Hund haben (22).

Falls Sie auch das Glück haben, einen Hund in Ihr Leben aufgenommen zu haben, werden Sie Folgendes mit Sicherheit kennen: Es ist ein regnerischer, trüber und kühler Tag, an dem Sie null Lust haben, einen Fuß (oder gar zwei) vor die Tür zu setzen. Nach nichts verlangt es Sie mehr, als den Großteil des Tages mit guter Musik oder Lektüre (oder beidem) auf der Couch herumzulümmeln. Aber das geht nicht, weil Sie heute ehegattensplittingbedingt die Arschkarte gezogen haben und „dran“ sind, d.h. derjenige sind, der mit dem Hund raus darf muss.

Routenplanung mit nachträglich eingefügtem gelben Pfeil zur Kenntlichmachung des kulinarischen Highlights.

Sie raffen sich also unter größten Mühen auf, kleiden sich wettergerecht und überwinden sich sogar, mit dem Tier ein Stück hinauszufahren, obwohl es hoch unwahrscheinlich ist, dass es 25 Kilometer südlich der Stadt weniger unwirtlich ist, aber zumindest können Sie dann dieses verregnete Qualprogramm musikalisch ein bisschen umrahmen. Von Dylans neuestem Genäsel beschallt fahren Sie dann Richtung Starnberger See, die Scheibenwischer haben trotz Dauereinsatz nur den Regen, nicht aber Ihre Granaten-Unlust wegwischen können. Sie parken, ziehen sich die Kapuze über den Kopf und treten ins klitschnasse Laub.

Und plötzlich, während Sie so Gassi gehen mit Ihrem Hund und Ihrem Grant, da wendet sich das Blatt und Ihr gerade noch als so unsäglich trostlos und mühevoll empfundenes Regentaghundebesitzerschicksal erstrahlt unerwartet in neuem Licht und Glanze.

Denn nicht nur die ausgewählte Spazierrunde ist viel schöner als gedacht, weil Sie neue Orte und Wege entdecken, sondern auch das Wetter berappelt sich während der sechs Kilometer allmählich, unterwegs verstehen Sie sich außerdem faszinierend wortlos gut mit Ihrem Vierbeiner und dann läuft Ihnen auch noch ein Zwetschgenfleckerl über den Weg, Menschen hingegen treffen Sie fast gar keine, bloß ein paar andere Gassigeher, so dass Sie die herrliche Herbstkulisse am Seeufer mehr oder weniger für sich alleine haben.

Nach drei Stunden ist schier die ganze vormals so graue und grässliche Samstagswelt zu einem kleinen Paradies mutiert und Sie (mal wieder) zum glücklichsten Mensch Hundebesitzer unter der oberbayerischen Oktobersonne.

Der Gatte, dieser Glückspilz, hat am heutigen Sonntag Gassidienst – und natürlich scheint seit dem frühen Morgen unentwegt die Sonne. Die Stimmung im Rudel ist also gleich viel heiterer als gestern, wobei dazu auch andere Einflüsse beigetragen haben mögen, wie beispielsweise das gestrige 5:0 gegen die Eintracht oder der zufällig bei der Frühstückslektüre wiederentdeckte Cartoon mit dem Titel „Die Zeitumstellung – der Jetlag des Proletariats“ (was mich an einen wunderbaren Satz zum selben Thema aus einem Roman von Christoph Hein erinnert, ich muss das umgehend nachschlagen, sobald ich proletarisch ausgekichert und die Winterzeit verinnerlicht habe).

Der Zeitumstellungs-Gag wird gegen Mittag von einem anderen Witz übertrumpft. Weil ich meine hundefreie Zeit ebenso nutzen möchte wie das tolle Wetter, beschließe ich, ein bisschen mit dem Rad durch die Stadt zu fahren (eine Unternehmung, die mit Hund unmöglich ist, weil der Hund davon nix hat und man selbst auch nicht), mir vielleicht ein Sonnenplätzchen in einem Café zu suchen (falls nicht zu viel los ist), oder mich irgendwo auf einer Parkbank niederzulassen (und dort ein Getränk zu genießen). Als ich meine Schuhe anziehe, fragt mich der Gatte, seinerseits auch gerade im Aufbruch (zu seinem Glückspilzgassi) begriffen, ob ich denn nachher wieder zuhause sei, wenn das Dackelfräulein und er zurückkämen oder ob ich länger unterwegs wäre. „Ich bin mit dem Rad weg und setz‘ mich mal irgendwo hin, um über mein Leben nachzudenken“, antworte ich ihm. „Achso, na dann bist du ja spätestens in einer Stunde wieder daheim!„, kommentiert er ohne Umschweife, und ich muss sofort schallend lachen über diese seine Bemerkung, wir verabschieden uns folglich froh und heiter voneinander und jeder entschwindet in seinen Nachmittag.

Erst einige Zeit später, auf der Parkbank sitzend und über mein Leben nachdenkend (bzw. nachgedacht habend), frage ich mich, ob mein Spontangelächter wirklich die adäquate Entgegenung war. Bin ich etwa jemand, der tatsächlich in der Dauer des Kurzreinigungsprogramms der Geschirrspülmaschine über sein Leben nachzudenken imstande ist? Oder braucht’s dafür nicht eher eine mindestens einwöchige Klausur in der Abgeschiedenheit der Berge? Oder genügt mir am Ende gar das halbe Stündchen auf der sonnigen Bank, in dem die leichte Weiße getrunken, den Eichhörnchen beim treehopping zugeguckt und die Feststellung gemacht wurde, dass das Leben, zumindest heute, völlig unbegrübelt ein recht gutes ist?

Apropos Parkbank und Nachdenken – schließen möchte ich für heute mit der Schilderung eines der vielen Phänomene, die ich immer wieder beobachte und intensiv bedenke, aber beim besten Willen nicht verstehe: Als ich mich auf der Bank niederlasse, entdecke ich zu meinen Füßen eine rote Tüte. Es handelt sich um ein erfolgreich befülltes (und sogar erfolgreich zugeknotetes!) Gassisackerl. Es liegt da. Auf dem Boden, unter der Bank. Und nur einen Meter neben der Parkbank steht ein Mülleimer. Was ist da schiefgelaufen, frage ich mich, wie um alles in der Welt kann das passieren? Dieses absurde Phänomen, das übrigens weit weniger selten auftritt als der Vernunftbegabte nun vielleicht meinen möchte, beschert mir manchmal erheblich mehr Grübelzeit als mein Leben.

Himmel der Bayern (87): Rutschpartie am Exzessberg.

21. Oktober 2020.
Der Papa wird heute 77 und „feiert“ das thermalbadend mit der Lebensgefährtin im fernen Venetien. Einmal (!) in diesem quarantäneähnlich verbrachten Jahr doch noch für ein paar Tage rauszukommen, das hat er sich gewünscht, und in dem italienischen Hotel ist er keinesfalls gefährdeter als daheim am Tegernsee, also bringt eine überstürzte Heimreise wegen steigender Fallzahlen jetzt auch nichts. Trotzdem ein komisches Gefühl, dass er nicht da ist, denn die Anzahl der Geburtstage, die man noch bei einigermaßen guter Gesundheit miteinander verbringen wird, sind vermutlich an einer Hand abzuzählen.

Es passt mir an diesem 21. Oktober emotional und überhaupt ganz ausgezeichnet, dass der Gatte sich spontan frei nimmt und den Wunsch äußert, endlich einmal (!) auf den Wallberg zu steigen, denn das ist schließlich der Berg, auf den der Papa gucken würde, wenn er am heimischen Geburtstagstisch säße.

Da die Wettervorhersage milde 21 Grad verspricht, muss der Gatte nur noch davon überzeugt werden, dass es keine Tour auf den Wallberggipfel, sondern auf den um 16 Meter niedrigeren Nachbarberg werden wird, damit es auch ein erholsamer Tag ohne Kolonnenkraxeln ist.
Denn wir wissen: Wenn’s im Oktober wärmer als 20 Grad wird, schwärmt halb München aus (ja, auch wochentags!) und ein Großteil der Ausschwärmer bikt, hikt (schreibt man das so?) oder gondelt dann in der oberbayerischen Bergwelt herum.

Und so ist es auch. Der Parkplatz an der Wallbergbahn ist um kurz nach 10 Uhr schon fast voll – alles will da hoch. Wir schnüren die Stiefel, lassen die Ausflügler links liegen und steigen in den menschenleeren Regionalbus nach Kreuth.

Vom Kreuther Kurpark aus starten wir unsere Tour auf den Setzberg, der in zweiter Reihe hinter dem meist überlaufenen Wallberg liegt und weder über eine Seilbahn noch eine Gastronomie verfügt (derzeit nehme ich die während der Sommermonate ein wenig vernachlässigte Arbeit an meinem im März begonnenen Wanderführer „Panoramawege durch die Pandemie“ wieder auf: sollten Sie Tipps für abgelegene Wege durch Oberbayern brauchen, melden Sie sich ruhig).

Gut, der Gatte zuckt ein wenig zusammen, als er die ausgeschilderte Gehzeit registriert und ein paar Schritte weiter auch noch von einem anderen Schild unmissverständlich darauf hingewiesen wird, was ihn erwartet.

Die Herausforderung besteht dann aber weder in den zweieinhalb Stunden Aufstieg noch in der Überwindung von 1.000 Höhenmetern, sondern darin, vom Setzberg auch wieder hinunter zu kommen.

Blick vom Setzberg gen Süden: Im Vordergrund der Risserkogel und die Blaubergkette, am Horizont die Tiroler Alpen.

Pippa macht Pause.

Als wir nach einer sonnigen Rast auf dem Gipfel des Setzberges – die Aussicht hier oben steht der, die man vom Wallberggipfel aus hätte, in nichts nach! – über die Nordflanke zum Berggasthof Altes Wallberghaus absteigen, geraten wir in der suppigen Schneematschspur so krass ins Rutschen, dass wir die angegebene Gehzeit von 30 Minuten beinahe verdoppeln.

In einer tiefen, braunplätschernden Schlammrinne (es taut wie Hölle und wegen der Schneereste links und rechts der Rinne sieht man nicht, wohin man tritt, wenn man neben die Rinne tritt, sackt also hie und da übel ein, rutscht weg und entscheidet sich dann doch für die Rinne selbst) geht es 300 Höhenmeter hinab, das Fräulein sieht anschließend aus wie eine verkrustete Fangowurst und was uns angeht, so sind Originalform und -farbe unserer Schuhe schlicht nicht mehr erkennbar.
Ein Wunder (den Trekkingstöcken sei Dank!), dass es keinen von uns geschmissen hat.
Ebenfalls ein Wunder, dass wir auf der Sonnenterrasse des Alten Wallberghauses einen super Platz bekommen. Und einen Kaiserschmarrn vom Feinsten!

Erfreulich wenig los um die Zeit, wahrscheinlich liegt’s daran, dass drüben am Wallberg die letzten Gondeln ins Tal nun schon deutlich früher fahren und der hinaufgegondelte Turnschuhtourist nach zwei Halben zeitig den Rückweg zur Bahn antritt.

1 = Setzberggipfel / 2 = Altes Wallberghaus / 3. Familie mit Kind

Drei Tische hinter uns lässt sich eine Familie nieder. Als der Familienvater zur Essensausgabe geht, um dort ebenfalls einen Kaiserschmarrn in Empfang zu nehmen, raunt mir der Gatte zu, dass der ja aussähe wie Gómez (also der Familienvater, nicht der Kaiserschmarrn).
Diese Promis erkennt man wegen der Maske ja nun nicht mehr auf Anhieb, außerdem trägt der Kerl eine dermaßen schlecht sitzende Jeans, dass es unmöglich ist, abzuschätzen, ob sich darunter die Oberschenkel von Super-Mario verbergen oder nur irgendwelche stinknormalen Haxn.

Als das Kleinstkind des Schlabberjeansträgers sich wenig später verselbständigt und auf den Wanderweg ausbüxt, klärt sich die Gómez-Frage schnell: der Familienvater rennt nun ohne Maske hinter dem Filius her und trägt den Kleinen auf seinen Schultern zurück.
Als wir kurz darauf aufbrechen, schnappe ich mir die Maske vom Gatten, hetze das Dackelfräulein auf den Ex-Bayern-Star und provoziere nach dem Einfangen unserer Hundedame ein Gruppenfoto, für das der Fußballprofi sogar Maske und Sonnenbrille abnimmt.

Legenden des deutschen Sports & Mario Gómez.

Dem Fräulein (Hunde können ja nicht heucheln) sieht man an, dass es sich bei dem Shooting um keine besondere Herzensangelegenheit handelt, aber mei. Ich betrachte die kleine Aktion als halbwegs gelungene Vorübung für kommende Gipfeltreffen mit Prominenz, für die wir uns deutlich mehr erwärmen können (Arjen Robben, Bruce Springsteen, Ronald Zehrfeld, Rupert Friend etc.).
Bemerkenswert an der Gómez-Begegnung war sowieso eher die Ehefrau. Die ist ein Top-Model. Sowas sieht man ja auch nicht alle Tage auf einer Berghütte. Und ich muss sagen: in natura (=relativ ungeschminkt) und aus 2 Meter Nähe betrachtet ist die völliger Durchschnitt. Nix, wo man als Frau zusammenzuckt und denkt Oh Gott, ist die schlank und schön und perfekt!, sondern einfach nur Durchschnitt.

Weiter geht’s, Richtung Wallberg. Ein Abstieg kommt heute nicht in Frage, dreieinhalb Stunden Bewegung inkl. 50 Minuten Rutschen sind mehr als genug.
Die letzte Gondel fährt um 17 Uhr, vorher wollen wir noch zur Wallbergkapelle, um von der kleinen Aussichtsplattform rund um das Kircherl (die man an Tagen wie diesen nur noch sehr früh oder spät am Tag ohne Schlangestehen besuchen kann) nochmal das tolle Panorama und die wunderbare Weite zu inhalieren, bevor wir wieder nach Rottach-Egern hinunterschweben.

 

Das Quarantänevermeidungsquartier.

Wo man derzeit als Münchner/Bayer noch einigermaßen kostengünstig, kurzfristig, stressfrei und ohne mehrseitige Reisewarnungen studieren zu müssen (in welche Länder sollte ich besser nicht fahren bzw. wo will man uns Münchner/Bayern derzeit keinesfalls beherbergen) Urlaub machen kann:

Sicher möchten Sie nun wissen, wie ich auf dieses verlockende Inserat stieß, und bestimmt vermutet der eine oder andere Leser schon irgendein abstruses Dackelfräulein-Abenteuer und schüttelt sorgenvoll den Kopf, dabei ist das alles ganz anders als Sie denken, sofern Sie überhaupt schon etwas gedacht haben sollten.

Also: Innerhalb des Freistaats dürfen wir Münchner ja noch bedenkenlos verreisen, und da ich gerade die kleine Auszeit für den Gatten, die er – um sich für das Wintersemester, das in vielerlei Hinsicht anstrengend zu werden verspricht, ein bisschen zu sammeln und zu rüsten – in einem abseits jeglichen Trubels gelegenen Dorf in Tirol gebucht hatte, wegen der aktuellen Reisewarnung für Tirol storniert habe (da er es sich wegen des eben erwähnten Semesterbeginns nicht erlauben kann, sich nach vier Tagen in Tirol anschließend 14 Tage in Quarantäne zu begeben), bin ich nun dabei, seiner Bitte nachzukommen, und mich nach einer passenden Alternative umzusehen (er weilt derzeit in Frankfurt und kommt vor lauter Terminen nicht dazu, sich selbst darum zu kümmern).

Das Problem: Ganz Oberbayern ist entweder ausgebucht oder in den ländlichen/bergigen Regionen dermaßen absurd überteuert, dass da gar nix mehr geht, außer, man erbt überraschend oder man begnügt sich mit einer Reise nach Ottobeuren, Wolnzach oder Waldkraiburg (und ich könnte Ihnen zu jedem der genannten Orte eine Übernachtungsstory erzählen, bei der Ihnen alles vergehen würde).
Erschwinglich und schön (eh eine seltene Kategorie bei Hotels) wären allenfalls diverse Stadthotels in München (fährt ja derzeit keiner hierher, was Dumpingpreise nach sich zieht), aber das ist natürlich totaler Käse, denn hier wohnen wir ja schließlich das ganze Jahr über und am Ende läuft man sich dann noch beim Spaziergang zufällig über den Weg und so käme ja kein Urlaubs-/Auszeit-/Alleinsein-Feeling auf.

Als ich alle gängigen Hotel-Portale durchforstet hatte, guckte ich schlussendlich ziemlich frustriert noch bei AirBnb vorbei und gab dort verzweifelt das gesamte Voralpenland als Zielregion ein. Potthässliche Apartments in Holzkirchen hinterm S-Bahnhof („zentral gelegenes Kleinod“), bedrückend enge und düstere Dachgeschosse in Wallgau („alpines Dachstudio“), gruselige Souterrain-Wohnungen in Prien („kuschliges Zuhause in Seenähe“) – es war nix Adäquates zu finden!
Bis auf die oben abgebildete Unterkunft, ebenso schonungslos wie verheißungsvoll „Survival Laubhütte“ oder (für den eher nüchtern-sachlichen Kunden:) „Privatzimmer in Erdhaus“ genannt. Ein Volltreffer, mit dem ich nicht mehr gerechnet hatte.
Denn was will man(n) mehr? Das ist Romantik und Abenteuer pur! Der totale Thoreau für nur 110€ am Tag, ein echtes Schnäppchen, andere fahren dafür unnötigerweise bis nach Kanada (und Sie müssen zugeben: Valley, das klingt sowieso fast wie Kanada)!

Leb wohl, Tirol! Pandemie, ade! Adieu, Reisewarnung!
Down in the Valley wird von Corona nichts mehr zu hören und zu sehen sein, sofern einem nicht der infizierte Förster aufs Dach hustet, von gästereichen Dorfhochzeiten ausgebüxte Elstern den dort gemopsten und verseuchten Kaffeelöffel vor die Erdhaustür schmeißen oder die Baum-Umarmer-Truppe sich im selben Wald tummelt, und sich dummerweise einer von denen im überfüllten Shakti-Chor-Workshop, den er noch vor dem Baum-Umarm-Seminar besucht hat, angesteckt hat und nun vor lauter Waldglück und Seelenheil in genau die Baumrinde heult, an der der Laubhüttengast abends eine Leine befestigt, auf der er seine Wandersocken zum Trocknen aufhängt.
Sie werden mir zustimmen: all diese Szenarien eher unwahrscheinlich und damit eine Destination mit sensationell niedrigem Infektionsrisiko!

Ich habe also sofort zugeschlagen, denn der Gatte wollte eh gern möglichst viel Ruhe und Natur um sich haben, und ich denke mal, die in der Anzeige erwähnten „mütterlichen Arme“ (sofern die grammatikalisch etwas missglückte Unterüberschrift im Inserat das meint, was ich denke) stören ihn auch nicht weiter, sondern vermitteln vielmehr eine anheimelnde Geborgenheit, dort, in der heiß ersehnten Einsamkeit und Klausur.
Die Gegend rund um Valley kennt er auch schon ein bisserl, dank unserer wunderbaren Ausflügen ins Mangfalltal, zur nächsten Gaststätte kann er, so sagt Google Maps, direkt von der Haustür aus wandern (hin und zurück ein Tagesmarsch, wenn man all die Bachquerungen und Böschungen mit einrechnet, total super, um den Kopf mal so richtig freizukriegen), die Orientierung wird ihm als ehemaligem Gebirgsjäger nicht schwerfallen, so dass ich auch keine Sorge hätte, dass er in den Wäldern verlorenginge.
Und wenn die Temperaturen des nachts schon arg anziehen sollten, was im Oktober durchaus der Fall sein kann, so wird das der Stabilität und Windfestigkeit der Unterkunft nur zuträglich sein. Nicht, dass es da zu sehr raschelt und pfeift, wenn mal ein Herbststurm durch den Wald fegt und man dann nicht schlafen kann wegen dem dämlichen Naturkrach (man kennt dieses höchst ägerliche Phänomen ja von den berühmten „Haus am Meer“-Urlauben, in denen man nächtelang wachliegt, weil es so verflucht laut rauscht und brandet und man das plötzlich live nicht mehr halb so idyllisch findet wie noch zum Zeitpunkt der Quartiersuche), da wäre ein kleiner Bausubstanzzustandswechsel in Richtung Iglu ja kein Schaden.

Jetzt warte ich nur noch auf eine Antwort des Vermieters zu meiner kleinen Nachfrage, wie man sich denn das erwähnte Badezimmer so ungefähr vorzustellen habe (schließlich möchte man vorher Klarheit haben, ob der Barthaarschneider überhaupt ein nützliches Reise-Utensil ist oder besser gleich daheimbleibt) sowie die erbetene Reservierungsbestätigung – und dann steht der Vorfreude des Gatten auf einen traumhaften Tapetenwechsel in diesem urgemütlichen Unterschlupf nichts mehr im Wege.

Himmel der Bayern (85): Über den Wolken.

Links die Zugspitze, rechts der Kramer und neben mir meine kleine, treue Gefährtin.
Über allen Gipfeln ist Ruh‘: Nuluensis & ich, wunschlos glücklich.
Namensgeber meiner „Himmel der Bayern“-Serie.

Die Liebe in den Zeiten der Coronakrise.

(Ganz neue) Szenen einer Ehe.
München, im März 2020, ein relativ gewöhnlicher Dienstagmorgen.
Der Gatte kehrt vom morgendlichen Ausritt mit dem kleinen Jagdhund zurück, dreht sich auf dem Absatz wieder um und ruft voller Tatkraft treppabwärts sprintend, er begäbe sich nun direkt ins nahegelegene Jagdrevier, um dort gleich in der Früh sein Glück zu versuchen (seit Wiedereinzug in unserer Wohnung fehlen uns ja ein paar essentielle Utensilien im Haushalt, wir berichteten hier).

Eine halbe Stunde später sperrt er die Wohnungstür wieder auf und ich höre den Erfolg seines Jagdausflugs schon vom Arbeitszimmer aus auf dem Parkett aufschlagen, springe hoch, laufe ihm durch den langen Flur entgegen, sehe die Beute auf dem Boden liegen – und falle ihm freudig um den Hals.

Der Held des Tages aus der Münchner Ludwigsvorstadt und sein Riss.

Auch die Liebe verändert ihr Antlitz in den Zeiten der Coronakrise:
Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Mann küsse, weil er mir Klopapier nachhause bringt!
Und das erste Mal, dass in unserem Haushalt zwei Packungen von dem weißen Gold, wie es die Leute hier im Viertel bereits nennen, vorrätig sind.

Sollten Sie keinen so beherzten Gatten im Haus haben, der frühmorgens zur Jagd geht oder es bei Ihnen aus anderen Gründen zu einem Toilettenpapier-Engpass kommen – ich kann Ihnen nun gern mit einem Röllchen aushelfen!

Auf Hochtouren.

Nach einer geruhsamen Zeit voller Rudelglück, Seriengenuss und Feiertagsfaulenzen läuft das neue Jahr mittlerweile auf Hochtouren.

Der dank des Wasserschadens beschlossene Badumbau ist seit ein paar Tagen im Detail besprochen, die Terminvorschläge harren nun Loleks Überprüfung und Zustimmung, bald drauf geht’s dann zum Fliesen- und Wannenkauf. Das Fachvokabular sitzt jedenfalls schon und bescherte anerkennendes Nicken.

Gesundheitlich geht es größtenteils aufwärts oder zumindest nicht weiter abwärts, man weiß zwischenzeitlich, mit 47,5 Lenzen, dass Glück tatsächlich auch in der Abwesenheit von Unglück bestehen kann.
Auch. Nicht nur.

Vor einem Jahr war tiefster Winter hier, auf der Wiesn bauten sie Schneeskulpturen aller Art. Wir frästen uns durch die weißen Massen hinüber zur Schwanthalerhöhe, um den Film zur 150-Jahr-Feier des DAV anzugucken – und zwei Stunden später war die Spur vom Hinweg bereits nicht mehr zu sehen.
Im Januar 2020 wird an der Isar in kurzen Höschen gejoggt. So sieht man im diesjährigen Winter ganz andere Skulpturen, denn hie und da hoppeln einige Festtagspfunde mit, immerhin ein körperlicher Kampf, der mir seit einigen Jahren meistens erspart bleibt.
Erste Übermütige werfen die Hüllen komplett ab oder den Grill an, die Kioske am Flussufer stellen die Eistafeln raus, an den Stehtischen im Freien leuchtet jedes zweite Glas grellorange und die Hunde testen zaghaft die Wassertemperatur.

Der Friseurwechsel hat weiterhin Bestand. Die zweite Schur ebenso zufriedenstellend wie die erste, nur ohne die schnarchende Bully-Dame anbei, die leider zwischenzeitlich einem Hirntumor erlag. Die Art und Weise, wie der neue Coiffeur mir davon erzählt (plus das anschließende Einlegen einer Live-CD von den frühen Stones), hat zur Folge, dass wir zum Du übergehen. Eh fast derselbe Jahrgang.
Auch Pippa hat den Friseur gewechselt, da die gute S. nun geheiratet hat und in neue Wirkungskreise abtaucht (eigener Salon, aber diesmal Fingernägel oder sowas). Ihre Nachfolgerin wurde allein deshalb kritisch beäugt, weil sie das Begrüßungsritual (Vor dem Rasierer kommt die Wurst!) noch nicht kannte.
Man merkt, dass man älter wird, denn das Ausmaß, in dem einen solche Veränderungen auf einmal beschäftigen, verhält sich in etwa proportional zum Wachstum der grauen Haare.

Der nette Nachbar lädt einen zum Geburtstagsbrunch ein. Das muss heißen, wir bewegen uns wohl defintiv Richtung freundschaftliche Verbandelung.
Alle verstehen sich bestens: sowohl sein Gatte mit meinem, als auch die Hundedame der beiden mit unserer Pippa (wir berichteten hier und hier). Das ist nicht nur in sozialer, nachbarschaftlicher, tierischer und zwischenmenschlicher Hinsicht recht erfreulich, sondern diese Entwicklung passt auch ideal zum demnächst drohenden sanitären Totalausfall in unserer Wohnung: zumindest ich werde dann dort unten ganz unbekümmert um tägliche Nutzung der Dusche ersuchen, notfalls vielleicht auch um Asyl, sollte es bei uns oben gar zu unwohnlich und staubig werden (Lolek kündigte eine Abdichtung des Flurs an, bei der wir nur noch durch einzelne, abgeklebte Schlitze in unsere Zimmer schlüpfen können, das klingt irgendwie ungemütlich).
Bei der brunchenden Gästeschar erwartungsgemäß ein deutlicher Männerüberschuss. Neben mir sitzt der Ex vom Nachbarn, ein sehr sportlicher, hübsch bewimperter Kerl, er sitzt da in Begleitung seiner Mischlingshündin mit nicht ganz so hübschem Unterbiss.
Wir verstehen uns auf Anhieb, stellen etliche gemeinsame Interessen fest, vor allem in alpinistischer Hinsicht, weshalb wir nach dem zweistündigen Gespräch die Telefonnummern austauschen, um die überaus erquickliche Unterhaltung in Kürze bei einem Hundespaziergang fortzusetzen und über eine Tourplanung nachzudenken.
Sonst habe ich dort mit niemandem länger geredet, was mal wieder die These untermauert, dass in diesem Leben aus mir kein Gruppenmensch mehr wird (ein Brunch-Fan im übrigen auch nicht, aber das ist ein anderes Thema).
Schon immer lauter Einzelfreundschaften, bestenfalls mal eine Paarfreundschaft.

Freund P. schickt aus Sylt eine Wien-Atrappe voller Zuckerzeug, fast zeitgleich trifft ein Care-Paket von Freundin H. aus der Schweiz ein, das mit holländischem Hagel gefüllt ist.
Man meint es also gut mit mir und ist um Aufpäppelung bemüht. Ich danke den beiden ganz herzlich für all die Kalorien, verhänge hiermit aber bis zum Spätherbst einen Süßwarensendestopp.
Einen Dackelschlafsack könnten wir jedoch nach wie vor brauchen. Auch neue Ohrringe fände ich mal wieder fein. Oder einen Massagegutschein, bitte nicht unter 40 Minuten. Aber mit Schokokram ist jetzt erstmal finito, ok?

Die berufsbedingte Pendelei hat diese Woche wieder begonnen und somit auch die Strohwitwen- und Alleinererziehenden-Tage (und -Wochen).
Während der fleißige Gatte heute Abend unter den Linden der Hauptstadt weilt und dort über philosophische Treppen zum Hörsaal hinaufsteigt, um über den Körper zu referieren, bereiten das Dackelfräulein und ich andere körperliche Aufstiege vor.
Morgen geht’s ins bayerisch-österreichische Grenzgebiet, Material sammeln für eine kleine Winterreportage.

 

Mitten im Rucksackpacken piest das Handy. Eine Whatsapp aus Berlin. Der Gatte schickt kurz vor Vortragsbeginn ein Foto von etwas, das aussieht, wie ein in eine Serviette eingepacktes Nutellaglas. Wenig später ein zweites Piepsen. Eine Mail aus Berlin. Frau Tontöppe schickt ein Foto von jemandem, der aussieht wie der Gatte. Aha!

Trotz meines Feierabendweißbiers, das ich schon intus habe, schlussfolgere ich messerscharf zweierlei: 1.) Frau Tontöppe hat sich in die Uni zur Ringvorlesung begeben und 2.) bei dem eingepackten Etwas könnte es sich mit ein bisschen Glück nicht um ein Nutellaglas, sondern um Quittengelee-Nachschub aus dem Tontöppeschen Garten handeln.
Na sowas! Haben die beiden sich jetzt glatt zuerst kennengelernt (wohingegen ich Frau Tontöppe ja noch nicht live zu Gesichte bekam).

Herzliche Abendgrüße nach Berlin & natürlich auch an die übrige Leserschaft zwischen Zürich und Sylt!

Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

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24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

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Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

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Zum Tag der Liebe oder: Bereiche der Beachtlichkeit.

In einem Leben als Gattin mit sporadischem Teilzeit-Homeoffice und Vollzeit-Hundedompteuse, in dem zu den alltäglichen Aufgaben auch das regelmäßige Staubsaugen und Abstauben gehört, hat man, je nach Haushaltsgröße, Putzpassion und Beruf des Ehemanns, ja en passant die schönsten Bildungsmöglichkeiten.

In einer kleinen Entstaubungspause greife man sich je nach Lust, Interesse und Tagesverfassung einen (freilich zuvor abgestaubten) Schmöker aus dem Regale und stöbere darin.

Zum Valentinstage empfiehlt sich natürlich ein Bändchen zu Liebesdingen, also schnappe ich mir den Niklas Luhmann, wohl wissend, dass der die Liebe nicht etwa als Gefühl begriff, sondern als eine Gefühlsdeutung, die auf Kommunikation beruht (womit nicht nur das ewige Gerede gemeint ist, sondern vielmehr, dass man beispielsweise dieselben Serien liebt und sich gleichermaßen begeistert darüber auszutauschen imstande ist). Guter Ansatz!

Mindestens so gut wie die Luhmannsche Empfehlung, sich gleich bei Heirat einen Brockhaus anzuschaffen, damit jeglicher Dissens, der durch Nachschlagen ausgeräumt werden könnte, keine Liebesfragen aufwirft. Umgekehrt könnte man auch sagen, dass die Liebe ihre liebsten Themen im Bereich nicht wahrheitsfähigen Erlebens hat, also z.B. in Urteilen über Dritte, Geschmacks-, Stil- und Moralfragen, Hobbies, Religion und Haushaltsführung.

Ein großartiger Praxistipp, dessen Umsetzung für heutige Paare natürlich bereits stark vereinfacht ist durch den permanenten Zugriff auf das Internet im Allgemeinen und die Wikipedia im Besonderen: man hat ja stets ein Smartphone/Tablet oder was weiß ich was für ein mobiles Endgerät auf dem Frühstücks- oder Nachttische bereitliegen, so dass alles sofort recherchiert und geklärt werden kann (sofern das WLAN ein stabiles ist) und man danach wieder einträchtig über den depperten Kollegen lästern kann oder in aller Ruhe ausdiskutiert wird, wer beim nächsten Großputz für welche Einsatzgebiete zuständig sein soll oder ob man die heimischen Fenster lieber mit einem Stoff von Marimekko oder Almedahls verhängen möchte (Hauptsache, skandinavisch, so weit ist man eh längst einig nach ein paar Ehejährchen) oder sich dem größten gemeinsamen Hobby zuwendet und beispielsweise bespricht, wie man dem Hündchen endlich beibringen könnte, dass der von den ersten Strahlen der Frühlingssonne aufgetaute Fremdkot diverser Lebewesen nicht dem von uns für sie präferierten Ernährungsstil entspricht (wozu kauft man eigentlich dieses sauteure Premium-Futter in Lebensmittelqualität?).

Und während ich mich so durch die diversen Luhmänner des Gatten blättere, finde ich eine noch viel köstlichere Passage, die es nicht nur zum Tag der Liebe unbedingt verdient, vollständig zitiert zu werden:

„So erwartet die Hausfrau, daß ihr Mann abends von ihr kaltes, nicht aber warmes Essen erwartet. Der Mann muß seinerseits diese Erwartungserwartung miterwarten können, weil ihm nur so klar werden kann, daß er mit einem unerwarteten Wunsch nach warmem Essen nicht nur Ungelegenheiten bereitet, sondern auch die Erwartungen seiner Frau in Bezug auf sein Erwarten durcheinanderbringt, was, wenn wiederholt betrieben, sehr weittragende Unsicherheiten zu Folge haben kann. Diese dreistufige Reflexivität ermöglicht rasche und rücksichtsvolle, kommunikationslose Verständigung, die nicht nur die Erwartungen, sondern auch die Erwartungssicherheit des Partners mit in den Bereich der Beachtlichkeit einbezieht – allerdings mit entsprechend gesteigerten Irrtumsrisiken, die wohl nur in sehr kleinen Sozialsystemen in engen Grenzen gehalten werden können.“

Niklas Luhmann, Die Moral der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, S. 32.

(Was sagen Sie dazu? Sind das nicht herrliche Begriffe und Formulierungen? „Erwartungserwartung“, „gesteigertes Irrtumsrisiko“ und „Bereich der Beachtlichkeit“ oder auch das mit den unerwarteten Wünschen, die Ungelegenheiten bereiten. Hätte ich nicht noch die ganze Wohnung mit dem Staubsauger durchkämmen müssen, hätte ich mich glatt festgelesen!)

Nur gut, dass in unserem kleinen Sozialsystem immer abends warm gegessen wird.

Mit den herzlichsten Grüßen an den Gatten, für den vor 45 Minuten in Frankfurt die Semesterferien begonnen haben (wobei ich mein zu Beginn der Ehe noch völlig naives Verständnis dieses Begriffs längst der Realität angepasst und also eingesehen habe, dass das „-ferien“ in diesem Wort blanker Euphemismus ist, aber immerhin wird hier nun wieder häufiger gemeinsam warm gegessen) und den besten Wünschen für eine störungsfreie Heimreise mit der Deutschen Bahn!

Song des Tages (30).

Neben seinem zeitaufwändigen Job an der Universität ist der Gatte ja auch nebenberuflich noch recht aktiv. Vorträge, Interviews, Gutachten,… – der mit Abstand wichtigste Nebenjob aber ist sein Amt als Serienbeauftragter. Ich erledige ja bei uns daheim absolut alles außer Bügeln – und um die Beschaffung des Stoffs neuer Serien kümmere ich mich ebenfalls nicht.

Über die Jahre ist es ihm gelungen, sich in diesem verantwortungsvollen Amt so viel Expertise anzueignen, dass er es zu meiner größten Zufriedenheit ausfüllt.
Die Weihnachtszeit wurde dank seiner guten Planung und stets pünktlichen Besorgungen zu einem Fest sondergleichen, auf das ich mich wieder freue wie seinerzeit zwischen 1976 und 1982 (die kurze und einzige Ära, in der ich diesem Ereignis positiv gegenüberstand).
Die meiner heftigen Quinn-Sucht stante pede folgenden Entzugserscheinungen verstand er binnen weniger Wochen durch eine gradniose Kiefer-Kur nachhaltig zu lindern, und ich erinnere mich auch noch gut daran, dass er meine Mikkelsen-Manie ähnlich schnell heilte (leider habe ich vergessen, durch wen oder was: Brody, Dexter,…?, egal, er fand ein wirksames Trostpflaster).

Meist organisiert er unsere Serienphase (die Ende November, wenn die letzten Blätter gefallen sind, eingeläutet wird und spätestens zu Beginn des Sommersemesters Anfang April wieder endet) so, dass wir mit ein oder zwei nicht allzu aufscheuchenden Serien zum Warmmachen starten (diesmal: „Die Erbschaft“) und uns die großen Knaller und Highlights für den Feiertagsmarathon zwischen dem 24.12. und 06.01. aufheben (diesmal: „Homeland“ und „Die Brücke“).
Danach wird dann meist das Genre gewechselt (diesmal: „The Handmaid’s Tale“), anschließend folgen parallel zu den letzten, für den Herrn Serienbeauftragten sehr anstrengenden Wintersemester-Wochen, ein paar Kurz-Serien in loser Reihung.
Diesmal waren das „The Team 2“ (lohnt sich nicht: Jürgen Vogel hat es mit Schnoddrigkeit und Muskeln endgültig übertrieben, eine der Kommissarinnen ist viel zu jung und unglaubwürdig), „Braunschlag“ (ein kleines Meisterwerk unserer österreichischen Nachbarn, mit einem spitzenmäßigen Nicholas Ofczarek – 1000 Dank an dieser Stelle nochmal an meinen Blogger-Kollegen Bernd für die beiden Ofczarek-Interviews und den neuesten Serien-Tipp mit diesem grandiosen Kerl) und – gerade fertiggeglotzt – „Sharp objects“.

Die von Patricia Clarkson fantastisch dargestellte Mutter (deren Vorname – Adora – nicht besser hätte gewählt sein können) in dem Südstaaten-Schauerstück weckte dermaßen ungute Erinnerungen an die Mutter (also die meine): diese Fassade aus strahlendem Lächeln und größter Empathie (dahinter nichts als eigene Ängste und Verletzungen), unter der blütenweißen Schürze aber geschickt den Kochlöffel verbergend für den nächsten Schlag auf die Tochter (die früh davonläuft und nie wieder zurückkehrt) – dass mir das in rauen Mengen praktizierte Zudröhnen mit Led Zeppelin und Wodka, das die Protagonistin Camille, Adoras Tochter, tagtäglich betreibt, geradezu konsequent erscheint. Puh!!!
Bin ich froh, dass es bei mir noch mit einigermaßen moderat dosiertem Bruce Springsteen- und Weißbier-Konsum getan ist, hätte die Mutter, wie Adora, neben ihrem So-Sein und dem alltäglichen Vexierspiel rund um ihr Befinden auch noch das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (offenbar eine beliebte Ingredienz für Serien, wir kannten es schon aus „Die Brücke“) gehabt – na pfiatdigod!

Der Soundtrack zu „Sharp objects“ durchaus ein Hinhörer: nach Episode 5, die besonders übel war, hätte mich beispielsweise das den Abspann untermalende „Pa’lante“ glatt weggebelasen, wenn ich da nicht bereits tief in die Sofakissen gepresst und noch etwas starr vor Schreck gewesen wäre.

Hurray for the Riff Raff. Toller Bandname.
Und ein klasse Americana-Song, dieses „Pa’lante“ = Kurzform von „para adelante“ = nach vorne, vorwärts = immer gut und deutlich besser als der Blick zurück, was auch mein persönliches Fazit dieser Mini-Serie war.

Ich wünsche dem Serienbeauftragten eine gute Reise nach Mainhattan und der Leserschaft eine erfreuliche, traumafreie Woche mit möglichst viel guter Musik!

Himmel der Bayern (35): Denkmäler.

Denen, die man liebt, schon zu Lebzeiten ein kleines Denkmal zu setzen…

…ich wünschte, das würde mir öfter gelingen!

Nähere Informationen und Bildmaterial zu den Denkmälern sowie zu dem in allen Jahreszeiten (er)lebenswerten Tegernseer Tal finden Sie ab heute im gut sortierten Zeitschriftenhandel in der neuen Ausgabe von Dog & Travel.

Mit Liebe für meinen Papa & meine Pippa…

…mit herzlicher Empfehlung für alle anderen, die’s interessiert oder nach Oberbayern zieht…

…und nicht zuletzt mit großem Dank an den Gatten für seine Unterstützung, immerzu und bei allem, woran ich herumwürge!