(…) verweile doch, du bist so schön!

Momentan habe ich eine ganz gute Phase, was unsere Wohnungssuche angeht.

Gut ist sie nicht etwa, weil es irgendwie voranginge oder sich ein Licht am Ende des Tunnels abzeichnen würde, sondern nur insofern, da ich mir einen gewissen Sarkasmus als Grundhaltung zugelegt habe, der mich nun viel heiterer mit Maklern und Eigentümern kommunizieren und auch Besichtigungstermine mit einer bisher nie gekannten heiteren Gelassenheit (oder ist’s Galgenhumor?) und eloquenten Freundlichkeit absolvieren lässt.

Außerdem haben wir dank des Titels des Gatten, den wir in unseren Anschreiben nun stets an prominenter Stelle platzieren, mittlerweile eine recht gute Quote: In den wenigen Fällen, in denen wir durch unsere gründlichen Vorrecherchen zu dem Schluss kommen, dass wir die angebotene Wohnung tatsächlich besichtigen sollten, werden wir in 4 von 5 Fällen eingeladen und in die heiligen Hallen vorgelassen.
Natürlich nicht alleine, wo denken Sie hin!
Man schiebt sich da mit 4-5 anderen Paaren durch die Wohnung und muss schon auch mal hie und da ein bisserl schubsen, um sich in vorderster Reihe (mit Maklerblick) zu behaupten.

Zum Wochenausklang möchte ich Sie, werte Leserinnen und Leser, gern an meinen drei Highlights der Woche in puncto Wohnungssuche in unserer schönen Stadt teilhaben lassen.

Das Erste belegt Platz 1 in der Kategorie „Perlen der Offertenprosa“, das Zweite hat mühelos die Bestplatzierung in der Rubrik „Du Brunzkachl, du ogsoachte, du g’hörst ja mit der Scheißbürscht’n nausghaut!“ geschafft und das dritte Highlight fällt in die in diesem Haifischbecken Terrain vom Aussterben bedrohte Sparte „Ehrlich währt am längsten“ und landete dort sogleich auf dem obersten Siegertreppchen.

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[Inserat in Immoscout]

Wohntraum in Schwabing – komplett sanierte 3-Zimmer-Wohnung!

Lage: Schwabing-West
Baujahr: 1955
Wohnungstyp: Etagenwohnung
Etage: 4 von 5
Wohnfläche: 84m²
Zimmer: 3
Badezimmer: 1
Bezugsfrei ab: 15.02.2018
Personenaufzug: nein
Keller: ja
Einbauküche: ja
Stellplatz/Garage: ja

Kaltmiete (zzgl. NK): 1.780 €
Nebenkosten: 150 €
Heizkosten: 120 €
Gesamtmiete: 2.050 €
zzgl. Stellplatz/Garage: 120 €

Das Objekt liegt in Bestlage im Herzen Schwabings, welches bekannt ist für sein pulsierendes, urbanes Flair.
Fußläufig erreichen Sie die Geschäfte des täglichen Bedarfs und gute Restaurants, in denen man gerne verweilt. Der nahegelegene Englische Garten lädt zum Erholen ein.
Zugleich ist man durch die zentrale Lage hervorragend angebunden (4 Min U-Bahn Hohenzollernplatz).

Ein historisches Treppenhaus ohne Lift führt hinauf in das 4.OG, in dem sich Ihr neues Zuhause befindet.
Die Wohnung ist lichtdurchflutet mit modernem Grundriss und wurde mit Liebe zum Detail kernsaniert.
Durch den Flur betritt man in die Wohnräume, Küche, Bad und WC erreicht man ebenfalls durch den Flur.
Vom großzügigen Wohnzimmer aus gelangen Sie auf den schönen Südbalkon, der zum Verweilen einlädt.

Alle Wohnräume sind mit Eichenparkett in Fischgräten verlegt.
Küche, Flur und Badezimmer verfügen über graues Feinsteinzeug.
Das neuwertige Badezimmer (6m²) ist modern gefließt mit Regenschauerdusche und Fenster.
Die Wohnküche (10m²) ist mit einer hochwertigen Einbauküche ausgestattet, die vom Vormieter übernommen werden muss (Ablöse: 7.500€) und keine Wünsche offenlässt.

Zur Wohnung gehört noch ein Dublexstellplatz, der mit angemietet werden muss (120€).

Die Wohnung wird nicht an WG’s vermietet und ist vermieterseits nicht erwünscht.
Der Eigentümer bevorzugt ein solides Paar ohne Kinder. Keine Haustiere, Juristen und Musiker.

Bitte Anfragen nur per Email mit ausführlicher Selbstauskunft, Schufa, den letzten 3 Gehaltsnachweißen und Steuerbescheid.

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[Inserat in der Süddeutschen Zeitung]

4-Zi.-Whg, Mü-Neuhausen, sehr zentr., 96m², Blk., ab 01.03., 1.600€ zzgl. 350€ NK, von priv.

Sehr geehrte Frau Kraulquappe,

besten Dank für Ihre Email und Ihr Interesse betreffend die Anmietung der 4-Zimmer Wohnung in München-Neuhausen zum 01.03.2018.

Die Wohnung befindet sich in der xxx-straße 6 im 3. Stock. Der Balkon geht nach Süden, zur xxx-straße. Nächste Woche werden noch einige Arbeiten in der Wohnung durchgeführt (neue Armaturen im Bad, Erneuerung Stromkasten mit FI-Schalter, Rauchmelder), so dass die Besichtigung der Wohnung frühestens am 17. Februar 2018 möglich ist.

Vom Mieter müssten ein paar Renovierungsarbeiten bzw. Schönheitsreparaturen selbst durchgeführt werden, es handelt es sich im Wesentlichen darum:

  • Tapeten entfernen, Wände und Decken streichen; evtl. Zargen und Fensterrahmen streichen
  • Parkett im Wohnzimmer und in der Diele abschleifen und neu versiegeln
  • in einem Zimmer (12,92 qm) den Bodenbelag (Laminat) und den alten Küchenboden (PVC) zu erneuern
  • Die Wohnung wird ohne Einbauküche vermietet.

Der Vorteil für den Mieter besteht darin: Es sind bei Auszug keine Schönheitsreparaturen zu leisten und die Wohnung kann bei Einzug nach Ihrem eigenem Geschmack gestaltet werden. Ich bin an einem langfristigen Mietverhältnis interessiert. Da ich alleinstehend bin bzw. meine 87jährige, pflegebedürftige Mutter bei mir wohnt, haben Sie keine Kündigung wegen Eigenbedarf von mir zu befürchten.

Vorab sende ich Ihnen einen Plan der Wohnung sowie eine ausführliche Mieterselbstauskunft.

Bitte kontaktieren Sie mich, wenn Sie am Samstag, den 17.02.2018 die Wohnung besichtigen möchten, so dass wir eine Uhrzeit vereinbaren können.
Mit freundlichen Grüßen
xxx

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[Inserat in Immowelt]

Lage: Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt
Baujahr: 1882
Wohnungstyp: Etagenwohnung
Etage: 3 von 4
Wohnfläche: 80m²
Zimmer: 3
Badezimmer: 1
Bezugsfrei ab: sofort
Garage: nein

Kaltmiete (zzgl. NK): 1.650 €
Nebenkosten: 150 €
Heizkosten: nicht in NK enthalten €
Gesamtmiete: 1.700 € zzgl. Heizkosten

Da das Haus 1882 erbaut wurde, unterliegt es den Bestimmungen des Denkmalschutzes. Daher ist es auch noch mit originalen Holzfenstern ausgestattet, was den Nachteil hat, dass diese teilweise recht luftdurchlässig sind.
Es befindet sich nur noch teilweise Stuck an der Außenfassade, da diese leider größtenteils im Krieg zerstört wurde.

Ausstattung:
abgeschliffene, breite, helle Holzdielen
im Bad rechteckige, große, sandfarbene Fliesen, Badewanne vorhanden,Waschmaschinenanschluss
große, helle Fenster, getäfelte Türen mit Messinggriffen
Durchgangszimmer Küche mit Balkon/ Blick auf den begrünten Innenhof, Ausrichtung Süd/West, dort großer, sehr alter Kastanienbaum im Garten, mit Baumschaukel
überdachter Fahrradunterstand, Korbsitzecke, Tischtennisplatte, Grill

Sonstiges:
Da im Haus größtenteils Mieter jüngeren bis mittleren Alters wohnen, die gerne mal feiern, u. a. im Sommer im Garten und sich unten auch eine Galerie befindet, in der regelmäßig Parties, Vernissagen etc. veranstaltet werden, kann es durchaus des Öfteren lauter werden. Zumal das Haus auch schlecht isoliert ist. Deshalb ist die Wohnung eher ungeeignet für Familien mit Kindern oder Personen, die gerne ihre Ruhe haben möchten!!!
Außerdem ist das Viertel aufgrund der zahlreichen Bars stark frequentiert!
Nicht geeignet für lärmempfindliche Menschen!!!
Gerne Homosexuelle, die sich hier wieder mehr etablieren möchten!
Keine Maklerprovision! Auch keine Makler erwünscht!!!!
Wohnung von Privat.
Bei Interesse bitte keine E Mails, sondern unter der angegebenen Telefonnummer anrufen.

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Impressionen aus einer Unterführung in München. Bei dem Künstler handelt es sich vermutlich um einen Langzeit-Wohnungssuchenden.

Suburbia (1): Vom Leben im Transitbereich.

Logo zu meiner neuen Serie über das Leben am Münchner Stadtrand.

Meist ist es ratsam, mit schwerwiegenderen Gedanken oder Gefühlen ein wenig schwanger zu gehen, bis aus ihnen ein gebärfähiger Beschluss wird.

Wir befinden uns nun im neunten (!) Monat unseres Wohnens & Lebens am südlichen Stadtrand, eine relevante Zeitspanne also, um die Niederkunft einer Entscheidung bekanntzugeben. Und ich wünschte, es gäbe diesbezüglich nichts zu verkünden, weil wir uns hier annähernd auf cloud nine befänden oder auch bloß angekommen wären, uns gut eingelebt hätten und wohlfühlen würden.
Leider hat sich fast alles anders entwickelt als erhofft.

Fairerweise will ich zunächst die zweieinhalb positiven Aspekte erwähnen.
Die neue Wohnung ist und bleibt ein Quantensprung im Vergleich zum vorigen Zuhause – ständiges Frieren und modriger Muff in den Wintermonaten sind ebenso passé wie diverse andere Baufälligkeiten, die uns jahrelang genervt haben. Stattdessen haben wir nun läppische Luxusprobleme wie das Experimentieren mit der adäquten Regulierung der Fußbodenheizung oder Vorkehrungen zu treffen gegen das Ausrutschen auf der aalglatten Versiegelung des Fischgrätparketts (für das Dackelfräulein durchaus unkommod). Kann man wirklich mit leben, ist letztlich zu verbuchen unter Anpassung, denn die Bau- und Binnenqualität der Wohnung betreffend sind wir nun mal von einem Extrem ins andere gefallen.

Der neue Nachbar vis-à-vis hat sich zwischenzeitlich nicht nur als netter Hausgenosse und Kompagnon für Fußball-Abende bewährt, sondern auch zu einem geschätzten Gesprächspartner, Grillmeister, Gleichgesinnten in Sachen Humor & häuslichen Angelegenheiten, perfekten Dogsitter sowie einer Anlaufstelle für Chipsgelüste (sogar nach 23 Uhr) entwickelt. Besser hätte man’s nicht erwischen können, so auf derselben Etage (denn von der Erbsenzählerin und der Korinthenkackerin eine Etage drüber soll an dieser Stelle lieber nicht die Rede sein).

Auch die neue Vermieterin ist im Vergleich zur vorigen eine Verbesserung, allerdings nur eine geringe: Hier haben wir, wie wir zwischenzeitlich feststellen mussten, lediglich das Modell „verhaltensgestörte, kleinkarierte Geizkrägin mit abgewetzter Pudelmütze“ gegen das Modell „übervorsichtige, oberlehrerhafte Damenbartträgerin mit Großgrundbesitzerattitüde“ eingetauscht. Schwer zu sagen, was im Umgang nervtötender war bzw. ist. Die eine bekam einen Anfall, wenn man wiederholt wagte, sich schimmelfreie Fensterbänke neben dem Esstisch zu wünschen, die andere echauffiert sich nun, wenn man sich erdreistet, 2x in 9 Monaten einen tropfenden Schirm kurz im Treppenhaus abgestellt zu haben (und hält uns an, ich zitiere: „eine Auffangschale im Gäste-WC zu platzieren“, in der der Schirm zu trocknen habe).

Worin wir uns allerdings völlig getäuscht haben, ist die Sache mit der Stadtrandlage. Erhofft hatten wir uns mehr Ruhe, weniger Verkehr, keine Parkplatzprobleme und insgesamt eine beschaulichere Atmosphäre durch die wald- und naturnahe Lage (und trotzdem per U-Bahn eine super Anbindung in die Stadt).

Als ich vor 27 Jahren für eine Weile mit meiner Mutter hier lebte, war das alles noch gegeben, und im Frühjahr 2017, an den beiden Samstagen der Wohnungsbesichtigung und der Mietvertragsunterzeichnung, wirkte es, als habe sich diesbezüglich nichts geändert.
Der Fehler dabei war: es handelte sich um Samstage.
Tage, an denen man gar nicht bemerken kann, dass werktags das gesamte Viertel (im Folgenden nur noch „Gegend“ genannt, da jeglicher Stadtviertelcharakter fehlt) morgens zwischen 6:30 und 9 Uhr wie eine Heuschreckenplage von den Pendlern des südlichen Umlands  heimgesucht und restlos zugeparkt wird (zwischen 16:30 und 20 Uhr dann alles wieder retour).
Tagsüber reiht sich hier Starnberger Porsche Cayenne an Weilheimer Volvo V70, dazwischen die Vorortchaisen von Stockdorf über Krailing bis Germering.
Nach dem Parken holt man sich im Bioladen noch fix einen Sojadrink nebst Dinkelgebäck (Kennzeichen STA) oder beim Billigbäcker 3 Quarktaschen zum Preis von 2 plus Coffee to go (Kennzeichen FFB) – und weiter geht’s per U-Bahn in die City, ins Office, zum Shoppen, zum Arzt, zum Amt oder zum Nobel-Friseur nach Schwabing.
Das gesamte Pendelvolk des südwestlichen Umlands rauscht hier also täglich 1x rein und 1x wieder raus, wie Reisende durch einen Transitbereich, man guckt nicht links und rechts, haut seinen Kaffeebecher oder die Edelstoffflasche auf die Straße, ist ja nicht das eigene Viertel, äh, Gegend, was soll’s.

Tagsüber und spätabends ist hier alles leergefegt, verwaist und ausgestorben. Hat man misanthropische Tendenzen, kann das durchaus von Vorteil sein. Nahezu begegnungsfrei lässt es sich bis zum Wald spazieren, dort trifft man auch nur ein paar Wildschweine und Rehe, sonst keine Gesellschaft, keine Sau, nirgendwo. Gute Sache an manchen Tagen, in manchen Verfasstheiten.
Zugleich hat diese Ausgestorbenheit etwas Gespenstisches. Bei der nächtlichen Runde mit Pippa treffe ich ebenfalls keine Menschenseele, höchstens mal Gestalten ohne selbige. Jene Verlorenen und Vergessenen, die ganz hinten im Viertel, in den Hochhäusern, hausen. Sie kippen gegen 23 Uhr angetrunken oder sonstwie stoned aus der U-Bahn, haben den Bus versäumt und schwanken zu Fuß heimwärts. Manchmal werde ich angepöbelt, manchmal wird das Dackelfräulein unflätig angeraunzt. Da ich grundsätzlich recht angstfrei unterwegs bin, komme ich damit schon zurecht, im alten Stadtviertel gab’s das auch mal, aber was mich hier beklemmt, sind die nachts vollkommen menschenleeren Straßen. Für den Fall, dass es doch mal brisanter würde, wäre niemand da, der einen hört oder sieht – da hilft nur noch Rennen, was wir gottseidank erst einmal tun mussten.
[Endlich mal kapiert, was die Pet Shop Boys seinerzeit meinten: „you can’t hide, run with the dogs tonight, in Suburbia“]

Die Menschen, die hier leben, passen weder zusammen, noch haben sie sich aneinander gewöhnt, noch stehen die Chancen allzu gut, dass das mit der Zeit gelingen könne. Alteingesessene (denen das Viertel, als es noch ein echtes Viertel war, quasi „gehörte“), Asylbewerber und Arme (die die Stadt in den in 40 Jahren heruntergekommenen Hochhäusern zusammenpfercht), Alte (nach deren Ableben die Erben die Grundstücke lukrativ an Bauträger verhökern) sowie ein paar junge bis mittelalte Familien und Leute wie wir (die mit ihrer Stadtrandlagen-Illusion oder vom Innenstadtmietzins vertrieben in den neu gebauten Wohnungen oder Häusern dieser Gegend landen).

Suburbia-Bebauung im Münchner Süden (Beispielhaus).

Bis Letztere ihren „Wohntraum im Münchner Süden“ zu Ende geträumt haben oder vorzeitig daraus erwachen, kann schon mal ein Jährchen ins Land gehen. Womöglich auch zwei oder drei. Man sieht hier nicht so klar und deutlich, denn alle machen abends die Schotten dicht, manche sogar tagsüber. Man möchte einander keinen Einblick gewähren und auch selbst nichts von „da draußen“ wahrnehmen, sondern seine Ruhe haben.
Die einen vegetieren so in der Enge ihrer trostlosen Wohnsilos dahin, die anderen verstauben oder verenden in ihren dunkelholzigen (innen wie außen), in die Jahre gekommenen Einfamilienhäusern, die nächsten polieren jedes Wochenende ihre beigen Autos auf den beigegefliesten Einfahrten ihrer beigen Häuser, hinter deren beigen Gardinen Frauen in beigen Strickjacken Apfelkuchen mit Rosinen drin backen (der letztlich auch recht beige aussehen wird) und wieder andere veröden in ihren schicken, sterilen Neubauten, in denen sie sich von Google Home oder Amazon Alexa das neueste Tablet, den Bergwetterbericht oder die glutenfreien Fertiggerichte liefern lassen.

Das Charakteristische an diesen Neubauten ist, dass sie völlig charakterlos sind, wenngleich die Bauträger versuchen, mit Firmennamen wie „Creativhaus“ über dieses architektonische Elend hinwegzutäuschen. Wie geklont sehen sie aus in ihrem ewigen Weiß und Grau, mit Milchglaselementen an den Balkonen und bodentiefen Fenstern allüberall, die den dahinter wohnenden Menschen ja geradezu animieren müssen, sich zu verrammeln, um das Prästentiertellergefühl so lange zu eliminieren, bis die blickdichten Vorhänge geliefert werden oder die immergleichen Sträucherarrangements diesen unkreativen, uncharmanten Niedrigenergiehütten einen natürlichen Sichtschutz verschaffen.

Hat des Abends doch mal einer vergessen, die Jalousien rechtzeitig per Knopfdruck herunterschnurren zu lassen, sieht man überall dieselben offenen Wohn-Ess-Bereiche, dieselben Couchgarnituren, dieselben Lampen, dieselben Obstschalen, dieselben Filzschlappen – mal Hygge-Style, mal Höffner-Stil, je nach Geschmack und Geldbörse  – und es wird bisweilen schwer vorstellbar, dass wenigstens noch die Bewohner dieser dreifachisolierverglasten Wohntempel verschieden sein sollen. Am Wochenende, wenn man einander mal im Vorort des Vororts zu Gesichte bekommt, wo alle mit ihren Kombis oder SUVs vor Rewe, DM, Fressnapf, OBI und Lidl parken, um sich die Kofferräume mit demselben Krempel vollzupacken, sind jedenfalls keine großen Unterschiede auszumachen. Individualität entfaltet sich vermutlich nur hinter den runtergelassenen Rolläden (oder ist eh nur eine ähnliche Illusion wie die Vorstellung vom ruhigen Wohnen am Stadtrand).

Alles geschlossen – oft auch am hellichten Tag (Beispielhaus).

Aber nichts ist so schlecht, dass es nicht auch positive Aspekte hätte. Trotz der höheren Miete leben wir kein bisschen teurer als vorher, was schlicht dem Umstand zu verdanken ist, dass es hier keinerlei Cafés, Kneipen, Lokale, Läden, Buchhandlungen, Kinos oder kulturelle Einrichtungen gibt, die man aufsuchen möchte. Das spart eine Menge Geld, so aufs Jahr gerechnet!

Der allergrößte Vorteil unseres neuen Standorts aber ist ganz klar der, dass man hier schnell weg ist. Nur ein Katzensprung ist es zur Autobahn Richtung Berge, das bedeutet nie mehr auf dem Mittleren Ring im Stau stehen und auf dem Heimweg dasselbe – es ist einfach großartig. Selten einen so guten und intensiven Bergsommer verlebt und so viele schöne Ausflüge gemacht! Und der riesige Wald ist natürlich auch noch da, so wie vor 27 Jahren – 1001 Spaziermöglichkeit, keine überlaufenen Joggingstrecken und im Sommer ist man in einer guten halben Stunde mit dem Rad hindurchgeflitzt zum Starnberger See.

Schnell weg – nur 30 Minuten ins Zugspitzland!

Die Frage ist nur: Möchten wir langfristig an einem Ort leben, an dem das Beste die Tatsache ist, dass man möglichst schnell von ihm wegkommt? Nein!
Also – und nun komme ich endlich mal auf den einleitenden Satz dieses Beitrags zurück – haben wir nach reiflicher Überlegung beschlossen, dass wir hier keinesfalls alt werden wollen und deshalb sind wir wieder unter die Suchenden gegangen. Hätte irgendjemand gewagt, uns das im Frühjahr zu prognostizieren, hätten wir ihm mindestens einen Vogel gezeigt, zermürbt wie wir damals waren (von den Widrigkeiten des Münchner Wohnungsmarkts und der anstrengenden Umzugsphase).
Immerhin haben wir diesmal keine Eile, denn wir müssen nicht mehr vor undichten Fenstern und Schimmel flüchten, brauchen uns also nicht hetzen und können das Projekt „Zurück in die Stadt“ ohne großen Leidensdruck angehen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass wir natürlich aus den Fehlern der letzten Suche gelernt haben und uns zu einem top funktionierenden, perfekt eingespielten Wohnungssuch-Team gemausert haben.
Wir haben mittlerweile Anschreiben für alle in Frage kommenden Wohnungsgrößen, Ausstattungen, Stadtviertel und Vermieter- oder Maklertypen parat und können so bereits 1 Minute nach Erscheinen des Inserats eine makellose „Bewerbung“ rausschicken. Je nach Anzeigentext inkl./exkl. Sonderbewerbungsmappe zum Dackelfräulein (mit den 100 liebreizendsten Fotos des Jahres), lückenlosen Gehaltsnachweisen und Steuerbescheiden seit der Studienzeit (um unsere atemberaubenden Karrieren zu dokumentieren), beglaubigten Kopien aller akademischen Urkunden (und normalen Kopien aller Zeugnisse seit der Grundschule) sowie von diversen Vorgesetzten, Psychiatern und uns selbst verfassten Empfehlungsschreiben. Darüberhinaus haben wir eine allgemeine Checkliste mit allen relevanten Punkten erstellt, denn in keiner Wohnungsanzeige steht alles drin, was zur angebotenen Wohnung gehört bzw. nicht gehört, stattdessen finden sich stets zahlreiche Formulierungen, die gleich zu Beginn dechiffriert werden wollen, um sich ressourcenschonend und illusionsbereinigt dem weiteren Procedere widmen zu können.

Diese Professionalisierung beschert uns nun deutlich mehr Einladungen zu Besichtigungsterminen als beim letzten Mal, was wiederum dazu geführt hat, dass wir uns auch hier besser aufstellen mussten, um zielgerichteter und zeitsparender agieren zu können. Einfach mal Hingehen & Gucken ist was für Anfänger & Naivlinge.

Bei einer Einladung zur Besichtigung ist zunächst auf ein Vereinbaren der passenden Uhrzeit zu achten: Niemals samstags (um ggf. Pendel- und Parkplatzsituation realistisch zu erleben), möglichst nicht nach Feierabend (zu viele Mitbewerber träten einem auf die Füße), keinesfalls im Dunkeln (was der mit allen Wassern gewaschene Makler „netter, kleiner Balkon“ oder „Aussicht in den begrünten Innhof“ nennt, kann sich bei Tageslicht betrachtet schnell mal als bescheidene Freiluft-Bierkastenabstellfläche oder Blick auf den Komposthaufen des Nachbarhauses entpuppen).

Anschließend teilen wir uns in zwei Taskforces für die weitere Vorbereitung auf: Der eine übernimmt eine erste Fahrt zur potentiell neuen Wohnung bereits einige Tage vor dem vereinbarten Besichtigungstermin, verbringt mindestens zwei Stunden in dem Viertel, um sich einen nicht vom womöglich guten Eindruck, den die Wohnung später machen könnte, beeinflussten, neutralen Überblick zu verschaffen (merke: ist die Wohnung toll, lügt man sich gern mal eine stark befahrene Straße oder die tatsächliche Entfernung zur nächsten U-Bahn-Station schön). Er schickt dem anderen – live und vor Ort – um die 30 Fotos (Haus, Straße, Einfahrt, Klingelschilder, Wege, Geschäfte, Passanten, Bäume, Parkplätze etc.) aufs Handy, die man mit etwas Abstand einen Tag später nochmal gemeinsam und möglichst nüchtern analysiert und mit der allgemeinen Checkliste abgleicht (merke: verwende für jedes Objekt diese allgemeine Checkliste, denn du kannst nicht alle Aspekte auf einmal im Kopf haben, sondern brauchst eine vernünftige Matrix, um kein Kriterium zu vergessen).
Der andere knöpft sich die Adresse in Google Maps vor, latscht mit Streetview mehrfach die Straße rauf und runter, zoomt in der 3D-Ansicht Fassaden oder Hinterhöfe heran, checkt Verkehrswege und andere Infrastruktur und – das Allerwichtigste – nimmt die Grünstreifensituation gründlichst unter die Lupe (merke: wenn du einen Hund hast, der nur auf Wiese pinkelt, ist ein begrastes Fleckerl, besser noch: ein Grünstreifen, in <50 Meter ab Haustür unerlässlich, denke hierbei auch an potentielle Morgenübelkeit und nächtliche Durchfälle des Vierbeiners).
Passt soweit alles, nehmen wir den Besichtigungstermin bestens vorbereitet wahr, gibt es vorab zu viel Diskussionsbedarf oder Problempotenzial, sagen wir ihn ab, weil das meist schon ein schlechtes Zeichen ist.

Bislang hätte es 2x auch nach dem Besichtigungstermin noch beinahe gepasst, aber eben nur beinahe. Einmal schlich sich dann doch noch eine Indexmiete durch die Hintertür herein, das andere Mal war’s der Balkon, über dessen Fehlen wir einfach nicht hinwegkamen. Irgendwas wird immer sein, man muss so ein Projekt in einer Stadt wie München natürlich auch als groß angelegte Kompromissfähigkeitsstudie betrachten.

Bloß nicht schwarz sehen – die „Blick ins Glück-Hütte“ (natürlich außerhalb Münchens).

Eines Tages werden wir Glück haben.
Das bete ich mir jedenfalls an all jenen Tagen vor, an denen es besonders hoffnungslos scheint, hier jemals eine bezahlbare Wohnung in einem netten Viertel, mit angenehmen Vermietern und einem Mietvertrag ohne fiese Fußnoten zu finden, in der auch das Dackelfräulein willkommen ist.
[Neulich, der Gatte erhielt den Rückruf einer Maklerin, die beim Eigentümer zwecks Hundehaltung nachfragen wollte: Nein, Hunde wünsche der Vermieter nicht, und nach dem Grund befragt hieß es, dass die Kinder in der Wohnanlage unseren Hund sehen und daraufhin ihre Eltern vollnölen könnten, dass sie auch einen Hund haben möchten (bei unserem Hund natürlich eine völlig berechtige Annahme!), und wenn dann die Eltern dem Wunsch der Brut nachgäben, ja dann lebten womöglich bald mehrere Hunde im Haus und die würden sich vielleicht untereinander nicht verstehen, sich gar anbellen, was ja nur zu Problemen führen könne in so einem Mietshaus. Was für ein Kojunktivreigen, uff. Herzlichen Dank auch, wir suchen gerne weiter.]

Bis es mal so weit ist – und das kann sich hinziehen – lassen wir uns nicht unterkriegen
oder lassen auch mal die Jalousien runter und gucken unsere Serien
oder verkrümeln uns zu Stadtspaziergängen in andere Viertel
oder hauen ab ins schöne Umland, parken den pendelnden Starnbergern ihr Seeufer zu
oder verlagern unsere Kaffeepausen weiterhin auf die Berghütten im Voralpenland.

Ob es da heroben auf der Hüttenterrasse wohl glatt ist?

Ich werde Sie über die Projektfortschritte auf dem Laufenden halten und wünsche derweil einen guten Endspurt bis zum Weihnachtsfest – wo auch immer Sie hausen und sich hoffentlich wohlfühlen!

On the catwalk.

Seit dem 28. November keinen Stadtspaziergang mehr gemacht – der Trip nach Braunschweig, der voralpenländische Wintertraum und etlicher Alltagsmist/-frust kamen dazwischen – aber gestern hat’s endlich wieder geklappt.

Am U-Bahnhof Odeonsplatz geht’s bei bestem Wetter los…

Noch fix dem Fielmann-Köter einen Schluck gemopst.

…vorbei am sonnenanbetenden, latte- und weißbierschlürfenden Tambosi-Volk…

Auch bei 5 Grad: Sehen & Gesehenwerden.

…zum Schaulaufen und Meet&Greet in den nahezu leergefegten Hofgarten…

Auch ich in Arkadien! (P. aus B. gewidmet)

Suchbild: „Finde alle Dackel!“ (Advanced Level: „Finde Pippa!“)

Das Dackelfräulein vor der Bayerischen Staatskanzlei.

Aus der Reihe „Liebeserklärungen, die ich nicht bekommen möchte“.

…und von dort ist es nur ein Sprung hinüber in den Englischen Garten.

Am Ufer des Köglmühlbachs hinter dem Haus der Kunst.

Die Brücke über den Eisbach.

Mein Hund, der Außenseiter (#metoo).

Beliebtester Kiffer-Tempel Münchens: Für 830.000€ renoviert und mit vom künftigen Ministerpräsidenten vergoldeter Inschrift 😦

Über eine Stunde haben wir uns treiben lassen, Bälle geschossen und gejagt, die Sonne genossen und trotzdem gefroren, den schönsten aller Stadtparks durchwandert – gäbe es eine Seele, so hätte sie gebaumelt.
[Dabei an Springsteens Autobiographie gedacht: „There is no evidence of the soul except in its sudden absence. A nothingness enters, taking place where something was before.“]

Ach ja. Ein Ziel hatten wir natürlich auch. Ich wollte endlich mal wieder nach Bogenhausen, in die Straße, in der sich das Büro meines Vaters befand, in dem ich so viel Lebenszeit verbracht habe.

Die passende Einkehr gab’s dort auch, wobei ich etwas verärgert darüber war, dass sie Pippa keinen roten Teppich ausgelegt hatten, sondern eine schwarze Gummimatte…

Nach dem Dogwalk zum Catwalk.

…dafür war’s dann innen sehr schön und lecker – und wie immer unter 10€ machbar.

Tipp: Mittagskarte gilt bis 15 Uhr, also geradezu ideal für Frührentner, Tagelöhner und andere Lebenskünstler.

Sonstiges: Hundefreundliche Böden (Holz), Kellner (charmant) bringt frisches Wasser für den Hund, keine laute Musik, keine Katzen/Miezen (trotz des Lokalnamens), vorzüglicher Begleitkeks (auf Cappucino-Untertasse).

Das „Catwalk“ von innen: Beinahe-Blick auf die Isarauen.

Der Catwalk im „Catwalk“.

Nach einem kontemplativen Stündchen gesättigt zurück in den Englischen Garten, rüber nach Schwabing und vom U-Bahnhof Giselastraße heimwärts gefahren.

Als nächstes aber mal so richtig nach Bogenhausen (an Leserin P.: ich meld mich dann!).
Überhaupt, die diversen -hausens stehen noch auf dem Programm.

Es grüßt euch herzlich –
Die Kraulquappe.

Eine Schwäche für Bäche.

…lautet das Motto unseres Stadtspaziergangs Nr.6, der wie so oft hundegerecht an der Isar startet (dem Bach Nr.1 dieser Tour 🙂 ).

Beim Verlassen des U-Bahnhofs in Thalkirchen irritiert uns eine neue Werbung, die wir trotz des ansprechenden Logos links liegen lassen…

…und uns direkt auf den Weg durch die Isarauen und über den Flauchersteg Richtung Norden begeben.

Die Strecke ist ein Paradies für Hundebesitzer – es findet sich immer jemand zum Spielen, zugleich gibt es genug Platz, um einander auszuweichen und zig Wegvarianten, zwischen denen man je nach Wetter und Matschigkeitsgrad des Untergrunds wählen kann (Fotos siehe hier und hier).

Im Fokus stehen aber heute mal nicht die Isarauen, sondern die Stadtbäche.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde München von einem dichten Netz an Bächen und Kanälen durchzogen, die meisten davon fielen dem Bau der Kanalisation und innerstädtischer Verkehrswege zum Opfer. Von dem ursprünglich rund 300 Kilometer umfassenden Bachsystem wurde beinahe die Hälfte trockengelegt oder in den Untergrund verbannt. Übrig geblieben sind nur ihre Namen, Stadtviertel oder Straßen sind nach ihnen benannt, wie z.B. das Glockenbachviertel oder die Dreimühlenstraße.
Erst in jüngster Zeit mehren sich die Bestrebungen, Teile der alten Stadtbäche wieder an die Oberfläche zu verlegen, und ich wünsche mir, die neu rauschenden Bäche noch in Gesellschaft des Dackelfräuleins, das ja Wasser so liebt wie ich, erleben zu dürfen.

Wir spazieren den Isarwerkkanal entlang, bis dieser in den Großen Stadtbach übergeht…

…der etwas dürftig und graubraun vor sich hinsuppt, da hier gerade Reinigungsarbeiten anstehen.

An Stellen, wo wir den Pesenbach im Untergrund vermuten, wird sogleich intensiv gesucht…

… aber trotz dachshundtypischer Hartnäckigkeit müssen wir irgendwann aufgeben und uns mit dem nebenan liegenden, sichtbaren Westermühlbach begnügen…

… der durch das Glockenbachviertel plätschert und stellenweise makabre Schneisen zieht zwischen Saturiertheit und Armut. Auf der einen Bachseite hausen Menschen in der kalten, miefenden Unterführung, das andere Ufer zieren Geschäfte mit schnuckeligen Namen wie „Schmatz“ (Biomarkt) oder „Dear goods“ (vegane, urbane Mode).

Pippa interessiert sich der herben Gerüche wegen natürlich brennend für die Unterführungsbewohner und so kommen wir mit einer Frau ins Gespräch, die dort mit ihrem alten Schnauzerrüden Luigi lebt. Seit 2 Jahren. Mir bleibt die Spucke weg als sie davon erzählt.
Ich gebe ihr 5€ und alle Würstchen, die ich meinem Rucksack finden kann – und habe damit für den restlichen Ausflug bei meinem Hund verschissen.

Am Alten Südfriedhof entlang…

…vorbei an Locations mit hippen Namen, deren Bedeutung oder gar Witz sich mir spontan nicht erschließt…

…erreichen wir schließlich unser Einkehrziel des Tages, das den schönen Namen „Tabula rasa“ trägt.
Das passt prima zu meiner Gemütslage, die seit Wochen überschattet ist vom Zerbröseln einer fast 30 Jahre währenden Freundschaft, von denen ich die letzten zwei in Unwissenheit all dessen verbrachte, was die Freundin störte. Manche Menschen können ja sehr ausdauernd schweigen und packen erst dann aus, wenn das Kind bereits tief in den Brunnen gefallen ist und dort so viel Wasser geschluckt hat, dass Wiederbelebungsversuche schwierig bis unmöglich sind.

Das Café „Tabula rasa“ ist insofern ein echter Geheimtipp, weil es sich dem Geschniegelten, der Coolness und dem Preisniveau des Glockenbachviertels tapfer widersetzt. Hunde sind gern gesehen, und packt man an der Tür ein Pfotenhandtuch aus, strahlt die Besitzerin Margarete Vila übers ganze Gesicht und ist gleich noch freundlicher als sie es eh schon ist.

Hier wird täglich auf kleinstem Raum eine beachtliche Auswahl an Gerichten und Kuchen serviert, allesamt frisch und selbst gemacht – und so lecker, dass man gar nicht weiß, worauf man sich zuerst stürzen soll.

„Die selbstgesetzte Budgetgrenze von 10€ muss ich heute sprengen!“, schießt es mir beim Betrachten der Kuchentheke sofort durch den Kopf…

…“da ich ja bereits 5€ gespendet habe und mit dem Rest wohl kaum über einen großen Kaffee hinauskomme.“
Irrtum! Der Cappuccino kostet unter 3€ und Frau Vila verkauft auch halbe Kuchenstücke…

…aber ich muss zugeben, dass ich das nur im ersten Anlauf geschafft habe und es nicht dabei blieb.
Nicht bleiben konnte! Denn der große Vorteil von halben Stücken ist ja der, dass man in den Genuss von zwei verschiedenen Kuchen kommt (oder drei, oder vier?)!

Auch Pippa muss nicht darben und erhält ein Würstchen von der Köchin, die ein Erbarmen mit dem erbärmlich fiepsenden Hündchen unter meiner Sitzbank hat.

Nichts als Theater und Schlawi(e)nerei – aber die meisten gehen diesem Blick halt auf den Leim.

Habt einen schönen Abend und seid gegrüßt!

Pigmente, Panini, Paarhufer.

Unser heutiger, fünfter Stadtspaziergang hatte einen etwas ungewöhnlichen Startpunkt: die Seumestraße 3, in Obersendling.

Dort befindet sich das Zentrum für Kleintiermedizin, wo wir um 10:30 Uhr zu einem längeren Termin erscheinen mussten, weshalb ich eine Tour geplant hatte, die wir gleich im Anschluss gehen konnten, zur beiderseitigen Sofort-Auslüftung und -Ablenkung nach den Strapazen.

Die eine Pippa hat Panik vor der Hochzeit…

… die andere vor dem Gang zum Arzt.

Die Praxisräume verließen wir um 52€ ärmer und um ein paar Diagnosen/Informationen reicher: die Dermatologin hat sich die schwarzen Flecken an Pippas Flanke wirklich sehr gründlich angesehen und kommentiert. Jetzt heißt es Nachdenken, ob bzw. wann wir die Stellen operativ entfernen lassen.

Obersendling ist kein Viertel, sondern eine Gegend, wie ich feststellte. Viel Industrie, viele Neubauten, alles etwas lieblos hingespuckt, weiße, gesichtslose Projekte aus der Kategorie „München schafft Wohnraum“, vermutlich trotzdem oder gerade deshalb teuer verkauft oder vermietet.

Wir gehen der Sonne entgegen, überqueren die Siemensallee, die einst die nördliche Grenze meines kindlichen Lebensraums markierte, und stehen an einem der wenigen Felder aus Kindheits- und Jugendtagen, das bis heute Feld geblieben ist: ein grünes Quadrat hinter meinem ehemaligen Gymnasium, das ich bereits mit meinem ersten Dackeltier umrundete und das mir, wie so vieles in der Kindheit, damals riesig vorkam.

Das Marienstern-Feld (keine Ahnung, wie es heute heißt).

De facto sind wir in knapp 20 Minuten einmal drumrum gegangen, nebenbei kommen wir an dem Türchen vorbei, durch das ich zu Schulzeiten immer zum verhassten Sportunterricht gehen musste, in den Siemens-Sportpark, den unser kleines Gymnasium mitnutzen durfte.

Es sieht verwittert aus, was daran liegen mag, dass das Gymnasium aufgelassen wurde bzw. der Flachbau mittlerweile als heilpädagogische Einrichtung fungiert.

Die am meisten verabscheute Tür meiner Schulzeit.

Mein ehemaliger Pausenhof, etliche Erinnerungen liegen dort unter Laub begraben (und da liegen sie gut).

Weiter geht es durch die Allescherstraße, stets in südlicher Richtung, durchs schöne, alte Solln mit den Villen und Gärten, in denen man schon als Kind gern gewohnt hätte und manchmal zu Gast war (legendär der riesige, verwilderte Garten von T., in dem es geburtstags Schokoladenfondue unter Lampions gab).

Die Sollner Kirche St. Johann Baptist.

Unser Ziel ist das Petit Café in der Grünbauerstraße 1.
Das ist jene Straße, in der die Kirche meiner Erst(und Letzt-)kommunion steht. Um die Ecke die Grundschule, in die ich vor 37 Jahren zum Klavierunterricht ging. Zwei Straßen weiter westlich der Bäcker, in dem der Papa samstags Semmeln und Brezen holen fuhr, zwei Straßen weiter östlich das Café, in dem er sonntags Kuchen für sechs kaufte, obwohl wir nur zu dritt waren.
Gegenüber immer noch das schaurige Modegeschäft von damals, in dem sich meine Mutter gelegentlich ein Oberteil aussuchte, während ich die Auslagen des Schreibwarengeschäfts nebenan inspizieren durfte, um nicht zu stören, die Markisen sehen noch aus wie damals. Es war das Schreibwarengeschäft, in dem mir die nette Verkäuferin 1982 das Rummenigge-Bildchen, das ich doppelt hatte, gegen den von mir so heiß ersehnten Littbarski eintauschte.

Auf einen Imbiss im petit-café, natürlich kleingeschrieben, wie alles, was vorgibt, einfach & gut zu sein.

Milde 17 Grad und Sonnenschein erlauben es, draußen zu sitzen. Während ich einen Kaffee und ein winziges Sandwich (resp. Panini) zu horrenden Münchner-Süden-Preisen zu mir nehme (und heute nur mit Mühe unter der 10€-Marke bleibe), hänge ich diesen und anderen Erinnerungen nach, blättere in der ausliegenden Abendzeitung, grusle mich angesichts des Artikels über den anhaltenden Irrsinn auf dem Münchner Mietmarkt, beobachte die edel bestiefelten, perfekt frisierten Sollner Mütter mit ihren rausgeputzten Doppelnamen-Kindern, denen die knapp 6€ teuren Smoothies eingeflößt werden, die die Mama der frisch manikürten Nägel wegen oder einfach aufgrund genereller Unlust, sich die Finger mit irgendwas schmutzig zu machen, nicht selbst zubereiten möchte.

Ein wenig gestärkt schlendern wir auf Umwegen – hier das Sträßchen, in dem einst der angebetete S. wohnte, der etwas hohl war und heute als L’Oréal-Model arbeitet, dort der Laden, in dem es die Songbooks mit den begehrten lyrics zu den aktuellen Hits gab, die heute jeder mit zwei Mausklicks im Internet nachgucken kann – zur südlichen Grenze dieses südlichsten Münchner Stadtteils.

Im Grunde passt der heutige Marsch überhaupt nicht in die Rubrik Stadtspaziergang. Denn Obersendling ist kein Viertel und Solln wiederum ist nicht mehr Stadt, sondern Stadtrand, zwar ein recht schönes Stück davon, aber nichtsdestotrotz Rand. Mit dem Vorteil, dass wir von dortaus keine U-Bahn mehr für den Heimweg benötigten, sondern eine weitere Stunde durch den Wald nachhause laufen konnten. Nach Tierarzttermin, gut 16.000 Schritten und ein paar davon mit heftigem Herzklopfen, weil einige Wildschweine links und rechts des Weges auftauchten, waren wir ziemlich bedient und froh, nicht auch noch städtischen Trubel erlebt zu haben.

Nächste Woche gibt’s wieder einen richtigen Stadtspaziergang!

Einen schönen Mittwochabend wünscht
Die Kraulquappe.

Fremdling, kommst du nach Sendling…

…musst du über viele Brücken gehen, zumindest, wenn du die Route wählst, die wir heute im Rahmen unseres Stadtspaziergangs Nr. 4 gelaufen sind.

Die Tierparkbrücke, heute bei Sonnenschein.

Startpunkt mal wieder (weil’s nah an Wasser und Wiesen liegt) am U-Bahnhof Thalkirchen.

Von da aus über die Tierparkbrücke ans rechte Isarufer, dort halten wir uns links und marschieren zum Flauchersteg…

…der eher eine lange Brücke ist als das, was man sich unter „Steg“ vorstellt…

…uns über viele Zwischeninseln führt, schöne Blicke auf den tosenden Wildfluss bietet…

…und vor allem herrlich in der Sonne liegt, so dass wir uns Zeit lassen zum Gucken, Lauschen und Wärmetanken.

Am Ende des Flaucherstegs halten wir uns beim Schinderstadl rechts, wo der Weg direkt an der Isar entlangführt, so dass ein letzter, spätherbstlicher Kneippgang für das Dackelfräulein drin ist…

…was eine kleine Fußball-Einheit nach sich zieht, damit die nasse Hundedame fix trocknet und sich nicht verkühlt.

Insgesamt sind wir über sieben (!) Brücken gelaufen…

…na gut, manchmal auch unten durch, aber ich finde, das zählt auch…

…bis wir nach anderthalb Stunden den Stadtteil erreichten, der unser heutiges Ziel war: Sendling.

Irgendwo zwischen Schlachthofviertel und Dreimühlenviertel krochen wir aus den Isarauen wieder hoch in den betonierten Teil der urbanen Wirklichkeit…

…und irrten etwas orientierungslos durch die Gegend, da uns etliche Baustellen die geplante Wegstrecke versperrten, entdeckten dank der Umwege das ein oder andere Strandgut über oder unter den Bahnbrücken…

…und fanden schließlich doch noch in die Senserstraße 7 mit der Lieblingspostleitzahl 81371. Dort befindet sich das relativ neu eröffnete Café Erika.

Die Straße machte ihrem Namen heute alle Ehre – denn hier war wirklich erstmal Sense: Ich war todmüde, die Nase triefte von dem langen Marsch durch die Kälte und ausgehungert war ich auch.

Wenn das Design der Taschentuchpackung so gut mit dem Interieur harmoniert…

…und einen zudem vom Regal aus adäquate Lektüre für das Großstadtzamperl anlächelt…

…muss man wohl definitv am richtigen Ort gelandet sein.

Und so war es auch!

Das „Erika“ ist eines dieser netten kleinen Cafés, die auf unprätentiöse Weise demonstrieren, wie mit Wenig oft Viel erreicht werden kann: etliche Teile der Einrichtung sind bei Ebay ersteigert, die Möbel wurden aus alten Turnhallendielen geschreinert und die zwei Café-Erika-Gründerinnen haben sich alles in mühsamer Kleinarbeit zusammengesucht, bis es so war, wie sie es sich vorgestellt hatten.

Auch Hundefreundlichkeit ist hier nicht nur ein leeres Wort, sondern ein voller Napf…

…der sofort nach Ankunft kredenzt wird, aber zu Pippas Entsetzen nur einen aufgemalten Knochen auf dem Napfboden enthielt, der durch die wuppernden Bewegungen des Wassers auch noch so tat, als würde er leben und sich erst nach Leersaufen des gesamten Pottes als blöde, tote und nicht verzehrbare Deko entpuppte.

Die Inschrift „Good dog“ tröstet einen verfressenen Hund herzlich wenig – nur gut, dass der Service das umgehend durch einen Hundekeks wiedergutzumachen verstand.

Mein verspäteter Mittagsimbiss war gottseidank keine Atrappe, sondern tatsächlich eine sehr leckere Süßkartoffel-Karotten-Walnuss-Quiche mit Salatbeilage…

… – und wieder ist es mir gelungen, den Budgetrahmen (<10€) nicht zu sprengen, sogar inkl. kleinem Getränk und Kaffee.

Einziger Haken: ein Test des Inhalts der Kuchenvitrine, die eine wahre Augenweide war (speziell wegen der Eierschecke kommen Kunden offenbar aus entlegenen Stadtteilen hierher!), musste leider aufs nächste Mal verschoben werden.

Alles ist hier selbstgemacht, alles sieht köstlich aus, und weil die beiden Besitzerinnen sich auf der Stelle in das Dackelfräulein verliebt haben, wurden wir herzlich eingeladen, bald wiederzukommen – als Gäste oder als Crewmitglied.

Wir lassen uns das auf jeden Fall mal durch den Kopf gehen, denn das Personal isst ja meist umsonst 🙂

Einen schönen Mittwochabend wünschen
Die Kraulquappe und ihre Begleiterin.

Fräulein Pippas Gespür für Tee.

Eigentlich wollten wir heute in die Berge. Aber dann zogen sich die Magenbeschwerden und der Arbeitsvormittag doch länger hin als gedacht und das Dackelfräulein stand irgendwann quengelnd und drängelnd im Flur, so dass keine Zeit mehr war, für längere Fahrten zum Startpunkt.

Also umdisponiert und Stadtspaziergang Nr.3 vorgezogen. Doch noch nicht nach Sendling, da ich in unser beider Interesse auf Abwechslung achte, was die Gassirouten angeht – und wir waren erst vorgestern an der Isar.

Stattdessen steuern wir das Lehel an, die älteste der ehemaligen Münchner Vorstädte (heute zur Altstadt gehörend).

„Schon wieder U-Bahn-Fahren?!“

Mit der U-Bahn geht’s zur Alten Heide, von dort am Nordfriedhof vorbei zum nördlichen Englischen Garten.
Dort angekommen heißt es: Leinen los!

„Na endlich, es geht los!“

Es ist eine unserer Hausstrecken, hier kennt das Dackelfräulein jeden Trampelpfad, jeden Hasenbau, jeden Maulwurfshügel und jeden Pferdeapfel (und jeden Trick, mich abzulenken, um sich selbigen einzuverleiben).

Um frischen Pferdeäpfelnachschub kümmert sich die Münchner Polizei persönlich.

Immer wieder denke ich: Dieser Stadtpark ist einfach der Hammer. Seit Jahren laufen wir hier durch und es ist nie die gleiche Runde, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Am Schwabinger Bach entlang, am Oberjägermeisterbach entlang, an der Isar entlang oder schön mittig, ganz ohne Wasser, und dafür mit umso mehr Wiesen.

Munich, my love: Englischer Garten mit Blick zur Frauenkirche.

 

Der Monopteros oder: Was von den Plänen eines Münchner Pantheons übrigblieb.

Auf der gut 6 Kilometer langen Strecke passieren wir sage und schreibe fünf Einkehrmöglichkeiten, die wir alle tapfer links liegenlassen, weil unser Tourziel ganz im Süden liegt.

Das „Hofbräuhaus“ für Hundehalter: Ganzjährig ein beliebter Treffpunkt im Park.

 

Die Hirschau: Leider ohne Hirsche und auch nicht in der Au.

 

Das Seehaus: Draußen Saisonende, drinnen Nobelrestaurant.

 

So gehört sich das: Trinknapf-Étagère für alle, von Rex bis Waldi!

Was wir beide noch nicht kannten und deshalb für heute als Ziel ausgesucht hatten, befindet sich am südlichsten Ausläufer der Parkanlage: Das Fräulein Grüneis.

Schöner Name, schöner Ort, aber ohne des Dackelfräuleins guten Riecher für andere Frolleins, hätte ich es nicht auf Anhieb gefunden, da es etwas versteckt liegt.

Das Fräulein Grüneis: Im November menschenleeeres Kiosk-Café im Lehel.

Ich mag ja so kleine Lokale/Cafés/Kioske, die früher mal was anderes waren wie z.B. Milchladen, Scheune, Friseursalon, Tankstelle oder – in diesem Fall – erst Klohäusl, dann Schwulentreff und zuletzt Drogenumschlagplatz.

Sieht man dem schmucken Häuschen heute natürlich kaum noch an. Jetzt ist hier fast alles bio & charmant, und die einzigen herumliegenden Nadeln sind die, die von den Tannen gefallen sind.

Das ehemalige Klohäusl: Nun eine kuschelige Hütte mit Kaminfeuer und kleinen Leckereien.

Und die Kulinarik? Kleine Auswahl, feine Qualität.
Die Speisekarte sieht so aus, wie sich der Gatte eine TV-Fernbedienung ersehnt: 4 Optionen, kein verwirrender Schnickschnack, sondern eine klare Sache, die sofortiges Handeln ermöglicht.

Ich bestelle ein Stück saftigen Karottenkuchen und dazu einen Limetten-Tee mit Honig – für münchenübliche 6,70€.
Damit wäre die Vorgabe „Kein Stadtpaziergang über 10€“ (zumindest nicht einfach so & wenn es nix zu feiern gibt) auch eingehalten und erfreulicherweise sind sogar meine Magenschmerzen anschließend verschwunden (man sollte einfach mehr Zucker zu sich nehmen in dieser unwirtlichen, infektanfälligen Jahreszeit).

Weil die vier Sitzplätze drinnen belegt sind, noch dazu von einer Truppe, die das Türschild in allen Aspekten ernst zu nehmen scheint…

…nehmen wir entspannt draußen Platz und machen uns warme Gedanken während ich mich stärke und mein Heißgetränk schlürfe.

Anschließend unternehmen wir noch einen kleinen Streifzug durchs Lehel. Kein Wunder, dass viele Einheimische den Namen des Viertels wie „Lächel“ aussprechen.

Die Fassaden der repräsentativen Altbauten sind eine wahre Augenweide, der Weihnachtsmarkt hat gottseidank noch nicht eröffnet – eine belanglos-gemütliche und zugleich urban-mondäne Donnerstagnachmittagsatmosphäre weht uns um die Nasen, bevor wir müde und zufrieden wieder in die U-Bahn steigen und heimwärts fahren.

Nächste Woche dann Tour Nr.4, nach Sendling!

Herzlich grüßt
Die Kraulquappe.

Seelenlos.

Liebe Abendzeitung,

heute bist du zu weit gegangen und ich habe gelinde gesagt die Schnauze ziemlich voll. Und zwar nicht mit Kinderklamotten, weil ich irgendeinen Schraz im Herzogpark in den Popo gezwickt hätte, was ich nie tun würde, weil ich mich nicht auf Spielplätzen herumtreibe (allein des Gekreisches wegen, ich höre das schließlich 10x lauter als ihr Menschen).

Dass du deine Leser auf dem Titelblatt mit dieser Frage ankläffst, finde ich nicht nur reißerisch, sondern unnötig tendenziös und journalistisch unseriös. Du berufst dich auf irgendeine Tiertrainerin, die auf die Wiese gehustet hat, 30% seien unerzogen. Aha. 30% von was? Der Hunde, die sie trainiert hat? Oder kennt die tatsächlich jeden einzelnen Hund in der Stadt? Ich kenne die Frau jedenfalls nicht!

Die sogenannten Vorfälle, die du erwähnst, sind Einzelfälle (und man kann sich drüber streiten, ob bei 35.000 Hunden in der Stadt 100 Vorfälle pro Jahr viel sind…), und grundsätzlich sind wir Hunde an solchen Vorfällen unschuldig – einzig der Besitzer steht hier in der Verantwortung.
Wenn du dieses Fass also schon aufmachen willst, um das Thema zu diskutieren, dann frag gefälligst korrekt: „Wie nervig sind Münchens Hundehalter?“ Meinetwegen kommst du dann zu dem Schluss, dass 30% aller Münchner Hundehalter unerzogen sind. Da kann man drüber diskutieren, und zwar am besten zusammen mit ein paar kompetenten Tiertrainern und Psychiatern.
Aber die Leute so plump und pauschal gegen uns Hunde aufzuhetzen, da setzt du echt am falschen Ende der Leine an (und im schlimmsten Fall bestärkst du damit noch Hundehasser in ihrem Tun).

Dass das aber leider deine schäbige Intention war, verrät auch das Bild, das du neben deine Schlagzeile gesetzt hast.
Ja um Himmels Willen! Wo hast du denn die arme kleine Töle ausgegraben?
Hauptsache, gefletschte Zähne, was? Als wäre das ein üblicher Hundegesichtsausdruck!

Du hättest ja wenigstens den Anstand besitzen können, nicht auch noch die dentalen Probleme der zerzausten Promenadenmischung bloßzustellen – so ein Unterbiss geht wirklich niemanden etwas an. Geschmacklos ist das!
(Immerhin schießt du dir mit der Bildwahl selbst ins Knie, denn du nennst dich ja „Abendzeitung – Das Gesicht dieser Stadt“.)

Grantig guckte ich zum Zeitungskasten neben dir und kann der tz nur zustimmen:

Wenn manches hier so weitergeht, verliert diese Stadt wirklich noch ihre Seele.
Gerade am Welt-Nudel-Tag hätte es wirklich Wichtigeres gegeben, worüber sich die Boulevardpresse hätte auslassen können.

Besorgte Grüße schickt dir
Deine Pippa.

 

Haklige Sache

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Aufwachen in Berlin

Den dritten Morgen in Folge habe ich mich verheddert. Mit meinem Zeh. In meiner Jeans.
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Vielleicht ist das die Strafe dafür, dass ich mir mit fast 44 gelegentlich gestatte, jugendlich-zerschlissene Klamotten zu tragen. In ordentlichen Hosen bleibt ein Zeh nicht hängen. Vielleicht ist es aber auch ein Sinnbild für mein Berlin-Gefühl.

Mein Berlin-Gefühl ist nämlich eine haklige Sache, schon immer gewesen, und mittlerweile denke ich auch, das wird sich nie mehr ändern.

Berlin ist für mich zu groß, zu voll, zu laut, zu ramponiert, zu roh, zu stark, zu schmutzig, kurz: Berlin ist zu viel für mich. Je älter ich werde, desto deutlicher spüre ich das, desto schlechter funktionieren meine Filter hier, desto angreifbarer fühle ich mich hier, desto kürzer fühle ich mich hier wohl. Berlin aktiviert Ängste und Beklemmungen in mir, die ich nicht habe, wenn ich durch München, Stockholm oder Wien laufe.

Natürlich gibt es viele schöne Ecken in Berlin, natürlich strotzt die Stadt nur so vor kulturellem und anderem Angebot, natürlich treffe ich gern meine Freunde, die hier leben – nur: Auf dem Weg dorthin erlebe ich Pöbeleien, fürchte mich vor manchen Menschen, atme an U-Bahnhöfen Gerüche ein, die mir für Stunden nicht mehr aus der Nase gehen, sehe so viel Elend und Abgrund, dass meine Sinne verwundet werden und nicht mehr frei und unbefangen genug sind für weitere Eindrücke.

Meine Unternehmungslust lässt daher von Tag zu Tag nach, was ich sonst nicht an mir kenne (diesmal kam das reduzierte Programm zumindest meiner Schulter zugute).

Bei einem letzten morgendlichen Lauf durch einen Berliner Park – einzig mögliche sportliche Betätigung im Moment – sah ich heute einen verwahrlosten Mann seinen ebenso verwahrlosten Hund verprügeln, weil der sein Geschäft wohl an der falschen Stelle verrichtet hatte, wenn ich das Gegröle richtig verstanden habe.

Mit diesem Erlebnis in den Knochen bestellte ich mir später zum Mittagessen einen Drink (ich trinke sonst nie vor 16 Uhr), um mich zu desinfizieren und zu imprägnieren für den Weg zum Bahnhof.
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Ein paar Bierflaschen fliegen noch in einer Unterführung herum, ich renne fast, wäre gern unsichtbar, aber verdammt, mein zitronengelber Koffer ist zu auffällig, das nächste Mal nehme ich den dunkelgrauen.
Freue mich auf zuhause, begreife „Heimat“ nochmal neu und anders, wahrscheinlich ist Reisen auch dafür hilfreich: Um sich zu vergewissern, wohin man gehört und wohin nicht.

Aus dem ICE grüßt euch
die Kraulquappe.

PS:
Soeben im iPod:
„When morning comes and I leave Berlin,
I know for certain that I’m a free man when I leave Berlin“

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Kontraste, überall.