Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

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Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

Ein Versuch über die Liebe: Clean, brush, love.

Zum Frühstück blätterte ich das gestrige Magazin der Süddeutschen Zeitung durch, da der Woody-Allen-Stil des Covers nahelegte, dass sich das Heft mit Sex beschäftigen würde – und so ein Thema schmeißt man schließlich nicht ungelesen ins Altpapier, nur weil die nächste Ausgabe der Tageszeitung schon bereitliegt.
Beim Lesen stellte ich dann allerdings fest, dass es in dem Magazin ausschließlich um die Liebe ging (was mir frühmorgens ohnehin das angenehmere Thema ist). Rührende und teils amüsante Geschichtchen rund ums Finden und Verlieren kleiner und großen Lieben waren darin zu lesen.

Jedes dritte Wochenende ist bei uns Hausputz angesagt.
Was bedeutet: Der Gatte lässt für eine Weile von der samstäglichen Schreibtischarbeit ab und klinkt sich in die Niederungen der gemeinen Wohnungsreinigung ein. Nach über 10 Jahren sind wir da längst ein eingespieltes Team, die Choreografie sitzt bis ins kleinste Detail, man schwebt fast aneinander vorbei, der eine mit dem Staubsauger bewaffnet, der andere mit Putzeimer und Schrubber in der Hand, jeder vertieft in sein Tun, bestenfalls ab und an einander einen Satz zuwerfend („Warst du da schon?“ / „Kann ich dort schon wischen?“ / „Steckst du mal bitte den Staubsauger um?“ o.ä.) – und nach knapp zwei Stunden ist der Spuk auch schon vorbei und die Hütte glänzt wieder.

Zwei Stunden, in denen man bei allen Routinetätigkeiten >2 Minuten so vor sich hindenken kann.
Als ich mein Bettlaken mit der Polsterbürste gründlich von den Hundehaaren der letzten Nacht befreie, wandern meine Gedanken zurück zu meiner Morgenlektüre, dem Liebesmagazin. Das tun sie deshalb, weil ich immer wieder darüber staune, mit welchem Stoizismus ich diese tagtägliche Haarklauberei betreibe. Seit 6 Jahren enthaare ich morgens mein Bett, kann an der haarigen Ausbeute die Qualitiät des Nachtschlafs meiner Dackeldame und den nahenden Fellwechsel ebenso ablesen wie die Anzahl der nächtlichen Schmuseeinheiten und Traumphasen. Wenn alles gut geht, was ich inständig hoffe, werde ich noch weitere 10 Jahre Morgen für Morgen in völliger Gelassenheit, und ohne daran auch nur das Geringste grotesk oder absurd zu finden, dunkelsaufarbene (und später einmal auch graue) Hundehaare von meiner Matratze klauben.

Heute fällt mir bei diesem Tun plötzlich K. ein, die große Liebe aus Wien, damals, als es den Schilling noch gab und Telefonieren noch ein Vermögen kostete, was die Generation Flatrate sich heutzutage ja gar nicht mehr vorstellen kann, so dass ich vor lauter Liebe und Telefonieren nur noch Dosenfutter in meiner winzigen Studentenbudenküche aufwärmen konnte.
Als K. mir in einem schummrigen Wiener Beisl seine Aufwartung machte, war das dummerweise mein letzter Abend in Wien, es reichte gerade noch zum Austausch von Basisinformationen (Name, Alter, Familienstand, Studienfach, Herkunft, Lese- und Musikgeschmack), Adressdaten und ein paar unvergessenen Blicken.
Zwei Wochen später stand K. am Münchner Hauptbahnhof, der Papa hatte uns freundlicherweise den Schlüssel zu einem Wochenendhäusl überlassen, mit meinem kleinen roten Fiesta fuhren wir dorthin, 12 Betten zur Auswahl, aber wie erhofft landeten wir gemeinsam in nur einem davon.

Am Morgen nach der ersten Nacht, K. war gerade unter der Dusche und verwendete zu meinem Entsetzen ein Duschgel, das nach Kümmel roch, den ich ebenso hasse wie Marzipan oder Sellerie (war es der Wiener Schmäh, ein Härtetest oder einfach nur schlechter Geschmack? – ich weiß es bis heute nicht!), ich räkelte mich noch liebestrunken in den cremefarbenen Laken, stand dann aber auf, um uns ein Frühstück zuzubereiten und klappte nach dem Aufstehen, ordentlich wie ich bin, die Bettdecken zurück, damit der süße Dunst der Nacht ihnen entweichen könne.

Und was sah ich da? Unendlich viele dunkle Haare auf dem Laken! K. trug zwar beileibe keinen Ganzkörperpelz, aber die behaarten Partien reichten offenbar aus, um das Betttuch so aussehen zu lassen wie es eben aussah, so dass ich kurz in Erwägung zog, den Staubsauger zu holen. Gottseidank bewahrt einen das Frischverliebtsein aber vor solch schnöden, unromantischen Aktionen, zumal am frühen Morgen.
Mit einem Hauch Kümmelduft in der Nase verließ ich also das verhaarte Schlafzimmer, begab mich in die Küche, bereitete liebevoll das erste Frühstück für uns zu und beschloss, weiterhin ungestört in K. verliebt und über die läppische Störung durch ein paar Haare und Gerüche erhaben zu sein.

Drei oder vier Besuche später gefiel mir die Sache mit den Haaren aber schon spürbar weniger, und im nachfolgenden Semester, in dem wir beide unter Prüfungsstress standen, verstärkte sich diese Empfindung nur noch. Auch das Kümmelduschgel hatte sich nicht als Probepäckchen entpuppt, sondern war immer noch im Einsatz.
Letztlich ging diese Liebe aber nicht an Haaren oder Kümmel zugrunde, sondern an der Tatsache, dass ich irgendwann kein Geld mehr hatte, um in Wien anzurufen oder gar nach Wien zu reisen und K. mitten in der Famulatur auch keine Exkursionen mehr in meine Studienstadt unternehmen konnte, so dass das Ganze mit einem Paar Lammfellhandschuhe (und einem blasslilafarbenen Kärtchen anbei), die mir K. nach Würzburg schickte (und die ich heute noch habe, obwohl sie mir schon damals zu klein waren) kurz vor Weihnachten ein jähes, tränenreiches Ende fand.

Beim der morgendlichen Matratzenenthaarung stellte ich heute fest, dass das Dackelfräulein ja manchmal pro Nacht mehr Haare auf meinem Bettlaken verliert als K. sie jemals und auch bei noch so angeregten Schlafzimmeraktivitäten in einer ganzen Besuchswoche hinterlassen hätte.
Außerdem riecht so ein Dackelhund zwar nicht nach Kümmelduschgel, dafür steckt zugegebenermaßen gelegentlich doch ein Hauch Kuhfladenduft, Pferdeäpfelodeur oder Hasenpipimief in seinem borstigen, haareverlierenden Fell…

… und während ich all das so denke, beim stoischen, minutenlangen Polsterbürsten, die Morgenliebeslektüre noch in mir nachwirkend, frage ich mich, wieso man von einem doldenblütlergeduschten, dezent haarenden Wiener Medizinstudenten schon nach einem halben Jahr dermaßen genervt war, hingegen in sechs Jahren kein einziges Mal von dem kleinen, reizenden Rauhaardackelchen, das einem das Zehnfache an Aufwand beschert (nicht nur die Matratzensache betreffend), und zwar täglich, und ich merke, dass ich mal wieder kein bisschen verstehe, wie das mit der Liebe eigentlich war und ist und sein wird.