Streuselkuchensaisonende.

Der kleine Biergarten am Lieblingssee hatte die Saison eigentlich schon am 4. Oktober beendet.

Nur für ein paar Tage gibt’s jetzt ganz unverhofft nochmal einen Nachschlag, des schönen Wetters wegen, und zur Feier dieses Kuchenglückstages gönne ich mir heute auch einen Schlag (also zusätzlich zu dem im Oberstübchen), denn ein bisschen Umpolsterung des Nervenkostüms kann ja nicht schaden (oder betrachten wir’s einfach als Belohnung für den leidigen Arzttermin am Morgen?), und während ich diese Zeilen tippe, rüsselt das Dackelfräulein durch das welke Schilf und ein Rotkehlchen guckt aus der Astgabel eines Haselstrauchs zu mir und meinem Zwetschgenstück herüber, die letzten Kastanien plumpsen mir vor die Füße und eine ploppt exakt in den leeren Cappuccinobecher, ein herbstlicher Volltreffer und hoffentlich bestimmt ein gutes Omen, denn schließlich hätte es ja auch den vollen Becher erwischen können.

Gib ihnen noch drei südlichere Tage…

Drei Bayern in Südtirol.

Tag 1.

Kleine Bergtour zum Hexenbödele (klingt schwäbisch, war aber in den Sarntaler Alpen und schön dort) und große Almenwanderung mit Erdpyramidenbesichtigung. Am späten Mittag ein Teller Schlutzkrapfen, ein Schälchen Salat und ein Schluck Weißbier (wieso gibt’s hier ausschließlich Weihenstephaner?). Das Fräulein keift die italienischen Rüden an, ist ansonsten aber guter Dinge. Wir auch – die Aussicht auf Schlern und Latemar und das Wandern durch die kleinen Dörfer mit den hübschen Kirchen sind ein so unerwartetes Geschenk (und wir immer noch so überrascht von uns selbst, dass wir überhaupt hier sind). Abends spartanische Jause (Resteessen aus den Münchner Kühlschränken) in der kleinen Küche, die zu unserem unglaublich günstigen Zimmerchen in dem hübschen 700 Jahre alten Hof gehört (merke: je preiswerter das Zimmer und je älter das Gebäude, in dem es sich befindet, desto mehr Käfer sitzen in der Duschwanne und desto besser ist es insgesamt, die Brille daheim vergessen zu haben).

Tag 2.

Wir wollen nach Bozen. Autofahrt über schmale Sträßchen nach Oberbozen. Keinen Parkplatz gefunden. Von drei kleinen Parkplätzen darf auf zweien nur für 60 Minuten geparkt werden, der dritte Parkplatz ist rappelvoll. Nur 1 Stunde Zeit für Bozen ist natürlich völliger Käse, daher das Schicksal herausgefordert und auf einem der 60-Min-Parkplätze die Parkscheibe auf eine fiktive Ankunftszeit gestellt, die uns mit etwas Glück (oder gutmütiger Politesse) 4 bis 6 Stunden Aufenthalt in Bozen erlaubt. Hat geklappt. Genauso wie das Dackelfräulein in der Seilbahn, die uns von Oberbozen nach Bozen befördert, als Schoßhund (!) zu deklarieren – denn nur die dürfen dort ohne Maulkorb und Fahrschein mitreisen. Bozen empfängt uns mit T-Shirt-Wetter, zahlreichen maskierten Italienern und kaum Grashalmen (geschweige denn Wiesenfleckerln), so dass wir dem Fräulein zuliebe alsbald an den Stadtrand ausweichen, wo sich ein wahres Arboretum befindet, in dem auch ein paar italienische Rüden herumspazieren, deren Interesse auf keinerlei Gegenliebe stößt. Die hormonelle Situation ändert sich schlagartig gegen 17 Uhr, als uns in den Gassen der Altstadt (wir haben zwischenzeitlich fünf Stunden con bassotto a Bolzano hinter uns) ein unscheinbarer, zahnloser Malteserrüde begegnet. Das Fräulein ist nun paarungsbereit und wie immer sind Alter, Aussehen, Rasse, Benehmen und Bildungsstand egal. Nix wie zurück zur Seilbahn! Wir schweben hinauf nach Soprabolzano, erstehen dort noch ein paar Lebensmittel in einem winzigen Laden, fahren zu unserem Quartier zurück und feiern das Leben und dass wir dem biglietto entgangen sind.

Tag 3.

Laut Wetterbericht letzter Spätsommersonnentag. Wir sitzen müde beim Frühstück. Die Nacht war schwierig, weil das hormongepeitschte Teckelhirn stündlich Impulse zu ungewöhnlichem Verhalten sendete. Um 3 Uhr büxte sie aus meinem Bett aus, stürzte sich zu D. ins Bett und umarmte sie so heftig und innig, dass an entspanntes Atmen oder gar Schlafen nicht mehr zu denken war. Trotzdem will dieser Tag ausgekostet werden. Während D. an ihrem Teetässchen nippt, wälze ich die Wanderkarte. Noch einmal in diesem Jahr die 2.000m-Grenze überschreiten, das ist die Idee – wir setzen sie auf dem Rittner Horn um. Gute Entscheidung, denn der Hundumblick könnte besser nicht sein – schließlich will man der vierbeinigen Gefährtin ja was bieten am Welthundetag (erst recht, wenn sie schon nicht einen der vier Rüden haben darf, denen wir im Laufe des Bergtages begegnen). Sechs Stunden später noch ein letzter italienischer Kaffee kurz vor dem Parkplatz, der Schlern ist mittlerweile in dichte Wolken gehüllt, das war’s dann wohl mit der Nachspielzeit, die wir dem Sommer abgerungen haben. Um 20 Uhr fallen die ersten dicken Tropfen auf den Sims unseres Küchenfensters, beim Nachtgassi pfeift mir ein eisiger Sturm um die Ohren und das Einzige, was morgen, wenn wir (aller Voraussicht nach) bei leichtem Schneefall über den Brenner heimwärts fahren werden, noch an den Sommer 2020 erinnern dürfte, sind die Autoreifen.

Im Dunstkreis der Drusenfluh (III).

Quo vadis?

Nach der zweiten Nacht im Maiensäss spüren wir morgens eine leichte Körperschwere. Die ist nicht etwa der Nacht geschuldet, sondern dem Chrüz. Oder den sechs Stunden Draußensein. Oder dem Gewerkel im Haus. Oder dem Doppel-Gedöns rund um den Hund.

Egal. Jedenfalls ist klar, dass heute statt sechs auch fünf Stunden Draußensein und statt einer Bergtour auch eine Almenwanderung völlig ausreichen wird, deren Höhenunterschiede sich laut Wanderkarte hoffentlich und trotz einiger Gegenanstiege von dem unterscheiden würde, was das Chrüz uns am Tag zuvor aufgebürdet hatte.

Für den Abend ist schon seit Tagen der große Wetterumschwung angekündigt (womöglich gar der Schlussgong dieses Sommers?), von dem wir uns, noch daheim in München und im Stundentakt die diversen Wetter-Apps prüfend, beinahe von der gesamten Reise hätten abhalten lassen.

Nach einem bis aufs zu weiche Ei äußerst formidablen Frühstück schlüpfen wir daher alsbald in die Trekkingschuhe und brechen auf.

Über herrliche Almpfade wandernd werden die bisherigen Panoramaerlebnisse endlich noch um Ausblicke in den Westen ergänzt…

…und unterwegs etliche Maisensässe bestaunt, die wir alle sofort erwerben würden, wenn man nur wohlhabend wäre (oder einem ein Leben als Erbe beschieden wäre)…

…außerdem ist es der Tag des Rastens, Ruhens und Ratschens, wann immer sich die Möglichkeit dazu bietet.

Die Nusskipferl heißen hier Nussgipfel (alpenrepublikanische Angeberei?), zu den Semmeln sagen sie Weggli (was mich ungut an meinen Studienort erinnert), der Bergkäse ist zum Alpkäse mutiert und der Tretroller zum Trottinett, was deutlich netter klingt als die fußfaulen Gestalten dreinblicken, die da draufstehen und mit einem Affenzahn an uns vorbeiheizen, als wir mal ein Sträßchen queren müssen.

Am frühen Nachmittag bewölkt sich der Himmel über dem schönen Prättigau zusehends und ich bin erleichtert, dass wir unsere kleine Hütte gerade so rechtzeitig erreichen, dass der hübsch Bewimperte sich noch im Trockenen fürs Holzhacken und Ofenbeheizen aufwärmen kann:

Als bekennender Fan von Routinen und Gewohnheiten, die einem den Alltag nicht nur strukturieren, sondern auch erleichtern, endet der Tag so wie der vorige auch: in Etappen wird geduscht, erst die Hunde, dann wir, bald drauf bullert das Feuer im Ofen und die Nudeln köcheln auf dem Herd, das Weißbier perlt verheißungsvoll im Glase und die Themen an diesem langen Abend gleichen einer kleinen Familienaufstellung.

Zu später Stunde, als nur noch Noagerl in den Gläsern sind, basteln wir die Protagonisten aus den übriggebliebenen Holzscheiten und ein paar anderen Utensilien, die das Häuschen und sein Keller so hergeben, nach.

Ihnen diese Genossen nun einzeln näher vorzustellen, würde an dieser Stelle aber wirklich zu weit führen.
Nur so viel: die Figur ohne Gesicht, das bin nicht ich, und die mit dem Gummiknäuel auf dem stumpfen Schädel auch nicht.

Wenn Sie mögen (und noch nicht der Ansicht sind, dass sich langsam ein gewisser Höhenkoller in die Berichterstattung eingeschlichen haben könnte), sehen wir uns dann morgen zu einem (kurzen!) vierten und letzten Teil der Drusenfluh-Serie wieder.

Guäts Nachtli einstweilen!

Freischankflächen- und Frisurfeiertag.

Tatsächlich ein Gefühl wie Geburtstag und Weihnachten zusammen (so rein gabenmäßig betrachtet):

Erst der überfällige Friseurbesuch (drei Monate ohne sind für Kurzhaarfrisuren eine lange Zeit!), dann den runderneuerten Pixie-Cut spazieren geführt (zum behutsamen Dran-Gewöhnen erstmal über Münchens schönsten Ruhe-Ort) und danach ein Straßencafé (!) angesteuert (krasse Sache: Draußensitzen, Cappuccinieren und Rhabarberisieren – beinahe verlernt, nach 9 Wochen Kaffeehaus-Askese).

Die Freischankflächensaison ist eröffnet!

Und weil mitten in diesen Glückstaumel noch eine Hammer-Mail hineinploppt (eine Versicherungsleistung, die ich im Leben nicht in der Höhe erwartet hätte), gleich noch einen Hugo obendrauf, den aufzusaugen das Kuchenstück definitiv viel zu klein war.

Aber wurscht. Man muss die Feste feiern wie sie fallen, gefühlt ist da ja jetzt länger nix mehr gefallen (außer ein paar Groschen), diese Woche kommt’s nun offenbar knüppeldick.

Daheim ist Lolek am Werkeln und morgen ist dann auch die letzte Fuge dicht, alles Ramponierte neu lackiert und gestrichen. Nur die Staubläuse, die kennt und sieht er nicht. Mei, auch Lolek ist halt nur ein Mann.

Es könnte, wenn das so weitergeht, die beste Woche seit Februar werden, also seit den Nachbarn über uns der Spülkasten platzte, womit ja einst die Wasserschaden-/Sanierungs-Ära begann, die dann nahtlos in die Corona-Pandemie überging.

Prost!

Beglückend.

Schwer zu sagen, welcher dieser Anblicke mich heute am meisten beglückt hat:

a) der des kleinen gelben Fischleins, das heute so überraschend meine Bahn kreuzte und quasi mitten im Kraulschlag entzückend an meine Schwimmbrille dotzte, in diesem schönen, erst diese Woche neu entdeckten Schwimmbad, das ich zunächst nur notgedrungen als Alternative zum Lieblingsbad, das wg. der üblichen Revision grad zu hat, aufsuchte, das aber glatt das Zeug hat, mein dauerhaftes Zweitbad zu werden

oder

b) der des Trailers, der mich via Whatsapp von M. aus Berlin erreichte und in dem ich sofort dieses Gefühl von Aufbruch und Verheißung und Zukunftsoffenheit, jenes übermütige, allen äußeren Widerständen trotzende „Alles ist möglich“-Empfinden wiedererkannte und wiederspürte, das sich am 18. Juni 1985 so tief und unauslöschlich in mich eingegraben hat:

oder

c) der des grünspargeligen Abendessens, wie es vorhin so duftend vom Ofen auf den Tisch hinüberwanderte und dann auch noch genau so geworden ist, wie’s gedacht war.

Leben.

„Leben, leben muss man, meine ich, leben und sonst nichts. So einfach klingt das, und keiner kann’s!“ (Oskar Maria Graf)

Der bayrische Schriftsteller OMG, der Generation „lol & rofl“ vermutlich nur noch unter dem Akronym für die ziemlich überflüssige Exklamation „Oh my God!“ bekannt (und auch nicht zu verwechseln mit der 80er-Jahre-Kombo OMD), wuchs in Berg am Starnberger See auf, von wo aus das Dackelfräulein und ich momentan gern zu ausgedehnten Märschen aufbrechen, um a) möglichst wenigen Rüden zu begegnen und b) unseren Gassihorizont und die Ortskenntnis mal wieder etwas zu erweitern.

Hier kommt man nirgends an Oskar Maria Graf vorbei: Grafstraße, Grafweg, Graf-Geburtshaus, das Bankerl, auf dem er seine erste Zigarette drehte usw.

Mein persönlicher OMG-Tipp ist das OMG-Stüberl, selbst wenn man dafür nach einem bereits zweistündigen Spaziergang am See nochmal tief Luft holen muss, um das steile Strässchen zum oberen Ortsteil von Berg zu erklimmen (erst hier oben erschließt sich dem Wanderer der Ortsname!). 

Aber die Tour zuvor ist unvermeidbar, denn merke: Geh nie mit einem nicht ausgepowerten Dackel ins Lokal, pfeif lieber selbst aus dem letzten Loch und erhol dich dann im Lokal (selbstverständlich erst, nachdem du dem Dackel sein Würstchen gegeben hast, das bei jedem längeren Gassi als Proviant mitzuführen ist).

Das Erholen geht im OMG-Stüberl ausgesprochen gut. Und sogar zu eher landkreisuntypischen Preisen, vor allem für die hier gebotene Qualität.
Einmal pro Woche gönne ich mir irgendwo eine Einkehr: Tee oder Kaffee, im Winter eine heiße Schokolade, im Sommer ein Weißbier, manchmal sogar noch „an Zusatzkalorien“, so wie heute.

Man sollte gut sein zu sich. Leben üben. Leben lernen. Leben genießen. Nicht alles auf irgendwann später verschieben. Nicht dass man plötzlich tot ist und vorher keinen Topfenknödel mehr gegessen und dazu in Ruhe einen guten Gedanken gedacht hat.

So geht’s eben jedem mit seinem dreckigen Leben. Zuletzt, wenn man nicht mehr arbeiten kann oder mag, will man nachdenken, und da kommt raus, daß unser ganzes Leben eine hohle Nuß gewesen ist. Und das, verstehst du, das ist ärgerlich. Das können die wenigsten vertragen. Und auf was verfallen sie dann? Auf den Herrgott und die verschiedenen Heiligkeiten. Anders halten sie es nicht mehr aus! (OMG)

Dafür braucht man eher Zeit als Geld. Ich bin meinem Hund dankbar, dass ich mir täglich Zeit nehmen „muss“ und froh, dass meine Lebensumstände das zulassen. Arbeite ich halt wieder bis spät abends.

Die Dichte an heimatlosen Tennisbällen ist in Deutschlands reichstem Landkreis übrigens sensationell hoch. 

Aus Berg grüßen herzlich oder für die jüngeren Leser: cu & rok!

Die Kraulquappe und der Balljunkie.