Sitzt!

Liebe D.,

zum Morgengassi bei minus 6 Grad war es nun soweit!

Die Madame zwar wenig begeistert, als ich ihr die Pelle drüberzog, aber draußen dann ohne Zittern emsig und fröhlich vorausgedackelt.

Dank deines Näheinsatzes verrutscht da jetzt nichts mehr, die Morgentoilette lässt sich gut eingepackt – aber ohne eingeschnürt zu sein (die neue, dehnbare Lasche, eine wunderbare Idee!) – verrichten und auf dem Rückweg heimst man gleich noch ein paar Komplimente ein.

Schwänzchen stolz und munter in die Höh‘, keckes Popowackeln und ein kurzer Blick, aber dann zack, zack, heim zum Morgennapf!

Das hast du toll gemacht, wir danken dir sehr (und denken ernsthaft drüber nach, im Herbst ein maßgeschneidertes Schutzhöschen…, weil das jetzige, naja, das ist eher Model „Stringtanga“ und hat so seine Tücken…, die nächste Läufigkeit erwartet uns jedenfalls mit dem Nikolasstiefel) und wünschen dir einen sonnigen Tag!

Natascha & Pippa.

See la vie.

(Ostufer Starnberger See, am 01.02.2018]

„Zukunft – das ist jene Zeit, in der auf Freunde Verlass sein wird, das Glück gesichert ist und die Geschäfte gelingen“, meinte heute ein junger Mann zu mir, mit dem ich am trostlos grauen Seeufer bei Berg ins Gespräch kam, während wir beide einem Stand-Up-Paddler zusahen.

So jung war er, dass ich ihn in dem Glauben lassen wollte.

For you.

[Same question as every year: Wohin mit dem Dackelfräulein (und uns) an Silvester?
Gerne wären wir in irgendeine stille Lodge in die Berge verreist (zu teuer),
beinahe hätten wir uns mit Freunden in der feuerwerksfreien Zone einer Kleinstadt einquartiert (zu spät dran),
spontan dachten wir noch an eine Nacht im Hilton Munich Airport (zu wenig Grün)
– und letztlich bleiben wir nun doch zuhause.]

Gerade bin ich vom letzten Schwimmausflug des Jahres zurückgekehrt. Der Schwimmsport ist ja, so übers Jahr oder die Jahrzehnte betrachtet, ein Abbild des Lebens im Allgemeinen wie im Besonderen. Manchmal ein friedliches, genussvolles Dahingleiten, mal ein ambitioniertes, beständiges Vorankommen, mal ein energisches, verzweifeltes Herumrudern. Mal liegt man entspannt auf dem Rücken und guckt in den weißblauen Bayernhimmel, mal zieht man an allen anderen ohne jede Anstrengung vorbei, mal haut einem der Nebenmann seine Flossen in die Fresse, dass einem der Atem stockt und entschuldigt sich nicht mal. Schwimmen ist wie das Leben, nur chlorreicher. Bemerkenswert ist übrigens, dass sich bei den diversen Varianten die Zeiten pro Kilometer kaum unterscheiden – auch hier ist eine gewisse Analogie zum Leben außerhalb des Wassers feststellbar: wie oft könnt‘ man sich das ganze Gezappel sparen, weil schlussendlich eh vieles aufs Gleiche hinausläuft.

Im Becken war es heute erwartungsgemäß voll:  All diejenigen, die noch die persönliche Sportbilanz frisieren, sich die Weihnachtspfunde wegschwimmen oder den Frust über den binnen 24 Stunden komplett weggeschmolzenen Winterzauber rauskloppen wollen. Oder die, die sich vor der Silvesterparty nochmal was Gutes tun möchten sowie die, die eh immer sonntags zum Schwimmen gehen – plus ein Schwung Väter, von daheim rausgeworfen mit den Worten „Jetzt mach du halt auch mal was mit den Kindern!“. Urlaubszeit, Schulferien, Sonne und milde 13 Grad locken an einem Silvestersonntag leider viel zu viele ins Schwimmbad.

Dennoch war heute unterm Strich noch der bessere Schwimm-Tag als Neujahr, wenn das Becken überquillt vor lauter guten Vorsätzen, die dann erfahrungsgemäß bis Anfang Februar die Bahnen nicht nur zu den beliebten Zeiten sehr unangenehm verstopfen.

Der Gatte bespaßt gerade da draußen in den ruhigen Wäldern das Dackelfräulein, bevor wir am Spätnachmittag dann die Schotten dichtmachen, damit Pippa die Hundehorrornacht des Jahres einigermaßen gut übersteht.
Wir wagen uns erst wieder nach draußen, wenn der ganze Krach vorüber, die letzte Rakete erloschen und das sinnlose Blei vergossen ist.

Diese Ruhe vor dem Sturm möchte ich nutzen, um auch den Kraulquappen-Blog noch in den Reigen der Jahresrückblicke einzureihen.

Erst dachte ich an eine Rückschau in 12 Kapiteln, was ich wieder verwarf, als ich feststellte, dass sich 7 der 12 Kapitel zu sehr ähneln würden in Tat, Wort und Bild. Eine tabellarische Darstellung wäre auch fein gewesen, aber zugleich albern, da die drei vorzeigbaren Kennzahlen fix zu dokumentieren sind: 85-33-58 (und das sind nicht etwa meine Maße, sondern die Zahlen für Schwimmen-Bergtouren-Läufe).
Und auf anderes bezogen tracke ich mein Self oder die von ihm erreichten Ergebnisse/Nicht-Ergebnisse lieber gar nicht erst (wobei: die Gassigänge und die Weißbieranzahl könnten sich auch noch sehen lassen, wenn ich sie denn nicht nur genossen, sondern auch gezählt hätte).

Ebensowenig dürstet es mich nach einem Abgleich der vor genau einem Jahr gefassten Pläne mit der nun hinter ihnen liegenden Realität eines ganzen langen Jahres – das Fazit wär‘ wenig erbaulich. Mehr und mehr komme ich davon ab, überhaupt vorauszuplanen und hinterherzubilanzieren, weil sich das für den tatsächlichen Verlauf des Lebensweges als zu wenig hilfreich erwiesen hat.

Wider die überzogenen, unnützen Erwartungen. (Aus: „Der große Polt: Ein Konversationslexikon.“)

Stattdessen habe ich mich für eine bebilderte Retrospektive entschieden, mit der ich die schönen Augenblicke/Erlebnisse/Begegnungen/Entwicklungen/Impulse aus dem vergangenen Jahr Revue passieren lassen und denjenigen widmen möchte, die daran beteiligt waren.
Die Reihenfolge der Fotos sagt – von den ersten dreien mal abgesehen – nichts über ihren jeweiligen Stellenwert in meinem Leben/Herzen/Jahr aus, bestenfalls ist sie chronologisch, ansonsten aber rein zufällig.

Jubiläum am Tegernsee – mit dem Lieblingsmenschen und allem, was man(n) sonst noch so brauchen kann für eine kurze Auszeit.

Im Zugspitzland unterwegs – mit dem zweitwichtigsten Menschen in meinem Leben.

Zur beruflichen Fotosession auf den Wallberg – mit dem Papa, der Pippa & dem alten Cabrio.

Sommergenuss am Eibsee – mit S., seiner tollen lila Picknickdecke und Zugspitzblick.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – wunderbares Geburtstags-Kunstwerk von H., der Paderborner Postkartenübermalerin.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – sonniges Saisonende mit D. im Karwendegebirge auf dem Weg zur Brunnsteinhütte.

Im Starnberger See – mit den langstrecken-bewährten Kraulquappenflossen auf den Spuren des Kinis.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – wahlweise Karwendel- oder Wettersteinblick mit W. auf dem Krottenkopf, dem höchsten Gipfel im Voralpenland.

Mein zweitliebster Flügelflitzer (nach dem Dackelfräulein) – mit herzlichem Dank an den Lieblingsnachbarn für die (freudig verwackelte) Live-Aufnahme.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – mit Andrea für einen Brockenblick auf die winterlichen Rabenklippen im Harz.

Mit herzlichem Dank an Dr. T. für das Jahresabschlussgespräch über eingebildete Nadelöhre und geglückte Brückenschläge zwischen damals und heute.

Ich danke Euch allen für diese Augenblicke & Erlebnisse!

Diesen letzten Tag des Jahres 2017 möchte ich außerdem zum Anlass nehmen, um mich bei allen Leserinnen & Lesern, allen Freunden & Followern meines Blogs (und natürlich auch bei den vielen treuen Fans des Dackelfräuleins!) herzlich zu bedanken für die rege Anteilnahme, die wohlwollende Unterstützung, die vielen Kommentare und nicht zuletzt auch die wunderbaren Kontakte, die auf diesem Weg entstanden sind!

Danke dafür & kommt alle gut rüber ins neue Jahr!
Eure Kraulquappe.

PS: …and this one’s for you, Sori, pleased to meet you!

 

But hell a little touchup and a little paint. Zum 30. Dezember 2017.

Liebe H.,

ob Du zwischen Packerlauspacken und Partyvorbereitungen überhaupt Zeit hast, eine/n Geburtstags-Post zu lesen?!?
Vorsichthalber fasse ich mich mal eher kurz.

Ich freue mich, Dich in Bloghausen und schließlich auch im echten Leben getroffen zu haben – und danke Dir für Deine diesbezügliche Initiative!
Da hattest Du einen guten Riecher, denn wir passen ja recht passabel zusammen:

– laufen in den gleichen Asics durch die Wälder
– verwenden im Bad nahezu identisches Hygiene-Equipment
– haben beide in die Fußballwelt eingeheiratet
– sind früh an der Mutter-Front fürs Leben imprägniert worden…

…weshalb wir nun auf unsere Glücksportionen immer fest den Deckel draufschrauben, auf dass sie uns keiner stehle…

Münchner Glücksglas.

Paderborner Glückspott.

…und falls doch mal eine Pechsträhne herunterfällt auf die Lebenswege (oder hinaufwirbelt aus dem Ker_ker der Vergangenheit), stehen uns ähnliche, zuverlässige Gefährten treu zur Seite, die den Weg fix wieder freipusten.

Bayrischer Bläser.

Westfälische Wariante.

Für dein neues Lebensjahr wünsche ich Dir Glücksmomente nicht gläser-, sondern kübelweise, und dass Du so bleibst wie Du bist: kreativ, kradheraus und kroßherzig!

Als Begleitmusik für Deinen Jubeltag kommen hier ein paar Klänge aus dem unerschöpflichen springsteenschen Songarchiv, das ich für Dich geöffnet und nach einer annähernd malerischen Textzeile durchforstet habe (und mit etwas Mühe auch fündig wurde, auf die Grammatik solltest Du allerdings nicht zu genau achten, es geht da mehr so ums große Ganze).

So you been broken and you been hurt
Show me somebody who ain’t
Yeah I know I ain’t nobody’s bargain
But hell a little touchup and a little paint

You might need somethin‘ to hold on to
When all the answers they don’t amount too much
Somebody that you could just to talk to
And a little of that Human Touch

In diesem Sinne: möge Dir immer genug Lack und Farbe zum Experimentieren, Artifizieren und Retuschieren zur Verfügung stehen!

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und heute Abend eine tolle Feier, bei der Du’s krachen lässt – ganz gemäß Deines Mottos:

Impressionen aus dem Atelier von Frau H. aus P.

Das wünscht Dir
Deine Kraulquappe.

Hold on. Zum 23. Dezember 2017.

In Gedenken an Niklas, der heute 56 geworden wäre.

When there’s nothing left to keep you here
When you’re falling behind in this big blue world

Oh you got to
Hold on, hold on
You got to hold on
Take my hand
I’m standing right here

You got to hold on

Hold on! (Olympiapark München, im Dezember 2017)

Für immer 20 Jahre.

Beim heutigen Spaziergang an der Isar kam uns im Schneetreiben ein Jogger entgegen. Ich war gerade viel zu sehr mit Bällchenschießen beschäftigt, um genauer auf den sich nähernden Läufer zu achten und sah erst auf, als mir eine wohlbekannte Stimme „Das gibt’s ja nicht!“ zurief. In winterliche Laufklamotten vermummt hätte ich J. sowieso nicht erkannt, aber seine Stimme ist für mich unverkennbar, ich höre sie schon seit vier Jahrzehnten und es ist eine der wenigen Stimmen, die ich mir jederzeit präzise in Erinnerung rufen könnte.

J. ist ein langjähriger Mitarbeiter meines Vaters gewesen, ausgebildeter Bergführer, alpiner Hobbyfotograf, Sportler durch und durch, ansonsten Griechenland-Fan und ein Freigeist, wie ich wenige kennengelernt habe.
Schon als ich klein war, mochte ich seine Stimme und die John-Lennon-Brille, die er heute noch trägt. Wenn der Papa mich ins Büro mitnahm, so hielt ich mich entweder bei der Telefonistin auf und sortierte begeistert Büroklammern und anderen Kleinkrusch in die dafür vorgesehenen Holzfächer der Schreibtischschubladen ein oder ich wollte zu J., um in dessen riesigen Fundus an Wanderkarten und Fotos herumstöbern.
Bei der alljährlichen Faschingsfeier im Büro durfte ich, wenn mein Job als Utensilienträgerin vom Papa (ging er als Lili Marleen, war ich die Laterne, trat er als Cowboy auf, trug ich den Colt) erledigt war und es den Anwesenden eh längst mehr um Trinken, Tanzen und Tuchfühlung ging als um eine gut sitzende Maskerade, gelegentlich mit J. tanzen. Er wirbelte mich herum, warf mich in die Luft, fing mich auf und ich fand das toll, vor allem weil die anderen sich nie so ungezwungen mir gegenüber benommen hätten, weil ich für sie mindestens bis zur 2. Maß Bier (und für die meisten gottseidank auch darüber hinaus) immer die Tochter des Chefs war und entsprechend befangen und korrekt mit mir umgegangen wurde.
J. war da anders – unverkrampft, unkonventionell, ungeniert.

In meinen Teenager-Sommerferien, die ich jobbend in der Jugendherberge Lenggries verbrachte, überschnitten sich unsere Aufenthalte dort meist für ein paar Wochen. Täglich sah ich ihn mit seiner Truppe in die Berge aufbrechen, an meinen freien Tagen durfte ich mich anschließen und ich war jedes Jahr aufs Neue ein wenig verliebt in ihn. Er war immer umschwärmt, die Frauen in den von ihm geführten Bergsteigergruppen hingen wie gebannt an seinen Lippen, wenn er morgens im Frühstückssaal, in dem ich die Semmelkörbe auf den Tischen verteilte, Kaffee servierte und 240 Käsescheiben auf Platten drapierte, seinen Schäfchen die Tour des Tages erklärte und abends, wenn man gemeinsam am Lagerfeuer sitzend dem Bergtag nachsann, waren die beiden Plätze neben ihm die begehrtesten in der ganzen Runde.

Viele Jahre später, als ich in den Semesterferien regelmäßig im väterlichen Büro arbeitete, bemerkte ich, dass J. nun endlich zu bemerken schien, dass ich nicht mehr die Kleine oder die Tochter vom Chef war. Was war das für ein Gefühl!
Wir gingen in den Mittagspausen plötzlich zusammen Eis essen, er stellte mir interessierte Fragen und schnippte vorsichtig einen Marienkäfer von meiner nackten Schulter, ich lauschte seiner Stimme und träumte den restlichen Bürotag über von Bergabenteuern, Alpenglühen, einem sportlichen Mann wie J. an meiner Seite und Marienkäfern auf meinen Schultern. Mit Semesterbeginn klinkte ich mich jedesmal wieder in mein Leben in der unterfränkischen Studienstadt ein und die Schwärmerei für J. verblasste bis zu den nächsten Semesterferien.

Ferien kamen und gingen, bis der Uniabschluss unweigerlich das Ende des sommerlichen Jobbens und Flirtens einläutete. J. hatte sich mit Mitte 40 dann doch noch fest gebunden, ich mich mit Mitte 20 ebenso. Als ich für meinen ersten Job zurück nach München zog, kreuzten sich unsere Wege nicht mehr im Büro des Papas, sondern wir begegneten uns nun zufällig im Schlosspark beim Laufen, an der Isar, in der U-Bahn, beim Schwimmen und einmal sogar im Gebirge (er runter, ich rauf, wir beide in Begleitung, schade eigentlich).
Seit 20 Jahren laufen wir einander also im Schnitt alle zwei Jahre unerwartet irgendwo über den Weg.

Wenn uns diese ebenso schöne wie überraschende Regelmäßigkeit heimsucht, drücken wir uns zur Begrüßung und zum Abschied, tauschen die aktuellen Eckdaten aus, und finden, dass wir uns unbedingt mal verabreden sollten, weil wir jedes Mal feststellen, dass wir uns nach wie vor prima verstehen und es noch so viel zu fragen und zu sagen gäbe.

Heute umarmen wir uns im Schneegestöber, J. begleitet das Dackelfräulein und mich ein Stück, so dass wir uns eine Weile unterhalten können. Diesmal erfahre ich, dass sein kleines Häuschen auf Kreta letzten Sommer abgebrannt ist, er es jetzt neu aufbaut und daher vor allem im Winter mehr Zeit in Griechenland verbringt als in München. Im Gegenzug erfährt er, dass ich umgezogen bin und den Job in Starnberg schon längst wieder an den Nagel gehängt habe. Ihm fällt auf, dass ich schmaler geworden bin seit dem letzten Mal, mir ist nicht entgangen, dass seine sonnengegerbte Haut mittlerweile von vielen Falten durchzogen ist.
Er sei jetzt in Frührente, erklärt er, und könne endlich wochentags zum Bergsteigen gehen. Ich sei auch in Rente, entgegne ich, so eine Art befristete Ultrafrührente, die ebenfalls Bergtouren unter der Woche ermöglichen würde. Wir lachen über unsere ähnlichen und doch so ungleichen Rentnerexistenzen.

Heute vor 20 Jahren hast Du bei meiner Hochzeit vor dem Standesamt gestanden und Konfetti und Reis geworfen, sage ich, weißt Du noch? Klar, er weiß es noch. Einige der Mitarbeiter des Papas waren als Überraschungsgäste erschienen, hatten den Dienst-Mercedes direkt vor dem Standesamt geparkt, hübsch dekoriert und zur Champagner-Bar umfunktioniert. Aus dem CD-Player des Wagens dröhnte Musik, die ich vergessen oder verdrängt habe.

12.12.1997, Standesamt München-Nymphenburg.

Umtrunk vor dem Standesamt.

Die hässlichste Karte von allen, leider sehr verblichen (Text: Freie Fahrt ins Eheglück).

20 Jahre soll das her sein? Ja, sage ich, exakt 20 Jahre. Heute wäre die sogenannte „Porzellanhochzeit“ gewesen. Aber da die Mutter dieser Porzellankiste nicht Vorsicht, sondern Einsicht hieß, hat sich das schon weit vor dem heutigen Jubiläum zerschlagen. Der Mann von damals lebt und lehrert längst wieder in Unterfranken und das schöne, alte Gebäude des Nymphenburger Standesamts hat sich irgendeine schicke Investmentfondsgesellschaft unter den Nagel gerissen. So ändern sich die Zeiten.

Was von dem Mann von damals denn geblieben sei, fragt J. mich. Ich zögere erst (wozu diese bilanzierenden Nachforschungen?), denke dann aber doch nach und antworte schließlich, drei Dinge wären mir wohl von ihm geblieben: die seither endgültig festsitzende Abneigung gegen Zuspätkommen, sechs sehr formschöne Bierkrüge, und dass er mir beigebracht hat, wie man effizient Orangen schält.
Drei, wie ich finde, nicht zu unterschätzende Errungenschaften, die einem das Leben enorm erleichtern können (für einen kurzen Moment versetzt mich diese spontane Erkenntnis in aberwitzige Heiterkeit).

Als J. in seinen Laufklamotten zu frösteln beginnt und das Dackelfräulein ungeduldig quengelt, weil das Ballspiel für ihren Geschmack nun zu oft ins Stocken geraten ist, finden wir wie immer, dass wir uns wirklich mal verabreden sollten, verabschieden uns aufs Herzlichste und gehen unserer Wege (nach ein paar Metern drehe ich mich noch einmal um, sehe J. sportlich wie eh und je davonsprinten, dann befördere ich Pippas Ball mit einem für meine Verhältnisse passablen Schuss in die verschneiten Isarauen).

Es ist über die Jahrzehnte ein ungeschriebenes Gesetz geworden, dass es nicht dazu kommen wird und wir uns einfach aufs nächste Mal freuen. Vermutlich also irgendwann im jubiläumslosen 2019, er dann 67, ich 47, und wenn alles gut geht, haben wir noch weitere 10 Begegnungen in den nächsten 20 Jahren vor uns. Eine beruhigende Perspektive.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis, wie es gelingen kann, sich ein Leben lang gekannt und gemocht zu haben.

Ruhig, Brauner!

Im Gewölk bricht Blitzesglanz aus, eine Walküre hoch zu Ross wird sichtbar, über ihrem Sattel hängt ein gefallener Krieger.
Beim Zusammentreffen der Walküren, die auf ihren Pferden die Gefallenen mit sich führen, kommen sich zwei der Rösser zu nahe, wodurch Helmwige sich veranlasst sieht, dem durch seine tote Traglast in Aufruhr geratenen Hengst mit den Worten „Ruhig, Brauner! Brich den Frieden nicht!“ Einhalt zu gebieten.

Die Szene entstammt Wagners „Die Walküre“, Teil der Tetralogie „Ring des Nibelungen“. Ich musste das googeln, denn Opernhäuser gehören nicht zu meinem natürlichen Habitat.

Manche solcher Redewendungen erschließen sich einem sowieso besser im praktischen Erleben und nicht durch Opern- oder Theaterbesuche (oder die Lektüre der Bibel).

Der Braune, hier ganz ruhig.

Als ich am späten Donnerstagabend in Braunschweig eintraf und das liebevoll für mich hergerichtete Gästezimmer betrat (inkl. Dackelstofftier, falls einen das Heimweh überkäme sowie einem Kopfkissensortiment für Mehrfach-Lädierte), wärmte mir Hausherr Bobby bereits meine Schlafstatt vor.

Momente, in denen man spürt: Man ist willkommen hier, die Gastgeber haben an alles gedacht – und frieren würde man des Nachts auch nicht.

Auch am nächsten Morgen war er noch recht ruhig, der Braune. Dann landete das Münchner Mitbringsel im „Napf“ (der in der Wahrnehmung eines Dackelfrauchens einer Auflaufform für 4 Personen glich)…

Die (kurze) Ruhe vor dem Sturm auf den Bottich.

…und zu Recht guckt ein echter Harzer Bursche erstmal skeptisch, wenn man ihm ungewohntes Bavarian-Street-Food – „Ochsenfetzen mit Wurzelgemüse, Hopfen und Kräutern“ – vorsetzt. 

Bavarian bowl for Bobby.

Zwei Minuten später war die Freundschaft besiegelt und ich vollends als Rudelgast akzeptiert.

Frisch gestärkt war es nun vorbei mit der Ruhe. Geschirr und Rucksäcke wurden angelegt – und los ging es!
Zum Dank für die Ochsenfetzen erhielt ich eine 13 Kilometer lange Privatführung durch den Nationalpark Harz.

Andrea, Bobby und ich fuhren nach Bad Harzburg: Details unserer schönen Rundwanderung empfehle ich im „Anwolf“-Blog nachzulesen, denn dort finden sich auch die besseren Fotos.

Vom Parkplatz aus wanderten wir über die Zwischenetappe Molkenhaus hinauf zu den Rabenklippen…

Von den Rabenklippen eröffnet sich der Blick zum verschneiten Brocken (rechts hinten).

…unterzogen die Redensart „Augen wie ein Luchs haben“ einem Praxistest, scheiterten kläglich und waren froh, dass wenigstens einer von uns den richtigen Riecher hatte und die Wildkatze orten konnte.

Luchs in der Nase – da wurde er unruhig, der Braune.

Wir passierten das Kreuz des Ostens…

Meine Reise vom Stern des Südens zum Kreuz des Ostens.

…und erreichten schließlich den Burgberg, von dem aus man eine schöne Sicht auf Bad Harzburg hätte haben können, wenn nicht wieder dichter Nebel aufgezogen wäre. Entschädigung für den entfallenen Talblick bot – namentlich wie kulinarisch – das Hotelrestaurant „Aussichtsreich“. Hier stärkten wir uns so ausgiebig, dass wir die letzte Etappe in der Dämmerung zum Auto zurückwanderten und erst im Dunkeln dort ankamen.

Der Große Braune hatte sich so ausgetobt, dass er für den restlichen Abend friedlich schnarchend mein Gästebett okkupierte, wohingegen wir Menschen nach dem zweiten Weißbier (und dank der inspirierenden musikalischen Untermalung zu den Antipasti) nochmal auftauten und angeregt diverse Ideen zu gemeinsamen privaten und beruflichen Unternehmungen diskutierten.
Geschwiegen wurde in Braun_schweig jedenfalls nicht viel, dachte ich mir, als ich etwas übernächtigt und mit leichtem Halskratzen in den ICE nachhause einstieg.

Wer hätte das gedacht, dass sich aus einer Bekanntschaft in der Blogosphäre und dem ersten Beschnuppern in Nörten-Hardenberg ein so wohltuender und ergiebiger Kontakt entwickeln würde? Schön war’s!

Herzlichen Dank an die drei Anwölfe für die tolle gemeinsame Zeit, die guten Gespräche und die perfekten Frühstückseier…

Brooding Bobby Brown.

…und allen anderen Lesern einen gemütlichen Ausklang des ersten Adventswochenendes!

Song des Tages bzw. Monats (14).

Der November geht zu Ende. Bislang gehörte dieser Monat allein wegen des Umschwungs von Herbst zu Winter nicht zu meinen bevorzugten Monaten. Diesmal hat er mir auch aus anderen Gründen zugesetzt: Das Schicksal spie mir nochmal einen großen Klumpen meines persönlichen Jahresthemas vor die Füße.

In 2016 ist Resonanz das wiederkehrende Thema gewesen, dieses Jahr ist es Täuschung.
Vertrauens- und Loyalitätsbruch von Menschen, denen ich das nicht zugetraut hätte.
Und auch im erweiterten Umfeld ein paarmal: Heuchelei statt Aufrichtigkeit, Rückzug statt Klärung, hintenrum statt gradheraus.

Nicht, dass die Menschen nicht reden könnten – das können sie sehr wohl: bei anderen wird das Herz ausgeschüttet oder gelästert, aber der, den’s betrifft, wird aus Feigheit umgangen bzw. „verschont“. Oder sie basteln sich im stillen Kämmerlein ihre „Wahrheiten“ zusammen, mixen sich ein Gebräu aus Unhinterfragtem und Unterstellungen, fällen Urteile. Bekommt man das Ganze eines Tages doch noch serviertt, staunt man nicht schlecht, fühlt sich gleichermaßen ratlos wie verraten.

Eine dieser Lebenserfahrungen, auf die ich hätte verzichten können, die aber natürlich nicht an meiner Schwelle Halt macht. Warum sollte sie auch. Wer weiß, wo und wie oft ich Vertrauen gebrochen habe, verurteilend oder illoyal war, ohne das zu wollen, es aber dennoch getan habe. Meist erfährt man das ja erst, wenn einen der Aufschrei des Verletzten erreicht. Manches Mal habe ich aufgeschrien in 2017, teils so ausgiebig, dass ich ganz heiser davon wurde.

Was hilft: Salbeitee mit Honig, die unverbrüchliche Treue einer Hundeseele, intakte Beziehungen und wuchtige Novembermusik.

Nothin‘ lasts forever
And we both know hearts can change
And it’s hard to hold a candle
In the cold November rain

I know it’s hard to keep an open heart
When even friends seem out to harm you
But if you could heal a broken heart
Wouldn’t time be out to charm you

(Nicht so leicht, eine Version zu finden, in der Axl Rose einigermaßen vollständig bekleidet und bei Stimme ist. Und keine Ahnung, was Elton John da am Zweitflügel verloren hat, aber er stört ja auch nicht.)

Ich verkrümel mich nun übers Wochenende nach Braunschweig, freu‘ mich drauf, und wünsche allseits einen verträglichen Novemberausklang ohne Husten und Heiserkeit.

Die Kraulquappe.

Novemberglück.

Es war eine schwierige Wanderung heute – erstmals in diesem Jahr haben wir uns völlig in den Wäldern verlaufen! – aber am Schluss war alles wieder gut.

Knapp einen Monat vor Weihnachten ohne Jacke am See sitzen, aufs Wasser und in die Sonne gucken, einen seiner Lieblingsmenschen neben sich spüren…

… was will man mehr?! 😉

Mit diesem Kurzbeitrag grüße ich euch herzlich – vor allem Andrea & Bobby!

It’s only our bodies that betray us in the end.

(Für Niklas.)

Sie pflegen dein Grab so gut wie gar nicht.
Obwohl das zu erwarten war, schnürt es mir kurz die Kehle zu, als ich mit Pippa heute dort ankomme.

Dann lege ich die weiße Calla nieder, die dritte, seit du dich nach dem Abendlauf im Januar 2016 zum Sterben in den Schnee gelegt hast.

Ich komme nicht mehr dazu, mir die Kopfhörer aufzusetzen und das Lied anzuhören, weil uns eine keifende Alte vertreibt: „Hunde verboten!“ (als würden Hunde per se auf Friedhöfen rumbellen, Grabsteine anpinkeln oder Besucher anfallen).

Let your mind rest easy, sleep well, my friend
It’s only our bodies that betray us in the end

I awoke last night in the dark and dreamy deep
From my head to my feet, my body’d gone stone cold

There were worms crawling all around me
My fingers scratching at an earth black and six foot low
And alone in the blackness of my grave
Alone I’d been left to die

Then I heard voices calling all around me
The earth rose above me, my eyes filled with sky
We are alive
And though our bodies lie alone here in the dark
Our souls and spirits rise
To carry the fire and light the spark
To fight shoulder to shoulder and heart to heart
To stand shoulder to shoulder and heart to heart
We are alive