Beglückend.

Schwer zu sagen, welcher dieser Anblicke mich heute am meisten beglückt hat:

a) der des kleinen gelben Fischleins, das heute so überraschend meine Bahn kreuzte und quasi mitten im Kraulschlag entzückend an meine Schwimmbrille dotzte, in diesem schönen, erst diese Woche neu entdeckten Schwimmbad, das ich zunächst nur notgedrungen als Alternative zum Lieblingsbad, das wg. der üblichen Revision grad zu hat, aufsuchte, das aber glatt das Zeug hat, mein dauerhaftes Zweitbad zu werden

oder

b) der des Trailers, der mich via Whatsapp von M. aus Berlin erreichte und in dem ich sofort dieses Gefühl von Aufbruch und Verheißung und Zukunftsoffenheit, jenes übermütige, allen äußeren Widerständen trotzende „Alles ist möglich“-Empfinden wiedererkannte und wiederspürte, das sich am 18. Juni 1985 so tief und unauslöschlich in mich eingegraben hat:

oder

c) der des grünspargeligen Abendessens, wie es vorhin so duftend vom Ofen auf den Tisch hinüberwanderte und dann auch noch genau so geworden ist, wie’s gedacht war.

Kvinnan med kris.

Tja, solche Tage gibt’s eben auch. Kvinnan med tax war heute eher kvinnan med kris (inkl. tax).

Aufgestanden, Knie tut weh. Beim Morgengassi im Regen dann die ernüchternde Feststellung: es sind sogar beide Knie, die weh tun. Zu viel gejoggt, zu viel gegangen, das Alter,…? Der Regen entwickelt sich noch während der Morgenrunde zu Starkregen. Beim Abtrocknen des Hundes bzw. in die Hocke gehen noch mehr Knieschmerzen. Schlechte Laune zieht auf.
Als nächstes kocht die blöde Milch über. Ceranfeldputzen ist totaler Mist, wenn dieser Spezial-Schaber nicht im Haus ist. Dann halt den Kaffee mit kalter Milch getrunken.

Den Vormittag mit Arbeiten verbracht. Das Grau der Wolken geht nahtlos in das Meeresgrau über, eigentlich ist auch die Wiese grau. Dahin ist sie, die grandiose Aussicht, und mit ihr auch die Inspiration.

Mittags mit dem Auto ein Stück gen Westen, wo es einen 6km langen Sandstrand gibt. Extra für das Dackelfräulein und trotz des miesen Wetters – sie soll ja ihren Spaß haben. Der Dank dafür? Die Madame nagt an einem toten Fisch rum, was ich zu spät merke, da ich mit den Engerzurrgummis meiner blöden Kapuze beschäftigt bin. Sauteurer Regenparka und dann ein so dämliches Zurr-Ösen-Glump. Auch sonst folgt der Hund heute gar nicht. Alles ist spannender als ich (was mir heute im Grunde ja genauso geht, aber ich fress‘ deshalb trotzdem keinen verdorbenen Fisch).

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Nein, ich sehe und rieche gar nichts, kein einziges Stück Krabbe, echt nicht, nirgends!

Wieder daheim den dreckigen Hund geduscht. Erneut Kniestechen, diesmal mit Aufschreizwang. Und nun? Ich hatte heute Ystad geplant, das tolle Schwimmbad. Endlich mal wieder Bahnenschwimmen außerhalb der Provinz. Egal, mach‘ ich trotzdem. Oft geht’s mir nach dem Schwimmen besser, mit allem.

Die Reichsstraße Nr.9 führt in 12km direkt nach Ystad. Das geht eigentlich ruckzuck, wenn man nicht hinter einem Schwertransporter herkriechen muss. Immerhin, ich finde in Ystad das Schwimmbad sofort wieder, obwohl der letzte Besuch 2 Jahre her ist.

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Arena Ystad.

Ja, die Schweden können auch schöne Schwimmhallen bauen. Die Ystad Arena ist wirklich top! Und der Eintritt ist sogar günstiger als in Bromölla, dieser Provinzschwimmhölle.

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Eingangsbereich mit Kasse.

Als Entschädigung für den bis 14:30 Uhr eher bescheidenen Tag erwartet mich ein fast menschenleeres Becken: 3 Bahnen für mich allein, und im Wasser tun nicht mal die Knie weh, herrlich! Ich sag ja immer: Sportarten wählen, die man bis ins hohe Alter und trotz diverser Gebrechen meist noch (oder schnell wieder) ausüben kann!

Danach heimgeflitzt, nun auch Knieschmerzen beim Kupplungtreten, dafür kein Schwertransporter unterwegs, also nur 20 Minuten gebraucht, es muss ja fix gehen. Schließlich wartet der Hund allein daheim, der hoffentlich den verfaulten Fisch noch nicht ausgekotzt hat. Hat er nicht. Dafür lag er auf dem Sofa und hat dort seinen Restsand vom mittäglichen Strandvergnügen verteilt. Nun ja, gibt Schlimmeres.

Nächster intensiverer Spaßpunkt nähert sich aber bereits. Das Abendessen will vorbereitet werden. Ich hatte mittags kurz bei einem Bauern angehalten, weil mich diese „potatis och pumpor“-Schilder so ansprachen (vor allem vom Klang her). Also habe ich Kartoffeln und Kürbis gekauft, sogar bio. Für einen riesengroßen Gratin.

Dafür müssen die Kartoffen geschält und in Würfel geschnitten werden, auch der Kürbis wird gewürfelt, ich hatte gleich eine doppelte Portion vorgesehen, damit es morgen dasselbe gibt und ich nicht Kochen muss.
Nur: Schält mal 800 Gramm Kartoffeln ohne Sparschäler! Es gab zwar einen, aber der war stumpf. Ich fluche selten, aber da habe ich geflucht. Der Hund legte die Ohren an, fühlte sich wie immer gemeint, und verzog sich sicherheitshalber in seinen Korb, sich wohl daran erinnernd, dass die Stimmung zwischen uns ja seit dem Strandspaziergang – na sagen wir es mal milde – etwas in Schieflage geraten war.

Das einzige kleine Gemüsemesser hatte seine besten Zeiten auch hinter sich, aber mit viel Gekratze und Druck ging es dann irgendwie. Vermutlich waren danach nur noch 500 Gramm Kartoffeln übrig. Trotzdem teile ich alles auf zwei Portionen auf. Die Auflaufform ist eh winzig, das geht also gut. Kokosmilch drüber – und ab in den Ofen.

In der Ofenzeit mit dem Hund raus. Hurra, der Regen ist vorbei! Sogar so vorbei, dass die Sonne wieder scheint. Und ganz neue Perspektiven aufzeigt.

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Kvinnan med tax – und langsam nachlassender Krise.

Hungrig kehren wir nach einer Stunde nachhause zurück…

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… und geschlagene zwei Stunden nach Zubereitungsbeginn ist der Gratin dann auch fertig…

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Hart erarbeitetes Abendessen.

… und weder verbrannt, noch versalzen, sondern einfach nur lecker.

Mit den Möwen ist die Krise hoffentlich auf und davon geflogen.

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Nur die Knie, die fliegen nirgendwohin, sondern ziepen und stechen. Nun bei fast jedem Schritt.

Es wird höchste Zeit für eine Gehhilfe. Die habe ich in Deutschland geordert. In 48 Stunden landet sie in Kopenhagen, in 50 Stunden hole ich sie am nächstgelegenen Bahnhof ab (wenn ich bis dahin die Kupplung noch treten kann).

Der Gatte kommt 🙂 🙂 🙂 !!!

Ehrlich gesagt kommt er gar nicht wegen meiner Knie oder als Dogwalker, davon weiß er nämlich noch gar nichts, sondern es war ausgemacht, dass er uns vor Semesterbeginn eine Woche hier in Schweden besucht – und übermorgen ist es soweit.

Jedenfalls: Selten so gefreut auf den Partner!
Und gleich noch eine Mail losgeschickt, dass er bitte den Sparschäler und ein vernünftiges Gemüsemesser von daheim mitbringen solle. Dann haben wir wieder alles, was wir brauchen.

Mit dieser schönen Perspektive und Störtebeker sinke ich nun auf die Couch und wünsche euch einen gemütlichen Feiertagsabend!
Die Kraulquappe.

PS: Da einige Leser gespannt in Sachen Restaurantbesuch nachfragten: Ja, es hat gestern wirklich geklappt. Und die Unternehmung ist sogar gleich noch ins andere Extrem gekippt. Pippa wurde nicht nur überschwänglich begrüßt, sondern der Koch kam später höchstpersönlich am Tisch vorbei, um ihr ein Schälchen Tartar und Wasser zu servieren („Napf“ wäre tatsächlich das falsche Wort).

Das hab ich noch nie erlebt, hätte auch nicht sein müssen – lieber wär’s mir, man könnte mehrere Lokale mit Hund aufsuchen, als nur ein einziges, das dann gleich den Delikatessenschrank für den Hund plündert. Seltsames Land!

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Einen Extra-Stern für das Restaurant in Abbekas!

 

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2 Sekunden später…

She’s only fly-fishing!

Heute war der große Tag. Dank akribischer Vorbereitung sollte gen Mittag die Restaurantpremiere stattfinden.
Ohnehin wollte ich dem Ort Mörrum einen Besuch abstatten, um dort den 14km langen Lachswanderweg zu gehen.

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Wahrzeichen von Mörrum: Das Lachsmädchen.

Da ich danach Hunger haben würde, für heute wechselhaftes Wetter vorhergesagt war, so dass ein Picknick im Grünen riskant wäre, hatte ich bereits gestern die zwei Lokale Mörrums per Mail mit der üblichen GretchenHundefrage behelligt (ich hasse negative Überraschungen vor Ort, erst recht, wenn ich Hunger habe). Das eine antwortete barsch „no dogs allowed“, das andere aber meinte „you’re welcome if no other guests complain“.

Nun ja, man fragt sich zwar, wie die sich das vorstellen: ich esse gerade gemütlich, mein Hund schläft ebenso gemütlich unterm Tisch und dann erscheinen Gäste, die beim Anblick des Dackels einen Entsetzensschrei ausstoßen und sich beim Kellner beschweren – soll ich dann die Gabel fallenlassen und rausrennen?!

Wie dem auch sein würde: Ich richtete mich also auf ein Mittagessen ein, freute mich, mal an einem Tag nicht kochen zu müssen.

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Ein Kleinod an Übersetzungskunst.

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Die königliche Lachsfischerei zu Mörrum.

Mörrum ist ein Dorado für Sportangler (eine dieser Sportarten, zu denen ich null Zugang habe), der Fluss berühmt für seinen reichen Fischbestand (überwiegend Lachs) und daher Magnet für Angeltouristen aus ganz Europa (allen Ernstes!).

Aber auch in Schwedens bekanntestem Lachsfluss neigt sich die Saison dem Ende entgegen…

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…am 30.09. ist Feierabend, weshalb die 32 Pools (das sind die Angelzonen entlang des Flusses – ich hab echt was gelernt heute!) nochmal ganz gut besucht waren.
Erlaubt ist nur Spinnfischen und Fliegenfischen (was es wohl sonst noch so geben mag?).

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Ich sah Lachse springen (oder Meerforellen?), Männer stumm im Wasser stehen, zwischendurch die Angel auswerfen und danach weiter stumm im Wasser stehen.

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Bestenfalls zu zweit, tendenziell alleine, gelegentlich auch alleine mit Hund. Auf dem gesamten Lachswanderweg habe ich keine einzige Frau gesehen, die diesen Sport ausübt. Angeln scheint ein Männersport zu sein. Vielleicht, weil es so ein stummer Sport ist.

Nach gut zwei Stunden Marschieren und Staunen…

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…nähern wir uns allmählich dem Highlight des Tages, dem Restaurant „Kronolaxen“, das täglich von 11 bis 15 Uhr geöffnet hat und ein Lunchbuffet anbietet (typisch für Schweden).

Drinnen hocken ca. 20 Sportangler oder Hobbyfischer (ist da ein Unterschied?) in ihren schlammgrünen Angelklamotten stumm beim Essen. Auch hier keine einzige Frau. Wie mir nach ein paar Minuten dämmert, bin ich in der Angel-Club-Kantine gelandet.

Die einzige anwesende Frau außer mir ist die Bedienung. Sie beäugt uns kritisch, als wir das Lokal betreten, und weil wir es wagen, weiterzugehen, fragt sie uns umgehend, was wir hier machen. Auf meine Email Bezug nehmend gebe ich artig Auskunft, dann zeigt sie auf den Hund und sagt „no dogs inside“, aber ich lasse mich nicht abwimmeln, sie muss den Chef fragen gehen und kommt dann zerknirscht an den Tisch zurück, an den ich mich gesetzt habe, kassiert den Buffetpreis und meint, der Hund müsse aber komplett unter dem Tisch liegen und brav sein. Selbstverständlich, entgegne ich (und bin insgeheim froh, keine Dogge zu haben, sonst hätte ich den Tisch wechseln müssen).
Nach über 2 Stunden Gassigehen ist das Dackeltier müde und entsprechend total brav. Geschafft! Ich sitze mit Hund in einem Lokal in Schweden!

Zur Auswahl gibt es Fisch, Fisch oder Fisch. Also entscheide ich mich tatsächlich für Fisch und greife vor allem bei den Beilagen gut zu. Zurück am Tisch beginne ich zu essen. Nach den ersten paar Bissen ruckelt es heftig am Tisch, weil die am Tischbein befestigte Leine durch einen Sprung des Hundes abrupt gespannt wurde. Ich sehe nach unten und sehe die Katastrophe (und den Grund für den Ruck) an der Wand sitzen: Eine Fliege! Eine fette, schwarze Fliege!

Es gibt genau zwei Dinge (äh: Lebewesen), die unser an sich gut erzogener Hund hasst wie die Pest: Katzen und Fliegen. Bei Katzen wird gebellt wie blöd. Bei Fliegen entwickelt sie Hau-den-Lukas-artige Kräfte, die schon mal Bistro-Tische oder Biergartenbänke umreißen können. So auch heute: sie springt wild hin und her, reißt den Tisch jedes Mal ein Stück mit, die Tischbeine quietschen laut über den Steinboden.

Natürlich bringt mir just in dem Moment, als die Bravheit meines Hundes in ihrem Zenit steht, die Bedienung das bestellte Getränk an den Tisch, will es abstellen, was aber nicht geht, da der Tisch schon wieder einen Hüpfer macht, weil Fliege und Hund immer noch wild Fangen spielen. Die Bedienung quittiert dies mit einem giftigen Blick nach unten und tritt pikiert einen Schritt zur Seite.

„She’s only fly-fishing!“ sage ich so charmant ich kann – in der Hoffnung, mit diesem brillanten Milieu-Witz die Situation zu entschärfen.

Niemand lacht. Die 20 Männer essen stumm weiter, die Bedienung stellt das Wasser auf dem Nachbartisch ab und geht.

Ihr könnt mich mal. Humor- und trostlose schwedische Gastronomie. Morgen koche ich mir wieder was.
Die Kraulquappe.

Kvinnan med tax oder: Schwedische Hunde-Hysterie.

Eigentlich war das ein Tag, der es verdient hätte, einzig mit einer ehrfürchtigen und stillen Fotoserie gefeiert zu werden: Gut geschlafen, tolles Wetter, beste Stimmung zwischen Mensch und Hund, wunderbarer Ausflug auf eine traumhaft schöne Insel, Picknick in der Natur usw..

Sätze, die mit „eigentlich“ beginnen, schreien natürlich nach einem „aber“. Gleich kommt es, das ABER, ich versuche dennoch, mich damit so kurz zu fassen wie es geht (es wird eher nicht gehen) und den Fokus überwiegend auf das Erfreuliche zu richten.

Als wir am Vormittag in Hällevik eintrafen, hätte mir das Ortschild schon eine Warnung sein müssen, dass die Schweden, heidnisch verbrämt wie sie offenbar sind, nicht alle Tassen im Schrank haben. Stattdessen hielt ich erfreut an, schoss ein Foto von dem lustigen Schild …

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… und fuhr weiter Richtung Fischereihafen Hällevik.
Wieder einer dieser hübschen Orte an der Südküste, die nach Saisonende ganz der Natur und den Tieren zurückgegeben werden.

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Nur die Räucherei (hier hat man sich auf Aalfang spezialisiert) hat Museum und Verkaufsstube offen, was aber bloß Pippa interessiert, denn ich vertrage Fisch wegen des hohen Histamingehalts leider nicht so gut.

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Der Ort hat neben netten Häuschen auch einen kleinen Leuchtturm zu bieten …

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… wir können uns aber nicht allzu lange dort umsehen, weil wir noch 3km bis zum Fährhafen im benachbarten Nogersund zu laufen haben.

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Von hier aus legen die Fähren Kutter zur Insel Hanö ab. Die Insel Hanö wird von meinem alten Reiseführer-Freund Rasso in seinem Südschweden-Buch als „Perle der Ostsee“ bezeichnet und bislang konnte ich Rasso immer vertrauen.

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Pünktlich sind wir am Anleger, gehen an Bord und – jetzt kommen wir zu dem ABER! – werden, als wir uns in den einzigen für Fahrgäste gedachten Raum begeben wollen, von der Kapitänsgehilfin angeraunzt. Höflich entgegne ich auf Englisch, dass ich sie nicht verstehe, woraufhin sie mir, nun ebenfalls auf Englisch, erklärt, ich dürfe mit Hund dort nicht hinein.

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Ich frage, wieso. Sie zeigt auf ein Hund-in-rot-durchgestrichen-Schild über der Tür. Ich frage nochmal, wieso Hunde dort verboten seien. Sie murmelt was von „some passengers have allergies“. Ich frage, welche anderen Passagiere sie meine. Sie zeigt auf ein schwedisches Ehepaar, das hinter mir den Kutter betreten hat. Ich erkläre ihr, dass dieses Paar nichts gegen meinen Hund hat, da es ihn bereits am Hafen ausführlich gestreichelt hatte und sich sogar am Ohr abschlecken ließ. Die netten älteren Leute bestätigen das. Sie sind außer mir die einzigen Fahrgäste.

Die Kapitänsgehilfin beharrt auf dem Hundeverbot und ergänzt, dass auf Hanö ein kranker Mann mit Allergien lebe, der diesen Kutter auch benutzt. Zwar nicht heute, aber gelegentlich. Aha. Sie deutet mir an, ich könne mit Pippa aufs Außendeck gehen oder im Vorraum stehenbleiben. Ich fluche auf Deutsch, zunächst ein „Verdammt nochmal, dass ich nicht auf Englisch oder – noch besser – auf Schwedisch fluchen kann!“, dann „Scheiß-Schweden!“.

Die haben hier echt landesweit eine bekloppte Hunde-Hysterie. In kein Lokal, in kein Café, in kein Hotelrestaurant (manchmal nicht mal ins Hotel!) kommt man mit Hund rein, zumindest nicht ohne hartnäckige Verhandlungen, und wenn es dann klappt, dann landet man an einem Katzentisch im hinterletzten Eck (und mal ehrlich: mit einem Hund am Katzentisch, das schlägt dem Fass doch den Boden aus!).

Dann klemme ich mir schnaubend meinen kleinen Hund unter den Arm und stapfe die Treppe zum Außendeck hoch.

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Da hocken wir nun. Auf den Stufen, nah an der Reling. Der Kutter startet. Die 30 Minuten nach Hanö sind ein Abenteuer, denn es hat so krassen Seegang, dass die Gischt aufs Deck spritzt, der Kutter schaukelt wie wild, der Wind pfeift uns um die Ohren, die Motoren dröhnen, der Diesel stinkt. Ich kann mich auf den Stufen sitzend nicht anlehnen, Pippa ist das Ganze nicht geheuer und als die beruhigende Hand nicht mehr hilft…

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… muss ich sie auf den Schoß nehmen und festhalten, was mir nach 20 Minuten schief sitzen und Wackelausgleichsversuchen üble Rückenschmerzen beschert.

Kurz vor Hanö kommt die Kapitänsgehilfin aufs Außendeck geschwankt und will das Geld für den Fahrschein kassieren. 68 Kronen für die Hin- und Rückfahrt, toller Nachsaisonpreis zwar, aber ich sag‘ ihr, dass ich das nicht voll bezahlen werde, weil ich hier oben nicht den vollen Komfort hatte. Ehrlich gesagt: ich hatte gar keinen. Es geht nochmal eine Weile hin und her, schließlich zahle ich den halben Preis für diese genussreduzierte „Vuxen rundtur“ durch das Gewässer im Land des Hexenkults.

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Genug gemotzt. Schweden hat großes Glück, dass es mir sonst so gut gefällt, dass ich auch weitere Male hierher reisen werde, aber in Sachen Hundefreundlichkeit kann man dem ganzen Land nur eine intensive Verhaltenstherapie verordnen (inklusive Aufklärungsarbeit über Gesundheitsrisiken durch Kontakt mit Hunden).

Die Stunden auf Hanö entschädigten mich allerdings für den Ärger bei der Überfahrt mehr als reichlich.

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Der Hafen von Hanö.

 

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Auf dem Weg durch den winzigen Ort.

 

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Herbst auf Hanö. Fußballsaison für Pippa.

 

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Auf dem Weg zum Fyren, dem höchstgelegenen Leuchtturm der Ostsee.

 

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Auf 74 Meter Höhe: Der Hanö Fyn.

 

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Eine Skulptur auf dem Weg zum Englischen Soldatenfriedhof.

 

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Achso, das ist gar nicht Kunst, sondern eine David-Bowie-Gedenkstätte!

 

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Der Engelska kyrkogarden. Viele Soldaten waren’s ja nicht.

 

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Wanderung bis an die Nordspitze der Insel, zur Landzunge Brönsäcken, die von Wind und Wellen ständig umgeformt wird.

 

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Zurück zum Hafen an der Westküste entlang.

 

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Ohne Worte.

Nach 3 Stunden sind wir geschafft wieder am Hafen und nehmen den Nachmittagskutter zurück nach Nogersund. Die Kapitänsgehilfin knurrt kurz, als wir das Boot betreten, sie sagt was zum Kapitän, und rechnet nicht damit, dass ich einen kleinen Satzfetzen verstehe, weil ich den nun schon öfter gehört habe, im Café, im Hotel, im Klostergarten: „(…) kvinnan med tax (…)“.

Genau, das bin ich! Kvinnan med tax. Die Frau mit dem Dackel.
Wir knurren zurück, trollen uns aufs Außendeck, lassen uns zurückschunkeln und von den ollen Hundehysterikern auf keinen Fall unser schönes Leben vermiesen.

Einen guten Abend wünscht
Die Kraulquappe, vom Winde verweht.

Postskriptum.
Gerade trifft eine Email vom Gatten aus der fernen Heimat ein, die einen Absatz enthält, den ich gleich in diesen Beitrag einfügen und auch beantworten möchte.
Der Gatte schreibt, wie immer anteilnehmend und interessiert an meinem Schicksal, folgende Worte:

"(...) Die Insel sieht wirklich nett aus. 
Hab sogar auf Wikipedia nachgelesen und zu meinem Entsetzen festgestellt, 
dass es im Ort einen krassen Bevölkerungsschwund gibt: 
Im Jahr 2000 gab es 39 Einwohner, 2008 aber nur noch 33!!! 
Aktueller ist Wikipedia nicht, aber wenn das kontinuierlich so weitergegangen ist, 
dann waren es heute, 26.09.2016, nur noch 27! Hast du die alle getroffen?(...)"

Lieber Gatte,
Wikipedia ist wirklich gar nicht mehr auf dem Laufenden. Ich hatte heute, am Nachmittag des 26.09.2016, nur noch das Vergnügen, 8 Einwohner der Insel Hanö zu treffen! In zwei Häusern in Hafennähe sah es zudem so aus, als säßen jeweils Rentner beim Apfelschälen in der Küche. Also lass es 10 sein. Falls der Kapitän und seine Gehilfin auch noch dazugehören, was ich aufgrund der miesen Stimmung zwischen der Besatzung und mir nicht klären konnte, sind es maximal 12.
Wenn es, wie du korrekt berechnet hast, weiterhin alle 8 Jahre zu einer Schrumpfung um 6 Einwohner kommt, ist Hanö im September 2032 leer. Das wär‘ doch dann was für uns! Sind wir da schon in Rente?
Ich vermutlich schon, denn ich rentiere ja jetzt schon vor mich hin, aber wie steht’s mit dir? Naja, zur Not nimmst du mal ein Sabbatical oder drei Forschungssemester am Stück.
Wobei ich zu bedenken gebe, dass Rasso in seinem Reiseführer schreibt: „Seit 1956 leben Damhirsche auf Hanö, zunächst 5, heute geschätzte 100 bis 200 Tiere.“ Nicht auszudenken, wie viele es sein mögen, bis die Insel menschenfrei ist. Das gäbe dann ein Problem mit unserem Hund. Heute konnten wir die Hirsche noch in die Flucht schlagen, aber wie viele Hunde müssen wir mitnehmen, um die riesige Population 2032 noch in Schach halten zu können? Rechnest du das bitte mal aus?
Ich wünsch‘ dir einen schönen Abend und küsse dich!

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Vor kvinnan med tax flüchtender Hirsch auf Hanö.

 

Zwei Bayern auf Rügen.

Nach einer unruhigen Nacht – üble brandenburgische Dorfkatzenschlägerei, da schlägt auch der müdeste Dackel an, und wie! – in unserem Quartier im Hohen Fläming…

…ging es weiter Richtung Mecklenburg-Vorpommern. 

Animiert durch unseren Nachbarn im Stau zwischen Grabow-Below und Röbel-Müritz…

… legten wir wenig später eine ausgiebige Mittagsrast in der Schwinzer Heide ein. 

Mit viel Lust haben wir dort den Krakower Obersee umrundet…

…und uns anschließend ein köstliches Fischbrötchen im „Rökerhus“ geteilt.

Danach ging’s ohne weitere Pipipausen durch bis zu unserem Zwischenstopp 2 auf Rügen.

Bekanntes Terrain für Pippa – sie wusste 30 Sekunden nach Öffnen der Autotür, wo wir sind und wo’s langgeht.
Natürlich zum Meer!

Von der Insel grüßen euch, etwas gerädert vom vielen Fahren,
Die Kraulquappe und ihre sandige Begleitung.