Juli.

Ganz unerwartet ist er mir dieses Jahr ein solch geballtes Glückspaket, der Juli: die Traumtour, die Freunde, die Begegnungen, die Bewegung, die Feiertage, meine kleine Familie, mein kleiner Hund, die Seen, die Berge, die Heimat, die guten Aussichten auf die kommenden Wochen – wirklich eimerweise Glück!

(Wieso nur? Und warum ich? Und lauert da nicht schon der Dämpfer im Uferschilf? Oder soll man sich kopf- und bedenkenlos hineinstürzen in diese Julitage, so wie heute in den weichen, weiten See?)

Sogar die Staubläuse Psocoptera hüpfen mittlerweile vor Freude, was wahrscheinlich daran liegt, dass sie sich etwas legaler fühlen in ihrer lausigen Untermieterexistenz, sie zahlen jetzt nämlich Miete, der kleine Rechtsstreit hat sich also gelohnt, nun bräuchte ich nur noch einen neuen Badeanzug, weil die drei vorhandenen allesamt durchgeschwommen sind, so dass ich mich heute im Strandbad beinahe ein wenig schämte wegen der weißen, sich kräuselnden Gummifäden, die überall aus dem zerschlissenen Gewebe herausguckten. Probleme, wie ich sie gern öfter hätte, weil man zu ihrer Beseitigung weder große Geduld noch viel Geld noch einen Kammerjäger braucht.

Beim Hinausschwimmen an die Tour mit den Freunden gedacht, im See ständig die Benediktenwand im Blick, heute Strandbad Tutzing, vor einer Woche Tutzinger Hütte, so schließt sich ein Kreis, unglaublich, dass das schon erst 7 Tage her ist, dass wir dort oben waren, die Zeit rennt, wenn das Glück ihr Motor ist, und sie kriecht, wenn sie von Quälendem durchtränkt ist, ein fieses Phänomen, und umso mehr Grund, sich mitreißen zu lassen, sich diesem Juliglücksgalopp einfach mal anzuvertrauen.

Hygienekonzepte oder: Vorüberlegungen zur Anschaffung eines Neoprenanzugs.

Zwar steht der große Tag seit einer Woche amtlich fest – am Montag, den 8. Juni, öffnen die ersten Münchner Freibäder wieder, bis dahin werden es 12 lange und zähe Wochen ohne Schwimmen gewesen sein (so sehr ich Sätze mit Futur II-Konstruktionen auch liebe, so ätzend finde ich diesen hier inhaltlich)! -, aber nach und nach werden jetzt die Details zur Ausgestaltung der chlorreichen Zukunft bekanntgegeben, allen voran die sogenannten Hygiene-Konzepte und deren Umsetzung.
Und das trübt die Vorfreude nun doch ein wenig, und stellt die subjektive, bisherige Definition des Begriffs „Hygiene“ gehörig auf den Kopf (fairerweise muss man sagen, dass dieses subjektive Verständnis schon immer an der eigentlichen Bedeutung des Wortes vorbeiging, aber Bill Gates Corona rückt auch das nun gerade: der Hygienebegriff entfernt sich momentan von Woche zu Woche mehr von seiner umgangssprachlichen Interpretation und kehrt allmählich zu seinem Bedeutungsursprung zurück).

Ja, ich habe Verständnis dafür, dass man seine Eintrittskarte künftig online und mit 3-4 Tagen Vorlauf buchen soll, ebenso dafür, dass die Besucherzahl limitiert wird und der Bademeister penibel drauf achtet, dass in den einzelnen Bahnen des Sportbeckens nicht zu viel Andrang herrscht – mir persönlich kommt all das sogar entgegen, denn ich fand es eh oft viel zu voll im Becken und ich habe auch kein Problem damit, meine heiligen Schwimmzeiten vorab zu planen.

Was mich aber beschäftigt, ist der Punkt mit den Umkleiden und den Duschen: beides wird geschlossen bleiben.

Konkret bedeutet das: Ich dusche vorher daheim, ziehe am besten auch gleich meinen Badeanzug an, fahre dann zum Freibad, lege meinen Rucksack irgendwo auf dem Gelände im Gebüsch ab, gehe Schwimmen und anschließend habe ich die Wahl zwischen „ungeduscht und frisch gechlort heimfahren“ (um dann erneut daheim zu duschen) oder „eine der beiden immer schlecht funktionierenden Kaltwasserduschen am Beckenrand nutzen“ (freilich wird man sich dort nicht fröstelnd einshampoonieren oder den ganzen Körper einseifen, sondern nur kurz das Schwimmbadwasser von der Haut spülen).
Ja, spitze, man weiß gar nicht, wofür man sich da lieber entscheiden möchte!
An kalten oder verregneten Tagen dürfte das Vergnügen, sich auf der Wiese umzuziehen und sich nicht kurz warm duschen zu können, ganz besonders groß werden!

Doof, lästig, ungewohnt – natürlich trotzdem irgendwie zu bewerkstelligen, erfordert halt alles eine Umstellung der Gewohnheiten und etwas mehr Zeit und Aufwand, wozu uns die Pandemie und ihre Gefolgschaft, all die neuen Regularien, ja eh längst erzogen haben.

Was mir hingegen erst zeitversetzt (und nachdem ich die zentralen Fragen zum Wiedereinstieg ins Wasser für mich mal halbwegs beantwortet hatte) einfiel und mir einen kleinen Schauer über den Rücken jagte:
Wie groß wird wohl der Anteil derer sein, die vor dem Sprungs ins Wasser nicht daheim duschen werden, so wie bisher ja auch nicht, weil sie direkt von der Arbeit kamen und dann eben die Schwimmbaddusche vor Ort nutzten (so hoffte man es zumindest immer, stichprobenhaft durchgeführte Beobachtungen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten nährten diese Hoffnung auch überwiegend)?
Werden die Stadtwerke dem Wasser künftig mehr Chlor zusetzen, damit nicht nur den eventuell mitschwimmenden pink-lilafarbenen Sars-CoV-2-Kugelfischen, sondern auch der erhöhten Zahl an Bakterien und Grindgrammeln der Garaus gemacht wird?

Ist das die neue Hygiene-Normalität? Und wenn ja, wie wird’s mir damit gehen?
(In der Hauptstadt hat man sich damit schon leidlich arrangiert, wie im aktuellen Beitrag aus der Serie „Angebadet“ im Magazin der ZEIT zu lesen ist – toller Themenschwerpunkt übrigens!)

Ist es dann nicht unter Umständen doch sinnvoller/preiswerter/hygienischer/angenehmer, über den Erwerb eines Neoprenanzugs nachzudenken und sich in Freigewässer zu begeben, selbstverständlich auch das möglichst an Tagen ohne zu viel Sonne/Menschen am Seeufer, damit man sich die Sonnencremeschlieren und das Kleinkindgewusel (und -gepiesel) in der Uferzone erspart und die Algen und Entenhäuflein vom prasselnden Regen schon ein wenig verwirbelt und verteilt wurden? Oder gleich umsteigen auf Bergseeschwimmerei, mit sauberem Wasser und sauberem Aufstieg vorweg, so dass das Schwimmen gar nicht mehr der körperlichen Ertüchtigung, dem in Stille gebetteten Abschalten von allen Unbilden des Alltags sowie der Seelenmüllkompostierung dienen braucht, sondern nur noch der Reinigung vom erwanderten Schweiße? Was kostet eigentlich so ein Neoprenanzug und worauf muss man beim Kauf achten? Kommt man überhaupt allein in so eine Wurstpelle rein und auch wieder raus? Wie schwimmt es sich damit und ist das noch dasselbe freie, leichte, selige Gefühl im Wasser?

Fragen über Fragen.
Und nur noch bis 8. Juni Zeit, Antworten zu finden und eine Entscheidung zu treffen, wie die eh schon verpatzte Schwimmsaison 2020 weitergehen wird.

Aber sie muss weitergehen und sie wird es auch, denn nach bald 30 Joggingrunden, von denen locker die Hälfte ausschließlich zur Kompensation des Schwimmmangels herhalten musste, ist eines klar: eine wirklich passionierte Läuferin wird aus mir nicht, ich bin eine Bewegungsdrang- und Vernunft-Läuferin und ohne Walkman ginge es schon gleich gar nicht und selbst mit Walkman ging es oft genug nur schleppend.

Laufen, das hat für mich meist nichts Leichtes, vom Runner’s High bin ich Lichtjahre entfernt, das Beste, was für mich beim Laufen herausspringen kann, ist eine danach als erfreulich empfundene Ganzkörperbeanspruchung, aber währenddessen…? Manchmal für Minuten ein freies Gefühl im Kopf oder ein Mini-Flow, wenn Musik und Muskeln momenthaft im selben Takt schwingen, aber im Wesentlichen besteht so eine Laufrunde für mich aus tapp-tapp-tapp, keuch-keuch-keuch, juck-juck-juck, stampf-stampf-stampf, hechel-hechel-hechel, pieks-pieks-pieks usw. usf. – Erlebnisse und Zustände, die ich in über 40 Wasserjahren niemals hatte.

Und außerdem mochte ich neben dem Schwimmgefühl auch meine Schwimmfigur viel lieber als meinen Laufkörper.
Als reine Empfindung skizziert ist der gefühlte Unterschied in etwa so groß wie der zwischen der Fortbewegungseleganz eines Delfins und der eines Kiwis (oder eines Albtros‘ beim Start), rein physiognomisch betrachtet ist’s wie Whippet versus Wombat.

Song des Tages (45).

Im Gasthof der Ersthochzeitsfeier sitzend. Um 17 Uhr, ziemlich alleine, ziemlich hungrig, nach einem längeren Marsch durch Wald, Feld und Moor.
Wie oft bin ich genau diese Runde in meinem Leben wohl schon gegangen? Hundertfünfzigmal? Oder noch viel öfter? Seit 1990 jedenfalls jährlich mehrfach, vermutlich mit jedem Menschen, der mir je wichtig war oder ist oder es mal sein könnte, und natürlich auch mit allen drei Dackeldamen, die Teil meines Lebens waren oder sind.

Quasi das „Thunderroad“ unter meinen Spazierwegen, diese Rundwanderung: lebenslang und durch alle Gezeiten (und alle Gefährten) wird sie einen begleiten, sofern sie nicht das schöne Moor trockenlegen und eine hässliche Neubausiedlung draufklotzen, was im Naturschutzgebiet ja zumindest während meiner noch verbleibenden Lebenszeit kaum zu anzunehmen ist, ich aber auch nachfolgenden Generationen nicht wünsche.

Der Gasthof Georg Ludwig. Zuletzt mit meinem großen Freund S. hier gewesen, vor zwei oder drei Jahren, glaube ich. In den 1990er Jahren oft mit dem Papa in diesem Wirtshaus gesessen, in den 2000er Jahren einige Male mit dem Ex-Gatten, seitdem nur noch alle paar Jahre, wenn es sich grad ergibt, und das tut es eher selten.

Ich sitze im Stüberl, am selben Platz wie bei den Feierlichkeiten damals, das Fräulein schnarcht zufrieden in ihrem sogenannten Schmuddelkörbchen, ein ausrangiertes Exemplar einer Dackelschlafstatt, das hinten im Kofferraum liegt und überallhin mitfährt, um jederzeit für eine Einkehr auch im Wildschweinlook mit Rundum-Dreckverkrustung gerüstet zu sein und keinen Wirt zu verärgern, weil sein Boden nach des Fräuleins Besuch ausschaut wie Sau.

Äonen her, diese Feier, nur der schöne alte Holzboden ist noch derselbe, ansonsten macht man jetzt auch hier auf gediegen und some kind of Cottage-Shabby-Chic.
WLAN gibt’s nun ebenso wie ein paar hübsche Hotelzimmer (was ist nur dem herrlichen Begriff Fremdenzimmer widerfahren, wieso existiert der nimmer?) und Vegetarisches auf der Speisekarte (sogar Formulierungen wie „Duett von…“ und „Kreation aus…“ treten dort mutig an gegen allerlei „Hausgemachtes“). Beim Blick aus dem Fenster aber immer noch vergilbte CSU-Plakate und gegenüber der alte Bauernhof (hinter dessen Scheune mich einst ein verheirateter Chirurg aus Oldenburg küssen wollte, aber das ist eine andere Geschichte, noch dazu eine reichlich banale, obwohl der Typ ein bisschen wie Damian Lewis aussah, aber das war auch das einzig Interessante daran).
Manches ändert sich in Bayern eben nie, genau wie im richtigen Leben.

Die Menschen, die man schon Jahrzehnte kennt, ändern sich ja auch weitaus weniger als sie den Anschein zu erwecken bemüht sind (oder das wirklich glauben, weil sie sich dem Diktakt, sich selbst zu finden oder gar neu zu erfinden, verschrieben haben oder irgendeinem vergleichbaren Quark auf den Leim gegangen sind).
Mich brauch ich da gar nicht explizit einschließen, in den Kreis der sich kaum Veränderthabenden, da ich mich nie aus jenem ausgeschlossen habe, weil ich mich im Kern (von dem wir jetzt einfach mal so annehmen, dass es ihn überhaupt gibt) nicht mehr wesentlich neu ge- oder erfunden, verwirklicht oder optimiert habe, seit ich zum ersten Mal die eingangs erwähnte Spazierrunde durch Wald, Feld und Moor drehte – auf meine relative Unveränderbarkeit ist schon seit 30 Jahren relativ unverändert Verlass, was so seine Vor- und Nachteile hat, über die ich mich jetzt aber nicht auszulassen gedenke, weil es mir gerade gut geht und ich diesen Zustand unverändert belassen und nicht sezieren möchte.

Gestern Abend, nach anderthalb Jahren, M. wiedergesehen. Einst mein bester Freund, zu Zeiten, als man an diesem sozialen Exzellenz-Label noch hing und es gelegentlich hochhielt wie eine kleine Trophäe (in der irrigen Annahme, man würde sich damit irgendwie vom Rest der nurnormalefreundehabenden Menschheit abheben). Mittlerweile eine Kategorie, die mir eh wurscht ist.
Freundschaften kommen und gehen (oder kommen wieder, obwohl sie zuvor gegangen sind), nur wenige haben Bestand über Jahre oder Jahrzehnte, etliche überstehen kaum ein Sommergewitter oder ein Blitzeis, manche sind an einzelne Themen oder Lebensphasen gebunden, eine Handvoll funktioniert nur, wenn die Befreundeten in einem ähnlichen Ausmaß vor Glück und Gesundheit strotzen oder in Leid und Krankheit versinken, andere wiederum sind völlig losgelöst von Zeit, Raum, Befindlichkeiten, Situationen und Dingen, die man teilt oder nicht teilt (und mit hoher Wahrscheinlichkeit hab ich noch x weitere Möglichkeiten und Gesichter von Freundschaft hier überhaupt nicht aufgezählt, weil sie mir grad nicht einfielen).

M. ist jedenfalls der erste meiner Freunde, mit dem die Freundschaft endete, ohne dass ich einen radikalen oder zumindest deutlich ausgesprochenen Schlussstrich gezogen hätte, was meiner Ordnungsliebe und dem Bedürfnis nach Klarheit zunächst sehr zuwiderlief.
Es gab lediglich ein paar Auseinandersetzungen, weil M. im Gegensatz zu mir damals nicht der Ansicht war, etwas ganz Entscheidendes sei uns abhanden gekommen. Richtig ausdiskutiert wurde das nie, zwar offen und ehrlich angesprochen, besonders kontrovers oder allzu emotional ging es dabei aber nicht zur Sache, geklärt wurde auch nichts, sondern es blieb dann irgendwann so stehen, in seiner ganzen unübersehbaren Beschädigtheit und der Runzligkeit von Phänonemen, die ihren Glanz verloren haben. Nur ab und an verspürte ich kurz den Drang, M. vielleicht doch besser nie wieder zu sehen, weil ich keinen Abklatsch dessen erleben wollte, was wir mal hatten, gab diesem Impuls aber nicht nach.

Nun also das dritte Treffen seit dem Bruch. Immer noch vertraut, weil man sich zu lange kannte und zu viel zusammen erlebt hatte, um einander je völlig fremd werden zu können, solange keine Extremfälle eintreten wie: einer wird Hedgefondsmanager und der andere Anhänger einer religiösen Sekte (oder andere biographische Disparitäten dieser Dimension).
M. ist im Grunde immer noch der, den ich vor zwanzig Jahren kennenlernte. Dieselbe Art, seine zahlreichen Anekdoten einzuleiten („der Story muss ich erstmal zwei, drei Sätze vorausschicken“) und zu erzählen (locker, lustig, langatmig: inklusive Einleitung dauern als kurz angekündigte Stories gern mal 45 Minuten oder länger). Derselbe trockene Humor, dieselbe wohlplatzierte Selbstironie, und sogar bei neuen Vorlieben (die ja nun völlig getrennt voneinander entwickelt wurden) noch eine Schnittmenge zu den meinen erkennbar.
Und auch dieselben Dinge, die mich vor ein paar Jahren so ermüdet und frustriert hatten, dass ich die noch verbliebenen Reste des blassen und rissigen Beste-Freunde-Aufklebers von der dünner und dünner werdenden Blase, in der wir uns noch manchmal gemeinsam aufhielten und die darin dünner und dünner werdende Luft einatmeten, und eine Weile hechelnd und heuchelnd so taten, als sei alles noch wie immer, abkratzen musste.

Bei unserem letzten Wiedersehen im Herbst 2018 war ich enttäuscht, dass auf eine ominöse Art in den paar Stunden alles war wie immer, obwohl ja zugleich nichts mehr so war wie zu früheren Freundschaftszeiten, keiner von uns sprach das an, stattdessen brachten wir einander auf Stand (eine selten dämliche Redewendung, passt aber gut zu dem Missmut, den ich oft gegenüber der damit bezeichneten Aktivität empfinde), vor allem M. mich, denn M. ist einfach der größere und bessere Auf-Stand-Bringer und Redner von uns beiden, und auch der, der für den Redebeginn keine Frage benötigt oder erhofft und für den das auch im Fortgang der Rede keine Rolle spielt, wenngleich ich fairerweise sagen muss, dass Ms Gerede nie dumm oder langweilig ist, im Gegenteil, es ist eher wie einer recht unterhaltsamen Sendung im Radio zu lauschen, und so kam ich nachhause und sagte zum Gatten, dass ich nicht wisse, was das noch solle, und dass der Abend zwar durchaus kurzweilig und ganz nett war, ich aber zugleich ein Gefühl von umfassender Belanglosigkeit verspüre (alles irgendwie einerlei: ob das nun war oder nicht, ob es nochmal sein würde oder nicht) und ich doch ein Leben mit so wenig Belanglosigkeiten wie möglich führen wolle und daher nicht sagen könne, ob ich mich je nochmal mit M. treffen würde, das aber erstmal sacken lassen müsse, bevor ich eine Entscheidung träfe. Die ich dann wieder nicht traf, weil sie sich mir nicht aufdrängte, folglich wohl auch nicht dringend getroffen werden musste, und weshalb wir uns gestern eben erneut treffen konnten.

Gestern gegen 23 Uhr, nach fünf Stunden mit M. – er war gerade zur Toilette verschwunden und ich hatte einen kurzen, anekdotenfreien und ruhigen Moment für mich allein, da wir die letzten im Lokal waren – , saß ich da, spürte, wie man so sagt, in mich hinein und hatte zum allerersten Mal den Gedanken: Vielleicht werde ich allmählich altersmilde.
Denn ich ertappte mich dabei, dass ich es letztlich gut fand, ihn wiederzusehen. Nicht existenziell wichtig und auch nicht tagelang beglückend oder anderweitig nachwirkend, auch weder große Zukunft verheißend noch viel Vergangenes aufwühlend, beileibe nicht mehr diese große Sache von früher und auch nicht mehr diese alte Begeisterung, aber dennoch eben auf eine simple Art einfach in Ordnung und gut.

Zu hören, dass auch er zufällig denselben zum Nachfolger des leider mehr und mehr von der Bildfläche (treffender noch wäre: von der Hörfläche) verschwindenden Klaus Maria Brandauers auserkoren hat, nämlich Nicholas Ofczarek.
Ihm zu erzählen, ich hätte zwar nicht ganz wie einst Jon Landau die Zukunft des Rock ’n‘ Roll, dafür aber die Zukunft dieser Zukunft gesehen und ihm dann einen Forenbacher-Song vorzuspielen und mitzuerleben, dass ihn das sofort erwischt, beim ersten Hören, und er sich gleich den Namen notiert.
Vor Monaten den gleichen Artikel von Kurt Kister gelesen und dabei gedacht zu haben, dass man den Text eigentlich dem anderen schicken sollte, falls der ihn verpasst hätte und es dann doch nicht getan hat.
Beim Abschied vor dem Lokal die Mütze aufzusetzen und gefragt zu werden, ob das immer noch diese Sturmhaube sei, die er damals, vor zwanzig Jahren, so albern fand, dass er mich wochenlang Frau Pipolaki nannte, nach dem eingestickten Markenamen in der Mütze, was wir dann beide albern finden konnten.
„Nein, das ist sie nicht!“, antwortete ich, und dachte: aber es ist eine verdammt ähnliche Mütze und auch ich bin’s immer noch und du bist’s ja auch noch, und dann sagten wir „Ja also dann, bis zum nächsten Mal!“, in einem Jahr vielleicht, oder wann auch immer, es ist auf eine nicht völlig belanglose, aber völlig zeitlose Art egal, kein Schlussstrich hat uns den Weg abgeschnitten, und dass das nun so ist, ist womöglich ja doch ein winziges Indiz für eine gewisse Veränderbarkeit von dieser Frau Pipolaki, die ja heutzutage eher unter Frau Kraulquappe firmiert und nach der Wildschweinreinigung daheim auch gleich wieder als solche in die Freitagabendfluten eingetaucht und ihnen soeben erfrischt wieder entstiegen ist.

Auf dem gestrigen Heimweg durch die nächtliche Allee an diese Sentenz (vergessen, von wem) gedacht, in der es heißt, man müsse die Menschen nehmen wie sie sind, es gäbe schließlich keine anderen.
Was angesichts der Vielzahl der Menschen und der daraus resultierenden Auswahlmöglichkeiten natürlich ein Schmarrn ist, aber wenn man die Aussage mal eingrenzt auf die Wegbegleiter, die man so hatte oder immer noch hat oder mal haben wird, und eine Schippe Altersmilde und eine Prise Panta rhei dazugibt, freilich ohne den kritischen Blick und das No-surrender-Feeling früherer Jahre (inklusive mancher seiner zu recht kompromisslosen Aspekte) gänzlich über Bord zu werfen, dann bleibt vielleicht ja doch mehr übrig von dieser Strophe, die M. und ich anno 2002 mal zu „unserer“ erklärt hatten, als ich es in den letzten Jahren gedacht habe:

It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting baby, your heart to mine
We’re runnin‘ now but darlin‘ we will stand in time
To face the ties that bind
The ties that bind
Now you can’t break the ties that bind
You can’t forsake the ties that bind

Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

Von Schuld, Campingplatzleben und Mollusken. Ein nächtliches Purgatorium.

Seit einiger Zeit beobachte ich morgens beim Zähneputzen ein abstruses Phänomen an meinem Körper. Wenn mir der Ausschnitt meines Schlafshirts durch die Putzbewegung ein Stück über die Schulter rutscht, sehe ich im Spiegel mein Schlüsselbein. Direkt unter dem Knochen ist eine längliche Wölbung erkennbar. Von Größe und Form her in etwa so, als säße unter meiner Haut eine halbierte Nacktschnecke.

Manchmal lege ich die Zahnbürste beiseite und ziehe mir das Shirt noch weiter über die Schulter, um dieses skurrile Spektakel genauer anzusehen. Spektakel, weil: das wulstartige Etwas bewegt sich ein bisschen. Ich betaste es vorsichtig. Es fühlt sich unangenehm, aber nicht schmerzhaft an, es lässt sich verschieben und eindellen. Vielleicht bewegt es sich auch nur, weil ich zuvor den Arm bewegt habe?
Ich berühre die Stelle noch ein paarmal, versuche mich an einer kleinen sensorischen Testreihe (sogar unter Zeugen, damit es nicht irgendwann in einer Notambulanz heißt: Die spinnt doch!), aber jedesmal macht sich die halbierte Nacktschnecke mittendrin vom Acker und taucht erst am nächsten Morgen wieder auf.

[Ein Filmausschnitt fällt mir dazu ein. Als ich ca. acht Jahre alt war, tappte ich spätnachts, aus einem unruhigen Kindertraum erwacht, ins Wohnzimmer, weil ich den Fernseher hörte und wusste: da ist der Papa, da bin ich sicher. Er saß dort manchmal nachts, wenn er nicht schlafen konnte und guckte sich Weltraumsendungen oder irgendwelche schrägen Filme an. Ich setzte mich neben ihn aufs Sofa und mein Blick fiel unweigerlich auf den Fernseher. In der Szene, die gerade lief, war ein Mensch zu sehen, in dessen Rücken ein Wurm hauste, ein Riesenwurm, der gerade dabei war, sich von innen durch die Haut zu fressen. Ich kreischte vor Ekel und der Papa schaltete natürlich sofort den Fernseher aus.]

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Campingplatzleben.

Mit diesem gänzlich neuen Wort – nie zuvor gedacht/gesagt/geschrieben – frühmorgens aus einem Traum aufgeschreckt.
Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, so mein letzter erinnerter Satz, aus dem Alptraum erwachend. Ich schrie ihm diesen Satz ins Gesicht und fuhr davon.

Zuvor hatte ich mich von ihm überreden lassen, ihn zu seinen Eltern zu begleiten. Obwohl er gar nicht mehr mein Freund war, genau genommen ist er das wohl nie gewesen (und was auch immer wir waren: Freunde jedenfalls nicht).
Er jammerte wochenlang, dass er dort nicht alleine aufkreuzen könne, im Elternhaus, nach all den Jahren. Seine Freundin sei als Begleitung ungeeignet, die könne sich nicht benehmen und sei zu laut für die schwachen Nerven seiner Mutter. Und sein Vater dürfe sie nicht sehen, diese Freundin, denn der wäre schockiert über eine solch ungehobelte Person.

Deshalb ICH. Bitte, nur noch dieses eine Mal. Es würde ihm bestimmt sehr helfen. Ich könne das doch locker. Er könne das nun mal gar nicht. Diese ganze Herkunftsfamilie, alle so schrecklich. So viele Rechnungen offen mit denen, dass ein läppisches Leben sowieso nicht ausreiche, um die alle zu begleichen. Gut, das Erbe nahe ja nun, das würde vielleicht was heilen, eines Tages. Eine Art Schmerzensgeld, das stünde ihm doch zu, nach all dem Erlittenen seien sie ihm das schuldig.

[Kinder sitzen diesem Trugschluss ja gar nicht so selten auf: zu meinen, die schrecklichen Eltern seien ihnen ja wenigstens eines Tages ihren gesamten Besitz schuldig, wenn sie ihnen schon sonst nichts Gutes gegeben hätten. Ein Schuldschein, der nicht einlösbar ist. Vielleicht eh bloß die Rückseite des genauso wertlosen elterlichen Schuldscheins, auf dem in großen Lettern „Dafür, dass wir dir das Leben schenkten, schuldest du uns Dankbarkeit“ prangt. Meist stehen beide Seiten knietief im selben Moralmorast des Familiengeweses, gleichwohl denkt jede der Seiten, nur die andere stünde drin und sie selbst sei erhaben über diese Niederungen menschlicher Gesinnung.]

Er müsse diesen Besuch jetzt machen, damit ihm das nicht durch die Lappen ginge, man wisse ja nie. Ich müsse ihn unbedingt begleiten.
Und ich? Natürlich. Ich mach‘ das. Weil ich gefall‘ mir ja in dieser vertrauten Rolle der Retterin der Unrettbaren. Damit kenn‘ ich mich aus, das kann ich. Mit dem ewig gleichen Misserfolg am Ende, versteht sich. Denn man kann das Seelenleben der anderen nicht retten, was man zwar von Anfang an weiß, aber nicht ernst nehmen möchte, weil: das lenkt so prima ab von potentiell schöneren, neueren, bunteren Rollenkleidern, in die zu schlüpfen ich mich ziere oder ängstige (weil ich dabei womöglich den eigenen familiären Moralmorast betrachten oder gar betreten müsste: die Mutter, die Mutter, die Mutter).

Ich sitze also am Steuer einer überdimensionierten, schwarzen Limousine und kutschiere ihn zum Elternhaus. Unterwegs erzählt er mir unaufhörlich von seiner Kindheit und von seinen Eltern, die ich noch nie gesehen habe und eigentlich auch lieber nie sehen wollte, weil das, was er erzählt, wahrhaft gruselig und traurig klingt.

Dort angekommen öffnet uns niemand. Die tun nur so!, sagt er zu mir: das konnten sie schon immer am besten – nur so tun als ob.
Er weiß offenbar, dass sie zuhause sind. Wir schleichen uns durch einen verwachsenen Garten zu einer Terrassentür, die einen Spalt breit offensteht. Er greift nach innen, legt den Griff um und schiebt die Tür ganz auf. Seine Eltern liegen auf einer riesigen Eckcouch und schlafen und sehen aus wie tot, so friedlich.
Durch das Quietschen der Schiebetür erwacht die Mutter. Erkennt ihn, den Sohn, setzt sich auf und will etwas sagen, aber es kommt kein Ton aus ihrer Kehle. In dem Moment wacht auch der Vater auf, blickt uns an und poltert sofort los: Wieso der Sohn erst jetzt komme, so kurz vor ihrem Tode, wieso er sich all die Jahre nicht habe erinnern wollen an sie, seine Eltern, wieso erst jetzt?

Dieser Sohn, den ich begleite, steht hinter mir und ringt nach Luft, will auch etwas sagen und kann nicht. Der Moment meines Einsatzes ist gekommen, denke ich noch, als ich aus den Augenwinkeln sehe, wie der Sohn wortlos ein großes Ölgemälde von der Wohnzimmerwand nimmt und damit auf die Mutter zugeht, mit sehr entschlossener Mine. Sie will noch schützend die Hände über den Kopf heben , aber es ist zu spät. Der Sohn erschlägt sie mit dem Bild, mit mehreren Hieben. Ein Stück Bilderrahmen ragt ihr schließlich aus der Brust (nirgends Blut, ich träume fast ausnahmslos blutfrei, in diesen seltenen Horrorträumen).

Der Vater ist fassungslos und beginnt zu weinen. Ich setze mich zu ihm und sage mit zitternder Stimme: Es tut mir leid, aber genau DAS habe ich kommen sehen. Dass es so eskaliert. Ich habe es kommen sehen. Dann lege ich ihm tröstend die Hand auf seinen runzligen, von Altersflecken übersäten Arm.
Warum haben Sie es dann nicht verhindert?, will der schluchzende Vater von mir wissen.
Weil Ihr Sohn es sowieso getan hätte, irgendwann, irgendwie, entgegne ich.

Dann frage ich mich, wo er eigentlich ist, der Sohn.
Stehe auf und gehe durchs Wohnzimmer, schaue hinüber in den Flur und ins Esszimmer. Dort ist er nicht. Ich trete durch die Terrassentür hinaus in den Garten – und da sehe ich ihn: er kauert in einer Ecke, hat sich in eine Decke gehüllt und nimmt große Schlucke aus einer Weinflasche. Als ich auf ihn zugehe und ihn ansprechen möchte, schreit er mich an. Ich solle stehenbleiben, sonst würde er auch mich erschlagen, so wie er überhaupt alle erschlagen möchte, die ihn nicht gesehen und ernst genommen hätten. Mit einem beherzten Sprung nähere ich mich ihm, wische mit einer schnellen Bewegung des rechten Armes die Flasche aus seiner Hand und schreie zurück: Er müsse jetzt zu dem stehen, was er getan habe, einmal in seinem Leben müsse er das hinbekommen, denn nicht an jedem Drama seien immer nur die anderen schuld!

Mein Mut verlässt mich schnell wieder, ich bekomme Angst und renne weg. Warum auch immer ich ins Haus zurückeile, kann ich nicht sagen, aber als nächstes stehe ich wieder in diesem hässlichen Eiche-rustikal-Wohnzimmer.
Der Vater sitzt immer noch starr vor Schreck und weinend auf dem Sofa. Ich sehe zur anderen Couchseite hinüber, wo die tote Mutter liegt. Auf einmal reißt sie die Augen weit auf und sagt in einem Tonfall, in dem Fürbitten verlesen werden: Jetzt wird er wieder jahrelang in unserem Garten campen! Oh helfen Sie uns doch!

[Und mitten in dieser Traumszene denke ich: Ja, so ist er. Ein Camper. Schlägt irgendwo sein Zelt auf, behilft sich mit dem Nötigsten, harrt aus, bis alles um ihn herum sich dieser Campingszenerie angeglichen hat: die Freundin, die Nahrung, die Wohnung, die Gegend, die Vegetation. Alles wird zum Zubehör, alles ist im Notfall schnell zurückzulassen. Er lebt auf dem Boden, er schläft im Schlafsack, kein Wetter kann ihm etwas anhaben. Er befindet sich in seinem Survival-Camp und sitzt dort und hält Mahnwache. Schon jahrelang. Ein Outlaw, der sich am Feuer wärmt, sich von Wurzeln ernährt, sich kaum mehr pflegt, sich den Menschen entfremdet, sich in seinem selbstgewählten Exil eingerichtet hat. Ab und an stößt er einen Hilferuf aus, manchmal ertönt ein Echo, letztlich aber verhallt alles in der Dunkelheit und Wildnis.]

Ich wende mich von der Mutter ab, drehe mich um, trete ganz nah an die Scheibenfront des Wohnzimmers heran und schaue in den Garten hinaus, wo er noch immer in der hintersten Ecke sitzt. Sehe, dass er schon eine neue Flasche Wein in der Hand hält. Ausdruckslos und passiv starrt er die Hecke gegenüber an, so als ginge ihn all das, was hier drüben, im Wohnzimmer seiner Eltern, geschehen ist, nichts mehr an.

Mich ergreift eine unsagbare Wut, wie ich ihn da so hocken sehe. Dieser unerträgliche Trauminet. Dieser Blutegel-Habitus hinter der Opfer-Maske, wenngleich wohl unbewusst. Nach Jahren des Mitleids packt mich nun die blanke Wut.
Die aber richtet sich nur teilweise gegen ihn, dieses dort im Rasen hockende, trotzige, verletzte Häuflein Elend, das mir so viel Energie für die Bekümmerung um sein Elend abgezogen hat, so dass diese Energie nun für mich fehlt.
Im Kern und in letzter Konsequenz richtet sich diese Wut gegen mich. Gegen mich, dieses dort hinter der Glastür stehende, grollende und ebenfalls verletzte Häuflein Elend, das sich ohne jeden Zwang diesen Blutegel aus dem Sumpf fischte, ihn sich anlegte und ihn saugen ließ.
Kaum zu glauben, wie ähnlich man einander in manchen Aspekten doch ist, trotz größter Verschiedenheit!

Er starrt die Hecke an, ich starre ihn an. Wut und Selbsterkenntnis pochen hinter meinen Schläfen, die Scheibe beschlägt von meinem Schnauben. So sehr, dass seine Konturen dort draußen im Garten mit jedem Ausatmen mehr und mehr verschwimmen. Kurz bevor er hinter dieser Kondenswasserschicht völlig verschwindet, ruft er nach mir: Was stehst du da so herum, kommst du jetzt bitte?

Kaum ist der Ruf ertönt, setze ich mich langsam in Bewegung. Jeder Schritt wie in Zeitlupe. Ein paar Meter vor ihm bleibe ich auf dem Rasen stehen und schaue ihn an. Ja, siehst du denn nicht, wie es mir geht?, wimmert er.
Ich versuche, meine Wut wegzudrücken, mich zu sammeln und zu sagen: Nein, weil ich jetzt endlich wieder sehe, wie es MIR geht!

Sage es dann tatsächlich, drehe mich um und gehe aus dem Garten hinaus, der nun noch zugewachsener wirkt als beim Betreten. Ein paar dornige Zweige schnalzen mir schmerzhaft ins Gesicht.
Schließe das Auto auf, lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Bin fix und fertig.

Dann klopft es am Fenster. Draußen steht er, mit hochrotem Gesicht. Zorn? Tränen? der Wein? – die Röte ist nicht zuzuordnen, es ist mir auch egal, denn ich kann meine Wut nicht mehr unterdrücken.
Drehe den Zündschlüssel um, lege den Gang ein, öffne das Fenster – das Blut kocht nun in meinen Adern – und brülle: Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, und trete mit dem Fuß aufs Gaspedal, so fest ich kann.

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Beim Zähneputzen suchen die Augen bereits automatisch das morgendliche Spiegelbild nach der halbierten Nacktschnecke unter dem Schlüsselbein ab.
Sie wulstet heute nicht an der üblichen Stelle herum. Seltsam. Ich lege die Zahnbürste auf den Waschbeckenrand und streife das Shirt über meine Schulter. Nirgends ist es zu sehen, das kleine Monster. Irritiert ziehe ich das Shirt ganz aus. Taste das Gewebe rund ums Schlüsselbein gründlich ab. Inspiziere den gesamten Oberkörper. Nichts, nirgends.

Die Molluske ist über Nacht verschwunden.

Is there somethin‘ else you’re searchin‘ for?

Liebe Leserinnen,

wussten Sie, dass gestern Weltmädchchentag war? Hoffentlich! Und hoffentlich haben Sie sich anlässlich dieses hohen Feiertages auch etwas Schönes gegönnt!

Ich kaufte mir für 99 Cent eine pinkfarbene Haarspange, vereinbarte einen Friseurtermin für Ende Oktober, besuchte nachmittags kurz eine Freundin – auf die etwas zähen Stunden am Schreibtisch wollen wir an dieser Stelle ebenso wenig eingehen wie auf den spontanen Tierarztbesuch, weil das Dackelfräulein sich am Auge verletzt hatte – und ging abends noch ins Kino um die Ecke, inklusive Popcorn, versteht sich.

„A star is born“ hieß der Film. Er stand auf meiner inneren Merkliste, seit ich im August zufällig im Internet über den Trailer gestolpert war und sofort wusste: Das muss ich sehen und hören!

Alles drin, was mich anspricht: berührende Musik, ein fescher Kerl, eine Frau mit Nasentrauma, Open Air Konzerte, wichtige Väter, große Liebe, lodernde Leidenschaft – und sogar ein netter Hund!

Und sollten Sie, liebe Leserinnen, sich gestern nichts gegönnt haben, weil Sie entweder nichts von diesem Feiertag wussten oder keine Zeit hatten, ihn zu würdigen, das aber nachholen wollen, so kann ich Ihnen diesen Film nur wärmstens empfehlen.

Lassen Sie Ihren Mann daheim, nehmen Sie stattdessen ein Päckchen Taschentücher mit und werfen Sie gleich beim Betreten des Kinosaals eventuelle Hemmungen über Bord. Die anderen heulen nämlich auch alle, manche heimlich, andere unheimlich. Und lassen Sie sich am Schluss ausreichend Zeit: alle bleiben hier bis weit nach dem Abspann sitzen, bis der letzte Ton des Soundtracks verhallt und die letzte Träne getrocknet ist.

Durch die unerwartet milde Herbstnacht schwankt man schließlich heimwärts und weiß mal wieder ganz genau, dass es letztlich doch ein Segen ist, diese Art von Ergriffenenheit empfinden zu können.

I’m off the deep end, watch as I dive in
I’ll never meet the ground
Crash through the surface, where they can’t hurt us
We’re far from the shallow now

Right here by my side.

Zurück zuhause.
Abbracci & Dolomiti wirken noch nach, aber es ist der übliche Effekt: Kaum ist man wieder daheim, umarmt einen auch der Alltag wieder (und der besteht wahrlich nicht nur aus panna fresca oder derlei Balsam).

Die Wunden der Urlaubstage heilen allmählich.
Tagsüber wärmt uns noch die heimische Herbstsonne, aber nachts, da müssen wir mittlerweile schon enger zusammenrücken, um nicht zu frieren. Fürs Winterbett ist’s dennoch zu früh, eindeutig.

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Heute, so belehrt einen jede Zeitung, jeder Radiosender und sogar die Biergartentischnachbarn, die dem Dackelfräulein unbedingt eine Pommes andrehen wollen, heute ist Welthundetag.
Darüber darf ich dann ausführlich mit den Biergartentischnachbarn sprechen, was mich eigentlich zunächst im stillen Genuss meines nachmittäglichen Getränks etwas stört, aber man will auch nicht unhöflich sein. Gestattet sogar, dass Madame Hund die Pommes verspeisen darf, die ihr angeboten wird. Was soll’s. Von der Figur her kann sie sich’s ja allemal erlauben.
So erfährt man schließlich, woran Basset Ernie seinerzeit tragisch verschied. Das Ehepaar in den späten Sechzigern verdrückt sich ein Tränchen. Ist ja schon über 10 Jahre her, dass Ernie von ihnen ging, man müsse da ja irgendwann mal drüber weg sein, zumal in ihrem Alter.

Nein, das muss man nicht, sage ich zu den beiden.
Über manches kommt man eben nicht hinweg.
Manche Lebewesen hinterlassen Spuren, die unauslöschbar sind – und es auch bleiben dürfen.

Aber noch hab ich leicht reden, ergänze ich, denn noch wuselt das Dackelfräulein ja hier putzmunter umher, gräbt ein Loch nach dem anderen ins biergartennahe Schilf, verbellt mit Inbrunst andere Hunde, die es wagen, auch nur einen Blick in ihr Schilfareal zu werfen oder einfach (ohne im Besitz eines Passierscheins zu sein) an der Grabungsstätte vorbeizugehen, und sie ist so gesund und munter wie man sich das nur wünschen kann.
Wir sind mittendrin, so fühlt es sich an, und es gibt keinen Grund, ans Ende zu denken, oder doch?

In Südtirol brach ich mal urplötzlich in Tränen aus, als mir – anlässlich der Schinkenspeck-Besorgungen für den nahenden 75. Geburtstag vom Papa – erstmals bewusst wurde, dass es, wenn alles normal liefe, womöglich sein könne, dass es den Papa und unsere Dackeldame eines Tages relativ zeitnah erwischen könnte.
Er hat, optimistisch geschätzt, noch ca. 10 Jahre, eher weniger. Und Pippa hat, realistisch geschätzt, auch noch ca. 10 Jahre, ebenfalls eher weniger. Da kann man sich dann schon mal einen Abend lang hineinsteigern in diese gruselige Vorstellung, dass zwei emotionale Großkatastrophen in einen ähnlichen Zeitraum fallen könnten.
Rüsten kann man sich dafür nicht, es gibt für jeden Schwachsinn Seminare, aber auf die großen Schicksalsschläge bereitet einen keine Sau vor. Da muss man drauf vertrauen, dass man, wenn’s soweit ist, in sich selbst Halt findet und bei ein paar nahen Menschen, die einen auffangen (und drauf hoffen, dass der Psychotherapeut des Vertrauens dann noch nicht in Rente gegangen ist, was durchaus knapp werden könnte).

Ich sitze also am See und unterhalte mich mit Fremden über den Welthundetag und die weltschlimmsten Hundetode. Die Tode, die schon gestorben wurden und die, die eines Tages noch zu sterben sind.
Irgendwann haben wir alle wässrige Augen. Und dann sagt der Mann zu mir, ob wir nicht auch noch ein Wort über die Anfänge verlieren wollen. Und fragt, ob ich mich denn an den Anfang erinnern würde und was meine erste, prägende Erinnerung sei.

Ein Foto, entgegne ich.
Darauf der kleine Hund, den wir schon ausgesucht hatten (um nicht die abgedroschene Formulierung „der sich uns ausgesucht hatte“ zu verwenden).
Sie wurde, noch bei der Züchterin lebend, an ihre (von uns mitgebrachte) Hundebox gewöhnt. War ein Tipp der Züchterin, um dem Welpen dann später die Eingewöhnung ins neue Zuhause zu erleichtern.

Herrje, und dann schickte uns die Züchterin DIESES Bild:

Sehen Sie das Auge?
Und diesen Blick, den dieses winzige Häufchen Hund – mit hochgezogener Braue und so vollkommen authentisch! – in die Welt wirft?
So scheu, so klein, so ausgeliefert, so fragend.
Das hat mich zutiefst ergriffen!

6 Jahre, 8 Monate und 2 Tage nach diesem Foto muss ich sagen: Die Scheu hat sie doch ziemlich abgelegt, ein gestandener Dachshund ist aus ihr geworden, ausgeliefert sind wir einander jeden Tag auf andere Art, die wesentlichen Fragen sind zwischen uns längst alle geklärt, wenngleich nicht immer zur beiderseitigen Zufriedenheit.

Aber ihr Blick, wenn sie denn auf eine dieser bestimmten Weisen dreinblickt, was sie regelmäßig tut und natürlich auch bewusst einzusetzen weiß, also wenn sie mich SO ansieht, dann schießt mir das noch immer mitten ins Herz und ergreift mich ganz und gar (falls Sie das näher interessiert, dann lesen Sie dazu doch mal den Artikel „Der Dackelblick. Phänomenologie einer besonderen Hund-Mensch-Vergemeinschaftung.“ – da haben der Gatte und ich das vor einiger Zeit mal zusammengefasst und illustriert).

Wir wünschen allen Hunden und ihren Menschen einen schönen Welthundetag:
Freut euch aneinander und liebt euch, so lange ihr euch habt!

 

Stay with me
My love I hope you’ll always be
Right here by my side if ever I need you
(…)
I will follow you will you follow me
All the days and nights that we know will be
I will stay with you will you stay with me
Just one single tear in each passing year

Bassotto.

Das Dackelfräulein am Pragser Wildsee.

Kennen Sie das auch? Sie sind irgendwo im Ausland unterwegs und freundlich lächelnde Einheimische rufen Ihnen einen Gruß zu, den Sie auch mühelos als solchen identifizieren können, aber nach dem „Hej hej“ oder „Grüezi mitenand“ oder „Buon giorno“ folgen dann noch ein paar Worte, die Sie freundlich zurückgrüßend und -nickend absegnen, obwohl Sie nur Bahnhof verstanden haben und bei denen Sie einfach mal in ihrer glücksdusseligen Urlauberlaune davon ausgehen, dass man Ihnen sowas Nettes wie „Genießen Sie den sonnigen Tag!“ (und eben nichts Unflätiges) zugerufen hat. Hinter der nächsten Wegbiegung zücken Sie jedoch sofort Ihr Handy, weil Ihnen dieses „So tun als ob“ zuwider ist und Sie natürlich verstehen wollen, was man Ihnen da mit auf den Weg gab, und befragen Mr. Google Translator.

So erging es uns gestern am Pragser Wildsee, als eine entgegenkommende italienische Familie herzlich grüßend und verzückt lächelnd eine nie gehörte Vokabel prononcierend an uns vorbeimarschierte. „Bellissima“ hatten wir noch verstanden, aber „bassotto“ mussten wir nachgucken. Wobei wir selbstredend sofort einen Verdacht hegten – wegen „bellissima“, was wir, schwitzend und unfrisiert bergauf wandernd, spontan erstmal nicht auf uns bezogen und uns zudem nicht entgangen war, dass die Familie eigentlich eh nicht allzu sehr auf uns blickte, sondern vielmehr unsere vierbeinige Vorhut fokussierte.

„Bassotto“ ist das italienische Wort für „Dackel“.
Erstmal wusste ich nicht, ob mich das nun eher belustigen oder kränken sollte, da das ja wörtlich sowas Ähnliches heißt wie „tiefergelegte Acht“ („basso“=“niedrig, tief“ und „otto“=“acht“).

Haha. Sehr witzig. Einen gestandenen bayerischen Hund mit der Persönlichkeit eines Löwen als „tiefergelegte Acht“ zu titulieren, das ist wirklich sehr ungehobelt. Allerdings passt es gut dazu, dass ich die Italiener eh nicht so besonders mag (v.a. sind sie mir zu laut und zu raumgreifend, außerdem essen sie unangenehm spät zu Abend und frühstücken – wenn überhaupt – viel zu süß).

Dennoch, „bassotto“ spricht sich schön. Sehr schön sogar.
Sagen Sie es ein paar Mal, und ich möchte wetten, es geht Ihnen ähnlich: bassotto, bassotto, bassotto. Ist das nicht klangvoll?!? Aus dem Wort sprüht förmlich der Vorwitz, das Kecke, das gesamte Mutig-Schlawinerhafte hervor, das dem Dackel zueigen ist!
Hören Sie es auch? Na, mit Sicherheit!

Ich beschloss also, Milde walten zu lassen und der italienischen Sprache die (ihr von mir etymologisch unterstellte und wahrscheinlich sowieso verkehrte) „tiefergelegte Acht“ nicht weiter nachzutragen, denn dieser kleine Hund ist ja tatsächlich von etwas spezieller Statur und meinetwegen kann man die auch als „tiefergelegt“ bezeichnen, so lange ein so schönes Wort wie „bassotto“ dabei rauskommt (und die Acht gilt je nach Kultur oder spiritueller/religiöser Richtung als heilige, harmonische oder glücksbringende Zahl, ist also auch nicht so verkehrt).

Pippa, unterwegs in den Pragser Dolomiten.

Am Südufer des Pragser Wildsees.

Bassottto stanco (auf Ottomane gebettet).

Il bassotto più bello e sportivo del mondo.
La mia amata Pippa.

Sehen Sie mir die emotionalen Superlative bitte nach.
Diese permanente Bergsonne und die gute Höhenluft setzen die Endorphine einfach kübelweise frei.
(Nie für möglich gehalten, welch extrem große Liebe man für einen so kleinen Hund empfinden kann!)

Mit den herzlichsten Grüßen aus Südtirol
Ihre Kraulquappe & ihr bassotto.

 

PS: Und sonst so? Immer noch schön hier.

PPS: Zwei touristische Anmerkungen noch, damit nicht wieder irgendwer darüber lamentiert, dass es hier zu sehr hundelt.
1. Der Pragser Wildsee wird meiner Meinung nach ziemlich überschätzt. Er ist keinesfalls schöner gelegen als der Eibsee, gleichwohl die Dolomiten rundum ein klein wenig spektakulärer daherkommen als das Wettersteingebirge. Und farblich kann der Walchensee locker mithalten – oder auch der Sylvensteinsee. Sparen Sie sich dieses Ziel also in der Hauptsaison. Es war bereits wochentags bei 11 Grad in der Nebensaison gut besucht, ein sonniges Wochenende im Juli möchte man sich da gar nicht erst vorstellen. Mit etwas Glück erwischen Sie dort in der Nebensaison Momente, in denen Sie auf den Wanderwegen in den Seitentälern des Sees oder sogar auf dem Rundweg um den Pragser Wildsee kurz alleine sind.
2. Besuchen Sie lieber die nicht so hervorgehobenen und nicht über alles gepriesenen Destinationen im Hochpustertal. Eine verrate ich Ihnen: das Gsierser Tal. Ich liebe Sackgassen in der Natur, alpine Endstationen (wir berichteten hier). Orte, an denen es nicht weitergeht, verkehrstechnisch. Parken Sie in St. Magdalena beim Talschluss-Häusl. Und suchen Sie sich dann eine der vielen tollen Almen-Wanderungen aus. 700 Höhenmeter hat man da schnell beieinander, spaziert dann bei herrlichem Weitblick auf über 2.000m herum, trifft (selbst Anfang Oktober) auf eine bewirtschaftete Alm nach der anderen und kann so völlig japanerfrei und abgeschieden einen ganzen sonnigen Herbsttag verbringen. Trinken Sie lieber ein Achtel Roten als ein Weißbier (das in ganz Südtirol deutlich teurer ist als in ganz München), als Grundlage empfiehlt sich vorher vielleicht eine Portion Schlutzkrapfen oder ein Kaiserschmarrn. Danach noch einen Kaffee und einfach mal ungestört geradeaus gucken.

Raumnot oder: Von Überlebensmechanismen.

In ihren sonnigen und heiteren Momenten erwärmte sie alles um sich herum mit ihrer Strahlkraft und ihrem Charme. Menschen lagen ihr ebenso zu Füßen wie Tiere und als ihre Tochter sah ich diesem Spektakel einerseits staunend zu, andererseits betrachtete ich diese Augenblicke stets mit innerem Bangen, weil ich wusste, sie würden nur von kurzer Dauer sein und immer dann abrupt enden, wenn man am wenigsten damit rechnete.

Dennoch ließ ich mir in ihren guten Stunden zu gern die Sonne ihrer überschwänglichen Liebe ins Gesicht scheinen, nahm jeden Sonnenbrand in Kauf und zog mir anschließend die Haut in Fetzen ab, wenn sie den Schalter wieder umlegte und alles Helle, Freundliche, Lichte erlosch. Im Dunkeln hatte ich Zeit, mich ungestört zu häuten und darauf zu warten, bis unter dem Schorf wieder neue, weiche, unversehrte Haut zum Vorschein kam. Während sie in einer ihrer Eiszeiten versank und keinen Funken Liebe mehr für irgendwen hatte, begann ich schockgefrostet eine weitere Einheit meines Überlebenstrainings. Manchmal kam sie kurz raus aus ihrer Kühlkammer, trampelte durch meine Zelle, störte mich in meinem Tun, drehte ein paar Pirouetten, damit ich ihr Elend auch ja von allen Seiten betrachten musste und wenn ich mich anschickte wegzusehen, prophezeite sie mir, ich würde genauso kalt und herzlos werden wie mein Vater (wenn ich es nicht eh schon wäre, an ihr läge das nicht, denn ich dürfe ihr glauben, sie hätte ihr Bestes gegeben, um aus mir einen anständigen Menschen zu machen).

*****

Im Grunde ging es ihr überwiegend schlecht.
Eine Krankheit jagte die nächste und das war nicht etwa Zufall, nein, dafür gab es Schuldige. Den Mann, die Tochter, das Verheiratetsein, das Muttersein, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Kindheit, das Elternhaus, die Arbeitswelt, die Vorgesetzten – den ganzen biographischen Ballast und Morast eben, der sich über die Jahrzehnte angesammelt und festgebacken und sie zum Opfer geformt hatte. Fast alles war schwer und düster, der Zeitpunkt für passende Weichenstellungen lag immer in der Vergangenheit und war genauso dramatisch verpasst worden wie der Zug, der Richtung Zukunft fuhr. Eine große Verhinderte war sie, eine Königin des Konjunktivs: was hätte nicht alles aus ihr werden können, wenn alle anderen und überhaupt das ganze Leben nur anders gewesen wäre!

Das Leben der Mutter war ein fortwährender Ausnahmezustand. Und ebendieser Zustand war das Einzige, worauf wirklich Verlass war: jederzeit konnte alles kippen, schneller als ein Wetterumschwung in den Bergen, mit oder ohne erkennbaren Grund, bloß momenthaft oder für die Dauer vieler Tage oder Wochen.
So wurde das Stimmungsbarometer der Mutter zum Maß aller Dinge. Zum Takt, nach dem gelebt wurde (sofern Leben überhaupt erlaubt war). Zur Tonart, in der erst das Familien- und später unser Zusammenleben zu zweit komponiert wurde (mehr Moll als Dur, und als ich schließlich flüchtete: längst ein Requiem).

*****

Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich die Mutter zwar zeitlich überlebt, aber als steckten außer ihren Genen noch immer Rußpartikel ihres atmosphärischen Terrorismus‘ in mir, den ich noch immer nicht überlebt habe. Nach fast 30 Jahren klebt da noch immer etwas in den Verästelungen meiner Lungen, das ich abhuste, sobald ein auslösender Reiz daherkommt. Wenn mir jemand meinen Raum nimmt. Wenn mir mal wieder einer dieser Menschen begegnet, der mit seiner Fragilität den gesamten Raum für sich beansprucht und mit seiner Labilität alles plattwalzt. Wenn ich spüre, dass ich nach Luft ringe oder kurz vor dem Ersticken bin, weil ich mich zu nah an einem solchen Oxygeniumverschlinger aufhalte, der mir zu verstehen gibt, dass sein Überlebenskampf nun mal der härtere ist und er daher leider den gesamten Sauerstoff für sich braucht. Wenn ich anfange, zu beschwichtigen oder zu reparieren oder auszubalancieren, damit der andere nur ja die Kurve kriegt.

Dann ist es plötzlich wieder so, als säße sie noch immer nebenan und als müsse ich noch immer auf Zehenspitzen durch den Flur schleichen, heimlich durch den Türspalt in ihr Zimmer spähen, um das Ausmaß ihres aktuellen Befindlichkeitsdramas ermessen zu können. Immer auf der Hut, immer gewappnet. Immer abcheckend, wie es um ihren aktuellen oder nahenden oder gerade abklingenden Ausnahmezustand bestellt war.
Um sofort reagieren zu können. Um entweder umgehend das Prophylaxe-Programm anzuschmeißen, um das Schlimmste vielleicht noch abzuwenden oder aber augenblicklich den Beschwichtigungsmodus zu wählen, wenn das Schlimmste bereits da war. Oder – wenn es schon zu spät war – um mich wegzuducken, bevor ihr seelischer Murenabgang alles restlos unter sich begraben würde.

*****

Ja, es gibt Momente, in denen sie da ist, obwohl sie tot ist.
Momente, in denen ich mich wieder wie das Kind fühle, das sich nichts sehnlicher wünscht als einen eigenen Raum. Sogar mehr als das: eine große Ruhezone mit „Betreten verboten“-Schild an der Tür und einem Schlüssel, der nur mir gehört.
Um das Drama eines anderen auszusperren und Platz zu haben für mein eigenes.
Aber auch, um mir meinen Frohsinn nicht zertrampeln zu lassen.

Denn zu meinem eigenen Erstaunen bin ich trotzdem ein fröhlicher Mensch geworden.

Ausruhen.

Das Daumendrücken hat geholfen!

Foto: Andrea Itze vom Blog „Anwolf“ (vielen Dank nochmal!)

Das Dackelfräulein hat Narkose und OP soweit gut überstanden…

– nun schnaufen wir erstmal durch, warten auf baldige Heilung der Wunde und den hoffentlich harmlosen Befund.

Hier ist jetzt also Ruhe angesagt sowie Fokussierung auf anderes, das vor lauter Rissen im Nervenkostüm und emotionalen Achterbahnfahrten doch etwas auf der Strecke blieb.

Wir verabschieden uns daher bis zum Monatsende in die Rekonvaleszenz und Schreibklausur.
Euch allen herzlichen Dank für die große Anteilnahme und eine gute Zeit bis zum Wiederlesen/-sehen/-hören!

Ex umbra in solem!