichen Kirchgänger nötigt, länger als geplant in scheinbar stummem Gebet zu verharren, während er mit versteinerter Miene versucht, mit der Zungenspitze das Problem zu lösen. Der tiefgläubige Kirchgänger nutzt die Gelegenheit, sämtliche Verblichene in seinem Stammbaum bis zurück zum Dreißigjährigen Krieg in seine stille Fürbitte aufzunehmen. Gelegentlich kommt es vor, dass Gläubige, versunken in diesen Kampf, das Gottesdienstende verpassen und vom Messner vorsichtig auf diesen Umstand aufmerksam gemacht werden müssen. Vereinzelt finden sich in Kirchen-Chroniken sogar Gmund-bedingte Todesfälle durch Herzinfarkt.

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Andechs (Adj):
Schläfrig, behäbig, leicht benebelt, jedoch eine Grundzufriedenheit ausstrahlend, wie man es z.B. von in der Sonne liegenden Waranen kennt. Ein Zustand, der sich z.B. nach ausgiebigem Genuss von der Gattung Weißbier zugeordneten Produkten von Klosterbrauereien einstellt.
Nicht unähnlich dem paulan genannten Zustand, der sich jedoch durch eine penetrante Note von überheblichem Gönnertum auszeichnet.

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Sollten Sie mal wieder in unser schönes Bayernland kommen, lieber Herr Spike, so ist Ihnen jetzt schon eine andechse Maß auf dem Heiligen Berg gewiss. Die geb‘ ich Ihnen aus, denn die haben Sie sich verdient!

Kommen Sie aber bitte nicht schon paulan hier an (und auch nicht spatian, augustian, löwisch, pschorrisch und erst recht nicht hofbräuslich), denn so ein klösterlicher Doppelbock, der hat’s in sich!

Und bis dahin lassen Sie uns frohgemut weiterspielen.

Herzlich grüßt –
Die Kraulquappe.

Song des Tages (30).

Neben seinem zeitaufwändigen Job an der Universität ist der Gatte ja auch nebenberuflich noch recht aktiv. Vorträge, Interviews, Gutachten,… – der mit Abstand wichtigste Nebenjob aber ist sein Amt als Serienbeauftragter. Ich erledige ja bei uns daheim absolut alles außer Bügeln – und um die Beschaffung des Stoffs neuer Serien kümmere ich mich ebenfalls nicht.

Über die Jahre ist es ihm gelungen, sich in diesem verantwortungsvollen Amt so viel Expertise anzueignen, dass er es zu meiner größten Zufriedenheit ausfüllt.
Die Weihnachtszeit wurde dank seiner guten Planung und stets pünktlichen Besorgungen zu einem Fest sondergleichen, auf das ich mich wieder freue wie seinerzeit zwischen 1976 und 1982 (die kurze und einzige Ära, in der ich diesem Ereignis positiv gegenüberstand).
Die meiner heftigen Quinn-Sucht stante pede folgenden Entzugserscheinungen verstand er binnen weniger Wochen durch eine gradniose Kiefer-Kur nachhaltig zu lindern, und ich erinnere mich auch noch gut daran, dass er meine Mikkelsen-Manie ähnlich schnell heilte (leider habe ich vergessen, durch wen oder was: Brody, Dexter,…?, egal, er fand ein wirksames Trostpflaster).

Meist organisiert er unsere Serienphase (die Ende November, wenn die letzten Blätter gefallen sind, eingeläutet wird und spätestens zu Beginn des Sommersemesters Anfang April wieder endet) so, dass wir mit ein oder zwei nicht allzu aufscheuchenden Serien zum Warmmachen starten (diesmal: „Die Erbschaft“) und uns die großen Knaller und Highlights für den Feiertagsmarathon zwischen dem 24.12. und 06.01. aufheben (diesmal: „Homeland“ und „Die Brücke“).
Danach wird dann meist das Genre gewechselt (diesmal: „The Handmaid’s Tale“), anschließend folgen parallel zu den letzten, für den Herrn Serienbeauftragten sehr anstrengenden Wintersemester-Wochen, ein paar Kurz-Serien in loser Reihung.
Diesmal waren das „The Team 2“ (lohnt sich nicht: Jürgen Vogel hat es mit Schnoddrigkeit und Muskeln endgültig übertrieben, eine der Kommissarinnen ist viel zu jung und unglaubwürdig), „Braunschlag“ (ein kleines Meisterwerk unserer österreichischen Nachbarn, mit einem spitzenmäßigen Nicholas Ofczarek – 1000 Dank an dieser Stelle nochmal an meinen Blogger-Kollegen Bernd für die beiden Ofczarek-Interviews und den neuesten Serien-Tipp mit diesem grandiosen Kerl) und – gerade fertiggeglotzt – „Sharp objects“.

Die von Patricia Clarkson fantastisch dargestellte Mutter (deren Vorname – Adora – nicht besser hätte gewählt sein können) in dem Südstaaten-Schauerstück weckte dermaßen ungute Erinnerungen an die Mutter (also die meine): diese Fassade aus strahlendem Lächeln und größter Empathie (dahinter nichts als eigene Ängste und Verletzungen), unter der blütenweißen Schürze aber geschickt den Kochlöffel verbergend für den nächsten Schlag auf die Tochter (die früh davonläuft und nie wieder zurückkehrt) – dass mir das in rauen Mengen praktizierte Zudröhnen mit Led Zeppelin und Wodka, das die Protagonistin Camille, Adoras Tochter, tagtäglich betreibt, geradezu konsequent erscheint. Puh!!!
Bin ich froh, dass es bei mir noch mit einigermaßen moderat dosiertem Bruce Springsteen- und Weißbier-Konsum getan ist, hätte die Mutter, wie Adora, neben ihrem So-Sein und dem alltäglichen Vexierspiel rund um ihr Befinden auch noch das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (offenbar eine beliebte Ingredienz für Serien, wir kannten es schon aus „Die Brücke“) gehabt – na pfiatdigod!

Der Soundtrack zu „Sharp objects“ durchaus ein Hinhörer: nach Episode 5, die besonders übel war, hätte mich beispielsweise das den Abspann untermalende „Pa’lante“ glatt weggebelasen, wenn ich da nicht bereits tief in die Sofakissen gepresst und noch etwas starr vor Schreck gewesen wäre.

Hurray for the Riff Raff. Toller Bandname.
Und ein klasse Americana-Song, dieses „Pa’lante“ = Kurzform von „para adelante“ = nach vorne, vorwärts = immer gut und deutlich besser als der Blick zurück, was auch mein persönliches Fazit dieser Mini-Serie war.

Ich wünsche dem Serienbeauftragten eine gute Reise nach Mainhattan und der Leserschaft eine erfreuliche, traumafreie Woche mit möglichst viel guter Musik!

Ge_danke_n 2018 (7).

Er hat es doch nochmal getan. Trotz seiner zittrigen Hände.

Eine gut gefüllte Plätzchendose hat er mir überreicht.

„Es dauert halt jetzt“ – ich zitiere – „fast eine verdammte Woche, bis die 12 Bleche bzw. die 6 Sorten gebacken sind.“ Oh weh!

Dabei, lieber Papa, sag ich Dir doch schon seit Jahren, dass für uns eigentlich 3 Sorten reichen täten (die Spitzbuben, die Schoko-Zimt-Blätter und die Vanillekipferl). Dann allerdings gern von jeder dieser Sorten 4 Bleche, so gesehen wäre Dein Aufwand auch nicht geringer…

Egal, bis auf eine Sorte futtern wir das trotzdem mit großem Genuss weg (und dass diese Sorte auch in der Dose gelandet ist, lag sicher an deiner Lebensgefährtin, die die Dose bestückt hat, denn Du weißt natürlich, dass ich Marzipan nicht ausstehen kann. Der Gatte übrigens auch nicht. Pippa würde sie sofort verputzen, darf aber nicht.).

Aber der größte Part meines Dankeschöns gilt nicht Deinen leckeren Plätzchen, sondern der Tatsache, dass Du für mich der allerbeste Papa bist: weil ich mich immer auf Dich verlassen kann, Du immer für mich da warst, ich Dir so vieles zu verdanken habe und wir uns trotz zäher Dispute und unterschiedlicher Ansichten in den vergangenen vier Jahrzehnten immer wieder zusammengerauft haben (ja, „haben“, denn je älter du wurdest, desto milder wurdest du auch).

Es ist wunderbar, dass wir uns an Weihnachten nicht sehen müssen, um uns unserer Liebe zu versichern oder irgendwelchen Vorstellungen von „Familie“ Genüge zu tun (zumal es ja eh nur noch uns beide gibt), sondern dass mittlerweile jeder den anderen entspannt dort sein lassen kann, wo er eben sein muss oder möchte: Du im Kreise der Großfamilie Deiner Lebensgefährtin und ich lieber gemütlich, in kleinster Runde und aller Stille zuhause. Vor 20 Jahren war das noch in jedem Advent ein langwieriges Streitthema, seit 10 Jahren ist es endlich keine Frage mehr. Auch dafür bin ich dankbar, dass das jetzt so ist und sein darf.

Bevor es nun zu rührselig wird und weil heute sowieso jeder Anderes zu tun hat, als lange Texte in WordPress zu lesen, wünsche ich Dir – und allen Leserinnen und Lesern – einen schönen Weihnachtsabend sowie erholsame, harmonische, gemütliche, leckere und lockere Feiertage!

Niedergebügelt oder: Rowenta, 1984.

Eine der Tätigkeiten im Haushalt, die ich outgesourced habe, weil ich sie stets weniger mochte als alle anderen, aber passenderweise mit jemandem verheiratet bin, dem diese Tätigkeit nicht so zuwider ist, vielleicht auch, weil er dabei stundenlang in Ruhe Fußballgucken kann (freilich nicht die Spiele „seines“ Vereins, denn das wäre gerade bei dieser Tätigkeit durchaus riskant) oder sich alternativ dazu von YouTube-Videos von Philosphievorlesungen berieseln lassen kann (denn Fußball läuft ja nicht täglich, YouTube aber schon), ist das Bügeln.

Im Klartext: Ich hasse Bügeln. Schon immer. Ich bin geradezu traumatisiert, was Bügeln betrifft. Offen gestanden, beginnt das schon beim Anfassen des Bügeleisens. Denn bevor ich in meinem Leben überhaupt an den Punkt gelangt war, an dem es wirklich erforderlich geworden wäre, dieses Gerät anzufassen (also zur ersten Hochzeit oder mit Beginn der Phase der Vorstellungsgespräche), war ich bereits über 10 Jahre im Besitz eines Bügeleisens.

Ich war 12 Jahre alt, als ich mein erstes Bügeleisen bekam.
Es trat unter sehr schwierigen Umständen in mein Leben, und dass es ein Begleiter für sage und schreibe 34 Jahre werden sollte, hat damals wohl niemand beabsichtigt oder geahnt, am allerwenigsten ich, die ich 1984 wirklich so manches gern hätte haben wollen, aber definitiv kein Bügeleisen und erst recht kein damit verbundenes Trauma.

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1982. In der sich bereits anbahnenden, kleinen, ganz privaten Dystopie in jenem facettenreichen Gebilde, das man Herkunftsfamilie nennt, knirschte es schon lange im Gebälk, aber noch stand das Gebäude, die Fassade wies keine sichtbaren Schäden auf, die Abrissbirne war noch nicht geschmiedet worden, alle klammerten sich noch an einander oder an Dinge, die irgendeine Art von Griff oder Mulde boten, in die sich die nach Hilfe tastenden Hände krallen konnten.

Wohin man aber auch blickte oder lauschte – wenn man wirklich aufmerksam war und das Wahrgenommene an sich heranließ – dann war es überall spürbar, dieses Knirschen und Knarzen, dieser Zersetzungsprozess, dieses langsame Verschmelzen der vielen kleinen Eiterbeulen zu einem riesigen Abszess, der gar nicht anders konnte, als irgendwann zu platzen, wenn ihm denn niemand eine Drainage legen würde, was keiner tat oder tun konnte, so wie in vielen Familien ja den grausigsten Dingen ihr Lauf gelassen wird, anstatt die ganze Bagage gesammelt in die Notaufnahme zu schicken.

We played out an all-night movie role
You said it would last, but I guess we enrolled
In 1984 (Who could ask for more?)

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1984. Die Mutter kurz vor einem ihrer Reha-Aufenthalte. Jahrelanges Herumdoktern an dem Kreuzbandriss einer Unsportlichen, die sich „der Familie zuliebe“, die bevorzugte Plattform ihrer Opferrolle, eine Saison lang ungelenk auf die Skier gestellt hatte, bis es sie, am letzten Tag des fürchterlichen „Familienskikurses“ im weltmeisterlichen Schladming mitten auf der Planai zerlegte. Im Winter 1982. Bei der letzten Abfahrt.
Der Papa hatte sich am Tag zuvor am Hochwurzen das Kahnbein der linken Hand gebrochen.

In meine spätkindliche Welt war damit endgültig das Unglück hereingebrochen, es war sichtbar geworden, es ließ sich nicht mehr verbergen. Zerbrochen an allen Ecken und Enden wurden wir wie ein Haufen Versehrter heimgekarrt, der Fahrer vom Papa kam mit dem Kombi, um die Mutter mit ausgestrecktem, provisorisch geschientem Haxn nach München zu kutschieren und direkt ins Rechts der Isar einzuliefern. Dort wetzte der seinerzeit als Kniespezialist ausgewiesene Chefarzt in der Chirurgie bereits die Messer, verpfuschte dann aber das Knie nachhaltig, so zumindest die Version der Mutter.
Der Papa transportierte mit eingegipstem Hangelenk unsere Skiausrüstung, die Koffer und mich nachhause. Aus der Traum vom Wintersport, vorbei die Ferien, die Kindheit auch und das Familienleben ebenso.
Entschuldigen Sie den kleinen Exkurs in den Winter des Jahres 1982, aber der ist als Prolog zum Winter 1984 nunmal unerlässlich.

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Zwei Jahre nach diesem Drama in St. Eiermark, wie der Papa die Region immer nannte, was ich als Kind lustig fand, aber nur bis zu diesem Unglückstag, an dem unsere Familie für alle Zeiten verunfallte (was für ein gräßliches Verb, aber es trifft genau), zwei Jahre nach Schladming stand also wieder mal einer der Reha-Aufenthalte der Mutter an. 1984. Dazwischen lag übrigens die räumliche Trennung der Eltern, der Papa war ausgezogen bzw. ausgezogen worden, zur Scheidung rang man sich erst Jahre später durch, der eine aus Berechnung, der andere aus Hoffnung.

Jeder Aufenthalt, egal wo und für wie lange, ist ja verbunden mit Kofferpacken. Das pünktliche Herrichten von Sachen beherrschte die Mutter noch nie, sie beherrschte es so wenig, dass der Papa irgendwann die Beherrschung verlor und ihr das Packen abnahm. Was die Mutter gar nicht ertragen konnte: dass ihr jemand die zumindest in ihrem Kopf wohl existenten Listen an mitzunehmenden Gegenständen aus der Hand nahm oder gar ignorierte und nach seiner Fasson ihren Koffer befüllen wollte. Bevor wir für drei Wochen nach Holland reisen konnten, reisten wir stets drei Tage durch die Vorbereitungshölle und die letzten drei Stunden vor der Abreise durch das Fegefeuer des finalen Kofferpackens.

Sie können sich nun in etwa vorstellen, was sechs Wochen Reha-Aufenthalt also im Vorfeld bedeuteten.
Die Mutter saß überfordert vor ihren Koffern, um sie herum Berge an unnützem Zeug, bis Mittag sollte man in der Klinik eintreffen, sie hockte da morgens in ihrem Chaos und konnte keine Entscheidung treffen, was wohin eingepackt werden musste. Der Papa hatte einen Tag freigenommen, fuhr zu uns, um beim Koffertragen zu helfen und um sie und ihre Sachen in die Klinik zu bringen, hatte alles Überflüssige vorsorglich aus dem Mercedes entfernt, damit das Kind neben all dem Gepäck auch noch irgendwie Platz auf der Rückbank fände.

Die Zeit wurde knapp und knapper, der Papa wollte packen, durfte aber nicht, die Mutter konnte nicht packen, tat es dann aber. Kurz vor dem Aufbruch wanderte sie rastlos durch die Wohnung, mit einem suchenden Blick nach Dingen schielend, die sie vergessen haben könnte oder noch brauchen würde, dort in Bad Heilbrunn.

Plötzlich griff sie nach dem Bügeleisen und stopfte es obenauf in eines iher übervollen Gepäckstücke. Dem Papa platzte der Kragen. Ob sie jetzt spinne?! Es gäbe Bügeleisen in der Klinik, die man bei Bedarf ausleihen könne! Sie solle sich das doch bitte sparen, das Auto würde eh schon überquellen vor lauter Gepäck. Auf einmal wurde um dieses Bügeleisen so gestritten wie seinerzeit beim Auseinanderdividierens des Hausstandes über einen pottscheußlichen Wandteppich aus Ägypten, an dem eigentlich keiner hing, aber an dem man vielleicht genau deshalb alles aufhängen konnte. Diese ganze Ehe, dieses ganze Scheitern, all die Verzweiflung.

Die 12-Jährige heulte. Natürlich nicht wegen des Bügeleisens, das für 6 Wochen zu verreisen drohte, auch nicht wegen der Mutter, die für längere Zeit verschwinden würde, nein, sie heulte einfach nur wegen der immensen Lautstärke und der ewigen Wiederholung des Immergleichen.

Man fuhr schließlich in Bombenstimmung los, genau wie früher, wenn es Richtung Holland ging.

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Bei der Ausfahrt Penzberg/Iffeldorf verließ der Papa die A95, nicht nur, um die kürzeste Strecke nach Bad Heilbrunn zu wählen, sondern um einen unangekündigten Zwischenstopp in Penzberg einzulegen. Er bog spontan von der Durchgangsstraße ab und hielt vor einem Elektro- und Haushaltswarengeschäft. Eines dieser Geschäfte, mit allem, was das Hausfrauenherz an kleinen Alltagshelfern begehrt, zusammengepfercht in einem mit billigem, beigem Teppich ausgekleideten Schaufenster, hinter staubigen Scheiben auf Kundschaft wartend und mit handgeschriebenen Preisschildchen versehen, die wacklig an den ausgestellten Waren hängen. Geschäfte, die es heute kaum noch gibt, weil sie längst der großen Konkurrenz erlegen sind, selbst in Penzberg.

Er stieg aus, verschwand in dem kleinen Laden und kam 10 Minuten später mit einer Schachtel unter dem Arm wieder heraus. Riss die Autotür auf, drückte mir den kleinen Karton in die Hand und sagte „Da, jetzt hast du selbst ein Bügeleisen, wenn deine Mutter nicht in der Lage ist, ohne dieses Trum in die Klinik zu gehen.“.
Ich hielt es auf dem Schoß, betrachtete die Schachtel, auf der „Rowenta“ stand und der darin befindliche Inhalt mit einem schnöden Foto abgebildet war, und war unschlüssig, ob ich nun „Danke“ sagen müsste oder ob ich nochmal weinen sollte oder ob mir all das einfach nur egal sein dürfte.
Keine Ahnung, was ich damals tat, manches entsorgt das Hirn ja dankenswerterweise.

Jedenfalls war ich nun Eigentümerin eines Bügeleisens und wenig später auch Besitzerin eines Bügeleisentraumas.

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Denn dieses Gerät wurde nicht nur zum Symbol meiner Abnabelung von der Mutter, sondern nach ihrer Rückkehr aus der Klinik auch zum Streitobjekt. Schließlich hatte die Tochter nun das bessere Bügeleisen, das neuere, das mit mehr technischen Finessen. Und sie brauchte es doch gar nicht! Ha! So ging das nicht, so war das nicht vorgesehen!
Aber irgendwas war da in der Tochter, das bereits so widerspenstig geworden war, dass sie auf einmal dieses olle Bügeleisen festhielt und nicht hergeben wollte. Nicht mal ausleihen wollte sie es, nein! Es war IHR Bügeleisen und sie würde es nicht von der Mutter anfassen lassen, fast wie ein geliebtes Haustier, das man vor den unkundigen Zugriffen zu neugieriger Fremder zu beschützen versucht.

Mit 17 verließ ich die Mutter. Ich ließ sie zurück mit ihrem alten Bügeleisen und ihren ganzen Krankheiten (und leider auch mit meinem Hund).
Ich nahm mein Bügeleisen und alles, was ich sonst noch packen konnte (ordentlich packen, versteht sich, denn ich kann gar nicht anders als Dinge ordentlich und übersichtlich zu packen, ich kann Chaos beim Packen oder Zeitnot vor der Abreise nicht ausstehen) und ging.

Das Bügeleisen wurde damit auch zum Inbegriff meines frühen Auszugs in die Welt, es wurde mein erster praktischer Begleiter auf dem Weg zum ersten eigenen Hausstand, den ich schließlich mit 18 hatte. Ich trug es von Bleibe zu Bleibe, räumte es von Schrank zu Schrank, von Regal zu Regal, es war immer bei mir, obwohl ich es in den ersten Jahren so gut wie nie verwendete.
Es wohnte all die Zeit in seiner Originalschachtel aus dem Penzberger Haushaltswarengeschäft, ab und zu sah ich hinein, ob es noch da wäre. Das war es, es war sehr verlässlich da. Manchmal war es nahezu das einzige greifbare Relikt einer früheren Zeit, das noch da war und gottseidank auf eine stumme Weise da war und nichts von mir wollte – das hatte in all den unruhigen Jahren etwas ungemein Beruhigendes und Kontinuitätspendendes.

Und es war unversehrt, das hatte es mir voraus. Es war so herrlich heil und glänzend und unversehrt.

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Nein, ich erzähle Ihnen jetzt nicht die vergangenen 34 Jahre, die ich mit diesem Rowentagerät verbracht habe, en detail nach – seien Sie unbesorgt.
Ungefähr 20 Jahre unseres Zusammenseins kann man nämlich in zwei knappe Sätze fassen: Wir gewöhnten uns aneinander und kamen klar. Aber es war eine rein pragmatische Beziehung, wirklich tiefe Gefühle oder gar Freude am gemeinsamen Alltag kamen nie auf.

Heute würde ich sagen, dass uns das am Tag unseres Kennenlernens schon so vorherbestimmt war: Da war kein Fünkchen Liebe oder freie Wahl im Spiel, sondern wir wurden zwangsverheiratet, Rowenta und ich. Daraus hätte auch großes Leid erwachsen können, in unserem Fall blieb es bei einem kleinen Trauma. Wenn man so will, ist es also noch ganz gut gelaufen. Denn 34 Jahre sind kein Pappenstiel.

Ich überließ das Bügeleisen schon in meiner ersten Ehe gern und regelmäßig M., der damit auch meine Sachen bügelte. Rowenta und M. kamen nämlich gut zurecht, sie waren zufrieden miteinander. Als ich M. verließ, habe ich mein Bügeleisen dennoch nicht bei ihm zurückgelassen. Es hing an mir wie ein früher Fluch (oder ich an ihm), etwas, das man zwar loswerden will, aber nicht loslassen kann. Die Erinnerungen an diesen Penzberger Montagmorgen im Jahr 1984 waren zwar rabenschwarz, aber ich konnte sie nicht loslassen. Undenkbar, mich von diesem Ding zu trennen.

Einige Jahre lang haben Rowenta und ich dann zu zweit zusammengelebt. Sogar ungeahnt intensiv, denn bei meinen 3-4 Dienstreisemonaten pro Jahr war ich doch sehr auf das Funktionieren unserer Beziehung angewiesen. Es lief an der Front reibungslos zwischen uns, aber Herzlichkeit keimte dennoch nie auch nur ansatzweise auf.
Bis Rowenta zu schwächeln begann. Nicht, was ihre Heizleistung anging, da hapert es bis heute kein bisschen. Das mit einer Art Kunstgarn umwickelte Kabel begann sich aufzulösen, hier und da hing ein Faden aus dem Gewebe heraus. Eine zeitlang ließen sich diese Alterserscheinungen noch mit der Nagelschere stutzen oder wegzupfen, so wie man ab 40 beginnt, sich die ersten grauen Haare einzeln auszurupfen, was man dann aber bald wieder bleiben lässt, weil man ja sonst mehr Schaden als Nutzen damit anrichten würde und gewisse Prozesse sich ja eh nicht aufhalten lassen.

Ich begann auf einmal, mich um mein Bügeleisen zu sorgen. So funktional, lieblos und nüchtern die Beziehung zwischen uns auch immer war, sein Verfall bekümmerte mich zutiefst und sein potentieller Tod war mir eine schier unerträgliche Vorstellung.

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Genau in dieser kritischen Phase trat der Gatte in mein Leben. Er konnte von Anfang sehr gut mit Rowenta, umwickelte ihre Wunden fürsorglich mit einem Stoffklebeband, was ihrem Faserkleid wohlttat. Er entführte sie, verjüngt und aufgebrezelt wie sie dann aussah, in die Welt des Fußballs. Erstmals durfte dieses Bügeleisen erfahren, dass das Leben aus mehr bestand als aus dunklen Schränken und kurzen, wortkargen Ausflügen ins Licht.
Sein trostloses Kasper-Hauser-Dasein wurde abgelöst von stundenlangen Champions-League-Abenden bei Festbeleuchtung, mit Rotwein und laut krakeelenden Kommentatoren, und dazu durfte es noch geschmeidigweiche Boss-Hemden bis zur Perfektion streicheln. Vom Alter her hätte man sagen müssen: Rowenta erlebte ihren zweiten Frühling! Die traurige Wahrheit aber war: es war der erste Frühling überhaupt für dieses arme, ungeliebte Ding.

Als Rowenta dann dank der Förderung durch den Gatten auch noch ein Seniorenstudium beginnen durfte, war mir klar, dass ich mich fortan aus der Beziehung zwischen den beiden ganz raushalten sollte. Es ist mit Sicherheit das einzige Bügeleisen, das zahlreiche Vorlesungen über Husserl gehört hat und etliche Vorträge von Hans Joas auswendig kennt. Der ungeahnte, späte Geistesreichtum kam auch Rowentas körperlicher Verfassung sehr zugute, sie hielt sich wacker, trotz aller Betagtheit. Ich ließ die beiden in Ruhe, wohl wissend, dass ich da eh nur störte, sie kamen ohne mich ganz hervorragend klar.

Wir begegneten uns in den letzten Jahren kaum noch, Rowenta und ich, und wenn, dann lehnte sie gerade erschöpft in der Küche und befand sich in der Abkühlphase nach einem langen Abend mit dem Gatten, an dem ihr wahre Höchstleistungen abverlangt worden waren (denn der Gatte bügelt immer erst dann, wenn „ein bisserl was zusammengekommen ist“, und „ein bisserl“ ist ein recht dehnbarer Begriff zwischen Männern und Frauen).

Ich würde rückblickend sagen: diese Zeit war die beste in Rowentas langen Leben. Und ein paar solcher Abende werden sie schon noch miteinander haben, die beiden (@Gatte: ähem, räusper – die Schublade mit der Bügelwäsche geht übrigens kaum noch zu, es wär‘ also ein bisserl was zusammengekommen 😉 ).

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Aber alles geht irgendwann zuende. Auch das längste Bügeleisenleben. Und wie es oft so ist: wenn das Ende bevorsteht, kommen manche einander doch nochmal näher, nach einer Pause oder nach Jahren des Zerwürfnisses, vielleicht auch zum allerersten Mal überhaupt.

In den letzten Wochen habe ich mich Rowenta erstmals nach vielen Jahren wieder zugewandt. Sie sogar berührt. Stundenlang! Ich holte im Wochentakt je ein Paar unserer neuen Vorhänge aus der Näherei ab, die dann gewaschen und vor dem Aufhängen natürlich gebügelt werden mussten. Da der Gatte zeitlich und bügeltechnisch aus dem letzten Loch pfeift, so mitten im Semester, wollte ich ihn nicht damit belasten, obwohl ich sonst wirklich konsequent gar nichts bügle, nicht mal in Notfällen wie spontanen Theaterbesuchen oder Beerdigungen.

Nach ca. 10 Jahren der totalen Distanz zwischen uns, kam es also jüngst nochmal zu mehreren Begegnungen. Mir fiel auf, dass Rowenta mittlerweile schwer ächzt und knarzt, wenn man sie auf höchster Stufe über 11 Meter Marimekkostoff scheucht. Kleine Runden stemmt sie noch ganz gut, aber solche Marathonläufe sind ihre Sache nicht mehr. Sie ist alt geworden, uralt.

Plötzlich, beim letzten Vorhang, den ich bügle, spüre ich ein Ziehen in der Herzgegend. Mein Blick fällt auf ihr Kabel, auf ihren an ein paar Stellen gebrochenen Griff, auf ihren zierlichen, altersschwachen, bleichen Körper. Es schnürt mir den Hals zu.

Und ich sehe auf einmal wieder das unglückliche Mädchen von 1984 auf der Mercedesrückbank sitzen, und ich spüre seinen Drang loszuweinen oder wegzulaufen, damals in Penzberg, an diesem Wintertag, der so düster war, obwohl der Himmel so blau war über dem herrlich verschneiten Tölzer Land.

Ich höre die Autotür noch zufallen, als der Papa ausstieg, um Rowenta zu kaufen, sehe ihn noch aus dem Geschäft kommen und diese Bügeleisenschachtel unter dem Arm tragen, dort eingeklemmt wie ein Gewehr, mit dem er der Mutter mindestens einen Streifschuss verpassen und die Tochter vor irgendwas beschützen und bewahren wollte, das er selbst nicht hätte in Worte fassen können (weil er in derlei Worten keine Übung hatte und im Umgang mit den dahinterliegenden Gefühlen schon gleich gar nicht), und vor allem aber sich selbst den Weg freischießen wollte, in ein Leben ohne diesen ganzen familiären Scheiterhaufen, dessen Teil leider auch er war.

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Und mit dieser launigen Lebensgeschichte eines einst so ungeliebten Geschenks, dessen Tage nun ebenso gezählt sind wie die der Türchen des Adventskalenders 2018, verabschieden wir uns hier und heute in eine kurze Auszeit, in der wir in Ruhe ein paar Dinge ein bisschen sortieren, wenn nicht gar ausmisten wollen, um anschließend unbelasteter an Zukünftigem feilen zu können.

Nicht nur an einer Zukunft ohne Rowenta, sondern auch an einer, in der man Penzberg 1984 noch ein Stück friedlicher unter dem Schnee vom vergangenen Jahrhundert mitsamt seiner teilweise schon verstorbenen Protagonisten ruhen lassen kann.

 

Wir lassen uns das Leben nicht verbittern. Zum 21. Oktober 2018.

Lieber Papi,

heut‘ isses soweit: wir feiern Deinen 75., von dem Du seit Wochen sagst, es sei der letzte Geburtstag, den Du in größerer Runde feiern würdest. Nun denn!

Bei der Suche nach einem passenden Song für diesen Deinen Tag, habe ich mich in den Untiefen von YouTube ziemlich verlaufen. Ich kenne einfach zu viele Deiner Lieblingslieder…

Meine Güte, wie gern Du früher gesungen hast!
Und auf wie vielen Konzerten wir früher gemeinsam waren, sogar eine Schnittmenge zwischen Deinem und meinem Geschmack gab es bisweilen, wenn auch nur beim Hubert von Goisern, bei STS und dem Ambros und – noch viel länger her, das! – ganz kurz auch mal den Gipsy Kings, Gianna Nannini und Tina Turner.

Erst dachte ich, es müsse unbedingt „Island in the sun“ – eigentlich wohl Dein liebster Lieblingssong – sein, aber den hast Du zu oft gesungen, wenn Du in melancholischer Stimmung warst, vielleicht also nicht das Wahre für heute. Dasselbe gilt für „Du entschuldige, i kenn di“ vom Peter Cornelius – ich glaube, Carla hieß die Mitschülerin, an die Du dabei dachtest – auch das wohl eher sentimental-nostalgisch besetzte Musik.
„Major Tom“ und „Words“ schieden aus, weil ich bei dem einen noch zu gut erinnere, wie die Mutter (resp.: Deine Frau) Dir ihre schneeverkrusteten Winterstiefel im Flur hinterherwarf als Du es gerade zum dritten Mal in Folge aufgelegt hattest (ja, damals legte man noch auf, ich seh den Grundig-Plattenspieler im Lederkoffer noch vor mir!) – sie hasste das Lied und alles, was sie Dir dazu an Weltzugewandtheit und Frohsinn unterstellte und nicht zu gönnen vermochte. Und bei dem anderen hatte sie Dich auf einer Faschingsfeier in, naja, sagen wir mal „kompromittierender“ Tanzpose mit Deiner Sekretärin beobachtet und hasste es deshalb.
Gut, dass Du ihren Musikgeschmack leidenschaftlich zurückgehasst hast und eines Tages den blöden Iglesias (oder war es der noch blödere Whittaker?) einfach zum Balkon hinuntergeworfen hast.
Die Beatles mochtest Du auch immer, aber denen wurde ja eines Tages Hörverbot bei uns daheim erteilt, nachdem Euer Kennenlernsong, „Hey Jude“, schließlich auch aus der Feder der Fab Four stammte (und dann eben irgendwann nicht mehr passte, weil sich niemand mehr an bessere Zeiten und deren Unwiederbringlichkeit erinnern wollte).

So entschied ich mich, etwas aus dem weiten Feld des Rasur-Liedgutes auszusuchen.
Morgens, wenn Du als Einziger in der Familie gut oder zumindest nicht schlecht gelaunt aufgestanden warst und Dich im Bad für Deinen Bürotag fertigmachtest, hast Du immer vor Dich hin gesungen, vor allem in den Minuten, die Du vor dem Spiegel verbrachtest. Parallel dazu brummte Dein Braun-Rasierer munter vor sich hin.
Aus meinem Kinderzimmer, das direkt an das Bad grenzte, hörte ich Dich jeden Morgen singen – und was ich mit am meisten vermisste, als die Mutter Dich aus der Wohnung hinauskomplimentiert hatte, war eben diese Deine frühmorgendliche Singerei.
Das Rasur-Liedgut war ein spezielles: Du liebtest Seemannslieder so wie das Meer, große Schiffe und die Insel Helgoland (vor der Du gern einmal Deine Asche verstreut wüsstest, wenn das nicht so ein Heidengeld kosten würde).
Von „Wir lagen vor Madagaskar“ über „Heidewitzka, Herr Kapitän“ und „Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn“ bis hin zu „La Paloma“ – all das hat sich mir in Ton und Text auf Ewigkeit eingebrannt.

Wenn Du der grauen Alltagsmühle ein wenig trotzen wolltest, gabst Du gern das Shanty „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ zum Besten.
Du hast es wahrlich schöner gesungen als Freddy Quinn, weniger gekünstelt, rauer, ungehobelter und krummer sowieso.
Besonders der Vers „Keine Angst, keine Angst, Rosmarie!“ hat mir als Kind irgendwie Mut gemacht, so wie Du mir überhaupt immer Mut gemacht hast als ich noch klein/jung/ahnungslos war: dass man sich vom Leben nicht unterkriegen lassen dürfe, dass man seinen Mund aufmachen müsse, wenn einem etwas nicht passt und dass man nie von dem Kakao trinken dürfe, durch den… (na, Du weißt schon).

Es weht der Wind mit Stärke zehn,
das Schiff schwankt hin und her.
Am Himmel ist kein Stern zu sehn,
es tobt das wilde Meer.
O seht ihn an, o seht ihn an:
Dort zeigt sich der Klabautermann!
Doch wenn der letzte Mast auch bricht,
wir fürchten uns nicht!

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!
Wir lassen uns das Leben nicht verbittern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!
Und wenn die ganze Erde bebt
und die Welt sich aus den Angeln hebt:
Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!

Die Welle spülte mich von Bord,
dort unten bei Kap Horn.
Jedoch für mich war das ein Sport,
ich gab mich nicht verlor’n.
Ein böser Hai hat mich bedroht,
doch mit der Faust schlug ich ihn tot!
Dann schwamm dem Schiff ich hinterdrein
und holte es ein!

Ja, jeder böse Hai, der uns bedrohte, wurde von Dir erschlagen. Auf meinen Papa war immer Verlass!
Mein Lebensgefühl als Deine kleine Tochter bestand damals aus einer unerschütterlichen Sicherheit, in der ich mich wähnte. Die entsprach ungefähr dem Gefühl, das ich auch hatte, wenn wir von Ausflügen oder Urlauben heimfuhren und ich mich auf der Rückbank Deines Dienst-Mercedes‘ zusammenrollte und wusste, dass mir dort hinten nichts passieren würde, weil Du ja da vorn am Steuer sitzt und alles im Griff hast.
Freilich war das alles eine Illusion, aber ein paar wichtige Jahre lang war sie sehr kindgerecht, diese Illusion, und sie funktionierte auch – und dafür bin ich Dir, neben vielem anderen, was Du mir in den letzten 46 Jahren gegeben hast, sehr dankbar.

Natürlich warst Du nicht permanent der große Held oder Beschützer für mich, weder als Vater, noch als Mensch (und ein Vorbild auch nur in wenigen Dingen). Du magst oder kannst über vieles nicht sprechen, Du bist sturer als jeder Dackel, festgefahren und dickschädelig. Es gab und gibt kübelweise Ansichten und Lebenseinstellungen, die wir nicht teilen.
Wir haben uns viel gestritten, angeschrien, getobt und bitter geheult vor lauter Wut auf einander oder wegen manch unüberbrückbarer Differenzen.
Aber es war immer eine klare Sache mit Dir und zwischen uns: danach war die Luft wieder rein, auch wenn die Sache selbst nicht zu bereinigen war, dann ließen wir uns an dem Punkt künftig eben in Ruhe. Nachgetragen haben wir uns diese Dispute und Kämpfe jedenfalls nie oder nicht allzu lange.
Oder wir haben uns mit Humor über die eine oder andere Klippe hinweggerettet, was manchmal nicht das Verkehrteste ist, wenn alle Argumente oder Gesprächsversuche gescheitert sind.
Denke ich heute zurück an unsere viereinhalb Jahrzehnte (und ich würde sagen, ich neige nicht zur Verklärung), überwiegt in der Erinnerung jedenfalls der Eindruck, dass wir deutlich mehr zusammen gelacht haben als uns die Köpfe einzuschlagen und dass wir wesentlich häufiger froh darüber waren, dass wir uns hatten als dass wir den anderen zum Teufel jagen wollten.

Und gefeiert haben wir, mit Deinen Leuten oder mit meinen oder mit allen zusammen, es war immer möglich, einander in die jeweiligen Spären mitzunehmen. Diese Zeiten sind nun leider schon länger vorbei, aber alles im Leben hat nun mal seine Zeit.
Ich bin froh um die vielen schönen Erinnerungen und dass wir all das überhaupt hatten – und heute Abend nochmal haben werden, trotz der zahlreichen Einschränkungen, die Dir mittlerweile zu ständigen Begleitern geworden sind, denn: Wir lassen uns das Leben schließlich nicht verbittern!

Alles Gute zu Deinem Geburtstag, lieber Papi & ein Prosit auf Dich!

Deine Natascha.

A long, long time ago I can still remember…

Raumnot oder: Von Überlebensmechanismen.

In ihren sonnigen und heiteren Momenten erwärmte sie alles um sich herum mit ihrer Strahlkraft und ihrem Charme. Menschen lagen ihr ebenso zu Füßen wie Tiere und als ihre Tochter sah ich diesem Spektakel einerseits staunend zu, andererseits betrachtete ich diese Augenblicke stets mit innerem Bangen, weil ich wusste, sie würden nur von kurzer Dauer sein und immer dann abrupt enden, wenn man am wenigsten damit rechnete.

Dennoch ließ ich mir in ihren guten Stunden zu gern die Sonne ihrer überschwänglichen Liebe ins Gesicht scheinen, nahm jeden Sonnenbrand in Kauf und zog mir anschließend die Haut in Fetzen ab, wenn sie den Schalter wieder umlegte und alles Helle, Freundliche, Lichte erlosch. Im Dunkeln hatte ich Zeit, mich ungestört zu häuten und darauf zu warten, bis unter dem Schorf wieder neue, weiche, unversehrte Haut zum Vorschein kam. Während sie in einer ihrer Eiszeiten versank und keinen Funken Liebe mehr für irgendwen hatte, begann ich schockgefrostet eine weitere Einheit meines Überlebenstrainings. Manchmal kam sie kurz raus aus ihrer Kühlkammer, trampelte durch meine Zelle, störte mich in meinem Tun, drehte ein paar Pirouetten, damit ich ihr Elend auch ja von allen Seiten betrachten musste und wenn ich mich anschickte wegzusehen, prophezeite sie mir, ich würde genauso kalt und herzlos werden wie mein Vater (wenn ich es nicht eh schon wäre, an ihr läge das nicht, denn ich dürfe ihr glauben, sie hätte ihr Bestes gegeben, um aus mir einen anständigen Menschen zu machen).

*****

Im Grunde ging es ihr überwiegend schlecht.
Eine Krankheit jagte die nächste und das war nicht etwa Zufall, nein, dafür gab es Schuldige. Den Mann, die Tochter, das Verheiratetsein, das Muttersein, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Kindheit, das Elternhaus, die Arbeitswelt, die Vorgesetzten – den ganzen biographischen Ballast und Morast eben, der sich über die Jahrzehnte angesammelt und festgebacken und sie zum Opfer geformt hatte. Fast alles war schwer und düster, der Zeitpunkt für passende Weichenstellungen lag immer in der Vergangenheit und war genauso dramatisch verpasst worden wie der Zug, der Richtung Zukunft fuhr. Eine große Verhinderte war sie, eine Königin des Konjunktivs: was hätte nicht alles aus ihr werden können, wenn alle anderen und überhaupt das ganze Leben nur anders gewesen wäre!

Das Leben der Mutter war ein fortwährender Ausnahmezustand. Und ebendieser Zustand war das Einzige, worauf wirklich Verlass war: jederzeit konnte alles kippen, schneller als ein Wetterumschwung in den Bergen, mit oder ohne erkennbaren Grund, bloß momenthaft oder für die Dauer vieler Tage oder Wochen.
So wurde das Stimmungsbarometer der Mutter zum Maß aller Dinge. Zum Takt, nach dem gelebt wurde (sofern Leben überhaupt erlaubt war). Zur Tonart, in der erst das Familien- und später unser Zusammenleben zu zweit komponiert wurde (mehr Moll als Dur, und als ich schließlich flüchtete: längst ein Requiem).

*****

Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich die Mutter zwar zeitlich überlebt, aber als steckten außer ihren Genen noch immer Rußpartikel ihres atmosphärischen Terrorismus‘ in mir, den ich noch immer nicht überlebt habe. Nach fast 30 Jahren klebt da noch immer etwas in den Verästelungen meiner Lungen, das ich abhuste, sobald ein auslösender Reiz daherkommt. Wenn mir jemand meinen Raum nimmt. Wenn mir mal wieder einer dieser Menschen begegnet, der mit seiner Fragilität den gesamten Raum für sich beansprucht und mit seiner Labilität alles plattwalzt. Wenn ich spüre, dass ich nach Luft ringe oder kurz vor dem Ersticken bin, weil ich mich zu nah an einem solchen Oxygeniumverschlinger aufhalte, der mir zu verstehen gibt, dass sein Überlebenskampf nun mal der härtere ist und er daher leider den gesamten Sauerstoff für sich braucht. Wenn ich anfange, zu beschwichtigen oder zu reparieren oder auszubalancieren, damit der andere nur ja die Kurve kriegt.

Dann ist es plötzlich wieder so, als säße sie noch immer nebenan und als müsse ich noch immer auf Zehenspitzen durch den Flur schleichen, heimlich durch den Türspalt in ihr Zimmer spähen, um das Ausmaß ihres aktuellen Befindlichkeitsdramas ermessen zu können. Immer auf der Hut, immer gewappnet. Immer abcheckend, wie es um ihren aktuellen oder nahenden oder gerade abklingenden Ausnahmezustand bestellt war.
Um sofort reagieren zu können. Um entweder umgehend das Prophylaxe-Programm anzuschmeißen, um das Schlimmste vielleicht noch abzuwenden oder aber augenblicklich den Beschwichtigungsmodus zu wählen, wenn das Schlimmste bereits da war. Oder – wenn es schon zu spät war – um mich wegzuducken, bevor ihr seelischer Murenabgang alles restlos unter sich begraben würde.

*****

Ja, es gibt Momente, in denen sie da ist, obwohl sie tot ist.
Momente, in denen ich mich wieder wie das Kind fühle, das sich nichts sehnlicher wünscht als einen eigenen Raum. Sogar mehr als das: eine große Ruhezone mit „Betreten verboten“-Schild an der Tür und einem Schlüssel, der nur mir gehört.
Um das Drama eines anderen auszusperren und Platz zu haben für mein eigenes.
Aber auch, um mir meinen Frohsinn nicht zertrampeln zu lassen.

Denn zu meinem eigenen Erstaunen bin ich trotzdem ein fröhlicher Mensch geworden.

Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

***

Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

***

Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

***

Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

***

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

***

Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Familienplanung.

Vorher.

Nachher.

Fazit: Immer Obacht geben beim Basteln (oder hinterher nicht beschweren).

Morgenstund‘ hat… (Ein Gruß nach Frankfurt.)

Lieber Gatte,

noch gestern Abend teilten wir telefonisch unseren Kummer über den schlechten Start in den Dienstag, den wir viel zu früh, viel zu laut und viel zu milchlos erdulden mussten. Und was erwartet mich dann am heutigen Mittwochmorgen? Na, ahnst du schon, was jetzt kommt?

Um 5:20 Uhr, also zu besten Hausmeisterkratzzeit werde ich von Würgegeräuschen geweckt. Unserer Dackelmadame war übel, sie verließ das Bett und hinterließ zwei Gallepfützen. Ich sprang auf, tappte halb blind in die Küche, holte die Küchenrolle und den Lappen, und beseitigte die Bescherung. Wohl wissend, dass unser Hund nie mehr als 2x hintereinander erbricht, stiegen wir wieder ins Bett und da es ansonsten herrlich ruhig war, konnte ich binnen 20 Minuten wieder einschlafen.

Aber nur eine schlappe Stunde später riss mich dann erneut ein alarmierender Ton aus dem schönsten Morgentiefschlaf. Ein schrilles Piepen ertönte! Pippa und ich rissen zeitgleich den Kopf hoch. Dein Wecker!!! Da du ihn gestern dank des Hausmeisters nicht benötigt hattest, hast du ihn einfach samt einprogrammierter Weckzeit zurück- und auch eingeschaltet gelassen.

Wecker, für immer zum Schweigen gebracht.

So kann man sich seiner Familie auch ins Gedächtnis rufen, schon klar. Wir haben intensiv an dich, unseren Ernährer, gedacht, sogar kurz erwogen, anzurufen und einen Satz wie „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ in den Hörer zu trällern!
Nächstes Mal machen wir das, versprochen.
Der Morgen begann also schneefalllos (und daher auch hausmeisterlos), aber keineswegs einfallslos.

Immerhin war wieder Milch im Kühlschrank. Es sind die kleinen Dinge, an denen man sich freuen soll.

Einer adäquaten Entschuldigung harrend grüßt dich
Deine müde Familie.

Hosedi-Sau oder: Auf dem Weg der Besserung.

Murnau, im Januar 2017. Wenn es nicht so schneewolkenverhangen wäre, täte man das Estergebirge sehen.

Der Papa hat seine große OP in der Neurochirurgie gut überstanden 🙂

Nach dem Verzehr von Menü 3…

…klinik-intern auch unter dem verlockenden Titel Hosedi-Sau geführt…

…blühte er sichtlich auf und legte gleich noch die drei Bountys nach, die ich ihm mitgebracht hatte. 

Ein gutes Zeichen!

Beim nächsten Besuch können wir vielleicht schon einen Abstecher in das Klinik-Atrium wagen. In dem tropical flair schmeckt das Bounty dann vielleicht noch besser.

Erleichtert grüßt 

Die Kraulquappe.