Wir lassen uns das Leben nicht verbittern. Zum 21. Oktober 2018.

Lieber Papi,

heut‘ isses soweit: wir feiern Deinen 75., von dem Du seit Wochen sagst, es sei der letzte Geburtstag, den Du in größerer Runde feiern würdest. Nun denn!

Bei der Suche nach einem passenden Song für diesen Deinen Tag, habe ich mich in den Untiefen von YouTube ziemlich verlaufen. Ich kenne einfach zu viele Deiner Lieblingslieder…

Meine Güte, wie gern Du früher gesungen hast!
Und auf wie vielen Konzerten wir früher gemeinsam waren, sogar eine Schnittmenge zwischen Deinem und meinem Geschmack gab es bisweilen, wenn auch nur beim Hubert von Goisern, bei STS und dem Ambros und – noch viel länger her, das! – ganz kurz auch mal den Gipsy Kings, Gianna Nannini und Tina Turner.

Erst dachte ich, es müsse unbedingt „Island in the sun“ – eigentlich wohl Dein liebster Lieblingssong – sein, aber den hast Du zu oft gesungen, wenn Du in melancholischer Stimmung warst, vielleicht also nicht das Wahre für heute. Dasselbe gilt für „Du entschuldige, i kenn di“ vom Peter Cornelius – ich glaube, Carla hieß die Mitschülerin, an die Du dabei dachtest – auch das wohl eher sentimental-nostalgisch besetzte Musik.
„Major Tom“ und „Words“ schieden aus, weil ich bei dem einen noch zu gut erinnere, wie die Mutter (resp.: Deine Frau) Dir ihre schneeverkrusteten Winterstiefel im Flur hinterherwarf als Du es gerade zum dritten Mal in Folge aufgelegt hattest (ja, damals legte man noch auf, ich seh den Grundig-Plattenspieler im Lederkoffer noch vor mir!) – sie hasste das Lied und alles, was sie Dir dazu an Weltzugewandtheit und Frohsinn unterstellte und nicht zu gönnen vermochte. Und bei dem anderen hatte sie Dich auf einer Faschingsfeier in, naja, sagen wir mal „kompromittierender“ Tanzpose mit Deiner Sekretärin beobachtet und hasste es deshalb.
Gut, dass Du ihren Musikgeschmack leidenschaftlich zurückgehasst hast und eines Tages den blöden Iglesias (oder war es der noch blödere Whittaker?) einfach zum Balkon hinuntergeworfen hast.
Die Beatles mochtest Du auch immer, aber denen wurde ja eines Tages Hörverbot bei uns daheim erteilt, nachdem Euer Kennenlernsong, „Hey Jude“, schließlich auch aus der Feder der Fab Four stammte (und dann eben irgendwann nicht mehr passte, weil sich niemand mehr an bessere Zeiten und deren Unwiederbringlichkeit erinnern wollte).

So entschied ich mich, etwas aus dem weiten Feld des Rasur-Liedgutes auszusuchen.
Morgens, wenn Du als Einziger in der Familie gut oder zumindest nicht schlecht gelaunt aufgestanden warst und Dich im Bad für Deinen Bürotag fertigmachtest, hast Du immer vor Dich hin gesungen, vor allem in den Minuten, die Du vor dem Spiegel verbrachtest. Parallel dazu brummte Dein Braun-Rasierer munter vor sich hin.
Aus meinem Kinderzimmer, das direkt an das Bad grenzte, hörte ich Dich jeden Morgen singen – und was ich mit am meisten vermisste, als die Mutter Dich aus der Wohnung hinauskomplimentiert hatte, war eben diese Deine frühmorgendliche Singerei.
Das Rasur-Liedgut war ein spezielles: Du liebtest Seemannslieder so wie das Meer, große Schiffe und die Insel Helgoland (vor der Du gern einmal Deine Asche verstreut wüsstest, wenn das nicht so ein Heidengeld kosten würde).
Von „Wir lagen vor Madagaskar“ über „Heidewitzka, Herr Kapitän“ und „Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn“ bis hin zu „La Paloma“ – all das hat sich mir in Ton und Text auf Ewigkeit eingebrannt.

Wenn Du der grauen Alltagsmühle ein wenig trotzen wolltest, gabst Du gern das Shanty „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ zum Besten.
Du hast es wahrlich schöner gesungen als Freddy Quinn, weniger gekünstelt, rauer, ungehobelter und krummer sowieso.
Besonders der Vers „Keine Angst, keine Angst, Rosmarie!“ hat mir als Kind irgendwie Mut gemacht, so wie Du mir überhaupt immer Mut gemacht hast als ich noch klein/jung/ahnungslos war: dass man sich vom Leben nicht unterkriegen lassen dürfe, dass man seinen Mund aufmachen müsse, wenn einem etwas nicht passt und dass man nie von dem Kakao trinken dürfe, durch den… (na, Du weißt schon).

Es weht der Wind mit Stärke zehn,
das Schiff schwankt hin und her.
Am Himmel ist kein Stern zu sehn,
es tobt das wilde Meer.
O seht ihn an, o seht ihn an:
Dort zeigt sich der Klabautermann!
Doch wenn der letzte Mast auch bricht,
wir fürchten uns nicht!

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!
Wir lassen uns das Leben nicht verbittern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!
Und wenn die ganze Erde bebt
und die Welt sich aus den Angeln hebt:
Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern,
keine Angst, keine Angst, Rosmarie!

Die Welle spülte mich von Bord,
dort unten bei Kap Horn.
Jedoch für mich war das ein Sport,
ich gab mich nicht verlor’n.
Ein böser Hai hat mich bedroht,
doch mit der Faust schlug ich ihn tot!
Dann schwamm dem Schiff ich hinterdrein
und holte es ein!

Ja, jeder böse Hai, der uns bedrohte, wurde von Dir erschlagen. Auf meinen Papa war immer Verlass!
Mein Lebensgefühl als Deine kleine Tochter bestand damals aus einer unerschütterlichen Sicherheit, in der ich mich wähnte. Die entsprach ungefähr dem Gefühl, das ich auch hatte, wenn wir von Ausflügen oder Urlauben heimfuhren und ich mich auf der Rückbank Deines Dienst-Mercedes‘ zusammenrollte und wusste, dass mir dort hinten nichts passieren würde, weil Du ja da vorn am Steuer sitzt und alles im Griff hast.
Freilich war das alles eine Illusion, aber ein paar wichtige Jahre lang war sie sehr kindgerecht, diese Illusion, und sie funktionierte auch – und dafür bin ich Dir, neben vielem anderen, was Du mir in den letzten 46 Jahren gegeben hast, sehr dankbar.

Natürlich warst Du nicht permanent der große Held oder Beschützer für mich, weder als Vater, noch als Mensch (und ein Vorbild auch nur in wenigen Dingen). Du magst oder kannst über vieles nicht sprechen, Du bist sturer als jeder Dackel, festgefahren und dickschädelig. Es gab und gibt kübelweise Ansichten und Lebenseinstellungen, die wir nicht teilen.
Wir haben uns viel gestritten, angeschrien, getobt und bitter geheult vor lauter Wut auf einander oder wegen manch unüberbrückbarer Differenzen.
Aber es war immer eine klare Sache mit Dir und zwischen uns: danach war die Luft wieder rein, auch wenn die Sache selbst nicht zu bereinigen war, dann ließen wir uns an dem Punkt künftig eben in Ruhe. Nachgetragen haben wir uns diese Dispute und Kämpfe jedenfalls nie oder nicht allzu lange.
Oder wir haben uns mit Humor über die eine oder andere Klippe hinweggerettet, was manchmal nicht das Verkehrteste ist, wenn alle Argumente oder Gesprächsversuche gescheitert sind.
Denke ich heute zurück an unsere viereinhalb Jahrzehnte (und ich würde sagen, ich neige nicht zur Verklärung), überwiegt in der Erinnerung jedenfalls der Eindruck, dass wir deutlich mehr zusammen gelacht haben als uns die Köpfe einzuschlagen und dass wir wesentlich häufiger froh darüber waren, dass wir uns hatten als dass wir den anderen zum Teufel jagen wollten.

Und gefeiert haben wir, mit Deinen Leuten oder mit meinen oder mit allen zusammen, es war immer möglich, einander in die jeweiligen Spären mitzunehmen. Diese Zeiten sind nun leider schon länger vorbei, aber alles im Leben hat nun mal seine Zeit.
Ich bin froh um die vielen schönen Erinnerungen und dass wir all das überhaupt hatten – und heute Abend nochmal haben werden, trotz der zahlreichen Einschränkungen, die Dir mittlerweile zu ständigen Begleitern geworden sind, denn: Wir lassen uns das Leben schließlich nicht verbittern!

Alles Gute zu Deinem Geburtstag, lieber Papi & ein Prosit auf Dich!

Deine Natascha.

A long, long time ago I can still remember…

Raumnot oder: Von Überlebensmechanismen.

In ihren sonnigen und heiteren Momenten erwärmte sie alles um sich herum mit ihrer Strahlkraft und ihrem Charme. Menschen lagen ihr ebenso zu Füßen wie Tiere und als ihre Tochter sah ich diesem Spektakel einerseits staunend zu, andererseits betrachtete ich diese Augenblicke stets mit innerem Bangen, weil ich wusste, sie würden nur von kurzer Dauer sein und immer dann abrupt enden, wenn man am wenigsten damit rechnete.

Dennoch ließ ich mir in ihren guten Stunden zu gern die Sonne ihrer überschwänglichen Liebe ins Gesicht scheinen, nahm jeden Sonnenbrand in Kauf und zog mir anschließend die Haut in Fetzen ab, wenn sie den Schalter wieder umlegte und alles Helle, Freundliche, Lichte erlosch. Im Dunkeln hatte ich Zeit, mich ungestört zu häuten und darauf zu warten, bis unter dem Schorf wieder neue, weiche, unversehrte Haut zum Vorschein kam. Während sie in einer ihrer Eiszeiten versank und keinen Funken Liebe mehr für irgendwen hatte, begann ich schockgefrostet eine weitere Einheit meines Überlebenstrainings. Manchmal kam sie kurz raus aus ihrer Kühlkammer, trampelte durch meine Zelle, störte mich in meinem Tun, drehte ein paar Pirouetten, damit ich ihr Elend auch ja von allen Seiten betrachten musste und wenn ich mich anschickte wegzusehen, prophezeite sie mir, ich würde genauso kalt und herzlos werden wie mein Vater (wenn ich es nicht eh schon wäre, an ihr läge das nicht, denn ich dürfe ihr glauben, sie hätte ihr Bestes gegeben, um aus mir einen anständigen Menschen zu machen).

*****

Im Grunde ging es ihr überwiegend schlecht.
Eine Krankheit jagte die nächste und das war nicht etwa Zufall, nein, dafür gab es Schuldige. Den Mann, die Tochter, das Verheiratetsein, das Muttersein, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Kindheit, das Elternhaus, die Arbeitswelt, die Vorgesetzten – den ganzen biographischen Ballast und Morast eben, der sich über die Jahrzehnte angesammelt und festgebacken und sie zum Opfer geformt hatte. Fast alles war schwer und düster, der Zeitpunkt für passende Weichenstellungen lag immer in der Vergangenheit und war genauso dramatisch verpasst worden wie der Zug, der Richtung Zukunft fuhr. Eine große Verhinderte war sie, eine Königin des Konjunktivs: was hätte nicht alles aus ihr werden können, wenn alle anderen und überhaupt das ganze Leben nur anders gewesen wäre!

Das Leben der Mutter war ein fortwährender Ausnahmezustand. Und ebendieser Zustand war das Einzige, worauf wirklich Verlass war: jederzeit konnte alles kippen, schneller als ein Wetterumschwung in den Bergen, mit oder ohne erkennbaren Grund, bloß momenthaft oder für die Dauer vieler Tage oder Wochen.
So wurde das Stimmungsbarometer der Mutter zum Maß aller Dinge. Zum Takt, nach dem gelebt wurde (sofern Leben überhaupt erlaubt war). Zur Tonart, in der erst das Familien- und später unser Zusammenleben zu zweit komponiert wurde (mehr Moll als Dur, und als ich schließlich flüchtete: längst ein Requiem).

*****

Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich die Mutter zwar zeitlich überlebt, aber als steckten außer ihren Genen noch immer Rußpartikel ihres atmosphärischen Terrorismus‘ in mir, den ich noch immer nicht überlebt habe. Nach fast 30 Jahren klebt da noch immer etwas in den Verästelungen meiner Lungen, das ich abhuste, sobald ein auslösender Reiz daherkommt. Wenn mir jemand meinen Raum nimmt. Wenn mir mal wieder einer dieser Menschen begegnet, der mit seiner Fragilität den gesamten Raum für sich beansprucht und mit seiner Labilität alles plattwalzt. Wenn ich spüre, dass ich nach Luft ringe oder kurz vor dem Ersticken bin, weil ich mich zu nah an einem solchen Oxygeniumverschlinger aufhalte, der mir zu verstehen gibt, dass sein Überlebenskampf nun mal der härtere ist und er daher leider den gesamten Sauerstoff für sich braucht. Wenn ich anfange, zu beschwichtigen oder zu reparieren oder auszubalancieren, damit der andere nur ja die Kurve kriegt.

Dann ist es plötzlich wieder so, als säße sie noch immer nebenan und als müsse ich noch immer auf Zehenspitzen durch den Flur schleichen, heimlich durch den Türspalt in ihr Zimmer spähen, um das Ausmaß ihres aktuellen Befindlichkeitsdramas ermessen zu können. Immer auf der Hut, immer gewappnet. Immer abcheckend, wie es um ihren aktuellen oder nahenden oder gerade abklingenden Ausnahmezustand bestellt war.
Um sofort reagieren zu können. Um entweder umgehend das Prophylaxe-Programm anzuschmeißen, um das Schlimmste vielleicht noch abzuwenden oder aber augenblicklich den Beschwichtigungsmodus zu wählen, wenn das Schlimmste bereits da war. Oder – wenn es schon zu spät war – um mich wegzuducken, bevor ihr seelischer Murenabgang alles restlos unter sich begraben würde.

*****

Ja, es gibt Momente, in denen sie da ist, obwohl sie tot ist.
Momente, in denen ich mich wieder wie das Kind fühle, das sich nichts sehnlicher wünscht als einen eigenen Raum. Sogar mehr als das: eine große Ruhezone mit „Betreten verboten“-Schild an der Tür und einem Schlüssel, der nur mir gehört.
Um das Drama eines anderen auszusperren und Platz zu haben für mein eigenes.
Aber auch, um mir meinen Frohsinn nicht zertrampeln zu lassen.

Denn zu meinem eigenen Erstaunen bin ich trotzdem ein fröhlicher Mensch geworden.

Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

***

Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

***

Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

***

Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

***

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

***

Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Familienplanung.

Vorher.

Nachher.

Fazit: Immer Obacht geben beim Basteln (oder hinterher nicht beschweren).

Morgenstund‘ hat… (Ein Gruß nach Frankfurt.)

Lieber Gatte,

noch gestern Abend teilten wir telefonisch unseren Kummer über den schlechten Start in den Dienstag, den wir viel zu früh, viel zu laut und viel zu milchlos erdulden mussten. Und was erwartet mich dann am heutigen Mittwochmorgen? Na, ahnst du schon, was jetzt kommt?

Um 5:20 Uhr, also zu besten Hausmeisterkratzzeit werde ich von Würgegeräuschen geweckt. Unserer Dackelmadame war übel, sie verließ das Bett und hinterließ zwei Gallepfützen. Ich sprang auf, tappte halb blind in die Küche, holte die Küchenrolle und den Lappen, und beseitigte die Bescherung. Wohl wissend, dass unser Hund nie mehr als 2x hintereinander erbricht, stiegen wir wieder ins Bett und da es ansonsten herrlich ruhig war, konnte ich binnen 20 Minuten wieder einschlafen.

Aber nur eine schlappe Stunde später riss mich dann erneut ein alarmierender Ton aus dem schönsten Morgentiefschlaf. Ein schrilles Piepen ertönte! Pippa und ich rissen zeitgleich den Kopf hoch. Dein Wecker!!! Da du ihn gestern dank des Hausmeisters nicht benötigt hattest, hast du ihn einfach samt einprogrammierter Weckzeit zurück- und auch eingeschaltet gelassen.

Wecker, für immer zum Schweigen gebracht.

So kann man sich seiner Familie auch ins Gedächtnis rufen, schon klar. Wir haben intensiv an dich, unseren Ernährer, gedacht, sogar kurz erwogen, anzurufen und einen Satz wie „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ in den Hörer zu trällern!
Nächstes Mal machen wir das, versprochen.
Der Morgen begann also schneefalllos (und daher auch hausmeisterlos), aber keineswegs einfallslos.

Immerhin war wieder Milch im Kühlschrank. Es sind die kleinen Dinge, an denen man sich freuen soll.

Einer adäquaten Entschuldigung harrend grüßt dich
Deine müde Familie.

Hosedi-Sau oder: Auf dem Weg der Besserung.

Murnau, im Januar 2017. Wenn es nicht so schneewolkenverhangen wäre, täte man das Estergebirge sehen.

Der Papa hat seine große OP in der Neurochirurgie gut überstanden 🙂

Nach dem Verzehr von Menü 3…

…klinik-intern auch unter dem verlockenden Titel Hosedi-Sau geführt…

…blühte er sichtlich auf und legte gleich noch die drei Bountys nach, die ich ihm mitgebracht hatte. 

Ein gutes Zeichen!

Beim nächsten Besuch können wir vielleicht schon einen Abstecher in das Klinik-Atrium wagen. In dem tropical flair schmeckt das Bounty dann vielleicht noch besser.

Erleichtert grüßt 

Die Kraulquappe.

I wish you all the very best. Die 44er Nachlese.

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Vorgestern bin ich 44 geworden. An sich ein relativ unspektakulärer Geburtstag. Keine Party, keine Besuche, keine Bergtour – nicht mal Sonne. Dafür umso mehr Zeit für angenehme, entspannende Dinge und Unternehmungen. Beispielsweise war ich in der Sauna. Kann mich nicht erinnern, das schon mal an einem 13. Juli gemacht zu haben, denn meist war das Wetter viel zu gut.

Ebenso Zeit, die im Laufe des Tages eingetrudelten Gratulationen am späteren Abend zu kategorisieren und gründlicher zu betrachten, als es bei Partygetümmel und Ausüben der Gastgeberrolle je möglich wäre.

Zum einen: die wiederkehrende Feststellung, dass es kaum noch Menschen gibt (dieses Jahr: acht an der Zahl), die einem handschriftlich und auf dem Postwege gratulieren. Obgleich ich das am meisten schätze. Man kann sich die Kärtchen auf den Tisch stellen oder aufhängen und anschließend auch aufheben. Ich liebe die jährlichen Hundepostkarten meiner Freundin A., auch wenn der Gatte sie immer mit dem Satz „Bist du wieder 13 geworden?“ kommentiert (und auch die Katzenkärtchen, die ich an A. schicke, quittiert er mit dieser leicht zynischen Bemerkung).
Zum anderen: der Trend zu elektronischen Geburtstagsgrüßen nimmt weiter zu. Heuer: 14x per WhatsApp, 11x per Mail und 7x per SMS, 4x Facebook.
Dann gibt es noch die paar, die anrufen, in Ermangelung von Zeit, anderer Technik, aus familiären oder anderen persönlichen Gründen. Wie immer: der Papa, die Schwiegereltern, der Exmann, mein Freund S., der Vater meiner Schulfreundin H..
Und die Kategorie „fremde Gratulanten“. Darunter fielen diesmal: Galeria Kaufhof, DM, Telekom und der FC Bayern. Letzterer nicht etwa, weil ich Mitglied wäre, sondern weil ich im Fanshop mal was für den Gatten zum Geburtstag bestellt habe, der Fan ist, aber keine Gratulation vom FC Bayern bekommt (verkehrte Welt!).
Nicht zu vergessen: die Kategorie „Mehrfachgratulanten“. Eine Handvoll besonders guter Freunde gratuliert doppelt bis dreifach: per Post, frühmorgens dann noch per WhatsApp/SMS/Mail und ggf. nochmal auf einem dem Geschenk beiliegenden Kärtchen. Widerfuhr mir vorgestern 4x. Was auch klarstellt, dass ich nicht 44 Freunde habe, sondern – abzüglich der Mehrfachgratulanten – nur 38 bis 40. Was auch gelogen ist. Ich habe schwankend zwei bis acht Freunde (je nach Lebensphase und -einstellung sind es mal nur 2, dann wieder eher 8). Reicht mir auch.

Die besondere Beobachtung, die ich gemacht habe und über die ich hier schreiben wollte, ist aber eine ganz andere. Es ist der erste Geburtstag gewesen, an dem mir – durch welches Medium auch immer – auffallend oft alles erdenklich Gute gewünscht wurde. Alles erdenklich Gute!? Hm.

Bis zum 43. hat’s alles Gute oder, von den ganz Lieben, alles, alles Gute ja auch getan. Kaum wird man 44, ist das Gute neben allumfassend auch noch erdenklich geworden. Ist das nicht bedenklich, diese erdachte Steigerung von alles?

Zufall kann es jedenfalls nicht sein, da diese Formulierung in 6 von 44 Gratulationen auftauchte. Was will mir das sagen? Was wollen die Glückwünscher mir mit auf den Weg geben? Einfach nur ein Schippchen mehr Glückgesundheitfreudezufriedenheit, weil sie denken, dass man das mit 44, mit Kalkschulter und ohne Arbeit, besonders brauchen könnte? Hat jemand eine Idee? Oder möchte sich gar einer der Verfasser des erdenklich Guten hier öffentlich zu seiner hoffentlich unbedenklichen Intention äußern?

Wie oft in solchen Begriffsnöten bemühe ich den Duden.
Aha. Da haben wir’s.

erdenklich

Bedeutung: was, soweit überhaupt denkbar, irgendwie möglich ist. Um Himmels Willen.

Also soweit überhaupt noch etwas Gutes denkbar ist, das für die fragile, labile Mittvierzigerin drin ist in dieser Wundertüte, die man Leben nennt, muss es auch noch irgendwie möglich sein. Au weia. Das irgendwie schränkt die Möglichkeit ja auch irgendwie ein, finde ich.

Aber es kommt noch bedenklicher mit dem Erdenklichen. Die Synonyme für erdenklich sind nämlich: möglich, virtuell, denkbar und vorstellbar.
Wünscht man mir nur noch virtuell alles Gute, weil es real eh schon utopisch wäre? Oder wünscht man mir nur noch das defintiv vorstellbar Gute, wohingegen mir früher für ein neues Lebensjahr auch noch unvorstellbar Gutes zugetraut und gewünscht wurde? Fragen über Fragen!

Aber es gibt Trost! Denn es kann kein Zufall sein, dass dieses heimtückische, kleine erdenklich im Alphabet umrahmt wird von Erdenkind und Erdenlauf. Mittendrin zwischen dem Menschen und dem Lauf des Lebens erd_enkelt es vor sich hin!(*)

Das stimmt doch hoffnungsfroh. Da ist noch was drin!

In diesem Sinne wünsche ich euch ein erdenklich gutes Wochenende 🙂
Eure Kraulquappe.

(*) hab’s mir mal ausgeliehen – danke, kaschpar.