Atmosphären des Sports.

Milan über dem Tölzer Land.

Die Regelung der vielfältigen väterlichen Angelegenheiten kostet Einiges an Energie, die – wann immer möglich – andernorts nachgetankt werden muss, um nicht zu sehr aus der Balance zu geraten. Schließlich hat man da jetzt noch eine gehörige Strecke vor sich (und steht ja erst ganz am Anfang).
Und auch der vorerst letzte Vorfrühlingstag (>15 Grad) mahnt dazu, ihm ein paar sonnengetränkte Freiluftstündchen abzutrotzen: schauen wir also die Welt nochmal von oben an und verbinden das mit einer weiteren Gelegenheit zu einem Frühjahrsbad fürs Fräulein.

Eine dreieinhalbstündige Rundtour (falsches Schuhwerk, falsche Jacke, überflüssigerweise die Grödeln im Rucksack, aber wenigstens die Kamera dabei) entpuppt sich als wunderbar herausfordernd für Konzentration und Kondition, so dass an Anderes gar nicht mehr gedacht werden kann.

Wobei mir diesmal nicht nur der Weg Konzentration abverlangt, sondern dass ich parallel zum Aufstieg dem Gatten beim Arbeiten zuhöre. Der sitzt 500 km entfernt allein in seinem Büro und hält seinen ersten Online-Vortrag auf einer Tagung und weil das Thema so schön passt und ich den Zoom-Link dabeihabe, probiere ich dieses Wunder der Technik doch glatt mal aus, trete nach dem Schultern meines Rucksacks dem Meeting bei, überprüfe mehrfach leicht panisch, ob ich auch ja Mikro und Kamera deaktiviert habe (nichts peinlicher, als wenn plötzlich ein energisches „Pfui, Pippa, was frisst du denn da schon wieder?“ durch seinen Vortrag schallen würde oder die ordentlich gekleideten Tagungsteilnehmer mich schwitzend und schnaufend auf dem Wanderweg sähen), klemme mir das Smartphone zwischen Pulli und Hüftgurt, zurre es gut fest und marschiere los.

Der Gatte referiert 30 Minuten lang zu „Atmosphären des Sports“ , lässt sich darüber aus, worin der Unterschied zu Situationen besteht, inwiefern soziales Handeln und soziale Ordnung vom Phänomen der Atmosphäre geprägt werden und wie der Sport davon durchdrungen ist.
Umgeben vom Bergwald und seinen Düften, die gleichermaßen auf das Dackelfräulein und mich einwirken, umfangen von der milden Luft und dem funkelnden Licht, das durch die Tannen fällt und leuchtende Muster auf unseren Pfad malt, all das eingebettet in eine auf jeder Tour sich neu und anders findende Stimmung sowie in ein Gefühl von Rhythmus und Gleichklang, in dem wir uns fortbewegen (stets gemeinsam und aufeinander bezogen und doch auch jeder für sich), so vor mich hingehend und dem Vortrag lauschend denke ich: coole Sache, denn solch eine perfekte Verschränkung von Theorie und Praxis lässt sich wirklich selten erleben (und: wie glücklich ich mich doch schätzen kann, den praktischen Part dieser Verschränkung zu verkörpern!).

Weil es eine extrem wenig frequentierte Bergtour ist, störe ich damit allenfalls die Ruhe des Waldkauzes oder der Wühlmaus, was man für eine halbe Stunde schon mal riskieren kann, finde ich.
Das Kopfschütteln kommt dann aber weder von Waldkauz noch Wühlmaus, sondern von zwei kernigen Kletterern, die uns entgegenlaufen und ein paar Sätze des Gatten über irgendein denkwürdiges Spiel zwischen dem FC Liverpool und dem FC Bayern aufschnappen, das irgendeine These – ich hab‘ leider schon wieder vergessen, welche – illustrieren soll, aufschnappen und mich einigermaßen erstaunt angucken.
Aus einem Gefühlsmix zwischen Ertapptwordensein und Scham rechtfertige und erläutere ich ungefragt das von mir verursachte Schreddern der heiligen Bergstille, woraufhin die beiden verschmitzt grinsen und ihrerseits bekennen, auch sie befänden sich gerade mehr oder weniger im Homeoffice und hätten erst eine Viertelstunde zuvor auf einer Lichtung rastend schnell noch ein paar Emails beantwortet, so sei das eben nun in Zeiten wie diesen und man müsse halt derzeit solche Unternehmungen unbedingt wochentags machen, weil die Leute, diese suspekte Spezies, zu der man sich selbst ja grundsätzlich nicht zugehörig fühlt, an den Wochenenden mittlerweile jeden noch so abseitigen Weg bevölkern würden.
Die Zukunft liegt wohl defintiv im flächendeckenden, stabilen und schnellen Internet, wetterfesten Laptops und federleichten mobilen Endgeräten, hintergrundgeräuscheliminierenden Mikrofonen und Kameraprogrammen, die selbständig Schweißtropfen und Stirnband rausfiltern können.

Das Fräulein ist gut in Form, saust wie in alten Zeiten stets ein Stück voraus, dreht sich gleichwohl alle paar Meter brav nach mir um, die ganze Tour ein weitgehend stummer, eingespielter Dialog, ein einziger Blick oder Pfiff genügt (sofern es nicht um Fremdkot geht oder um einen Artgenossen, der einem nicht passt), die eine achtet auf die andere, an den heiklen Passagen wird aufeinander gewartet, ein beinahe meditativer Gleichschritt trägt uns so hinauf zum Gipfelplateau, und dort oben auf der sonnenwarmen Erde beieinander sitzend, immer mit Körperkontakt, versteht sich, bin ich plötzlich atmosphärisch nah an den Freudentränen.
Dieses kleine Wesen neben mir haben zu dürfen, meine Güte – was für ein großes Glück.

Himmel der Bayern (92): Eine etwa vierstündige Rast erhält die Kräfte ungemein.

Vorgestern, am Tegernsee. Zwischen Einkäufen, Küchenarbeiten, Abendessen und einem thematischen Potpourri, das von Treppenlifteinbau über Pflegestufenbeantragung bis hin zu Seniorenresidenzwartelisten reichte (die Stimmung des Papas dabei erstaunlich gelassen, ja vielleicht beinahe froh, dass ich das alles ganz direkt anspreche, nicht drumherum rede und mir Notizen mache, was wann und vor allem von wem zu tun sei), wackelt der Papa zum Sekretär, um aus der obersten Schublade ein zerfleddertes kleines Büchlein hervorzuholen. Trägt es zum Esstisch, legt es mir mit seiner leicht zitternden rechten Hand hin und sagt: „Guck mal, ich miste ja immer noch aus, und bei dem hier dachte ich an dich und ob du das vielleicht haben magst.
Seine Stimme spricht keine Fragezeichen mehr, auch keine Ausrufezeichen, sie hebt und senkt sich nur noch selten, ihre Amplitude ist ebenso in sich zusammengeschrumpft wie der gesamte stattliche und starke Mensch, der er früher mal war. Ich blicke auf den abgewetzten, kastanienbraunen Ledereinband, drauf steht in Goldlettern: „Meyers Reisebücher. DEUTSCHE ALPEN. Erster Teil.“
Die Ursprünge und Grundlagen meiner Bergliebe habe ich ja dem Papa zu verdanken, so wie die Dackel- und Heimatliebe wohl auch, also ergreift mich sogleich große Rührung als ich die mufflige Kladde aus dem Jahre 1886 aufklappe und das Vorwort zu lesen beginne: „Leicht Gepäck ist eine der Vorbedingungen für eine angenehme Reise, besonders im Gebirge.“ – so lautet der erste Satz. Wie wahr!, denke ich, und: Wie sehr das doch auch jenseits des Gebirges zutrifft.

Später am Abend, wir alle sind etwas erschöpft vom mentalen und verbalen Herumwuchten schweren Gepäcks, konkret: vom Um- und Einkreisen der vorletzten Dinge und dem schließlich vorsichtig geäußerten Beschluss, dass eine Übersiedelung vom Haus in eine Seniorenresidenz (der Begriff Altenheim kommt keinem über die Lippen, Pflegeeinrichtung schon gar nicht) sinnvollerweise in nicht mehr allzu ferner Zukunft anstünde („so lange wir das noch selbst entscheiden können“ sagt die Lebensgefährtin, der Papa hingegen fasst es unter „so lange ich meinen letzten Koffer noch alleine packen kann“ zusammen), sitzen still und müde in den Sesseln, jeder mit seinem lauen Getränkerest und seinen ungeäußerten Gedanken beschäftigt, schlage ich das Alpen-Büchlein erneut auf.
In dem einleitenden Kapitel „Einige Wander-Regeln“ findet sich unter anderem die wunderbare Weisung: „Das Gehen in der Mittagswärme ist unangenehm, eine etwa vierstündige Rast (11-3 Uhr) erhält die Kräfte ungemein.“ .

Am darauffolgenden Tage probieren wir das gleich mal aus – und rasten während der Mittagswärme. Gelingt uns auf Anhieb. Sehr gut sogar.
Ich lasse mich auf einer Bank am See nieder, deren Standort ich in Zeiten wie diesen lieber nicht verraten möchte, das Fräulein schnorchelt im Flachwasser herum und ruht nach dem Bade im sonnigen Strandkies (kaum zu glauben: grad mal zwei Monate nach Weihnachten und der Hund nimmt schon ein erstes Frühlingsbad!).
Dank des Krapfens genügt auch eine anderhalbstündige Rast, um die Kräfte zu erhalten bzw. wiederherzustellen (außerdem hat man ja auch noch was anderes zu tun), den Durstlöschhinweis aus Meyers Reisebuch beherzige ich wohlweislich nicht („Wer empfindlich beim Kaltwassertrinken ist, vermische das Wasser im Lederbecher mit etwas Kognak aus der Feldflasche.“ ), denn so in der prallen Sonne sitzend würde das die eben erst erhaltene Kraft womöglich wieder gefährden, außerdem besitze ich keine Feldflasche, sondern nur so ein neumodisches Aludings (wenngleich solides Schweizer Fabrikat).

Der frisch vererbte Schmöker geleitet mich quer durchs bayrische Hochland, ausführlicher widme ich mich dem Isarthale, der Region Tegernsee-Schliersee sowie der Gegend, in der ich gerade raste.
Ich erfahre, dass das Schloss, an dem ich just vorbeispazierte, damals keine ferienfreizeitwütigen Protestantenfamilien beherbergte, sondern dem Grafen Ferdinand von Rambaldi gehörte, der dort residierte, wann immer es seine Amtsgeschäfte als königlicher Regierungsrat in München zuließen. Absurderweise besaß der Herr Graf nur einen Steinwurf vom seinem Schloss entfernt noch ein Sommerhaus (auch jenes nicht gerade winzig und ebenfalls mit herrlichem Seeblick), um sich, wie es heißt, „dem turbulenten Treiben der Schloßanlage entziehen zu können“ .
Wie beneidenswert, wenn man binnen weniger Minuten von einer Ruheoase zur nächsten schlendern kann!
Man selbst ist ja heutzutage schon heilfroh, wenn man an dem fast gänzlich von Privatbesitztümern zugepflasterten Ufer irgendwo ein Loch in einem Zaun entdeckt, hindurchzuschlüpfen wagt, um dann klammheimlich kostbare 90 Minuten vor einem verspinnwebten Bootshaus zu verbringen. Freilich geht das eh nur, weil Februar ist und es außer ein paar Hunden noch niemanden ins Wasser drängt.

Vor mir der See, hinter mir das Bootshaus, mit einer beachtlichen Bevorratung an Poolnudeln und anderem Schwimmzubehör, linkerhand eine blau leuchtende Badeinsel, zu meiner Rechten der einladende Holzsteg, mit kleiner Stiege hinab ins schmerzlich vermisste Element.
Ich lege das Buch beiseite und google zum ichweißnichtwievielten Male nach Neoprenanzügen. Wie immer überfordert mich das nach wenigen Minuten und beschert mir dasselbe Gefühl, das mich früher stets in Kaufhäusern (Sie erinnern sich? – diese mehrstöckigen Konsumtempel, die Sie einst aufsuchten, wenn Sie das Haus verließen, um mal etwas anderes als nur Lebensmittel oder Klopapier zu besorgen…) befiel: ein Zuviel an Angebot sowie ein Zuwenig an Kenntnis oder Wollen radierte schon nach kurzer Verweildauer jede Kauflust in mir schlagartig aus – ich will dann gar nichts mehr (außer raus aus dem Laden und sofort meine Ruhe).

So knöpfe ich mir abermals Meyers Reisebuch vor, streife durch die Kapitel über Garmisch und Mittenwald (staune, dass das Karwendel früher Karwändel hieß und dass der Oberbayer als ein Menschenschlag geschildert wird, der sich „durch Biedersinn und Ehrlichkeit“ sowie „durch kernhaftes Wesen, Kraft, Humor und Phantasie“ ausgezeichnet haben soll) und bleibe schließlich bei „Ratschläge für bergsteigende Damen“ hängen, die ich Ihnen hier keinesfalls vorenthalten möchte:

Das Haupterfordernis für bergsteigenden Damen ist zunächst ein fester Bergschuh (…). Beim Maßnehmen dieser Schuhe ist darauf zu achten, daß beide mit starken Strümpfen bekleidete Füße fest auf der Erde stehen und nicht, wie meistens der Fall, frei in der Luft hängen. Man trete die Schuhe zu Hause ein und lasse sie erst im Gebirge nageln.
Besonderes Gewicht ist darauf zu legen, daß der Körper als erste Bekleidung nur Wolle erhält. Von dunklem, nicht zu schwerem Wollstoff angefertigte weite Beinkleider und darüber ohne Jupons das Kleid von dunklem Wollstoff, welches derart einzurichten ist (durch Aufknöpfen), daß es (bei Touren) entsprechend kurz oder lang gemacht werden kann. Der Stoff zum Kleid muss ein dauerhafter englischer Wollstoff sein.

(…) Ein warmes Plaid ist unerläßlich bei der Rast auf dem Gipfel, auch ein kleines Tuch für den Hals ist sehr erwünscht, wildlederne Handschuhe sind vortrefflich. Als Kopfbedeckung für in unbewaldetes Gebirge führende Touren diene ein starker Strohhut, der innen warm gefüttert ist, und dessen nach unten gehende Ränder das Gesicht schützen. Ein blauer Schleier ist unerlässlich.

Und 135 Jahre später ist das Einzige, was davon noch geblieben ist, der robuste Stiefel und bei der Oberbekleidung (heute Funktionswäsche oder Baselayer genannt) ein Merinoanteil von bestenfalls 70%.
Tja. The Times They Are A-Changin‘ .

Es ist das vollkommen Zweckfreie und ganz und gar Gegenwartsferne dieser Lektüre, das mir in der Seele so gut tut bei dieser Mittagsrast am Tag nach dem Ausflug in die geriatrischen Gefilde.

Mit Spaziergang, An- und Abfahrt habe ich es dann übrigens doch noch auf die empfohlenen vier Stunden gebracht, wenn man „Rast“ mal in einem weiteren Sinne fassen möchte: nämlich als „Absenz von Alltag“ .

Time of transition.

Wenn der Winter sich entschlösse, nicht nochmal zurückzukommen – ich wäre ihm nicht böse. So schön er auch war, so sehr wir das Weiße und die Weite auch genossen haben – einen dauerhaften Wechsel zu mehr Farbe und Wärme würde ich nun willkommen heißen.

Es ist still geworden hier.
Die vergangenen zwei Wochen innerlich ein Abbild des Wetters: von frostig bis frühlingshaft alles dabei. Teilweise war’s sogar schon Zeit für die sogenannte Übergangsjacke, bloß ärgerlich, dass es dieses Kleidungsstück nur für die äußere Hülle gibt.

Meine Krapfendiät neigt sich langsam ihrem Ende zu und hat keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Ausreichend Bewegung und unzureichender Schlaf fallen offenbar mehr (bzw. weniger) ins Gewicht als wochenlanger Schmalzgebäckkonsum. Angereichert um ein paar gesundheitliche Beeinträchtigungen und die diesjährige Faschingsmaskerade – ein lumpiges Nervenkostüm -, hätten es vielleicht auch zwei Krapfen pro Tag sein dürfen. Bedauerlich, dass ich das nicht ausprobiert habe.

Der Tod des Vaters der Freundin beschäftigt nicht nur die Freundin sehr, sondern geht auch mir ziemlich nahe. Neben viel Mitfühlen und Mithelfen wohl vor allem deshalb, weil mir die mit diesem arg plötzlichen Abschied verbundenen Ereignisse und Emotionen vorkommen wie eine Vorschau zu einem in Kürze erscheinenden Film, bei dem dann ich in der ersten Reihe sitzen werde.
Dazu passt, dass ich während eines Telefonats mit dem Papa ganz beiläufig erfahre, dass er einen schweren Gichtanfall hatte und sich ein Wochenende lang nicht mehr von der Stelle rühren konnte.
Seit wann hast du Gicht?“ frage ich ihn reichlich verdutzt und er sagt mit derselben tonlosen Stimme, mit der er seit Wochen über nahezu alles spricht: „Ach, das war ja jetzt erst das zweite Mal.
Der von Mr. Parkinson eh schon sehr begrenzte Radius des Papas war vorübergehend auf Null geschrumpft: ein Gang ins Erdgeschoss des Hauses ein vormittagsfüllendes Vorhaben – da bleibt man besser gleich im Bett, was zwar naheliegend erscheint, aber letztlich nicht besser ist.
In Kombination mit der Tatsache, dass die Lebensgefährtin, die für ihr Alter bislang recht agil und aktiv war, auf einmal heftige Probleme mit Rücken und Hüfte hat, ist die Lage nicht wirklich rosig. Im Gegenteil: wenn das so weitergeht, bricht die Versorgung dort bald zusammen.

Als diese Vorstellung sich in mir zu einem opulenten, düsteren Wandgemälde verdichten will, ergreife ich sofort die Flucht nach oben. Was ich nicht wegschwimmen kann, das muss ich weglaufen, und damit’s vom Ergebnis her halbwegs dasselbe ist, muss es dabei möglichst bergauf gehen, wahrscheinlich, damit in Kopf und Körper dieser ganz besondere Rhythmus entsteht, der den vollgelaufenen Empfindungstank auf diese so wohltuende Weise klärt und leert.
Die Strecke erfordert zudem Einiges an Konzentration und Klamottenaktion: Frühlingsmilde auf der zum Berg führenden Forststraße (hochgekrempelte Fleecejacke, und sogar das noch viel zu warm), auf dem schattigen Weg durchs Hirschbachtal dann Anorak-Mütze-Handschuhe, kurz drauf die Grödeln über die Sohlen gezogen (dicke, spiegelglatte Eisschicht auf dem steilen Pfad), oben aus dem Bergwald tretend dann alles wieder ausgezogen (geschlossene Schneedecke, wolkenloser Himmel, Sonne satt), auf der pandemieleeren Hüttenterrasse sitzend schließlich noch Stiefel abgelegt, Hosenbeine abmontiert und ins T-Shirt geschlüpft (Sonnencreme vergessen, Gesicht nun passend zur Mützenfarbe).

Mehr und mehr spielt sich sowas wie ein Lockdownlebensrhythmus ein.
Zwischen Homeoffice und Haushalt immer wieder Ausflüge in die Berge, an Seeufer und ins Münchner Umland einflicken, abwechselnd alleine sowie in Begleitung des Gatten, der Freundin oder des hübsch Bewimperten, Letzterem neuerdings auch sonntags begegnend (ein handverlesenes Grüppchen kommt nun via Zoom zu einer vom Freund angeleiteten Yogastunde zusammen), regelmäßig Telefonate oder Textnachrichten mit all denen, die man nicht treffen kann – das näht die von der Seuche zerschnittenen Sphären wenigstens vorübergehend wieder (scheinbar) zusammen.
Durch das ständige Selbstkochen und Nirgends-mehr-Einkehren einiges an Geld gespart, auch die neue Friseurschere hat schon fast einen Hunderter wettgemacht. Das Fräulein und der Gatte können sich sehen lassen, zumindest so lange ich noch was sehe, denn an meinem Kopf hat sich bislang keiner ausgetobt, dort schaut’s aus wie ein Experiment namens „In drei Monaten vom Pixie-Cut zur Dixie-Hut“ , das kann jetzt nur noch ein Fachmann beheben.
Wobei ich nicht zu denen gehöre, die meinen, ein Friseurbesuch bedeute ein Stück Freiheit oder hätte was mit Würde zu tun.

Die Tasche für den heutigen Tag ist gepackt, das Fräulein sitzt startklar daneben. Machen wir uns also auf den Weg an den Tegernsee, während der einstündigen Autofahrt bleibt noch Zeit, sich weiter den Kopf zu zerbrechen über das, was dort zu tun, zu fragen und zu sagen ist.
Das Hirn will emsig Listen anfertigen (man muss was tun!), das Herz klopft an, um vor zu viel Aktionismus zu warnen (man kann das jetzt nicht alles planen!).

Eine Gemengelage, die dazu führen könnte, hastig eine Hypothek auf ein Haus aufzunehmen, das längst im Abriss begriffen ist.

Escape for a while.

Ab 12 Uhr für den Rest des Tages vor Loch Näss geflohen.

Gute Entscheidung…

…obwohl die Wolkenlage beim Abstieg etwas heikel war.

Matrjoschka (6).

Vier Wochen ohne Wassersport! Die vorletzte Matrjoschka steht am Seeufer, vermisst das Schwimmen so schmerzlich und versucht, sich mit einer Wassergeschichte diese Sehnsucht wenigstens ein bisschen aus dem Leib zu schreiben.

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Zurückkehren muss ich, an jenen Kindheitsort am Wasser, wo vieles begann und manches endete. Hinausblicken muss ich, auf den tiefblauen See, seinem leichten Wellengang und dem sanften Klatschen der kleinen Wogen gegen die Kiesel lauschen, bis die Erinnerungen nach und nach an Land getragen werden und meine Stiefel umspülen, bis ich vierzig Jahre später noch einmal mittendrin stehe, in den verblichen geglaubten Sommerbildern und ihnen zugleich soweit erwachsen bin, dass ich ihre Geschichte erzählen kann.

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In meiner Grundschulzeit hatte mich die Mutter an sonnigen Tagen nach dem Mittagessen oft in ihren orangefarbenen VW Käfer gesetzt und war mit mir an den See gefahren. Immer an ein und denselben Ort, in all diesen Kindheitssommern. Sie parkte das Auto in einem schattigen Wohnsträßchen, mit unseren Badetaschen über den Schultern liefen wir den Wiesenhang hinab zum Ufer und bogen links in die Seestraße ein. Unser Ziel war die windschiefe Hütte mit der Nummer 13, ein dunkles Bootshaus mit bemoostem Dach, an das sich ein kleiner Steg mit unebenen Holzplanken anschloss. Auf einer wackligen, selbst-gezimmerten Bank vor der Hauswand saß an jedem dieser Sommertage Herr S., der von der Fischerei und seinem Bootsverleih lebte.

Im Unterschied zur Mutter war Herr S. stets braungebrannt, überaus entspannte Gesichtszüge unterstrichen seinen Teint, und er hatte permanent ein Späßchen auf den Lippen, zwischen denen sonst, wenn er allein und schweigend vor seinem Häuschen in der Sonne saß und sich unbeobachtet wähnte, recht lässig eine halb gerauchte oder erloschene Zigarette klemmte.

Vor allem aber hatte Herr S. die Gabe, der Mutter einen Frohsinn einzuhauchen, der ihr wesensfremd war oder den sie strikt verborgen hielt, jedenfalls kam er in ihrem Alltag fast nie zum Vorschein. Ich beneidete Herrn S. sehr um dieses Talent, über das der Papa und ich trotz redlicher Bemühungen nicht zu verfügen schienen, gleichwohl schwante mir ungeachtet meiner noch jungen Jahre, dass diese Bootsverleiherbegabung offenkundig etwas damit zu tun haben musste, dass Herr S. wohl das war, was man einen attraktiven Mann zu nennen pflegte, der sich noch dazu vortrefflich darauf verstand, die Damenwelt zu umgarnen.

Verlangte die Mutter nach dem tannengrünen Ruderboot, das sie am liebsten mochte, weil dessen Ruderdollen besonders tief und synchron quietschten, begab sich Herr S. sofort schwingenden Schrittes zum hinteren Bootsschuppen, band dort die kleine Barke los und führte sie mit einem Stab, den er an ihrem Bug einhakte, durch das Wasser und um den Steg herum, bis zur Einstiegsstelle vor der kleinen Holzleiter.

Nun folgte der Augenblick, für den die Mutter hierhergekommen war und an dem ihre Stimmung jedes Mal verlässlich von normalgrau in sonnengelb umschlug: Sie betrat den Steg, ging über die knarzenden Planken zur Leiter, und sobald sie ihren Fuß etwas ungelenk auf der obersten Sprosse platziert hatte, reichte ihr der charmante Herr S. seine kräftige, gebräunte Pranke, in die sie dann nur allzu willig ihre blasse, zartgliedrige Hand hineinsinken ließ.

Er hielt die Mutter mindestens so lange fest, bis sie mit beiden Beinen stabil und ohne zu schwanken im Ruderboot zu stehen kam, meist aber hielt er sie noch über diesen Moment hinaus, da die Mutter häufig einen kleinen Gleichgewichtskampf als eine Art Zugabe zur Einstiegszeremonie inszenierte – vielleicht kokettierte sie auch nur, um etwas länger als eigentlich nötig mit ihrem feschen Fischer verbunden zu sein.

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Barfuß stand ich am Ufer, in einem türkisen Jerseykleid mit Segelschiffmuster, das die Mutter mir eigens für unsere Sommerausflüge genäht hatte, damit sie zusammen mit ihrer Tochter auch ja ein adrettes Gesamtbild abgäbe.

Sachte tippte ich mit den Zehen auf die Wasseroberfläche oder drehte meine Fersen in den kühlen Kieseln hin und her und sah der Tändelei zu, die sich auf dem Steg abspielte. Ich harrte artig aus, bis sich das kleine Spektakel seinem letzten Akt näherte, erst dann hob ich meine Sandalen vom Boden auf, ging langsam ins Wasser hinein und balancierte vorsichtig über die großen, glitschigen Steine auf dem Seegrund zum Boot hinüber. Den Weg über den Steg und die Leiter zu nehmen, hätte ich niemals gewagt, denn das dort stattfindende Kammerspiel schien keinesfalls mehr als jene zwei Protagonisten zu vertragen.

Es war, als hätten die Mutter und ich eine stillschweigende Übereinkunft für jene Besuche am See getroffen: dass ich mich diskret von ihr fernhielt, wenn sie ihren Auftritt auf dem Steg hatte, dass ich ihr diesen Moment uneingeschränkt gönnte, sie dabei mit nichts störte und dass ich auf diese Weise zumindest einen Teil meiner töchterlichen Schuld zu tilgen suchte. Die Schuld, ein Dauereindringling in ihrem Leben und die personifizierte Verhinderung ihrer Chancen zu sein – oder was auch immer das Grundschulkind von damals aus Anwürfen wie Wegen dir muss ich bei deinem Vater bleiben – Wegen dir musste ich meine Karriere aufgeben – Wegen dir habe ich auf vieles verzichtet, dabei hätte ich so tolle Optionen gehabt abgeleitet haben mochte.

So war der Deal: sie dort auf dem Showtreppchen tänzelnd, mit ihrem schlanken Arm nach dem Seemann haschend, ich hier am Ufer wartend, mit meinen nackten Füßen im nassen Kies scharrend.

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Bis uns die Mutter schließlich ein Stück aufs Wasser hinausgerudert hatte, verging eine gefühlte Ewigkeit. Alle paar Ruderschläge hielt sie inne, um sich unter mädchenhaftem Winken gen Osten zu recken, wo Herr S. und sein Bootshaus kleiner und kleiner zu werden drohten.

Befand sich unser Schiffchen weit genug von Land entfernt, wurde es von der Strömung sogleich nach Süden getrieben. Dann war sie ganz mit mir allein, die Mutter, obwohl sie viel lieber mit Herrn S. alleine gewesen wäre und zur Not auch mit sich selbst.
Nun kam der Part, dessentwegen ich diese Ausflüge liebte: Unser kleines grünes Ruderboot lag jetzt mitten auf dem weiten See!

Die Mutter saß zwar gerne am oder auf dem Wasser, sie blickte auch gern übers Wasser, aber in Seemitte ein Bad zu nehmen, das kam für sie nicht in Frage. Sie war eine klassische Uferplantscherin und Wellenbestaunerin, die dunkle Tiefe des Sees aber wirkte bedrohlich auf sie, das Bodenlose schreckte sie geradezu ab und mit der aquatischen Ambivalenz von Geborgenheit und Gefahr wollte sie nichts zu tun haben.
Vielleicht hat all das sie zu sehr an ihr eigenes Sein erinnert, ihr den Spiegel vorgehalten – denn der Charakter der Mutter war durchzogen von derselben Ambivalenz.

Wasser ist nie verlässlich, sondern stets ein anderes, von einer Stunde zur nächsten kann der klarste, friedlichste See sich zu einem finsteren, unwetterumtosten Gewässer entwickeln.
Und genauso verhielt es sich mit der Mutter – nur dass mir niemals Sturmwarnleuchten anzeigten, dass ihre Stimmungslage sich demnächst ändern würde.

Beinahe ein Hohn des Schicksals, dass es mich, die Tochter, schon immer ins Wasser zog. Im Wasser zu sein, das bedeutete wohliges Getragenwerden von Weichheit, beruhigendes Umgebensein von Stille und mich für die Dauer eines Schwimmgangs sicher fühlen zu können inmitten dieser großen Schwere und Ungewissheit, die meine Kindheit umgab.

*****

In einem von der Mutter unbeobachteten Moment stand ich auf, zog mir flink das Kleid über den Kopf, sprang über den Bootsrand und glitt mit ein paar kraftvollen Schwimmzügen tief in das Wasser hinein. Der Sprung in den See kam jedes Mal dem Umlegen eines Mantels mit Kapuze gleich: ganz und gar behütet war ich dort, wie von einer Schutzhülle umgeben. Im Wasser war das Leben grenzenlos und weit, es konnte ungehindert fließen, es nahm mich mit.

Tauchte ich dann in einiger Entfernung wieder auf, stand die Mutter bereits zornrot und mit zittrigen Knien im Boot und schrie Ermahnungen in meine Richtung, die schrille Stimme ein einziges Echo ihrer eigenen Ängste. Über den genauen Inhalt ihrer Rufe konnte ich nur mutmaßen, weil ich dank des Wassers in meinen Ohren so gut wie nichts von alldem verstand. Bevor ich hätte reagieren müssen, schob ich den Kopf einfach erneut unter die Wasseroberfläche – und weg war ich, weit weg!

Ich schwamm, als ginge es um mein Leben, ich schwamm, um dem flüssigen Element möglichst viel seiner so belebenden Energie abzuringen und sie in mir aufzunehmen, damit ich mich später, zurück an Land mit der Mutter, eine Weile im wahrsten Wortsinne besser über Wasser halten würde.

Denn die Mutter und ich, wir waren zwei elementar verschiedene Existenzformen: sie Erde, ich Wasser, und die klägliche Schnittmenge daraus nichts als Matsch und Morast, in dem wir gemeinsam feststeckten, bis unsere Wege früh sich trennten.

So wurde mir der See zu meinem kindlichen Refugium, zu meinem Rückzugsort vor dem Regiment der Mutter, zu einem schallisolierten Raum, in den ihre Vorwürfe und Angstschreie nicht eindringen konnten.

*****

Meinen Freischwimmer machte ich an jenem Sommernachmittag, an dem hinter den Hügeln im Westen plötzlich eine düstere Wolkenfront aufzog. Bald war der Wind stärker als die schwachen Ruderzüge der Mutter, der kleine Kahn bewegte sich nicht mehr vom Fleck und tat dies umso weniger, je mehr die Mutter jammerte und schimpfte. Das Bootshaus war zwar in Sichtweite und zugleich schien es unerreichbar.

Obwohl das Gewitter noch nicht unmittelbar bevorstand, war Eile geboten – diese Botschaft blies uns der Wind mit aller Deutlichkeit ins Gesicht.
Als ich beschloss, in den See zu springen und an Land zu schwimmen, um Herrn S. zu sagen, dass er uns helfen müsse, dass er das Ruderboot mit der Mutter drin vom See holen müsse, keimte in mir erstmals die Ahnung von einer Zukunft auf.

Von meiner Zukunft: einer Zeit, in der ich unabhängig sein würde von der Mutter, frei und selbstbestimmt handeln würde. Ohne sie.

Noch nie zuvor war ich so lange im Wasser gewesen. Etwas atemlos erreichte ich schließlich das Bootshaus, Herr S. hatte mich bereits erspäht, empfing mich am Steg mit einem Handtuch in der Hand, klopfte mir anerkennend auf die Schulter und machte sich sofort per Motorboot auf den Weg zur Mutter.
In das Handtuch des Bootsverleihers gehüllt stand ich am Ufer, sah der Rettungsaktion zu und empfand zum ersten Mal im Leben auch zu Land so etwas wie Sicherheit.
Eine, die ganz allein aus mir entsprang.

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Heute, an einem weißblauen Frühlingstag, stehe ich vor jenem Bootshaus aus Kindertagen, knirsche mit den Absätzen im Kies und blicke hinaus auf den See.
Unverwandt liegt er da, so wie vor vierzig Jahren, ist immer noch derselbe und doch ein anderer, genau wie ich.

Die Mutter ist längst auf ewig vereint mit ihrem Element, der Erde, und mit einer Mischung aus Befremdung und Wehmut denke ich an unsere Sommer am Wasser zurück.

Auf dem Steg fegt ein Mann die ersten verblühten Vorboten des nahenden Sommers zusammen.
Ich beobachte ihn bei seinem Tun, was er zu bemerken scheint, denn auf einmal sieht er in meine Richtung. Unsere Blicke treffen sich kurz, er lächelt, nickt mir zu und fährt mit seiner Arbeit fort.
An der Holzleiter, über die sich die Mutter einst mit Hilfe von Herrn S. in das tannengrüne Ruderboot hinabließ, hängt ein schwarzer Plastiksack, in den der Mann die welken Blüten hineinstopft. Anschließend knotet er ihn zu und schultert ihn.

Nach vier Jahrzehnten betrete ich nun wieder den alten Holzsteg. Der Mann kommt mir entgegen, wir grüßen einander, er geht an mir vorbei zu seinem Auto.
Aus einem Impuls heraus drehe ich mich um und frage ihn, ob er zufällig den früheren Besitzer dieses Bootshauses kennen würde, den Herrn S., der sei vor vierzig Jahren hier mal Bootsverleiher gewesen.

Schwungvoll bugsiert der Mann die schwarze Tüte auf die Ladefläche seines Anhängers, dann wendet er sich mir zu und antwortet: Er ist mein Vater.

Für einen kurzen Augenblick verspüre ich das Bedürfnis, nach seiner kräftigen, gebräunten Hand zu greifen, sie festzuhalten, so als könne sich dadurch ein Kreis schließen, der in Wahrheit kein Kreis, sondern nur eine von vielen Lebenslinien ist, deren Zickzackmuster sich auf der gekräuselten Oberfläche des frühlingsflirrenden Sees widerspiegelt.

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Himmel der Bayern (74): From a distance.

Dieses Jahr auffallend viele Ostergrüße. Per Post, Email, WhatsApp, Telefon. Und eine klasse CD, voll mit Frauenpower, zusammengestellt von einem Mann, ist auch mit dabei: überfällige Erinnerungen an Cyndi, Cher und v.a. an die einst sehr von mir verehrte Bette Midler, die ja nicht nur dieses zeitlos-großartige Stück über die Nervensägen gesungen hat, sondern auch einen Song für Coronazeiten:

From a distance we are instruments
Marching in a common band
Playing songs of hope
Playing songs of peace
They are the songs of every man

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Der hübsch Bewimperte und ich stellen einander Osternester ins Treppenhaus bzw. vor die Tür. Mit den Nachbarn, mit denen man sich etwas verbundener fühlt, tauscht man Häschen oder Eier aus. Der Papa freut sich über den Karton mit Cresta-Schokoeiern und ruft jeden zweiten Tag an, allmählich fällt ihm die Decke auf den Kopf.

Lolek schicke ich als Ostergruß ein Foto von dem täglich dicker werdenden Kaninchen, das in der Toilettenwand wohnt, und schreibe ihm, dass ich mich auf unser baldiges Wiedersehen freue.

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Dem Wanderführer mit dem Arbeitstitel „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“, an dem ich zu schreiben begonnen habe, seit ich den täglichen Spießrutenlauf mit Hund durch die überfüllten städtischen Grünanlagen leid bin, füge ich heute das Kapitel „Mit dem Vierbeiner über verlassene Golfplätze“ hinzu. Eine der Premiumtouren in dem künftigen Büchlein! Früher, als die Winter noch regelmäßig Schnee auf das Münchner Umland fallen ließen, war das mal meine Langlauf-Hausstrecke, zu allen anderen Jahreszeiten kann man sich dort eigentlich nur als Clubmitglied frei bewegen, heißt: ich kenne das Gelände nur auf Skiern.

Daher hat dieses kurze Golfplatzgassi was von einem heimlichen Hikingabenteuer, wie ja so vieles zur Zeit. Wir kicken ein bisschen herum, spazieren achtsam durchs gepflegte Hügelland, machen ein Imbisspäuschen in einem Strandkorb für Golfer – und das Schönste: hier müssen wir niemandem ausweichen, weil wir niemanden treffen.

Danach weiter zu den Weihern und den Wäldern, eine Gegend, in der man Thoreau lesen und „Walden Pond“ hören sollte.

Stattdessen umrunden wir auf schmalen Trampelpfaden die vielen kleinen Weiher (einzige Chance, den Radfahrern zu entgehen), rasten auf einem einsamen Steg und lassen uns ungestört die Sonne auf die Nase scheinen.

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Gestern vor 50 Jahren haben meine Eltern geheiratet. Und unser Freund Bobby aus dem fernen B. feierte sein sechstes WiegenWurfkistenfest.

Heute hat einer der wenigen Geburtstag, die je tollkühn genug waren, mir einen Heiratsantrag zu machen und als Erstehemann wäre er vielleicht eine bessere Wahl gewesen als der Gymnasiallehrer, aber was soll’s.

Morgen ist Ostern und ein bisschen Auferstehung täte langsam wirklich not, das werden sich wohl grad fast alle wünschen.

Bis es soweit ist, wünsche ich Ihnen und Ihren ones and onlys sonniges Herumeiern und frohe Feiertage!

Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

Als die Kraulquappe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungustl verwandelt. Sie lag auf ihrem von zweimonatigem Baustellengenerve verspannten Rücken und sah, wenn sie den Kopf ein wenig hob, ihre winterbleichen Beine, zwei bogenförmigen Gebilde, zwischen denen die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, mit den letzten Traumresten zu einem klebrigen Etwas verschmolz. Ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dürren Morgengedanken flimmerten ihr hilflos vor den Augen.

Sie stand auf, gähnte heftig, rieb sich die Augen, streckte sich, blickte aus dem Fenster und sah wie eine Taube ungeschickt auf einem der Garagendächer des Hinterhofes landete und dabei ins Straucheln geriet.

Ihr Kopf hämmerte heftig, eine düstere Schwere lastete auf ihrer Brust, überhaupt fühlte sich ihr Körper so an, als sei ihm eine Art Leblosigkeit in die Knochen gekrochen und hätte sich dort eingenistet. In die dunkelgrüne Morgenjacke schlüpfend dachte sie: „So ein Schlafmittel, das ist keine Lösung für mich.“ Geschlafen hatte sie nämlich dennoch nur dürftig, stattdessen war ihr übel.

Und kaum hatte sie das vor ihrem sich noch im Prozesse des Erwachens befindlichen Inneren ausgesprochen, wusste sie, was sie tun musste, aller Müdigkeit und aller auf sie wartenden Pflichten zum Trotze.

Sie teilte sich, auf Verständnis hoffend, den ihren mit, packte alsbald ihre Sachen, schnürte ihr Ränzlein – und empfahl sich. Stieg ins Auto, legte den Forenbacher ein und fuhr los. Unterwegs wurde ihr klar, dass nun eine – man will es hoffen: überschaubar kurze! – Zeit des Unsagbaren beginnen würde. Denn es würde ab nun Ereignisse und Situationen geben, die besser ungesagt blieben, und das umso mehr, je schöner und je unsagbarer sie wären.

Denn über die Triftigkeit von Gründen wollte sie weder debattieren noch streiten, schon gar nicht mit Uniformierten, die je nach Landkreis die Dinge mal so und mal ganz anders sahen. Erstmals zog sie in Erwägung, die ihr sonst so verhasste, weil so dämlich und wichtigtuerisch daherkommende Formulierung „aus Gründen“ zu verwenden. Wenn es sogar namhafte und mit Preisen dekorierte Journalisten wagen durften, diese Hohlphrase niederzuschreiben, ja gar eine Überschrift damit zu verhunzen, dann würde sie, sofern man sie an- oder aufhielte, um sie mit einem gestrengen „Quo vadis?“ zu behelligen und im nächsten Schritt sogleich dessen Notwendigkeit zu hinterfragen, einfach keck und hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, zurückflöten: „Aus Gründen!“.

Es hielt sie aber niemand an oder auf, denn sie kannte ja die diversen Schleichwege noch aus den Sommern ihrer Jugend, parkte das Auto an einem einsamen Fleckchen, an das sich nur Einheimische verirren würden und schlich sich durch ein Buchenwäldchen zum Bächlein und an diesem entlang, in stillen Serpentinen immer weiter, der Leere und der Einsamkeit entgegen, die ihr zugleich Fülle und Gesellschaft war, bis sie dort war, wo sie sein wollte, und wo sie sein würde, solange ihre Füße sie trugen und die Lunge ihr Herz mit Sauerstoff füllte und ihre Augen tief hineinblicken konnten in diese Weite, die ihre Heimat war.

Und so war sie ja auf eine gewisse Weise daheimgeblieben und es verging endlich mal wieder ein ganzer Tag voll des Glückes und der Freiheit und der guten Aussichten, in aller Heimlichkeit und in aller Achtsamkeit fern der Horden, die sich täglich durch die städtischen Parks schoben. Schon morgen wird sie dem Staate wieder als brave Bürgerin zur Verfügung stehen, wenn um 10 Uhr der KoCo19-Forschertrupp klingeln und ihre Venen anzapfen wird, wovor es ihr graut, aber sie hat sich ja gottseidank ein Beruhigungsfilmchen mitgebracht.

KoCo19 oder: Wenn die Studentin zweimal klingelt.

Wenn ich so weiterlaufe, bin ich spätestens im Sommer reif für einen Halbmarathon und habe dafür aber leider den Armzug beim Kraulschwimmen verlernt. In Laufwoche 3 sind die Fortschritte jedenfalls unübersehbar, die Runden vergrößern sich und die Jeans spannt schon ein klein wenig am Gesäß (und man möchte diese Entwicklung ja lieber dem Muskelzuwachs als der Kalorienzufuhr zuschreiben).

Beim Sonntagslauf im Park treffe ich zufällig J., der dort auch gelegentlich läuft.

Wir haben uns monatelang nicht mehr gesehen, unterbrechen daher natürlich unseren Lauf, blockieren durch unseren 2m-Abstand den Weg (was ich anderen stets munter ankreide) und unterhalten uns kurz.

J. ist ja nicht mehr der Jüngste, und kann seit seiner gesundheitlich schweren Zeit vor zwei, drei Jahren auch nicht mehr behaupten, nicht zur Gruppe der Vorerkrankten zu gehören. Dennoch ist er einer der sportlichsten und fittesten Menschen, die ich kenne – und das ist er immer noch. Ohne Bewegung, vornehmlich in den Bergen, aber auch sonst zu jeder Gelegenheit, würde er eingehen. Seiner Krebserkrankung ist er quasi davongelaufen, seine eigentliche Reha hat er in Regionen über 2.000m absolviert, ruckzuck war er wieder auf dem körperlichen Level, das er hatte, bevor das Karzinom entdeckt und entfernt wurde.

Heute erzählt er mir, dass er momentan deutlich früher am Tag laufe, weil da die Polizeistreifendichte noch nicht so hoch sei, denn neulich hätten sie ihn beim Laufen doch glatt angehalten (obwohl er allein und mit Abstand zu allem und jedem seine Runden durch den Park zog), nach seinem Alter befragt und ihn nachhause geschickt. Risikogruppe und so. Er müsse aber doch sein Immunsystem stärken, sagt er, wie die sich das denn vorstellen würden, fragt er, und weiter meint er: wie krass er das fand, dass die ihm tatsächlich mit Nachdruck rieten, heimzugehen. Er guckt, während er mir das alles berichtet, reichlich verzweifelt.

Wir verabschieden uns, winken uns eine Runde später nochmal zu. Kurz drauf sehe ich ein (die Parkluft verpestendes) Polizeimotorrad neben J. anhalten. Der Beamte redet mit ihm, anschließend läuft J. aus dem Park hinaus. Ich spüre einen Stich in Herzgegend und verlasse den Park ebenfalls und laufe weiter zu einer anderen Grünanlage, wo mich nichts an J. erinnert.

Im Sony-Walkman dudelt Dylans The Times They Are a-Changin’, das ich sonst meist wegen drohender Totdudelungsgefahr überspringe, heute aber anhöre, weil es mir auf einmal so passend erscheint.

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Erst gestern in der Zeitung gelesen, dass das Tropenmedizinische Institut der LMU München 3.000 repräsentativ ausgewählte Haushalte besuchen wird, um deren Bewohner zu fragen, ob sie bereit wären, an dem Projekt „Prospektive COVID-19 Kohorte München“ (kurz „KoCo19“) teilzunehmen.

Ziel der Studie ist, herauszufinden, wie wirksam die aktuellen Maßnahmen (Social distancing etc.) sind und anhand regelmäßiger Blutproben (zur Bestimmung von Antikörpern gegen SARS-CoV-2) in Kombination mit Befragungen und Auswertung von Symptom-Tagebüchern die Ausbreitung des Virus und den Verlauf der Epidemie genauer verstehen zu lernen und abschätzen zu können, wie viele Menschen die Infektion schon erfolgreich überstanden haben.

Dieser Antikörpertest ist etwas, das ich mir schon seit drei Wochen „wünsche“ (besser gesagt: das mich beschäftigt, aus persönlichen Gründen). Und siehe da: heute Vormittag klingelt es, aber wie so oft, reagiert sonntags erstmal keiner von uns, nach dem zweiten Läuten dann aber doch, und eine vermummte Abordnung der LMU (2 Medizinstudentinnen, 1 Ärztin) steht in Begleitung eines Polizisten vor unserer Wohnungstür.

Ich bin grad im Bad und creme mir die Beine ein, höre aber bruchstückhaft, was der Gatte vorn an der Tür spricht und schließe aus den Satzfetzen „ja sowas, einer von 3.000 Haushalten“ und „schade, im Lotto gewinnen wir nie“ sofort messerscharf, wer der vormittägliche Besuch sein muss, springe in meine labbrige Haushose, ziehe mir ein Unterhemd an und eile zur Wohnungstür.

Gute Sache. Wir werden an dieser Studie teilnehmen. In einer Woche kenne ich dann meinen Antikörperstatus. Fein. Oder auch nicht, das wird sich zeigen.

Das gewünschte „Symptom-Tagebuch“ wird einfach: da steht – ganz simpel – täglich „müde“ drin. Gelegentlich auch mal „hungrig“, „übellaunig“, „albern“ oder „nachdenklich“.

Was nicht so einfach wird, ist der praktische Part der Studie: die Blutabnahme. Seit ich denken kann, ein Horrorthema für mich. Nix als Rollvenen. Teils bricht die Arzthelferin nach 4-5 erfolglosen Einstichen schweißgebadet ab, meist aber breche ich bereits ab, wenn es nicht spätestens beim 3. Versuch klappt.

Ich mache trotzdem mit und betrachte das jetzt als therapeutisches Experiment: als eine Art paradoxe Intervention. Super Gelegenheit, dieser Angst mal daheim (!) auf dem Sofa (!) zu begegnen, im Kreise meiner Lieben und betreut von einem ganzen medizinischen Team.

Wenn ich das überstehe, bin ich hoffentlich ein lebensbegleitendes Trauma los. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten. Die Dauer des Projekts beträgt ein Jahr.

Außer Traumabewältigung, aktuellen Infos über CRP-Werte, Immun- und Antikörper-Status hat man als Teilnehmer keine Meriten von der Studie zu erwarten. Falls man keine Antikörper hat und plötzlich COVID-19-Symptome verspürte, dürfte man auf dem kurzen Dienstweg zum Rachenabstrich vorbeikommen und käme ggf. auf der Diretissima in eine der Münchner Kliniken. Tröstliche Perspektiven.

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Und sonst so?

Nur drei Schlaglichter, denn ich will Sie ja nicht unnötig aufhalten, an diesem herrlich sonnigen Sonntagabend.

Die Menschen stellen allerhand Sachen raus. Die Durchseuchung der Straßen mit Unrat ist dem Nützlichen allerdings immer eine Nasenlänge voraus.

Lolek wird uns wieder beehren. Schon übermorgen. Denn das neue, zartgelbe Vexierbild auf der frisch geweißelten Wand ist nicht etwaiger Lagerkollerlangeweile entsprungen und sicherlich auch kein Zeichen, das Außerirdische uns gesandt haben. Schon gar nicht, wenn sich auf der anderen Seite der Wand das erst jüngst neu installierte, polnische Abflussrohr unserer Waschmaschine befindet.

Cervisiam et ordinem. Hilft in der richtigen Dosierung immer. Mit diesem Equipment hat man bzw. frau die Parkbank übrigens mit hoher Wahrscheinlichkeit für sich allein.

spooky & retro.

Binnen fünf Tagen haben die vier Supermärkte im näheren Umfeld sukzessive neue Einkaufsregeln eingeführt.

In zwei Geschäften gibt es jetzt „Türsteher“, deren Job es ist, grimmig zu gucken, wenn im Eingangsbereich zu viel Gedrängel entsteht. In einem anderen Laden laufen „Kontrolleure“ durch die Regalreihen und sprechen die eventuell zu distanzlose Kundschaft direkt an. Der vierte Supermarkt hat die Türen nun vorsorglich geschlossen und ein Security-Mensch lässt die Kunden nur portionsweise hinein, nie mehr als 20 auf einmal. Zusätzlich haben sie seit heute noch einen neuen Mitarbeiter, der einem nach Betreten des Geschäfts den Einkaufswagen „vorbereitet“: aus den ineinandergeschobenen Wägen zieht er einen raus, sprüht den Griff mit Desinfektionsspray ein, wischt gründlich nach und übergibt einem das Gefährt. Und zwar zwingend, d.h. jeder muss einen Wagen nehmen, selbst wenn er nur ein paar Dinge besorgen möchte oder einen eigenen Korb dabeihat. Hintergrund: so lässt sich das mit den 20 Besuchern noch einfacher kontrollieren (alle Wägen weg = 20 Leute drin) und zudem fungieren die Einkaufswägen als „Abstandhalter“, wie mir der nette, für die Griffreinigung und Wagenausgabe zuständige Mitarbeiter erklärt.

Neben dem Obst- und Gemüsebereich steht ein weiterer „Aufpasser“, der den Kunden Sätze wie „Bitte warten Sie, bis die Dame vor Ihnen fertig ist“ oder „Bitte fassen Sie nur die Karotte an, die Sie dann auch kaufen oder benutzen Sie die Zangen“ zuruft.
Als ich das Fach mit dem Trevisano inspiziere, steht fünf Fächer neben mir ein braungebrannter, sportlicher Mann, Typ Surfer oder Beachvolleyballer, vor dem Spinat und spricht mich von der Seite an: „Hey, das ist ja alles voll spooky hier – wie lang ist das denn schon so?“. Ich wundere mich zwar etwas über diese Frage, erkläre ihm aber in ein paar Sätzen, dass und wie sich „das alles“ in den letzten zwei Wochen nach und nach so entwickelt hat, wegen des Coronavirus („…davon haben Sie ja bestimmt schon gehört, oder?“, woraufhin er erfreulicherweise lächelt und nickt) und erfahre dann, dass er heute Morgen aus Bali zurückgekommen sei, mit dem letzten Flieger, mit dem Touristen nachhause transportiert wurden. „Tja“, sage ich, „dann mal herzlich Willkommen und gutes Einleben im neuen Alltag!“.

Im Kassenbereich begegnen wir einander nochmal und da er mit der Bedeutung der gelben Punkte auf dem Boden noch nicht vertraut ist (jeder gelbe Punkt markiert einen Standort für einen Einkaufswagen), erläutere ich ihm erneut ein paar Regeln.
In seiner sonnengegerbten Urlaubervisage mischen sich Verwunderung und Amüsement, wieder sagt er „spooky!“ und schüttelt den Kopf und dann verabschieden wir uns zum zweiten Mal.

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Gegenüber, an einem corona-verwaisten Spielplatz, hat die Nachbarschaft am Donnerstag einen „Gabenzaun“ organisiert.

Als ich gestern vom Joggen heimkomme, steht das Kamerateam eines lokalen TV-Senders vor dem Zaun und bittet mich um ein „Kurzinterview“. Ich fahre mir noch schnell durchs verschwitzte Haar, lasse den Sportwalkman in der Jackentasche verschwinden (für eine TV-Premiere will man selbst mitten in einer Pandemie nicht völlig derangiert aussehen) und beantworte die Fragen:

Bemerkt habe ich den Zaun am Vorabend, beim Nachtgang mit dem Dackelfräulein (das die vielen Tüten erstmal irritiert angebellt hat, bis ich ihr erklärt hatte, was es damit auf sich hat). Ja, finde ich gut. Ja, wir werden da mitmachen. Wahrscheinlich zuerst mit einer Tüte voller Hundefutter.
Nein, die bisherigen Tüten, die da hängen, finde ich trotz Beschriftung noch nicht ideal, zu viel Verschiedenes drin (Klamotten, Essen, Trinken, Körperpflegeprodukte, Tierfutter – alles kreuz und quer).

Letzteres bewahrheitet sich bereits einen Tag später.
Heute Morgen sind zwar alle ca. 25 Tüten von gestern Abend weg, aber der gesamte Zaun hängt nun mit einzelnen, offenbar nicht benötigten oder unpassenden Klamotten voll. Sieht bunt und fröhlich aus, noch.

Spätestens übermorgen, wenn es kalt und windig wird, ist es nicht mehr bunt und fröhlich, sondern ein weiterer Beitrag zur Vermüllung der Stadt, die eh schon munter voranschreitet.

Denn im Viertel wird eifrig ausgemistet und da die Wertstoffhöfe geschlossen haben, stellt jeder Trottel seinen Sperrmüll nun im Karton auf die Straße, weil er ihn anderweitig nicht mehr los wird und sich die Hausmülltonne derzeit nicht mehr so gut heimlich und rücksichtslos vollmüllen lässt, weil halt zu viele Nachbarn zuhause sind und diese Unsitte daher zu leicht bemerkt werden könnte.

Und man will sich dieser Tage schließlich nicht schlecht stellen mit seinen Nachbarn. Wer weiß, was noch kommt und wozu man einander noch brauchen wird.

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Der Badumbau und die Wasserschadensanierung in unserer Wohnung sind nun tatsächlich zu 97% über die Bühne. Grad noch rechtzeitig geschafft, das Wesentliche, denn ab sofort bekommt man Handwerkertermine nur noch bei Notfällen. Lolek wird noch einmal hier vorbeikommen, wenn die Duschabtrennung ausgetauscht werden muss, sofern der Hersteller noch die Kapazitäten hat, sie diesmal in den korrekten Maßen zu produzieren – und zu liefern. Wir werden sehen, ob der Osterhase uns dieses Geschenk bringen wird oder ob es erst mit dem Heiligen Geist eintrifft.

„Jetzt darf hier nichts mehr kaputtgehen!“, sage ich dieser Tage zum Gatten, nachdem ich die nach acht Wochen endlich (!) wieder in die wasserschadensanierte Kammer eingebauten Regale glücklich mit all dem Krempel befülle, der nun wochenlang irgendwo herumstand oder zwischen- und ausgelagert wurde.

Noch am selben Abend schwächelt erst der Fernseher (HDMI-Buchse hat einen Wackelkontakt) und kurz drauf segnet eine der beiden Unterschrankleuchtschienen in der Küche das Zeitliche (dummerweise die über dem Spülbecken).

Das TV-Gerät entscheidet sich nach diversen Fehlertestszenarien dazu, ab sofort jeden zweiten Abend zu funktionieren und dazwischen zu pausieren. Einen Kundenservicemitarbeiter bekommt man derzeit weder ans Telefon noch ins Haus, ein Neukauf ist uns wegen eines läppischen Wackelkontakts (noch) zu absurd und kostspielig. Wir behelfen uns also mit dem Laptop des Gatten und gucken nun dort die Coronanachrichten, wenn der Fernseher streikt.

Mit dem Ersatz für die defekte Unterschrankleuchtleiste hatte ich riesiges Glück. Nachdem ich online alle relevanten Baumärkte und andere Händler durchforstet hatte, und dort meist mit Lieferzeiten von 3-6 Wochen (für ein Produkt, das man noch vor 10 Tagen völlig problemlos und ad hoc in jedem Baumarkt hätte kaufen können) oder dem Hinweis „derzeit nicht auf Lager“ konfrontiert wurde, ergatterte ich schließlich die beiden letzten Leuchtschienen dieser Art bei lampenwelt.de. Ich habe zwei bestellt, weil die, die wir bislang hatten, überall ausverkauft waren, und wenn man Wert auf dieselbe Lichtstärke (und -farbe) legt – ein Luxus, den ich mir derzeit glatt noch erlaube – blieb mir nichts anderes übrig, als gleich beide Leuchtleisten zu erneuern, auch auf die Gefahr hin, dass ich damit nun zu den Unterschrankleuchtleisten-Hamsterern gehöre.

Auch die Konsumentenpersönlichkeit verändert sich momentan ja ähnlich rasch wie die Nachrichtenlage und der Alltag im Allgemeinen und im Besonderen.

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Gestern ein Geburts_Tag im Retro-Stil.
Das eigentliche Geschenk, das ich dem Gatten zugedacht hatte, entfiel, weil Alpaka-Wanderungen mit mehr als 1 Mensch und 1 Alpaka nun als unbotmäßige Versammlung gewertet werden und nicht mehr zulässig sind und weil das in der Nähe des voralpenländischen Alpaka-Hofes gelegene Hotel, in dem ich uns anlässlich dieser Exkursion eingebucht hatte, seine Pforten schließen musste. Auch die Idee fürs Ersatz-Geschenk zerschlug sich, weil das bestellte Produkt aus Schweden anreisen müsste, die Schweden aber momentan noch mit Skifahren und einem relativ normalen Leben beschäftigt, die haben grad keine Zeit für Geburtstagssendungen ins verseuchte Nachbarland.
Blieb nur noch ein kleines Packerl auf dem Frühstückstisch übrig, ein schon lange in meiner Schublade lagerndes Sommershirt für den Gatten (Rubrik „Präsente für zwischendurch“), das ihm aber vielleicht demnächst als eine Art Passierschein dienen könnte, falls noch Zeiten kommen sollten, in denen man nur noch mit absolut triftigem Grund vor die Tür dürfte (= Verrichtung der Geschäfte des Dackelfräuleins).

Das Hauptpräsent bestand nun darin, wie anno dazumal eine kleine Ausfahrt ins Grüne zu machen. Erstmals seit zwei Wochen gönnen wir es uns, ein ganzes Stück raus zu fahren aus München (um Himmels Willen aber nicht an den Tegernsee, wo sie inzwischen die Autos mit Münchner Kennzeichen mit Eiern oder Vorwürfen bewerfen, wie der Papa mir berichtet). Vorher bestücke ich daheim einen geburtstäglichen Picknickkorb und schleppe ihn mit (bzw. lasse den Jubilar schleppen).

Der vierstündige Spaziergang tut unglaublich gut, die einsamen Fleckerl, an denen es erst Brotzeit und später Kuchen gibt, liegen so idyllisch, dass ich mich frage, warum eigentlich erst ein Virus daherkommen muss, damit man so einen Tag mal auf diese Weise verbringt: back to the roots, ohne großen Zinnober, ohne irgendwas Besonderes, sondern einfach nur wandernd in der Natur, die ja besonders genug ist (besonders im schönen Oberland), auf Bänken rastend, alle möglichen Leckereien spachtelnd und aus viel hübscheren Tassen trinkend als man sie je in einem Ausflugscafé vorgestezt bekäme. So eine Unternehmung ist zudem auch viel preiswerter als ein Ausflug mit Einkehr, außerdem ist alles bio und mitnichten von geringerer Qualität als im Biergarten.

Thermoskannenhersteller werden wohl zu den Profiteuren dieser Krise gehören, denke ich unterwegs. Und zum ersten Mal spüre ich ein Bedauern darüber, dass ich den noblen Picknick-Koffer, den ich einst 1997 zu meiner Ersthochzeit mit dem Gymnasiallehrer geschenkt bekam (und der seinerzeit auf Platz 2 der Top 5 der geistlosesten Hochzeitsgeschenke landete), nach ein paar staubigen Jahren im Kellerregal ins Sozialkaufhaus getragen habe, weil M. und ich damals nie auf die Idee gekommen wären, mit diesem spießigen, geflochtenen Köfferchen ins Grüne zu fahren. Nun gut, das unruhige florale Design der im Koffer enthaltenen Keramik würde mir immer noch nicht zusagen.

Schöner Tag jedenfalls, auch der Gatte war zufrieden mit Programm und Gaben.

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Dennoch (und mal ganz banal formuliert): ich wünsche mir mein Leben zurück, so wie es vor dem Wasserschaden und vor allem vor Corona war.

Ich wünsche mir, dass es beim Lieblingsbäcker wieder jeden Tag Brezen gibt und nicht nur ein Schmalspur-Sortiment. Ich wünsche mir, dass das Lieblingsschwimmbad wieder öffnet und man dort in der glitzernden Frühlingssonne seine Bahnen ziehen kann. Ich wünsche mir, den Papa wieder besuchen zu können, ohne danach Eier von der Motorhaube wischen zu müssen. Ich wünsche mir, die Triftigkeit von Gründen wieder nach eigenem Ermessen festlegen zu können. Ich wünsche mir, meine Freunde wiedersehen zu können. Ich wünsche mir, einen Kaffee im „Isarfräulein“ trinken zu können, während Pippa mit dem Hund der Cafébesitzerin schmust. Ich wünsche mir, dass auch all die kleinen Geschäfte hier im Viertel nach der Pandemie noch am Leben sind und jetzt nicht reihenweise Existenzen zerstört werden. Ich wünsche mir, dass meine Auftraggeber diese Zeiten überstehen und weiterhin Aufträge vergeben können. Ich wünsche mir, dass die Risikogruppen den Schutz bekommen, den sie brauchen und dass es bald einen Test auf Immunität gegen SARS-CoV-2 gibt und dass all die, die dann immun sind, besser mitanpacken können. Ich wünsche mir, dass die Welt sich nach dem Ende dieses Spuks in mancher Hinsicht anders weiterdreht als zuvor und wir alle etwas dankbarer und vielleicht auch demütiger werden, so wir es momentan sind, wenn man beim Samstagmorgeneinkauf tatsächlich alles, was man auf dem Einkaufszettel notiert hat, auch bekommt oder man in den eigenen vier Wänden jemanden hat, mit dem man gerne frühstückt und den man sogar bitten kann, einem die Haare zu schneiden, in Zeiten, wo einen ja eh kaum jemand sieht.

Der wachsende Andrang beim Coronatest-Drive-In auf der Theresienwiese deutet aber, wie so vieles andere auch, eher nicht darauf hin, dass diese Rückkehr zum Leben wie es mal war in Kürze schon wieder bevorstünde.
Es heißt wohl weiterhin, das Leben erstmal anders weiterzuleben, sich auf vielen Ebenen neu zu sortieren und zu justieren in diesem ungewöhnlichen Frühling 2020. Und dabei nicht zu verzagen, froh zu sein, dass man nicht hustet und dass zumindest der Gatte ein krisensicheres Einkommen hat, den Humor nicht zu verlieren und gleichwohl diese schwierige Zeit auch zum Nach- und Überdenken von so manchem zu nutzen.

Ein schönes Wochenende und alles Gute Ihnen!

Schon der Hammer.

Um 9:35 Uhr kurvt die erste Polizei-Patrouille durch die menschenleere Allee vor der Haustür. Mit Durchsage, versteht sich. Megalaut. Wacht mit Sicherheit auch die letzte Schnarchnase davon auf.
Bitte nicht noch früher!, denkt man da kurz, denn wenn man schon nicht hinausdarf ohne triftigen Grund, dann möchte man wenigstens auch ohne triftigen Krach da draußen sein Frühstücksei löffeln und die Zeitung lesen können.
Meine diesbezügliche Empfehlung heute: der Artikel „Die gehorsame Gesellschaft“ aus der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Am besten noch nicht vor dem Erstkaffee und auch erst, wenn die schlafverklebten Augen schon etwas klarer in den Tag blinzeln, da sonst womgölich intellektuell noch zu herausfordernd, zumindest ging es mir so.

Beim Morgengassi entdecke ich, dass jemand auf jede vierte Windschutzscheibe in der Reihe der parkenden Autos „Wir lieben Demokratie“ geschrieben hat. Nein, nein, nicht etwa mit einer Spraydose! Sondern einfach mit dem Finger in den Schnee gekratzt. Über Nacht hat es nämlich wieder geschneit. Vorgestern noch mit hochgekrempelten Ärmeln und Hosen (und sogar barfuß) auf einer Bank gesessen, heute wieder Mütze und Handschuhe, aber allmählich wundert man sich ja über gar nichts mehr.

Der Schwimmbadentzug macht sich langsam bemerkbar, und das offenbar nicht nur bei mir.
Der Gatte, der ja neben seinem Zweitjob als häuslicher Serienbeauftragter (ein nicht zu unterschätzendes Amt in Corona-Zeiten) ja noch einen Drittjob als Pressespiegelbeauftragter hat (damit ich nicht ständig mit dem großformatigen Papier hantieren muss), legt mir kichernd eine Zeitungsmeldung neben mein Quittengeleebrot.

Da es in meinem Ganzjahresfreibad keine Scheiben gibt, die man einschlagen könnte, behelfe ich mir erstmal anderweitig, schnüre nun wieder meine Asics und sprinte springsteenbeschallt und selbstverständlich schön sozialdistanziert ein paar Runden durch den nahegelegenen Park.
Fürs Immunsystem, fürs Abschalten, fürs Frischlufttanken. Und mittlerweile scheint sogar die Sonne.
Das sollten genug der triftigen Gründe sein.

Ihnen allen einen schönen Sonntag!

PS: Weiß zufällig jemand, wieso der angeratene Abstand zum Mitmenschen hier in Deutschland mindestens 1,5 Meter betragen soll, man in Österreich aber nur 1 Meter empfiehlt? Husten unsere Nachbarn etwa anders, haben sie eine geringere Tröpfchendichte im Ausgehusteten oder fliegen die Aerosole dort einfach langsamer durch die Luft, quasi eine österreichische Variante des Virus, die sich dem nationalen, so angenehm unhektischen Tempo dort angepasst hat?