Awesome! oder: Das Wort ist seinem Wesen nach eine Übertreibung.

Aus: Wolf Schneider, „Wörter machen Leute. Magie und Macht der Sprache.“ (Vorwort)

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Huch!? Eine Nominierung!? Awesome Blogger Award? Nie gehört! – so meine Spontanreaktion, als ich von der Nominierung Wind bekam.

Offen gestanden bin ich kein Freund von Blog-Paraden/-Aktionen und dem ganzen Award-Gedöns in der Community. Schon zu Schulzeiten waren mir diese Kettenbriefe verhasst, denn solche Aufforderungen fühlten sich für mich nie nach Gemeinschaft und Kreativität an, sondern nach nutzlosem Sozialgeplemper und Aufblähung irgendeines bedeutungslosen Geseieres.
Wie die Windpocken wurden diese Briefchen damals quer durch die Schule verteilt – bis auch wirklich jeder was von den pennälerhaften Pusteln dieser Prosa-Pest abbekommen hatte.

Aber mittlerweile, mit bald 48 Lenzen und 6 Bloggerjahren auf dem Buckel, geziemt es sich, solche Einladungen und Nominierungen nicht sofort oder pauschal oder aufgrund präpubertärer Aversionen abzulehen, sondern erstmal genau hinzusehen, wer da was von einem will und um was es da konkret geht – ggf. kann man dann ja immer noch „Nein, danke“ sagen.

So bin ich beispielsweise vor einigen Jahren voller Freude Andreas Aufruf zu ihrer Blog-Parade mit dem Thema „Heimatorte“ gefolgt und habe mich auch in der letztjährigen Adventszeit sehr gern am munteren Rauhnachtsreigen der Graugans beteiligt.

Und heute möchte ich ebenso gern die Fragen, die mir Maren im Rahmen des Awesome Blogger Awards gestellt hat, beantworten.
Weil ich Marens bunt bebilderten und wortgewandten Blog „Von Orten und Menschen“ schon lange mit Freude und Interesse verfolge, weil mir ihre Antworten auf die zehn Fragen, die ihr gestellt wurden, gefallen (besonders Nr. 2, 5 und 8)- und weil mir zu den fünf Fragen, die sie sich für ihre fünf Nominierten überlegt hat, sofort etwas einfiel.

In diesem Sinne: Vielen Dank, Maren, für die Nominierung und das willkommene Rausreißen aus dem trostlosen Sumpf der Steuererklärung 2019 sowie aus der unerquicklichen Jagd nach mittlerweile mehreren, in unserem Bad lebenden Staublauspopulationen, beides ja Beschäftigungen, die einen an so einem grauen und verregneten Tag, an dem man leider nicht länger nach draußen flüchten kann, dem Wahnsinn (im Sinne einer Nervenkostümzerrüttung) ein Stück näher bringen als man ihm gelegentlich eh schon ist.

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Hier Marens Fragen und meine Antworten:

(1) Was bedeutet dir das Bloggen?
Mein Blog ist für mich Spielwiese, Ventil, Notizbuch, Therapeutikum, Jukebox, Laufzettel, Sprachschreinerei, Dackologie, Laboratorium, Resonanzraum, Insomnieüberbrücker, Diskussionsforum, Kalenderersatz, Visionsflipchart, Fotoalbum, Klarheitskatalysator, Gummizelle für Gemütszustände aller Art und Unart.

(2) Wenn dein bisheriges Leben ein Buch wäre, welchen Titel hätte es?
The private lives of Pippa & me.
(ebenfalls mit Keanu Reeves in einer Nebenrolle, allerdings ohne dieses abtörnende Jesus-Tattoo auf der Brust)

(3) An welchen Ort würdest du gern noch einmal zurückkehren?
Auf den Gipfel des Schlern, einen der schönsten Berge, auf denen ich je stand.
Alternativ täte es auch das Plateau rund um die Lizumer Hütte oder der Kleine Bettelwurf.

(4) Wann hast du zum letzten Mal etwas Neues über dich erfahren? Was war das?
Neulich die jähe Erkenntnis, dass ich erstaunlicherweise (und auch so plötzlich!) nun tatsächlich nicht mehr ganz so jung bin. Und dass ich damit nicht überhaupt so rein gar kein Problem habe, wie ich es mir bis dahin immer unterstellt hätte. (Das Wann dieser Neuigkeit fiel zeitlich übrigens verdächtig in die Nähe jenes Tages, an dem ich mein erstes Hühnerauge entdeckte – welch Insigne des Omatums!)

(5) Gibt es etwas, das du immer tun wolltest, aber bisher nie getan hast?
Klar, da gibt es Einiges! Manches verwehrte oder versaute mir das Schicksal, manches hab ich selbst verbaselt, manches wird vielleicht oder hoffentlich noch kommen.
Vom hier Verratbaren sei genannt: Kurzgeschichtensammlung veröffentlichen, Rock’n’Roll-Tanzen lernen, vom Westufer zum Ostufer des Starnberger Sees schwimmen, auf einem Akkordeon spielen können, live on stage ein Duett mit Springsteen (oder einem seiner Nachfolger) singen und eine mehrwöchige (!) Sommerfrische alleine (!) in Altaussee mit Denken, Schreiben, Musikhören, Bergsteigen, Schwimmen, Knödelessen und Geradeausgucken verbringen.

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Wie geht’s weiter mit dem Awesome Blogger Award?

Die ursprünglichen Regeln für die Awardteilnahme lauteten:

– Danke der Person, die dich nominiert hat.
– Kennzeichne den Beitrag mit #awesomebloggeraward.
– Beantworte die Fragen, die dir gestellt wurden.
– Nominiere mindestens 5 Blogger und informiere diese über ihre Nominierung.
– Gib ihnen 10 neue Fragen zur Beantwortung.

Da auch Maren sich schon erlaubt hat, davon abzuweichen, weil solche Regeln ja schließlich keine unumstößlichen Gesetze sind, möchte ich noch einen drauf setzen und das alles nochmals verkürzen, da ich andernfalls nicht guten Gewissens „das Stöckchen weiterwerfen“ könnte (wie man im Blogawardjargon wohl zu sagen pflegt, wenn man, seinerseits frisch award-infiziert, beschlossen hat, auch noch andere anzustecken).

Ich möchte drei Bloggerinnen nominieren, ihnen drei Fragen stellen und auch nur drei Regeln vorgeben, die da wären:

1. Ihr braucht mir keinesfalls für die Nominierung danken, dürft aber gern auf meinen Blog verlinken, wenn euch danach ist.

2. Kennzeichnet euren Beitrag bitte mit #awesomebloggeraward, damit – wenn schon nicht in der Welt da draußen – wenigstens hier in WordPress alles seine Ordnung hat.

3. Wenn ihr euch beteiligen und meine drei Fragen beantworten wollt, dann überlegt euch doch, ob auch ihr weitere Blogger/innen nominieren möchtet, und wenn ja, dann mal los – mit wie vielen Fragen und Regeln auch immer!

 

Für den Awesome Blogger Award nominiere ich…

 

  • Andrea vom Blog anwolf.blog – unterwegs auch mit Hund
    Was gibt es dort zu entdecken? => Geschichten übers Gehen & Ankommen, übers Suchen & Finden, übers Draußenunterwegssein & Daheimbleibenkönnen sowie fantastische Fotos, die all diese Abenteuer begleiten, genau wie Bobby, dem schönsten aller Harzer Wanderkaiser.

 

  • Birgit vom Blog Nix als Töppe – TonTöppe
    Was gibt es dort zu entdecken? => Tolles aus Ton, von Elefanten über Vogelhäuschen, Adventskränze, Karaffen und Weinkelche bis hin zu kompletten, edlen Geschirrserien für Studenten-WGs oder Professorenhaushalte, rundum kunstvoll modelliert und stilvoll bemalt.

 

  • Silvia vom Blog Die Springerin – Immer auf dem Schattensprung
    Was gibt es dort zu entdecken? => Bildsprache & Sprachbilder, wunderbare Impressionen aus Wien & der Welt, gemütvolle Musik & musikalische Gemütsskizzen, festgehalten von einem fühlenden Herz und einem wachen Auge auf dem Sprung von hier nach dort.

 

… und würde mich sehr über die Beteiligung der drei geschätzten Blogkolleginnen freuen, bin aber auch nicht beleidigt, wenn sie lieber awardlos durch das Harzer Wasserregal plantschen, die brandenburgische Töpferwerkstatt aufräumen oder mit Hinkebein & Kamera durch die Gassen meiner zweitliebsten Stadt spazieren möchten.

 

Was ich gern von Euch wüsste:

(1) Wenn dein Blog nicht längst unter seinem Namen bekannt/etabliert wäre und du den Titel nochmal neu wählen könntest: Wie würde er lauten, und warum?

(2) Welches war das prägendste/einschneidenste Erlebnis, das du im Umfeld/Kontext deines bisherigen Bloggerlebens hattest?

(3) Welche drei Songs sind unauslöschlicher Bestandteil des Soundtracks deines Lebens, und weshalb?

 

Noch einen schönen Ausklang des Wochenendes & herzliche Grüße aus München –
Eure Kraulquappe

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Zwischen Drive-in und Tough-out.

Ein kleines, coronafreies Quiz: Welche Story vermuten Sie hinter diesem Foto?

Keine Idee? Na, vielleicht hilft Ihnen das hier weiter:

Groschen gefallen? Yep, richtig!

Lolek is back!
Also eigentlich war er nie so richtig weg, nur mal kurz für den Sonntag, seinen einzigen freien Tag in der Woche.
Der Spaß ist doch noch nicht zu Ende. Und es gibt auch immer noch irgendwo eine Bäckerei, die Krapfen verkauft.
Damit halte ich Lolek bei Laune. Und mich ebenfalls.

Momentan betreiben wir Nachbesserungen und Feinschliff.
Letzteren gottseidank ohne Feinstaub, nach zwei Tagen Durchputzen täte ich sehr ungern wieder ganz von vorn anfangen.
Ich lerne jetzt die Welt der FI-Schalter und Ihrer Fehlermeldungen kennen, eine sehr erdende Beschäftigung, wenn auch teils eine düstere, weil dem Bade halt das Lichte fehlt.

Außer Lolek geht mittlerweile auch Dimitros täglich bei uns ein und aus. Dimitros ist Elektriker und ein Spezl von Lolek. Im Unterschied zu Lolek mag er keine Krapfen und schenkt dem Dackelfräulein kaum Beachtung. Dafür trägt er Handschuhe und eine Atemschutzmaske, rollt das „r“ und sagt ein recht deutsch klingendes „tschüss“ (mir gefällt Loleks polnischdeutsches „tschuss“ viel besser, denn das passt klanglich auch mehr zu dem, was hier so abgeht).

Der Wiedereinbau der Kammerregale ist ein Kapitel für sich. Oder zwei. Interessiert aber en detail eh keine Sau außer den unmittelbar Betroffenen.
Nur so viel: Heute hat er jedenfalls nicht wie geplant stattgefunden, dieser Kammerregalwiedereinbau, weil die polnische Interpretation meiner Maßgabe „Die Kammer muss bis in das letzte Eckchen absolut baugleich bleiben“ eine andere war als die von mir intendierte.

Da ist jetzt ein Aufputz-Kabelkanal, der ein einem Eckchen 15mm Platz beansprucht, auf einer Länge von 80cm, und somit muss der gute Herr Wurm von der Wasserschadenfirma, der das Regal ausgebaut hat, am Montag nochmal wiederkommen, um die Regalbretter und Seitenwände zurechtzusägen und dann einbauen zu können.
Genau das wollte ich vermeiden.

Einen größeren Schock erleide ich aber nicht, als Herr Wurm aus der Kammer herausruft, hier passe etwas nicht, denn ich war instinktiv längst davon ausgegangen, dass das nicht reibungslos klappen würde und zwar schon, bevor die Kammer demontiert wurde.
Überhaupt trügt mich mein Gefühl in Handwerksdingen selten, leider hilft mir diese Gabe praktisch herzlich wenig, sondern verdirbt bloß den Nachtschlaf und den Teint.

Lolek entschuldigt sich tausendfach, dass er Bolek nicht besser beaufsichtigt hat, als jener in der Kammer werkelte und eine Leitung aus dem Sicherungskasten rauszupfte und ins Bad rüberlegte, und schenkt uns als Entschädigung das neu eingebaute WC (das der Vermieter nicht übernehmen wollte, weil das alte zwar völlig verranzt und verkalkt war, aber eben noch funktionstüchtig und als Münchner Vermieter muss man da schon aufpassen, dass einem die Mieter nicht übermütig werden vor lauter neuen Kacheln und Badewannen).
Drauf gschissn also, im wahrsten Wortsinne – das ist ein fairer Deal,. Ich hätte Lolek auch für ein halbes Abflussrohr diese Panne verziehen, aber ich nehm auch ein ganzes Klosett.

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Vor unserer Haustür hat gestern der Drive-in für Rachenabstriche eröffnet.
Zu Füßen der Patrona Bavariae nun ein paar Zelte, etliche Schilder und eine lange Schlange Autos. Wartezeit aktuell: drei Stunden, eher mehr. Die Polizei regelt die Zufahrt und den Warteschlangenkoller.

Drumherum schaut’s aus, als würden sie ein größeres Areal schon mal vorsorglich für einen spontanen Lazarett-Bau präparieren. Platz wäre ja auch genug vorhanden, hier auf der Wiesn. Das Frühlingsfest ist abgesagt, genau wie das Oldtimertreffen. Und bis zur fünften Jahreszeit, und ob die stattfinden wird oder nicht, denkt derzeit eh noch niemand.

Ich gönne mir eine kurze Pause fern der Baustelle Wohnung mit Frischluft und Sonne. Auf jeder Bank sitzt brav nur 1 Mensch, den Kopf zumeist gesenkt, wg. Smartphonegucken, Sonnenbrille vergessen oder allgemeinem Trübsinn.
Erstaunlich viele Kinder springen hier noch herum, Klein- und Großfamilientreffen finden statt, die schiefhängenden Haussegen schon gut hörbar. Lagerkollergesichter, Verschwörungstheoriegeräderte und durchschnittlich Angsthabende. Dazu noch Sporttreibende, Allesignorierende, Schulfreigestellte und emsige Radkuriere.

Die Ausgangssperre rückt mit jedem Gruppenkaffeekränzchen und -pläuschchen und Kinderhordenkreischen näher.
Auf meinem linken Knie landet ein Marienkäfer, dem das alles wurscht sein kann. „Du genießt deine Käferfreiheit“, sage ich zu ihm, „und wir haben das Dackelfräulein, das uns den dreimaligen täglichen Ausgang sichern wird, wir haben es doch noch ganz gut erwischt, oder?“

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Mehr möchte ich für heute nicht sagen zur coronaren Lage in der Isarmetropole, aufgrund eigener Psychohygienemaßnahmen und um mir eine gewisse Sorte von Nicht-Diskussionen heute vom Leib zu halten, mit der ich in den letzten Tagen konfrontiert war.
Denn kaum spitzt sich die Coronakrise zu, meldeten sich erste Kritiker sich zu Wort, weil ihnen irgendetwas in einem meiner coronaren Beiträge, derer es ja noch gar nicht viele gab, nicht behagte. Drei Meldungen waren es, um genau zu sein, dem einen missfiel ein Satz, dem anderen ein Foto, dem dritten ein Kommentar eines anderen Lesers.

Ich diskutiere gern, ich erkläre auf Nachfrage auch gern meine Haltung, ebenso gern kläre ich Missverständnisse auf oder vermittle zur Not sogar mal unter den Kommentatoren. Am liebsten auch gleich hier, an Ort und Stelle, wo sich ja die Quelle befindet, an der sich der Unmut entzündete und die Diskussion dazu auch am besten stattfinden sollte, aber meinetwegen auch auf anderen Kanälen, falls dem Leser oder der Leserin irgendwas aufstößt, das er/sie zwar unbedingt loswerden möchte, nur eben lieber nicht öffentlich.

Was mir aber aufstößt, sind kritische Kommentare mit (prinzipiell begrüßenswerten) Hintergrunderläuterungen, die nur vordergründig zur Diskussion einzuladen scheinen, weil sie so persönlich verpackt oder wortreich oder beides daherkommen, weshalb ich selbstverständlich gleich dazu Stellung nehme und ebenfalls meine Hinter- und Beweggründe erläutere – und dann kommt dazu aber nix mehr zurück oder nur ein schmales, schales Sätzlein, dass es ja sooo wichtig nun auch wieder nicht sei.
Eine Art Zurückrudern, als habe man es ja nur mal sagen wollen (aber lieber nix dazu hören wollen), also eher ein Abwürgen der Debatte, die ja kaum begonnen hat.

Das ist in meinem Augen nichts weiter als ein fruchtloser Austausch, um nicht zu sagen: ein nutzloser Schlagabtausch, keinesfalls aber eine echte Auseinandersetzung mit sachlichem Argumentieren, keine konstruktive Diskussion, die ja neben dem Loswerden der eigenen Kritik ebenso beinhalten sollte, auch den anderen anzuhören und auf ihn einzugehen, zumal der sich ja die Mühe machte, sich mit der Leserkritik ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wenn es sich so verhält, möge man doch bitte am Stammtisch meckern, wo eh keiner dem anderen zuhört oder wirklich antwortet, oder möge man in Zeiten wie diesen, in denen die Stammtische geschlossen haben, einfach in sein Tagebuch hineinmotzen, denn von dort kommt kein Echo, und was dort steht, erzeugt auch keine Widerworte und stellt keine unbequemen Nachfragen, die einem dann abverlangen würden, sich womöglich tiefergehender (oder konkreter) mit dem eigenen Spontangepolter zu befassen.

Was Sie hier in diesem Blog lesen, liebe Leserinnen und Leser, und zwar ganz egal, ob es um Corona, Leben, Tod, Mütter, Väter, Dackel, Nachbarn, Handwerker, Biersorten, Berggipfel, Liebe, Leiden, musikalische und hygienische Vorlieben und Abneigungen, Krapfen von Kustermann oder Krümelschubladen von Toastern geht, ist meine Sicht auf eben diesen meinen Ausschnitt der Welt, den ich im Augenblick des Schreibens (und je nach Lust und Laune) näher oder ferner betrachten möchte oder zu betrachten vermag.

Sie sind jederzeit eingeladen, sich dazu zu äußern: ablehnend, zustimmend, herumalbernd, mitweinend, nachfragend, hinterfragend, interessiert, animiert, argumentierend, ergänzend, erläuternd, flossenklopfend, schwanzwedelnd und sogar bellend, wenn es nicht in Dauergekläffe ausartet, denn dann, so meine ich, passen wir wohl einfach nicht zusammen, so vom Kommunikationsverhalten, Stil und Anspruch her.

Das wäre dann wie Hund und Katz, die auch nicht dieselbe Sprache sprechen, und die man zwar mit Mühe und Beharrlichkeit aneinander gewöhnen kann, aber solche Bemühungen, die würde ich mir gern für das Leben jenseits meines Blogs aufheben, und selbst dort nur für die Situationen, in denen derlei Anstrengungen oder Anpassungsleistungen zwingend erforderlich sind.

Wie beispielsweise das Telefonat mit dem Hersteller der in den verkehrten Maßen gelieferten Duschtrennwand, das ich jetzt noch führen muss.
Einer dieser Menschen, denen es immerzu gelingt, auf eine Email alles Mögliche und Unmögliche zu antworten, aber zu der einzigen Frage, die darin enthalten war, hartnäckig schweigen.

Ein einziges Kommunikationstrainingslager, diese Monate nach dem Wasserschaden.

Zumindest in der Hinsicht bin auch ich bereits nah am Lagerkoller.

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München, Theresienwiese, heute. Zoomen Sie’s groß, dann sehen Sie die Drive-in-Schlange. Lassen Sie’s ungezoomt, dann sehen Sie einfach schönen bayrisch-blauen Himmel.

Ankomst!

Ankomst!

…für all die, die sich oder mich gefragt haben, wieso es hier grad so ruhig geworden ist.

Ich bin vorübergehend dort. Und Sie können immer noch mitkommen, die Fähre nach Gotland hat noch nicht abgelegt.

Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

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Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

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Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

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Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

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Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

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All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

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You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.