Ein Gefühl von „Finale“ oder: Klappe, die letzte.

Ein paar Schmuddelwettertage der Extraklasse (und der Steuerklassen) liegen hinter mir.

Wieder eine Komplikation und Last weniger, erstmals im Leben mit zweimonatiger Verspätung, aber immerhin noch vor der Mahnung.

Jetzt nur noch auf den ELSTER-Aktivierungscode für den Online-Zugang warten (dumm nur, dass der per Nachsendeantrag kommen wird, weil – noch dümmer – das Finanzamt noch gar nichts vom Umzug wusste, aber mei) und dann weg damit und hoffen, dass das alles so durchgeht (Rubrik „Übungsleiter“ und so) und wenn nicht, dann hoffen, dass mein großer Freund S. Einspruch einlegt und ggf. danach alles so durchgeht, denn sonst… (aber lassen wir das und bleiben optimistisch).

Einen Abend vor der Ankunft des Handwerksfreundes kommt die vor zwei Wochen bestellte Lampe nach zahlreichen Nachfragen und Ermahnungen und Schweißausbrüchen über nicht nachvollziehbare Sendungsnummern und -verläufe und etliche mafiöse Umwege tatsächlich noch genau rechtzeitig hier an.

Frisch eingetroffen aus dem Land, wo die Zitronen ebenso blühen wie die seltsamen Geschäfte und die Post langsamer arbeitet als anderswo.

Jetzt warten wir auf Wiktor, der in 2 Stunden von der U-Bahn durch den Schnee über die Wiesn zu uns herüberstapfen wird, beladen wie der Nikolaus, und das hoffentlich nicht nur mit Werkzeug und einer reparierten Lampenfassung, sondern auch mit den üblichen Hirschhäppchen fürs Dackelfräulein, die dieses so schätzt.

Mit Wiktor haben wir jetzt, pleite wie wir alle sind, einen neuen Deal, sozusagen ein Tauschgeschäft: Er bringt Licht in unseren Flur und ich bringe Licht in seine Einbürgerungspapiere. Der eine bohrt in die Decke und schmiert Silikon in Fugen, der andere bohrt im Internet und schmiert Notizen auf Zettel (mit Fug‘ und Recht kann man das als Win-Win-Situation bezeichnen, finde ich).

Nun also die letzten Fugen, ein paar Nachbesserungen an Türen und Wänden und noch etwas Kleinkram hier und da.
Und endlich vernünftiges Licht in Flur und Diele (gut, dazu muss noch die Decke aufgemeißelt und ein Kabel verlegt werden, und man weiß nie, was so ein Vorhaben nach sich zieht, evtl. verputzt man dann plötzlich den halben Flur neu oder kommt mit dem Meißel oben im Parkett des Nachbarn raus oder es fällt einem einfach gleich die gesamte, marode Altbaudecke auf den Kopf… – aber Wiktor wird es schon richten.)

Finale.
205 Tage nach Einzug.
Was für herrliche, lichte Aussichten!

Genau wie die, die wir seit Freitagabend hier vor der Tür haben: Die Wintertollwut ist ausgebrochen.

Ansichten einer Abendgassigehenden (1).

Ansichten einer Abendgassigehenden (2).

Und hier das Ganze aus der Perspektive des Hundes der Abendgassigehenden (3).

(Noch während des Editierens dieses Beitrags bellt der Hund, weil die Tagespost im Flur auf den Boden plumpst und siehe da: der ELSTER-Aktivierungs-Code ist eingetroffen. Ein gutes Omen. Alles neigt sich nun dem Ende zu. Darauf heute Abend einen Wodka mit Wiktor.)

Letzte Mittagspause…

…vor Abreise unseres Handwerksfreundes.

Zur Feier des Tages genehmigen wir Wiktor etwas Zeit zur freien Verfugung:

(Man muss ja schon Obacht gebn mit dene Handwerker. Denn da Handwerker an sich is scho a Hund. Am vorletzten Tag richten’s einem alles so her, dass es gut ausschaut und man sich freut und im Endspurt wähnt (alles im Zeit- und Kostenplan, juhu). Am letzten Tag aber – und das ist der Trick! – hören’S den Polen den ganzen Tag über immer wieder ein dramatisch prononciertes „Oioioi!“ aus irgendeinem Raum Ihrer Wohnung stöhnen, dann gehen’S hin und schaun und sehn hier und da eine spontan zugespachtelte Stelle (schwarze Spachtelmasse auf weißer Wand, damit’s auch besonders dramatisch ausschaut!), die ihm jetzt erst aufgefallen ist (angeblich war da eine Delle oder was locker oder kaputt!) und wo man unbedingt was hat tun müssen, was er natürlich sofort tat, beflissen wie er ja ist, aber heut nicht wird fertigstellen können, so dass sich dringend ein Folgeauftrag empfiehlt, möglichst bald am besten, geschätzter Aufwand „Unter eine ganze Tag geht nix, weil muss trocknen und schleifen und beobachten und streichen!“. Sie schlucken und denken „Huijuijui, das wird also nochamal an Flins kosten!“, aber es wird wohl trotzdem am besten sein, den Auftrag wieder an Wiktor zu vergeben, denn bis Sie, Ihr Gatte und Ihr Hund sich an einen andern Handwerker gewöhnt haben…  – na, des machma ned, also schlagen’S natürlich ein und überlegen, wie Sie diese ungeplante Investition wieder wettmachen könnten und streichen dann halt kurzerhand die Mittagspause, denn irgendwie muss man ja die Oberhand behalten in dem Chaos da herin.)

Hund haben (13).

Morgens mit der guten Aussicht aufgestanden, dass so ein Regentag ja der ideale Arbeitstag sein könnte.

Zum Beispiel um den in Kürze abzugebenden Artikel tatsächlich fertigschreiben zu können. Oder um dem neuen Vermieter auf seine Mail zu antworten (es gibt ein paar Hakligkeiten in puncto anstehender Wohnungsübergabe mit dem Vormieter und dem Untermieter des Vormieters). Oder um sich durch ellenlange Eingabemasken des Vodafone-Umzugsportals durchzuklicken (und in der vorletzten Maske von einem Baustellensymbol – ein dämlich winkendes Männlein mit Helm in der einen und Schippe in der anderen Hand – auf Wartungsarbeiten am Server hingewiesen zu werden, danke auch, ihr Vollpfosten, dass ihr das nicht gleich mit dem <Enter> der allerersten Maske verknüpft habt, da lob‘ ich mir mal die Deutsche Post: nur ein Formular, 10 Felder auszufüllen – und schon ist der Nachsendeantrag online beauftragt und bezahlt!).

Wo waren wir doch gleich?
Ach ja, beim heutigen Regentag und dem Vorhaben, es möge ein guter Arbeitstag werden. Ein paar Mails rausgejagt, dann der Schreibarbeit zugewandt, dazwischen ein Gang zur Apotheke (der Ellenbogen bekommt jetzt eine Ibu-Kur bis zum Umzug) und zur Leergutrückgabe (der Gatte weilt grad 10 Tage am Stück im fernen Frankfurt, da muss man leider selbst mal die leeren Bierflaschen, die sowieso alle auf mein Konto gehen, da der Gatte ein Weintrinker ist, zum Automaten schleppen), danach zurück an den Schreibtisch und schon stupst einen die Hundenase an. Man schielt auf die Uhr, denkt „Oh Gott, schon wieder Mittag!“, schaut aus dem Fenster, denkt „Oh Gott, es schüttet ja!“ und vertröstet die Kleine. Die denkt „Oh Gott, ist das langweilig hier!“ und legt dann brav und zugleich mahnend ihr Kinn auf meinem Fuß ab.

Sie machen sich übrigens keine Vorstellung davon, was so ein kleines Dackelkinn wiegen kann, wenn der mit diesem Kinn verbundene Hund unbedingt nach draußen will! Da schläft Ihnen in Nullkommnix der Fuß ein, so schwer ist das! Also dauert es gar nicht lange und Sie wollen sich dann unbedingt selbst bewegen, damit Leben in Ihren eingeschlafenen Fuß zurückkehrt (ein ganzes Kapitel sollte man in dem noch zu schreibenden kynologischen Standardwerk „Der urbane Hund von Welt“ dieser „Sanften Erziehungsmethode“ widmen!).

Wetterfest verpackt (nur ich, denn Regenkleidung für Hunde lehne ich ab!) stiefeln wir zum Wald. Das Dackelfräulein hat blendende Laune. Man selbst war grad gut drin im Arbeiten und ärgert sich, dass man rausgerissen wurde, noch dazu hinaus in den Regen. Der Matsch klebt einem an den Goretexschuhen, die man erst vorgestern vom gröbsten Dreck befreit hatte. So latscht man tapfer vor sich hin, grummelt ein bisschen in den bis unter die Nase hochgezogenen Kragen der Regenjacke hinein, wirft Bälle und Tannenzapfen auf schlammige Waldwege, dass es nur so spritzt. Der Hund hat Spaß. Riesenspaß sogar. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir beide von oben bis unten nass und dreckig.

Und dann geschieht es!
Diese unnützen menschlichen Zwänge und Gedanken, was man alles müsste/könnte/wollte, wenn man nicht hier im Wald stünde, so nass und dreckig, sie fallen von einem ab. Sie fallen einfach hinunter in die matschige Erde.
In die matschige Erde, in die meine emsige Hundemadame 2 Meter von mir entfernt gerade ein beeindruckendes Loch buddelt. Der Dackel ist nämlich ein Erdhund (auch Bauhund genannt, was die ausgehobene Grube eindrücklich widerspiegelt)!

Erdhund at work.

Überall Erde. Der ganze Hund ist erdverschmiert, meine Schuhe und meine Hose ebenfalls.
Und ich fühle mich so wie ich aussehe: geerdet!

So ein Hund ist ein perfektes Erdungsprogramm, sag ich Ihnen. Da können Sie sich ein paar dieser ollen Ratgeber (á la „Sich erden: 9 Mittel und Wege für mehr innere Stabilität“ oder „Achtsamkeit für jeden Tag: Wie Sie sich erden und zu einer bewussten Lebensgestaltung finden“) sparen, indem Sie sich einen Hund zulegen und bei jedem Wetter mit dem rausgehen müssen.

Ok, so ein Hund kostet Zeit und Geld, deutlich mehr als für ein paar Ratgeber draufgehen würde, aber dafür sparen Sie an ganz ungeahnten anderen Ecken: edle Pumps adé, gute (helle) Hosen adé, Röcke und schicke Strumpfhosen sowieso – es lebe die Funktionskleidung, die täglich abwischbare!
Oder denken Sie an all die Urlaube, diese sauteuren Fernreisen, die Sie wegen Ihres Hundes nicht mehr machen können – was das Kohle spart!
Oder an das kostspielige Theater-Abo, das Sie gar nicht mehr haben wollen, weil Sie abends viel lieber im Rudel auf der Couch rumlümmeln und total spannende, preiswerte Serien auf DVD gucken, während Ihr Vierbeiner glücklich – weil Sie bei ihm daheim sind! – auf Ihnen liegt und schnarcht!

Aber ich bin schon wieder abgeschweift. Zurück in den Wald, in den erdigen Matsch, zum Regenspaziergang mit dem Hund.
Nach anderthalb Stunden kommen Sie also triefnass und spotzdreckig wieder nachhause. Ihr Hirn ist durchgepustet, Sie fühlen sich erfrischt, rundum geerdet eben. Denn Sie haben sich bewegt, haben den Boden unter Ihren Füßen gespürt und die Luft in Ihren Lungen. Sie sind gleichwohl ein wenig müde, wohlig müde aber, weshalb Sie beschließen, dass nur ein starker Kaffee nötig sein wird, um die Rückkehr an den Schreibtisch zu erleichtern.

Sie sperren die Tür auf, schälen sich aus all Ihrem Drecksgewand, wickeln die vierbeinige Erdwurst in ein Schmuddelhandtuch und tragen sie zur Wanne, auch hier wieder eine große Erdaktion, diesmal bräunlich dahingluckernd im Abfluss verschwindend. Sie wischen die Wanne sauber, hängen das ganze triefende Glump auf, derweil Ihr Dackel wie eine wildgewordene Hummel durch die Wohnung pest und so eine Art Schnelltrocknungsprogramm abfackelt, dem zuzusehen Ihnen größte Verzückung bereitet und zugleich die wiederkehrende Frage aufwirft, ob denn so ein Hund nicht auch mal wenigstens ein bisschen müde sein könnte, wenn er doch grad so ausgiebig draußen war!?!

Auf dem Weg zur Kaffeemaschine wehren Sie alle Bälle und Stofftiere ab, die Ihnen gekonnt zwischen die Füße gepfeffert werden, schließlich sind Sie der Chef in dieser Hütte und haben sich jetzt redlich Ihren Kaffee verdient. Genug gespielt! Schluss jetzt!
Mit klaren Worten schicken Sie den Hund in seinen Korb und wenden sich dem Kaffeekochen zu.

Während Sie dann müde an der Anrichte lehnen und dem Sprotzeln der Kaffeemaschine lauschen, vernehmen Sie ein leises Fiepen. Sie lehnen sich ein Stück über die Anrichte und schauen zum Körbchen hinüber, denn von dort kommt das Geräusch. Woher auch sonst.

Und dann sehen Sie das hier:Ihr noch nicht hinter den Ohren trockener vierbeiniger Terrorist traktiert Sie mit DIESEM Blick!
Und hat sich völlig eigenständig aus seinen 5 Spielsachen genau DIESE ausgewählt!
Wie kann das sein? Geht das noch mit rechten Dingen zu?

Ich sag Ihnen, es gibt eine geheime Akademie, auf der unsere Haushunde sich zu heimlichen Seminaren treffen, die ACLF (Academia Canis lupus familiaris) nämlich, in denen sie von den Ausgebufftesten ihrer Artgenossen in der hohen Kunst der Zweibeiner-Erdung und Menschen-um-die-Pfoten-Wickelung unterwiesen werden. Da steht irgendein weiser, graunasiger Labradoodle am Flipchart, skizziert Alltagsszenarien und sagt Sätze wie: „(…) und wenn gar nichts mehr zieht, dann müsst ihr sie eben zum Lachen bringen, dann habt ihr sie sofort wieder, und sie können nicht anders und werden weiterspielen mit euch, und es wird ihnen Spaß machen!“.

Ich sehe also meine Pippa an, wie sie ihr Kinn auf diesem beknackten Emoji geparkt hat und wie sie mich ansieht. Und kann nicht anders und muss lachen, aus tiefster Seele lachen.
Erneut löst sich etwas in mir in Wohlgefallen auf: die Fixierung aufs Koffein, die eben noch vorhandene Müdigkeit, das gedanklich schon vorweggenommene Eintreffen am Schreibtisch.

Hunde sind so wunderbar.
Und das letzte Wort über die Wunder des Hundes ist auch noch längst nicht geschrieben worden (frei nach Jack London).

Amen.

Einen schönen Wochenbeginn – mit oder ohne Hund – und allzeit gute Erdung wünscht Ihnen
Die Kraulquappe.

PS: Der Dackel von Kaiser Wilhelm II trug übrigens den wunderbaren Namen „Erdmann“.PPS: Es wird noch ein langer Arbeitsabend werden, an diesem schönen Regenmontag.