Himmel der Bayern (38): West of Wiesn.

München, Samstagmittag. 22 Grad, blauer Himmel und Sonne satt.

Alles fährt raus aus der Stadt, wir fahren rein (merke: immer antizyklisch unterwegs sein, das erspart einem sehr viel Nervensalat!).

Und gucken uns mal ein bisschen um im künftigen Westflügel der neuen Heimat.

Über die menschenleere Theresienwiese geht es hinauf zur Münchner Freiheitsstatue…

…danach hinter der Ruhmeshalle vorbei…

…in den Bavariapark hinein…

…in dem nicht nur schöne Männer zu finden sind…

…sondern – fast ebenso wichtig – auch schöne Biergärten.

Und im angrenzenden Viertel – noch wichtiger – sogar eine schöne Eisdiele, in wir uns das erste Zitroneneis des Jahres holen…

…und das Waffel-Endstück zehn Minuten später seiner einzig wahren Bestimmung zuführen.

Vom Westend dann in großem nördlichen Bogen von der Theresienhöhe wieder hinab auf die Wiesn, wo man sich über die unbewusst sehr geschickte Wahl des Umzugstermins freut (knapp nach Ende des Frühlingsfestes)…

…und nebenbei auf seltene, in der Bergwelt leider noch nie angetroffene Almen stößt.

Nebenan kraxeln ein paar Möchtegern-Alpinisten unbeholfen herum.

Wieder an der Ostkante der „Wiese“ angekommen, schnappt das Dackelfräulein zwei bärtigen Kerlen geschickt den Tischtennisball weg…

…und saust davon, stolz wie Oskar, und als ich sie wieder einfange, sieht der Ball aus wie ein zerdeppertes Frühstücksei.

Aber das Tolle an so einem Dackelfräulein ist, dass ihm quasi nie jemand etwas übel nimmt: die Jungs lachen und nehmen gelassen ihren Zweitball.

Ich glaube, das wird gut werden, dort und überhaupt.

Song des Tages (19).

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping

Das Dackelfräulein lässt sich auf 1.300m die Frühlingsbergluft um die Nase wehen.

Standing in the sunlight laughing
Hide behind a rainbow’s wall,
Slipping and a-sliding
All along the waterfall

With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Ein Prosit der Gemütlichkeit!

Himmel der Bayern (37): Saisonbeginn.

Endlich wieder am Seelenort.

Mit Weißbier, See- und Zugspitzblick, kurzes Durchschnaufen vor der nächsten Etappe der Umzugsorganisation.

Das Dackelfräulein munter im Schilf kruschelnd, die jahrelang eingeübten Grenzen vorbildlich wahrend – nach links hin die große Kastanie, rechts rüber das Bächlein – und immer in Sichtweite.

Manchmal wirklich der weltbravste Hund.

Song des Tages (18).

In schönster Frühlingssonne durch den Wald gesprintet (erstmals seit Monaten in leichtem Gewand), den uralten iPod wiederbelebt (kein Ersatz für den schönen Schlanken in pink, aber mei), die 380 Songs umfassende Liste auf Zufallswiedergabe gestellt (ausschließlich der Lebenssoundtrack, der in letzter Zeit viel zu kurz kam) und auf dem Trampelpfad mit Blick hinüber zu den Bergen (dort hinten am heimatlichen Horizont leuchtend und lockend) eine Dynamik und Freude verspürt wie schon lange nicht mehr.

Grab your ticket and your suitcase, thunder’s rolling down this track
Well, you don’t know where you’re going now, but you know you won’t be back
Well, darling, if you’re weary, lay your head upon my chest
We’ll take what we can carry, yeah, and we’ll leave the rest

Well, big wheels roll through the fields where sunlight streams
Meet me in a land of hope and dreams

I will provide for you and I’ll stand by your side
You’ll need a good companion now for this part of the ride
Yeah, leave behind your sorrows, let this day be the last
Well, tomorrow there’ll be sunshine and all this darkness past

Well, big wheels roll through fields where sunlight streams
Oh, meet me in a land of hope and dreams

Mit dem Song grüß‘ ich ganz besonders die S. aus dem schönen Wien (in großer Vorfreude auf unseren Konzerttrip nach Leipzig: das grab your ticket ja gerade noch mal gerettet, trotz der kleinen Panne…) sowie den S., der mich bei einem aktuellen Zukunftsprojekt so großartig unterstützt (worüber beizeiten noch zu berichten sein wird).

Einen Frühlingsschwung wünsch‘ ich der geschätzten Leserschaft sowie einen schönen, sonnigen Feiertag!

*****

@Wien: Kanntest du diese Version schon? (Veteranenvorspann überspringen & Einstieg bei 1:23!)

Ablenken.

Zwei Tage bestes Ablenkungsprogramm!

Die Freundin hat nochmal die Nähnadel geschwungen und aus dem Billig-Babyhöschen einen feinen Dackelpyjama für die Nächte nach der OP fabriziert, aus dem sich das Fräulein hoffentlich nicht herauswinden kann.

Probetragen des Dackelhinterbein-OP-Schutzes…

…mit justierbaren Hosenträgern. Passt!

„Nettes Gewand für nur 8€“, denkt sich der Mensch.
„Was soll jetzt dieser Unsinn?“, fragt sich der Hund (macht aber für ein paar Stückerl Kärntner Bergkäse alles brav mit).

Das beim Medizinischen Fachhandel für malade Haustiere bestellte Teil für 18€ hat hinten und vorne nicht gepasst und ist schon wieder auf dem Weg retour. Es geht einfach nix über ordentliche Handarbeit & Maßanfertigungen.

Gestern dann, pünktlich zum Frühlingsbeginn im schönen Oberbayern, ganztags in die Berge zum Durchlüften.

Die Tannen auf 1.000 Metern Höhe verschneiter als an Weihnachten…

… und nach den zapfigen Stunden im Freien mit der Graseck-Gondel wieder hinab ins Tal.

„Die Phantasie ist ein ewiger Frühling.“ (Friedrich Schiller)

Viel Liebe, Freundschaft und Zuspruch von außen (ganz herzlichen Dank dafür!).

Zur Frühstücksbreze heute die erfreuliche Botschaft, dass der fesche Kiefer sich im Juni die Ehre gibt (und hoffentlich seinen dämlichen Cowboyhut daheim lässt) und kurz danach noch ein überaus nettes und lustiges Telefonat mit einer niedersächsischen Dame vom Kundenservice der Krankenkasse. Mein Orthopäde hat mir ein Tensgerät verordnet, das sei „so eine Art Vibrator für den Ellenbogen“, also ein „echt cooles Teil“, wie mir die Niedersächsin von der BARMER mit ihrer wunderbaren Sabine-Töpperwien-Stimme erläutert – „da werden Sie schon Spaß mit haben“ (uns beiden rutscht ein kurzes, dreckiges herzhaftes Lachen raus). Na dann!

Summa summarum nehme ich das mal als gutes Omen, hoffe auf ein paar Stunden Schlaf heute Nacht und einen reibungslosen Ablauf des für morgen Anstehenden.

Frühlingsfedern oder: Damals in Ottakring.

Im stürmischen Südföhn, der das Seeufer großzügig mit Frühlingsluft überschwemmt, kommt dem Dackelfräulein und mir ein Paar entgegen. Ein ungleiches Paar. Sie, um die 60, hat sich bei ihm, sehr jung, untergehakt. Die Federn an ihrem Damenhut vibrieren heftig im Wind. In inniger Vertrautheit aneinandergeschmiegt spazieren sie im Gleichschritt auf uns zu. Es kommt zur Begegnung, gar zum Gespräch – ausschließlich dem Charme des Hundes wegen, ich hätte lieber meine Ruhe gehabt.

Während ich den beiden interessiert Fragenden die üblichen Auskünfte erteile („nein, sie ist nicht mehr ganz jung, sondern schon 6“, „ja, sie liebt Wasser und es ist ihr nicht zu kalt“, „nein, sie ist kein Zwergdackel, sondern Normalschlag, ihr Vater war ein recht zierlicher, aber drahtiger Bursche“) und Pippa das neu gewonnene Publikum geschickt nutzt, um unter großem „Mei, schau!“ und „Herrje, wie reizend!“ mit einer aus dem Schilf stibitzten Feder im Schnabel eine regelrechte Zirkusnummer aufzuführen, habe ich plötzlich ein Déjà-vu. So ein Gespann hast du doch schon mal gesehen!, rumpelt es durch mein Bewusstsein.
Und flugs formiert sich’s zur konkreten Erinnerung: Die beiden vor mir, die sind gar kein Paar, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne – das sind Mutter und Sohn!

Wo war das noch? Genau!
Damals, im Ottakringer Frühling war’s.

Das Ritual aller frisch Getrennten stand mir bevor: meine paar, noch bei K. in Wien deponierten Habseligkeiten abzuholen. Ich wollte K. keinesfalls schon wiedersehen und bat daher seinen besten Freund C., er möge meine Sachen doch bei Gelegenheit an sich nehmen. C. erledigte das umgehend und bot an, ich könne, wenn ich demnächst zum Abholen der Dinge vorbeikäme, gern das Wochenende bei ihm verbringen, um die weite Strecke nicht am selben Tag hin und retour fahren zu müssen. Der Frühling hielte schließlich gerade Einzug in Wien und man könne ja gemeinsam auf den Kahlenberg wandern (und ich dürfe mich auch gern an seiner Schulter ausweinen, wenn mir danach sei).

Ich überlegte kurz, ob mir danach wäre und vor allem, ob ich so viel Wien jetzt schon wieder verkraften könnte, war mir irgendwie unsicher, entschloss mich dann aber, die Unternehmung als willkommene Ablenkung vom Trennungsschmerz und als gute Option für einen positiveren Abschied von der Stadt zu betrachten und nahm das Angebot dankend an.

Eine weise Entscheidung, da sich die Hinfahrt, was ich natürlich vorher nicht ahnen konnte, nicht in den üblichen drei Stunden bewältigen ließ, sondern fast sieben Stunden hinzog, da mir an einer Tankstelle bei Passau der Autoschlüssel im Schloss des kleinen, roten Fiestas abbrach und mich der grantige niederbayerische Tankwart nur sehr unwillig zum nächsten Ford-Händler kutschierte, damit ich einen Ersatzschlüssel anfertigen lassen konnte.

Spätnachmittags traf ich etwas gerädert von der Anreise bei C. in Ottakring ein.
C. war einer der höflichsten Männer, die ich je kennengelernt habe, quasi ein Kavalier alter Schule. Er erwartete mich bereits unten auf der Straße, hielt mir die Autotür auf, um mir aus dem Auto heraus und in den Mantel hinein zu helfen. Trug mein Gepäck nach oben in die – wie er mir im Stiegenhaus erläuterte – 240m² große Altbauwohnung.

Ich war noch nie zuvor bei C. daheim gewesen, staunte daher nicht schlecht über die schier unglaublichen Dimensionen seines studentischen Zuhauses.
Als er die Wohnungstür aufschloss und meinen Koffer auf den Dielenboden stellte, hörte ich ein Klappern aus einem der Räume. Vielleicht die Bedienerin? Das kannte ich schon von K.s Eltern, dass sich in Wien auch der Mittelstand gern diesen mindestens wöchentlichen Luxus im Alltag leistete.
Das Klappern schien näher zu kommen und kurz darauf stand es leibhaftig vor uns. Eine ältere, stark geschminkte Dame in wallendem Gewand, mit Federschmuck im hochgesteckten, silbrigen Haar. C. stellte sie mir als seine Mutter vor. Sie reichte mir ihre knochige, reich beringte Hand mit einem „Ich grüße Sie herzlich, wertes Fräulein Natascha!“, auch das war mir bereits von K.s Eltern vertraut (da wo i dahoam bin, da hatten Freunde der Kinder nicht mehr als ein schlichtes elterliches „Servus“ oder „Hallo“ zu erwarten).

Beim Abendessen erfuhr ich, dass C.s Mutter gar nicht zu Besuch war, wie ich zunächst angenommen hatte, sondern ebenfalls dort lebte und zwar bereits seit über 40 Jahren, und dass die Wohnung deshalb so riesig war, weil es sich eigentlich um zwei Wohnungen handelte, die vor langer Zeit zusammengelegt worden waren, weil C.s Mutter dort auch ihr Geschäft hatte. Sie führte dort jahrzehntelang eine Werkstatt für Kunstblumengestecke. Dass der Laden angeblich längst stillgelegt worden war, sah man dem hinteren Trakt der Altbauwohnung kaum an: drei große Räume mit eingestaubten Werkbänken, Schränken voller Werkzeug und deckenhohen Regalen bis zum Anschlag vollgestopft mit Schachteln, Boxen und Körben. Darin Kunstblumenteile, aus Seide, aus Plastik, aus Holz, aus Drahtgeflecht, eine unfassbare Vielfalt!, nebst zig Schubkästchen voller Federn, Perlen und Zierrat aller Art (und Abart) – mir fiel in einer Tour die Kinnlade herunter, während man mich durch die Räumlichkeiten führte.

Im kleinsten der Zimmer, das vielleicht 25m² maß, stand ein uraltes, riesiges Doppelbett mit besticktem, dunkelroten Überwurf – mein Gästebett fürs Wochenende, wie man mir mitteilte.
Umgeben von all dem Geblümel und der Patina längst verblichener Zeiten und Gewerke sollte ich dort schlafen, was mir zumindest in der ersten Nacht kaum gelingen wollte. Neben dem Bett hatte C. meine Sachen aus K.s Wohnung fein säuberlich aufgeschichtet. Obenauf ein Briefchen von K., das ebenfalls hervorragend als Schlafräuber taugte.

Am nächsten Morgen zog ich die schweren Samtvorhänge beiseite und blickte durch das milchig-schmutzige Sprossenfenster hinab auf die belebte Straße. Die Bim schob sich quietschend neben dem Samstagmorgenverkehr entlang, die Menschen hetzten bereits geschäftig durch die Gassen, ein paar Bäume hier und dort, die erstes Grün zeigten, unter dem Fenster ein Magnolienbaum in voller Blütenpracht. Frühling in Ottakring.

Ich zog mir etwas über, um nicht durch Nachtgewand und Barfüßigkeit meine Gastgeber zu verschrecken und schlich auf leisen Sohlen den langen, dunklen Flur Richtung Küche, in der Hoffnung auf einen Hauch Kaffeeduft und ein vielleicht schon im Entstehen begriffenes Frühstück. Stille empfing mich. Kein Kaffee, kein Croissant weit und breit. Das Knarzen des alten Bodens unter meinen Füßen das einzige Geräusch in der noch schlafenden Wohnung. Ich beschloss, mich ins Bad zu verkrümeln, fand den Weg nicht gleich, bog falsch ab und kam an einer geöffneten Flügeltür vorbei – die einzige Lichtquelle in dem düsteren Gang.

In dem Zimmer sah ich ein fast identisches Doppelbett wie das, in dem auch ich schlief, stehen, und als ich da so hinüberblickte, bemerkte ich, wie sich etwas in dem Bett regte und erkannte den silbrigen Schopf der Mutter. Sie drehte sich im Schlaf um. Aber was war das? In der anderen Betthälfte schien es auch einen kleinen Ruck unter der Decke zu geben!?! Und tatsächlich: Dort lag C., der Mutter den Rücken zugewandt, tief und fest schlafend.
Einer ausgiebige Dusche bot die Gelegenheit, diese frühmorgendlichen Impressionen aus dem 16. Bezirk erstmal sacken zu lassen, um das später folgende gemeinsame Frühstück ohne Entgleisungen in der Mimik antreten zu können.

Es war die seltsamste Mutter-Sohn-Symbiose und zugleich die abstruseste WG, in die mir je Einblick gewährt wurde. Und es war eines der erlebnisreichsten Wochenenden, die ich je in Wien verbracht habe. Mit einer Friedhofsbesichtigung (Ottakring), einer Wanderung (Kahlenberg), dem Abendessen in einem Ottakringer Beisl mit den schrägen Kommilitonen von C. (Indologie, Papyrologie und Epigraphik), der Präsentation von C.s beeindruckender Sammlung schwedischer Pornohefte aus den 70er Jahren (sehr züchtig, sehr blond, sehr haarig überhaupt), den Foxtrottübungen im Flur (C.s Mutter bat mich, ihren Sohn in der Linksdrehung zu unterrichten) und nicht zu vergessen den drei langen Frühstücken zusammen mit C.s Mutter in ihrem divenhaften, brokatenen Schlafrock (und mit flittergesprenkelten Seidenhyazinthen auf dem Frühstückstisch).

Zum Abschied schenkte sie mir ein Paar Ohrringe, die mir fast bis zum Schlüsselbein reichten und sich mit ihren pieksigen Federkielen übel in meinem Mantelkragen verhakten.

Es wird höchste Zeit, wieder einmal nach Wien zu reisen, denke ich.

Vielleicht schon im Frühling.

Himmel der Bayern (36): Along the east bank.

Starnberger See, Ostufer. 8. März 2018.

The famous Eastbank (with Trainpeakview).

St. Ludwig bei Berg.

The Kini’s Grave.

Blick von der Votivkapelle auf den See.

Frühlingserwachen im Strandbad.

Seeluft schnuppern!

Nachdenken über den Traumjob.

Ausüben des Traumjobs!

Seehunde unter sich.

Ein zweiter Versuch über die Liebe: Zeugen.

*****

Es war wenige Tage vor meiner (Erst-)Hochzeit.
Nach einem langen Arbeitstag saß ich mit Kollegen an der Bar eines bedeutungslosen Hotels im ebenso bedeutungslosen Sankt Ingbert, das irgendwo östlich von Saarbrücken liegt, als mich eine Freundin anrief und sich nach meiner Verfassung erkundigte und fragte, ob alles in Ordnung sei, so kurz bevor ich den Bund fürs Leben schließen würde. Ihren Job als Trauzeugin schien sie ziemlich ernst zu nehmen.

Ich schnappte mir meinen Drink, verzog mich auf mein Hotelzimmer, da solche Nachfragen natürlich nicht vor Kollegenohren beantwortet werden konnten.
Recht unvermittelt stellte sie mir im weiteren Verlauf des Telefonats eine echte Gretchenfrage: Ob ich mir in meiner Liebe zu M. denn sicher sei, wollte sie wissen. Was sie damit genau meine, wollte ich zurückwissen. Naja, sagte sie, ob es eben so sei, wie in No surrender und wie wir uns die Liebe damals, als wir 16 waren, vorgestellt hatten, und diese Ahnung, einem Manifest gleich, mit weißer Tusche auf schwarzem Papier für die Ewigkeit festgehalten, eingerahmt und in unseren Jugendzimmern übers Bett gepinnt hatten.
„Ich glaube schon“, entgegnete ich, und spülte den seltsamen Nachgeschmack, den diese Antwort sogleich auf meiner Zunge hinterlassen hatte, schnell mit dem restlichen Cocktail hinunter. Die Freundin ließ natürlich nicht locker, so wie sich das gehört für wahre Freunde, und legte nach: „Wie, du GLAUBST es nur? Und du meinst, DAS wird reichen?“ – „Ja, ich denke, dass es reichen wird“, hörte ich mich sagen.

Nun ja, es hat nicht gereicht.
Und das Verflixte daran war, dass ich es ganz genau gewusst hatte, damals, auf dieser Hotelbettkante sitzend, mit dem viel zu süßen Mai Tai in der einen und dem Telefonhörer mit der Trauzeugin dran in der anderen Hand.

Eine zurechtgedachte Liebesmöglichkeit war es, die ich fühlen und festhalten wollte, damals, auf meiner verzweifelten Suche nach einem Ort, den ich mein Zuhause würde nennen können.

*****

Den Anfang vom Ende der Freundschaft mit C. besiegelte nach einem zweijährigen, mit großer Mühe und Qual verleugneten Auseinanderleben schließlich ein Satz, der bei einer abendfüllenden Diskussion im „Radha“, unserem Stamm-Inder, fiel.
Er war C.s Antwort auf meine Frage, ob und wenn ja, weshalb sie – glücklich verheiratet und Mutter einer fröhlichen Tochter im Grundschulalter – sich eigentlich noch ein weiteres Jahr mit dieser extrem nebenwirkungsreichen Hormonbehandlung schinden wolle, nur um irgendwie und mit aller Macht vielleicht doch noch die Voraussetzung für ein zweites Kind schaffen zu können, das dann via Eizellspende in einer spanischen Klinik gezeugt bzw. ins Leben gerufen werden sollte.
„Weißt du, ich habe einfach so viel Liebe zu geben“, antwortete sie mir damals.

Huch!?!
Entweder hätte ich dazu den Rest der Nacht weiterfragen müssen oder ich hielt für immer meinen Mund zu dem Thema. Ich entschied mich fürs Beibehalten der Sprachlosigkeit, in die mich dieser Satz schlagartig hatte verfallen lassen.
Es war das erste Mal in unserer langen Freundschaft, dass wir beide froh waren, als der Inder um uns herum die Stühle hochzustellen begann und damit unmissverständlich das Zeichen zum Aufbruch gab.

Bald darauf trennten wir uns einvernehmlich.
Als sie mir meinen Hausschlüssel in den Briefkasten warf, lag ein Zettel bei. „Mir ist die Liebe abhanden gekommen, um unsere Freundschaft fortzuführen.“, war darauf zu lesen.

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An einem schwülwarmen Sommernachmittag, ich saß schwitzend, barfuß, ermattet und lustlos in meinem Büro, klopfte es energisch an meine Tür, und ohne mein „Ja?“ oder „Herein!“ abzuwarten, betrat Frau G. den Raum. Nein, sie betrat ihn eigentlich nicht, sondern sie stolzierte herein, affektiert wie eine überdressierte Lippizanerstute. Schüttelte die Mähne, blähte die Nüstern und kam schließlich schnaubend nach einem Hufstampfen zum Stehen.

Frau G. war die neue Lebensgefährtin von A., mit dem ich viele Jahre zuvor eine kurze Affäre gehabt hatte, die aus diversen Gründen nicht das Zeug zu mehr hatte.
Einer davon war der, dass A. sich nach wenigen Wochen entschloss, als Demonstration seiner Liebe all jene CDs zu erwerben, die ich zuhause in meinem Musik-Regal stehen hatte. Bei einem der Wochenendbesuche bei ihm dudelte mir, als ich aus dem Auto stieg und durch das Gartentürchen Richtung Haus ging, von der Terrasse Drive all night entgegen (an einem Mittag im Hochsommer! ja, ist das denn die Möglichkeit? – nein, das geht gar nicht, das ist ein Song für Dunkelheit und schlaflose Nächte! aber woher sollte er das auch wissen?).
Drinnen sah ich dann die vielen Springsteen-, Waits-, Dylan-CDs – meine Musik! – neben seinem Wasserbett liegen, auf dem ich schon bald nicht mehr umherwuppern würde, wie mir in dem Moment schwante.
A. und ich hatten dann recht bald keinen Kontakt mehr, außer man lief einander zufällig in der Firma über den Weg, was so gut wie nie der Fall war.

Zurück zu dem Auftritt von Frau G. an jenem Sommernachmittag.
A. war zwischenzeitlich ein hohes Tier in der Firma geworden, und dank des Flurfunks hatte ich auch bereits erfahren, dass er was mit einer seiner Mitarbeiterinnen, nämlich Frau G., angefangen hatte.
Im Stillen fragte ich mich, welche CDs er wohl angeschafft haben würde und ob Frau G. überhaupt Zeit zum Musikhören hatte, bei all der Karriere, die sie so verbissen zu machen versuchte.
Frau G. war eine sehr energische Person auf sehr hohen Absätzen (die sehr energische Geräusche machten), mit sicht- und spürbarer Disziplin von der allgemeinen Fitness über die Figur bis zur Frisur (in jeder einzelnen getönten Strähne eine Spannung wie in den durchgestreckten Knien und dem kerzengeraden Rücken), einer durchdringenden, harten Stimme (die durch das rollende „r“ ihres osteuropäischen Akzents noch an Schrecken gewann), kettenrauchend und permanent im Kampfmodus.

In meinem Büro stehend holte sie entschlossen Luft und zischte mir zu: „A. hat mirrr alläs von Ihnän errrzählt, ich habe Ihrrrä Brrriefä von frrrüherrr geläsen und ich möchte Sie warrrnän: Wagän Sie äs ja nicht, meinen A. noch jämals zu kontaktierrrän. Denn wirrr sind fäst zusammän und wirrr liebän uns – und zwarrr für immärrr! Das wirrrd Ihnen A. auch gerrrnä bäzeugän!“
Was für eine Ansage, ich war sehr beeindruckt und zugleich sehr verwundert, was wohl den Anlass gegeben haben könnte, dass Frau G. plötzlich meinte, mir das mitteilen zu müssen.
Lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück und versicherte ihr, ich habe schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu A. und sei sicher, dass er das ebenso bezeugen könne wie das feste Zusammensein mit ihr.
Sie schnaubte noch ein paarmal, scharrte mit den Hufen und verließ mit wehender Mähne mein Büro.

„Für immärrr“ hat dann übrigens keine zwei Jahrrrä gedauert (Frau G. flog anschließend auf den Schwingen ihrer Karriere auf und davon).

*****

Heute Mittag zum Spaziergang an den See gefahren.
Auf halber Strecke wie immer Einkehr auf ein wärmendes Getränk. Ein Paar um die 60 sitzt am Nebentisch und plaudert im Säuselton über das eigene, noch so frische und unbesudelte Zusammensein und grenzt sich zur Zementierung der Exklusivitätssehnsucht verbal heftigst von allen anderen ab, allen voran von „de junga Leit, die wo des Kuscheln verlernt ham“. Dabei sei das doch das A&O einer Liebe, wenn es halt eine echte Liebe sei, so wie die ihre, und nicht nur um schnellen Sex ginge, so wie bei de junga Leit heidzudog.
Man vergewissert sich durch permanentes Getätschel dieser Echtheit oder seiner selbst oder des Feuers, das zwischen ihnen lodern möge. Erst vor zwei Wochen hatte man einander bei Feierlichkeiten gemeinsamer Bekannter am Eibsee kennengelernt. Und man hat noch so viel vor – aber hallo!

Er schwafelt sie voll mit der x-ten Wiederholung der gemeinsamen Kennlernstory, die gerade mal 14 Tage alt ist und bei der sie ja wohlgemerkt ebenfalls zugegen war, aber seinen Worten lauscht, als höre sie das alles zum allerersten Mal.
Sie hängt an seinen Lippen, schiebt ihr Dekolletee mit jedem seiner Sätze weiter über die Tortenstücke, und schließlich entfährt ihr ein kleines Stöhnen, während er die Details jenes Abends für sie ausschmückt als verfasse er gerade ein Drehbuch für eine opulente Seifenoper: „Als ich dich zum Buffet gehen sah, mit deinen wippenden Brüsten und deinem weiblichen Hüftschwung, da war es sofort um mich geschehen, da wusste ich: Die Frau musst du haben, der musst du die Sterne vom Himmel holen. Und zwar alle!“. Weil die Lautstärke bei seinem heißblütigen Monolog etwas aus dem Ruder gelaufen war, hebt sie den Finger vor die Lippen und deutet ihm an, leiser zu sprechen. „Das darf jeder hören, meine Liebe!“ – schmettert er lautstark ihren Fingerzeig ab.

Als unfreiwilliger Zeuge solch herausposaunter Leidenschaft bereits ein wenig errötet – Knistern und Funkenflug sind längst im gesamten Lokal spürbar! – versinke ich tiefer und tiefer in die Polster meiner Sitzbank und wage es kaum, meine heiße Schokolade mit dem metallenen Löffel umzurühren. Man möchte ja weder auffallen, noch stören!
In der hintersten Ecke des Seelokals stochert ein anderes älteres Paar derweil stumm in dem gemeinsamen Viktoriabarsch herum, der mit glasigen Augen und in traurigtoter Seitenlage den Spätherbst der Ehe seiner Verzehrer kaum perfekter symbolisieren könnte.

Im Mittelpunkt des Restaurants hat das glühende Bekenntnis eine kleine Atempause eingelegt. Die beiden Frischverliebten führen vor Erregung bebend synchron ihre Kaffeetassen zum Mund, nippen daran und blicken einander unendlich lange und tief in die Augen.
„Du bist ja so ein Kuschelbär!“ haucht sie ihm dann zu, erhitzt lächelnd und mit nervösen Fingern das kleine Kreuz der Halskette in ihrer Busenfalte neu ausrichtend, danach den Ober heranwinkend, um sich ein weiteres Tässchen zu bestellen.
„Ich kann keinen zweiten Kaffee trinken, meine liebe Inge“, sagt er, „sonst steh‘ ich heut Nacht senkrecht im Bett, wegen dem zweiten Haferl – und wegen dir ja sowieso.“. (Der alte Kuschelbär – höhö!)

Wo kämen wir nur hin ohne eine Portion Größenwahn in Liebesdingen?, denke ich. Wir blieben alle armselige Gefangene in unseren Gehäusen und Flüchtlinge vor dem Leben.

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*****

Das Dackelfräulein und ich spazieren am Seeufer entlang zurück zum Parkplatz.
Mir sind die Taschentücher ausgegangen. Die Haselpollen nehmen darauf keine Rücksicht und fliegen weiter munter umher. Ich schniefe so vor mich hin, ziehe die Nase hoch, behelfe mir mit dem letzten, völlig durchnässten Fetzchen und dem eh schon vom Ballspielen versauten Handschuh. Das Gerotze nervt ziemlich. Irgendwann fluche ich.

Pippa dreht sich sofort um, wirft mir einen besorgten Blick zu, und weil ich just in dem Moment erneut und offenbar dramatisch schniefe, kommt sie zu mir und stupst mit ihrer Nase an mein Bein.
Es ist dieses spezielle Stupsen, das so viel bedeuten soll wie „Na, mein Mensch, ist alles gut mit dir? Ich bin doch da!“, und das mich jedesmal zutiefst rührt.
Also beruhige ich sie, sage ihr, dass alles gut ist, gebe das Kommando zum Weiterlaufen, dem sie auch folgt. Da ich aber nach wenigen Schritten schon wieder seltsame Nasengeräusche von mir gebe, wiederholt sich das Ganze: Umdrehen, Gucken, Kommen, Stupsen. Diesmal belasse ich es nicht bei „Alles gut“ und „Geh schön weiter“, sondern beuge mich zu ihr hinunter, streichle sie und ernte dafür noch einen Stupser.

Und dann passiert es, ich kann es nicht zurückhalten,und sage diesen Satz, den ich eigentlich nur zuhause hinter verschlossenen Türen ausspreche, weil sie ihn ja sowieso nicht versteht und weil man sich und anderen daher diese Peinlichkeit in der Öffentlichkeit ersparen sollte: „Ich liebe dich über alles!“
In dem Moment höre ich Schritte hinter mir. Das Viktoriabarsch-Paar hat uns eingeholt und muss den Satz gehört haben. In seinem starren, blassen Gesicht hat der Schimmer eines Schmunzelns Einzug gehalten und in ihrem vormals so trostlosen Blick ist ein fernes Funkeln zu erkennen.
Ganz kurz lächeln wir einander wortlos an und einige Zeit später, als man sich am Parkplatz erneut begegnet, sagt er zu ihr „Schau, der nette Dackel!“ und sie zu ihm „So einen hätte ich auch gern!“.

Zum Abschied nicken wir uns freundlich zu, ich steige ins Auto und denke: Liebe kann sich auch anfühlen wie eine Leerstelle, die die Wirklichkeit mit nichts zu füllen vermag.
Und bin für einen Augenblick versucht, die Autotür nochmal zu öffnen und den beiden zuzurufen, dass es nun Frühling wird und sie sich doch dieses Hundeliebesglück einfach gönnen sollen.

*****

Alle Fotos aus der Ausstellung „Du bist Faust“ (Kunsthalle München)

Himmel der Bayern (18): Aqua vitae.

Wenn einem der Kopf schwirrt und das Wasser bis zum Hals steht…

… sollte man einfach mal die Füße in Selbiges tunken …

… eine Weiße tanken & ein Weilchen von Umzugsplanung und Arbeit abschalten.

Sogar den Gatten konnt‘ ich vom Schreibtisch loseisen! Schließlich kann man auch abends oder am verregneten Wochenende arbeiten.

Nur eins versteh ich nicht: Warum ist das Kalbsrahmgulasch, wenn’s eh nur so selten auf einer Speisekarte auftaucht, immer alle, wenn ich komme?!?
Aber das ist Meckern auf hohem Niveau – die Schlutzkrapfen mit Spinatfüllung an Parmesanbutter samt Salatbeilage waren schon auch fein.

Einen schönen Abend wünscht
Die Kraulquappe.

Song des Tages (4).

Hatschi, schnief, tröööt, hatschi, schnief, tröööt. That’s the sound of spring!

Hazel, stardust in your eye
You’re goin‘ somewhere and so am I.
I’d give you the sky high above
Ooh, for a little touch of your love.

Hazel is in the air. Die Wochen des Niesens und der Antihistaminika haben begonnen.

Niemand hätte das besser vertonen können als der gute Bob.