Impfmüdigkeit.

Großer morgendlicher Arzttermin in Oberhaching, inklusive Jahresimpfung.

Es ist alles bestens: das kleine Dackelherz pumperlgesund, die momentane Scheinträchtigkeit in unbedenklicher Ausprägung, Beweglichkeit und Gewicht top, die Bisswunde ordentlich verheilt, der Zahnstatus viel besser als gedacht, wir erhalten sogar ein Lob für die gut gepflegten Beißerchen.

Bis auf einen kurzen Piekser kann also nichts weh tun, trotzdem zittert das Tier die gesamte Dreiviertelstunde über wie Espenlaub.

Hernach, weil man ja eh schon so nah an der A8 ist, gleich weiter gen Süden, ins Tegernseer Tal, den geräderten Hund bei einer Wanderung an der Weißach auf andere Gedanken bringen.

Aber das Fräulein hat heute nicht ihren sportlichsten Tag. Sie mag nicht. Gar nicht.

Weder Schwimmen noch Sausen noch Springen. Macht nichts. Bleibt sie halt mal innerhalb des Laubfroschradius‘.

Weltrekorde im Weitsprung sind ja eh allein schon wegen ihrer Seltenheit eine Rarität – wie es ein Sportjournalist mal so treffend sagte.

Die 9 km bis zum Alten Bad waren dann heut das absolute Maximum und nun betonieren wir die allgemeine Hormonlage einfach mit ein paar Kalorien zu und lassen uns später vom Papa abholen und zurückkutschieren, denn an Zurücklaufen ist nicht zu denken.

Frohe Ostern allerseits & dieses Gasthaus sei Ihnen streuselkuchentechnisch sehr ans Herz gelegt, sollten Sie mal in der Gegend sein – und die CSU tagt ja kaum noch hier, so dass nur die etwas aufdringliche Bracke vom Wirt ein bisserl stört.

Standing on a ledge oder: Der Krebs und sein Gang.

Traf ich dieser Tage den J. wieder.
In herrlich milder Luft sitzen wir draußen und trinken Tee.
Der Name des Cafés so verheißungsvoll wie das Wetter: Der LENZ ist da (tralala & verhext & grün & hopsasa).

Lange hatte ich ihn nicht gesehen, er war sehr absorbiert. Von einem hartnäckigen Karzinom. Und noch mehr von all den Medikamenten und den Therapien vorher und nachher und überhaupt. Hatte sich sehr zurückgezogen. So sehr, dass ich das mit dem Krebs zunächst von einer gemeinsamen Bekannten erfuhr und nicht von ihm.

Normalerweise verabreden wir uns nicht, J. und ich, sondern laufen uns zufällig über den Weg (wie das üblicherweise zwischen uns war, können Sie hier nachlesen, dann sind Sie im Bilde).
Eine Krebserkrankung kann solche Verhaltensmuster schon mal verändern. Plötzlich ein Gefühl von Endlichkeit oder zumindest eines von Nicht-mehr-blind-drauf-vertrauen-Wollen, dass man einander schon – wie in den 20 Jahren zuvor – alle zwei Jahre im Park, auf der Straße, an der Isar, im Schwimmbad oder auf dem Berg begegnen würde.
Nun sitzen wir also, explizit verabredet, in einem Café. Das ist neu für uns.

Ich mustere ihn verstohlen. Ob die Krankheit ihn verändert hat. Ob sie seiner Sportlerstatur etwas anhaben konnte. Ob die grauen Locken noch dieselbe Länge und Dichte haben. Ob die Gesichtszüge andere sind als bei unserer letzten Begegnung. Ob man ihm mittlerweile sein Alter ansehen kann, ihm, dem völlig Zeitlosen und ewig Frischen.
Seine Stimme zu hören, und sie auch so gänzlich unverändert wahrzunehmen, tut mir gut. Sie gehört zu den wenigen Stimmen, die ich mit geschlossenen Augen memorieren kann und das schon seit über 30 Jahren. Ein schönes, weiches Münchnerisch, durchsetzt von ein paar Dialektsprengseln des Oberlands, vielleicht aus Mittenwald, wo J. geboren wurde oder aus Lenggries, wo er aufwuchs.
Der Blick hinter seiner John-Lennon-Brille ist noch derselbe wie eh und je, froh, wach und lebendig, nur vielleicht etwas müder geworden, aber diese Interpretation kann auch meiner eigenen momentanen Müdigkeit geschuldet sein.

Wir haben uns nebeneinander gesetzt, so können wir beide den Rücken an die Hauswand lehnen und in die Sonne gucken.
Sprechen über dies und das. Über alte Zeiten. Über gemeinsame Stationen, damals. Über den Papa, natürlich. Über das letzte Jahr. Über das Jetzt. Über den Krebs. Über den Umgang damit. Über Metastasen und Chemotherapie und Bestrahlung. Über Heilung, Chancen und Heilungschancen.

„Jetzt sitzen wir hier, wir zwei Krebse“, sagt er, „und sprechen über Krebs!“.
Er lacht verschmitzt und meint, das sei eh die ganze Zeit über seine Devise gewesen: drauf zu vertrauen, dass ein Tag komme, an dem Krebs wieder einfach nur (s)ein Sternzeichen sei, dem er keine größere Bedeutung schenken müsse. Und dass er ja momentan als geheilt gälte.
Ich frage nach, will die ganze Geschichte hören, sofern er sie erzählen möchte, denn es ist ja manchmal so eine Sache mit den eigenen Krankheitsgeschichten: sie nerven einen ab einer gewissen Wiederholung – wie eine Platte, die hängengeblieben ist – und machen einen dann bei jeder weiteren eher noch kränker als dass einem das Erzählen noch irgendeine Erleichterung verschaffte.

J. stört das nicht, er erzählt mir bereitwillig alles, chronologisch, ruhig, mit einigen Pausen dazwischen.
Wir sehen uns die meiste Zeit dabei nicht an, weil wir ja nebeneinander sitzen und Richtung Sonne blicken, das fühlt sich entspannt an. Auch daran erkennt man vertraute Menschen: dass man auch nach langer Zeit ohne Warmwerdenmüssen und ohne Holprigkeiten über alles miteinander sprechen kann, dass man sich nicht dauernd ansehen muss (es gleichwohl mühelos könnte), dass man Pausen gut aushält, dass man nebeneinander sitzen kann und sich keine Gedanken über den passenden Abstand machen muss.

Fasziniert bin ich vor allem davon, dass J. während der gesamten Chemotherapie wöchentlich 1x auf einen Berg stieg, immer am Tag vor der Infusion, immer alleine.
Einmal habe er sich im Wochentag geirrt („es war ja alles so gleich in diesen Monaten“) und da rief die Assistentin aus der Onkologie vom Rechts der Isar ihn dann auf dem Handy an und fragte, wo er denn sei.
– Draußen sei er.
Ja wo denn „draußen“, wollte sie wissen.
– Auf einem Felsvorsprung sei er, in dem Ammergauer Bergen.
Aber das dürfe er doch nicht, er solle doch zuhause sein und sich schonen oder draußen nur mit Mundschutz unterwegs sein und schon gar nicht bergauf, das sei viel zu anstrengend, viel zu riskant.
– Na das hätte er ihr auch nicht freiwillig erzählt, aber sie habe ja nicht aufgehört, ihn zu fragen.
Jedenfalls zwang sie ihn dann doch zur Umkehr, weil die Infusion noch an dem Tag hat sein müssen, also stieg er halt wieder hinab („schad‘ um die Klammspitze, ich war fast schon oben!“) und fuhr zurück in die Stadt, direkt zur Klinik.

Er legt mir die Hand auf den Arm nach diesen Worten und schaut mich von der Seite an und sagt: „Ich wusste, dass ich hinauf gehen muss. Weil ich das doch mein Leben lang gemacht habe. Seit fast 60 Jahren gehe ich immer hinauf, erst recht, wenn es hier unten beklemmend wird. Ich wusste, wenn ich das jetzt bleiben lasse und mich daheim einsperre und mit Mundschutz auf den nächsten Termin warte, dann geh ich drauf.“
(Dass er sich das an dem einen oder anderen Felsvorsprung, den er in dieser Phase passierte, ebenfalls gedacht habe, auch das verschweigt er mir nicht.)

Wir bestellen ein zweites Getränk, reden über die Berge, auf denen jeder von uns in der letzten Zeit so herumturnte, in welcher Verfassung auch immer (man hätte sich mehrfach treffen können oder zumindest zuwinken), und darüber, was das mit uns macht, und wieso man das Glück und vielleicht sogar Heilung findet, dort oben.
Denn Heilung bedeutet auch, dass man spürt, was einen noch trägt, wenn vieles aufhört, einen zu tragen.

Die Sonne verabschiedet sich aus der Ludwigsvorstadt und verschwindet allmählich hinter der Ruhmeshalle, um ihre letzte Abendrunde durch die Schwanthalerhöhe zu drehen.
Innerlich randvoll (Gedanken, Gefühle: das Leben, der Tod, der eigene Weg, die Begleiter auf diesem, die Richtungswechsel, die Sackgassen, was war, was ist und was wird noch sein können?) gehe ich nach diesen Stunden nachhause und höre mir das Lied an, das mir zum Felsvorsprung gleich in den Sinn kam (I’m standing on a ledge…) und sowieso gut zu J. passt: some kind of gypsy boy, schon immer.

Der heutige, unerwartete Wintertag lässt’s zu, das Erlebte noch in Worte zu fassen, und auch der morgendliche Termin hat wieder einen Tropfen Öl in das viel zu oft klemmende innere Schloss eingebracht, auf dass es geschmeidiger und leichtgängiger werde und der Schlüssel sich drehen möge. Rechts herum!

Alle Zeit der Welt oder: Es hängt.

Ein schwieriger und seltsamer Tag heute.

Im Grunde fing’s schon gestern an, mit der Zitterpartie im Innenstadtklinikum (je älter, desto verspannter vor und bei speziellen Arztterminen), der Hagebuttenkrapfen im Anschluss und der überfällige Erstbesuch der Buchhandlung hier im Viertel haben’s kurzfristig ein bisserl rausgerissen…

Das „Buch & Bohne“, endlich mal aufgesucht.

…abends folgte noch das wöchentliche Zähneputzritual mit dem Dackelfräulein, ein die Nerven aller Beteiligten stets ziemlich strapazierendes Unterfangen, dessen Durchführung uns die Tierärztin täglich anriet, was absolut undenkbar ist.
Danach ein niederschmetternder Austausch mit einem, der in eine Nachfrage ein Urteil hineininterpretierte, seinerseits aber nicht nachfragte, ob er damit richtig läge, sondern brüskiert zu dem Schluss kam, ich hätte ihn extrem missverstanden – und auch dabei blieb (was soll man da noch tun, sagen, denken?).

*****

Heut Morgen dann früh raus und – wie in alten, vertrauten Springsteen-Vorverkaufsbeginn-Zeiten – mit Kaffee und Kreditkarte bewaffnet an den Schreibtisch gesetzt, vor fünf Browserfenstern wartend, vermeintlich gewappnet für alles, trotz begleitender gastrointestinaler Symptome (wie immer bei solchen Anlässen konstatierend: zu dünnhäutig und zu wenig robust, für so vieles), sich nach 15 Minuten gefragt, warum man sich diesen Mist eigentlich antut (man möcht‘ so gern einfach wo anrufen oder hingehen und sagen: „Guten Morgen, ich hätt‘ gern zwei Karten für…“), denn es kommt, wie es kommen musste, sobald der Online-Vorverkauf freigeschaltet wird: das erste Fenster hängt sich wegen Überlastung des Servers auf, das zweite bricht kurz vor dem Bezahlvorgang ab, das dritte verkündet, man sei bereits eingeloggt und könne sich nicht erneut einloggen, das vierte zeigt eine Sanduhr und im Hintergrund verschwommen den Warenkorb und das fünfte schafft ums Verrecken den Bildaufbau der Saalplanmaske nicht.

Also alles wieder von vorne, parallel auch noch alles auf dem Laptop – und nach 45 Minuten sind tatsächlich zwei Theaterkarten bestellt, für den Geburtstag des Gatten. Darauf einen Nutella-Toast!
Das eigentliche Geschenk ist ja in solchen Fällen sowieso der Buchungsvorgang, nicht etwa der Theaterbesuch (denn der Gatte wäre allein wohl gar nicht bis zu diesem Punkt gekommen, weil der hat’s nicht so mit den Widrigkeiten der Technik).

Aber jetzt haben wir ihn in der Tasche, den Ofczarek – für drei Stunden diese Stimme, diesen Dialekt und diese Wien-Visage der Extraklasse!

*****

Auch der weitere Tagesverlauf passt zu den fünf Browerfenstern am Morgen: er hängt.

Alles hängt, auch das, von dem man dachte, es würde jetzt voran- oder vorübergehen (muss man hier nicht im Einzelnen notieren, denn es geht ja auch vorüber, nur eben nicht heute).
Das Dackelfräulein nicht gut in Form: die Hormone mal wieder, bald wird sie Mutter, meint sie, und schaltet schon mal um auf den Omi-Schlurf-Modus, damit sie bis zur fiktiven Niederkunft möglichst ressourchenschonend über die Runden kommt (ein minimal zu strenges Wort und schon hängen die Ohren bis zum Trottoir hinunter und dazu ein Blick, als hätte man ihr ohne Anästhesie die Milz rausgerissen).
Mittags ein kurzer Besuch von dem, der sich missverstanden fühlte: ich bemühe und erkläre mich, und er meint schließlich, er glaubt mir nicht (was soll man da noch tun, sagen, denken?).
Danach ein Anruf vom Papa: dass die beiden neuen Parkinsontherapien ihn irgendwie überfordern und er nicht wisse, ob er da weiter hingehen solle, wolle, könne.
Irgendwann zwischendurch trudelt ein trostloses Foto ein, vom Gatten aufs Handy geschickt: darauf ein trostloses Hotel in einer trostlosen Stadt, eine Vortragsreise, gottseidank morgen schon wieder vorbei.
Vor dem Supermarkt schließlich ein uralter Hund: die Pfote verbunden, mit leerem Blick geduldig wartend, ein vorbeigehender Prolet pöbelt ihn an, weil der Hund ein wenig im Weg sitzt, woraufhin ich so tue, als wäre es mein Hund, zu ihm gehe, um so den Pöbler zu vertreiben, was auch gelingt und sogleich von einem schwachen Wedeln quittiert wird, aber ich (kurz vor dem Losheulen) flüchte schnell in den Laden.

*****

Am Abend ganz unerwartet ein Umschwung.
Bis dahin aber bereits so gerädert, dass man sich gar nicht gleich so richtig freuen kann, wenn eines der beruflichen Projekte sich plötzlich genau so fügt, wie man’s haben wollte, nahezu mit allen Details. Das ist doch was (hätte man’s nur morgens schon gewusst, dass das noch kommen würde).

Darauf einen Grünen Veltliner!
Und dem Papa eine Mail geschrieben, dass er doch bitte nicht so früh die Flinte ins Korn werfen solle, was die neuen Behandlungsmethoden beträfe, und dass ich ihm dankbar sei, weil er mich schon als Kind dazu ermutigt habe, immer offen zu artikulieren, was ich gern hätte und was nicht („Andere können nicht riechen, was du möchtest, das musst du ihnen schon sagen!“ / „Mehr als Nein sagen kann der andere ja nicht!“).

Meine Kindheit war keine allzu lustige oder schöne, aber dieser Appell, der war wirklich gut für mich.

*****

Der Hund von Baskerville.

*****

Im Traum lag ich aufgebahrt und mit einem Hüftgurt auf einer Liege festgeschnallt in einem kahlen, kalten Raum, die Decke schmutziggrau, links und rechts mintgrün gekachelte Wände, vor mir eine schwere Metalltür, hinter der ich Stimmen vernahm, so schwach, entfernt und verschwommen allerdings, dass ich nichts verstand, so sehr ich mich auch bemühte.

Auch sonst verstand ich nichts: warum ich dort lag, warum so seltsam fixiert, und warum mit diesen höllischen Schmerzen im rechten Arm. Hinter mir, in der einzigen Wand, die ich nicht sehen konnte, weil es unmöglich war, den Kopf so weit zu drehen, schien sich eine weitere Tür zu befinden, denn auf einmal hörte ich, wie dort eine Klinke heruntergedrückt wurde.

Ein Mensch betrat den Raum, näherte sich mir von hinten, beugte sich über mein Gesicht, so dass ich das seine nur als Fratze wahrnahm. Die Mimik verkehrtherum betrachtend musste ich erstmal überlegen, ob der Ausdruck nun als uklig oder unheimlich zu interpretieren sei. Ich fand es nicht mehr heraus, denn plötzlich pustete mir die Fratze unerwartet einen Satz ins Gesicht.

Der Fremde sagte: Wir können Sie heut nicht drannehmen. Ich fragte: Drannehmen wofür? Die Stimme antwortete: Das darf ich Ihnen nicht mehr sagen, Ihr Ausweis ist ungültig.
Mich durchfuhr ein Schauer, denn an irgendetwas erinnerte ich mich diffus, als das Wort „Ausweis“ fiel. Der fremde Mensch und seine Stimme kamen mir noch näher, bedrohlich sanken sie fast hinab auf meine Stirn, hinter der es wie wild dachte und suchte und nichts fand. Ich wollte meinen rechten Arm heben, um dazwischenzugehen, zwischen diesen fremden Schädel und meinen, aber der Arm ließ sich nicht heben, der Schmerz war zu groß.

Woher kam dieser Schmerz nur, woher? Ich hob den Kopf, bog den Hals weit nach rechts, wo mein Arm lag und sah mitten in meiner Armbeuge eine kleine halbmondförmige Platte stecken. Damit war mein Arm an der seitlichen Außenkante der Liege fixiert worden, quasi aufgespießt worden, jede Bewegung führte dazu, dass sich die Platte tiefer in mein Fleisch bohrte.
Blut war erstaunlicherweise keines zu sehen (überhaupt träumte ich in meinem Leben bislang nur einmal von Blut oder erinnere alle anderen Male nicht). Der Fremde atmete mir nun unangenehm in den Nacken, schwieg und ich spürte, dass er mich beobachtete.

Instinktiv wusste ich, dass mir nicht viel Zeit bliebe. Mit dem linken Arm fuhr ich blitzschnell nach rechts, riss den metallenen Halbmond aus meiner Armbeuge heraus (wieder kein Blut, nirgends!), und hielt ihn mir vor die Augen. „Du bist jetzt mein Land“ stand darauf. In Schriftart Baskerville war der Satz in die Mitte des Metallstücks eingraviert.

Ich begriff in der Traumwelt offenbar sofort, was es mit dieser Botschaft auf sich hatte, meine Schläfen pochten vor Aufregung, zugleich war ich wild entschlossen, nahm all meinen Mut zusammen und fuhr mit der linken Hand, in der sich noch immer der scharfkantige Halbmond befand, schnell nach hinten und stach den Fremden nieder.

Es gab ein dumpfes Geräusch, als er zu Boden fiel. Das kleine Plättchen, das ihn niedergestreckt hatte, löste sich wohl aus der Einstichstelle, denn ich hörte, wie es mit einem leisen Klirren irgendwo auf dem Steinboden aufkam, noch ein wenig vibrierte und dann verstummte. Totenstille herrschte in dem Raum.

In dem Moment öffnete sich die große Metalltür vor mir und ein Arzt, der mir bekannt vorkam, lächelte mir zu.
„Sie sind wieder gesund“, rief er mit einer Heiterkeit in der Stimme, die ich ihm beinahe übelnahm, und fuhr fort: „Sie dürfen jetzt erstmal nachhause gehen.“

*****

Um 6 Uhr wendet das städtische Räumfahrzeug quietschend im Hinterhof und schiebt den nächtlichen Neuschnee knirschend Richtung Einfahrt.
Ich wache auf.
In meinem rechten Arm schläft das eingekringelte Dackelfräulein. Die Dornschließe ihres Halsbands, das ich ihr nachts vor lauter Müdigkeit ausnahmsweise abzunehmen vergessen hatte, drückt ein wenig auf meine Armbeuge. Ich drücke einen Kuss auf ihre kleine Hundestirn, spüre ihr warmes Köpfchen und denke: Wo wir so zusammen sind, dort muss Zuhause sein.

Sky of memory and shadow (a dream of life). Zum 21. November 2018.

Lieber P.T.,

es ist an der Zeit, Ihnen mal ganz explizit zu danken.
Und Ihr Geburstag ist ein sehr guter Anlass dafür.

Ohne Ihren beharrlichen Zuspruch und Ihre Unterstützung hätte ich es vor vier Jahren mit Sicherheit nicht so (vergleichsweise und für meine Verhältnisse) schnell geschafft, mich aus meiner beruflichen Sackgasse zu befreien und den Horror vor all den damit verbundenen „Amtswegen“ zu überwinden (und erst recht den, anschließend ins Bodenlose zu fallen).
All meine Schreckensvisionen haben Sie sich angehört, nachgefragt, seziert und behutsam darauf hingewirkt, sie zu eliminieren oder sie zumindest auf ein realistisches, rationales Maß zurechtzustutzen. Heute muss ich über so manches schmunzeln, was ich damals für unmöglich oder nicht umsetzbar hielt (und feststellen: sogar noch viel mehr als DAS war machbar und die Welt ist selbst dann nicht untergegangen, sogar die in dem Kontext innerlich ausgemalten Kleinkatastrophen blieben aus – das Schicksal ist wirklich in vielerlei Hinsicht ein mieser Verräter).

Ohne Ihren klugen und empathischen Beistand hätte ich mich noch weitere Jahre mit dem Fehlen einer Antwort auf diese eine zentrale Frage (die Mutter betreffend, Sie wissen schon) herumgequält, die mich vor 13 Jahren erstmals in Ihre Praxis führte. Mittlerweile liegen Frage und Antwort ungeahnt friedvoll nebeneinander in einem Ruheforst und die Qualen sind weitgehend über- und ausgestanden.

Ach ja, und dann noch diese andere Riesensache aus der Rubrik „Endlosschleife der Verhaltensmuster aus der Kindheit“. Ohne Ihr geduldiges Zuhören und Ihr kritisches Nachfragen hätte ich mich vermutlich noch ein weiteres Jahr in dem absurden Rettungsprogramm dieser recht hoffnungslosen Knalltüte Person (der U., Sie erinnern sich) sinnlos aufgearbeitet. Und den Absprung erst viel später geschafft und dann womöglich den Gatten nicht mehr getroffen, endlich einen Menschen, der nicht gerettet werden musste und nicht im düsteren Kerker seines nicht gelebten Lebens und seiner Ideenlosigkeit vor sich hin trank und jammerte.

All die Jahre war ich Ihnen übrigens auch immer wieder dankbar dafür, wenn ich heulend dasitzen durfte ohne dass Sie dann je in einen betulichen Trostmodus verfallen wären – ich schätzte es immer sehr, dass Sie meine Tränen mit genau dem richtigen Gesichtsausdruck ausgehalten und angenommen haben (und einfach ein Taschentuch herüberreichten).

Nicht zu vergessen: Ihr Hinweis auf einen definitiv lebenswichtigen Film für Hunde- und Dackelliebhaber. Auch dafür herzlichen Dank. Denn seit wir Pippa haben, kriegen wir das Kinoprogramm meist nicht mal mehr mit, sondern sind zu Serienjunkies auf der heimischen Couch avanciert, weil da der Hund mit dabeisein kann.

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass ohne Ihre Impulse diese Zeilen heute wohl nicht hier stünden, denn Sie waren es, der mir den Widerwillen (und die Vorurteile) gegen das Bloggen nahm und mich vor meiner großen Schwedenreise 2014 zum Schreiben animierte.
Wer weiß, ob ich ohne diesen Anfang später je versucht hätte, meine Texte auch anderswo unterzubringen und das eines Tages sogar gegen Bezahlung…

Und wissen Sie was? Wenn alles gutgeht, dann fahre ich nächstes Jahr erneut über die geliebte Öresundbrücke, wo Sie zwar leider wieder nicht als Kassierer sitzen und mir ein fröhliches „Hej hej“ und „Trevlig resa“ zurufen werden, aber ich würde diesmal die Brückenmaut auch nicht mehr selbst bezahlen müssen, weil mir die gesamte Fahrt gesponsert würde, bis nach Gotland!
Sollte das wirklich klappen, fotografiere ich Ihnen alle schwarzen Schafe, die ich auf der Insel treffe und bring‘ Ihrem Hund eine Decke aus Gotlandwolle mit – versprochen!

Als Zeichen meines Danks für alles, das Sie für mich getan haben bzw. mich konsequent anstupsten und ermutigten, es selbst für mich tun zu können, gebührt auch Ihnen ein Song vom Boss (Sie ahnten es natürlich, dass das kommen würde 🙂 ).

Es ist keiner meiner favorites, dafür sind über weite Strecken die lyrics wirklich sehr passend für das, was ich damals empfand und das, was über die Jahre daraus erwuchs: The rising (somehow).

Can’t see nothin‘ in front of me
Can’t see nothin‘ coming up behind
Make my way through this darkness
I can’t feel nothing but this chain that binds me
Lost track of how far I’ve gone
How far I’ve gone, how high I’ve climbed
On my back’s a sixty pound stone
On my shoulder a half mile of line

A dream of life comes to me
Like a catfish dancin‘ on the end of my line
Sky of blackness and sorrow (a dream of life)
Sky of love, sky of tears (a dream of life)
Sky of glory and sadness (a dream of life)
Sky of mercy, sky of fear (a dream of life)
Sky of memory and shadow (a dream of life)
Your burnin‘ wind fills my arms tonight
Sky of longing and emptiness (a dream of life)
Sky of fullness, sky of blessed life
Come on up for the rising!

 

Wir sehen uns dann demnächst beim üblichen „Jahresabschlussgespräch über die aktuellen Lebensbaustellen“. Das Fundament nun ein so anderes als vor 5 Jahren, das Grundgefühl ein so viel stabileres und die Aussichten bei Weitem nicht mehr so trüb wie damals, im Gegenteil. Nur hätte ich nicht gedacht, wie lange das dauern würde, dieses Sich-Rausschälen aus dem, was nicht mehr passte und vielleicht eigentlich nie passte, was krank machte, einen blockierte und abhielt oder ablenkte.

Auch da hatten Sie recht: es ist ein langer Weg.
Drehe ich mich um, kann ich all den zähen Morast, die tiefen Furchen, die üblen Stolpersteine noch sehen. Schaue ich nach unten, fühle ich jetzt festen Boden unter meinen Füßen. Und richte ich den Blick nach vorn, sehe ich zwar noch keinen klar umrissenen Weg, aber doch schon viel mehr als nur eine Andeutung desselben – und vor allem sehe ich dieses Leuchten am Horizont.

Bis bald & zum heutigen Tag die allerbesten Glückwünsche für Sie –

Ihre N.H. alias Kraulquappe.

Da sein.

Der Winter ist da. Das Dackelfräulein rastet wie immer aus und staubt durch die erste, noch dünne weiße Pracht.

Und Lolek ist auch wieder da. Um seine wackelnden Türschwellen von vor zwei Wochen rauszureißen und nochmal neu zu verlegen. Natürlich wieder zur Lolek-Time: morgens um kurz nach 7 Uhr. (Möge der frühe Pole diesmal den Wurm erwischt haben.)

Der November geht in die letzte Runde. Diese Woche: Beseitigung kleinerer Baustellen, in Sachen Wohnung, in Sachen Gesundheit (nebenher noch Steuererklärung und Schimmelentfernung, eine schwere Wahl, was zuerst/lieber…).

Immer dieser verfluchte Bammel vor neuen Schäden, Pannen, Überraschungen. Und auch vor Vollnarkosen (wie oft haben sie einem für danach eine Breze versprochen, auf die man sich vor dem Knock-out tröstend freute und dann wurde ein Napf bleiches Hühnerfrikassee serviert, von dem einem noch speiübler wurde und erst recht zum Heulen zumute war).

Wie gesagt: alles Lästige in diesen Monat reingepackt! Der Advent darf mir gern und ausgiebig ein Gefühl von advenire bescheren. Ich möcht‘ mich mit einer Großpackung der Kindheitslebkuchen, diese billigen Herz-Stern-Brezen-Dinger, unter einen der frisch lackierten Türrahmen setzen und von dort aus mampfend und teetrinkend die letzten Lampen, Malereien und Silikonfugen bestaunen, um die sich der Handwerksfreund nächste Woche noch kümmern wird, und wenn ich genug gestaunt habe, dass jetzt endlich alles fertig, sauber, aufgeräumt und befestigt ist, dann möcht‘ ich aufstehen und den diesen Freitag abholbereiten Marimekkovorhang (der einen hinsichtlich zu bestellender und gelieferter Länge und zu beachtendem Rapport fast zur Weißglut getrieben hat) zuziehen und einfach mal kurz die Füße hochlegen.

Und mich anschließend gänzlich anderem, das so lang (ja, viel zu lang!) aufgeschoben wurde, zuwenden. Das neue Jahr lockt mit neuen Plänen.

Haben Sie einen guten Start in den Winter – und nehmen Sie bitte Abstand von Genesungswünschen oder Gesundheitsnachfragen, schicken Sie lieber Brezen oder Billiglebkuchen. Oder einfach ein Stoßgebet gen Winterhimmel.

Ihre Kraulquappe.