Song des Tages (35).

Im Spätsommer dieses Jahres wird es fünf Jahre her sein, dass ich mich zusammen mit dem Dackelfräulein in Oskarshamn an der schwedischen Ostküste auf die große Fähre begab, die uns nach Gotland brachte.
Damals ging ich mit einer Menge Ballast an Bord: den Job gerade nach unendlich langem Anlauf gekündigt, kurz vor Abreise vom Hirntumor der Mutter in Kenntnis gesetzt worden, der Gatte völlig überraschend beruflich in der Bredouille – irgendwie das ganze Leben gefühlt im Umbruch oder sogar auf der Kippe – ich war wirklich reif für die Insel.

Und es war eine wichtige Reise für mich: allein bis dort oben zu fahren, allein auf dieser Insel unterwegs zu sein, auf die ich schon als Kind immer wollte, weil meine damalige Lieblingsserie dort gedreht wurde: Pippi Langstrumpf.
Ich habe Pippi geliebt und bewundert: wie sie allein ihr Leben stemmte, mit ihren beiden Tieren und einer Schatztruhe voller Goldmünzen, wie stark und fröhlich sie war, wie ihr immer für alles eine Lösung einfiel – und ich war in meiner Begeisterung sehr geneigt, am Papa deutliche Parallelen zu Kapitän Ephraim Langstrumpf erkennen zu wollen.

Das Original der Villa Kunterbunt steht heute noch an der Westküste Gotlands. Anschauen konnte ich sie mir damals nicht, weil der Vergnügungspark, der mittlerweile um sie herumgebaut wurde, leider (oder gottseidank: ein Horror, solche Parks) schon geschlossen hatte.
In Schweden, müssen Sie wissen, endet die Saison zeitgleich mit den schwedischen Sommerferien, also rund um den 20. August. Auf dem ja doch etwas abgelegenen Gotland hat dann außerhalb der Hauptstadt Visby fast nichts mehr geöffnet, was aber recht unerheblich ist, wenn Sie mit Hund dort herumreisen, weil Ihr Hund sowieso nahezu nirgendwo mit hineindarf, weshalb wir die Zeit auf der Insel damals auch recht autark in unserer kleinen, baufälligen Villa-Kunterbunt-Nachbildung verbrachten.

Nun werden wir Anfang September tatsächlich erneut übersetzen auf das Sylt Schwedens, diese einmalige Naturschönheit und geruhsame Sonneninsel, und zwar fast auf den Tag genau fünf Jahre später.
Diesmal von Nynäshamn aus, weil nur von dort aus die neue Flotte der Reederei ablegt, die das Dackelfräulein und mich zu dieser Reise eingeladen hat, um den Beweis anzutreten, dass Gotland auch mit Hund eine attraktive Destination sein kann (was wir gern ein zweites Mal genau unter die Lupe nehmen wollen, denn Schweden & Hund, das ist eher so ein Duo wie ich & die Stechmücke).

Der neue Luxuskreuzer hat nicht nur eine Pet-Lounge (quasi die Economy Class, wenn Sie mit Hund auf einer Fähre reisen), sondern eine Pet-Cabin (eine eigene Kabine, mit Liegegelegenheit für Frauchen & Wauwauchen), so dass wir diesmal in der Business Class und völlig unbehelligt von etwaigen seekranken Kaniden um uns herum nach Gotland hinüberschippern werden.

Es hat Monate gedauert, bis das alles im Detail geklärt war: Welcher Termin würde allen Beteiligten passen, was für Präferenzen gibt es auf unserer Seite, welche Unterkünfte kämen in Frage, welches Programm ist für Pippa geeignet, was wird alles gesponsert, was erwarten die von mir und dem Fräulein, und, nicht zu vergessen: wo ist das nächste Schwimmbad und wann hat es geöffnet?
Monate hat es auch deshalb gedauert, weil die Hamburger Agentur, die das alles im Auftrag der Reederei organisiert, gleich zu Beginn den Fehler gemacht hatte, mich explizit nach meinen Wünschen zu fragen und nach jedem Update (so reden die da) zu einer ehrlichen Rückmeldung aufzufordern (sorry, zu einem Feedback natürlich).

Mittlerweile ist die Sache im Kasten, besprochen, gebucht und meine Wünsche wurden nach einigem Hin und Her fast alle berücksichtigt (und die finale Version des Programms, die vor ein paar Tagen ins Mailpostfach flatterte, zierte die nette Überschrift Agenda for Mrs. Kraulquappe and her dog lady):

– keine Gruppenreise und überhaupt so wenig Menschen wie möglich
– die Hotels mit Grünflächen drumrum und Parkplatz davor
– Aufbruch nicht vor 9 Uhr morgens, damit Zeit für die diversen Geschäfte bleibt
– keine fettigen Mittagessen, die einem den Tag ruinieren
– Rücksichtnahme auf die gewohnten Gassizeiten des Fräuleins
– Abendessen möglichst früh und nur in Lokalen, in denen das Dackelfräulein ebenfalls willkommen ist
– stets abwechselnd einen Tag Programm und einen Tag zur freien Verfügung
– Privatführung durch die historische Altstadt von Visby inkl. Besuch eines hundefreundlichen Cafés
– Besichtigung einer Farm, auf der echte Gotlandschafe gezüchtet werden
– Baden in der legendären Blauen Lagune, je nach Temperatur nur das Fräulein oder aber wir beide
– zweitägiger Ausflug auf die Insel Fårö, auf der Ingmar Bergman gelebt und gedreht hat
– Besichtigung der Villa Kunterbunt, die die Wirkungsstätte von Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf war.

Natürlich hat der riesige Vergnügungspark, in dem die Villa steht, auch diesmal geschlossen. Ist ja wieder September und Gotland somit von allen Touristenhorden verlassen.
Weil unsere private Führerin vom Gotlands Turistbyrå aber jeden Menschen und jedes Schaf auf der Insel kennt, kommen wir da nun auch außerhalb der Öffnungszeiten hinein.
Was bedeutet: Keine doofen Wartezeiten, keine kreischenden Kinder, keine anstrengenden Menschenmassen und vor allem kein Hundeverbot, an das man sich noch halten müsste.
Das Dackelfräulein wird also als erster (und vielleicht einziger) Hund ever die Villa Kunterbunt betreten!
Wer weiß, vielleicht bekommen wir sogar noch Zutritt zu dem Wasserpark, der Teil des Vergnügungsparks ist: sieben Pools, neun Wasserrutschen und den 160 Meter langen Shark River – und das alles für uns alleine. Hey, das wär‘ mal was, oder?

Dann wär’s nämlich genauso wie in dem Lied, das ich einst als Kind immer mitgesungen habe, wenn Pippi Langstrumpf auf dem Rücken vom Kleinen Onkel durch die Wiesenhügel hinter der Stadtmauer von Visby ritt und dabei trällerte:

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune
Ich mach‘ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt

Gotland, wir kommen!
Und diesmal lässt du meine Hundedame in deine Cafés und Lokale rein und zwar ohne Murren und spendierst ihr die dickste Lachsforelle der Saison für die so schmähliche Behandlung bei unserem ersten Besuch…

Für mich ist das alles eine ziemlich große Sache, müssen Sie wissen, denn wenn ich fünf Jahre zurückdenke, an Gotland 1.0 im Jahre 2014, so hätte ich mir damals echt nicht träumen lassen, dass ich da je nochmal hinkommen würde, geschweige denn eines Tages als Autorin mit Hund dorthin eingeladen werde.

Ich würde mich deshalb sehr freuen, wenn Sie ab Ende August Zeit und Lust hätten, mich auf dieser Fahrt zu begleiten.
Für die Dauer der Reise dann nicht hier, sondern in einem anderen Blog, aber natürlich mit den altbekannten Protagonisten und Visagen: das Dackelfräulein & ich (und die Schwimmflossen & der Bruce sind selbstverständlich auch mit dabei). Statt dem ewigen Mix von Seen&Bergen bekämen Sie mal Meer&Rauken zu sehen und überhaupt so manches, was es im schönen Bayern nicht gibt.
Im Kraulquappen-Blog wird parallel Sendepause herrschen, d.h. Sie werden in Ihrem Reader oder Maileingang keinesfalls doppelt von uns beballert.
Also: Kommen Sie recht zahlreich mit uns in den hohen Norden!

Unsere Reiseadresse sowie Ihre Mitreiseformulare finden Sie rechtzeitig hier in diesem Blog.

In diesem Sinne & für heute:
God natt, sov gott och dröm sött!

Der Wunschzettel.

Einfach mal durch die rosarote Brille geschaut.

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Gestern Abend kam der Physiker zu Besuch.
Ab und an lade ich ihn zu mir ein und bekoche ihn, um mich dafür zu revanchieren, dass er mich sonst immer einlädt.
Er isst gern italienisch und trinkt gern reichlich Weißwein, auf Desserts legt er keinen Wert und auf Espresso hat er zu verzichten gelernt, da wir hier keine Siebträger-Espressomaschine haben und zu den wenigen Menschen mittleren Alters und Einkommens gehören, die tatsächlich noch mit einer normalen Kaffeemaschine weit unter 500€ zufrieden sind.

Beim Befüllen der Cannelloni, einer der Küchentätigkeiten mit angenehm meditativem Charakter, ist stets Zeit, die Gedanken einfach mal schweifen zu lassen, während die Finger gleichermaßen routiniert wie vorsichtig die Spinat-Ricotta-Masse in die Röllchen stopfen (nein, ich nehme dafür keinen Löffel, es geht viel besser mit den bloßen Fingern, die selbstverständlich vorher und zwischendrin gewaschen werden).

13 Nudelröllchen-Füll-Prozeduren führten gestern zu 13 Gedanken, konkret: zu einem Füllhorn von 13 Wünschen. Auslöser dafür war das auf der Cannelloni-Schachtel aufgedruckte Haltbarkeitsdatum, auf das mein Blick fiel, als ich sie öffnete.

Was wird bis dahin sein? – fragte ich mich.
Was wünsch‘ mir von diesem Jahr? Und von diesem Leben? Und überhaupt?

Aber fangen wir einfach mal klein an.

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  1. Einen München-Olymipa-1972-Waldi als Stofftier.
    Im Zwergteckelmaß (nicht kleiner bitte) und lieber den mit dem groben Stoffbezug als den plüschigen.
    Man legte mir im Juli ’72 einen in die Wiege, 17 Jahre später rückte ihn die Mutter nicht raus, als ich sie verließ, vor 3 Jahren ist mein Waldi dann, sofern es ihn da überhaupt noch gab, zusammen mit 3.000kg undurchdringbarem, unsortierbarem Messie-Wohnungsinhalt in der Schrottpresse gelandet.
    Wie mir kürzlich klar wurde, ist das eine Wunde, die in diesem Leben noch geheilt werden muss und zwar nicht erst auf dem Totenbett.
    (Und: Nein, ich möchte als Alternative nicht den Holzdackel von Bojesen und auch keinen Wackeldackel für die Hutablage im Auto. Ich wünsch‘ mir den echten Waldi zurück!)
  2. Mehr Mut.
    Auf nix Spezielles bezogen, sondern so insgesamt.
  3. Eine Tretbootfahrt auf dem Starnberger See. Wahlweise auf dem Ammersee.
    Für mindestens 2 Stunden, möglichst in einem roten Tretboot, wenn’s geht hinten mit Rutsche (so wie das auf der Startseite dieses Blogs), gern mit Sonnendach/-schirmchen, so dass das Fräulein geschützter mitfahren kann. An sich finde ich Ruderboote schöner, aber ich bin jetzt aus dem Alter raus, in dem man die blauen Flecken, die man sich zuzieht, wenn man nach dem Schwimmen über den harten Holzrand ins Boot zurückklettert, noch locker verschmerzen könnte, sofern man mit dem ruinierten Ellenbogen überhaupt noch fähig wäre, sich aus eigener Kraft über den Bootsrand hochzuhieven.
  4. Einen Reiseführer zu Gotland in englischer Sprache.
    Halbwegs aktuell, nix Gehobenes (Kunstreiseführer o.ä.), im rucksacktauglichen Format.
  5. Einmal noch beim Brandauer in einer der vordersten Reihen sitzen.
    In einer Lesung, denn mit dem Theater war’s das jetzt wohl. So wie damals im Porsche-Salon oder in der Nürnberger Oper. Thema der Lesung ist völlig egal. Gedichte von Brecht, Faust-Szenen, Bowie – meinetwegen liest er auch das Altausseer Telefonbuch vor. Hauptsache, diese Stimme.
  6. Dass der russische Zupfkuchen im „Isarfräulein“ nicht ständig ausverkauft ist, wenn ich dort gegen 15 Uhr aufkreuze. Alternativ tät’s auch der normale Käsekuchen, aber dann bitte endlich ohne diese ekligen Dosenmandarinen.
  7. Einen Schlafsack fürs Dackelfräulein.
    Innen kuschlig, außen robust. In adäquatem Wursthundformat. Keine Püppchenfarben, keine affigen Pfötchen- oder Sternchenmuster. Waschbar bei 40°C. Leicht, gut zusammenrollbar und gern mit Hülle, so dass einem die Schmutzbrösel der Nacht dann nicht im Rucksack herumpurzeln.
  8. Ein Rezept für einen Hefeteig, das (s)ich einfach und unkompliziert auf Anhieb zu einem erfolgreichen Hefeteig umsetzen lässt.
    Ich bin eine gute Köchin, aber keine geübte Kuchenbäckerin. Ich liebe Zwetschgendatschi, aber der Teig wird bei mir stets brettähnlich, weil die depperte Hefe einfach nicht… oder der blöde Ofen…
    Egal – helfen Sie mir!
  9. Nochmal im Cabrio durchs hochsommerliche Oberland fahren, einen ganzen Tag lang.
    Das erste und letzte Mal ist nun 20 Jahre her und ich fand das damals – Umwelt hin oder her – tatsächlich großartig. Muss kein nobler Schlitten sein, aber bitte auch kein Smart Roadster oder Ford Streetka. Inklusive Sylvensteinbrücke, Eisdielen-Stopp in Lenggries (3 Kugeln: Zitrone, Pistazie, Straciatella), Füßekühlen oder Baden im Walchensee (je nach Wassertemperatur) und krönendem Abschluss-Weißbier z.B. im Biergarten von Kloster Reutberg oder auf Gut Kaltenbrunn.
  10. Jemanden, der mir zeigt, wie man Make-up so aufträgt, dass das Ergebnis nicht aussieht wie ein wächsernes Puppengesicht aus Madame Tussauds Kabinett.
    Ich bin nun exakt 46 Jahre und 8 Monate alt und habe keinerlei Erfahrung mit dem Zeugs, bin seit einigen Tagen aber der Ansicht, dass es nun gelegentlich ratsam wäre, sowas zu verwenden. Nach langwieriger Beratung (wegen Spezialhaut und diverser Allergien – ich erspar‘ Ihnen die Details) bereits ein Produkt erworben und mich 1x dran versucht und sofort alles wieder abgewaschen und dann mit gruselig rot gerubbeltem Gesicht das Haus verlassen. Nicht gut.
  11. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie vom Wettersteinmassiv.
    Hochglanz, Querformat, mindestens 120x40cm, lieber größer. Bitte nicht den Tiroler Part des Gebirges, sondern den in Bayern liegenden. Ohne pseudo-dramatische Effekte und ohne störende Menschen drauf, die Gipfel keinesfalls in zu viele Wolken gehüllt. Gern auch bereits gerahmt, dezenter, schmaler Alurahmen (matt), hinten mit vernüftiger Aufhängung versehen.
  12. Eine Liste mit allen Hallen- und Freibädern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, den Niederlanden, Schweden, Dänemark, Finnland, Island und auf den Färöer Inseln, die über ein solides 50m-Becken verfügen. Mit Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und Hinweisen zu Parkmöglichkeiten. Bitte keine Ozon- oder Meerwasserbäder, kein FKK-Kram, keine Familien- oder Spaßbäder.
  13. Einen Verleger für mein erstes Buch.
    Männlich, grau-meliert, bebrillt (Kunststoff, nicht Metall), lässig gekleidet, klug, zuverlässig, humorvoll, tierlieb, sonore Stimme, natürliche Ausstrahlung, gern Bayer oder Österreicher (ein Norddeutscher oder ein Rheinländer ginge auch), großzügig, lebenserfahren, kein Angeber, keine Labertasche, kein Macho, gute Tischmanieren, mindestens 50, gern älter, Figur unerheblich, beruflich gesettelt, gut vernetzt und mit den richtigen Kontakten an der Hand sowie mit aufrichtigem Interesse an einer intensiven (für ihn) und lukrativen (für mich) Zusammenarbeit.

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Bitte sprechen Sie sich nach Möglichkeit untereinander ab.
Machen Sie sich aber keinen Kopf, falls das unpraktikabel oder unmöglich sein sollte: die Doppel- oder gar Dreifach-Erfüllung wäre bei allen Wünschen außer dem Dackelschlafsack wirklich überhaupt kein Problem für mich.

Gedanken, wie Hochseevögel über einer schroffen Inselschönheit kreisend.

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Durch weite Wacholdersteppen streifen wir Richtung Meer, der raue Küstenwind weht uns um die Nase, verwaiste Ställe säumen die Ränder der Schafweiden, sandige Pfade durchziehen Kiefernwälder, in denen Äste in der stürmischen Luft ächzen oder das Sonnenlicht flirrende Muster auf den hellen Boden malt.

Im Spätsommer, sobald der Großteil der Urlauber an die Schreibtische zurückgekehrt ist oder von der Schulpflicht nachhause aufs Festland beordert wurde, ist es eine Insel für Außenseiter.
Alles hier passt zu einer Art von Alleinsein, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Auf vollendete Weise kann man tagelang allein umherziehen, völlig für sich sein.
Nicht jenes Für-Sich-Sein, dem es insgeheim darum geht, irgendein Ich oder eine Mitte zu finden (oder eine Leere oder eine Fülle), auch wenn es diese Zwecke hartnäckig zu leugnen sucht, sondern eines, das einfach entsteht: ohne eigenes Zutun, ohne dass man es initiiert oder gesucht oder auf andere Weise herbeizuführen versucht hätte.

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Eine mehrstündige Überfahrt, deren schönste Stunden die waren, in denen rundum nichts als Wasser war, Wasser und Weite, wohin der Blick sich auch wandte, überall am Horizont das Verschmelzen der Blautöne.

Nicht mehr auszumachen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, unerheblich auch, sich dieser Differenzierung zu widmen, wenn die äußeren Bilder das innere Erleben dazu drängen, sich ganz und gar vom Begriff „Universum“ ergreifen zu lassen, ihn neu zu begreifen oder überhaupt erstmals zu buchstabieren.

Irgendwann schiebt sich ein schmaler Streifen Land zwischen die Ostsee und den Himmel: Gotland.

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Wir verlassen den dunklen Bauch der großen Fähre und fahren hinaus ins Helle.
Es erwartet uns keine Hektik wie an so manch anderen Häfen, sondern ein überschaubarer Parkplatz und wenig Betriebsamkeit. Nur einen Steinwurf vom Fährhafen entfernt schlummern die Gässchen der hübschen, buckligen Altstadt.

Wir umrunden die Stadt auf einem Spazierweg, der durch die Wiesenhügel unterhalb der Stadtmauer verläuft, in denen das Dackelfräulein, das so brav und ruhig war auf der langen Überfahrt, sich erstmal austoben kann.
An mehreren Stellen gewährt der Weg einen Durchschlupf durch die dicke, steinerne Mauer ins Stadtinnere, einen davon nutzen wir, denn die Essenszeit naht und vor Sonnenuntergang will die abgelegene Stuga im Süden der Insel erreicht sein bzw. gefunden werden.

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In den Seitenstraßen niedrige Häuser, kühles, klares Licht, ein paar Platanen am Rand des Kopfsteinpflasters, zeternde Möwen, die sich in der Luft fetzen. Eine alte Frau in Blumenrock und Strickpullover schiebt sich langsam aus ihrer gelben Tür heraus und tritt vor ihr blaues Haus, um dort ein paar Spitzen von den roten Rosen zu schneiden.

Gelb, blau, rot, Farben fluten das Auge, dieses Schweden ist ein Land der satten und kräftigen Farben, aber auf Gotland trifft man das Bunte niemals flächendeckend, sondern es versammelt sich nur an auserwählten Orten: in der kleinen Hauptstadt der Insel oder in Lummelunda und Kneippbyn sowie auf Dorfplätzen, Friedhöfen und natürlich in den süßen Auslagen der zahlreichen Bäckereien.

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Ein erster Duft des einfachen und milden Alleinseins, das neben Pippa mein beständiger Begleiter werden wird in dieser Inselstille und das nichts zu tun hat mit dem hohlen Schmerz, der Alleinreisende manchmal in den Abendstunden befällt, strömt aus den schmalen Mauerspalten der bunten, eng beieinander liegenden Häuschen und aus den sandigen Ritzen zwischen den abgewetzten Pflastersteinen.

Ich atme ihn ein, inhaliere diesen Duft geradezu, die Lungen weiten sich, ihre Flügel werden schon nach wenigen Atemzügen freier und freier, ein Gefühl wie beim ersten Spaziergang nach einem zähen, endlich überstandenen Bronchialkatarrh.

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Unterhalb der Kirchenruine auf dem Stora Torget, dem schiefen Marktplatz von Visby, plötzlich noch ein anderer Duft.
Safranpannkaka. Allein das Wort: so saftig, süss und sonnengelb. Wenn man aber aufmerksam hinhört, warnt schon sein im Abgang spitz klingendes -kaka davor, dass diese Köstlichkeit limitiert ist: So ist es dann auch, ins Café lassen sie uns nämlich nicht hinein.
Bo utanför! – Bitte draußenbleiben!, darüber das durchgestrichene Hundesymbol, und das fast überall.

Als Hundebesitzer ist man auf Gotland zwar willkommen, gleichwohl zum Außenseiterdasein verdammt – und zwar in jeder Saison.
Miete dir also dein eigenes Häuschen, verpflege dich selbst, reise außerhalb der Hauptsaison, so dass die Strände leergefegt sind, die meisten Lokale geschlossen haben und dich und deinen Hund diese unglaubliche Stille umgibt, die nur vom Blöken der grauen Gotlandschafe, dem Kreischen der Hochseevögel oder dem Schlag der Wellen gegen die bizarren Rauken bei Slite oder die schroffen Felsen vor Högklint durchbrochen wird.

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Die Erinnerungen alle noch so präsent: die Schlaglöcher auf den krummen Inselstraßen, das leere Schwimmbad in Hemse, die klebrigen Kanelbullar aus Hablingbo, der kilometerlange Strand von Nisseviken, der fiese Dorn in Pippas Pfote bei Fidenäs, das Versäumnis mit Fårö und die Entdeckung, dass man ab Tag fünf des Inselexils (der auf Tag 12 der gesamten Reise fiel), allmählich mit Selbstgesprächen beginnt.

Kurze Sequenzen zwar nur und diese freilich nicht zur Wand hin oder ins Spülbecken oder übers Verandageländer gesprochen, sondern an den kleinen Hund adressiert, der immer neben einem ist und für nahezu alles einen wachen Blick oder ein freundliches Schwanzwedeln parat hat. Ein verlässliches Reagieren und Antworten, manchmal auch ein Auffordern und Fragen (Geh’n wir jetzt los? Spielst du mit mir?), ein so wohltuendes und selbstverständliches Bezogensein aufeinander, mehr als von so manchem Menschen zu erwarten ist, und vor allem so gleichbleibend freudig und zugewandt, so fern von jeglichem Wankelmut und Seelenzirkus, dass einem das Herz aufgeht und es ganz und gar überflüssig wird, auch nur einen Moment lang über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu sinnieren.

Jedem Blick und Kontakt dieses „Wo du bist, dort will ich auch sein, dort bin ich zuhause und zufrieden“ innewohnend, das einen ebenso trägt wie bindet, das Struktur gibt und einen bewegt, Letzteres sogar im doppelten Wortsinne.

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Die Zeit ist nicht nur die Komplizin des Vergessens, sondern auch die Kumpanin der Verklärung und Verzerrung. Manches, was nicht dem Vergessen anheimfällt, wird, je mehr Zeit vergangen ist, gern zum Gegenstand verklärender oder verzerrter Betrachtung.
In der Retrospektive und im Erinnern erscheint uns das Erlebte dann intensiver als es tatsächlich war: Gipfel werden höher, Wegstrecken länger, Verletzungen tiefer, Unwetter widriger, Liebe leuchtender, Schmerzen schrecklicher, Begegnungen einzigartiger, Gespräche bedeutender, Töne klangvoller und Farben satter.
Dieses Phänomen macht auch vor unseren Reiseerinnerungen nicht immer Halt: das Entlanghatschen des Jakobsweges wird im Rückblick tatsächlich zur ersehnten Seelenkatharsis, die Alpenüberquerung zum überfälligen Befreiungsschlag und Aufbruch in eine neue Ära, selbst ein viertägiger Kurztrip nach Passau kann – mit der falschen Begleitung, bei Dauerregen und in einer schlecht beheizten Unterkunft – zu einer Expedition in psychische und physische Gefilde werden, die denen eines Survivalcamps in der Wildnis Neufundlands in nichts nachstehen.

Ja, die Zeit (bzw. man selbst in ihr und durch sie) ist sogar imstande, die Toten in einem Licht erstrahlen zu lassen, in dem man sie zu Lebzeiten kaum je wahrnahm oder sie in der unbarmherzigen Dunkelheit des Vergessens zu versenken, was ihnen womöglich auch nicht gerecht wird.

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Gedanken, die ich niederschreibe, während ich eigentlich damit beschäftigt war, mich auf eine berufliche Unterredung in der kommenden Woche vorzubereiten, für die sich ein recherchierendes Kramen in Erinnerungen und Notizen durchaus empfahl und der es vielleicht sogar zuträglich ist, dass sich das Kramen dann verselbständigte, weil man dadurch ja nochmal richtig eintaucht in das, was damals war und sich daraus das, was nun kommen könnte oder sollte, besser herausschälen lässt.

Vielleicht verleitete auch nur das Drumherum – Sofa, Tee, Schokolade, Wolldecke mit Dackel drunter- zum gemütlich-genüsslichen Abschweifen.

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Song des Tages (29).

Ich kann diesen Ort nicht ausstehen.
Scheinheilig liegt das Radiologicum an der Münchner Freiheit, aber von Freiheit ist nichts spürbar dort, es ist ein Ort der Enge, der Beklemmung, der Sterilität und der Technik. Es thront im 5. OG über den Dächern Schwabings, im gläsernen Aufzug schwebt man hinauf, trockene Lippen, kreislaufschwach, klamm an Händen und Füßen. Immer im Januar. Und immer ist alles grau: der Himmel, die Fassaden, die Stimmung. Heute auch ich: graue Stiefel, graue Jeans, grauer Mantel, graue Handschuhe. Nur der Schal ist türkis und die Überweisung hellgelb und der U-Bahnhof eigentlich auch ganz farbenfroh.

Der Befund dann allerdings der Beste seit Jahren, so dass der Radiologe nach kurzem Grübeln meint, man könne künftig glatt nur alle zwei Jahre kommen, was einen nach 16 Jahren schon sehr zu hören freut.
Erleichtert verlasse ich die Praxis, gehe zum Aufzug, eine kleine Frau steht dort und wartet. Wir steigen gemeinsam in den Glaskubus ein, ich meine, ich hätte sie schluchzen hören, bin mir aber nicht sicher. Als ich die „EG“-Taste drücke, sehe ich ihr Gesicht. Sie weint. Wie eine Comicfigur weint sie: die Tränen spritzen regelrecht links und rechts aus ihren Augenwinkeln heraus. Ihre Arme hängen wie leblos links und rechts neben ihrem recht rundlichen, in einen gesteppten Daunenparka gezwängten Körper herunter. Sie ist schätzungsweise so alt wie ich.
Ich fummle ein Päckchen Taschentücher aus meiner Manteltasche heraus, halte sie ihr hin und sage „Nehmen Sie doch eines!“.
„Jetzt habe ich Krebs…“, entgegnet sie, greift nach den Taschentüchern und fährt nach kurzem Naseputzen fort: „…und mein Freund hat sich zu Silvester aus dem Staub gemacht. Jetzt bin ich allein, jetzt bin ich nichts als allein.“.

Was ich ganz spontan antworten möchte, wage ich nicht zu sagen (zu banal und zu unpassend womöglich), also sage ich gar nichts und greife stattdessen mit beiden Armen um die schluchzende Daunenkugel herum und halte sie fest bis der Aufzug fünf Etagen später „Bing“ macht, weil er das Erdgeschoss erreicht hat, und dann nochmal „Bing, bing“, weil seine Tür sich öffnet und er die beiden Frauen gemeinsam in die Kälte und das Grau entlässt, wo sich ihre Wege alsbald trennen.

*****

But there’s things that’ll knock you down
You don’t even see coming
And send you crawling like a baby back home
You’re gonna find out that day sugar

When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you’re alone
When you’re alone you ain’t nothing but alone

I knew some day your runnin‘ would be through
And you’d think back on me and you
And your love would be strong
You’d forget all about the bad and think only of all the laughs that we had
And you’d wanna come home

Now it ain’t hard feelings or nothin‘ sugar
That ain’t what’s got me singing this song
It’s just nobody knows honey where love goes
But when it goes it’s gone gone

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Im Spätsommer 2014, auf meiner Reise durch Südschweden und Gotland, hörte ich viel Musik. Lange Autofahrten sind ja wie gemacht dafür und zu fast jeder meiner Stationen erinnere ich noch das Lied, das ich zur Ankunft oder bei der Abreise hörte.

Fünf Songs kristallisierten sich im Laufe dieser Wochen als die hartnäckigsten, besten und stimmigsten Begleiter heraus. Zu jedem einzelnen notierte ich mir damals, weshalb ich das so empfand.

When you’re alone, B. Springsteen. Lifetime really does have a tendency of sliding away faster than we can control. We have to learn to take life in its pleasures as it comes – and above all: spend time with people that make your life brighter, deeper, more complete and even more worth living. That’s what I realized while listening to this song. (Ronehamn, Kapten Grogg, am 3. Sept. 2014).“

Meine Güte, wie ich dieses Lied damals liebte und jede seiner Strophen mich so erfüllte, beglückte, befreite.
Ewig nicht mehr dran gedacht, ewig nicht mehr gehört.

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Pläne, Petitionen, Plätzchen, Plaque.

Das einzig Bunte im Winterhimmel über München.

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Frühmorgens, der Tag noch gänzlich unverletzt und unbesudelt, den Kalender für 2019 gewälzt, um passende Reisezeiten zu finden für Gotland 2.0. Erster Orientierungspunkt: die über zwei Monate dauernden schwedischen Sommerferien. DA NICHT. Das skandinavische Sylt wollen wir in aller Ruhe aufsuchen, damals war’s September, das war toll und die zahlreichen geschlossenen Lokale eh wurscht, weil die wenigen offenen uns wissen ließen, dass Hunde sowieso überall unerwünscht sind.
Hunde reduzieren die Optionen auf Reisen oft auf ein Minimum, das erleichtert die Planung und die Tagesgestaltung enorm.
Bleibt nach Beachtung anderer Termine und unter Einbeziehen von Klima- und Mückentabellen eigentlich nur Ende Mai bis Anfang Juni oder Ende August bis Anfang September übrig. Irgendwie wird sich der Traum von der Sommerfrische daraus schon zusammenbasteln lassen, ist ja noch ein Weilchen hin.
Mögliche Reisetermine dann gleich der Agentur mitgeteilt, den Namen der dortigen Kontaktperson mühsam reinkopiert (wegen der slawischen Sonderzeichen), dann ein bisserl rumgebastelt an der Antwort auf die Frage, was denn bei der Programmplanung zu beachten wäre – „da Sie ja mit Ihrem Hund anreisen“ – es aber dann doch aufs Wesentliche beschränkt (Beachtung der Gassizeiten, Natur besser als Stadt, Unterkunft mit Wiese vor der Tür, gern auch den Strand vor der Nase).

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Mitten in die Schreibtischarbeit hinein klingelt es und ein Jungspund von der Rolladenfirma, die hier seit August einen „Panzer“ (wie die Jalousie unter Fachleuten genannt wird) samt Zugband austauschen will, steht vor der Tür. Er schickt sich an, in nassen, verdreckten Stiefeln die Wohnung zu betreten. Wir klären das kurz und als der junge Mann sich sodann in die Hocke begibt, um sein triefendes Schuhwerk abzulegen, beschließt das Dackelfräulein, dass es sich um einen neuen Spielgefährten handeln muss, wenn der da schon so einladend kniet und einen halb geöffneten Werkzeugkasten neben sich parkt.
Mit dem neuen Zugband im Schnabel, das sich auf stolze 30 Meter ausrollen lässt, wenn man es nur heftig genug schüttelt und durch den Flur schleift, wird dem Handwerker der Weg ins Wohnzimmer gewiesen.
Nach 35 Minuten ist der Spuk vorbei, mechanisch sauge ich den Dreck weg, der beim Bohren und Montieren entstanden ist. Schon wieder verschwitzt, aber von Gesundheitlichem soll hier und heute nicht weiter die Rede sein.

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Beim Mittagessen mit B. zunächst eine lästige Diskussion mit der ziemlich ahnungslosen, asiatischen Bedienung, die unsere Nachfrage, ob es wirklich sein könne, dass von 16 Gerichten auf der Mittagskarte nur ein einziges vegetarisch sei, mit Dauergrinsen und Kiekslauten beantworten möchte, womit wir sie natürlich nicht davonkommen lassen. Aber es hilft nichts: der lauwarme Linsensalat ist das einzige Angebot und kann uns gestohlen bleiben. Wir bestellen notgedrungen ein sauteures, vegetarisches Gericht von der normalen Karte.
B., der sein Haus gerade abbezahlt hat, meint, das sei jetzt schon drin, und ich freue mich über die Einladung.
Das dampfende Wokgemüse an Basmatireis schmeckt super, beinahe gelingt es uns – konzentriert aufs leckere Essen und unser Gespräch über wichtige Lebensdinge – das proppenvolle Lokal samt seiner ohrenbetäubenden Akustik auszublenden.
Da bläst es plötzlich eine Sequenz an Sätzen vom Nachbartisch herüber. Ein Business-Bürscherl mit Toni-Kroos-Frisur und zu kurzen Anzughosen brüstet sich vor seinen drei Kolleginnen lautstark damit, gestern die Petition für die Umbenennung der Schamlippen in Vulvalippen unterschrieben zu haben (ich habe noch nicht gegoogelt, ob es die wirklich gibt, also die Petition!). Die Kolleginnen gucken verschämt in ihr Gulasch, eine errötet leicht. Mindestens 10 Paar Augen von benachbarten Tischen sind auf das Bürscherl gerichtet, dem man, wenn man ihn sich so ansah, speziell diese Unterschrift definitiv nicht zugetraut hätte.
Fast noch überraschender: des Bürscherls Nachtrag, dass das doch eine gute Sache sei, weil Sprache ja schließlich die Wirklichkeit formen würde, und wie die Damen das denn sähen. Aber die sahen lieber weiterhin in ihre Teller. Das Aufsehen fand drumherum statt, bis dann alle wieder wegsahen.

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Auf unserem grauen und etwas drögen Spaziergang begegnen wir dem Mann mit dem uralten Hund. Die Hinterläufe sind erlahmt und in eine rollstuhlartige Konstruktion hineingeschnallt, die es dem Hund ermöglicht, sich langsam, aber eigenständig fortzubewegen. Der Hund wirkt gebrechlich, aber nicht leidend, nicht mal tapfer oder hadernd, sondern weitgehend mit seinem Schicksal im Einklang.
Mit einer Engelsgeduld begleitet der Mann seinen greisen Gefährten, hetzt diesen nicht, sondern lässt ihm Zeit zu schnuppern und seine Geschäfte zu verrichten. Dreimal am Tag, dreimal diese wenigen Meter, die der Hund noch schafft. Der Anblick der beiden rührt mich jedesmal zu Tränen, zu deren Vergießen es aber nie kommt, weil ich mich schon bei der ersten Aufwallung in Grund und Boden schämen muss: das Dackelfräulein verbellt den altersschwachen Artgenossen nämlich sofort voller Inbrunst. Jedes Mal. Alles, was vom normalen Phänotypus „Hund“ abweicht (Verband, Amputation, Humpeln, Gehhilfen, Leuchthalsbänder etc.), erregt ihren Unmut aufs Heftigste. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich ihr spontan einen dämlichen Satz wie „Pippa, das macht man nicht!“ oder „Spinnst du? Der ist doch nur alt!“ zuzischen. Überhaupt ist es erstaunlich, dass ich mir nach bald 7 Jahren Hundhaben immer noch nicht dieses absurde Kommunikationsverhalten abgewöhnt habe, ihr mehrere Sätze am Stück mit gänzlich unbekanntem Vokabular vorzusetzen, anstatt die Botschaft auf ein schlichtes (und zumindest theoretisch bekanntes) „Nein!“ oder „Schluss!“ zu beschränken.

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Nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung. Ich forste Ordner durch, werfe weg, hefte um, lege ab.
Dezember, das bedeutet Ausmisten, Abschließen, Sortieren, Aufräumen, Vorbereiten, in den Keller gehen (und zwar nicht nur in den des Mietshauses, sondern auch in den Seelenkeller, erst recht, wenn man den ganzen November lang noch nicht dort unten war).
Wenn ich das diesmal flott hinter mich bringe, dann backe ich glatt noch ein paar Bleche Plätzchen. Die von Rischart schmecken zwar phantastisch, sind aber zu teuer. Und der Papa wird dieses Jahr erstmals keine mehr liefern, zu stark zittert nun der rechte Arm und bevor die Vanillekipferl Hufeisengröße annähmen, ließe er es lieber bleiben, sagt er mir heut am Telefon mit müder Stimme.
Ich bin jetzt dran!, denke ich und sehe mich schon, wie ich puderzuckerbestäubte Kipferl Schicht für Schicht, mit zugeschnittener Zellophanfolie dazwischen, genau so wie er es immer tat, in die große, ovale Dose packe, die er mir jedes Jahr übergab. Die mit den Engeln der Sixtina drauf, ein Motiv, das ich eigentlich nie mochte, obwohl es über die Jahre zum Symbol geworden war für die Plätzchen vom Papa und beinahe den Pawlowschen Reflex auszuösen imstande war.

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Limited edition, Farbton „Karies“.

Am frühen Abend raffe ich mich trotz hämmernder Kopfschmerzen auf und gehe hinunter zu Nachbar K., denn sein Name steht auf der DHL-Benachrichtigungskarte, die seit heute Mittag an meiner Tür klebt.
K. ist in der Finanzbranche tätig und normalerweise von frühmorgens bis spätabends außer Haus. Ich lege mir auf dem Weg in den ersten Stock ein Intro-Sprüchlein zurecht („Na, hoffentlich Urlaub und nicht krank?“) und läute.
K. hat weder Urlaub, noch ist er krank, nein, er macht Homeoffice. Weil er gerade an einer Studie arbeiten müsse und dafür Ruhe bräuchte. Außerdem müsse er seine Frau entlasten und den Wocheneinkauf erledigen. Wozu er aber nicht gekommen sei, weil der DHL-Bote 10 Pakete bei ihm abgestellt hätte, die nun den ganzen Nachmittag über von diversen Nachbarn abgeholt worden wären. Mit jedem ein Viertelstündchen geratscht, so ginge der Tag auch rum. Wir erhöhen auf 20 Minuten, dann bekomme ich einen Niesanfall, nehme mein Päckchen und verabschiede mich.
Nebenbei: Amazon ist manchmal der Wahnsinn. Gestern Abend um 23:30 Uhr eine elektrische Zahnbürste bestellt (die alte hörte sich seit Wochen wie ein kaputter Rasenmäher an und gab gestern um 23 Uhr, am Backenzahn unten links angekommen, endgültig den Geist auf), heute ist das Ding schon da. Wie geht das bloß?
Mit im Karton: die einzigen Socken, in denen ich nie kalte Füße habe. Bergsocken von Veith (aus dem Allgäu zwar, aber Wolle ist ja gottseidank schweigsam). Es gibt nichts Besseres fürs klamme Frauenflossen.

Sauber und warm kann der Tag nun enden.
Eine Nacht mit mehr als 5 Stunden Schlaf am Stück wäre auch mal wieder was. Schließlich habe ich dem Dackelfräulein fest versprochen, dass wir morgen – grippaler Infekt hin oder her – nach gefühlten Ewigkeiten endlich mal wieder zusammen ausfliegen.

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Großstadt-Dackel, etwas depressiv.

Sky of memory and shadow (a dream of life). Zum 21. November 2018.

Lieber P.T.,

es ist an der Zeit, Ihnen mal ganz explizit zu danken.
Und Ihr Geburstag ist ein sehr guter Anlass dafür.

Ohne Ihren beharrlichen Zuspruch und Ihre Unterstützung hätte ich es vor vier Jahren mit Sicherheit nicht so (vergleichsweise und für meine Verhältnisse) schnell geschafft, mich aus meiner beruflichen Sackgasse zu befreien und den Horror vor all den damit verbundenen „Amtswegen“ zu überwinden (und erst recht den, anschließend ins Bodenlose zu fallen).
All meine Schreckensvisionen haben Sie sich angehört, nachgefragt, seziert und behutsam darauf hingewirkt, sie zu eliminieren oder sie zumindest auf ein realistisches, rationales Maß zurechtzustutzen. Heute muss ich über so manches schmunzeln, was ich damals für unmöglich oder nicht umsetzbar hielt (und feststellen: sogar noch viel mehr als DAS war machbar und die Welt ist selbst dann nicht untergegangen, sogar die in dem Kontext innerlich ausgemalten Kleinkatastrophen blieben aus – das Schicksal ist wirklich in vielerlei Hinsicht ein mieser Verräter).

Ohne Ihren klugen und empathischen Beistand hätte ich mich noch weitere Jahre mit dem Fehlen einer Antwort auf diese eine zentrale Frage (die Mutter betreffend, Sie wissen schon) herumgequält, die mich vor 13 Jahren erstmals in Ihre Praxis führte. Mittlerweile liegen Frage und Antwort ungeahnt friedvoll nebeneinander in einem Ruheforst und die Qualen sind weitgehend über- und ausgestanden.

Ach ja, und dann noch diese andere Riesensache aus der Rubrik „Endlosschleife der Verhaltensmuster aus der Kindheit“. Ohne Ihr geduldiges Zuhören und Ihr kritisches Nachfragen hätte ich mich vermutlich noch ein weiteres Jahr in dem absurden Rettungsprogramm dieser recht hoffnungslosen Knalltüte Person (der U., Sie erinnern sich) sinnlos aufgearbeitet. Und den Absprung erst viel später geschafft und dann womöglich den Gatten nicht mehr getroffen, endlich einen Menschen, der nicht gerettet werden musste und nicht im düsteren Kerker seines nicht gelebten Lebens und seiner Ideenlosigkeit vor sich hin trank und jammerte.

All die Jahre war ich Ihnen übrigens auch immer wieder dankbar dafür, wenn ich heulend dasitzen durfte ohne dass Sie dann je in einen betulichen Trostmodus verfallen wären – ich schätzte es immer sehr, dass Sie meine Tränen mit genau dem richtigen Gesichtsausdruck ausgehalten und angenommen haben (und einfach ein Taschentuch herüberreichten).

Nicht zu vergessen: Ihr Hinweis auf einen definitiv lebenswichtigen Film für Hunde- und Dackelliebhaber. Auch dafür herzlichen Dank. Denn seit wir Pippa haben, kriegen wir das Kinoprogramm meist nicht mal mehr mit, sondern sind zu Serienjunkies auf der heimischen Couch avanciert, weil da der Hund mit dabeisein kann.

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass ohne Ihre Impulse diese Zeilen heute wohl nicht hier stünden, denn Sie waren es, der mir den Widerwillen (und die Vorurteile) gegen das Bloggen nahm und mich vor meiner großen Schwedenreise 2014 zum Schreiben animierte.
Wer weiß, ob ich ohne diesen Anfang später je versucht hätte, meine Texte auch anderswo unterzubringen und das eines Tages sogar gegen Bezahlung…

Und wissen Sie was? Wenn alles gutgeht, dann fahre ich nächstes Jahr erneut über die geliebte Öresundbrücke, wo Sie zwar leider wieder nicht als Kassierer sitzen und mir ein fröhliches „Hej hej“ und „Trevlig resa“ zurufen werden, aber ich würde diesmal die Brückenmaut auch nicht mehr selbst bezahlen müssen, weil mir die gesamte Fahrt gesponsert würde, bis nach Gotland!
Sollte das wirklich klappen, fotografiere ich Ihnen alle schwarzen Schafe, die ich auf der Insel treffe und bring‘ Ihrem Hund eine Decke aus Gotlandwolle mit – versprochen!

Als Zeichen meines Danks für alles, das Sie für mich getan haben bzw. mich konsequent anstupsten und ermutigten, es selbst für mich tun zu können, gebührt auch Ihnen ein Song vom Boss (Sie ahnten es natürlich, dass das kommen würde 🙂 ).

Es ist keiner meiner favorites, dafür sind über weite Strecken die lyrics wirklich sehr passend für das, was ich damals empfand und das, was über die Jahre daraus erwuchs: The rising (somehow).

Can’t see nothin‘ in front of me
Can’t see nothin‘ coming up behind
Make my way through this darkness
I can’t feel nothing but this chain that binds me
Lost track of how far I’ve gone
How far I’ve gone, how high I’ve climbed
On my back’s a sixty pound stone
On my shoulder a half mile of line

A dream of life comes to me
Like a catfish dancin‘ on the end of my line
Sky of blackness and sorrow (a dream of life)
Sky of love, sky of tears (a dream of life)
Sky of glory and sadness (a dream of life)
Sky of mercy, sky of fear (a dream of life)
Sky of memory and shadow (a dream of life)
Your burnin‘ wind fills my arms tonight
Sky of longing and emptiness (a dream of life)
Sky of fullness, sky of blessed life
Come on up for the rising!

 

Wir sehen uns dann demnächst beim üblichen „Jahresabschlussgespräch über die aktuellen Lebensbaustellen“. Das Fundament nun ein so anderes als vor 5 Jahren, das Grundgefühl ein so viel stabileres und die Aussichten bei Weitem nicht mehr so trüb wie damals, im Gegenteil. Nur hätte ich nicht gedacht, wie lange das dauern würde, dieses Sich-Rausschälen aus dem, was nicht mehr passte und vielleicht eigentlich nie passte, was krank machte, einen blockierte und abhielt oder ablenkte.

Auch da hatten Sie recht: es ist ein langer Weg.
Drehe ich mich um, kann ich all den zähen Morast, die tiefen Furchen, die üblen Stolpersteine noch sehen. Schaue ich nach unten, fühle ich jetzt festen Boden unter meinen Füßen. Und richte ich den Blick nach vorn, sehe ich zwar noch keinen klar umrissenen Weg, aber doch schon viel mehr als nur eine Andeutung desselben – und vor allem sehe ich dieses Leuchten am Horizont.

Bis bald & zum heutigen Tag die allerbesten Glückwünsche für Sie –

Ihre N.H. alias Kraulquappe.

Suburbia (3): (…) den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Von To-go-furniture, Ghost-Living und Spongebob-Having.

Eine der Wohnungen in unserem Haus habe ich „die Pechwohnung“ getauft.
Nein, nicht unsere, die ist schön, auch wenn wir wegen des Drumherums hier nicht glücklich werden. Die Pechwohnung befindet sich im Erdgeschoss.

Bereits an unserem Umzugstag fragte mich die Belegschaft der Metzgerei gegenüber, bei der ich für die Möbelpacker zu Mittag ein gutes Dutzend Leberkässemmeln geordert hatte (weshalb man dort sogleich Hoffnung schöpfte, zukünftige Kundschaft zu gewinnen, was sich als Irrtum entpuppen würde bei einem Haushalt mit 1,5 Vegetariern, aber das behielt ich erstmal für mich), gründlich darüber aus, in welche der Wohnungen in dem Neubau wir denn einzögen.
Ins erste OG? Achso, naja, schade, dann blieben wohl im Erdgeschoss weiterhin die Jalousien unten, das sähe halt arg unbewohnt und verrammelt aus und das auch schon so lange. Man frage sich ja seit Monaten, wann denn überhaupt mal jemand in das Haus einziehen würde, es wirke so unbewohnt, selten ginge dort mal jemand ein oder aus, aber nun seien ja wir da – so kommentierten sie’s und schoben mir die in Alufolie gewickelten Kraftspender über den Tresen, damit ich sie in meinen Korb packen konnte. Zum Abschied noch der freundliche Hinweis, dass man jederzeit gern für das Dackelfräulein Fleischreste beiseite legen würde – für „ummasunsd“ (mia san jetzad ja Nachbarn).

Schon ein paar Wochen nach unserem Eintreffen sollte Schluss sein mit der dauerverrammelten Erdgeschosswohnung, zumindest dachten wir das, als der Möbelwagen vorfuhr.
Dr. B., ein pomadiger Finanzheini in den Spätdreißigern mit Schweizer Autokennzeichen, zog ein, entpuppte sich jedoch beim Erstkontakt als Exilschwabe, immerhin aber als Dackelfan, so dass man gewogen war, über Pomade, Beruf und Herkunft erstmal gnädig hinwegzusehen. Dr. B. zog an einem einzigen Tag ein und richtete sich auch an diesem einen Tag bereits fertig ein.
Das war nur insofern möglich, weil Dr. B. ausschließlich „furniture to go“ besaß: alles – Geräte, Möbel, Vorhänge – war neu, schick und schmerzfrei, alles war im Nu aufgestellt, installiert und betriebsbereit.
Wenn man keinerlei persönliche Gegenstände besitzt und Individualität lediglich aus dem persönlichen Freischaltungscode des Vodafone-Multimedia-Highspeed-Pakets besteht, ist so ein Umzug nämlich richtig schnell erledigt.

Dr. B. war also binnen 24 Stunden eingezogen und angekommen. Noch am Tag seines Eintreffens machte er seine Runde durchs Haus, um sich seinen neuen Nachbarn vorzustellen, höflich und freundlich, aber man merkte wohl, dass er das vor allem hinter sich haben wollte. In den Folgewochen wurden die wenigen noch fehlenden Utensilien per Amazon geliefert: Joggingschuhe, DVD-Player, Espressomaschine und notgedrungen auch ein kleiner Rasenmäher für den vermutlich eher ungewollten Garten, der bis dahin recht trostlos vor den verschlossenen Fenstern der Pechwohnung vor sich hin vegetieren musste.
Seinen dicken, dunklen VW Touareg tauschte er nach den ersten Erfahrungen mit der vom Architekten dieses Hauses sehr platzsparend konzipierten Garage notgedrungen gegen einen schlanken VW Polo ein.
Ansonsten hörte und sah man nicht viel von ihm. Im Wäschekeller wälzte der Miele-Trockner manchmal um Mitternacht stoisch die fünf Oberhemden um (five shades of boring business-blue), die Dr. B. durch seine business-week geleitet hatten.

Gleichwohl roch man morgens im Treppenhaus, wenn er gerade aufgebrochen war zu seinen Finanzkumpels im City-Office (five cl of Joop!), ab und an traf man ihn sogar mal leibhaftig, meist beim Aufbruch zum Morgengassi. Das Dackelfräulein durfte ihm sodann ungestüm unter das gebügelte Anzughosenbein rüsseln.
Dr. B. mochte Dackel, seine Mutter hatte nämlich mal einen, daher patschte er ihnen nicht ungelenk mit der flachen Hand auf dem Kopf herum (was ja viele Hunde, besonders die kleinen, hassen), sondern verstand es, sich korrekt mit einen tiefergelegten Kinnkraulen dem Hund zu nähern. Zwar konnte er sich in den wenigen Monaten seiner To-go-Existenz hier in unserem Haus nicht merken, dass Pippa kein „er“ ist und „Pippa“ heißt, aber das nahmen wir ihm nicht krumm.

Was sich durch Dr. B.s Ankunft allerdings nicht die Bohne verändert hatte, war die Jalousiensituation: die Dinger blieben unten. Hartnäckig. Und grundsätzlich. Tagsüber sollte wohl das nagelneue to-go-furniture vor neugierigen Blicken geschützt werden oder Dr. B. vergaß einfach frühmorgens – zwischen Coffee-to-go, dem Hantieren mit der Pomade und der „Börse vor 8“ – jene Taste zu betätigen, die die Rolladen geöffnet hätte (oder ärgerte sich darüber, dass es hierfür nicht auch eine Fernbedienung gab).
Abends, wenn er spät vom Job heimkam und vor dem Fernseher einen Absacker trank, lohnte es sich auch nicht mehr, die Rollos hochzufahren. Nur manchmal, an lauen Sommerabenden, war tatsächlich ein 20cm breiter Spalt offen, wahrscheinlich der Belüftung wegen. Man sah dann etwas Licht, vermutlich das Flimmern der Aktienkurse im TV, und ab und zu sogar die Füße von Dr. B., die stets in schwarzen Socken steckten oder barfuß auf einem Lederhocker ruhten.

An den Wochenenden war er grundsätzlich in der Schweiz und die Jalousien blieben natürlich dort, wo sie eh schon waren: unten.
Irgendwann blieben sie dann für immer geschlossen, denn Dr. B. war völlig unbemerkt wieder ausgezogen. Der Finanzjob hatte nicht den expectations entsprochen oder war keine adäquate challenge – wer weiß das schon so genau, Dr. B. war jedenfalls wieder weitergezogen.
Sein To-go-Mobiliar hatte er der Einfachheit halber dagelassen, wir vermuteten, dass er es entweder an arbeitslose Banker gespendet hat oder fachgerecht entsorgen ließ, bevor er die Pechwohnung an den Vermieter zurückgab.

Die zwei Räume plus Küche-Bad-Flur hatten also kein Glück gehabt, sie mussten weiterhin im Dunkeln ihr Dasein fristen und aufpassen, nicht trübsinnig zu werden bei diesem Kaspar-Hauser-Leben, das zu führen sie verdammt waren. Die bunte Welt da draußen kannten sie nur vom Hörensagen oder aus Fernsehbildern.

Und wieder blieben die Jalousien monatelang dicht.

Ein paar Wochen nach Dr. Bs Verschwinden tat ich der Metzgereibelegschaft den Gefallen, ein Schälchen Kartoffelsalat zu kaufen und dabei ungefragt die aktuelle Lage zu erläutern, weil ich ahnte, dass das verrammelte Erdgeschoss weiterhin kritisch beäugt und diskutiert wurde.

Einige Zeit später wurde bekannt, dass ein neuer Mieter für die Pechwohnung gefunden sei: Herr F., den wir – Google sei Dank – in Nullkommanix als BWL- und Versicherungsfuzzi entlarven konnten. Gewissermaßen also ein Klon von Dr. B., nur ohne Promotion, in benachbarter Brangsche tätig und etwas jünger, wahrscheinlich daher noch ohne Pomade und Bügelfalten, vielleicht nicht mal ein Dackelfreund.
Wir wissen es nicht genau bzw. überhaupt nicht, denn Herr F. zog nie in seine neue Bleibe ein. Einzig sein großes TV-Gerät (das basic jeder To-Go-Möblierung) traf eines Tages ein und wurde irgendwo hinter den heruntergelassenen Jalousien versteckt.
Herr F. hat vor noch Einzug wieder gekündigt. Tja, auch das ist München at its best: wer ko, der ko! – das muss man sich ja erstmal leisten können, hier 3-4 Monatsmieten in den Sand zu setzen und die Moneten nicht mal ansatzweise persönlich abzuwohnen…

So wurde eines Tages der TV unbemerkt wieder entfernt und die Pechwohnung stand erneut leer. Der Eigentümer nahm einen Maklerwechsel vor, vermutlich hatte er zum bisherigen, sehr schleimigen Wohnungsverschacher-Hai (ich hatte den Typen mehrfach mit diversen Dr.B.-Klonen bei Besichtigungsterminen gesehen – seltene Stunden, zu denen die Jalousien jeweils komplett hochgezogen wurden, obwohl das der Wohnung weder entsprach, noch bekam, ja womöglich ein schwerer Schock für sie gewesen sein muss, so wie wenn einem des Nachts in einer DAV-Hütte, wenn man grad endlich mal eingeschlafen ist bei all dem Geschnarche ringsum, plötzlich ein angeschwipst umherirrender Zimmerkumpan mit seiner Taschenlampe grell ins Gesicht leuchtet, weil er ausgerechnet dort seine Schlafstatt vermutet) nach den zwei Fehlschlägen einfach kein Vertrauen mehr.

Das Jahr ging für die Erdgeschosswohnung verrammelt und in Dunkelheit zuende, so wie es auch begonnen hatte. Und 2018 begann zunächst ebenso düster.

Kurz nach dem Jahreswechsel kam uns zu Ohren, dass erneut ein Mieter für die Pechwohnung gefunden sei, der angeblich noch im Januar einziehen würde. Gespannt blickte man nun bei jedem Kommen und Gehen auf die hellgrauen Jalousienfronten im Erdgeschoss. War da vielleicht ein kleiner Ritz zu sehen? Tat sich da schon etwas? Oder standen die Lamellen noch so wie am Vortag?

Eines Tages, die Rolläden waren noch immer verschlossen, befanden sich im Waschkeller plötzlich zwei neue Geräte. Wenig später klebten zwei neue Namen an der Klingel zur Pechwohnung. Aha – ein Paar wollte hier sein Glück suchen und der Düsternis ein Ende bereiten! Und in den letzten Januartagen, ich fuhr gerade mit dem Aufzug in den Keller, war auf dem Weg Richtung Garage, um das Dackelfräulein zum See zu kutschieren, war es dann tatsächlich so weit: der männliche Part des Pechwohnungs-Paares stand plötzlich im Kellerflur vor mir.
Ein Gruß wurde ausgesprochen, mit schwäbischer Note (zieht die Pechwohnung etwa bevorzugt Schwaben an?!?), ansonsten fiel mir nur auf, dass der Neue dem Gebaren nach ganz bestimmt kein Finanz- oder Versicherungsfritze sein konnte (korrekt!, wie das Internet bestätigte) und dass er in seinem Leben offenbar noch nie einen Hund oder gar Dackel gesehen hatte.
Grad dass er nicht zur Seite sprang, als das Dackelfräulein ihn freundlich schwänzelnd begrüßen wollte, oder ihm ein angeekeltes „Iiih!“ entfuhr! Sekunden später kam seine Angetraute oder Lebensabschnittsgefährtin aus der Garage. Als sie Pippa sah, zuckte auch sie zusammen, und kaum wuselte ihr unser liebreizender Hund um die Füße, zog sie ein Gesicht als würde sich ein blutender Blobfisch über ihre Schuhe schieben.

Was soll ich sagen? Die Sache war gelaufen! Quasi binnen Sekunden waren die Würfel gefallen!
Bei der Zweit- und Drittbegegnung wurde dieses Verhalten keineswegs besser, lockerer oder entspannter.
Ja, besonders die Drittbegegnung war heikel, denn die Neue trug ein spongebobähnliches Riesenstofftier durchs Treppenhaus und für Pippa war sonnenklar, dass das nun endlich das ihr zugedachte Einstandspräsent sein müsse und sie schien daher sogar geneigt, der seltsamen Nachbarin ihr bisheriges Verhalten zu verzeihen. Aber nein, das kastige Monster wurde quietschend vor Angst oder Ekel in die Höhe gehoben und dem Dackelfräulein verweigert!

Zugegeben, diesmal kostete ich die Lage aus und rief Pippa nicht sofort zu mir, sondern ließ die Neue ein Weilchen zappeln, weil das gar so ulkig aussah: die kreischende Frau auf Zehenspitzen mit dem knallgrünen Monsterstofftier in den Armen. Herrlich!
Derweil erklärte ich ihr seelenruhig, dass mein Hund ihr Spongebob-Plagiat als Spielgefährten betrachtet und sich deshalb so exorbitant freut.
Ihr Mann kam ihr zu Hilfe, fuchtelte unbeholfen mit einem Arm herum und versuchte, die Situation mit einem „Desch is ja ’n aufg’weckta Kerl!“ zu entschärfen. Da er aber einen Geländewagen unter dem anderen Arm trug (so ein Teil in Bobbycar-Größe – man fragt sich ja schon, was Leute, die um die 50 sind und keine Kinder haben, für Krempel besitzen), fiel er bei Pippa natürlich in dieselbe Kategorie wie seine Gefährtin („Potentiell neuer Kamerad mit Spielgerät zur besänftigenden Überlassung inkl. Antragstellung auf gute Nachbarschaft beim 1. Haus- und Hofhund am Platze“).
Ich klemmte mir dann (quasi aus paritätischen Gründen) meinen Hund unter den Arm und machte mich aus dem Staub.

Staub. Gutes Stichwort!
Denn bei der vierten Begegnung sprach mich der Neue unfreundlich und grußlos an (es war der Umzugstag, er trug Baseballkappe und Sweatshirt und wirkte etwas gestresst ob der vier kein schwäbisches Wort verstehenden Inder, die sein Umzugsgut ganz offensichtlich nicht in der gewünschten Weise in die Pechwohnung trugen) und fragte mich unvermittelt, ob ich ihm meinen Staubsauger für den Reschd des Tages ausleihen könne, da die Inder bereits Löcher in die Wände bohren würden, und da wäre es ja schon praktisch, den Bohrstaub und das doch recht reichlich splitternde Mauerwerk gleich an Ort und Stelle mit einem Sauger aufzufangen. „Ungern“, entgegnete ich, da ich mir bei unserem Einzug unseren alten Staubsauger mit vergleichbaren Aktionen ruiniert hatte und den neuen nicht in Hände geben wollte, die ich noch nicht mal selbst in gutem Gefühl geschüttelt hatte.

Da war der Schwabe beleidigt, glaube ich. Entsprechend kurz angebunden verliefen die nachfolgenden Begegnungen. Auch Pippa ignoriert die beiden mittlerweile – wer es sich erst mal gründlich mit ihr verscherzt hat, ist logischerweise keines Dackelblickes oder Schwanzwedelns mehr würdig.

Aber häufig sieht man einander eh nicht, denn – Sie ahnen es sicher schon! – die Jalousien sind mal wieder unten.
Sogar tagsüber sehr konsequent, und das, obwohl der Neue daheim arbeitet. Vielleicht ist er Pornofilmproduzent oder Geldfälscher – oder die beiden haben zuvor im Souterrain oder Keller gewohnt und müssen sich erst langsam ans Tageslicht gewöhnen (man soll ja nicht immer gleich das Übelste annehmen).

Den neuen Nachbarn gebe ich dennoch deutlich länger als Dr. B. und dem nie erschienenen Herrn F., ich tippe tollkühn auf mehr als 3 Jahre.
Einfach deshalb, weil ich davon ausgehe, dass Menschen mit spongebobähnlichen Monsterstofftieren, albernen Kleinjeeps, schwäbischer Herkunft und einer doch erklecklichen Anzahl von vier Indern hineintransportierten Möbelstücken und Kisten nicht in drei Monaten wieder weg sind (einen haben sie ja bereits geschafft).

Möge uns das Schicksal gewogen sein und uns den näheren Fortgang sowie das Ende dieser Pechwohnungs-Episode nicht mehr live miterleben lassen, obwohl ich mikrosoziologischen Langzeitstudien dieser Art durchaus etwas abgewinnen kann.

Was für eine verrammelte, verschlossene Welt.
Ein bedrückendes Verstecken, Verbarrikadieren und Verschließen – so empfinde ich das zumindest.
Wenn ich hier in Suburbia nachts mit unserem Hund durch die Straßen spaziere, dann ist alles dicht, alle haben sich abgeschottet. Keine Menschenseele ist irgendwo zu sehen.
Leben die noch oder sterben die schon?, frage ich mich manchmal, wenn ich auf die vielen bodentiefen, blickdichten Lamellenfronten gucke.

Unweigerlich denke ich dann an diesen Spätsommer vor ein paar Jahren, den ich auf Gotland verbrachte.
Wie ich mit dem Dackelfräulein in der Dunkelheit über die Insel fuhr oder wanderte, und überall waren warme Lichter zu sehen, die Fenster so offen wie die Türen, hie und da mal ein zugezogener Schlafzimmervorhang, ansonsten aber sichtbares Leben in all seinen Schattierungen und Zuständen.
Die Menschen dort verstecken sich nicht bei Einbruch der Dunkelheit, sondern sie wagen es, sich in ihrer ganzen Banalität oder Besonderheit zu zeigen. In Gesprächen erfuhr ich, dass sie das nicht mal als ein Wagnis oder ein Sich-Zeigen betrachten, sondern es ist stinknormal, dass man abends weiterlebt und -wohnt als wäre es draußen noch hell.
Der Schwede geht einfach nicht davon aus, dass ihm jemand was wegglotzt und es juckt ihn auch nicht, wenn der Nachbar sieht, dass man mal kurz in der Nase bohrt (und aus Kindheitsurlauben in Holland erinnere ich mich noch gut daran, dass man es dort genauso hielt).

Man sieht sie alle in ihren Häusern herumlaufen, -liegen oder -sitzen, in ausgebeulter Jogginghose oder im eleganten Etuikleid oder irgendwas dazwischen, allein, zu zweit oder in Gesellschaft, mit Hund oder Katze, lesend, lernend, denkend, weinend, lachend, essend, trinkend, putzend, sich unterhaltend, sich berieseln lassend, schweigend, liebend, streitend, genießend, leidend – und vielleicht sogar sterbend.

Mich hat dieser Anblick, diese Offenheit, diese Sichtbarkeit des Lebens zutiefst beruhigt, ich war dort ganz alleine unterwegs und fürchtete mich nirgends, nicht mal nachts.

In den letzten Tagen meiner Zeit auf der Insel schloß auch ich die Tür meiner Hütte nicht mehr ab und zog die Vorhänge nicht mehr zu. Frühmorgens, wenn ich mit dem Dackelfräulein im Arm langsam die steile Holztreppe von der Schlafkammer hinunterstieg, guckte das Pferd des Nachbarn durch das Sprossenfenster neben der Verandatür direkt in mein verschlafenes Gesicht und entlockte dem Dackelchen ein erstes Brummeln.

Ein schöner Start in den Tag und ein perfektes Lebensgefühl war das.

Gewohnheitstiere unterwegs oder: Reisen mit Rasso.

Vor ziemlich genau zwei Jahren, mit Beginn meines ersten Blogs, machte ich mich auf den Weg nach Schweden, genauer gesagt: nach Gotland. Diese Reise markierte eine Zäsur (17 Jahre IT – leb‘ wohl für immer!), weshalb ich unbedingt alleine reisen wollte (naja, das Dackelmädchen durfte schon mit), um den Kopf frei zu bekommen von dem, was hinter mir lag und für das, was die Zukunft vielleicht bereithielte.
Und um zwei Orte aufzusuchen, die ich endlich nicht mehr nur in Filmen sehen, sondern „in echt“ sehen wollte: Die Öresundbrücke und die Insel, auf der Pippi Langstrumpf gedreht wurde. Um dorthin zu gelangen, machte ich unterwegs an weiteren Stationen Halt, von denen ich damals noch nicht wusste, wie gern ich sie wiedersehen wollen würde, nachdem ich einmal dort gewesen bin (sowieso bin ich der Reisetyp „Wiederkommer“). Eine davon war Malmö.

Reisen mit Hund, vor allem, wenn man sie allein unternimmt, sind in mancher Hinsicht eine starke Einschränkung und ein Kompromiss. Größere Touren durch Städte werden z.B. schnell strapaziös, weil an keinem Ende der Leine jemand auf seine Kosten kommt. Der eine will was sehen, vielleicht auch mal ein Lokal, ein Museum, ein Geschäft oder ein Kino besuchen, der andere will im Sand graben, schnüffeln, sausen und spielen. Deshalb habe ich damals die gesamte Tour hundegerecht geplant – und eben auf etliches verzichtet.
Nun, zwei Jahre später, stecke ich mittendrin in der Gegenwart dieser Zukunft, von der ich damals keine Ahnung hatte und auch heute nur bedingt habe. Aber es zieht mich immer noch an den Öresund.

Diesmal bin ich weder wochenlang unterwegs, noch mit Dackel und vollgepacktem Auto (schade eigentlich). Am Dienstag geht es für fünf Tage nach Malmö. Eigentlich wollte ich nach Kopenhagen, was ich aufgrund der Hotelpreise schnell verworfen habe – in Malmö schläft es sich deutlich günstiger. Die Fahrt mit dem Öresundzug rüber nach Kopenhagen ist hingegen sehr preiswert. Also versuche ich, beide Städte zu sehen.

Warum der Gatte nicht mitkommt? Er ist derzeit abgetaucht. Worin? In das hier.

Da muss er erst noch komplett durchtauchen und einen Artikel schreiben, bevor er wieder auftaucht und ansprechbar ist. Das hat zumindest den Vorteil, dass unser Hund bestens betreut zuhause bleiben und ich alleine losziehen kann. Tut ja auch immer mal wieder gut: sich allein in die Welt stellen, allein entscheiden, allein mit Widrigkeiten klarkommen, sich insgesamt etwas Alleinsein um die Nase wehen lassen.
Beim Vorbereiten der kleinen Reise fiel mir auf, dass mein Kopenhagen-Malmö-Führer von Rasso Knoller verfasst wurde. Das muss Schicksal sein! Denn schon vor zwei Jahren reiste ich mit Rassos Unterstützung durch Gotland. Letztes Jahr ließ ich mich im Frühjahr von Rasso durch Helsinki leiten, im Herbst dann durch Stockholm. Und jetzt hab‘ ich ihn schon wieder erwischt – oder er mich!

Grund genug, doch mal genauer nachzuforschen, wer das eigentlich ist, dieser Mann, der mich auf meinen Reisen der letzten zwei Jahre begleitet hat und dessen Bücher mich so begeistern.

Rasso Knoller

Na sowas! Wenn ich mir die Länderschwerpunkte so ansehe, dann die Tatsache hinzunehme, dass es sich für mich sehr bewährt hat, mit Rasso zu reisen und anschließend alle Länder streiche, in denen ich bereits war oder die nicht in Frage kommen, weil ich Fernreisen oder Temperaturen nicht verkrafte, so ergibt sich für die nächsten Jahren folgende Liste an Zielen: Island, Irland, Mecklenburg-Vorpommern, Grönland und Norwegen.

Danke, Rasso, für diese Impulse! Wenn’s jetzt in Dänemark und Schweden wieder so gut klappt mit uns wie bisher, dann folge ich dir weiter – bis ans Ende deiner Publikationsliste.

Diese Vorgehensweise entspricht mir ohnehin ganz und gar: Bewährtem bleibe ich gern treu. Bin noch nie der Typ gewesen für große Experimente. 

So werde ich mit meinem Mann alt werden, immer mit einem Dackel an unserer Seite, Octavia Kombi fahren bis ich den Lappen abgebe, für alle Zeiten mit Persil waschen und Hagebuttenmarmelade essen, Schwimmen bis die Arthrose es nicht mehr erlaubt und natürlich auch auf meiner Beerdigung noch Bruce Springsteen hören, sofern man unterirdisch Musik wahrnehmen kann (wovon ich mal ganz optimistisch ausgehe, weshalb ich den passenden Song schon vor Jahren festgelegt habe).

Eine schöne Urlaubszeit – schon hinter euch, grad mittendrin oder noch vor euch – wünscht
Die Kraulquappe.