Vom langsamen, leicht umständlichen Heranpirschen an das Eigentliche einer Sache.

Drei Tage Arbeitsklausur am See.
Mich mit Ruhe und Bedacht und auf ein paar Umwegen an das Eigentliche herangepirscht.
Mit passablem Ergebnis: der Text ist jetzt zu 95% fertig. Finde ich zumindest heute Morgen.

Und sonst so?

Von allem was dabei gewesen:
Perfekter Seeblick vom Zimmerfenster aus, drumrum ein Ort der Inspiration, etwas sportliche Betätigung in den Morgenstunden, zäher Novembernebel, zähe Gedanken, absurde Wortfindungsstörungen, aber auch sprudelnde Ideen, beinahe ungeahnte Kreativitätsschübe, kalte Füße trotz warmer Socken, lauwarmes Rührei zum Frühstück, den Input an Nachrichten aus der Welt gering gehalten, immerhin 1x Musik gehört bei einem Morgenlauf, abends Stern-Weiße von Hacker-Pschorr (kommt gleich nach Schneider Weiße TAP7), ein krasser Sonnenuntergang in Lila-Orange-Magenta, wunderbar feste Matratze, entsprechend gut geschlafen, im Lokal 1x Schwaben am Nachbartisch („Ha noi, de Oggsebruschd is aus!“), dafür 2x in ebenjenem Lokal Horizont erweitert in Sachen OMG (once again: that doesn’t mean „Oh my God“ but Oskar Maria Graf, a famous Bavarian writer), sogar einige Gedichte gelesen, keinerlei überflüssige Wortwechsel mit überflüssigen Zeitgenossen, jeden Tag ein schwarzes Haar des Zimmermädchens im weißen Waschbecken, drei Herpes nebeneinander auf der Oberlippe (beinahe schaut’s aus wie die aufgespritzen Lippen eines Hollywoodstars, nur die Frisur passt nicht ganz dazu), eine angenehme Nachttischleuchte (schätzungsweise 2700 Kelvin, so muss das sein), resche Bratkartoffeln ohne blöden Kümmel oder ekligen Speck und endlich mal eine Rezeptionistin, die auf meine Bitte um eine ganz bestimmte Art von Zweitkopfkissen sofort sachkundig mit „Ah, Sie moana a Hansi?!“ reagiert.
Ja super! Genau, des moan i (mia song dahoam Hansipolster, oba bassd scho)!
Erlebt man ja leider verdammt selten in Hotels.

Wenn eines der wichtigsten Werke von Oskar Maria Graf nicht ausgerechnet mit „Das Leben meiner Mutter“ betitelt wäre, hätte ich das Trumm ja schon längst gelesen. Deshalb muss ich mich auch da ganz langsam heranpirschen, diese biografisch bedingte Barriere im Hirn wird aber wohl eines Tages noch einstürzen, das spür ich schon. Und bis dahin blättere ich eben durch die kleineren Werke wie die gesammelte Reden, Gedanken und Zeitbetrachtungen.

Darin finden sich wahre Highlights des Grafschen Sinnierens über unsere Landsleute und deren Humor:

Um einem nichtbayrischen Menschen unseren Humor auch nur halbwegs begreiflich zu machen,
dazu muß man im Erklären ein bißchen weitschweifig sein.
Weitschweifigkeit oder, besser, das langsame, leicht umständliche Heranpirschen
an das Eigentliche einer Sache gehört zu unserer Natur.
Alles Knappe, logisch scharf Umrissene ist uns zuwider.
Wir sind für das Kommode. ‚Kamott’, wie wir es aussprechen,
heißt soviel wie sich in allem gemütlich Zeit lassen
und das zuträglich Behagliche voll auskosten.
Meistens springt dabei sogar ein Vorteil für uns heraus, und wenn es auch nur der ist,
daß ein anderer Mensch sich darüber ärgert oder nervös wird.
Ein ‚kamotter’ Mensch mag das Durchdenken, das in heutigen Zeiten so beliebte Zu-Ende-Denken nicht,
er ist für das Betrachterische.
Das hängt vielleicht mit unserer weltberühmten Kunst,
dem ‚Bayrischen Barock’ zusammen, bloß, meine ich immer,
daß ‚barock’ überhaupt eine persönliche Veranlagung jedes einzelnen Bayern ist. [. . . ]

Bayrischen Humor gibt es allerdings zweierlei:
den, über welchen die Eingesessenen lachen
und jenen, den die Fremden an uns belachen.
Der erstere beruht auf unserer scheinbaren Unlogik und auf der Langsamkeit im Begreifen.
Bei der Beurteilung des letzteren bin ich nicht kompetent.

(Oskar Maria Graf, „Etwas über den bayrischen Humor“. In: „An manchen Tagen.“, 1961)

Da brauch ich keinerlei Tischgesellschaft, wenn ich sowas neben meinem dampfenden Blaukrautschälchen liegen habe und darin lesen kann.

Und am letzten Abend, im Hotelbett, schließt sich dann der Kreis, als ich das hier aus dem Netz fische:

Nun noch ein bisschen Herumdenken an den fehlenden fünf Prozent, meine Siebensachen zusammenpacken und gegen Mittag wieder nachhause zum Gatten und dem Dackelfräulein, die den Giardien hoffentlich bereits erfolgreich den Garaus gemacht haben.

Auf Wiederseen!

Gut in der Zeit liegen.

„Ich liege gut in der Zeit“ – sagt man ja so, wenn man zum Ausdruck bringen möchte, dass man das zu Schaffende nicht nur schaffen wird, sondern es auch ohne in Hektik oder Verzug zu geraten hinbekommen wird.

„Ich liege gut in der Zeit“ – dachte ich vorhin, als ich von den ursprünglich vier Listen die dritte zerriss und mir die noch verbliebene, letzte Liste so ansah. Jetzt ist es nur noch Kleinkram und Packen, wobei das „nur noch“ für Letzteres nicht gilt. Denn das wird schon noch eine mittelgroße logistische Herausforderung, dieses Packen: wegen der zu treffenden Auswahl, der nötigen Beschränkungen und der intelligenten Einschichtung von all dem Krempel in den Kofferraum.

Gestern vom Papa verabschiedet. Schließlich sehen wir uns erst im Oktober wieder und vor längeren Reisen haben wir eh immer das Bedürfnis, uns unbedingt nochmal zu treffen. Man weiß ja nie. Weiß man zwar auch sonst nicht, aber egal, da ist halt ein gefühlter Unterschied zwischen „ich hier“ (München) und „er dort“ (Tegernsee) und „ich auf Gotland“ und „er in Sankt Petersburg oder dann wieder am Tegernsee“.

Überhaupt: alle Hiesigen nochmal getroffen in den letzten zwei, drei Wochen, so viele schöne Begegnungen und Unternehmungen, See- und Stadtspaziergänge, köstliche Streifzüge durch die oberbayerische Streuselkuchen- und Hopfenlandschaft.

Mein großer Freund S. schickt uns ganz unverhofft den geänderten Steuerbescheid zu, der Einspruch war nach fünf zähen Monaten des Ringens und Wartens doch noch von Erfolg gekrönt und erlaubt nun unterwegs ein paar Kanelbullar mehr (und evtl. sogar einen Besuch im sündteuren Systembolaget).

Und der Verlag schickt mir die Belegexemplare zu – der große Heimat-und-Herzblut-Artikel sieht fein aus (was überwiegend daran liegt, dass der darin abgebildete Hund so fein aussieht) und erscheint nächste Woche, wenn das Dackelfräulein und ich bereits on the road sind.

Daheim klar Schiff gemacht, wie vor jeder großen Reise, damit im Falle des Falles die Nachwelt weder Mühe noch Aufwand hätte, keinerlei Chaos vorfände und sich sogleich in Ruhe darum kümmern könnte, die gewünschte musikalische Untermalung für die Funeralien zu organisieren (was ja neben dem emotionalen Aufruhr eh Aufwand genug wäre). Das mögen Sie eventuell makaber finden, aber ich bin kein Nach-mir-die-Sintflut-Typ, habe da eine pragmatisch-ordnungsliebende Einstellung und sozusagen das Bedürfnis nach einer besenreinen Abreise.

Ich liege also gut in der Zeit mit allen Vorbereitungen (ein seltsamer Ausdruck: kuschelt man da genüsslich mit der Zeit in einer Hängematte und schlürft dabei einen Cocktail, oder wo und wie liegt man da herum?). So gut, dass ich jetzt sogar ein freies Zeitfenster gefunden habe (Zeitfenster – ein ebenso seltsamer Begriff: die arme leibnizsche Monade war ja eine fensterlose, aber die Zeit scheint Luken zu haben, die man öffnen und aus denen man in den Müßig_gang oder das Universum hinauswinken kann?).

Wie dem auch sei: mein freies Zeitfenster verbringe ich justament sitzend und nicht liegend, obwohl ich gut in der Zeit liege und mich auch für ein Stündchen hätte hinlegen können. Immerhin habe ich die Füße hochgelegt. Und ich blättere dazu im Konversationslexikon des großen bayerischen Sprachwissenschaftlers G. Polt (das Sahnehäubchen des Müßiggangs, darin zu blättern!). Und ich cappucciniere.

Lassen Sie es sich gut gehen an diesem Sommerwochenende, freuen Sie sich nach Möglichkeit Ihres Lebens und fühlen Sie sich herzlich gegrüßt!

Ihre Kraulquappe.

Song der Woche.

Rain pourin‘ down, I swing my hammer
My hands are rough from working on a dream
I’m working on a dream

Let’s go!

I’m working on a dream
Though trouble can feel like it’s here to stay

Drei Tage hatten wir hier bei absolutem Mistwetter Besuch vom Handwerksfreund – und ich muss sagen: Diridari hin oder her, es hat sich dermaßen gelohnt, die ganze Aktion, und am Ende waren alle glücklich und zufrieden.

Das Gepäck vom Handwerksfreund aus dem Allgäu (ein Ausschnitt).

Gemeinsame Unternehmungen wie Baumarktbesuche können die Freundschaft festigen (alleine Ausladen ebenfalls).

Kammerspiel, Part I: Rohrumbauungen.

Kammerspiel, Part II: Weitere Rohrumbauungen.

Kammerspiel, Part III: Rohrkurven ohne Ende.

Kammerspiel, Part IV: Die Kammerzofe erhält ein maßangefertigtes Stiefelfach.

Kammerspiel, Part V: Sonderschnitzerei für den Sicherungskasten.

Kammerspiel, Part VI: Das Kammerkonzert kann beginnen!

Eine Spitzen-Abstellkammer ist das geworden, sag‘ ich Ihnen!

Individuellst gestaltet, jeder noch so schräge Wunsch wurde berücksichtigt („Könntest du die Regalhöhe bitte an die Klorollenhöhe anpassen?“ / „Ich bräuchte bitte noch einen Haken für die Fliegenpatsche!“).

Gut, ein bisserl viel Leergut ist zammkemma, aber im Kammerl drin ist’s halt recht warm, da laufen die Heizungsrohre durch, die man jetzt auf einer Seite gar nimmer sieht, weil sie – schick holzverschalt – das kritische Hausfrauenauge nicht mehr beleidigen.
Also hat er eben an Durscht ghabt, der Herr Handwerker. Zum äußeren Abkühlen isser eh immer raus aufn Balkon – immerhin eine Loggia! – so dass er nicht im strömenden Regen hat sägen müssen.

Mit dem Dackelfräulein hat er lustiges Werkzeug- und Krepprollen-Kullern im Flur gespielt und tapfer das Scheinmutterschaftsgejammer ertragen.
Gekehrt hat er auch ordentlich und für die im Sitzen eingenommenen Imbisse auf den cremeweißen Vitra-Stühlen hat er sich stets brav alle Sägespäne vom Gwand geklopft. Solche Sperenzchen würd‘ ein „normaler“ Handwerker, den man sich ins Haus bestellt, ja niemals mitmachen (aber dem serviert man auch kein indisches Curry oder einen Quinoa-Salat nebst einem Schoppen Roten).

Letzter Akt nach dem Kammerspiel: Zusammenpacken der Gerätschaften für das Pfingstprojekt (Renovierung der alten Wohnung).

Insgesamt waren und sind wir hochzufrieden mit der ersten Werkelwoche im neuen Zuhause.
Es lebe das Handwerk & das Hausmöbel!

„Das Hausmöbel“ (Aus dem Konversationslexikon „Der Große Polt“)

Und genau so war’s: zum Abschied sagte er leise „Service!“ und „Bis Sonntag!“, man klopfte einander anerkennend für das gemeinsam Durchgestandene und Entstandene auf die Schulter (schnaufte dann unbeobachtet erst amal durch) und versprach zum Abschied, nach einem wohlverdienten Pausentag dahoam die To-Do-Liste für die vier Tage ab Pfingsten zu studieren (Schwerpunkt „Speisekammer“ und „Kleinkram, vermeintlicher“).

Wir wünschen der Leserschaft schöne Feiertage, tolle Ferien und erholsame Urlaube und was die Menschheit halt so macht, wenn sie nicht gerade den letzten Zaster in den Um- und Ausbau der Wohnung steckt.

Herzlich grüßt Euch –
Die Kraulquappe.

Imponderabilien.

Der zum Tage und zur Seelenlage passende Auszug aus meiner persönlichen Bibel „Der Große Polt. Ein Konversationslexikon.“

Ja, der Mensch, diese ewige, elende Imponderabilie!

Aber vor allem der Schlusssatz erzeugte heute allergrößten Widerhall.

Und das trotz des Backofenputzes.

Vermutlich lag’s an der abendlichen Fluchtmöglichkeit vor der Visage des Backofens. Ins Theater, zum Back-in-town-Einstandsgeschenk des Papas (danke!).

Und weiter geht’s.

So, da samma wieder.
Alle miteinand in relativ aufgeräumter Verfassung.

Der Artikel geschrieben und abgegeben:
Zu meiner großen Freude hat die Redaktion mit meiner mitgelieferten Fotoauswahl ziemlich genau das angestellt, was ich mir erhofft hatte. Oft setzen sie ein Foto ins Großformat, das man selbst völlig nebensächlich findet, lassen die besten Aufnahmen ganz weg, oder sie nehmen eines der Top-Bilder zwar mit rein, platzieren es aber in Streichholzschachtelgröße irgendwo zwischen den Textspalten, wo es unbemerkt verschwindet.

Das Dackelfräulein nicht mehr im Hormonrausch:
Wir genießen nun die 9-wöchige Ruhe vor dem nächsten Sturm, der Scheinmutterschaft. Und widmen uns bis dahin anderen Herzensangelegenheiten.

Den medizinischen Kram auch erstmal wieder überstanden:
Zwischen bildgebendem Verfahren Nr. 1 und bildgebendem Verfahren Nr. 2 lag ich wartend auf einer Pritsche und starrte auf einen August Macke an der gegenüberliegenden Wand. Ich zählte die Hüte und Rechtecke auf dem Gemälde, versuchte jedes Zeitempfinden und jede Panik zu eliminieren, im Nebenzimmer sehr wohl um den Arzt wissend, der sich Teil 1 der Bilder schon mal ansah, um Teil 2 ggf. gezielter anfertigen zu können.
Dauert es lange, fragt man sich: Sucht der noch oder hat er schon gefunden und sucht nur noch nach den passenden Worten? Oder bedeuten die 4,5,6 oder 7 Minuten, dass es nichts zu sehen gibt und der Arzt froh ist, mal in Ruhe einen Kaffee runterkippen zu können? Oder sitzt der gar nicht mehr nebenan und bespricht sich bereits mit Kollegen, was zu tun sei? Würde mich die Erinnerung an jenes Bild von August Macke fortan daran erinnern, dass bei der Betrachtung desselben mein Schicksal besiegelt wurde?

[Dabei fällt mir immer die allererste der Situationen ein, in der mich dieses schicksalshafte Gefühl erstmals beschlich. Über 20 Jahre her, ich noch Studentin, brachte zum ersten Mal in meinem Leben den Papa mit meiner kleinen Karre zum Flughafen, dreiwöchige Dienstreise nach China, vor der Sicherheitskontrolle drückten wir uns zum Abschied, er reihte sich unter die Wartenden, ich lief zum Ausgang, drehte mich aber kurz vorher nochmal um, erwischte genau den Moment, in dem auch er sich umsah, unsere Blicke trafen sich, dazwischen etlicher Abstand und diese dicke Glasscheibe, wir hoben beide winkend die Hand zu einem allerletzten Gruß und lächelten etwas schief, ich ging zum Auto, schloss auf, ließ mich auf den Sitz fallen und brach in Tränen aus wegen des plötzlichen Bewusstwerdens, dass ich diesen letzten Blick immer und ewig erinnern würde, aber dass er nur dann eine erträgliche Erinnerung wäre, wenn er bloß ein vorübergehend letzter Blick gewesen sein würde, weil der Papa unversehrt wieder nach München zurückkäme, was er auch tat, dennoch hatte dieser Augenblick eine nie zuvor in dem Kontext dagewesene Wucht, die in dem Wissen um die potentielle Endgültigkeit immer und überall bestand, und seither versuche ich, solche letzten Bilder/Blicke/Berührungen auf keinen Fall bewusst zu bemerken, ich praktiziere das wie einen kleinen, albernen Aberglauben, so als gelänge dann ein Deal mit dem Schicksal und es würde mir nie etwas nehmen von dem oder denen, die mir so wichtig sind, was natürlich so nicht funktioniert, zum einen, weil ich weder ernsthaft an den Deal, noch an das Schicksal glaube, zum anderen, weil es sich mit diesem Wissen über die bloße Möglichkeit, was aus diesen letzten Bildern/Blicken/Berührungen werden könnte, genauso verhält wie mit der Unschuld, die Rede ist hier nicht von der des Körpers, sondern von der des denkenden Geistes: Einmal verloren, kehrt sie nie mehr zurück. Das nur so am Rande und aus der Rubrik „Was so alles in einem herumdenkt, während man wartet, und zwar in Sorge wartet.“]

Zurück ins Behandlungszimmer. Da ich beim Macke auf 7 Hüte und 31 Rechtecke kam, das Ergebnis also alle meine Lieblingszahlen enthielt, musste das wohl ein gutes Omen sein und weder ein letztes Bild, noch eine letzte Berechnung. Und so war es auch.

Und sonst so?

Das große Triefen hat begonnen…

…und die große Suche geht ebenfalls weiter.

Zur Stimulation oder zum Abreagieren gucke ich mir dazu mittlerweile gern Youtube-Videos wie dieses an, die an Aktualität und Realitätsnähe schwer zu übertreffen sind (obwohl in den 1970er und 80er Jahren gedreht).
Polt-Sketche als orwellsche Münchner Mieter-Dystopie, großartig ist das (unklar nur, wieso die Serie „Fast wia im richtigen Leben“ hieß).

Wär’s nicht so ein kabarettistisch abgegrastes Thema, hätt‘ man jetzt genug Stoff für ein Mieter-in-München-Buch beisammen. Man kommt ja rum, wenn man sucht, lernt viele Menschen und Häuser kennen, letztere sogar von innen, sieht und hört Sachen, die man sich nicht hätt‘ träumen lassen. Es weht schon ein rauer Wind da draußen in den Straßen unserer schönen Stadt.

Und je länger man sucht, desto rabiater und radikaler wird man auch selbst. Das fängt schon beim Auswählen der Inserate an.
Eine Annonce wie diese, bei der mir als einziges (!) Bildmaterial zu einer 91m²(!)-Wohnung nur dieses poplige Foto von einem Schlafzimmer mit einer geschmacklosen Bettdecke für zwei, heruntergebrannten Duftkerzen, billigem Funkwecker, IKEA-Funzel und Eau-de-Toilette-Humpen auf dem Sideboard geliefert wird…

…ich aber im Gegenzug per Mail alle (!) unsere Daten liefern soll, bevor der Eigentümer sich vielleicht herablässt, einem dann noch eine Ansicht der anderen Zimmerseite (mit Sicherheit: 2-3 Meter Schrank mit Schwebetüren und Spiegel in der Mitte, in Buche-Nachbildung und mit Lichtdekorleiste oben) zuzusenden, kann mir den Buckel runterrutschen, obwohl die gut geschnittene Bude angeblich in Schwabing und sogar parknah liegt und nicht mal so viel kostet, dass man gleich jegliche Urlaubsvorhaben für die nächsten 10 Jahre streichen müsste.

Das Leben ist eine ewige Baustelle. Mal dominiert die Abrissbirne, mal hält das Gerüst.
Und Zuversicht, das ist die Einsicht in die Chance auf Aussicht.

Also, weiter geht’s.

Jahresanfang oder: Brachia plastica.

Da sind wir also nun in 2018. Bislang läuft’s so leidlich. 

Hormone hier, Hormone dort. Das Dackelfräulein hat beschlossen, pünktlich läufig zu werden. Nämlich dann, wenn der Gatte nächste Woche für 11 Tage nach Frankfurt muss und wir Frauen hier ganz unter uns sind. Das bedeutet: 33x alleine Schutzhöschen an- und ausziehen. Ein Volltreffer, eine Punktlandung. Hurra.

Der traumhafte Schnee komplett weggeschmolzen, dafür traumhaft neue Lekis erstanden, sogar mit Wintertellern dran. Jetzt muss es nur wieder schneien, sonst wirkt man albern mit den Dingern.

Den verregnetsten Tag der Woche für einen ersten Ausflug mit meinem großen Freund S. an den Starnberger See genutzt. Angepeiltes Café hatte spontan geschlossen. Das Grau des Ufers ging nahtlos in das Grau des Sees und jenes in das des Himmels über. Aber tolle Gespräche führten wir, so ganz und gar unabgelenkt von schönen Ausblicken und Kuchenstücken.

Beim Schwimmen dachte ich heut‘: Eine Typologie der Typen und Typinnen im Wasser, die gehört dringend mal geschrieben. Vielleicht sogar nach Jahreszeiten (oder Monaten) sortiert. 

Der Januar (maximal das erste Quartal) steht ganz im Zeichen der Qualle. Feiertagsfrieda und Vorsatzvroni ziehen in dauerratschender Schieflage ihre Bahnen bis zur Nackenstarre oder bis ihnen kühl wird, denn wir sind zwar im Winterwarmfreibad (großzügig beheizt), aber bei Schneckentempo wird’s einem mit Wind um die Ohren und die plappernden Münder halt doch irgendwann frisch. Wuchten sich nach 300m in 30 Minuten die Stufen aus dem Becken hinaus und watscheln unter die warme Dusche, wo weitergeratscht wird (nun doppelt so laut, da das Wasserplätschern ja übertönt werden muss). 

Sie müsse nun dringend Abnehmen, meint Feiertagsfrieda zur sofort zustimmend nickenden Vorsatzvroni, und Schwimmen sei da ja so ideal, weil so gelenkschonend. Man wolle jetzt mindestens 2x die Woche das Bad aufsuchen. Oh Gott. 

Da aber die Leiber das Fasten eh lieber dem Hirn überlassen würden, kann getrost abgewartet werden, bis der Februar kommt oder spätestens der März, dann ist die Saison der Quartalsquallen nämlich wieder rum.

Die Münchner Abendzeitung, sonst wahrlich nicht meine Lieblingspostille, weiß um die Qual(l)en der Leibesertüchtigung und empfiehlt als ebenso kluge wie ressourcenschonende Altenative:

Das soll sogar (!) leichter gehen als Abnehmen. Eine wirklich gute Idee: Plastikmüllvermeidung statt Schwimmbeckenverstopfung.

Nur Rewe, den ich sowieso nicht mag, hat davon noch nichts mitbekommen und offeriert just zum Auftakt ins neue Jahr dem rundum auf Reduktion gepolten Kunden ein heimisches Grundnahrungsmittel in neuem Gewand: 

Butterbreze in Plastikschale mit Plastikfolie drüber. 😨😨😨

Hirnfasten für Fortgeschrittene.

Einen gelungenen Jahresbeginn gehabt zu haben – das wünscht Euch

Die Kraulquappe.

PS: Und danke, liebe Abendzeitung, dass Du in derselben Ausgabe gleich noch den Polt erklären lässt, was Humor ist. Der wird, so wie ich das kommen sehe, wohl auch dieses Jahr vonnöten sein.

Champion of the Wohnung.

So kann‘ s gehen, wenn man a) die Brille für Kleingedrucktes nie zur Hand hat und b) umzugsbedingt immer noch zwei, drei Pakete pro Woche geliefert bekommt mit so spannendem Zeug wie „Schubladeneinsatz 60×40“ oder „Filzgleiter, 250 Stück, in allen Größen“.

Da klingelt DHL oder DPD, ein im Akkord arbeitender Bote sprintet die Stufen hinauf, man setzt mit einem abgegriffenen Plastik-Pseudostift seinen Servus unter/auf/in das verschmierte Display, schließt die Tür, holt das Teppichschneidemesser (=das Signal für den Hund, sofort aufzuspringen und sich am Aufschlitzvorgang zu beteiligen) und öffnet die Sendung.

Erwartet wird die letzte fehlende Sortierbox für die Werkzeugschublade, die im Moment ein bislang ungekanntes Dasein als prominenteste Schublade des Haushalts erlebt.

Aber was ist das? Ein güldener Engel reckt sich aus der Schachtel empor und hält mir einen Stern entgegen.

Habe ich aus Versehen ein Weißbier zu viel erwischt?
Ich befreie den Engel aus seiner papiernen Hülle und erkenne: Das ist ein Pokal!

Und so gerade noch ohne Brille kann ich die Inschrift lesen, die er trägt:

Ja leck mich am Arsch – da steht ja mein Name drauf (nein, nicht „Störtebeker“, sondern weiter links unten!)!

Das ist aber mal fair vom Leben: Da hockt also doch irgendwo einer, der sieht, was man geschafft hat und der das honoriert.
Meist hacklt man ja vor sich hin wie deppert und es gibt kaum einen feuchten Händedruck für all die Mühsal. Geschweige denn einen Dank, eine Anerkennung, einen Scheck, einen Orden oder gar einen Pokal. Da tät‘ ich nun glatt ein Zweitbier drauf trinken, wenn noch eines im Kühlschrank wär‘, um die Preisverleihung an mich mit mir zu feiern.

Beim Kartonzerschneiden frag‘ ich mich, wieso das Paket eigentlich an den Gatten adressiert war … ach nein, sag bloß… echt jetzt … also doch keine unabhängige Institution … wieder nix, was für den CV taugt … obwohl es so schön glänzt …

Trotzdem: Danke, danke, lieber Gatte.
Aber glaub bloß nicht, dass dich das von der Teilnahme am finalen Umzugsdreckwegputzen und den letzten Fahrten zum Wertstoffhof entbindet, gell! Gute Zugfahrt noch!

Prosit,
Die Kraulquappe.

(Nachtrag: Erfuhr soeben per WhatsApp aus dem Zug, dass es sich nicht um einen Engel, sondern um Victoria handelt. Ich kenn mich nicht so aus mit Siegen.)

Song des Tages (6).

Das Meiste mündet doch in die ewig gleichen Fragen: Warum, wohin, wie, wann, mit wem – und was man währenddessen am besten hören könnte.

Das Wohin fand ich dieser Tage wunderbar beantwortet, von Gerhard Polt.

Heute, genervt und gehetzt im Stau zwischen Pasing und Neuhausen stehend, fiel mir der Polt sofort wieder ein, als mir ein Radiosender den Ohrwurm des Tages einpflanzte:

The river it touches my life like the waves on the sand
And all roads lead to Tranquillity Base
Where the frown on my face disappears
Take me down to my boat on the river
And I won’t cry out anymore

Wenn ich das ganze Gewurschtel hinter mir habe, hock‘ ich mich allein an den See und stell‘ mir das mal konkreter vor: So ein Dasein als Bootsverleiher. Die Ruhe, das Wasser, die Zeitung, eine Wurst dazu – und alle Störungen mit einem gekonnten Tritt beseitigen. Sehr verlockend (and the frown on my face disappears). Vielleicht fahr‘ ich auch gleich morgen an den See raus.

Mit den besten Wünschen für eine gute Nacht –
Die Kraulquappe.