Song des Tages (33).

„There’s a heart pounding wild and so strong.“
(Matthias Forenbacher, „Walden Pond“)

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Not Walden Pond but a lake beginning with W.

“Heaven is under our feet as well as over our heads.”
(Henry David Thoreau, „Walden“)

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Thank you for the music, S.
Greetings to Vienna & I’ll keep my fingers crossed.

Time goes by so slowly (and time can do so much). Zum 13. Mai 2019.

Liebe B.,

am gestrigen Regentag habe ich mich halb totgesucht in den Lyrics des großen Meisters (der dieses Jahr ja auch einen runden Geburtstag feiert), aber nur 2x „clay“ (gänzlich unpassender Kontext) und kein einziges Mal „pottery“ gefunden.

Dafür hab‘ ich was anderes für Dich entdeckt. Ein – wie ich finde – ausgesprochen schönes Töpfervideo. Gerade für mich als Laien auf dem Gebiet gewährt es doch gleich einen recht tiefen Einblick in dieses wundervolle Handwerk. Himmel, ist das aufregend! Und den Song, mit dem die spannenden Minuten an der Drehscheibe unterlegt wurden, den mochte ich auch immer.

Ich schenk es Dir, liebe 13er-Kollegin, also zu Deinem heutigen Ehrentag (obwohl ich nicht weiß, wie Du zu Patrick Swayze stehst – mein Typ war das ja nicht so, wobei in dem Video geht’s sogar einigermaßen) und wünsch‘ Dir weiterhin viel Freude bei der Ausübung und dem Ausbau Deines Herzenshobbies, viele genussreiche Momente an der Drehscheibe und beim Modellieren…

… und natürlich alles Liebe und Gute zu Deinem heutigen Geburtstag!

Ich stoß‘ dann später auf Dich an, zu dieser Stunde muss das Klopfen des Löffels an das Heidelbeermüslischälchen und der erhobene Kaffeepott reichen. Prosit!

Herzlichen Glückwunsch aus München,
Deine Natascha

Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

*****

Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

Wien (5): Äußerln & Innerln – ein Dankeschön.

Nachdem wir nun unwürdige lokale Gegebenheiten wie diese…

Ein Gackerlplatz, übersät von Hundstrümmerln, in der Mittn der Soachbaam: das Fräulein würde keine Pfote in solch ein Areal setzen!

…ausgiebig ausstalliert haben, ist es höchste Zeit für einen expliziten Dank.

Der gilt unserer Freundin S., die uns den wunderbaren Schwarzenbergpark gezeigt hat, wo man mit de Hunderl ned nur kurz äußerln gehn kann, sondern wo sie tatsächlich ohne Leine geduldet werden und sich endlich mal bewegen können.

Liebe S., die dreistündige Tour unter deiner kundigen Führung hinauf zum Hameau und hinüber zum Roan, wo uns dann die herrlichen Marillenpalatschinken erwarteten, hat uns nicht nur den Highscore der in Wien an einem Tag gelaufenen Kilometer beschert, sondern große Freude gemacht.

Und nicht nur ein schönes Äußerln hast du uns organisiert, sondern durchs zuverlässige Innerln (wie man das in Innenräumen stattfindende Dogsitting in Wien ab sofort zu nennen pflegt) hast du uns einen sehr entspannten Abend im Burgtheater ermöglicht – vielen Dank für alles & bis bald wieder!

Standing on a ledge oder: Der Krebs und sein Gang.

Traf ich dieser Tage den J. wieder.
In herrlich milder Luft sitzen wir draußen und trinken Tee.
Der Name des Cafés so verheißungsvoll wie das Wetter: Der LENZ ist da (tralala & verhext & grün & hopsasa).

Lange hatte ich ihn nicht gesehen, er war sehr absorbiert. Von einem hartnäckigen Karzinom. Und noch mehr von all den Medikamenten und den Therapien vorher und nachher und überhaupt. Hatte sich sehr zurückgezogen. So sehr, dass ich das mit dem Krebs zunächst von einer gemeinsamen Bekannten erfuhr und nicht von ihm.

Normalerweise verabreden wir uns nicht, J. und ich, sondern laufen uns zufällig über den Weg (wie das üblicherweise zwischen uns war, können Sie hier nachlesen, dann sind Sie im Bilde).
Eine Krebserkrankung kann solche Verhaltensmuster schon mal verändern. Plötzlich ein Gefühl von Endlichkeit oder zumindest eines von Nicht-mehr-blind-drauf-vertrauen-Wollen, dass man einander schon – wie in den 20 Jahren zuvor – alle zwei Jahre im Park, auf der Straße, an der Isar, im Schwimmbad oder auf dem Berg begegnen würde.
Nun sitzen wir also, explizit verabredet, in einem Café. Das ist neu für uns.

Ich mustere ihn verstohlen. Ob die Krankheit ihn verändert hat. Ob sie seiner Sportlerstatur etwas anhaben konnte. Ob die grauen Locken noch dieselbe Länge und Dichte haben. Ob die Gesichtszüge andere sind als bei unserer letzten Begegnung. Ob man ihm mittlerweile sein Alter ansehen kann, ihm, dem völlig Zeitlosen und ewig Frischen.
Seine Stimme zu hören, und sie auch so gänzlich unverändert wahrzunehmen, tut mir gut. Sie gehört zu den wenigen Stimmen, die ich mit geschlossenen Augen memorieren kann und das schon seit über 30 Jahren. Ein schönes, weiches Münchnerisch, durchsetzt von ein paar Dialektsprengseln des Oberlands, vielleicht aus Mittenwald, wo J. geboren wurde oder aus Lenggries, wo er aufwuchs.
Der Blick hinter seiner John-Lennon-Brille ist noch derselbe wie eh und je, froh, wach und lebendig, nur vielleicht etwas müder geworden, aber diese Interpretation kann auch meiner eigenen momentanen Müdigkeit geschuldet sein.

Wir haben uns nebeneinander gesetzt, so können wir beide den Rücken an die Hauswand lehnen und in die Sonne gucken.
Sprechen über dies und das. Über alte Zeiten. Über gemeinsame Stationen, damals. Über den Papa, natürlich. Über das letzte Jahr. Über das Jetzt. Über den Krebs. Über den Umgang damit. Über Metastasen und Chemotherapie und Bestrahlung. Über Heilung, Chancen und Heilungschancen.

„Jetzt sitzen wir hier, wir zwei Krebse“, sagt er, „und sprechen über Krebs!“.
Er lacht verschmitzt und meint, das sei eh die ganze Zeit über seine Devise gewesen: drauf zu vertrauen, dass ein Tag komme, an dem Krebs wieder einfach nur (s)ein Sternzeichen sei, dem er keine größere Bedeutung schenken müsse. Und dass er ja momentan als geheilt gälte.
Ich frage nach, will die ganze Geschichte hören, sofern er sie erzählen möchte, denn es ist ja manchmal so eine Sache mit den eigenen Krankheitsgeschichten: sie nerven einen ab einer gewissen Wiederholung – wie eine Platte, die hängengeblieben ist – und machen einen dann bei jeder weiteren eher noch kränker als dass einem das Erzählen noch irgendeine Erleichterung verschaffte.

J. stört das nicht, er erzählt mir bereitwillig alles, chronologisch, ruhig, mit einigen Pausen dazwischen.
Wir sehen uns die meiste Zeit dabei nicht an, weil wir ja nebeneinander sitzen und Richtung Sonne blicken, das fühlt sich entspannt an. Auch daran erkennt man vertraute Menschen: dass man auch nach langer Zeit ohne Warmwerdenmüssen und ohne Holprigkeiten über alles miteinander sprechen kann, dass man sich nicht dauernd ansehen muss (es gleichwohl mühelos könnte), dass man Pausen gut aushält, dass man nebeneinander sitzen kann und sich keine Gedanken über den passenden Abstand machen muss.

Fasziniert bin ich vor allem davon, dass J. während der gesamten Chemotherapie wöchentlich 1x auf einen Berg stieg, immer am Tag vor der Infusion, immer alleine.
Einmal habe er sich im Wochentag geirrt („es war ja alles so gleich in diesen Monaten“) und da rief die Assistentin aus der Onkologie vom Rechts der Isar ihn dann auf dem Handy an und fragte, wo er denn sei.
– Draußen sei er.
Ja wo denn „draußen“, wollte sie wissen.
– Auf einem Felsvorsprung sei er, in dem Ammergauer Bergen.
Aber das dürfe er doch nicht, er solle doch zuhause sein und sich schonen oder draußen nur mit Mundschutz unterwegs sein und schon gar nicht bergauf, das sei viel zu anstrengend, viel zu riskant.
– Na das hätte er ihr auch nicht freiwillig erzählt, aber sie habe ja nicht aufgehört, ihn zu fragen.
Jedenfalls zwang sie ihn dann doch zur Umkehr, weil die Infusion noch an dem Tag hat sein müssen, also stieg er halt wieder hinab („schad‘ um die Klammspitze, ich war fast schon oben!“) und fuhr zurück in die Stadt, direkt zur Klinik.

Er legt mir die Hand auf den Arm nach diesen Worten und schaut mich von der Seite an und sagt: „Ich wusste, dass ich hinauf gehen muss. Weil ich das doch mein Leben lang gemacht habe. Seit fast 60 Jahren gehe ich immer hinauf, erst recht, wenn es hier unten beklemmend wird. Ich wusste, wenn ich das jetzt bleiben lasse und mich daheim einsperre und mit Mundschutz auf den nächsten Termin warte, dann geh ich drauf.“
(Dass er sich das an dem einen oder anderen Felsvorsprung, den er in dieser Phase passierte, ebenfalls gedacht habe, auch das verschweigt er mir nicht.)

Wir bestellen ein zweites Getränk, reden über die Berge, auf denen jeder von uns in der letzten Zeit so herumturnte, in welcher Verfassung auch immer (man hätte sich mehrfach treffen können oder zumindest zuwinken), und darüber, was das mit uns macht, und wieso man das Glück und vielleicht sogar Heilung findet, dort oben.
Denn Heilung bedeutet auch, dass man spürt, was einen noch trägt, wenn vieles aufhört, einen zu tragen.

Die Sonne verabschiedet sich aus der Ludwigsvorstadt und verschwindet allmählich hinter der Ruhmeshalle, um ihre letzte Abendrunde durch die Schwanthalerhöhe zu drehen.
Innerlich randvoll (Gedanken, Gefühle: das Leben, der Tod, der eigene Weg, die Begleiter auf diesem, die Richtungswechsel, die Sackgassen, was war, was ist und was wird noch sein können?) gehe ich nach diesen Stunden nachhause und höre mir das Lied an, das mir zum Felsvorsprung gleich in den Sinn kam (I’m standing on a ledge…) und sowieso gut zu J. passt: some kind of gypsy boy, schon immer.

Der heutige, unerwartete Wintertag lässt’s zu, das Erlebte noch in Worte zu fassen, und auch der morgendliche Termin hat wieder einen Tropfen Öl in das viel zu oft klemmende innere Schloss eingebracht, auf dass es geschmeidiger und leichtgängiger werde und der Schlüssel sich drehen möge. Rechts herum!

Von Tauben und Menschen.

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Ich stehe in der Abflughalle eines Flughafens und warte auf den Freund.
Wir haben einen gemeinsamen Termin, etwas wichtiges Zukünftiges hängt daran.
Die Zeit drängt, eine Lautsprecherstimme hat das Gate ausgerufen. Vom Freund weit und breit keine Spur.
Ein geradezu typischer Zustand. Seine Unsichtbarkeit und Unzuverlässigkeit bin ich längst gewohnt, daher versuche ich, nicht sofort nervös zu werden, denn erfahrungsgemäß kommt er meistens noch. Zwar auf den letzten Drücker und oft in desolater Verfassung, aber er kommt.
Das Gate wird ein zweites Mal ausgerufen. Jetzt werde ich doch unruhig, greife zum Handy, rufe den Freund an. Wie immer klingelt es ins Leere, auch das bin ich längst gewöhnt. Es gibt keinen Menschen, den ich so zuverlässig nicht erreiche wie ihn.
Ich versuche es mit einer Textnachricht: Wo bist du? Ruf mich bitte an, es ist dringend!

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Kurz darauf ruft er tatsächlich zurück. Ist nach meiner aufgebrachten Frage, wo er denn bliebe, ganz erstaunt, dass unser Flug heute, genauer gesagt jetzt dann geht (ja sowas, ist denn schon Mittwoch?, will er wissen – Nein, sage ich, es ist Dienstag, aber unser Flug war schon immer für den heutigen Dienstag gebucht!).
Oh, dann hätte er sich wohl im Tag geirrt, mache sich aber nun auf den Weg und würde sich beeilen.

Wir beenden das Telefonat umgehend, weil wir keine Zeit mehr zu verlieren haben und mir ohnehin nichts mehr zu sagen einfällt.
Ich bin sprachlos ob dieser Vergesslichkeit. Nehme meinen Rollkoffer und mache mich auf den Weg zum Gate.

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Als ich auf dem Laufband stehe, folge ich einem Impuls: ich habe Lust loszurennen. Ich renne so schnell ich kann, unter mir das sich ebenfalls vorwärts bewegende Laufband, das dadurch entstehende Körpergefühl finde ich äußerst ulkig und denke: Lustig, das ist ja, als würde man sich gleich selbst überholen und abheben und fliegen. Herrlich!
Am Ende des Bandes angekommen setze ich den ersten Fuß (immer noch im Laufschritt) auf den hell gefliesten, blitzsauberen Boden und stürze beinahe kopfüber, weil der Untergrund ja nun nicht mehr rollt. Huch!

Etwas außer Atem komme ich am Gate an. Trete zu der langen Fensterfront, von der aus man wie von einer Empore auf das Rollfeld hinabschauen kann. Greife in die Manteltasche, um das Handy herauszuholen und dem Freund nochmal Bescheid zu geben, dass ich jetzt im Wartebereich bei Gate 261 sei und dass die Maschine noch nicht da sei, er es also vielleicht noch schaffen könne, wenn er die Beine unter die Arme nähme.

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Während ich seine Nummer in der Kontaktliste suche und mehrfach über das Display wische, denn bis zu seinem Namen muss ich diese Liste bis unten durchscrollen, fällt mein Blick auf das Rollfeld.

Dort unten tanzt jemand, umringt von Tauben. Kann das sein? Mitten auf dem Rollfeld?
Ich schaue genauer hin und erkenne in dem Tanzenden den Freund. Er tanzt nicht im herkömmlichen Sinne, sondern er dreht sich auf der Stelle, ein bisschen wie in Trance, immer um die eigene Achse – Was für eine grandiose Symbolik!, denke ich sofort, denn nichts könnte besser passen -, fuchtelt mit einem Gegenstand herum, macht Wurfbewegungen, die Tauben umflattern ihn, und als ich noch genauer hinsehe, entdecke ich, dass es eine kleine Papiertüte ist, mit der er herumfuchtelt und in die er immer wieder hineingreift, um ein Stück von einer Semmel abzubrechen.
Den Teigbrocken zerpflückt er dann in viele kleine Stückchen und wirft sie den Tauben zu, die Geschickten fangen die Krumen gleich im Flug auf, andere schwirren hektisch um ihn herum und gehen leer aus, ein paar der Vögel warten faul am Boden sitzend darauf, dass dem Freund ein Bröckchen aus der Hand oder einer anderen Taube eines aus dem Schnabel fiele und sie auf diese Weise etwas abbekämen.

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Staunend betrachte ich dieses Spektakel und mir wird klar: der Freund hat mich vergessen und er hat auch vergessen, dass er sich gerade eben noch beeilen wollte, so wie er zuvor auch den Flug vergessen hatte, und wie er ohnehin so vieles vergisst (oder ausblendet oder abklemmt), weil er in seiner ganz eigenen Realtiät lebt, die nur eine kleine Schnittmenge mit der Wirklichkeit da draußen hat (jene Wirklichkeit, in der es Freunde und Uhrzeiten und Flüge und Termine und Zukunftspläne gibt) – und oft wohl nicht einmal die.

Ich lasse mein Handy zurück in die Manteltasche gleiten. Betrachte ihn, wie er sich da unten auf dem riesigen, betonierten Rollfeld um sich selbst dreht und dabei Tauben füttert, er tut das mit einer Selbstvergessenheit wie man sie von einem Kind kennt, das einem plötzlich daherfliegenden Ahornblatt oder Schmetterling hinterherläuft, ganz fasziniert von der Buntheit des einen oder dem Flügelschlag des anderen, und das darüber völlig vergisst, dass es ja auf dem Weg zur Schule oder zur Klavierstunde oder wohin auch immer war – und das folglich zu spät kommen oder sich verlaufen oder nicht mehr wissen wird, wohin es eigentlich unterwegs war.

(Tatsächlich sah ich den Freund einmal – fernab jedes Orts- und Zeitgefühls, wie mir schien – auf einer betonierten Fläche stehen und Vögel füttern. Krähen waren es. Und er tanzte nicht.)

*****

Auf einmal hält der Freund kurz inne, dreht dann eine letzte Pirouette. Besonders schwungvoll soll sie aussehen, sie wirkt aber einfach nur affektiert.
Anschließend taumelt er mit herumrudernden Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, auf eine Parkbank zu, die am Rande des Rollfelds steht. Ein Mensch sitzt dort, von hinten sehe ich nur dessen Umrisse.

Die Tauben erschrecken über den plötzlichen Ausbruch des Freundes aus ihrer Mitte, flattern wild auf und quittieren den unerwarteten Abbruch der Fütterung mit lautem Kreischen.
Es ist ein großer Schwarm, wie ich jetzt erst bemerke. Dutzende Vögel sind dort unten und sie kreischen so laut, dass ich es bis hinauf in den Wartebereich von Gate 216 hören kann. Als der Freund die Bank erreicht hat, landen sie wieder und sind still.

Plötzlich ist meine Perspektive auf das Rollfeld eine andere und ich kann erkennen, dass es die Mutter ist, die dort unten auf der Bank sitzt.
Der Freund redet nun mit der Mutter, ich sehe auch, wie ihre Lippen sich bewegen und noch mitten im Traum denke ich verwundert: Sieh an, von den Toten auferstanden ist sie und sogar die Sprache hat sie wiedergefunden, trotz ihrer Krankheit…
Er hält ihr die Papiertüte hin, in der sich die Semmeln befinden, neigt sie etwas nach vorn, damit die Mutter hineingreifen und sich ein Stückchen abrupfen kann. Als er merkt, dass ihr diese Bewegung schwerfällt, setzt er sich neben sie auf die Bank. Blass sieht er aus. Und abgemagert.

*****

Gemeinsam werden sie gleich die Tauben füttern, denke ich. Aber ich werde es nicht mehr sehen, der Flug wird soeben zum letzten Mal aufgerufen, ich muss mich auf den Weg machen.

Das Letzte, was ich sehe, ist das welke, bleiche Gesicht der Mutter, die kloßartig auf der Bank sitzt (oder ist’s gar ein Rollstuhl?), nahezu reglos bis auf ein müdes Lächeln, als sie unendlich langsam in die Semmeltüte hineingreift.
Verblichen ihre Theatralik und ihr Talent, sich bestmöglich in Szene zu setzen und der ganzen Inszenierung ihre ureigene, oft für ach so genial gehaltene Note aufzudrücken, um nicht zu sagen: ihre Fanfare.
All das ist verblichen, ihr Auftritt endlich mal ruhig und unspektakulär.

Ich empfinde eine tiefe Zufriedenheit beim Anblick dieser so neuen und ungewohnten Wahrhaftigkeit und bin zugleich der Fensterfront dankbar, dass sie mich durch ihre dicken Glasscheiben spürbar von dieser Szenerie trennt, dass sie mich abschirmt von den beiden dort unten.
Von Menschen, die den Vogel, den sie haben, ebenso regelmäßig wie selbstverliebt mit der Taube des Heiligen Geistes verwechseln.
Von Menschen, die so in sich und ihre Welt verschraubt sind, dass sie nie dort waren, wo sie hätten sein müssen, manchmal vielleicht sogar sein wollten.
Wo man fest mit ihnen rechnete.
Wo man sie gebraucht hätte.
Wo man auf sie gewartet hat.
Vergeblich.

Das Letzte, was ich in diesem Traum denke, ist: Da haben sich ja zwei gefunden, sollen sie mal zusammen dort unten hockenbleiben – ich werde jetzt fliegen.

Es ist ein friedlicher Gedanke, gleichwohl folgt ihm ein innerer Aufruhr, ein mahnendes, anklagendes: Warum bin ich nicht schon längst geflogen?

*****

Mit diesem Gefühl wache ich auf.
Finde mich in Seitenlage ganz nah an der Bettkante vor, dem Bettinneren zugewandt, nicht dem Abgrund.

Das Erste, was ich wahrnehme, als ich die Augen öffne, ist ein auf Brusthöhe und von dort im 90°-Winkel von mir weggestreckt liegendes, ellenlanges Dackeltier, das mit seiner Nasenspitze fast bis zur anderen Bettkante reicht.
Unser einziger Kontakt: ihr Hinterteil an meinem Solarplexus, eine der sensibelsten Stellen meines Körpers.

Ein Arzt fragte mich vor vielen Jahren einmal, ob und wenn ja, wo an bzw. in meinem Körper ich mich (wir wollen uns hüten, vom wahren Selbst oder der eigenen Mitte oder irgendetwas in der Art zu faseln) denn am deutlichsten fühlen oder verorten würde.
Ganz spontan tippte ich damals auf den Solarplexus und sagte: „Da wohne ich!“
Und so ist es geblieben: wenn ich überhaupt irgendwo in mir wohnhaft bin, dann exakt dort.

Ein warmes, weiches Dackelhinterteil beim Aufwachen aus so einem Traum an genau diesem Punkt innerster Heimat und größter Empfindsamkeit zu spüren – das ist wunderbar.

*****

Beim Duschen nochmal über den Traum nachgedacht und mich im Zuge dessen an den Tauben-Song schlechthin erinnert: When doves cry.

Den Text beim Haarewaschen repetiert (ein wandelndes Songbook der 70er und 80er Jahre bin ich, nichts sonst – von ein paar Schiller-Balladen und einer Handvoll anderen Gedichten mal abgesehen – konnte ich mir je so schnell und nachhaltig einprägen wie Liedtexte).

When doves cry. Noch ins Handtuch gewickelt in YouTube nach der Musik gesucht. Ewig nicht mehr gehört.
Lieber nicht das Video von dem Toten (so nackt, so verloren, so dunkel), sondern dieses hier (eh die bessere Stimme):

Maybe I’m just too demanding
Maybe I’m just like my father too bold
Maybe you’re just like my mother
She’s never satisfied (She’s never satisfied)
Why do we scream at each other
This is what it sounds like
When doves cry

*****

Betthupferl.

Kriecht man spätnachts in sein Gästebett und findet – wie im Hotel – ein Betthupferl vor, sehr hübsch drapiert, so knapp unterm Kopfkissen.

Ein Schuh vom Hausherrn. Wau! Welch noble Geste! Der Hund des Hauses scheint einen zu mögen.

Als man morgens unerwartet früh aufwacht, weil man des nachts ins Hormonjammertal katapultiert wurde, also nicht in der Lage ist, schon aufzustehen oder mehr als eine Ibuprofen zu sich zu nehmen, da naht sogleich die Rettung auf vier Pfoten.

Größte Wärmflasche ever! Und so mitleidig und einfühlsam und lang angeguckt worden, dass die Schmerzen sich tatsächlich bald verziehen…

…Bobby aber findet, dass man noch liegenbleiben sollte, also tun wir das.

Wie sollte man auch diesen beachtlichen Kopf beiseite schieben, der einem so warm auf den Bauch gesunken ist (doch ein ganz ordentliches Kaliber, wenn man sonst 7kg Dackel gewohnt ist)?

Danke an die Penzbergerin, den Salzburger und den großen Braunen für das schöne Wiedersehen, die gelungene Party und den hohen Kuschelfaktor der Gastfreundschaft!

But I’m absolutely sane.

Eine größere Sache heute zuende gebracht, danach gleich die nächste angepackt.
Immer noch bleierne Müdigkeit, beinahe ganztags. Und dieser Ausschlag. Und häufiges Frösteln und so manches mehr. Zugleich ab und zu das Gefühl, das Medikament schlüge an und es ginge aufwärts.

Am späten Vormittag bereits Kuchen gebacken, D. hat sich den gewünscht, für morgen, für ihre große, runde Feier. Das Kuchenbacken doch noch nicht verlernt, schön. Sollte man wieder öfter machen, allein der Duft in der ganzen Wohnung ist ja ein Genuss!
Nebenher die Liste der mitzunehmenden Dinge für meinen großen Freund S. erstellt, der morgen die Ehre hat, für einige Stunden das Dackelfräulein zu hüten, nachdem ich Ds Feier beiwohnen werde und der Gatte in Frankfurt ein Wochenendseminar hält, so dass ein gutes Plätzchen gesucht werden musste.

Mittags Kopf, Körper und Hund ausgiebig an der Isar bei Schäftlarn ausgelüftet, um mal wieder von sauberem Weiß umgeben zu sein statt von schmutzigen Altschneeresten in der Großstadt.
Anschließend kommt die Braunschweiger Freundin kurz zu Besuch, seit Mai nicht mehr gesehen und dennoch war’s als wär‘ man gestern erst auseinandergegangen. Nachdem wir uns die Gesichter mit Krapfenmarmelade und -puderzucker verschmiert haben, fahre ich sie nach Schwabing, wo sie auf einen Geburtstag eingeladen ist.
Das hatten wir noch nie, dass wir zum Abschied sagen konnten: „Bis in drei Wochen!“ – dann reise ich zu ihrer Geburtstagsfeier. Auch ein runder Geburtstag. Ich mag Geburtstage ja, den meinen ebenso wie die der anderen.

Von Schwabing aus fahre ich weiter zum Lieblingsbad, fast eine Woche nicht mehr dort gewesen – ein Unding! – und heut‘ Abend versuch‘ ich’s einfach, trotz der null Grad da draußen (es ist ja ein Winter-Freibad, schön beheizt zwar, dennoch muss man 42 Schritte vom Gebäude durch die Eiseskälte bis zum Beckenrand laufen und der erste halbe Meter unter der Wasseroberfläche hat auch nicht gerade Badewannentemperatur), trotz der Müdigkeit und allem.
In der Bahn sind außer mir nur zwei roboterartige Kampfkrauler, man kommt einander also nicht in die Quere und es geht insgesamt erstaunlich gut.

Auf dem Heimweg mache ich etwas, das ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht habe: ich fahre bei einer Tankstelle raus, um Bier zu kaufen.
Gruselige Assoziationen kommen da hoch: an den, der immer abends zur Tanke ging, um Bier zu kaufen. Und zwar jeden Abend. Und auch nicht nur eine Flasche.
Mit 46 fahre ich also erstmals nur zum Bierkauf an eine Tankstelle. Grund: Der blöde REWE hat seit über einer Woche die für mich einzig wahre Weißbiersorte nicht mehr im Regal stehen, angeblich Lieferschwierigkeiten.

Als ich mit dem Bier in der Hand zum Auto zurückgehe, fühle ich mich unwohl, muss an den Papa denken, der mich in meiner kurzen Phase als Raucherin immer ermahnte, bloß nicht draußen auf der Straße und schon gar nicht beim Herumlaufen zu rauchen, weil das Frauen nicht zu Gesichte stünde. Obwohl ich diese Regel schon damals für äußerst fragwürdig hielt, frage ich mich plötzlich, ob sie nicht für das offene Herumtragen einer Bierflasche ebenso gelten könne und fühle mich noch unwohler.
Ein Geschäftsmann im Lodenmantel steigt aus seinem blankpolierten BMW, unsere Blicke kreuzen sich für einen Moment. Eine Frau allein, am späteren Freitagabend, mit dreckigem Auto, in abgewetzter Jeans, uralten Bergstiefeln, mit nassen Haaren, die unter der Fleecemütze rausschauen (er wird sie wohl für strähnige, ungewaschene Haare halten, nicht für schwimmbadnasse) – wie sieht das aus? Ich bin froh, als ich wieder im Auto sitze und ärgere mich, dass es mich auf einmal beschäftigt, was irgendwer sich über mich denken könnte.

Lasse den Motor an, fädle mich wieder auf die Allee ein, hinter einen Porsche 911, der fast denelben Farbton hat wie der von Saga Norén, der mich aber nicht deswegen, sondern wegen seines Kennzeichens zusammenzucken lässt: M-HK 2108. Genau damit fuhr die Mutter einst herum, im orangefarbenen VW Käfer (der mit den netten, feinrändrigen Augen, nicht der mit den Glotzaugen). Ja gibt’s das?!
M-HK 2108 lebt also noch (und in mir denkt es: „maybe everything that dies someday comes back“, einer dieser Fetzen aus dem Lebenssoundtrack) und dabei ist sie jetzt bald drei Jahre unter der Erde.

Um nicht länger als nötig an den orangefarbenen Käfer und die Geschichten, die sich in ihm und um ihn rankten, zu denken, stelle ich das Radio an, den Sender, von dem man jahrzehntelang dachte, man würde ihn niemals hören (so wie man auch never ever an der Tankstelle Bier kaufen würde).
Ich lande mitten in der ersten Strophe eines Bowie-Songs: „(…) but I’m abolutely sane“.
Absolute beginners.
Sehe A. und mich im gleichnamigen Film sitzen (über 30 Jahre her), von dem ich nichts erinnere außer Bowie, der Zebrafrau und eben diesem Song. Am Tag danach sofort die Single gekauft. Im Jugendzimmer auf dem Boden sitzend, ans Klavier gelehnt, mit Blick auf das damals gerade neu erstandene Tunnel-of-love-Poster die Scheibe in Endlosschleife gehört.
Der größte Segen meines vom Zeitungsaustragesalär gekauften Plattenspielers war seine Repeat-Taste.

Westwärts oder: Feels like Finsdorf.

Eine Fahrt in eine Richtung, die noch nie die meine war.
Graue Landschaften und trostlose Dörfer huschen draußen vor dem verschmierten Zugfenster vorbei. Immerhin, der ICE ist pünktlich und ich habe ein Abteil für mich.
Die Reise ist zu kurz, um in mir irgendwo anzukommen, daher bleibt sie einfach eine Fahrt von A nach B.

Am Zielort erblicke ich für einen winzigen Moment mein Spiegelbild im Fenster der Zugtür, die sich gleich öffnen wird, und denke: Oh je! Krank irgendwie, arg blass und hohlwangig.
Der, den ich für einen Freund hielt und den ich vielleicht eines Tages – die Zeit und die Akteure werden’s zeigen – wieder dafür halten werde, holt mich am Bahnsteig ab.
Um ein Haar verfehlen wir einander: er guckt in die falsche Richtung und ich erkenne ihn erst auf den zweiten Blick. Auch er gerade alles andere als das, was man das blühende Leben nennt.

Eine ganze Menge steckt in den beiden Terminen, die uns an diesem Tag bevorstehen: Meine Zeit, seine Hoffnung.
Ich fühle mich wie eine Anwältin auf dem Weg zur entscheidenden Verhandlung. Mein ebenfalls angespannter Mandant fährt uns beide zum Amtsgericht. Was freilich nicht der Fall ist, da ich keine Juristin bin und er nicht mein Mandant.
Vielmehr reisen wir in eine Sphäre, die jener der Capitol-Filiale in Finsdorf ähnelt, was jetzt nur die Stromberg-Fans verstehen werden, was aber auch wurscht ist. Irgendeine schwäbische Gemeinde halt, mit schwätzende Sachbearbeiter und häuslebauende Filialleiter (nein, ich habe die Deklination nicht verhunzt, sondern der dortige Dialekt hat sie verschluckt), die Mischd sagen zu Dingen, die nix taugen und ein geknödeltes Adeee zum Abschied.

Es läuft den Umständen entsprechend gut.
Das Meiste, das ich derart akribisch plane und vorbereite, läuft gut, wenn mir nicht andere oder eben irgendwelche Umstände in die Quere kommen und mich in meinem Tun behindern. Rein energetisch und strukturell betrachtet war ich noch nie ein Fan von Teamarbeit in größerem Umfang, aber das ist ein anderes Thema.

Am Nachmittag stolpere ich mit hämmernden Kopfschmerzen aus dem zweiten Termin heraus.
Fertig. Geschafft. In jeder Hinsicht.
Von allen Wettern begleitet kutschiert der Mandant uns wieder über die wie eh und je vollgestopfte A8 zurück zum Ausgangsort. Halb verhungert steuern wir dort das nächstbeste Lokal an, zufälligerweise von Interieur und Speisekarte her eine halbwegs gelungene Hommage an meine Heimatstadt. Nur Breze können sie hier weder im Singular noch im Plural korrekt schreiben, geschweige denn aussprechen.

Langsam entspannt sich die Situation.
Zusammen gießen wir ein bayerisches Bier über diesen Tag. Für das Ertränken des in den Wochen zuvor Geschehenen bräuchte man ein kleines oder mittleres Fass, aber man muss ja noch heimkommen und von Nachhaltigkeit wäre diese pennälerhafte Maßnahme ja auch nicht gekrönt.
Ein Gespräch, ja, das wär’s wohl, aber dazu müssten mal beide zeitgleich in der Verfassung sein und mindestens einer den Anstoß geben.

Meine Sohlen sind durchgelaufen.
Dies nicht nur als Metapher für den Status quo, sondern auch ganz real. Der nasskalte Schlonz, der auf dem Asphalt liegt, kriecht mir auf dem Weg zum Bahnhof unangenehm in die Stiefel, in die Waden, die Beine hinauf und von dort weiter bis ins Herz.
Mir klappern die Zähne, ich fühle mich untergewichtig, beinahe wie in Auflösung begriffen, und als wir uns an Gleis 2 verabschieden, bin ich tatsächlich nur noch ein dünner, wackliger Strich, der sich in der beschlagenen Scheibe eines Schaukastens spiegelt, in dem der Wagenstandanzeiger hängt.

Warum fühlt man sich eigentlich so gut wie nie richtig gewichtig ausgewogen, sondern entweder schwer wie Blei oder wie ein Blatt im Wind?, frage ich mich, als ich mich in dem schmuddligen Intercity auf irgendeinen freien Platz setze.

Draußen hebt der, der mich gerade verabschiedet hat, die Hand und winkt. Ich winke zurück.
Wir lächeln uns etwas schief zu, was gut passt zu all den schrägen Umständen und überhaupt diesem ganzen Tag.
Dann geht er. Nach ein paar Schritten dreht er sich nochmal um.
Das hat er von mir!, schießt es mir durch den Kopf, denn als ich ihn kennenlernte, war er kein Umdreher, sondern einer, der einfach ging.

Und in dem Moment kann ich doch noch einmal unschief lächeln, was er aber nicht mehr sehen kann.

Ge_danke_n 2018 (10).

Zum Jahresende sortiere ich grundsätzlich meine Fotos. Lege Ordner an, Unterordner gar, alles wird durchgesehen, ausgemistet, betitelt und schließlich chronologisch abgelegt. Sonst findet man nämlich in Kürze nichts mehr wieder.
Und außerdem hat das Betrachten und Aufräumen des gesamten Fotobestands eines zu Ende gehenden Jahres stets auch den einen oder anderen kathartischen Effekt.

So zum Beispiel diesmal die Erkenntnis, dass Selfies zu 99% scheiße aussehen, weil man darauf einen Eierkopf hat, ziemlich blöd in die falsche Ecke guckt und mindestens ein Oberarm muckimäßiger daherkommt als er ist. Die Steigerung von Solo-Selfies sind Duo-Selfies, da stimmen dann auch die Größenverhältnisse nicht und immer verzieht es einem von beiden das Grinsen, weil man halt 5 bis 8 Anläufe braucht, bis überhaupt mal beide auf dem Bild drauf sind und man eine einigermaßen passable Position nebeneinander gefunden hat.
Im Jahr 2018 sind 9 unsägliche Selfies entstanden, nur eines davon kann bzw. soll (in milder Sepia-Nachbearbeitung, um den Sonnenbrand zu vertuschen, ansonsten aber ohne weitere Beschönigungen) im Rahmen der heutigen Danksagung veröffentlicht werden.

Straßburg im August, T. und ich am Ende eines langen Sommertages, verschwitzt und vernebelt von den Geruchsschwaden, die der Elsässer Flammkuchen (der mit dem Munsterkäse) durch die ganze Stadt trieb. Abgesehen davon war’s toll dort: ich durfte mir alles aussuchen, das Programm ganz nach meinem Geschmack gestalten und hatte in T. einen Begleiter und Sponsor, der nie murrte oder moserte und bis auf das Absolvieren von 1.500m im örtlichen Freibad für all meine Ideen zu begeistern war.

Ich erinnere mich sehr gern an diese 3 Tage im Sommer 2018 – geburtstagsgeschenktechnisch war das wirklich ein Volltreffer!

Danke, lieber T. alias Bobby Jean – und falls Du Dich finanziell je von dem französischen Strafzettel erholen solltest: einem weiteren Trip wäre ich nicht abgeneigt und selbstverständlich organisiere ich auch wieder das Sightseeing- und Sport-Programm!

À bientôt & merci pour tout!