Herbstanfang.

Genießen Sie die letzten Sonnenstunden jenseits der 20 Grad…

…und bleiben Sie auch den Herbst über gesund!

Erinnerungen an Orville.

Auf dem frühmorgendlichen Weg zur Blutabnahme eine neue Spezies entdeckt: den urbanen, pandemischen Blauschnabelalbatros (lat.: Diomedea coronara urbana), Vertretern meiner Generation noch als gelbschnabeliger Orville ins Gedächtnis eingebrannt.

 

Die beiden Sätze des Tages: „Wie aus dem Lehrbuch, Ihre Leber, sehr schön!“ und „Was für eine zartwandige Gallenblase!
Trotz leichter Angst wegen des Rollvenenzirkus‘ (die Sprechstundenhilfe blickt auf den abgebundenen, fleißig faust-pumpenden rechten Arm und meint: „Also da sehe ich schon mal gar nichts.“, wenig später fügt sie hinzu: „Und da fühle ich auch gar nichts.“), etwas Schwummrigkeit wegen Morgennüchternheit und einem Blutdruck von 68:47 freut einen das.
Auf Ersteres wird gleich heute Abend mit einer TAP7-Weißen aus dem Hause Schneider angestoßen.

Alles Weitere bleibt abzuwarten (so lange drei Tage Mittenwald auf die Weise machbar waren wie letzte Woche, kann die Lage nicht dramatisch sein, sag ich mir) – wir lenken uns derweil hervorragend mit etwas Vermieterkorrespondenz, der Kammerjägerterminkoordination (Highlight: auch Lolek wird bei dem Termin zugegen sein, wegen der Öffnung von Steckdosen und Schaltern) sowie einer kleinen Ausfahrt anlässlich des heutigen Geburtstages der Hundedames des hübsch Bewimperten ab.

Das Dackelfräulein lernt das Teilen – mit ihrer Rückbank klappt das auch schon.

Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

Als die Kraulquappe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungustl verwandelt. Sie lag auf ihrem von zweimonatigem Baustellengenerve verspannten Rücken und sah, wenn sie den Kopf ein wenig hob, ihre winterbleichen Beine, zwei bogenförmigen Gebilde, zwischen denen die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, mit den letzten Traumresten zu einem klebrigen Etwas verschmolz. Ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dürren Morgengedanken flimmerten ihr hilflos vor den Augen.

Sie stand auf, gähnte heftig, rieb sich die Augen, streckte sich, blickte aus dem Fenster und sah wie eine Taube ungeschickt auf einem der Garagendächer des Hinterhofes landete und dabei ins Straucheln geriet.

Ihr Kopf hämmerte heftig, eine düstere Schwere lastete auf ihrer Brust, überhaupt fühlte sich ihr Körper so an, als sei ihm eine Art Leblosigkeit in die Knochen gekrochen und hätte sich dort eingenistet. In die dunkelgrüne Morgenjacke schlüpfend dachte sie: „So ein Schlafmittel, das ist keine Lösung für mich.“ Geschlafen hatte sie nämlich dennoch nur dürftig, stattdessen war ihr übel.

Und kaum hatte sie das vor ihrem sich noch im Prozesse des Erwachens befindlichen Inneren ausgesprochen, wusste sie, was sie tun musste, aller Müdigkeit und aller auf sie wartenden Pflichten zum Trotze.

Sie teilte sich, auf Verständnis hoffend, den ihren mit, packte alsbald ihre Sachen, schnürte ihr Ränzlein – und empfahl sich. Stieg ins Auto, legte den Forenbacher ein und fuhr los. Unterwegs wurde ihr klar, dass nun eine – man will es hoffen: überschaubar kurze! – Zeit des Unsagbaren beginnen würde. Denn es würde ab nun Ereignisse und Situationen geben, die besser ungesagt blieben, und das umso mehr, je schöner und je unsagbarer sie wären.

Denn über die Triftigkeit von Gründen wollte sie weder debattieren noch streiten, schon gar nicht mit Uniformierten, die je nach Landkreis die Dinge mal so und mal ganz anders sahen. Erstmals zog sie in Erwägung, die ihr sonst so verhasste, weil so dämlich und wichtigtuerisch daherkommende Formulierung „aus Gründen“ zu verwenden. Wenn es sogar namhafte und mit Preisen dekorierte Journalisten wagen durften, diese Hohlphrase niederzuschreiben, ja gar eine Überschrift damit zu verhunzen, dann würde sie, sofern man sie an- oder aufhielte, um sie mit einem gestrengen „Quo vadis?“ zu behelligen und im nächsten Schritt sogleich dessen Notwendigkeit zu hinterfragen, einfach keck und hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, zurückflöten: „Aus Gründen!“.

Es hielt sie aber niemand an oder auf, denn sie kannte ja die diversen Schleichwege noch aus den Sommern ihrer Jugend, parkte das Auto an einem einsamen Fleckchen, an das sich nur Einheimische verirren würden und schlich sich durch ein Buchenwäldchen zum Bächlein und an diesem entlang, in stillen Serpentinen immer weiter, der Leere und der Einsamkeit entgegen, die ihr zugleich Fülle und Gesellschaft war, bis sie dort war, wo sie sein wollte, und wo sie sein würde, solange ihre Füße sie trugen und die Lunge ihr Herz mit Sauerstoff füllte und ihre Augen tief hineinblicken konnten in diese Weite, die ihre Heimat war.

Und so war sie ja auf eine gewisse Weise daheimgeblieben und es verging endlich mal wieder ein ganzer Tag voll des Glückes und der Freiheit und der guten Aussichten, in aller Heimlichkeit und in aller Achtsamkeit fern der Horden, die sich täglich durch die städtischen Parks schoben. Schon morgen wird sie dem Staate wieder als brave Bürgerin zur Verfügung stehen, wenn um 10 Uhr der KoCo19-Forschertrupp klingeln und ihre Venen anzapfen wird, wovor es ihr graut, aber sie hat sich ja gottseidank ein Beruhigungsfilmchen mitgebracht.

KoCo19 oder: Wenn die Studentin zweimal klingelt.

Wenn ich so weiterlaufe, bin ich spätestens im Sommer reif für einen Halbmarathon und habe dafür aber leider den Armzug beim Kraulschwimmen verlernt. In Laufwoche 3 sind die Fortschritte jedenfalls unübersehbar, die Runden vergrößern sich und die Jeans spannt schon ein klein wenig am Gesäß (und man möchte diese Entwicklung ja lieber dem Muskelzuwachs als der Kalorienzufuhr zuschreiben).

Beim Sonntagslauf im Park treffe ich zufällig J., der dort auch gelegentlich läuft.

Wir haben uns monatelang nicht mehr gesehen, unterbrechen daher natürlich unseren Lauf, blockieren durch unseren 2m-Abstand den Weg (was ich anderen stets munter ankreide) und unterhalten uns kurz.

J. ist ja nicht mehr der Jüngste, und kann seit seiner gesundheitlich schweren Zeit vor zwei, drei Jahren auch nicht mehr behaupten, nicht zur Gruppe der Vorerkrankten zu gehören. Dennoch ist er einer der sportlichsten und fittesten Menschen, die ich kenne – und das ist er immer noch. Ohne Bewegung, vornehmlich in den Bergen, aber auch sonst zu jeder Gelegenheit, würde er eingehen. Seiner Krebserkrankung ist er quasi davongelaufen, seine eigentliche Reha hat er in Regionen über 2.000m absolviert, ruckzuck war er wieder auf dem körperlichen Level, das er hatte, bevor das Karzinom entdeckt und entfernt wurde.

Heute erzählt er mir, dass er momentan deutlich früher am Tag laufe, weil da die Polizeistreifendichte noch nicht so hoch sei, denn neulich hätten sie ihn beim Laufen doch glatt angehalten (obwohl er allein und mit Abstand zu allem und jedem seine Runden durch den Park zog), nach seinem Alter befragt und ihn nachhause geschickt. Risikogruppe und so. Er müsse aber doch sein Immunsystem stärken, sagt er, wie die sich das denn vorstellen würden, fragt er, und weiter meint er: wie krass er das fand, dass die ihm tatsächlich mit Nachdruck rieten, heimzugehen. Er guckt, während er mir das alles berichtet, reichlich verzweifelt.

Wir verabschieden uns, winken uns eine Runde später nochmal zu. Kurz drauf sehe ich ein (die Parkluft verpestendes) Polizeimotorrad neben J. anhalten. Der Beamte redet mit ihm, anschließend läuft J. aus dem Park hinaus. Ich spüre einen Stich in Herzgegend und verlasse den Park ebenfalls und laufe weiter zu einer anderen Grünanlage, wo mich nichts an J. erinnert.

Im Sony-Walkman dudelt Dylans The Times They Are a-Changin’, das ich sonst meist wegen drohender Totdudelungsgefahr überspringe, heute aber anhöre, weil es mir auf einmal so passend erscheint.

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Erst gestern in der Zeitung gelesen, dass das Tropenmedizinische Institut der LMU München 3.000 repräsentativ ausgewählte Haushalte besuchen wird, um deren Bewohner zu fragen, ob sie bereit wären, an dem Projekt „Prospektive COVID-19 Kohorte München“ (kurz „KoCo19“) teilzunehmen.

Ziel der Studie ist, herauszufinden, wie wirksam die aktuellen Maßnahmen (Social distancing etc.) sind und anhand regelmäßiger Blutproben (zur Bestimmung von Antikörpern gegen SARS-CoV-2) in Kombination mit Befragungen und Auswertung von Symptom-Tagebüchern die Ausbreitung des Virus und den Verlauf der Epidemie genauer verstehen zu lernen und abschätzen zu können, wie viele Menschen die Infektion schon erfolgreich überstanden haben.

Dieser Antikörpertest ist etwas, das ich mir schon seit drei Wochen „wünsche“ (besser gesagt: das mich beschäftigt, aus persönlichen Gründen). Und siehe da: heute Vormittag klingelt es, aber wie so oft, reagiert sonntags erstmal keiner von uns, nach dem zweiten Läuten dann aber doch, und eine vermummte Abordnung der LMU (2 Medizinstudentinnen, 1 Ärztin) steht in Begleitung eines Polizisten vor unserer Wohnungstür.

Ich bin grad im Bad und creme mir die Beine ein, höre aber bruchstückhaft, was der Gatte vorn an der Tür spricht und schließe aus den Satzfetzen „ja sowas, einer von 3.000 Haushalten“ und „schade, im Lotto gewinnen wir nie“ sofort messerscharf, wer der vormittägliche Besuch sein muss, springe in meine labbrige Haushose, ziehe mir ein Unterhemd an und eile zur Wohnungstür.

Gute Sache. Wir werden an dieser Studie teilnehmen. In einer Woche kenne ich dann meinen Antikörperstatus. Fein. Oder auch nicht, das wird sich zeigen.

Das gewünschte „Symptom-Tagebuch“ wird einfach: da steht – ganz simpel – täglich „müde“ drin. Gelegentlich auch mal „hungrig“, „übellaunig“, „albern“ oder „nachdenklich“.

Was nicht so einfach wird, ist der praktische Part der Studie: die Blutabnahme. Seit ich denken kann, ein Horrorthema für mich. Nix als Rollvenen. Teils bricht die Arzthelferin nach 4-5 erfolglosen Einstichen schweißgebadet ab, meist aber breche ich bereits ab, wenn es nicht spätestens beim 3. Versuch klappt.

Ich mache trotzdem mit und betrachte das jetzt als therapeutisches Experiment: als eine Art paradoxe Intervention. Super Gelegenheit, dieser Angst mal daheim (!) auf dem Sofa (!) zu begegnen, im Kreise meiner Lieben und betreut von einem ganzen medizinischen Team.

Wenn ich das überstehe, bin ich hoffentlich ein lebensbegleitendes Trauma los. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten. Die Dauer des Projekts beträgt ein Jahr.

Außer Traumabewältigung, aktuellen Infos über CRP-Werte, Immun- und Antikörper-Status hat man als Teilnehmer keine Meriten von der Studie zu erwarten. Falls man keine Antikörper hat und plötzlich COVID-19-Symptome verspürte, dürfte man auf dem kurzen Dienstweg zum Rachenabstrich vorbeikommen und käme ggf. auf der Diretissima in eine der Münchner Kliniken. Tröstliche Perspektiven.

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Und sonst so?

Nur drei Schlaglichter, denn ich will Sie ja nicht unnötig aufhalten, an diesem herrlich sonnigen Sonntagabend.

Die Menschen stellen allerhand Sachen raus. Die Durchseuchung der Straßen mit Unrat ist dem Nützlichen allerdings immer eine Nasenlänge voraus.

Lolek wird uns wieder beehren. Schon übermorgen. Denn das neue, zartgelbe Vexierbild auf der frisch geweißelten Wand ist nicht etwaiger Lagerkollerlangeweile entsprungen und sicherlich auch kein Zeichen, das Außerirdische uns gesandt haben. Schon gar nicht, wenn sich auf der anderen Seite der Wand das erst jüngst neu installierte, polnische Abflussrohr unserer Waschmaschine befindet.

Cervisiam et ordinem. Hilft in der richtigen Dosierung immer. Mit diesem Equipment hat man bzw. frau die Parkbank übrigens mit hoher Wahrscheinlichkeit für sich allein.

Song des Tages (49).

Gestern Mittag noch schnell eine sogenannte Solo-Selbständige – man lernt ja nun auch neues Vokabular kennen – unterstützt: unsere Hundefriseuse, die schon etwas blass um die Nase war, weil sie seit Tagen den Anruf vom Gesundheitsamt fürchtet, mit dem man sie zur Schließung ihres kleinen Geschäfts auffordern wird.
Der kam dann sicher direkt, nachdem das Dackelfräulein und ich den Laden verlassen hatten, um 12:38 Uhr waren die neuen, coronabedingten Allgemeinverfügungen für Bayern bekannt gegeben worden.

Um unnötige Zusatz-Ausflüge vor die Tür zu vermeiden, frisch geschoren gleich weiter zum Gassi am menschenleeren Kanal…

…überall in der Stadt mittlerweile Hinweise, auf welch dünnem Eis wir uns derzeit bewegen.

Auf dem Heinweg hält an einer Ampel ein Porsche Cayenne neben mir.
Vier runtergelassene Fenster, vier unglaublich junge Proleten drin (man weiß gar nicht, was man sich zuerst fragen soll: ob die überhaupt schon den Führerschein haben oder wie die zu so einer Karre kommen), viermal trinkend und grölend. „Corona, Corona!“, rufen sie.
Mir wird mulmig, ich will sie vorlassen, aber sie fahren nicht los, als es grün wird, sondern erst, als ich Gas gebe und um die Kurve fahre. Dann hab ich sie hinter mir, sehr unangenehm, bis vor unsere Haustür hab ich diese Idioten hinter mir und kann im Rückspiegel beobachten, wie sie am gesamten Bavariaring, der die Theresienwiese säumt, jeden Passanten und Radfahrer anpöbeln, indem sie sich aus dem Fenster lehnen und „Corona, Corona!“ brüllen.
Als ich blinke und bremse, um das Auto zu parken, donnern sie hupend an mir vorbei.

Ich muss an die Sache mit den Hundehaufen denken, als ich das Trottel-Quartett wegrasen sehe. Jeder Hundehaufen in unseren städtischen Grünstreifen und Parks, der nicht weggeräumt wird, versaut auch denen, die das täglich ordentlich machen, die Freiheiten, die eigentlich jeder Hundehalter gern hätte: dass man mit seinem Hund überall spazierengehen darf, dass Hunde wohl gelitten sind, dass es nur wenige Orte mit Leinen- oder gar Maulkorbpflicht gibt, dass es mehr Freiräume als Verbotszonen gibt. Scheiße ist’s, dass das nicht klappt.

Oben in der Wohnung schenke ich mir ein Weißbier ein, nehme es mit nach draußen, setze mich nochmal auf eine freie Parkbank und gucke eine Weile geradeaus. Üblicherweise entspannt mich dieses zweckfreie, ruhige Geradeausgucken auf die gegenüberliegende Theresienhöhe und die Bavaria vor der Ruhmeshalle in der Spätnachmittagssonne.
Diesmal eher nicht, denn gegenüber, das heißt nun auch: die Autokolonne vor dem Corona-Drive-In, hohe Polizeipräsenz auf der Wiesn, sogar ein Hubschrauber landet in der Nähe der Testzelte, keine Ahnung, wieso.
Fünfzig Meter entfernt bespaßen die Nachbarn unter uns nochmal ihre zwei quirligen kleinen Kinder, spielen zu viert Federball, wir winken uns aus der Entfernung zu.
Am letzten Tag des Freigangs kaum noch Gruppenbildung und überall viel Abstand.
Schade, zu spät.

Ausgeschaukelt! (Impressionen aus der Nachbarschaft)

In der Nacht schlägt das Wetter um, von Vorfrühling auf Restwinter.
Heute Morgen ist es, passend zu Tag 1 mit Ausgangsbeschränkung, grau, kalt und regnerisch in meiner Heimatstadt.

Wie jeden Morgen klappert einer von uns die fünf Supermärkte in der Lindwurmstraße ab, um zu schauen, ob es irgendwo wieder Seife gibt (alles andere, was uns fehlte, haben wir im Laufe der Woche bekommen). Fehlanzeige, auch heute.
Ich muss mich noch dran gewöhnen, die Einkaufszettel jetzt nicht mehr unmittelbar nach den Besorgungsgängen wegzuwerfen, sondern Überträge der nicht ergatterten Waren auf neue Zettel vorzunehmen.

Der Biomarkt öffnet seit heute erst um 10 Uhr seine Pforten, wegen der schrumpfenden Personalkapazität und weil die noch arbeitsfähigen Mitarbeiter eh schon schuften wie die Wilden und es mit weniger Leuten nun eben morgens länger dauert, bis die Regale wieder gefüllt sind.

Dort und in anderen Supermärkten erlebt man jetzt Szenen, die sich ungewohnt und fremd anfühlen.
Eine Kundin faucht eine andere an, weil sie ihr in der Schlange vor der Brottheke zu nah gekommen ist, dabei versuchte die Gerügte nur, mit ihrem Einkaufswagen irgendwie an den Wartenden vorbeizukommen.
Ein Paar beschimpft einen zauseligen älteren Herrn, der für ihr Empfinden zu lange im losen Spinat herumfingert, um sich die schönsten Blättchen aus dem Korbe herauszupicken und in seine Papiertüte zu stecken.
Ein kleiner Junge, an der Hand seiner Mutter, krakeelt „Mami, der Mann da vorn hat Corona, der hat gehustet!“.
Vor den Kassen geht es, zumindest im Biomarkt, sehr gesittet und exakt gemäß der neuen Abstandsregeln zu. Allerdings nur, so lange der Rückstau der Schlange nicht bis in den Nudel- und Nudelsaucen-Flur hineinreicht, denn dort herrscht – mal wieder – großer Andrang und noch größeres Aufstöhnen (ausgedünntes Sortiment).
Bei der Hofpfisterei wartet die Kundschaft draußen im Regen, ein loses Grüppchen, durch die aufgespannten Schirme eh schon in passablem Abstand stehend. Drinnen immer nur ein Kunde, und der brav hinter einer auf den Boden geklebten Markierung stehend. Man ruft der Verkäuferin zu, was man gern hätte und da sonst niemand im Raum ist, versteht sie einen auch auf die Entfernung (fast 3 Meter). An den Bezahlvorgang wird man sich noch gewöhnen müssen, denn der geht jetzt so: Der Betrag wird einem zugerufen, dann geht die Verkäuferin einige Schritte zurück, man selbst überschreitet nun die Markierung und legt seinen Geldschein auf die Theke. Anschließend begibt man sich wieder hinter die Grenzlinie, währenddessen bewegt sich die Verkäuferin zum Geldschein, nimmt das Wechselgeld aus der Kasse, weicht wieder zurück und die eben beschriebene Choreografie wiederholt sich. Draußen stehen acht wartende Kunden in allen Stimmungslagen von missmutig bis geduldig im strömenden Regen.

So ein Durchschnittseinkauf – Brot, Gemüse, Obst und ein paar andere Dinge – dauert nun erheblich länger. Aber da vieles andere nun flachfällt, nämlich all das, was man gar nicht mehr erledigen könnte, selbst wenn man wollte oder müsste, wird ja auch Zeit frei.

Manches da draußen wirkt wie aus den Fugen geraten. Es muss sich erst wieder neu zusammenfügen, bis man weniger darüber staunt und routinierter damit umgeht.
Die gewohnten Maße und Verhältnisse haben sich teilweise aufgelöst, sogar auf das Gemüse scheint dieses Phänomen überzuspringen, denn die Karotte hat auf einmal Gurkengröße und umgekehrt.

Irritiert lege ich beides in den Wagen und hoffe drauf, dass wenigstens geschmacklich noch alles beim Alten geblieben ist, und ansonsten muss man halt nach Rezepten für Kartoffen-Gurken-Gratin googeln. Obwohl ich seit zwei Tagen eher wenig google. Ich habe meine Aufenthalte im Internet stark reduziert, weil ich mich nicht mehr im Stundentakt dem Ticken all der Live-Ticker und Pressemeldungen aussetzen möchte.
Irgendwann muss man ja auch noch leben oder mal drüber nachdenken, wie man jetzt leben kann (oder muss) und fürderhin leben wird. Zu Letzterem empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses Artikels.
Was mich angeht, so will ich mich an genau solche Stimmen und Denkweisen halten und keinesfalls in den Sog von Schwarzmalereien, Angstszenarien, Apokalypsevorstellungen oder Verschwörungstheorien geraten.
Nachts träume ich ohnehin schon von Christian Drosten, der mich per Zufallsgenerator als Probandin für irgendein Präventivprogramm auserkoren und dann höchstpersönlich via Skype angerufen hat – das reicht.
(Auch wenn Herr Drosten beim Skypen ausgesprochen nett war, mir sein spöder Humor sofort gefiel und wir nebenbei amüsiert feststellten, dass wir zwar derselbe Jahrgang sind, ich aber ungleich ausgeschlafener aussehe.)

Wir gucken nur noch einmal am Tag ausführlich die Abendnachrichten, sogar mit Spezialsendung, und sogar gelegentlich im Bayrischen Fernsehen, um das lokal Neueste und Wichtigste auch noch mitzubekommen. Morgens ergänzend eine halbe Stunde Zeitungslektüre – und dann ist’s auch gut.
Mentale und psychische Hygienemaßnahme. Weil wir jetzt sehr viel Zeit hier drinnen verbringen, wollen wir manches da draußen lassen, damit noch ein paar Leerräume bleiben, die wir anderweitig füllen oder auch einfach mal leer lassen können, auch als Puffer, denn man weiß ja nicht, was noch so kommen wird, das wieder Platz, Kraft und Zeit fordert.

Der heutige Song des Tages beweist eindrücklich, dass a) Bruce Springsteen tatsächlich für jede Lebenslage ein Liedchen komponiert hat und b) es wegen a) sogar eines seiner seichtesten Werke es mal in meine Rubrik „Song des Tages“ schaffen konnte.

Ich hätte nicht gedacht, dass es je so weit kommen würde, aber das ist ja momentan bei Einigem der Fall.

As I lift my groceries in to my car
I turn back for a moment and catch a smile
That blows this whole fucking place apart
I bow down to the Queen of the Supermarket
I bow down to the Queen of the Supermarket
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Wochenendeinkauf, halten Sie sich auch sonst wacker und verneigen Sie sich ruhig einmal vor der Kassiererin, die in diesen Tagen Ihre Einkäufe über den Scanner zieht.

Auf Hochtouren.

Nach einer geruhsamen Zeit voller Rudelglück, Seriengenuss und Feiertagsfaulenzen läuft das neue Jahr mittlerweile auf Hochtouren.

Der dank des Wasserschadens beschlossene Badumbau ist seit ein paar Tagen im Detail besprochen, die Terminvorschläge harren nun Loleks Überprüfung und Zustimmung, bald drauf geht’s dann zum Fliesen- und Wannenkauf. Das Fachvokabular sitzt jedenfalls schon und bescherte anerkennendes Nicken.

Gesundheitlich geht es größtenteils aufwärts oder zumindest nicht weiter abwärts, man weiß zwischenzeitlich, mit 47,5 Lenzen, dass Glück tatsächlich auch in der Abwesenheit von Unglück bestehen kann.
Auch. Nicht nur.

Vor einem Jahr war tiefster Winter hier, auf der Wiesn bauten sie Schneeskulpturen aller Art. Wir frästen uns durch die weißen Massen hinüber zur Schwanthalerhöhe, um den Film zur 150-Jahr-Feier des DAV anzugucken – und zwei Stunden später war die Spur vom Hinweg bereits nicht mehr zu sehen.
Im Januar 2020 wird an der Isar in kurzen Höschen gejoggt. So sieht man im diesjährigen Winter ganz andere Skulpturen, denn hie und da hoppeln einige Festtagspfunde mit, immerhin ein körperlicher Kampf, der mir seit einigen Jahren meistens erspart bleibt.
Erste Übermütige werfen die Hüllen komplett ab oder den Grill an, die Kioske am Flussufer stellen die Eistafeln raus, an den Stehtischen im Freien leuchtet jedes zweite Glas grellorange und die Hunde testen zaghaft die Wassertemperatur.

Der Friseurwechsel hat weiterhin Bestand. Die zweite Schur ebenso zufriedenstellend wie die erste, nur ohne die schnarchende Bully-Dame anbei, die leider zwischenzeitlich einem Hirntumor erlag. Die Art und Weise, wie der neue Coiffeur mir davon erzählt (plus das anschließende Einlegen einer Live-CD von den frühen Stones), hat zur Folge, dass wir zum Du übergehen. Eh fast derselbe Jahrgang.
Auch Pippa hat den Friseur gewechselt, da die gute S. nun geheiratet hat und in neue Wirkungskreise abtaucht (eigener Salon, aber diesmal Fingernägel oder sowas). Ihre Nachfolgerin wurde allein deshalb kritisch beäugt, weil sie das Begrüßungsritual (Vor dem Rasierer kommt die Wurst!) noch nicht kannte.
Man merkt, dass man älter wird, denn das Ausmaß, in dem einen solche Veränderungen auf einmal beschäftigen, verhält sich in etwa proportional zum Wachstum der grauen Haare.

Der nette Nachbar lädt einen zum Geburtstagsbrunch ein. Das muss heißen, wir bewegen uns wohl defintiv Richtung freundschaftliche Verbandelung.
Alle verstehen sich bestens: sowohl sein Gatte mit meinem, als auch die Hundedame der beiden mit unserer Pippa (wir berichteten hier und hier). Das ist nicht nur in sozialer, nachbarschaftlicher, tierischer und zwischenmenschlicher Hinsicht recht erfreulich, sondern diese Entwicklung passt auch ideal zum demnächst drohenden sanitären Totalausfall in unserer Wohnung: zumindest ich werde dann dort unten ganz unbekümmert um tägliche Nutzung der Dusche ersuchen, notfalls vielleicht auch um Asyl, sollte es bei uns oben gar zu unwohnlich und staubig werden (Lolek kündigte eine Abdichtung des Flurs an, bei der wir nur noch durch einzelne, abgeklebte Schlitze in unsere Zimmer schlüpfen können, das klingt irgendwie ungemütlich).
Bei der brunchenden Gästeschar erwartungsgemäß ein deutlicher Männerüberschuss. Neben mir sitzt der Ex vom Nachbarn, ein sehr sportlicher, hübsch bewimperter Kerl, er sitzt da in Begleitung seiner Mischlingshündin mit nicht ganz so hübschem Unterbiss.
Wir verstehen uns auf Anhieb, stellen etliche gemeinsame Interessen fest, vor allem in alpinistischer Hinsicht, weshalb wir nach dem zweistündigen Gespräch die Telefonnummern austauschen, um die überaus erquickliche Unterhaltung in Kürze bei einem Hundespaziergang fortzusetzen und über eine Tourplanung nachzudenken.
Sonst habe ich dort mit niemandem länger geredet, was mal wieder die These untermauert, dass in diesem Leben aus mir kein Gruppenmensch mehr wird (ein Brunch-Fan im übrigen auch nicht, aber das ist ein anderes Thema).
Schon immer lauter Einzelfreundschaften, bestenfalls mal eine Paarfreundschaft.

Freund P. schickt aus Sylt eine Wien-Atrappe voller Zuckerzeug, fast zeitgleich trifft ein Care-Paket von Freundin H. aus der Schweiz ein, das mit holländischem Hagel gefüllt ist.
Man meint es also gut mit mir und ist um Aufpäppelung bemüht. Ich danke den beiden ganz herzlich für all die Kalorien, verhänge hiermit aber bis zum Spätherbst einen Süßwarensendestopp.
Einen Dackelschlafsack könnten wir jedoch nach wie vor brauchen. Auch neue Ohrringe fände ich mal wieder fein. Oder einen Massagegutschein, bitte nicht unter 40 Minuten. Aber mit Schokokram ist jetzt erstmal finito, ok?

Die berufsbedingte Pendelei hat diese Woche wieder begonnen und somit auch die Strohwitwen- und Alleinererziehenden-Tage (und -Wochen).
Während der fleißige Gatte heute Abend unter den Linden der Hauptstadt weilt und dort über philosophische Treppen zum Hörsaal hinaufsteigt, um über den Körper zu referieren, bereiten das Dackelfräulein und ich andere körperliche Aufstiege vor.
Morgen geht’s ins bayerisch-österreichische Grenzgebiet, Material sammeln für eine kleine Winterreportage.

 

Mitten im Rucksackpacken piest das Handy. Eine Whatsapp aus Berlin. Der Gatte schickt kurz vor Vortragsbeginn ein Foto von etwas, das aussieht, wie ein in eine Serviette eingepacktes Nutellaglas. Wenig später ein zweites Piepsen. Eine Mail aus Berlin. Frau Tontöppe schickt ein Foto von jemandem, der aussieht wie der Gatte. Aha!

Trotz meines Feierabendweißbiers, das ich schon intus habe, schlussfolgere ich messerscharf zweierlei: 1.) Frau Tontöppe hat sich in die Uni zur Ringvorlesung begeben und 2.) bei dem eingepackten Etwas könnte es sich mit ein bisschen Glück nicht um ein Nutellaglas, sondern um Quittengelee-Nachschub aus dem Tontöppeschen Garten handeln.
Na sowas! Haben die beiden sich jetzt glatt zuerst kennengelernt (wohingegen ich Frau Tontöppe ja noch nicht live zu Gesichte bekam).

Herzliche Abendgrüße nach Berlin & natürlich auch an die übrige Leserschaft zwischen Zürich und Sylt!

Uijuijui oder: Servus 2019!

Der letzte Tag des alten Jahres beginnt denkbar gut: Ausgeschlafen, mit Schokohagel auf dem Toast und Sonnenschein zum Morgengassi. Kurz drauf Post vom Finanzamt: Auf den letzten Metern des alten Jahres dem sachbearbeitenden Frollein M. eine Änderung des Steuerbescheids 2018 rausgeleiert und noch eine Erstattung kassiert.

Sehr erfreulich, das Ganze, wenn auch nicht ganz so ein krasser Jubelanlass wie vor zwei Wochen das Einschreiben von der alten Vermieterin: im November schickte sie die Nebenkostenabrechnung zur (längst in der Erinnerung ausgelöschten) Wohnung am Stadtrand, in 2018 hatten wir da noch für 6 Monate Heizung, Wasser, Hausmeister etc. aufzukommen. Absurd hoch erschien mir der nachzuzahlende Betrag, 368€ für nur noch 4 Monate Anwesenheit, danach waren wir ja schon weg, also ging ich der Sache erst allein, dann mit Hilfe des Mietervereins auf den Grund und verweigerte in einem saftigen Antwortschreiben die Nachzahlung, erbat Belegeinsicht und stellte allerhand Nachfragen zu den Einzelposten.
Die Vermieterin ließ meine Einwände ebenfalls juristisch prüfen und sandte uns schließlich eine überarbeitete Abrechnung zu, die schlussendlich – da alle Einwände berechtigt waren – eine reduzierte Nachzahlung von nur noch 8€ ergab, die sie uns, natürlich ohne Entschuldigung für ihre 360€ zuvor verkehrt berechneten Posten, in altbekannter Gnade und Großgrundbesitzerattitüde erließ.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, auf wie vielen Ebenen mir dieser Brief Anlass zur Freude war – besser hätte diese elende Sache nicht zu einem Ende kommen können als genau so.

(Und hätte ich in meiner Jugend nicht so viel Schule geschwänzt und diese Zeit walkmanhörend am See, in die Sonne blinzelnd auf Bootsstegen oder plantschend im Wasser verbracht, wäre das Abitur vielleicht die Eintrittskarte in eine glänzende berufliche Zukunft als Juristin gewesen, sofern sich die angeborene Lust am Müßiggang und der Mangel an Eifer und Fleiß während des Studiums noch gelegt hätten, damit dann auch ein vernünftiges Staatsexamen dabei rausgekommen wäre.)

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Nach dieser Morgenfreude das Schwimmbad zum 86. Mal in diesem Jahr aufgesucht. Zusammen mit 60 Läufen, 22 Bergtouren und fast 2.100 per pedes zurückgelegten Gassi-Kilometern eine zufriedenstellende Bewegungsbilanz für so ein Jahr.

Aus dem immer noch spürbaren Sixpack hat sich allerdings ein dezenter Sevenpack entwickelt, irgendeine neuartige Ebene (nennen wir sie mal Streuselschicht oder Weißbierwattierung) hat sich nun dazugesellt.
Das Alter halt, es zieht überall seine Furchen hinein, hinterlässt Ablagerungen oder Verfärbungen und das passt ja auch prima zu den diversen orthopädischen Hakligkeiten und anderen Malaisen körperlicher Natur. Wäscht man sich 86x im Jahr in einer Schwimmbaddusche, hat man allerdings ein so breites Vergleichsspektrum, dass man weiß: der Sevenpack muss einen wirklich noch nicht ängstigen, da gibt’s ganz anderes.

Ein sehr schöner Jahresabschluss-Schwumm, obwohl bereits ein paar Weihnachtsklöße und etliche gute Vorsätze die Bahnen verstopfen, zu Jahresbeginn wird das aber erfahrungsgemäß für etwa 6 Wochen noch übler werden.
Die Sonne flutet das Freibad, scheint einem rückenschwimmend direkt ins Gesicht, die Flossen tragen einen kraulend flink durchs Wasser – es geht nichts über dieses sanfte, stille Dahingleiten im Wasser.

Hier und da fließt auch ein Gedanke, ein Gefühl, eine Erinnerung durch mich hindurch, schwimmend gelingt es mir immer, dass nichts zu lang an mir haftet oder mich zu Boden zieht, sondern alles an mir abgleitet. Im Wasser sein, das heißt Freisein. Der schwarze Balken am Boden wie eine Leitlinie, seine Botschaft: „Atmen, Bewegen – vorwärts!“, trotz Bursitis, trotz Strömung, trotz Gegenwind.

Falls Sie mit der Schwimmerei nichts am Hut haben, illustriert vielleicht dieses kurze Video, was ich meine:

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Während ich meinen ersten selbstgekochten Vanillepudding seit Jahrzehnten löffle und draußen auf der Theresienwiese ein paar Unverbesserliche trotz Böllerverbot rumballern, schreibe ich Ihnen noch ein bisschen.

Einen Jahresrückblick gibt’s nicht, denn wie das Jahr so war, das muss ich nicht wiederkäuen, Sie haben das ja in Auszügen hier mitverfolgt.
Wofür ich Ihnen danken möchte: es ist doch recht wohltuend, sowohl bei diversen Höhenflügen als auch bei Wasserschäden und anderen Unbilden des Daseins verbal anteilnehmende, konkret mitfühlende oder gar real unterstützende Weggefährten um sich zu haben.

Wofür ich dem vergangenen Jahr danken möchte:
Für alles Schöne und Gute, Bereichernde und Aussichtsreiche, Stärkende und Verheißungsvolle.
Für ein beheizbares Dach über dem Kopf sowie ausreichend Essen, Kleidung, Kultur, Mobiliät und Teilhabe am Leben da draußen.
Dafür, dass ich eine kleine Familie habe und ein paar echte Freunde, so dass mein Leben von Liebe und Freundschaft begleitet wird.
Dafür, dass ich immer noch gesund genug bin, um mich fast überall hin bewegen zu können, wohin es mich zieht: ins Wasser, in die Berge, in Konzerte, in die Eisdiele um die Ecke – und sogar bis nach Gotland.
Dafür, dass ich in einem Jahr gleich zwei Stars kennenlernen durfte, einen Bayern und einen Österreicher, deren Werke und Taten mich zutiefst begeistern.

Dafür, dass ich neue, wohltuende Menschen in mein Leben lassen konnte und mich von anderen, die mir gar nicht gut taten, trennen konnte.
Dafür, dass das Dackelfräulein eine erste, richtige Freundin gefunden hat (bislang gab es „nur“ Männer in ihrem Leben).

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An der Hundefront zum Jahresende noch zwei Erkenntnisse:

  1. So ein Anti-Schling-Napf ist eine feine Erfindung. Er verlängert die Nahrungsaufnahme von 20 Sekunden auf 10 Minuten und verhindert tatsächlich Magenprobleme und Aufstoßen.
    Finden wir, nicht Pippa, die hätte lieber ihren alten Pott zurück, der ungebremstes Reinschaufeln ermöglichte.
  2. Im siebten (!) gemeinsamen Winter haben wir endlich kapiert, was dem Dackelfräulein auf Autofahrten an sehr kalten Tagen schon immer gefehlt hat: eine vom Menschen vorgewärmte Jacke in und über ihrem Transportkorb auf der Rückbank. Kein Zittern mehr bis das Auto warm ist, kein Ungeduldswinseln mehr nach ein oder zwei Stunden – Madame verschwindet in ihrer Höhle und ward nicht mehr gehört oder gesehen.
    Schöner Nebeneffekt: die Jacke riecht anschließend wunderbar nach Dackelschlaf. Manchmal auch nach Hasenkötteln oder Jauche.

 

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Bevor das Getöse nun bald losgeht, verabschieden wir uns von Ihnen und dem zu Ende gehenden Jahr, und freuen uns, Sie im nächsten Jahr (also schon morgen!) wieder bei uns begrüßen zu dürfen…

… kommen Sie gut rüber & lassen Sie es sich heut Abend ganz nach Ihrer Fasson gut gehen!

Lassen Sie die freudvollen, kreativen, mutmachenden, hoffnungsfrohen und wegweisenden Dinge, die Sie in 2019 erlebt haben, Revue passieren, schauen Sie ansonsten mehr nach vorn als zurück, verballern Sie weder Ihr Geld noch Ihre Gehirnzellen, verfallen Sie nicht in düstere und unnütze Grübeleien darüber, wieso Sie wieder nicht zu rauschenden Festen mit zig Freunden eingeladen wurden (wir hocken hier auch zu zweit mit Hund und grämen uns nicht) oder beim Bleigießen auch dieses Jahr nichts als Sargnägel oder Pilze produzieren (so ging es mir jedenfalls immer, als ich noch mit Freunden feierte und gegen 1 Uhr nachts kochende Bleiklumpen in Wasserschüsseln schmiss) und nehmen Sie sich bitte, bitte nicht ausgerechnet heute wieder irgendwelche Dinge vor, die schon ab morgen eh nicht oder nur mit größter Anstrenung und gräßlichster Selbstgeißelung klappen und mit denen Sie sich in exakt einem Jahr, wenn Sie dann die nächste Bilanz ziehen (falls Sie zu sowas neigen sollten), nur selbst runterziehen.

Und wenn Sie heute Abend noch 9 Minuten und 15 Sekunden rumbringen müssen übrig haben und wissen möchten, wieso dieser Beitrag mit „Uijuijui“ betitelt ist, dann gucken Sie das hier:

Sollte Ihnen gerade nicht nach polterndem Lachen zumute sein, empfehle ich Ihnen diesen beschaulichen Naturfilm, der von sympathischen Laiendarstellern an der schwedischen Westküste gedreht wurde (bei einem Wind, der ebenfalls unter Uijuijui verbucht werden kann):

Ich hau‘ mich jetzt mit einem Kaltgetränk und meiner neuen Bibel auf die Couch…

Weihnachtspräsente 2019.

…sage Servus & Baba und wünsche Ihnen & Euch einen angenehmen Jahresausklang!

Die Chefredaktion.

Drafi Deutscher hat’s weggesungen!

Neulich, als das Dackelfräulein von diesen gruseligen Einzellern heimgesucht worden war, schickte uns ein Freund – Ihnen allen ist er aus diesem Blog unter seinem Pseudonym Mr. Spike wohlbekannt – den ultimativen Trostsong. Es gibt keine bessere Musik, wenn daheim ein unter Giardienbefall leidendes Dackelfräulein mit Dauerelendsblick umherschleicht.
Na, schon eine Idee? Nicht?!?

Ich will Ihnen gern etwas auf die Sprünge helfen: Sie erinnern sich, sofern Sie wie ich schon zu den gereifteren Jahrgängen gehören, doch bestimmt an diesen Ohrwurm von Drafi Deutscher. 1983 war das. Den Schlager gab es damals auch in einer noch ohrschmalzigeren Wurmvariante, nämlich von diesem putzigen Pseudo-Italiano Nino de Angelo.
Groschen gefallen? Ja?!?

Ganz genau, jetzt haben Sie’s!
Mr. Spike schickte uns den guten alten, ebenso weisen wie tröstenden Song „Giardien Angel“, begleitet von aufmunternden Worten und den allerbesten Genesungswünschen für die arme Pippamaus:

Tja, was sollen wir sagen? Es hat geholfen!

Der Himmel hatte ein Einsehen und sandte den Giardien Angel hinunter auf die Erde, auf dass er die Einzeller wieder vertreibe, sie zurückjage in ihre verseuchten Pfützen und verranzten Tümpel, denen sie einst entstiegen waren, um unser kleines, zartes Fräulein anzufallen und wochenlang zu quälen.

Soeben kam das Testergebnis. Alles in Ordnung, hurra!

Cool übrigens, es gibt da jetzt so eine App, in die die Ergebnisse direkt übertragen werden, sobald die Labormäuse in Berlin sich durch die drei Kotproben gewühlt und alles fertig analysiert haben.
Solide berlinerische 19,90€ statt 62,40€, dem Münchner Tierklinikluxuspreis.
Zwar irgendwie komisch, diese Schachtel mit den drei sorgsam befüllten Döschen quer durch die Republik zu schicken, aber mei.

Wieder ein Punkt weniger auf der aktuellen Gramliste.
Gut so, denn Wasserschaden und Finanzamt halten einen eh genug auf Trab.
Ach ja, und Weihnachten steht auch vor der Tür, mit aktuell noch ziemlich leeren Händen…

Aber wurscht.
Heute gilt es einfach nur Danke! zu sagen. Dem Giardien Angel ebenso wie dem geschätzten Mr. Spike.

She’s lost her Giardien: Kleiner Hund, wieder gesund.

Gedacht durch meine Augen.

Gestern war ein guter Tag.

Was nach der viel zu kurzen Nacht, ein paar gesundheitlichen Querelen und dem morgendlichen Ärger mit der per Post zugestellten Anonymverfügung der Magistratsabteilung 67 der Stadt Wien ja erstmal nicht zu erwarten war.

Dann aber pünktlich und wie geplant vom Schreibtisch an die südlicheren Wirkungsstätten geflüchtet. Dort eine letzte Exkursion zu Recherche- und Fotozwecken.
Nach dem Part am See sogar mit Begleitung von B. (einem ganz realen B., nicht dem aus den Träumen), der sich den Nachmittag freigenommen hatte, um nach seinem mittäglichen Pneumologentermin etwas durchzuatmen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn B. mal wieder mit seiner Lunge kämpft, dann haben wir ein recht angenehmes gemeinsames Tempo, sonst ist er nämlich trotz seines Altersvorsprungs von 13 Jahren so beieinander wie ich es vielleicht vor 13 Jahren mal war.
Wie sich doch mit dem Älterwerden manche Differenzen nivellieren.

Ein guter Tag war es, weil die Mücken fernblieben, die Wege menschenleer waren, im Forsthaus mit See- und Alpenblick der schönste Platz in der Sonne frei war, die spontane Essenseinladung sehr gelegen kam, einem niemand den letzten Rhabarberstreuselkuchen vor der Nase wegfraß, neben der Knipserei und Lauferei noch genug Zeit und Ruhe für Gespräche blieb.
Zum Abschluss ein bisschen Kunst und Architektur, ein wunderschöner Abendhimmel am Seeufer und auf der gesamten Heimfahrt die Fenster offen, den Wind in den Haaren, den Bruce im CD-Player und auf der Rückbank ein zufrieden schlummerndes Hundefräulein.

Machen Sie doch mal Urlaub in Oberbayern!
Ich führ‘ Sie gern mal einen Nachmittag lang herum, zum Bloggerbuddy-Bonus-Preis (= Sprit, Streuselkuchen, Schneider Weiße).

Museum der Phantasie.

Finde den Dackel!

Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eines kennt?

Ein gutes Ziel, so kurz vor dem kalendarischen Altern.

Noch ein Schnapp-Schuss.

Ein paar werden die Zahlenmystik entdecken und mich verstehen.

Ita est. Amen.

Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

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Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!