Back in town.

Wussten Sie’s schon?

Bill Gates hat das Wetter bereits vollständig unter Kontrolle!!!

Um 15 Uhr hätte ja die nächste große Corona-Demo hier vor der Haustür stattfinden sollen.
Seit frühmorgens hat der Veranstalter (eine mir bis vor Kurzem völlig unbekannte Partei, deren Namen ich lieber erst gar nicht nenne, damit das niemand googelt, lohnt eh nicht) fleißig gewerkelt, um das Gehege auf der Wiesn aufzubauen, in das die 1.000 genehmigten Teilnehmer sich gegen Mittag begeben durften.

Um 15 Uhr hätte es losgehen sollen mit dem „Ich lass mir doch keinen Chip via Vakzine in meinen Körper reinjagen!“-Zeugs, untermalt von ein bisschen „Let the sunshine in“-Gesinge, Buh-Rufen und diversen sportlichen Einlagen (wir berichteten hier).

Und was passiert? Bill Gates, diese nach Reichtum und Weltherrschaft gierende Ratte, schickt Orkanböen nach München!

Gegen 14:15 Uhr rupft der Wind schon recht heftig an den rot-weißen Absperrbändern, um 14:30 Uhr droht die Rednerbühne abzuheben, ab 14:45 Uhr kommt ein solcher Regenguss, dass man sie alle nur noch davonrennen sieht.
Mit ihren Schildern, auf denen der schwarze Edding schon zerronnen ist, sausen sie zur U-Bahn, zu ihren Autos oder Fahrrädern – jedenfalls davon.

Um 14:50 Uhr nur noch ca. 50 Hardcore-Demonstrierer auf dem Gelände, auch die Polizei harrt noch tapfer aus rund um die Theresienwiese.
Fünf Minuten drauf dann per Lautsprecher die Absage des ganzen Spektakels, denn „Sicherheit geht vor“, Wind und Regen sind einfach zu heftig.

Das kann ja wohl alles kein Zufall mehr sein!

Quelle: Abendzeitung München.

Und noch nicht genug der „Zufälle“: Pünktlich um 15:20 Uhr hört es doch glatt wieder auf so krass zu stürmen. Und zwar komplett! Aber da sind sie alle schon weg, schließlich möchte man sich ja in Zeiten wie diesen nicht verkühlen, nur für den Fall, dass das doch kein Fake ist, dieses Virus.
Man kann ja von Bill Gates halten, was man will, aber DAS war wirklich Maßarbeit. Beängstigend, nicht wahr?

Ich würde meine Beobachtungen und Gedanken dazu gern noch weiter ausführen, muss an dieser Stelle aber leider jäh einen Punkt machen. Es ist 16:03 Uhr, das Dackelfräulein jammert seit 3 Minuten unter dem Schreibtisch und tritt mir alle zwei Sekunden auf einen meiner Füße. Um 16 Uhr bekommt sie üblicherweise ihr Zweit-Fressi, und sie hat nichts für Verspätungen übrig und macht sich daher grundsätzlich schon ab 15:58 Uhr bemerkbar. Länger als fünf Minuten ertrage ich diesen Terror nicht, also vielleicht ein andermal wieder mehr zu obigem Thema (vielleicht schon nächsten Samstag?).

Und fragen Sie mich jetzt bitte nicht, woher dieser Hund weiß, dass es 16 Uhr ist.
Ich habe keine Ahnung!

Die Welt ist voller Rätsel und Phänomene, die einen nur so mit den Ohren schlackern lassen.

„Der Großteil der Demonstranten kam aus dem bürgerlichen Lager.“

Heute Nachmittag, vor meiner Haustür.

Sehen Sie mir bitte die miserable Bildqualität nach – der Zoom vom Handy ist nicht der beste und mir war wichtig, den Mindestabstand zur dargebotenen Vielfalt der Meinungsfreiheit einzuhalten.

(Überschrift des Blogbeitrags: Zitat aus der“Rundschau“ vom 16. Mai 2020, Bayerisches Fernsehen.)

Song des Tages (54).

Eine neue, andere Etappe der Selbstquarantäne hat begonnen.
Neben dem obligatorischen MNS möchte man da draußen nun manchmal auch Ohrstöpsel und ein Klappvisier tragen.

Schon nach einer Woche kann ich das Krakeelen an lauen Abenden hier auf der großen Freifläche vor der Haustür nicht mehr hören: „F*** Corona!“ plärren sie – und dazu ein lautstarkes, scherbenklirrendes Prosit der Ungemütlichkeit, weil man ja leider in Scharen und dicht gedrängt auf den Steintreppen zu Füßen der Bavaria herumlungern und sich dort zulöten muss, weil die F***-Politiker die Kneipen nicht aufsperren wollen.
Ja, manches ist durchaus unlogisch in dem sogenannten Lockerungsfahrplan (die Abfahrtszeiten wirken oft ungünstig und wenig abgestimmt, auch die Gleiswechsel und Umstiege holpern ziemlich), manches auch unsinnig, aber beileibe nicht alles.
Und die Demokratie ist genauso wenig abgeschafft worden wie die Grundrechte und auch Bill Gates befindet sich nicht auf der Zielgeraden, um übermorgen die Weltherrschaft zu übernehmen.

Ich wünschte mir Hygieneregeln für die mediale Überschriftengestaltung, denn wenn ich noch einmal irgendwo lesen muss „War’s das mit dem Sommerurlaub 2020?“ oder „10 Überlebensstrategien zwischen Homeoffice und Homeschooling“ oder „Widerstand ist Pflicht!“, dann… – tja, was dann?
Raus zur Gegen-Demo oder doch besser Flucht nach vorn bzw. nach oben, hinauf auf den Berg, wo das ganze Gebrodel und Geschwurbel zu Tale nicht mehr zu hören und zu sehen ist?

Vermutlich Letzteres, und beim Gehen ein bisschen drüber nachdenken, wie das alles wohl weitergeht und wie man sich besser abschotten könnte, wenn man spätabends Gassi geht, und parallel dazu das arme, der häuslichen „Kriegsgefangenschaft“ für ein paar Stunden entfleuchte Volk wahrnimmt, das voller Wut oder Ignoranz oder zu viel Bier auf der Wiesn abhängt und seinen Widerstandswohlstandspartymüll in die ohnehin schon überfüllten Mülleimer schmeißt (oder gleich daneben, so dass die Krähen die Burger- und Pizzakartons nicht erst mühsam zwischen den Pfandflaschen herauspicken müssen aus den Metallkübeln, sondern gleich bequem in der Wiese sitzend die Verpackungen zerhacken können, damit der Niedriglöhner am Tag drauf noch ein paar Stunden mehr niedergebückt niedriglöhnen kann, bis er alles aufgeklaubt hat aus den nassen, erdigen Grünstreifen).
Besser noch, man denkt beim Gehen gar nicht allzu viel über sowas nach, nicht dass es einen zu sehr beschwert, weshalb ich auch a priori ein Freund des Hinaufgehens bin, und zwar des beschwerlichen, schweißtreibenden Emporsteigens, weil das, wie es so schön heißt, den Kopf frei macht, denn auf manch steilem Pfad lässt man besser den Gedanken fallen als dass man sich selbst zu Fall brächte.

Ich beschränke also weiterhin meinen Ausgang auf das Notwendige, ergänze das gelegentlich um das Wohltuende und halte bei all dem Abstand, völlig freiwillig und ein Stück weit auch als emotionale und mentale Hygienemaßnahme.
Verzicht ist blöd, schon klar, jeder vermisst gerade etwas oder jemanden (ich könnte drei Seiten dazu verfassen, was mir momentan fehlt und „was das mit mir macht“, aber wozu soll das gut sein?) und hat mit Entbehrungen (mehr oder weniger) zu kämpfen, aber ist es wirklich ein Problem, wenn jetzt einmal (!) der Sommer- oder gar der Jahresurlaub ausfällt bzw. im eigenen Land verbracht werden muss (!), zumal wir von zwei Meeren über etliche Heidelandschaften, Seenplatten, Mittelgebirge bis hin zu prächtigen Bergen so ziemlich das ganze Spektrum an landschaftlicher Schönheit zur Verfügung haben?
Vertreibt einem das nur die Instagram-Follower, wenn man bloß lauter öde Fotos mit Untertiteln wie „Sonnenuntergang am Sylvensteinsee“ oder „Picknick am Pilsumer Leuchtturm“ oder „Wastl auf dem Watzmann“ posten kann oder macht das ernsthaft unglücklich?
Könnte man nicht einfach mal die Kirche im Dorf lassen – und sich diese vielleicht sogar einmal genauer ansehen, anstatt immer nur das, was weit weg ist, interessiert betrachten zu wollen?

Der winzige Ort Bichl zum Beispiel, der soll eine sehr sehenswerte kleine Dorfkirche haben, St. Georg heißt sie, wie mir der Papa neulich berichtete, als er seine erste kurze Ausfahrt seit drei Monaten wagte, um eben jenes kunsthistorische Kleinod zu besichtigen.
Leider hab ich’s nicht so mit Kirchen, zumindest nicht übers Architektonische und die Orgelmusik hinaus, er ja eigentlich auch nicht, aber da er nunmal nicht mehr gut zu Fuß ist, weil ihn Mr. Parkinson gnadenlos seiner Bewegungsfreiheit beraubt hat, schaut er halt, was noch geht und wofür er nicht zu viel gehen muss, um noch ein bisschen was von der Welt zu sehen, und richtet sein Interesse, was dem Wortstamme nach auch „dabei sein“ bedeutet, eben auf die Dinge, zu denen er noch gut hingelangt – und das sind ja auch gar nicht so wenige.

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Apropos Papa. Ein Besuch am Tegernsee steht nun an, und mir kommt es so vor, als stünde der sogar recht dringend an. Weil am Telefon ging es in letzter Zeit auffallend oft um – wie soll ich’s ausdrücken? – final anmutende Tätigkeiten, mit denen sich der Papa über die Coronawochen hinweg zunehmend zu befassen schien.
Listen hat er sich angelegt, in denen aufgeführt ist, wo er welche Versicherung oder Mitgliedschaft abgeschlossen hat, mit welcher Nummer und wer der Ansprechpartner ist.
Alle seine Ordner hat er ausgemistet und neu beschriftet, „(…) damit du weißt, wo du was findest“.
Aber ich suche doch gar nichts, Papa!
Und da ist sie wieder, seine Formulierung: „Ist ja nur für den Fall der Fälle.“
Auf die Nachfrage hin, von welchem Fall wir denn nun genau reden, meint er schnörkellos: „Ja wenn mich dieses Virus erwischt und vielleicht außer Gefecht setzt oder ganz hinwegrafft, dann hab ich sicher nicht mehr die Zeit, das alles zu ordnen.“ – wo er recht hat, hat er recht, der Herr Vater.

Trotzdem weiß ich nicht, was ich davon halten soll, dass er mir zwei Umzugskartons „mit Sachen“ angekündigt hat, die er ebenfalls aussortiert hat und mir nun gerne zur weiteren Verwendung oder Verräumung übergeben möchte: die Familienfotos, alle Fotos aus seinen 40 Berufsjahren, etliche sogenannte „persönliche Gegenstände“, ein paar Bildbände, Schallplatten und andere Habseligkeiten (was für ein schönes Wort, denke ich gerade, wenn ich das so tippe: Hab_selig_keiten – war der Papa selig, weil er sie hatte?).
„Du musst doch jetzt nicht dein ganzes Leben auflösen wegen eines Konjunktivs bzw. diesem Fall der Fälle“, sage ich zu ihm und weiß schon beim Aussprechen dieser Bemerkung, dass ich darauf keine Antwort erhalten werde, weil… (und diese Antwort, die versage ich mir nun selbst, zumindest heute).

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Ob die Gesellschaft sich nun (noch mehr) spalten wird, und wenn ja, wie und warum und in welche „Lager“, gehört ebenfalls zu den momentan intensiv und kontrovers diskutierten Themen.

Ins Politische möchte ich jetzt nicht abdriften, allein wenn ich die letzten zwei Monate hier in meinem kleinen Orbit so Revue passieren lasse, dann stelle ich fest, dass ich (teils recht erstaunt) feststellen durfte, mit wem ich diese Wochen wirklich geteilt habe und mit wem ich sie nicht teilen konnte oder wollte (oder der/die das mit mir nicht konnte oder wollte).
Zwei Freundschaften, von denen die eine noch im Entstehen und die andere längst schon abgestanden war, fielen Corona zum Opfer. Gar nicht mal so wenig, für nur zwei Monate!
Was natürlich totaler Humbug ist (überall liest man das ja derzeit: was alles „Corona zum Opfer fiel“ und damit sind zumeist nicht die Erkrankten oder Toten gemeint), denn nicht etwa das C-Virus hat diese mitmenschlichen Bande zerfressen, sondern die Infektionen schwelten da jeweils schon länger und sind nun einfach eskaliert-explodiert-erodiert, „dank“ dieses Brennglaseffekts. Eine Verdichtung, ein Aufplatzen von Eiterherden, eine Sezierung, das ist es, was diese C-Krise mit sich bringt.

Es gibt einige Tage, die fühlen sich ein bisschen so an wie sonst die paar Stunden, die ich jährlich am 31.12. mit gewissen „Bilanzen“ und „Überträgen“ zubringe: ich mache eine Bestandsaufnahme dessen, was so war (Berge, Bäder, Begeisterungen, Befreiungen, Begegnungen, Beschlüsse und ihr Scheitern u.v.m.) und ein Fortschreiben dessen, was auch weiterhin sein kann-darf-soll (welche Adressen nehme ich mit ins neue Jahr – und meist steckt ja hinter einer Adresse auch ein Adressat -, welche Vorhaben notiere ich neu oder erneut, was schreibe ich ab, weil es nicht mehr passt oder noch nie gepasst hat…, um nur ein paar Beispiele zu nennen).
Dabei haben wir erst Mitte Mai und normalerweise ist das die Jahreszeit, in der ich mich eher auf meine Wunschliste für den Geburtstag fokussiere, was natürlich arg übertrieben, aber offen gestanden auch nicht völlig untertrieben ist.
Die fällt nun dieses Jahr erstaunlich kurz aus, einzeilig gar, das gab es eigentlich noch nie, aber der Gatte freut sich, weil es die Angelegenheit schließlich sehr vereinfacht und ich sonst ja schon kompliziert genug bin (was jetzt ebenfalls ein klein wenig übertrieben ist).

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Beim Laufen im Park (an dieser Stelle und bei dem Thema muss ich mir mein Gejammere über das nach wie vor geschlossene Schwimmbad übrigens am meisten verkneifen, weil ich es beim Laufen seltsamerweise am meisten spüre, wie sehr mir das Schwimmen fehlt) treffe ich mittlerweile nicht mehr gelegentlich J. (der wird längst wieder durch die Berge laufen, wo uns der Zufall eher nicht regelmäßig zusammenführen wird), dafür jedesmal den alten, einäugigen Hund.

Manchmal sitzt er vor einem Baum und guckt mit mildem Interesse den Eichhörnchen zu. Völlig entspannt ist er dabei, weil er weiß, dass es sich mit der Jagd für ihn erledigt hat und er schon froh sein kann, dass sie ihm nach dem üblen Unfall nur ein Lid zugenäht haben und er deshalb neben seiner guten Nase noch ein winziges Restaugenlicht hat, um sich zu orientieren in seinem kleinen Ausschnitt der Welt, in dem er zuhause ist und wo er gelernt hat, mit dem zufrieden zu sein, was er hat: Seinem Menschen, seinem Auslauf, seiner Wiese und ein paar munter umherflitzenden, unerreichbaren Eichhörnchen hoch droben in den Wipfeln der schönen, grünen Kastanien. Ein Stoiker ist er, und ein Epikureist.

Bewundernswert, wie er das macht.
Und wie er einfach unerschütterlich ist.

*****

Nothing unusual, nothing strange
Close to nothing at all
The same old scenario, the same old rain
And there’s no explosions here

Then something unusual, something strange
Comes from nothing at all
I saw a spaceship fly by your window
Did you see it disappear?

Amie come sit on my wall
And read me the story of O

And tell it like you still believe
That the end of the century
Brings a change for you and me

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Song des Tages (53).

Nach einigen Lebenswochen mit den Ausgangsbeschränkungen bzw. der veränderten neuen Normalität, die sich immer noch ziemlich unnormal anfühlt, stellt sich allmählich eine seltsame Gleichförmigkeit des Alltags ein, die einhergeht mit einem zunehmenden Verlust des subjektiven Zeitempfindens und einer vormals konstant vorhandenen Zukunftsorientierung.

Vorausplanung findet kaum noch oder nur noch für Unabdingbares statt, Retrospektiven haben sich in Wohlgefallen aufgelöst, was zählt, ist vor allem das Hier und Heute.
Der tägliche Fragen-Kanon: Wann gehe ich zum Einkaufen (dauert ja alles länger), was koche ich in den nächsten zwei, drei Tagen (das zu häufige Hinausgehen wegen der Einkäufe soll ja reduziert werden), wann erledige ich den Haushalt (fällt ja schon deutlich mehr an, wenn immer alle daheim sind), wie lege ich meine Arbeitsstunden (auf morgens/mittags/abends? oder gleich auf morgen?), welche Telefonate/Mails sind zu führen/schreiben (Freunde, Papa, Handwerker, Kundenservices, Versicherungen?), wann kommt Lolek wieder (bzw. wie trocken ist das Loch in der Wand?), wo findet die nächste Sporteinheit statt (Park? Wald? Isar? See? Berge?), wohin fliege ich heute mit dem Dackelfräulein aus (Park? Wald? Isar? See? Berge?), welche Runde wählen wir für den allwöchentlich stattfindenden, nun offiziell erlaubten Ausflug mit D. (Park? Wald? Isar? See? Berge?).

Viel mehr ist da derzeit nicht. Und doch ist das völlig genug, sind die Tage ausgefüllt und ein ganz neuer Trott ist entstanden und entsteht noch. Oder besser: sowas wie ein Rhythmus schleicht sich ein, es ist der Rhythmus dieses so speziellen Frühsommers, dessen Pulsschlag wir mittlerweile wohl verinnerlicht haben, mehr und und mehr stülpt er unserem Leben, wie es jetzt nun mal ist oder sich gerade neu formiert, seinen Takt über.

Das ist keine frühlingsleichte Sonatine, an deren Live-Aufführung wir gerade teilhaben, so viel ist längst klar, eher wird das eine wuchtige Symphonie. In welchem Satz befinden wir uns gerade? – frage ich mich manchmal, hoffe insgeheim, wir näherten uns bereits dem Scherzo, spüre aber, dass wir grad mal im Adagio angelangt sind, höchstens. Da folgt also noch Einiges, niemand überblickt es genau, und weil das jetzt so ist, ist der Radius unseres üblichen Blickes (vor, zurück, rechts, links, oben, unten) nun auch ein anderer. Fokussierter. Weniger unstet. Vielleicht auch geduldiger.

Sind wir etwa allmählich im Hier und Jetzt angekommen?
Also dort, wo z.B. das Dackelfräulein schon immer lebte?

Gääääähn! Gibt’s hier im Blog auch mal wieder was Neues? Nö?!? Können wir dann nicht auch mal wieder ohne Fotosessions zum Wandern gehen?

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Wenn es nach meiner vierbeinigen Gefährtin ginge, dürfte diese Pandemie ruhig noch fortdauern: das Rudel ist täglich vollständig, der „Papi“ hat das Pendeln eingestellt und nun viel mehr Zeit zum Spielen, die Stadtspaziergänge haben sich auf ein Minimum reduziert, man hund wird nicht mehr wegen des Besuchs kultureller Veranstaltungen oder wegen zweistündiger Ausflüge ins Schwimmbad alleingelassen und dank des täglichen Gewerkels in der Küche fällt auch viel mehr zwischendurch ab – so könnte es gut und gerne bleiben!

(Sonntag. Weit südlich der Stadtgrenze. Im Sauseschritt zur Isar. Sonne, Sandboden, Wind im Fell, den Geruch des Wildflusses in der Nase. Was für ein Hundeleben!)

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Die Münchner üben nun Masketragen. Man zurrt das Ding ums Kinn, gern auch ums Doppelkinn (Nase und Mund liegen frei), spaziert herum und schaut grimmig. Ab morgen gilt’s – und man darf gespannt sein, ob und wie das hinhaut.

Ansonsten befindet sich die gesamte Stadt im Sportwahn. Überall wird gehechelt, geschwitzt, geackert. Aktuell (ich sitze gerade beim Weißbiersport auf meiner Parkbank) 8 Surfer auf der Theresienwiese, 5 Federball-Teams, mindestens 20 Skateboarder und ebensoviele Inlineskater. Walker, Jogger und Radler sind „durchlaufende Posten“, die zähl ich nicht.

Die Parkbänke am Rande der Wiesn: alle belegt. Mit je 2 Personen, dazwischen Abstand, der mit Büchern, Getränken, Smartphones und Zigarettenschachteln gefüllt wird. Eine Bank weiter erspähe ich aus dem Augenwinkel Nachbar M., der sich in den letzten Wochen als Verschwörungstheoretiker entpuppte. Wann immer man sich nun über den Weg läuft, versucht er einen ins Gespräch zu verwickeln und darzulegen, wieso Bill Gates und die Pharmaindustrie an allem schuld und wir nur naive Idioten sind, die der großangelegten Manipulation auf den Leim gehen. Der Gatte hat sich die Tage schon mit ihm angelegt, mir steht das noch bevor, fürchte ich. Nur gut, dass es mit anderen Nachbarn grad umso netter und angenehmer ist.

Mit manchen Freunden (oder Bekannten?) zur Zeit völlige Sendepause, ein paar dabei, von denen ich das nicht gedacht hätte. Mit anderen dafür engerer Kontakt als zuvor. An manchen Tagen beinahe eine Standleitung nach Köln, man prostet einander virtuell zu und erzählt sich alles, wozu sonst nie so richtig Zeit war. Homeoffice offeriert auch Freiheiten, sofern keine Kleinkinder in der Wohnung herumspringen und bespaßt werden wollen oder der Arbeitgeber ständig zu Zoom-Konferenzen einlädt.

Nebenbei bin ich tatsächlich Fan von Live-Streams geworden. Diese Woche mit Glen Hansard auf seinen 50. angestoßen. Und mir in der Wanne liegend und meinen Rücken schrubbend von Cammy Black ein gecovertes „Born to run“ gewünscht, um den Bergtag würdig zu beschließen. Spielt er dann auch und sendet Grüße aus Schottland nach Bayern. Feine Sache. Möge bitte das Handtuch am Wannenrand, auf dem das Smartphone platziert ist, niemals auf die Idee kommen, zu verrutschen.

*****

Überhaupt auf einmal wieder mehr Zeit für Musik. Oder ein größeres Bedürfnis danach.

Der Shuffle-Modus der SD-Card im Auto gräbt momentan vermehrt die seltenen Titel aus. Beispielsweise die „Tracks“, an denen ich mich vor langer Zeit wundgehört hatte. Fast vergessene Perlen sind dabei, heute diese hier, ein Song, den ich jahrelang nicht mehr gehört habe, aber sofort wieder so schön fand, und auch so wohnzimmerkonzertgeeignet:

It’s one for the money and one for the show
I got one kiss for you honey so come on let’s go
I didn’t see it coming but girl now I know
It takes one for the running but two for the road

One thousand dreams whispered in the dark
But a dream’s just a dream in one empty heart
It takes more than one to rev it up and go
So let’s get it running, we’re two for the road

Two one-way tickets and a diamond ring
Hell it don’t matter what the rain might bring
Whoa, when this world treats you hard and cold
I’ll stand beside you, we’re two for the road

When you’re alone my love’ll shine the light
Through the dark and starless night
I’ll hold you close and never let you go
C’mon now girl ‚cause we’re two for the road
Well it’s two to get ready, babe, c’mon let’s go
Me and you, girl, we’re two for the road

*****

Das Dackelfräulein und ich verabschieden uns hiermit für ein Weilchen – eine Woche oder auch zwei?, es wird sich zeigen! – und wünschen der Leserschaft derweil gutes Durchatmen (trotz der morgen beginnenden Maskenpflicht), guten Durchblick (trotz der teils strapaziösen Nachrichtenlage) und natürlich weiterhin gute Gesundheit (trotz…, na, Sie wissen schon!).

Herzliche Grüße & bis bald wieder!
Ihre Kraulquappe.

Die Renaissance der Parkbank.

Beim gestrigen Spaziergang im Wald ein frisch gezapftes Coronacorazón entdeckt…

…und zwischen Wald, Wiese und Feld der neuen Freizeit-Serie „Ein Leben auf Parkbänken“ gemeinsam mit D. ein weiteres Kapitel hinzugefügt:

Einerseits getrieben von der Streuselkuchensehnsucht, andererseits von dem Bedürfnis, die angeschlagene Gastronomie auf dem Land zu unterstützen.
Und auch als kleine, heimliche Vorübung für nächste Woche, wenn man in Bayern nach vier Wochen mal wieder eine Kontaktperson aus einem anderen Haushalt treffen darf, natürlich nur im Freien.
Parkbänke sind jetzt die neuen Kaffeehaustische, die Biergartenalternative des Sommers, der Kneipentresen der nahen Zukunft!

Merke: Je mehr Kuchenteller und Getränke Sie zwischen sich und Ihren Parkbanknachbarn stellen, desto leichter erreichen Sie mühelos einen Abstand von anderthalb Metern.

Aber es geht auch noch einfacher, wie ein Aufruf der Regierung des US-Bundesstaates New Jersey zeigt:

Vielleicht hätte sich der Söder auch so eine leicht vermittelbare Analogie für den hierzulande geforderten Abstand von 1,5 Metern einfallen lassen sollen: 15 Maßkrüge zum Beispiel (nebeneinandergestellt – oder 8 liegende, je nach Zustand des Maßkrughalters). Oder eine Zwölfer-Weißwurstkette. Oder 10 Brezen.
Oder 1 Doppeldackel (Normalschlag, genussvoll ausgestreckt).

Locker aus dem Körbchen gerutscht: 78cm.

Sollten Sie gerade (gewollt oder ungewollt) allein auf einer Parkbank sitzen und sich daher nicht mit Abständen befassen müssen, aber auch keinen Kuchen, kein Bier und kein Buch zur Hand haben, empfehle ich Ihnen, einen Blick auf/in das Projekt des Grazer Literaturhauses zu werfen – und lassen Sie sich bloß nicht davon abschrecken, dass die Aktion mit „Corona-Tagebücher“ betitelt wurde (die ja derzeit verspottet werden als gäbe es nichts Wichtigeres, auf das man seinen Zorn und seine Energie richten könnte).

Oder lieber etwas Musik? Dann hören Sie nachher doch mal rein in den Live-Stream der zwei feschen Kanadierinnen von Madison Violet.
Ich hoffe ja nach wie vor, dass das Angebot solcher Live-Stream-Wohnzimmerkonzerte mit Spenden-Button noch weiter zunimmt, schließlich wollen wir doch alle auch unsere noch nicht weltbekannten und steinreichen Lieblingskünstler im Herbst gern wiedersehen.

So, der Parklauf ruft – und anschließend, sofern es nicht regnet, die Parkbank.
Haben Sie ein schönes Wochende und verzagen Sie nicht!

Himmel der Bayern (74): From a distance.

Dieses Jahr auffallend viele Ostergrüße. Per Post, Email, WhatsApp, Telefon. Und eine klasse CD, voll mit Frauenpower, zusammengestellt von einem Mann, ist auch mit dabei: überfällige Erinnerungen an Cyndi, Cher und v.a. an die einst sehr von mir verehrte Bette Midler, die ja nicht nur dieses zeitlos-großartige Stück über die Nervensägen gesungen hat, sondern auch einen Song für Coronazeiten:

From a distance we are instruments
Marching in a common band
Playing songs of hope
Playing songs of peace
They are the songs of every man

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Der hübsch Bewimperte und ich stellen einander Osternester ins Treppenhaus bzw. vor die Tür. Mit den Nachbarn, mit denen man sich etwas verbundener fühlt, tauscht man Häschen oder Eier aus. Der Papa freut sich über den Karton mit Cresta-Schokoeiern und ruft jeden zweiten Tag an, allmählich fällt ihm die Decke auf den Kopf.

Lolek schicke ich als Ostergruß ein Foto von dem täglich dicker werdenden Kaninchen, das in der Toilettenwand wohnt, und schreibe ihm, dass ich mich auf unser baldiges Wiedersehen freue.

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Dem Wanderführer mit dem Arbeitstitel „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“, an dem ich zu schreiben begonnen habe, seit ich den täglichen Spießrutenlauf mit Hund durch die überfüllten städtischen Grünanlagen leid bin, füge ich heute das Kapitel „Mit dem Vierbeiner über verlassene Golfplätze“ hinzu. Eine der Premiumtouren in dem künftigen Büchlein! Früher, als die Winter noch regelmäßig Schnee auf das Münchner Umland fallen ließen, war das mal meine Langlauf-Hausstrecke, zu allen anderen Jahreszeiten kann man sich dort eigentlich nur als Clubmitglied frei bewegen, heißt: ich kenne das Gelände nur auf Skiern.

Daher hat dieses kurze Golfplatzgassi was von einem heimlichen Hikingabenteuer, wie ja so vieles zur Zeit. Wir kicken ein bisschen herum, spazieren achtsam durchs gepflegte Hügelland, machen ein Imbisspäuschen in einem Strandkorb für Golfer – und das Schönste: hier müssen wir niemandem ausweichen, weil wir niemanden treffen.

Danach weiter zu den Weihern und den Wäldern, eine Gegend, in der man Thoreau lesen und „Walden Pond“ hören sollte.

Stattdessen umrunden wir auf schmalen Trampelpfaden die vielen kleinen Weiher (einzige Chance, den Radfahrern zu entgehen), rasten auf einem einsamen Steg und lassen uns ungestört die Sonne auf die Nase scheinen.

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Gestern vor 50 Jahren haben meine Eltern geheiratet. Und unser Freund Bobby aus dem fernen B. feierte sein sechstes WiegenWurfkistenfest.

Heute hat einer der wenigen Geburtstag, die je tollkühn genug waren, mir einen Heiratsantrag zu machen und als Erstehemann wäre er vielleicht eine bessere Wahl gewesen als der Gymnasiallehrer, aber was soll’s.

Morgen ist Ostern und ein bisschen Auferstehung täte langsam wirklich not, das werden sich wohl grad fast alle wünschen.

Bis es soweit ist, wünsche ich Ihnen und Ihren ones and onlys sonniges Herumeiern und frohe Feiertage!

Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

Als die Kraulquappe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungustl verwandelt. Sie lag auf ihrem von zweimonatigem Baustellengenerve verspannten Rücken und sah, wenn sie den Kopf ein wenig hob, ihre winterbleichen Beine, zwei bogenförmigen Gebilde, zwischen denen die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, mit den letzten Traumresten zu einem klebrigen Etwas verschmolz. Ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dürren Morgengedanken flimmerten ihr hilflos vor den Augen.

Sie stand auf, gähnte heftig, rieb sich die Augen, streckte sich, blickte aus dem Fenster und sah wie eine Taube ungeschickt auf einem der Garagendächer des Hinterhofes landete und dabei ins Straucheln geriet.

Ihr Kopf hämmerte heftig, eine düstere Schwere lastete auf ihrer Brust, überhaupt fühlte sich ihr Körper so an, als sei ihm eine Art Leblosigkeit in die Knochen gekrochen und hätte sich dort eingenistet. In die dunkelgrüne Morgenjacke schlüpfend dachte sie: „So ein Schlafmittel, das ist keine Lösung für mich.“ Geschlafen hatte sie nämlich dennoch nur dürftig, stattdessen war ihr übel.

Und kaum hatte sie das vor ihrem sich noch im Prozesse des Erwachens befindlichen Inneren ausgesprochen, wusste sie, was sie tun musste, aller Müdigkeit und aller auf sie wartenden Pflichten zum Trotze.

Sie teilte sich, auf Verständnis hoffend, den ihren mit, packte alsbald ihre Sachen, schnürte ihr Ränzlein – und empfahl sich. Stieg ins Auto, legte den Forenbacher ein und fuhr los. Unterwegs wurde ihr klar, dass nun eine – man will es hoffen: überschaubar kurze! – Zeit des Unsagbaren beginnen würde. Denn es würde ab nun Ereignisse und Situationen geben, die besser ungesagt blieben, und das umso mehr, je schöner und je unsagbarer sie wären.

Denn über die Triftigkeit von Gründen wollte sie weder debattieren noch streiten, schon gar nicht mit Uniformierten, die je nach Landkreis die Dinge mal so und mal ganz anders sahen. Erstmals zog sie in Erwägung, die ihr sonst so verhasste, weil so dämlich und wichtigtuerisch daherkommende Formulierung „aus Gründen“ zu verwenden. Wenn es sogar namhafte und mit Preisen dekorierte Journalisten wagen durften, diese Hohlphrase niederzuschreiben, ja gar eine Überschrift damit zu verhunzen, dann würde sie, sofern man sie an- oder aufhielte, um sie mit einem gestrengen „Quo vadis?“ zu behelligen und im nächsten Schritt sogleich dessen Notwendigkeit zu hinterfragen, einfach keck und hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, zurückflöten: „Aus Gründen!“.

Es hielt sie aber niemand an oder auf, denn sie kannte ja die diversen Schleichwege noch aus den Sommern ihrer Jugend, parkte das Auto an einem einsamen Fleckchen, an das sich nur Einheimische verirren würden und schlich sich durch ein Buchenwäldchen zum Bächlein und an diesem entlang, in stillen Serpentinen immer weiter, der Leere und der Einsamkeit entgegen, die ihr zugleich Fülle und Gesellschaft war, bis sie dort war, wo sie sein wollte, und wo sie sein würde, solange ihre Füße sie trugen und die Lunge ihr Herz mit Sauerstoff füllte und ihre Augen tief hineinblicken konnten in diese Weite, die ihre Heimat war.

Und so war sie ja auf eine gewisse Weise daheimgeblieben und es verging endlich mal wieder ein ganzer Tag voll des Glückes und der Freiheit und der guten Aussichten, in aller Heimlichkeit und in aller Achtsamkeit fern der Horden, die sich täglich durch die städtischen Parks schoben. Schon morgen wird sie dem Staate wieder als brave Bürgerin zur Verfügung stehen, wenn um 10 Uhr der KoCo19-Forschertrupp klingeln und ihre Venen anzapfen wird, wovor es ihr graut, aber sie hat sich ja gottseidank ein Beruhigungsfilmchen mitgebracht.

KoCo19 oder: Wenn die Studentin zweimal klingelt.

Wenn ich so weiterlaufe, bin ich spätestens im Sommer reif für einen Halbmarathon und habe dafür aber leider den Armzug beim Kraulschwimmen verlernt. In Laufwoche 3 sind die Fortschritte jedenfalls unübersehbar, die Runden vergrößern sich und die Jeans spannt schon ein klein wenig am Gesäß (und man möchte diese Entwicklung ja lieber dem Muskelzuwachs als der Kalorienzufuhr zuschreiben).

Beim Sonntagslauf im Park treffe ich zufällig J., der dort auch gelegentlich läuft.

Wir haben uns monatelang nicht mehr gesehen, unterbrechen daher natürlich unseren Lauf, blockieren durch unseren 2m-Abstand den Weg (was ich anderen stets munter ankreide) und unterhalten uns kurz.

J. ist ja nicht mehr der Jüngste, und kann seit seiner gesundheitlich schweren Zeit vor zwei, drei Jahren auch nicht mehr behaupten, nicht zur Gruppe der Vorerkrankten zu gehören. Dennoch ist er einer der sportlichsten und fittesten Menschen, die ich kenne – und das ist er immer noch. Ohne Bewegung, vornehmlich in den Bergen, aber auch sonst zu jeder Gelegenheit, würde er eingehen. Seiner Krebserkrankung ist er quasi davongelaufen, seine eigentliche Reha hat er in Regionen über 2.000m absolviert, ruckzuck war er wieder auf dem körperlichen Level, das er hatte, bevor das Karzinom entdeckt und entfernt wurde.

Heute erzählt er mir, dass er momentan deutlich früher am Tag laufe, weil da die Polizeistreifendichte noch nicht so hoch sei, denn neulich hätten sie ihn beim Laufen doch glatt angehalten (obwohl er allein und mit Abstand zu allem und jedem seine Runden durch den Park zog), nach seinem Alter befragt und ihn nachhause geschickt. Risikogruppe und so. Er müsse aber doch sein Immunsystem stärken, sagt er, wie die sich das denn vorstellen würden, fragt er, und weiter meint er: wie krass er das fand, dass die ihm tatsächlich mit Nachdruck rieten, heimzugehen. Er guckt, während er mir das alles berichtet, reichlich verzweifelt.

Wir verabschieden uns, winken uns eine Runde später nochmal zu. Kurz drauf sehe ich ein (die Parkluft verpestendes) Polizeimotorrad neben J. anhalten. Der Beamte redet mit ihm, anschließend läuft J. aus dem Park hinaus. Ich spüre einen Stich in Herzgegend und verlasse den Park ebenfalls und laufe weiter zu einer anderen Grünanlage, wo mich nichts an J. erinnert.

Im Sony-Walkman dudelt Dylans The Times They Are a-Changin’, das ich sonst meist wegen drohender Totdudelungsgefahr überspringe, heute aber anhöre, weil es mir auf einmal so passend erscheint.

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Erst gestern in der Zeitung gelesen, dass das Tropenmedizinische Institut der LMU München 3.000 repräsentativ ausgewählte Haushalte besuchen wird, um deren Bewohner zu fragen, ob sie bereit wären, an dem Projekt „Prospektive COVID-19 Kohorte München“ (kurz „KoCo19“) teilzunehmen.

Ziel der Studie ist, herauszufinden, wie wirksam die aktuellen Maßnahmen (Social distancing etc.) sind und anhand regelmäßiger Blutproben (zur Bestimmung von Antikörpern gegen SARS-CoV-2) in Kombination mit Befragungen und Auswertung von Symptom-Tagebüchern die Ausbreitung des Virus und den Verlauf der Epidemie genauer verstehen zu lernen und abschätzen zu können, wie viele Menschen die Infektion schon erfolgreich überstanden haben.

Dieser Antikörpertest ist etwas, das ich mir schon seit drei Wochen „wünsche“ (besser gesagt: das mich beschäftigt, aus persönlichen Gründen). Und siehe da: heute Vormittag klingelt es, aber wie so oft, reagiert sonntags erstmal keiner von uns, nach dem zweiten Läuten dann aber doch, und eine vermummte Abordnung der LMU (2 Medizinstudentinnen, 1 Ärztin) steht in Begleitung eines Polizisten vor unserer Wohnungstür.

Ich bin grad im Bad und creme mir die Beine ein, höre aber bruchstückhaft, was der Gatte vorn an der Tür spricht und schließe aus den Satzfetzen „ja sowas, einer von 3.000 Haushalten“ und „schade, im Lotto gewinnen wir nie“ sofort messerscharf, wer der vormittägliche Besuch sein muss, springe in meine labbrige Haushose, ziehe mir ein Unterhemd an und eile zur Wohnungstür.

Gute Sache. Wir werden an dieser Studie teilnehmen. In einer Woche kenne ich dann meinen Antikörperstatus. Fein. Oder auch nicht, das wird sich zeigen.

Das gewünschte „Symptom-Tagebuch“ wird einfach: da steht – ganz simpel – täglich „müde“ drin. Gelegentlich auch mal „hungrig“, „übellaunig“, „albern“ oder „nachdenklich“.

Was nicht so einfach wird, ist der praktische Part der Studie: die Blutabnahme. Seit ich denken kann, ein Horrorthema für mich. Nix als Rollvenen. Teils bricht die Arzthelferin nach 4-5 erfolglosen Einstichen schweißgebadet ab, meist aber breche ich bereits ab, wenn es nicht spätestens beim 3. Versuch klappt.

Ich mache trotzdem mit und betrachte das jetzt als therapeutisches Experiment: als eine Art paradoxe Intervention. Super Gelegenheit, dieser Angst mal daheim (!) auf dem Sofa (!) zu begegnen, im Kreise meiner Lieben und betreut von einem ganzen medizinischen Team.

Wenn ich das überstehe, bin ich hoffentlich ein lebensbegleitendes Trauma los. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten. Die Dauer des Projekts beträgt ein Jahr.

Außer Traumabewältigung, aktuellen Infos über CRP-Werte, Immun- und Antikörper-Status hat man als Teilnehmer keine Meriten von der Studie zu erwarten. Falls man keine Antikörper hat und plötzlich COVID-19-Symptome verspürte, dürfte man auf dem kurzen Dienstweg zum Rachenabstrich vorbeikommen und käme ggf. auf der Diretissima in eine der Münchner Kliniken. Tröstliche Perspektiven.

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Und sonst so?

Nur drei Schlaglichter, denn ich will Sie ja nicht unnötig aufhalten, an diesem herrlich sonnigen Sonntagabend.

Die Menschen stellen allerhand Sachen raus. Die Durchseuchung der Straßen mit Unrat ist dem Nützlichen allerdings immer eine Nasenlänge voraus.

Lolek wird uns wieder beehren. Schon übermorgen. Denn das neue, zartgelbe Vexierbild auf der frisch geweißelten Wand ist nicht etwaiger Lagerkollerlangeweile entsprungen und sicherlich auch kein Zeichen, das Außerirdische uns gesandt haben. Schon gar nicht, wenn sich auf der anderen Seite der Wand das erst jüngst neu installierte, polnische Abflussrohr unserer Waschmaschine befindet.

Cervisiam et ordinem. Hilft in der richtigen Dosierung immer. Mit diesem Equipment hat man bzw. frau die Parkbank übrigens mit hoher Wahrscheinlichkeit für sich allein.

Every day is like survival oder: Karma, das verflixte Chameleon.

Der Gabenzaun ist gnadenlos gescheitert. Zu viel Verhau, zu viel Unrat, zu wenig gut verpackt, zu wenig (oder gar nicht) mitgedacht. Die Stadt hat jetzt andere Örtlichkeiten für diese Art von Spenden organisiert.
Das Finale des Gabenzauns bestand schlussendlich aus einer bemerkenswerten Synthese der hochbrisanten Klopapierthematik mit einem altgedienten spirituellen Konzept.

Urban Fenceart vom Feinsten.

Ich muss unweigerlich an Boy George und Schulpartys denken. Anfang der 1980er Jahre war das, als man noch nichts hinter sich, aber alles noch vor sich hatte und das für ein Füllhorn an Verheißungen hielt. Der Song war grad aktuell als ich mich in den dunkeläugigen Pseudo-Adligen aus der Nachbarklasse verknallt habe, der dann 20 Jahre später für L’Oréal modelte und mittlerweile Beautykrempel vertickt. Ewig nicht mehr gehört:

Der Frühling ist zurück. Der Wind ist noch frisch, aber die Sonne scheint. Konstant trudeln nun Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Theresienwiese beim Drive-in ein, von 8 bis 18 Uhr. Die Ordnungshüter drehen ihre Runden hier mittlerweile ohne brüllendlaute Megafondurchsagen. In den Supermärkten die üblichen Erlebnisse, man gewöhnt sich dran und ich habe beschlossen, mich über manches nicht mehr zu echauffieren. Darüber hinaus erlebt man draußen ja nicht mehr viel bzw. manches möchte man mittlerweile lieber nicht mehr öffentlich mitteilen (womit ich in dem Fall gar nicht das Negative meine). Nur so viel: das Dackelfräulein hat sich gefreut, die Pfötchen mal wieder in Seewasser zu einzutunken.

Wir beballern uns mittlerweile nur noch einmal am Tag mit Nachrichten (der TV hat seine Wackelkontaktfrequenz netterweise nochmals reduziert), das genüg völlig, verstört-verwundert-verärgert einen nicht dauernd, und vertiefen uns ansonsten in die Alltagsdinge und -erledigungen, die berufliche Arbeit und das Praktizieren der neuen Strukturen.

Der Gatte ist glücklich darüber, nicht nach Frankfurt pendeln zu müssen und dass fast alle lästigen Meetings entfallen, weil die Uni geschlossen hat und die Kollegen im Homeoffice weniger besprechungswütig sind. Mit meiner Arbeit geht es zäh voran, es macht mir keinen Spaß, jetzt Reportagen übers Reisen zu schreiben. Aber zugesagt ist zugesagt – nur gut, dass der Verlag den Erscheinungstermin coronabedingt verschoben hat.

Nächste Woche erfolgt der hoffentlich letzte handwerkliche Handschlag in Sachen „neues Bad“. Falls die Duschtrennwand tatsächlich geliefert wird und diesmal auch in den korrekten Maßen. Und falls Lolek noch arbeitet und Hausbesuche macht. Nach meiner Zeitplanung, die ich in Woche 1 nach dem Wasserschaden machte, hatte ich mal „Karfreitag“ drinstehen, als Endtermin sowohl für meine Reportagen als auch für die häuslichen Baustellen. Ab Ostern war Neues und Anderes geplant, das nun alles in den Sternen steht.

Der Papa hat die Freude am Kochen wiedergefunden, das schlägt sich ungut aufs eh schon zu üppige Körpervolumen nieder, konstatiert er. Seit gestern trägt er daher nach eigener Aussage eine „Fressbremse“ (wie er die Atemschutzmaske nennt, die der Sohn der Lebensgefährtin dieser Tage per Post an den Tegernsee geschickt hat). Offenbar hat er auch seinen Humor wiedergefunden.
Mit größter Mühe gelingt es ihm nach 20-minütiger telefonischer Instruktion, mir per Whatsapp das Foto von sich im maskiertem Diät-Outfit zu schicken, das die Lebensgefährtin am Vortag von ihm geschossen hat.

Soweit für heute.
Ich grüße Sie herzlich und hoffe, dass bei Ihnen auch alles so einigermaßen seinen (neuen) Gang geht!