I come from down in the Valley oder: Ausflug zum Mangfallknie.

Während sich halb München an den Seen oder in den Bergen tummelt und sich mit den vielen Urlaubern um einen freien Platz am Seeufer oder auf der Hüttenterrasse kloppt: einfach mal ins Mangfalltal verschwinden!

Lange, erfrischende Flusswanderung zwischen Hohendilching und Kleinhöhenkirchen hinauf zum Schlossbräu nach Valley. Menschenleere, schattige Wege, teils ungeahnt hügelig.

In Valley dann ein hübsches Schloss mit Brauerei und Biergarten daneben.
Für Kulturinteressierte ein Orgelmuseum und für Gebräuinteressierte eines der wenigen bernsteinfarbenen Weißbiere der Region.

Auf dem Hin- und Rückweg unzählige Spiel- und Badegelegenheiten.
Sehr zu des Fräuleins Freude, die ganze Unternehmung.

Zum Schluss noch ein Skulpturenpark und eine Prise Petrichor.
Sommer ist etwas Wunderbares!

Hund haben (18).

Eines der großartigsten Phänomene jahrelangen Hundhabens besteht darin, dass man mit der Zeit all jene Dinge vergisst oder verdrängt, die man in seinem früheren, hundelosen Leben total gern unternommen hat und die mit Hund an der Backe Hacke einfach nicht mehr so gut gehen oder eher schlecht machbar oder sogar ganz und gar unmöglich sind.

Ich nehme an, es geht Menschen mit kleinen Kindern recht ähnlich und auch sie vergessen mit den Jahren, wie schön das Leben zuvor war, vor allem, was spontane und nicht generalstabsmäßig und tagelang vorher organisierte Abendunternehmungen oder gar Kurzreisen angeht.
Wie nett es war, nach Lust und Laune Biergärten, Theater, Ausstellungen, Kinos, Lokale, Freunde aufsuchen zu können (und das alles ohne ständigen, verantwortungsbewussten Blick auf die Uhr), im Hochsommer stundenlang lesend an Seeufern herumzudösen oder gleich tageweise in die Berge zu flüchten.
Wie unkompliziert es war, in fremden Städten oder Ländern eine Unterkunft zu finden oder ein paar Urlaubstage oder -wochen zu gestalten.
Wie wenig man sich mit dem Partner abzustimmen brauchte, als man noch zu zweit war: es genügte ein „Du, ich treff mich heut Abend mit X, es kann spät werden!“, nun spricht man sich Tage im Voraus ab, wer wann für den Hund zuständig ist, teilt Abendgassis auf, informiert sich über die aktuelle Verdauungslage des Vierbeiners und muss sich in beruflich oder privat enger getakteten Phasen genauestens an Absprachen halten, da es nunmal nicht geht, dass der Hund statt drei Stunden auf einmal mehr als doppelt so lang allein zuhause ist, nur weil einem nach dem Pizzaessen mit einer Freundin plötzlich noch der Sinn nach einem Kinobesuch steht oder die Arbeitskollegen nach Feierabend zu einem gemeinsamen Biergartenbesuch aufrufen.

Da zieht also eines Tages dieses sogenannte „Glück auf vier Pfoten“ ein und in den folgenden zwei Jahren staunt man nicht schlecht, was alles plötzlich nicht mehr geht oder nur noch anders oder mit mehr Aufwand machbar ist oder einem aber bereits im Vorfeld so viel Aufwand bescheren würde, dass man abzuwägen beginnt, ob das noch in einer vernünftigen Relation zu der angestrebten Unternehmung steht oder es nicht entspannter ist, die Sache einfach bleiben zu lassen und nach adäquten Alternativen zu suchen.
Wehmut und Ernüchterung überschatten gelegentlich dieses immens große Glück, das einem die Wohnung vollhaart und einem das nachmittags im Café aus Langeweile zernagte Bierfilzl nachts um 4 Uhr von Gallenflüssigkeit ummantelt auf den Teppich würgt.

Nach weiteren zwei Jahren hat man schließlich mit viel Veränderungswillen und Anpassungsarbeit einen Modus gefunden, in dem sich dieses so gänzlich neue Leben wieder gut und rund anfühlt. Und nochmal zwei Jahre dazu, und schon hat man komplett vergessen, wie das Leben früher mal war.

Ein perfekter Assimilationsprozess ist das, den das Hirn da vollbringt, und er kommt nach ein paar Jahren zu einem geradezu perfekten Abschluss: Man ist dann genauso glücklich wie früher, nein, Unsinn, sogar deutlich glücklicher als früher ist man jetzt, denn ein einziger Dackelblick aus diesen ehrlichen, braunen Augen, und schon ist alle Mühsal und Einschränkung wie weggeblasen, und ein Leben ohne Hund ist im Lauf der Zeit sowieso ganz und gar unvorstellbar geworden – nicht auszudenken, der kleine Schlawiner wäre plötzlich nicht mehr da…

Vier Tage Passau mit Hund und mit Temperaturen von deutlich über 30 Grad bedeuten, dass man vieles, das zu sehen man hoffte, überhaupt nicht zu sehen bekommt (wg. für Hundepfoten zu sonnigen oder langen Wegen dorthin) oder nur die absurdesten Orte sieht (z.B. betonierte, schattige Flusszuläufe, durch die man gemeinsam zwecks Abkühlung watet, oder das verschlammte Inn-Ufer oder die veralgten Donautreppen) oder aus anderen Gründen nichts sehen kann (stundenlanges Verharren unter einem zwar schönen, aber licht- und sichtraubenden Blauglockenbaum, wo es der Hund gut aushält und endlich mal nicht hechelt).

Man gibt dazu dann Kommentare zum Besten wie „Dieser Hund hat meine Perspektive auf die Welt und das Leben vollkommen verändert!“ oder „Dank meines Hundes entdecke ich nun so viel Neues!“ – und das stimmt natürlich auch. Absolut stimmt das.
Früher hätte ich mir halt das Museum für Moderne Kunst angesehen, vielleicht auch eine Führung im Stephansdom oder eine ArchitekTour mitgemacht, wäre zu Fuß jedes Gässchen dieser hübschen Stadt abgelaufen, den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und hätte mich von Eindrücken und Neigungen einfach mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Und nun? Mit Pippa an meiner Seite verzichte ich der Hitze wegen auf all diese Dinge. Meine Perspektive auf Passau ist nun eine, in der mein Auge immer geschickter nach schattigen Rasenstücken, erfrischenden Bachbetten, möglichen Flusszugängen, kühlen Seitengässchen, sonnenbeschirmten Cafés, klimatisierten Geschäften sucht – und fündig wird. Bin ja schließlich kein Anfänger mehr.

Gut, in den Stephansdom habe ich das Dackelfräulein trotz der Verbotsschilder mit reingeschmuggelt und in einer Nische unter einem Opferstock (Aufschrift „Für die Armen“) angebunden, wo sie dann friedlich auf dem kühlen Kirchenboden lag und auf mich wartete und die Spendenfreudigkeit sicher mächtig angekurbelt hat, falls jemand ihrer dort gewahr wurde.
Draußen hätte ich sie nirgendwo lassen können und ich bin sicher, dass Gott, falls es ihn doch geben sollte, auf jeden Fall damit einverstanden gewesen wäre, dass ein Hund keinesfalls auf kochendheißen Steintreppen vor dem Dom warten muss.

Als der Gatte seine Tagung hinter sich gebracht hat und wir überlegen, was wir in den verbleibenden 24 Stunden in Passau noch gemeinsam unternehmen könnten, schminken wir uns schnell alles, was mit der hübschen Altstadt zu tun hat, ab. Dort finden nämlich unzählige Festivitäten statt (Mitternachtsshopping, Konzerte, etliche Sommerfeste, tagsüber wie nachts), so dass klar ist: zu der perversen Affenhitze kämen auch noch größere Menschenmengen hinzu – das geht einfach gar nicht mit einem Dackel, der ja eh gern mal übersehen wird („Huch, wen haben wir denn da unten?“).

Also verbringen wir den einzigen gemeinsamen Abend oberhalb der Innstadt, laufen über luftige Höhenwege vom Kloster Mariahilf bis zum oberösterreichischen Grenzstein und zurück. Das tut dem Hund sehr gut, dort oben zu flanieren: der Asphalt ist kühl, es ist nichts los und man kann endlich mal wieder ein paar Katzen verbellen, weil endlich mal wieder ein paar Kräfte in den kleinen, von der Hitze geschundenen Hundekörper zurückkehren, weil die Umgebungsvariablen stimmen. Danach duschen wir uns alle noch kühl ab und legen uns unter kalten Tüchern aufs Hotelbett. Da kann einem doch jedes Altstadtsommerfest gestohlen bleiben!

Am nächsten Morgen – für den Tag sind 35 Grad vorhergesagt – verwerfen wir ebenfalls jegliches eigentlich noch geplantes Stadtprogramm, lediglich die Veste Oberhaus handeln wir als Kompromiss aus. Zuletzt als Kind mit dem Papa dort gewesen, weil die in der Burg gelegene Jugendherberge umgebaut oder eingeweiht wurde (ich weiß nur noch, dass ich es da recht unheimlich fand, so mit richtigen Luken statt Fenstern, Burgfeeling eben).
Wir starten früh, ergattern den letzten Parkplatz im Schatten und schlagen uns immer nah an den Burgmauern durchs Gelände, ab und an muss das Fräulein irgendwo kurz warten, wenn wir einen sonnigen Aussichtspunkt aufsuchen wollen.

Nach einer (!) knappen Stunde im Burggelände ist sie trotzdem sehr geschafft, allein von der warmen Luft. Also beginnt nun wie ausgemacht das Hundeprogramm, für vier (!) Stunden, wohlgemerkt. Beim Frühstück bereits gründlich recherchiert, wo der nächste See ist, an dem wenige Menschen und keine Hundeverbote zu erwarten sind.
Das ist der Stausee Oberilzmühle, sagt Google. Die Hotelbesitzerin wird dazu auch noch interviewt und auch nach ihren Infos klingt das Ganze ziemlich gut: bloß 20 Minuten zu fahren, sauberes Gewässer, Waldwege drumherum, nur irgendwo eine kleine Liegewiese und eine FKK-Bucht, Parkplatz weit genug vom Seeufer entfernt, so dass nicht mit allzu vielen Besuchern zu rechnen ist. Sogar eine Rundwanderung ist möglich und eine Einkehr soll es auch geben.

Also verbringen wir den letzten Tag fast komplett an der Ilz, die ja immerhin auch was mit der Dreiflüssestadt zu tun hat (zwar als kleinste der drei dort zusammenfließenden Wasseradern, aber mei), laufen auf dem Ilzwanderweg, spielen Frisbee mit Pippa, gehen mit ihr zusammen in den Stausee oder in den flachen Fluss, gucken ihr glücklich und zufrieden dabei zu, wie sie sich im kühlen Gras den nassen Rücken schubbert oder auf schmalen Waldwegen munter vorauswetzt und nur wenige Mal müssen wir ein bisschen Obacht geben, dass sie nicht einem im Ufergebüsch herumlümmelnden und Kombucha trinkenden Nackerten über seine Yogamatte saust (eher alternatives Publikum dort am Ilzstausee).

Der Hund ist im Vergleich zu der einen Stunde im Burggelände der Veste Oberhaus wie ausgewechselt – und die Welt ist wieder rund und schön. Für uns alle. Wir klopfen uns Tannennadeln und Kies aus den Trekkingsandalen, holen die Leckerlis, die Pippa nicht erwischt, selbst aus der Strömung, rutschen dabei fast auf den glitschigen Steinen in der Ilz aus, sprühen uns reichlich mit Anti-Brumm die fast dauernd nassen und von Mücken umkreisten Wadln ein und genießen den Familienausflug. Was hätte man schon in der Passauer Altstadt gesollt? Pah!

Bei der Triftsperre angekommen, sehen wir schon das von unserer Hotelchefin erwähnte „abgelegene Gasthaus“ samt dem sympathischen blauen Schild der Löwenbrauerei Passau durch die Bäume schimmern.

In einer weinrebenberankten Laube des Biergartens lassen wir uns zu einem Imbiss nieder. Von der Nicht-Biergarten-Seite aus erkennt man den Gasthof dann übrigens sofort wieder: Im Mai war er in jeder deutschen Tageszeitung zu sehen. Nicht wegen seiner hübschen Laube oder seines eher durchschnittlichen Essens oder des überbordenden Lokalkolorits in jedem Winkel des Gebäudes und auch nicht wegen manch ebenso antiquarischen wie schlichten Angebots in der Speisenkarte (Limo weiß oder gelb: 2,50€, ja köstlich!). Sondern wegen des dreifachen Armbrust-Suizids, der hier vor ein paar Wochen stattfand. Haben Sie sicher gehört oder gelesen.

Das illustre Trio erweckte wohl schon beim Einchecken etwas Misstrauen bei der Pensionswirtin, da ohne Gepäck gereist und das Frühstück explizit nicht mitgebucht wurde. Macht man ja als Übernachtungsgast eigentlich nicht.
Nun, sieht man die Pension von innen, was man leider muss, wenn man die hübsche Gartenlaube verlässt, um kurz die Toilette aufzusuchen, kann man das sofort nachvollziehen, denn nichts – absolut nichts! – lädt dazu ein, sich hier häuslich einzurichten oder gar ein Frühstück einzunehmen. Aber aus Sicht der Gasthofsbesitzer wird sich das wohl anders anfühlen.

Kein Zufall auch die Ortswahl für diese geplante und gruselige Hinrichtung, denn der mystische Tunnel hinter der Triftsperre, in dem es nachts spuken soll (Mädchenschreie, verschwundene Pfaffen etc.) sowie die Nähe zur Burgruine Reschenstein, auf der es ebenfalls nicht mit reschten Dingen zuzugehen scheint, zieht gelegentlich Menschen an, die sich von solchen lost & spooky places angezogen fühlen und über solche Orte nicht immer nur zur Geisterstunde in Foren mit Gleichgesinnten diskutieren, sondern das mal in echt erleben wollen.

Und manch besonders düsteres Vorhaben lässt sich vermutlich eben besser an einem solchen Ort umsetzen als beispielsweise in einem inmitten saftig grüner Bergwiesen gelegenen 3-Sterne-Hotel mit bodentiefen Glasfronten vor jedem Zimmer und einladender Lobby direkt hinter der Panorama-Sonnenterrasse, von der aus der Blick wahlweise zum Alpenglühen auf dem schrofigen Felsmassiv gegenüber oder zu den glücklich weidenden Kühen der nebenan befindlichen Alm schweift. Da passt so ein niederbayrischer Hinterlandgasthof mit Tunnel und Burgruine daneben schon eher.

Dem Hund ist all das aber ohnehin wurscht, denn Hauptsache während der Rast, und zwar ganz egal, wo und von wie vielen Sternen umgebeben die stattfindet, gibt es die übliche handvoll Futter samt genug Wasser im faltbaren Reisenapf: ein seit Jahren nicht verhandelbarer Programmpunkt bzw. eher so eine Art Ablasshandel (= Ihr dürft hier ein Stündchen in Ruhe sitzen, wenn ich dafür eine Extraportion Fressbares abstaube).

Es war ein toller Tag dort an der schwarzen Ilz. Was man nicht alles sieht und erlebt, wenn man mit Hund leben und reisen darf.
Stephansdom oder Donauschifffahrt kann ja jeder, aber die Halser Ilzschleifen, den Stausee Oberilzmühle und die Triftsperre, zu diesen Kleinoden im Passauer Umland verschlägt es nur die wenigsten Besucher.

Danke dafür, liebster Hund!

(Und gib Bescheid, wenn das kalte, nasse Geschirrtuch dir wieder zu warm wird, dann tränken wir es nochmal in Eiswasser.)

Himmel der Bayern (61): Auffe, umme, obbe.

Lang nimmer do gwen.

Niederbayern. Passau.

Zuletzt wohl mit U., fürchte ich, an irgendeinem Winterwochenende, das ich geflissentlich verdrängt habe.

Es dominieren eh die Kindheitserinnerungen an die idyllische Dreiflüssestadt. Der Papa hatte damals oft hier zu tun und nahm uns ab und zu mit. Wunderschöne Altstadt, viel Kopfsteinpflaster und rundum überall Wasser. Fein!

An einem alten Gebäude am Donauufer zeigte er mir – ich war vermutlich 6 oder 7 Jahre alt – die Hochwassermarkierungen und ich weiß noch, wie fassungslos es mich machte, dass die Donau hier höher gestanden haben sollte als ich groß war (stimmt das grammatikalisch? falls nicht, sehen Sie’s mir bitte nach: es hat 35 Grad und ich hab 3 Stunden Rumlaufen hinter mir).

Ich erinnere mich an Herrn W., den späteren Gründer des Passauer Musuems für Moderne Kunst, er schenkte mir damals ein hübsches, aber kompliziertes Holzspiel, für das mir die Geduld fehlte. Und an ein mittleres Drama zwischen den Eltern, weil die Mutter mit einem Absatz im Kopfsteinpflaster hängenblieb und der Tag dann gelaufen war (und das nicht etwa, weil sie sich verletzt hätte).
Überwiegend aber sehe ich den Papa, wie er uns in seiner beigen Freizeithose und seiner Frühe-80er-Jahre-Windjacke (modische, gerippte Bündchen!) vorausläuft und sich überall auskennt und uns auf dieses und jenes aufmerksam macht (das Kind soll ja was lernen!).

Zu Studienzeiten auch ein paarmal durch Passau gefahren, auf dem Weg zum Freund nach Wien, der wegen seiner zeitaufwändigen Facharztausbildung nicht so oft die Stadt verlassen konnte. Meist kurze Rast hier, einen Happen gegessen und weiter.

Einer der Passau-Stops gekrönt von einem spektakulären Schlüsselbruch an der Autobahntankstelle. (Für die Jüngeren unter den Lesern: Ja, Schlüsselbruch. Damals sperrte man ein Auto noch ab. Mit einem richtigen Schlüssel.)
Getankt, dann den Schlüssel ins Schloss gesteckt und umgedreht, ihn wieder abziehen wollen und – schwupps! – blieb einfach der halbe Schlüssel im Schloss des kirschroten Fiestas stecken. Sehr ratlos stand ich da an der Tanke, das weiß ich noch gut.
Zweitschlüssel lag daheim in Würzburg, Handys hatte damals noch niemand, aber wenigstens befand sich das Portemonnaie in meiner Hand, das gab ein wenig Halt.
Der Tankwart hatte einen Spezl unten in der Stadt, und dessen Bruder hatte eine Ford-Werkstatt. Also fuhr mich der Tankwart obbe in die Stadt zum Ford-Händler, ich lief zur Werkstatt umme, der dortige Kfz-Mechaniker fuhr mich wieder auffe, öffnete mein Auto ruckzuck auch ganz ohne Schlüssel, entfernte die Reste desselben aus dem Schloss und fertigte mir unten in der Werkstatt einen neuen Schlüssel an (im Handschuhfach lag ja ordentlich das Bordbuch samt Serviceheft, dort war die Schlüsselnummer notiert).
Drei Stunden später und 200 DM ärmer (zu Studentenzeiten eine mittelschwere Katastrophe) konnte ich weiterfahren nach Wien, der angehende Herr Psychiater machte sich schon Sorgen und der geplante Absacker im Heurigenlokal fiel wegen meiner späten Ankunft leider flach.

Ich glaube, es gab sogar mal ein Wochenende mit dem Wiener Freund in Passau, weil exakt in der Mitte gelegen zwischen Wien und Würzburg. Kann aber nicht so prickelnd gewesen sein, sonst wäre die Erinnerung deutlicher. Ein ibis-Hotel, glaub ich, ohne Fön, mit schlechtem Frühstück und grausligem Weichspülergeruch im Bettzeug.

Dann waren da noch zwei nicht mehr genau datierbare Besuche bei K., in Hacklberg, einem Vorort von Passau. Seinerzeit der engste Mitarbeiter vom Papa und ein enger Freund von mir. Der zeigte mir als Einheimischer und Ortskundiger die Museen und Beisln der Stadt.

So viel zur persönlichen Passau-Historie.

Diesmal reisen das Dackelfräulein und ich dem Gatten voraus, der hier ab morgen eine kleine Tagung zum Thema „Stress“ begleitet (als ob er davon nicht eh schon genug hätte). Hören wir uns vielleicht auch mal einen Vortrag an, falls der Hörsaal klimatisiert ist. Ich schwanke noch zwischen einem Vortrag über Husserls Beitrag zur Stressforschung und einem anderen mit dem verlockenden Titel „Sinn finden in der Arbeitswelt“ (hä?, aber kann ja u.U. mal nicht schaden).

Vielleicht belassen wir’s aber auch bei Streifzügen durch die schattigen Gässchen der Altstadt, Eisessen, Rumgucken, Fotografieren, Baden am Innufer (das Fräulein) und Schwimmen in einem der schönsten Freibäder Deutschlands (ich). Zwischendrin ein wenig Schreiben und Arbeiten, falls die Hitze zulässt es und die Lüftung des Laptops nicht schlapp macht. Morgen Abend hinauf nach Hacklberg, wo uns K. in seinem Garten bewirten möchte, der Gatte ist sowieso bis spätabends eingespannt mit dem Tagungsvolk.

Natürlich aber ist – Sie ahnten es vielleicht eh!? – der Hauptgrund unserer Fahrt nach Passau ein Besuch im hier ansässigen, weltweit ersten Dackelmuseum (!), das vor gut einem Jahr seine Pforten öffnete und diese auch für Besucher auf vier Beinen nicht verschließt (so gehört sich das auch).

Betrachten wir diese Ausflugstage also als Dienstreise und fachliche Fortbildung, außerdem muss man ja auch den Viecherln mal ein bisserl was für den Verstand bieten und nicht immer nur ein sportliches Programm.

Wir halten Sie auf dem Laufenden, wünschen erträgliche Saharatage und immer einen kühlen Fluss in der Nähe.

Aus Passau grüßen reichlich verschwitzt –

Die Kraulquappe & Fräulein Pippa

PS: Der Shop vom Dackelmuseum ist zwar schön kühl, aber sonst ein geballter Irrsinn.

PPS: Gerade das „Kowalski“ wiedergefunden. Mehr als 20 Jahre ist’s her…

Kneippen in Kreuth.

Die auf dem Berg heißgelaufenen Pfoten kühlen.

Ein Wasservideo mit Elementen aus der Schnorchelkunde und der Gehmeditation.

Und nun zum Papa, Grillen im Garten. Schmeckt wie Urlaub.

Song des Tages (34).

Schon der zweite Traum von B. innerhalb weniger Tage.
Und eine völlig neue Traumkategorie erlebt: den Traum im Traum, sozusagen.

*****

In dem zu Pfingsten geträumten war ich mal wieder (eine schon vertraute Traumsequenz) im selben Hotel gelandet wie B., und nicht die Einzige, die sich über das zufällige Entdecken dieser Prominenz freute. Nett, wie er in meinen Träumen immer ist, lässt er sich ganz spontan an der Bar zu einem kleinen Signier- und Plauderstündchen nieder.

Die anderen interessierten Hotelgäste rücken mit seiner Autobiographie unterm Arm an und wünschen sich ein Autogramm auf der vordersten Vakatseite, vielleicht noch mit ihrem Namen davor.
Mir ist das zu schnöde. Ich sause auf mein Hotelzimmer und hole ein Album im DIN A3-Format aus meinem Koffer. Seitliche Spiralbindung, schwarzer Karton mit breiten Rillen außen, die schwarzen Seiten im Inneren mit weißer Tusche beschriftet, alle Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte etc. seit 1985 sorgsam eingeklebt (nein, ein solches Album gibt es in echt nicht bzw. nicht mehr). Zufällig habe ich dieses Riesending dabei, wie das halt in Träumen so ist.

Bis ich wieder in der Bar ankomme, ist von der kleinen Schlange vor dem Tresen nur noch eine Person übrig, B. signiert fix das Buch, die beiden tauschen noch zwei Sätze aus, dann bin ich dran. Ich lege das unhandliche Album auf den Tresen, er guckt verdutzt, ich schlage es auf, reiche ihm einen Silberlackstift und bitte ihn, er solle sich ein freies Fleckerl aussuchen. Er blättert es durch und bleibt auf der seltsamsten aller Seiten in diesem Buch hängen: eine schwarze Doppelseite, auf der lediglich links oben ein Aufkleber pappt: ein knallroter Kussmund mit herausgestreckter Zunge. Ja genau, der von den Stones. Was auch immer der in dieser Devotionaliensammlung verloren hat. Egal.

B. bleibt bei dieser Seite, zieht die Kappe vom Silberlackstift ab und guckt mich erwartungsvoll an. Siedend heiß fällt mir ein, dass ich mir ja noch gar nicht überlegt habe, was ich da gern für eine Widmung drinstehen hätte. Am liebsten freie Prosa, aber so läuft das ja nicht, wenn man sich nicht kennt.
Sonst ein wandelndes Songbook und überhaupt ja mit einer gewissen textlichen Spontaneität ausgestattet, ist mein Hirn in dem Augenblick wie leergefegt.

B. lacht mich an und kratzt sich mit der Hinterseite des Lackstifts im Nacken. Der erste Textfetzen, der mir wieder zu Bewusstsein kommt, ist eine eine Zeile aus Badlands. Zufällig auch der Untertitel des Blogs einer Freundin. Den stammle ich dann: It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Er schmunzelt, fragt nach meinem Namen, schüttelt den Stift nochmal, das Kügelchen im Inneren des Stifts scheppert wie wild, und dann schreibt er – in dem Augenblick ganz ernst und konzentriert dreinblickend – diesen Satz quer über die schwarze Doppelseite. It ain’t no sin to be glad you’re alive.
Drunter noch eine persönliche Widmung, die ich nicht erinnere, weil ich ja wie gelähmt bin von dem Moment selbst, der Atmosphäre, der fehlenden Distanz, der Intimität dieses Augenblicks.

Wir unterhalten uns noch kurz – er spricht sogar ein paar Brocken Deutsch – und danach ziehe ich mit meinem monströsen Album, das ich wie einen Pokal in beiden Händen halte, selig von dannen.

*****

Heute Nacht dann eine andere Szenerie.
My Hometown. Das Fräulein und ich abends auf dem Flauchersteg, große Abendgassirunde am Ende eines heißen Sommertages.
Dort steht ein Mann mit Stadtplan am Geländer und guckt abwechselnd in den aufgefalteten Plan oder gen Süden. In einer eher seltenen Aufwallung von sommerlicher Lockerheit und menschlicher Zugewandtheit gehe ich hin und frage, ob ich helfen könne. Kann ich bestimmt, sagt er, und als er sich zu mir dreht, erkenne ich B. Und er mich.
Wir hätten uns doch erst neulich im Hotel getroffen, meint er. Ich bin perplex, weil mir im Traum bewusst ist, dass diese Hotelbegegnung doch eine geträumte war, aber wie er das so sagt, bin mir dann nicht mehr sicher und nicke zustimmend.

Er suche einen Biergarten, sagt er, in dem er vor über 30 Jahren mal war, den Bruckenfischer. Himmel, der ist in Schäftlarn, antworte ich, da sei er hier aber reichlich falsch. Empfehle ihm den nahegelegenen Flaucherbiergarten. Aber er will unbedingt zum Bruckenfischer. Ob ich ihm den Weg erklären könne. Immer der Isar entgegen, sage ich, und zeige nach Süden. Es wären aber locker 18km, gebe ich zu bedenken.

B. schaut mich von der Seite an, die Abendsonne leuchtet auf seinen Hals und sein Gesicht, ich nehme wahr, wie alt er geworden ist, wie müde er aussieht, dann räuspert er sich und fragt mich, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen. 18km, das sind, wenn wir nicht rennen, knapp vier Stunden, denke ich. Aber vor allem denke ich: das ist eine dieser Chancen, die man nur einmal im Leben bekommt und die man ergreifen muss.
Also sage ich: Ja, sehr gerne. Und wir gehen gemeinsam auf dem schönen Flauchersteg weiter, durch die Isarauen, immer weiter, down to river.

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That night we went down to river, denke ich träumend und wache leider zu früh auf.

Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

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24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

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Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

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Der Große Heiner oder: Panta rhei.

Zum mexikanischen „Tag der Toten“, der zugleich der „Schnitze-einen-Kürbis-Tag“ sowie der „Wolfgangstag“ und nebenbei auch noch der Reformationstag war, besuchten wir nach Langem mal wieder den Großen Heiner.

Das Dackelfräulein liebt den Weg zum Großen Heiner. Von Grünwald im Isartal geht’s durch raschelndes Laub am Hochufer entlang, dann auf verschlungenen Pfaden durch schönste Wälder hinab zum Fluss.
Dort unten hat man die Wahl zwischen Trampelpfaden, die durch urwald- und sumpfgebietsähnliche Vegetation führen, normalen Waldspazierwegen, Pfaden am Rande der Isarkiesbänke entlang und diversen kleinen Nebenwegen.
Die kleine Hundemadame wetzt immer vorneweg – es ist genau ihr Terrain: Zwischendurch ein vermooster Hügel mit freiliegendem Wurzelwerk, an dem man herumnagen und -zerren kann oder sandige Löcher, wie gemacht für die Dackelschnauze und die grabefreudigen Vorderläufe. Bächlein und Rinnsale, über oder durch die man beherzt hindurchhüpfen kann, während der Zweibeiner wie ein zittriger Idiot über den Baumstamm stelzt, der von einem Bachufer zum anderen führt und bei jedem Schritt leicht wippt.

Flussaufwärts marschieren wir gute 5 Kilometer, bis wir ihn aus der Isar hervorlugen sehen: den Georgenstein, früher mal „Großer Heiner“ genannt, was uns besser gefällt als die Benennung nach Sankt Georg, weil wir’s nicht so mit den Heiligen haben und mit Drachentötern schon gar nicht.

Ein Seelenort, dieser Felsblock mit seinem Blechheiligen darauf, nur über den steinernen Damm zu erreichen.

Wir setzen uns auf einen der großen Steine und lauschen dem heimatlichen Fluss, der hier nicht wild tost, sondern ruhig dahingleitet.
Alle 10 Sekunden ein tiefes, sanft murmelndes Gluckern, das durch eine klitzekleine Stromschnelle dank der Vertiefung neben einem den Damm begrenzenden Felsen entsteht.

Ein guter Ort, um den Arztbesuch vom Vortag sacken zu lassen und sich zu sammeln für den grauesten aller Monate, in dessen Mitte aber wenigstens unsere Türen in neuem Glanz erstrahlen werden.

Alles ist im Fluss (aber manches geht halt auch den Bach runter, wie’s scheint).

Die nächsten beiden Wochen betreue ich hier in erster Linie Handwerker, unterwerfe mich einem strengen Zeitplan, sauge Schleifstaub und anderen Dreck weg, erteile Anweisungen, lobe hier und meckere dort, koche Kaffee, trage Eimer und Folien zum Wertstoffhof, flüchte mit dem Dackelfräulein vor den Lackdämpfen in den Novembernebel, rücke höchstselbst den ersten Vorboten des Fugenschimmels im Bad mit einem Ghostbuster-ähnlichen Equipment zuleibe und erstelle – vermutlich mit Atemmaske am Schreibtisch sitzend – die längst überfällige Steuererklärung.

Selten zuvor ist es mir derart geglückt, alles Grauen in einen Monat zu packen und ausgerechnet auch noch in den, der sich dafür am allerbesten eignet!
Je nach Stimmungslage werde ich Sie ein bisschen daran teilhaben lassen.

Auch Ihnen einen wunderschönen November & lassen Sie doch mal hören, wie Sie diesen Monat so gestalten.

Herzlich grüßt Sie –
Die Kraulquappe.

Die Vier von der Tankstelle.

Singultus fluvialis (oder so ähnlich).

Mindestens ein Aufstoßen oder einen Schluckauf wünsch‘ ich ihm, dem canidenfressenden Gierschlund!