Helleluja.

Mit diesen Impressionen von meinem österlichen Geeier durchs Viertel wünsche ich Ihnen erfreuliche Feiertage und – je nach Stimmung – Halleluja oder Helleluja.

Auferstanden oder: Notate zur Osternacht.

Der wegen der Megaprellung am Knie verschobene Geburtstagsausflug des Gatten führt uns erst dienstags an die Osterseen, was wir ohnehin für geschickter halten, als dort am Wochenende aufzukreuzen. In dieser Annahme (sowie in unserem schon vor Corona praktizierten Konzept, beliebte Ausflugsziele samstags und sonntags zu meiden) fühlen wir uns direkt beim Eintreffen auf dem Parkplatz doppelt und dreifach bestärkt. Auf der weitläufigen Runde verläuft es sich zwar gottseidank ziemlich, die meisten gehen eh nicht die kompletten 10 Kilometer. Mein verunfalltes Knie plädiert für ein eher gemächliches Tempo, das Fräulein begrüßt das ebenfalls, weil so mehr Zeit und Gelegenheit für Pferdeäpfeldegustationen und Pfotenabkühlungen bleibt. So vergeht ein halber Tag mit Wandern, Schauen, Rasten, Essen und Trinken, sonnensatt kehren wir in die Stadt zurück, in der am frühen Abend das Leben tobt, als gäbe es kein Corona oder kein Morgen.

*****

*****

Tags drauf bekommt das Fräulein ihre jährliche Impfung, die Tierärztin tastet zuvor nochmal den gesamten Dackelunterboden ab, an dem Ende letzten Jahres plötzlich zwei Knötchen zu spüren (und auch zu sehen) waren, und findet – genau wie wir – nichts mehr.
Schon klar, dass damit das Thema Mammatumoren leider nicht für alle Zeiten vom Tisch ist, aber diese Erfahrung, dass sich etwas, bei dem zwei Tierärzte mit ernster Miene den Verdacht auf ein Karzinom in den Raum stellten, schlussendlich als das seltene Phänomen einer Milchverkapselung entpuppt, lässt einen einfach nur aufatmen.
Dass man das durchgestanden hat: das Abwarten, das Bangen, das Hoffen darauf, dass das Ganze doch noch eine positive Wendung nehmen würde… Meine Güte, so ein Glück!

Der Tegernsee erscheint mir nach diesem Termin gleich noch glitzernder als sonst, die Zitronentarte, die ich mir auf Gut Kaltenbrunn gönne, weil das teure Parkticket dort zu 100% auf den Verzehr einer Togo-Köstlichkeit angerechnet wird (mia verschenkn nix!), schmeckt nach Frühling und nach Leichtigkeit, obwohl sie sicher ordentlich Kalorien hat. Wurscht!

Die Freude über den Gesundheitszustand des kleinen Hundes tunkt den gesamten Tag in zitronengelb, lindgrün und azurblau, die 50er-Sonnencreme im noch von der letzten Bergtour ramponierten Gesicht duftet bereits verheißungsvoll nach Sommer, der freilich noch auf sich warten lassen wird, denn auf den Bergen am südlichen Seeufer fahren sie schließlich noch auf Skiern bis ins Tal hinab.

Pippa plantscht vergnügt im See, verbuddelt ihren Ball im Sand, ich fotografiere sie, den See, den Gutshof und schicke die Bilder der Schweizer Freundin, die vor langer Zeit, als mein petrolfarbenes Kleid mit dem Paisleymuster noch halbwegs modern war, hier am Vorabend ihrer Hochzeit herumpolterte, wenn ich mich recht erinnere, denn ich kam erst am Tag drauf zum Standesamt nach Wiessee.

Eine ähnliche Erleichterung beschert mir eine Neuigkeit, die der Papa mir mitteilt: er hat seinen Impftermin erhalten. Und freut sich, dass ich gleich vorbeikomme, damit wir gemeinsam darauf anstoßen können. Es ist der erste Nachmittag in diesem Jahr, den wir auf der Terrasse verbringen können, mit Shorts, Sonnenschirm und Sorbet.

Und es ist auch der erste Abend in diesem Jahr, an dem der Papa wieder Lust hat, selbst ein tolles Essen zu kochen. Wir machen das allererste gemeinsame Selfie unseres Lebens, müde lächelt er in die Linse, ich recke mein blaugrünschillerndes Bein ins Bild, die Dackelnase zwängt sich auch noch mit hinein und vor uns lachen uns die Pappardelle (sic!) mit Garnelen in Estragonsauce entgegen.

Als ich mich am späten Mittwochabend vom Tegernsee auf dem Heimweg mache, bin ich vergleichsweise selig.
Vergleichsweise, weil Besuche beim Papa seit Langem nicht mehr gänzlich seligmachend sind, sei es, weil die Lebensgefährtin das verhindert oder weil Mr. Parkinson neue Zuckungen zeigt, die mich – so wie diesmal – ziemlich erschrecken. Drauf angesprochen guckt mich der Papa groß an, will selbst rein gar nichts von der Veränderung bemerkt haben und das erschreckt mich gleich noch mehr.
Abgesehen von diesen Eindrücken ist der Mittwoch ein Spitzentag gewesen.

Bei einem noch Beinahe-Vollmond fahre ich also selig durchs nächtliche Oberland gen München, bleibe auf der Musik-Speicherkarte fast 40 km lang bei Suzi Quatro hängen, offen gestanden sogar bei Suzi Quatro und Chris Norman (Wherever you go, whatever you do / You know these reckless thoughts of mine are following you / I’m falling for you, whatever you do / ‚Cause baby you’ve shown me so many things that I never knew / Whatever it takes, baby, I’ll do it for you).
An Tagen wie diesen ist das Lenor in meinen Ohren, das darf auch mal sein, denke ich, üblicherweise habe ich musikalisch und auch sonst ja eher nicht viel mit Weichspüler am Hut.

*****

*****

In einem Artikel der ZEIT wird am Gründonnerstagmorgen behauptet, dass sich ein Großteil der Bevölkerung „härtere Maßnahmen zur Eindämmung der dritten Welle“ wünschen würde. Der Gatte merkt kaffeetrinkend an, dass es sinnvoller wäre, dieser angeblich so große Teil der Bevölkerung würde sich nicht mit dem Wünschen begnügen, sondern sich einfach entsprechend verhalten. Warum auf Politiker warten, wenn doch jeder imstande ist, selbst etwas dazu beizutragen, um dem Virus die Verbreitung zu erschweren: keine Einkaufstrips zu Hauptgeschäftszeiten, keine Ausflüge in überlaufene Gegenden, keine ständig wechselnden Kontakte, keine Kaffeekränzchen in geschlossenen Räumen, keine zurechtgeschnitzten Ausreden mehr (hierzu empfehle ich wärmstens diesen Artikel aus dem Tagesspiegel).
Aber lassen wir das, zumindest hier in Bloghausen, die Gemüter sind ja schon erhitzt genug und ich will wahrlich keine Diskussion anzetteln.

Pünktlich zum Osterfeste zieht München, das schon am Mittwoch „die 100er-Inzidenz gerissen hat“ nach dem heutigen „Puffertag“ nun die „Notbremse“, wieder solche Vokabeln aus dem sich fortwährend füllenden Pott des Pandemiepalavers: die Querdenker-Demo findet trotzdem statt, heute sogar gleich zweifach, die Museen und viele Geschäfte schließen wieder, Hellabrunn hat die Ostereier für morgen umsonst gekauft, die Feiernden müssen zwischen 22 Uhr und 5 Uhr die Parkbänke geräumt haben und was Friseursalons und Gartencentern droht oder nicht droht, habe ich bislang noch nicht mitbekommen,allmählich verliert man den Überblick.

*****

*****

So richten wir den Blick immer mehr aufs Naheliegende (oder bestenfalls mal auf die Bergkette am Horizont), jedes weitere In-die-Ferne-Schweifen verkneifen wir uns.
Als der hübsch Bewimperte und ich mit unseren beiden Hundedamen die allwöchentliche Gassirunde absolvieren, beißt mich, während wir kuchenessend an einem kleinen, versteckten See irgendwo im schönen Togoland sitzen und über Gott und die Welt das Leben und die Liebe sprechen, eine Ameise in den Nacken, sofern diese Krabbeltiere beißen (ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass sie einem eher so eine Art Säure auf die Haut spritzen, auf die Menschen wie ich hernach hochgradig allergisch reagieren und dann zwei Wochen lang mit einer juckenden Quaddel herumlaufen, die noch mehr juckt, je mehr man dran rumkratzt).

Abends gucke ich mir den Tatort der Ameisenattacke nochmal mit Hilfe des aufklappbaren Badezimmerschrankspiegels an und mache bei der Gelegenheit eine entsetzliche Entdeckung: auf meinem Rücken ist zum ersten Mal seit wahrscheinlich 20 Jahren keinerlei Badeanzugkreuz mehr vorhanden. Nicht mal mehr ein Hauch der zwei schmalen Streifen, die die Träger stets hinterlassen, ist zu sehen, geschweige denn der leicht gebräunte, ganzjährig sichtbare Kreis im Übergang vom Brust- zum Lendenwirbelbereich.
Eine einzige, gleichmäßig trostlose und bleiche Fläche starrt mich an, keine Spuren der Schwimmerbiographie mehr, nirgends.

Auch die demnächst beginnende Ära des Kraulens im Ganzkörperkondom wird daran logischerweise nichts ändern, es dürfte also Juli oder August werden, bis meiner Rückseite wieder das vertraute Muster eingraviert ist. Und wenn sich mein Ganzjahresfreibad im Herbst immer noch im Lockdown befinden sollte, wird das vertraute Ornament bis Weihnachten schon wieder verschwunden sein.

Der Starnberger See misst heute 9,8 Grad, noch 2 Grad mehr und ich wage es. Leider soll es nach Ostern schneien, was mein Vorhaben erneut verzögern wird.
Bleibt zu hoffen, dass wenigstens das Knie alsbald wieder schnee- und bergtauglich ist, ein erster Testlauf im dank des Puffertages leergefegten Park war diesbezüglich einigermaßen vielversprechend.

*****

(c) M.M. [Wir danken für das wunderbare Osternest & wünschen ertragreiche Eiersuche!]

Von Pandemie-Pornos und anderen Träumen.

Die Technik läuft wieder.
Und auch ich laufe noch: tagein tagaus bin ich mit dem Fräulein anderthalb bis zwei Stunden unterwegs, so gut es geht im Wechsel zwischen den gewohnten städtischen Routen und ländlichem Lustwandeln auf neuen Wegen, ab und an gönnen wir uns auch eine winterliche Bergtour.
Man kriegt ja sonst einen Knall, wenn man immerzu die gleichen Kulissen sieht. Das war schon vor Corona so, hat sich aber irgendwie noch intensiviert, vielleicht weil Verreisen und manch Anderes momentan flachfällt.

Ausnahmsweise mal am Wochenende einen Ausritt ins Umland unternommen, üblicherweise vermeiden wir das ja, weil die Lebens- und Arbeitssituation es uns erlaubt, auch uu weniger frequentierten Zeiten auszufliegen.
Seit Tagen war mir schon danach, des Schädels Ort aufzusuchen, den Calvariae locus zu Bad Tölz, weil ich da nämlich noch nie war, was ziemlich absurd ist, wenn man bedenkt, wie oft ich bereits unmittelbar in dessen Nähe war.

Pandemie-Proviant: Alles dabei für Hund & Mensch.

Dieser Kalvarienberg lässt sich recht bequem und dackelrückenfreundlich, d.h. treppenfrei erklimmen und noch dazu mit einer schönen, ausschweifenden Spaziertour drumherum verbinden: Isarstausee, Wiesen, Wälder, Uferpromenaden, der malerische Stadtkern von Tölz – und eben die vielen verschlungenen Wege rund um die kleine Nachbildung Golgathas selbst.

Animiert hatte mich zu diesem Ausflug eine TV-Sendung, die das Tölzer Land und den Isarwinkel mal nicht nur von seiner Schokoladenseite zeigt, jener, die man als Städter so gern sieht bzw. sehen möchte: der ungezähmte Gebirgsfluss, der kanadisch anmutende Stausee, die wunderschöne Bergwelt, die (aktuell zur bloßen Erinnerung zerronnenen) Hütten und Almen, auf denen man einzukehren pflegt(e). Stattdessen wirft der Beitrag einen Blick (und ein Ohr!) auf die Einheimischen, auf ihre Sitten und Bräuche, auf Sprache, Speisen, Kultur und Tradition, wie sie im Oberland gepflegt wird.
Diese Einblicke dürften so manch einem Städter, der verklärt das Voralpenland durchstreift, den Zahn ziehen: ob man dort als Zugroaster leicht Fuß fassen und wirklich Anschluss finden würde (außer zu anderen Stadtflüchtlingen oder Zweitwohnungsbesitzern), darf stark bezweifelt werden. Ohne Zither, Ziehharmonika oder Zugehörigkeit zu irgendeinem Verein geht hier nämlich gar nix (do dad da Stodara mid am Ofarohr, weil er koan gscheidn Zuaba-Ziager ned hod, schee bled ins Gebirg einischaugn, des sog i Eana).

Jedenfalls steht die etwas hasenzähnige, aber durchaus nicht unsympathische Moderatorin Susi (die wo den Zuschauer durch den Film begleiten und dabei einen Dialekt sprechen tut, dass es nur so kracht) in dieser sehenswerten (weil informativen und geradezu aufklärerischen) Reportage mehrfach mit ein paar ortstypischen Mannsbildern von der Tölzer Stadtkapelle auf der Aussichtsterrasse des Kalvarienbergs, zwischen Leonhardikapelle und barocker Kreuzkirche, und schaut hinab ins schöne Isartal oder hinüber ins Karwendelgebirge – und das war natürlich der Moment, der für mich den Ausschlag gab und zu dem Beschluss führte: Da musst du dringend auch mal hin (und zwar gern ohne die Jungs vom Blasorchester)!

Auf Nebenwegen pirschen das Dackelfräulein und ich uns an, denn in Zeiten wie diesen kann man an Wochenendtagen, selbst wenn sie noch so grau und verhangen sind wie der vergangene Samstag, den wir just wegen seiner Grauheit für diesen Ausflug auserkoren hatten, auf Hauptwegen sein pandemieplebejisches und aerosoles Wunder erleben. Leider gilt das zwischenzeitlich auch immer häufiger für vormals völlig trubelfreie Trampelpfade. Dank des Abstandwahrens und Langsamgehens bemerke ich eine Infotafel, die ich andernfalls vielleicht übersehen hätte, wenn wir im Stechschritt dem „Gipfel“ entgegengeeilt wären, und die mein Heimatwissen um ein weiteres Filetstückchen ergänzt: Thomas Mann ist hier mal den verschneiten Hang hinabgerodelt, potztausend!

Das architektonische Ensemble auf dem „Berg“ hätte wahrlich eine ausgiebigere Betrachtung verdient, doch die gut zwei Dutzend Personen da heroben – jede von ihnen aussstaffiert mit Travel-Mug, Togo-Sweets & Smartphone (manch eine zusätzlich noch mit Hund/Kind/Partner/Gehhilfe an/in der Hand) – bewirken, dass ich meinen Krapfen und Tee erst in einem menschenleeren Hinterhof unten im Städtchen zu mir nehme. Auch dort wieder: Thomas Mann (ich muss spontan an einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung denken, viele Jahre ist’s her, den mir der äußerst betagte, gebildete und sprachlich hochinteressierte Nachbar und Freund, Gott hab ihn selig, seinerzeit mit einer Mischung aus Amüsement und Entsetzen, in seiner Altherrenrecamiere sitzend und unter Zuhilfenahme seiner beleuchteten Leselupe vorlas und dazu meine Meinung hören wollte).

Wir werden uns den Kalvarienberg jedenfalls nochmal wochentags und bei besserer Witterung zu Gemüte führen, uns dann eine Bank suchen, auf der wir in Ruhe sitzen, den Proviant genießen und uns mit Blick auf das Vorkarwendel bis nach Österreich hineinträumen können, mindestens tief in die verschneiten Flanken des Juifen, dessen Aussprache noch immer nicht so flutscht wie sie sollte (im 14. Jahrhundert hieß der Berg noch Jeufenspitz und man fragt sich, warum eine Umbenennung nötig war).

Am späten Nachmittag auf der Heimfahrt ganz erfüllt von all den neuen und den wohlvertrauten Impressionen, dennoch innerlich klar, dass die Option „Landleben“ gründlichster Abwägung bedarf. In regelmäßigen Abständen (ausgelöst z.B. durch Wasserschäden, Bauarbeiten, Vermieterkontakt, Schädlingsbefall, Nachbarschaftliches etc.) ertappt man sich ja bei der Überlegung, dem deprimierenden Mieterdasein der teuren Großstadt zu entfliehen und anderswo sein Glück zu suchen versuchen finden, mit besserer Luft und mehr Natur- resp. Bergnähe.
Die Stadt jedoch hat auch viele Vorzüge, selbst wenn momentan etliche davon nicht zugänglich sind. Eines Tages werden sie es wieder sein, obwohl der Impfterminrechner im Netz mir als persönliche Prognose ein Datum im Frühjahr 2022 (!) auswirft, offenbr unbeeindruckt von der Tatsache, dass ich bei „Autoimmunerkrankungen“ ein fettes Häkchen gesetzt hatte.

Als ich zurück in München aus dem Luki-Tunnel herausfahre, ist das Grau des Himmels und jenes des Asphalts exakt dasselbe, übergangslos verbinden sich die beiden Sphären in der einsetzenden Dämmerung zu einer großen Leinwand, ganz im Norden ragt der Olympiaturm wie eine Kompassnadel auf, im Westen erstrahlen die oberen Bürohochhaus-Etagen des ehemaligen Arbeitgebers im Türkisgrün des Firmenlogos und im Rückspiegel sehe ich noch die roten Signallichter der Tunnelinnenwände flackern – ein visueller Gesamteindruck, der mich (warum auch immer) in dem Moment emotional total erwischt (möglicherweise ist diese Aufwallung auch dem Song geschuldet, der gerade läuft, oder zumindest davon verstärkt: „It’s lonely out in space / On such a timeless flight / And I think it’s gonna be a long, long time…„).

Sonntags ziehe ich alleine meine Laufrunden durch den nahegelegenen Park und träume anschließend im warmen Wannenwasser von Zeiten, in denen ich von den derzeit drei absolvierten Läufen pro Woche mindestens zwei zugunsten der Ausübung des geliebten Schwimmsports wieder gestrichen haben werde.
Weil mir die Bewegung im Wasser tatsächlich nach dreieinhalb Monaten so furchtbar fehlt, träume ich neuerdings auch nachts vom Schwimmen, allerdings nicht mit mir in der Hauptrolle, sondern mit richtigen Helden, die ungefähr so aussehen:

Vermutlich liegt das daran, dass ich mit dem hübsch Bewimperten in letzter Zeit zu viele Fotos von Eisschwimmern begutachtet und durchdiskutiert habe (Mütze/Vollbart: ja oder nein, Brusthaar/Muskulatur: wie viel ist zu viel usw.). Diese pandemische Pseudoalternative zum Schwimmen wird ja derzeit von allen Zeitungen gefeiert und mit ihr die Tapferen, die diese Sportart, die keine ist, ausüben. Mit Wassersport hat es schließlich nicht das Geringste zu tun, wenn sich jemand überwindet, bei Minusgraden in Badehose oder Bikini in Isar/Eisbach/Tümpel/See zu steigen (oder gar zuvor die Eisfläche des Teichs aufzumeißeln, um sich ein Einstiegsloch zu schaffen), dort ein paar Atem- oder sogar Schwimmzüge zu machen, ein bis zwei Minuten später rot und gekrümmt wie eine Krakauer wieder herauszukommen und hernach auch noch steif (sic!) und fest zu behaupten, sich wie neugeboren zu fühlen.
Naja, erfrischend mag das wohl sein, ohnehin vergönne ich jedem das Seine – und gottseidank widmet sich die Presse ja auch noch anderen, nicht minder relevanten Themen, um den Lockdown etwas aufzulockern.

Wo die Dackeldichte am höchsten ist, wird allerdings erst noch verraten, wo es die besten Krapfen gibt, wusste ich schon vorher und von der Schmerzsache wird hier im Blog bei Gelegenheit noch zu schreiben sein, nun, da ich diese Pein wahrscheinlich in absehbarer Zeit hinter mir habe.

Der Lieblingskonditor wird die diesjährige Krapfensaison übrigens entgegen der Tradition über den Aschermittwoch hinaus verlängern, wie ich heute zu meiner großen Freude erfuhr.
Die Nachfrage nach dem süßen Siedegebäck steigt momentan täglich, die Konditorin und ihre Crew stehen nun um 3 Uhr statt um 4 Uhr auf, um den Bedarf einigermaßen decken zu können, weshalb ich sicherheitshalber für morgen eine Reservierung vorgenommen habe, da ich eine Unterbrechung meiner äußerst erfolgreichen Hopfen-und-Krapfen-Diät jetzt auf gar keinen Fall gebrauchen kann (habe mir erst gestern eine neue Jeans bestellt).

Ebenfalls zu meiner großen Freude dieser Tage:
Eine überraschende Postsendung, bei der mich Umverpackung und Inhalt nahezu gleichermaßen begeisterten sowie eine Meldung im Info-Display des Cockpits, die mir eine vernünftige Kaufentscheidung oder Fahrweise (oder beides) bescheinigte.

Soweit für heute. Kommen Sie gut durch die Woche und lassen Sie sich nicht unterkriegen – von Schneemassen, Hochwasser, Kalorienbomben, Arbeitsbergen, Budenkoller, Februarfrust oder wovon auch immer Sie gerade am heftigsten heimgesucht werden.

Kleines Daumenkino oder: So eine Art Wochenrückblick.

Die Tage am Tegernsee waren nicht ganz unanstrengend.
Zum einen wegen der Tiefschneestapferei bergauf- und abwärts, über die wir natürlich nicht ernsthaft jammern wollen, weil das herrliche Wetter und das Tagestouristenverbot, das ja nun schon wieder aufgehoben wurde, einmalige, ach was sag ich: geradezu paradiesische Rahmenbedingungen für diese Ausflüge schufen.

Allein auf weiter Flur, das Fräulein putzmunter auf der Piste, problemlos stundenlang ohne Mantel, ich meist ohne Mütze/Handschuhe/Jacke hinterher, Mittagsrast in der Sonne, mit Krapfen und Knackwürstchen, bei einem der Abstiege kamen uns bereits die ersten Einheimischen in kurzen Hosen und Hemden entgegengehikt, ein Hauch von Frühlingsgefühlen umflatterte einen im gleißenden Glitzerlicht der Spätnachmittagssonne, den restlichen Abend flatterten dann allerdings die Beine von dem Surfen im sulzigen Schnee.

Zum anderen war’s anstrengend aufgrund der pandemie- und parkinsonbedingten Lage des Papas und der Lebensgefährtin.
Gelinde gesagt spitzen sich die diversen Schwierigkeiten, die freilich schon in der alten Normalität vorhanden waren, dort aber noch nicht gar so ins Gewicht fielen, im (Zusammen-)Leben der beiden allmählich zu. Der Papa nimmt nur noch die nötigsten Therapien wahr (das Angebot wurde wg. Corona eingeschränkt) und hat darüberhinaus irgendwie die Motivation verloren, sich ernsthaft für eine Verbesserung seiner Situation zu engagieren („Die Treppengeherei hier im Haus strengt mich schon genug an!“ ) und sieht als Betriebswirt auch nach dem Ende des Coronawinters noch so viel Düsternis und Kahlschlag nahen, dass er sich einem gewissen Grundpessimismus anheimgibt („Das wird da draußen in der Welt eh alles nix mehr!“ ). Die Lebensgefährtin muss alle Besorgungen des Alltags alleine bewältigen, weil der Papa seinen Radius recht konsequent auf die paar Meter zwischen Sofa, Küche und Esstisch beschränkt. Ihre Canastarunde, ihre Tennisstunden und das wöchentliche Freitags-Damenkaffeekränzchen – nichts davon findet mehr statt. Die Enkel kommen aus Sicherheitsgründen auch nicht mehr vorbei. Freunde sowieso nicht.
Nur ich, ab und zu, und das fällt für die Lebensgefährtin nicht gerade unter die Rubrik „Highlights“, soweit hat es noch nicht mal der wochenlange Lockdown gebracht (unser Verhältnis wird in diesem Leben nicht mehr über das einer befriedeten Koexistenz hinausgehen, in etwa vergleichbar mit der von Katz‘ & Hund, die nicht von kleinauf aneinander gewöhnt wurden, sondern zwangsweise lernen mussten, gelegentlich auf demselben Hof zu leben und in den Zeiten solcher Zusammentreffen Zank und Zwist aus Gründen der Ressourcenschonung so gut es geht zu vermeiden).
Da der Input der Außenwelt nicht mehr aus Begegnungen/Reisen/Kultur besteht, sondern Post und Nachrichten das Einzige sind, was derzeit noch von draußen hineindringt zu den beiden, gibt es während meines Besuchs neben der nicht endenwollenden Pandemie und der gottseidank beendeten Präsidentschaft Trumps nicht allzu viele Gesprächsthemen. „Es passiert ja nichts mehr bei uns“ , klagen beide, alles fühle sich an wie in diesem Film mit dem Murmeltier, ein Tag gleiche dem anderen.
Leider haben die beiden sich – womöglich um das Alltagseinerlei zu durchbrechen? – angewöhnt, sinnlose Streitereien über Kleinkram zu führen, kleinlichste Klärungen von Schuldfragen werden auf einmal ganz groß ausgefochten und selbst das Ergebnis dieser Fehden ist genauso wie der Murmeltiertag: beliebig, austauschbar, ermüdend.
Für den Papa ist es sichtlich schön, dass das Dackelfräulein und ich für ein paar Tage im Haus sind, das beschert seinem Tag eine andere Struktur und bringt neue Aufgaben mit sich („Hast du einen Wunsch, was du essen möchtest?“). Jeder Handgriff in der Küche geht quälend langsam vonstatten, helfen lassen will er sich nicht (nicht aus falschem Ehrgeiz heraus, sondern weil er es – genau wie ich – hasst, wenn ihm jemand in der Küche reinredet oder reinpfuscht, unter Teamplayern wird das Mithelfen genannt und ist stets gut gemeinter Terror), sein Bemühen um die Mahlzeiten rührt mich, vermischt sich aber spürbar mit einer schweren Sorge: Wie lange schafft er das noch? Und wenn er’s mal nicht mehr schafft – was ist dann?

Richtig rührselig wird es schließlich in zwei Momenten.
Der eine: als ich mir abends das Akkordeon schnappe und meine bisherigen La-Paloma-Versuche zum Besten gebe – da hat er Tränen in den Augen und lobt mich (beides eine absolute Ausnahmeerscheinung). Wir besprechen, welches Repertoire ich mir noch aneignen könnte, damit es dereinst im Pflegeheim genug zu singen gibt. Lili Marleen wünscht er sich sehr, ebenso Hey Jude und Wir lagen vor Madagaskar, und ich bestelle mir sofort die Noten.
Der andere: die Telekom schreibt ihm, dass sein Uralt-Handy ab dem Zeitpunkt der Abschaltung des 3G-Netzes nicht mehr funktionieren wird und offeriert einen neuen Vertrag samt neuem Gerät, natürlich ein Smartphone, was er aber für seine letzten Lebensjahre unbedingt vermeiden wollte. Mit zittriger Hand reicht er mir das Schreiben und fragt, was er denn nun tun solle und gesteht mir im selben Atemzug, er habe noch so einen blöden Brief bekommen, nämlich von seiner Bank, die ihn darauf einstimmt, dass er die fürs Online-Banking benötigte TAN künftig von einer App generieren lassen müsse („…und App, das heißt doch dann auch wieder Smartphone, oder?“ ).

Beide sind wir noch immer recht ungeübt in diesem Rollentausch, obwohl der sich an manchen Punkten eh längst vollzogen hat, der Startschuss dazu fiel ja schon vor fünfeinhalb Jahren auf unserer letzten gemeinsamen Reise, nämlich am Abreisemorgen in dem kleinen, hektischen Hotel mitten in Helsinki, in dem sie nur Finnisch, Schwedisch, Russisch oder Englisch sprachen, was den Papa sichtlich überforderte, so dass er zum allerersten Mal die Abwicklung des Auscheckens und das Ordern des Taxis, das uns zum Flughafen bringen sollte, mir überließ, und ich fast ins Stottern geriet, als ich mit der Rezeptionistin sprach und ihn währenddessen mit etwas verlorenem Blick neben unseren Koffern in der Lobby sitzen sah, er, der mir bis zu diesem Augenblick jahrzehntelang das Gefühl gegeben hatte, immerzu alles im Griff zu haben und geregelt zu bekommen – und nun war plötzlich ich an der Reihe…

Zurück zur vergangenen Woche.
Die letzten beiden Stunden meines Besuchs am Tegernsse verbringe ich also damit, den Herrn Vater zu beruhigen, dass der Wechsel von seinem Nokia 3310 auf ein Smartphone nicht den Weltuntergang einläuten wird, sondern er auch mit „so einem Scheißgerät“ weiterhin ganz normal würde telefonieren können, ohne Verwendung „fürchterlicher Apps“ , denn die bräuchte er nur für ein paar wenige andere Dinge. Er guckte grantig, hörte mir aber geduldig zu, fuhr nebenbei mit dem Zeigefinger seiner nicht-parkinson-betroffenen Hand unaufhörlich und Rille für Rille des vor ihm liegenden Tischsets ab und nickte ab und zu stumm. Schwer zu sagen, ob er das Tun seines eigenen Fingers abnickte oder meinen Vortrag über die Vorzüge eines Smartphones, ich tippe eher auf Ersteres.
Bevor ich mich ins Auto setze, um nachhause zu fahren, verspreche ich ihm, mich daheim in München bald um die Vertragsänderung zu kümmern.
Mal langsam!“ , interveniert er, das müsse man doch jetzt nicht überstürzen, das liefe einem ja nicht davon und da wolle er schon noch ein Weilchen selbst den Daumen drauf haben.
Und damit beschloss er das Thema.

Apropos Daumen. Hat irgendwer von Ihnen in den Wintermonaten vielleicht auch diese Probleme mit einreißenden Fingerkuppen? Und verwendet zur heilenden und schützenden Abdichtung solche Spezialpflaster (konkret: Compeed für Fingerkuppen)? Kriegen Sie das hin? Klappt das bei Ihnen?
Ich plage mich seit zwei Wochen mit deren Anwendung herum und wäre äußerst dankbar für jedweden Tipp zum zügigen, korrekten und vor allem zerstörungsfreien Anbringen jener Heilmittel auf kaputte Daumenkuppen.

Bis vor einigen Jahren nannte ich diese allwinterliche Daumenkuppendauerverletzung noch meinen „Langlaufdaumen“ , weil das Phänomen damals nur auftrat, wenn ich nach ein paar Stunden in der Loipe meine trotz dieses strapaziösen Sports immer noch dauereiskalten Finger aus den etwas zu starren und nicht optimal sitzenden Handschuhen entließ.
Manchmal blutete die Daumenkuppe sogar schon im Handschuh und wenn es besonders blöd lief, verklebte die Wunde noch während des Sports mit dem Stoff und das Abziehen des Handschuhs war dann ziemlich schmerzhaft.
Der Riss im Daumen wuchs während der Wintermonate nie so richtig zu, weil immer wieder ein neuer Langlaufausflug dazwischen kam und das Ganze damit wieder von vorne begann. Auch neue Handschuhe schufen keine Abhilfe, herkömmliche Pflaster sowieso nicht und diese Superdinger von Compeed gab es damals noch nicht.
Mittlerweile betreibe ich keinen Langlauf mehr (neben Gassigehen, Bergtouren und Joggingrunden habe ich definitiv keine Lust auf eine weitere Bewegungsvariante, die per pedes ausgeübt wird), nur der Langlaufdaumen, der ist mir geblieben bzw. kehrt zuverlässig Winter für Winter zurück.
Dafür gibt es zwischenzeitlich eine immense Erweiterung der Pflaster-Palette von Compeed, die ich zunächst zur Anwendung am zerschundenen Wanderstiefelfuß kennen- und schätzen lernte (simple Anwendung, tolle Wirkung), dann für lästigen Lippenherpes (schon nicht mehr ganz so simple Anwendung, falls es aber gelingt: gute Wirkung) und nun auch gern meinem winterwunden Däumchen angedeihen lassen würde, wenn ich denn in der Lage wäre, das blöde Teil so anzubringen, dass es dort haften bliebe und wirkte.

Und wo wir gerade bei den Gebrechen sind: Nach langer Suche habe ich ein Online-Yoga-Portal gefunden, das mich weder zu sehr mit spirituellem Beiwerk belastet noch in eine Community hineinzwängt, sondern mir einfach und für wenig Geld ermöglicht, meinen schwimmbadschließungsbedingten Schulter- und Nackenbeschwerden entgegenzuwirken und generell ein wenig an der ohnehin längst verlorengegangenen Geschmeidigkeit zu arbeiten.
Ja, ich formuliere das bewusst so: zu arbeiten. Denn Spaß ist das (noch) nicht, wenn man in mancher Haltung statt fünf Atemzügen nur zwei schafft oder bereits mit dem Erreichen der Haltung wie ein Mehlsack, der Schlagseite bekommen hat, auf seiner Matte umkippt, und dabei noch dazu von den Homeoffizieren im Haus gegenüber beobachtet werden könnte.
Nicht alles wird ja während so eines Lockdowns reduzierter oder distanzierter, im Gegenteil: manches enthemmt und entgrenzt sich geradezu schamlos, sind ja schließlich alle daheim und haben Fenster (und wer arbeitet oder trainiert schon bei heruntergelassener Jalousie oder zugezogenen Vorhängen).
Jedenfalls ist der Onlinekurs recht erträglich, vor allem sprachlich gefällt er mir, weil etliche der Lehrer, die einen schinden, Österreicher sind. Da klingt manches gleich viel charmanter und selbst wenn mal ein „Ommmm“ gebrummt wird, schwingt da viel mehr Gutturales mit, als es ein hochdeutsch sprechender Yogi je zustande bekäme.

Sonst ist alles murmeltiermäßig.
Die Konturen dieser Winterwochen verschwimmen allmählich. Ich schreibe wieder, auf einmal fließt es wieder, erfreulich ist das. Zwei Begegnungen pro Woche, 1x mit dem hübsch Bewimperten, 1x mit D., wie gehabt. Drei- bis viermal Sport oder sowas in der Art. Einmal wöchentlich ein Wannenschaumbad, bevorzugt nach dem Wochenendlauf im Park. Natur und Berge so oft es die Verpflichtungen erlauben. An fünf von sieben Abenden wird eine Dreiviertelstunde auf dem Akkordeon geübt. An ebenso vielen Abenden trifft sich das gesamte Rudel gegen 20:30 Uhr auf der Couch zum Serie-Gucken, mittlerweile sind wir in einem Alter, in dem man nach 8-10 Jahren dieselbe Serie glatt ein zweites Mal ansehen kann und sich genauso gruselt wie beim ersten Mal. Die Krapfensucht hat ihren Zenit noch nicht überschritten, obwohl ich ihr nun in Woche 2 nahezu täglich fröne, dummerweise ist die Konditorei Kustermann fußläufig nur drei Minuten von unserem Home & Office entfernt und macht die besten Hagebuttenkrapfen der Stadt (unfettig, schön groß, sehr luftig, mit nicht zu süßer, eher dunkler Hagebuttenmarmelade befüllt, die – wichtig! – nirgends raustrieft, wenn man den ersten Bissen nimmt und vor allem: die leckeren Dinger sind – so gehört sich das! – ausschließlich mit Puderzucker bestäubt, und zwar nicht zu dick – mit diesen lackierten Trümmern, womöglich noch mit Farbe im Lack, können Sie mich jagen, mit den diversen Füllungsvarianten erst recht).

München versinkt seit gestern im Schnee. In den Isarauen und auf der Schneeresienwiese wird Langlauf gemacht, die homeschoolingmüden Kinder aus dem Viertel rodeln neben der Bavaria den Hang hinunter. Die Zamperln dieser schönen Stadt kriegen sich nicht mehr ein vor Freude an der weißen Pracht, das Dackelfräulein gräbt unter der Schneedecke einen großen Ast hervor und rastet anschließend aus wie zu Welpentagen.

Hund haben (24).

München. Ludwigsvorstadt, 22:30 Uhr.
Lockdown, Ausgangssperre seit 21 Uhr.

Tagsüber fast pausenloser Schneefall. Der Hausmeister hat das Räumen aufgegeben.
Die ganze Straße versunken in watteweiße Stille.
Keine Menschenseele, kein Streifenwagen, nichts.

Nur bergeweise unberührter Pulverschnee.

Was für ein Glück, in diesen Zeiten einen Hund zu haben!

Die Kunst der Fuge (und was man sonst so treibt).

Abends ein Telefonmarathon von Couch zu Couch (1x Berlin, 1x München), aufgrund der Länge und der Themen fühlte sich das fast an wie ein richtiges Treffen.
Nebenbei bescherte das Gespräch die erfreuliche Erkenntnis, dass auch andere Menschen dem Bedürfnis nachgeben, diverse Listen zu führen, deren Nutzen und Notwendigkeit objektiv betrachtet als fragwürdig bezeichnet werden könnte.

Danach im Bett liegend gleich die Liste meiner persönlichen Widerwärtigkeitsworte ergänzt, in der medialen Peripherie der Pandemie stößt man derzeit ja fast täglich auf neue Fundstücke, derer ich mich durch Niederschreiben zu entledigen versuche. Nun neu auf der Liste: geshutdownt (überhaupt: dieser gesamte anglizismenlastige Seuchen-Sprech gehört komplett auf den Index gesetzt, genauso wie das Wort Sprech selbst), Inzidenz-Hotspot (brr!), Knuffelkontakt (bäh!), Winterwonderland (warum muss nur immer alles so überhöht werden? und wenn schon: warum geht das nicht in unserer Sprache?), Krisenfrise (frisch aus dem kommunikativen Komposthaufen des Morgenradiomoderatorenhumors).

Tagsüber hämmert, schleift und bohrt Lolek unterstützt von seiner unverwüstlichen Verwandtschafts-Gang schon seit letzter Woche wieder in der Wohnung über uns herum, der Gatte ist nach Frankfurt in die menschenleere Universität geflohen und ich lasse mir jeden zweiten Tag Schnee in die Ohren rieseln und bade in der Stille der weißen Flöckchen.
Ende Januar wird die Bude fertig sein, dann droht nahtlos der Einzug der neuen Nachbarn, eine vierköpfige Familie, Franzosen wohl, wie Lolek mir verriet. Spontan eine Assoziation: dass die bestimmt dezenter und leiser sind als die trampeligen und laut krakeelenden Südländer, freilich sind das alberne Vorurteile und dennoch hätte ich nichts dagegen, sie träfen in diesem Fall zu.
Wir werden es sehen bzw. hören.

Da die 7-Tage-Inzidenz hier in München noch unter 200 liegt und man noch ohne Bußgeldbefürchtungen zu Sport und Bewegung ins Voralpenland fahren darf, nach einem Tag Pause zu dem Schönwetterbergtag gleich wieder eine Schnee-Expedition gemacht. Endlich mal die Leib-und-Magen-Rundtour des hübsch Bewimperten ausprobiert, sehr schöne Sache, wirklich.
Bei Sonnenschein sicher noch viel schöner, denn von der Aussicht, die man dort haben könnte, war vor lauter Schneewolken nichts zu sehen (siehe grau-weiße Bildergalerie etwas weiter unten im Beitrag). Dafür sorgten Himmelsgrau und Wochentag für absolut freie Strecke und während sich daheim in der Stadt der Schnee bereits in eine braune Brühe verwandelt hatte, konnten D. und ich und das Dackelfräulein dort draußen durch den Pulverschnee wedeln.
Ist die 200er-Marke dann überschritten, und ich tippe hierfür auf Ende der kommenden Woche, muss man sich zum Gassigehen und Schneesuchen an eine neue Landkarte gewöhnen:

Wobei ich jetzt keinesfalls jammern möchte, denn nie war es beruhigender, den einzigen Verwandten ausgerechnet am Tegernsee wohnend zu wissen, weil man (Stand Söder, von vorgestern) den selbst dann noch besuchen darf, wenn hier wie dort die 15-Kilometer-Regel gelten sollte (dort, im Landkreis Miesbach, tut sie’s bereits!), nicht auszudenken, es hätte den Papa 60 km in die entgegengesetzte Richtung verschlagen, weil was sollte man in Zeiten wie diesen, in denen es einen so nach Ästhetik dürstet, man diese außerhalb der eigenen vier Wände und der dort genossenen Bilder, Buchstaben oder Bässe, von denen so ein Akkordeon ja gottseidank stolze 72 bietet, nur in der freien Natur findet, die aber seit Wochen und Monaten noch mehr als sonst unter dem Ausflüglerandrang ächzt, so dass es oft detektivischen Spürsinns bedarf, Spazier- oder Wanderwege zu finden, auf denen es sich befreit durchatmen und das Weltgeschehen mal ein Weilchen ausblenden lässt, was also sollte man ausgerechnet in Zeiten wie diesen in einem Kaff wie beispielsweise Wolnzach, da bin ich doch wirklich froh, dieselben 60 km ins Tegernseer Tal fahren zu dürfen.

Das Schwimmen, es muss mal wieder gesagt werden, fehlt schmerzlichst. Ich habe aufgehört, die Wochen zu zählen. Sowohl in die eine Richtung (wie lang ist das letzte Mal her) als auch in die andere (wann wird es wohl wieder möglich sein). Der Schultergürtel ein Brett, der Nacken knackt, die Hüfte zwickt.
Bergsport ist großartig, aber man kann ja (leider) nicht dreimal die Woche ins Auto steigen, um zwei- bis vierstündige Touren im Voralpenland zu unternehmen, da kommt man nämlich sonst zu gar nichts mehr und tut trotz aller CO2-Freundlichkeit und Spritsparsamkeit des Autos der Umwelt nichts Gutes.
Vollends zuhause und in meinem Element bin ich nunmal im Wasser. Und ohne Wasser kein Leben, das ist ja bekannt.
Auf der Homepage der Münchner Bäderbetriebe, die die Kundschaft alle paar Wochen mit lieb gemeinten Durchhalteparolen zu trösten versuchen („Wir vermissen Euch, bleibt gesund!„), kommentiert dieser Tage eine Ärztin: „Ich vermisse euch auch und hoffe, wir sehen uns dann Ende Juni wieder.
Ende Juni?!? Woher hat die das? Wie kommt die da drauf? Ist das realistisch?

So gut es geht schiebe ich diese (Luxus-)Sorgen beiseite und blende Fragen, auf die jetzt eh niemand eine Antwort hat, aus. Freue mich an dem, was noch geht, fokussiere mich auf Anderes und Neues.
Bestelle beispielsweise Sanitärsilikon und erneuere die Fuge an der Badewanne des hübsch Bewimperten. Ein Projekt, das mehr Zeit und Nerven kostet, als wir beide dachten. Nachdem der Fugenhai seine Arbeit getan hat, stellen wir fest, dass der Vormieter ca. drei Liter Silikon in dem Spalt zwischen Wanne und Wand versenkt hat. Da die Baumärkte geschlossen haben, muss die eine Kartusche, die ich besorgt habe, ausreichen. Also werden aus Styropor ein paar Balken gesägt, um Hohlräume aufzufüllen und trotzdem ist anschließend noch eine dermaßen dicke Silikonwurst nötig, dass der Dichtstoff ausgeht und eine zweite Kartusche bestellt werden muss (absurd: Sanitärsilikon in weiß ist deutschlandweit nahezu ausverkauft, offenbar ist Verfugen ein typischer Lockdown-Lückenfüller oder eine nur allzu menschliche Reaktion auf die aus den Fugen geratene Situation – Silikonieren als Sinnbild der subjektiven Seuchenbekämpfung in unseren häuslichen Sanitärzellen, was weiß ich…?).
Ich klebe den gesamten Wannenrand mit Folie ab, damit der Freund bis zur Vollendung des Werks duschen kann. Mit der zweiten Kartusche geht es eine Woche später weiter, immerhin kann man jetzt verschwenderischer agieren.
An den zwei langen Abenden, an denen ich mich der Kunst der Fuge widme, kauert der hübsch Bewimperte stundenlang vor seiner Nähmaschine oder auf dem Fußboden, um den Prototyp der Lodenmäntel für unsere Hundefräuleins zu entwerfen, anzupassen und zu nähen. Dazwischen bestellen wir Pizza, machen Yoga, spielen mit den Hunden und erzählen uns unser Leben.

Auch mit D., meiner anderen Corona-Bezugsperson, ehemals enge Freundin genannt (ich treffe ja, wie schon im Frühjahr 2020, seit drei Monaten konsequent nur noch zwei haushaltsfremde Menschen) ein Nähprojekt, hier ohne Pizza und Yoga, stattdessen mit Weißwurstfrühstück und Tiefschneespaziergang durchs Stadtviertel.
Man schätzt die Talente und Nähe der Freunde jetzt nochmal mehr (oder entdeckt sie ganz neu), jede/r tut, was er/sie kann, gemeinsam ist man so ein Stück unabhängiger von der weitgehend geschlossenen Infrastruktur da draußen.
(Nächstes Projekt: Wir bestellen zwei Friseurscheren und üben uns halt mal in dieser Handwerkskunst.)

Dank Hund sind auch lange, mit den Corona-Bezugspersonenen verbrachte Abende nach wie vor möglich, das nächtliche Heimspazieren nach 21 Uhr läuft unter Handlungen zur Versorgung von Haustieren und wird nicht geahndet.
Diese unfassbare Stille der Stadt um 23 Uhr ist immer wieder ein Erlebnis, manchmal allerdings auch ein unheimliches, denn wenn man eine Viertelstunde lang, mitten im Herzen der Stadt deren Puls weder hört noch spürt, maximal zwei anderen Gassigehern und einer leise durch die Lautlosigkeit der Straßen gleitenden Polizeistreife begegnet, hat das was Gespenstisches.

Das Glück des Hundhabens fühlt sich momentan aber vor allem aus einem anderen Grunde besonders groß an.
Kurz vor dem Tumorkontrolltermin in der Tierklinik, bei dem auch der operative Eingriff vereinbart werden sollte, tasten der Gatte und ich die beiden Knoten an Pippas Brust nochmal selbst ab und staunen nicht schlecht – beide Umfangsvermehrungen haben binnen zwei Wochen ihren Umfang reduziert, die eine sogar deutlich (um gefühlte 60-70%). Die Tierärztin staunt ebenfalls, denn damit ist aus der winzigen Chance, die sie Anfang Dezember erwähnte (zugleich aber empfahl, uns nicht an sie zu klammern), höchstwahrscheinlich nun doch eine Tatsache geworden: die erbsengroßen Verhärtungen, die sich verkleinert haben, dürften einer Lactatio falsa entsprungen sein, eine Art verfrühter, verkaspelter Milchstau während der Scheinträchtigkeit und vor dem fiktiven Wurftermin, der sich, wenn die Hündin dann die Wochen der Pseudo-Mutterschaft durchlebt, wieder auflöst. Nach dieser Botschaft löste ich mich ebenfalls auf, und zwar in Tränen, und die Nierenschmerzen, die mich wochenlang gequält hatten, waren plötzlich verschwunden.

Wir verließen die Tierklinik also ohne OP-Termin in der Tasche, sondern mit dem Rat, das, was von den Knoten noch übrig ist, alle zwei Wochen durch Abtasten zu kontrollieren, und falls nach Ende der Scheinmutterschaftswochen dann gar nichts mehr zu spüren ist, wären wir dem Tumor-Thema tatsächlich erstmal von der Schippe gesprungen.
Sollten die Knoten allerdings nicht komplett verschwinden, muss das Fräulein der Ärztin erneut vorgestellt werden (nun besteht die winzige Chance nämlich in anderer Hinsicht… – dann war es doch nichts rein hormonell Bedingtes, aber daran wollen wir jetzt wirklich nicht denken).

Und so genieße ich es im Augenblick mehr denn je, dem Dackelfräulein zuzugucken, wie sie durch den Pulverschnee pflügt, unter der Schneedecke den einen oder anderen Tannenzapfen ausbuddelt und ihre Beute ausgelassen herumwirbelt, oder so viele weiße Kügelchen an Bauch und Pfoten kleben hat, dass sie aussieht wie ein Büffel mitten im übelsten Fellwechsel und nicht mehr weiterlaufen kann vor lauter eisigem Behang, mich dann hilfesuchend an die Wade stupst, damit ich sie von den Eisbommeln befreie oder – weil ich warme Hände behalten und mir das Gepfriemel ersparen möchte – sie gleich unter meinen Goretexmantel packe (wo das ganze Kugellager von ihr abtaut, bis sie schön trocken und mein Bauch unschön patschnass ist), oben den Reißverschluss knapp unter ihr Nicht-Kinn hochziehe, unten den Gürtel enger zurre, damit sie nicht rausrutscht, und so mit ihr vor die Brust geschnallt wie eine Kängurumutter den watteweichen Winterhang hinuntersurfe.

Wo der Lindwurm tobt.

Sofern Sie zu den Vernünftigen gehören, die sich gerade nicht an den letzten Ladenöffnungsminuten laben, haben Sie ja vielleicht ein wenig Zeit und Muße für ein kleines Filmchen, das Ihnen anschaulicher als jedes Gerede oder Geschreibe meinen Gemütszustand nahebringen wird (bitte drehen Sie für einen möglichst authentischen Eindruck zuvor die Lautstärke an Ihrem PC/Laptop/mobilen Endgerät voll auf):

Nun soll dieser Helikopter-Höllenkrach aber nicht nur eine schnöde Metapher für mein etwas aus den Fugen geratenes inneres Gleichgewicht sein, nein, nein! Sondern aktuell vermag auch nichts unsere häusliche Situation in dieser ohnehin schon an Besinnlichkeit kaum zu überbietenden Vorweihnachtswoche trefflicher zu beschreiben als so eine Bell UH-1 während der Startphase.

Gestern Morgen, ich war noch im Nachtgewand, läutet Lolek bei uns. Vertraut wie wir ja nach diesem intensiven gemeinsamen Jahr längst miteinander sind, öffne ich ihm selbstverständlich trotz dieses Outfits die Tür.
Heute werden ganze Tag sehr laut“ , krächzt er nach einem schnellen Morgensalut (= riesiger Werkzeugkoffer knallt auf Treppenhaussteinboden) unter seinem Schirmmützchen hervor. Ich lächle müde und entgegne ihm mild: „Aber Lolek – es war doch schon die letzten beiden Wochen fast jeden Tag sehr laut!„. Mein Lieblings-Pole senkt den Blick und meint: „Aber heute sehr, sehr laut – mussen fräsen Estrich. Hoffen, fertig in drei Tage.
Ich nicke, weil mir keine andere Reaktion einfällt, wir wünschen uns jeweils einen guten Start in die Woche, ich schließe die Tür und schlurfe in die Küche zurück. Mein Morgenhorizont reicht gerade mal bis zum Toaster und unter „Estrich fräsen“ kann ich mir spontan und um diese Tageszeit noch nichts Konkretes vorstellen.

Keine fünf Minuten später ändert sich das schlagartig. Lolek und Bolek werfen die Höllenmaschinen in der Wohnung über uns an, die Wände unserer Wohnung vibrieren, wir fürchten um die schweren, gerahmten Bilder und plärren uns zu, ob und wie wir das nun ganztags aushalten sollen (geschweige denn bei dem Lärm arbeiten), das Fräulein kreucht verschreckt durch den Flur und guckt uns hilfesuchend an.
Man hätte es ahnen sollen: Spricht der Pole von einem Arbeitstag, ist damit schließlich keine poplige Nine-to-five-Schicht gemeint, sondern ein Einsatz, der sich mühe- und pausenlos von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends hinziehen kann, wenn zwischendurch nicht die Zementsäcke oder die Sobieskis zur Neige gehen. Analog verhält es sich offenbar mit der Ankündigung, es würde „sehr, sehr laut“ werden.

Dem Gatten, dem an diesem Vormittag noch ein Zoom-Meeting und eine Vorlesung bevorstehen, platzt der Kragen und er ruft umgehend und mitten aus dem Hubschrauberlärm den Vermieter an.
Es ist ja in Zeiten von Homeoffice und Lockdown-light schon ärgerlich genug, dass eine mehrwöchige Renovierung mit keiner Silbe vorher bekanntgegeben wird, aber diese Beschallung schlägt dem Fass nun endgültig den Boden aus und die Aussicht auf mindestens drei solcher Hubschraubertage in Folge bringt den Kreislauf binnen Sekunden vermietertelefonattauglich in Schwung.
Ja, das ist blöd, aber da müssen wir halt jetzt durch“ , lautet die Devise des Hauseigentümers – dabei ist der Punkt doch der, wer von uns ganz praktisch betrachtet eigentlich da durch muss und ob dieses Da-durch-Müssen nicht (s)einen Preis hat und wenn ja, wer den zu bezahlen hat.

Nach einigem Hin und Her und etlichen, in und bei brüllender Lautstärke absolvierten Telefonaten, ziehen wir mit Sack und Pack (Laptops, Netzkabeln & Co., Verpflegung bis zum Abend, Hundekörbchen & dazugehörigem Hund etc.) in ein fußläufig entferntes Hotel, das seine Zimmer tagsüber an heimatlose Homeoffiziere vermietet. 30€ pro Zimmer, 10€ für den Hund, gratis Kaffee, Wasser und WLAN.
Kann man nicht meckern, im Gegenteil: ist durchaus ein toller Tipp für all die, denen zuhause die Decke auf den Kopf fällt, sei es renovierungsbedingt oder weil einem der eigene, energiegeladene Nachwuchs oder die klavierklimpernde, kurzarbeitende Nachbarin auf den Keks geht.

Das Hotel um die Ecke kennen wir schon, da wir hier die letzte Nacht vor dem Ende der großen Wasserschadensanierung zugebracht hatten. Hello again!
Zur Begrüßung gibt’s einen Formularberg (zur Dokumentation, dass sie auch ja nicht zu touristischen Zwecken vermieten), es folgen zwei nebeneinander liegende Zimmer (damit es sich auch ja anfühlt wie zuhause und man den Partner z.B. bei technischen Problemen wie gewohnt fluchen hören kann), zwei nicht auf Anhieb funktionierende Türkärtchen und zwei aus der guten Togobohne frisch aufgebrühte Heißgetränke – und schon geht’s auf in den Tag!

Geschmeidiger könnte eine neue Woche kaum starten!, denke ich ganz kurz bei Betreten meines in erheiterndem Dunkelgrau gestrichenen Zimmers, aber es bleibt gottseidank keine Zeit für weiteres verdrießliches Vertiefen in dieses Zwischenfazit, weil ich schon wieder meinen Rucksack umpacken und mich auf den Weg machen muss. Zum Tierarzt.
Ein Termin, den ich ursprünglich deshalb vereinbart hatte, um mir zu der beim Dackelfräulein diagnostizierten Umfangsvermehrung eine Zweitmeinung einzuholen. Dann aber bekam der Termin am dritten Advenstssonntag eine neue Dimension, als wir feststellten, dass der Umfang der Umfangsvermehrung sich binnen einer Woche spürbar vermehrt hatte – und, was uns einen noch viel größeren Schreck einjagte, auch noch Gesellschaft bekommen hatte von einer zweiten, zwar kleinen, aber ebenfalls merklichen Umfangsvermehrung in der Nähe der ersten (Advent kommt ja bekanntlich von advenire).

Quer durch die Stadt also zu der Praxis, das Fräulein gar nicht begeistert, als es kapiert, wohin die Reise geht und meine Wenigkeit (ein Begriff, den ich selten als passender empfand, u.a. aufgrund der Entdeckung, dass trotz enger geschnalltem Gürtel die Jeans wirklich arg locker sitzt) ebenfalls gar nicht begeistert, als ich kapiere, dass meine Einschätzung erneut korrekt war.
Mit zwei kleinen Tumoren und einer großen Beratung verlassen wir beide reichlich bedrückt die Tierärztin, draußen im Park drückt es die restlichen Tränen, die ich mir im Behandlungszimmer verkniffen hatte, auch noch hinaus und die Stimmung sinkt trotz ein paar erster wärmender Sonnenstrahlen seit Tagen unter den Gefrierpunkt.
Auf dem Nachhauseweg, der nun nicht mehr nachhause, sondern zum Hotel führt, schicke ich dem Gatten eine Nachricht, dass ich vor Hunger sterbe, was den ersten guten Moment dieses Tages zur Folge hat – bei Ankunft im Hotel erwartet mich eine köstliche Pizza, die genau so ist, wie ich Pizza liebe: dicker, krosser, mit ein paar leicht angekokelten und aufgeplatzten Blasen versehener Rand, wenig Belag, schön warm und in verzehrfreundliche, ordentliche Achtel vorgeschnitten.

Nach dem gemeinsamen Mittagsmahl im neuen Homeoffice des Gatten ziehe ich nach nebenan um, telefoniere in Sachen Mammatumoren mit der Freundin und falle anschließend auf dem Hotelbett in ein Kurzkoma.
Bis Anfang Januar brauche ich Klarheit, wie viel wir da nun operieren lassen werden. Von vier Optionen, die mir die Veterinärin erläutert hat, scheidet für uns lediglich eine ganz klar aus. Das Kopfzerbrechen, das die übrigen drei noch bescheren werden, dürfte die Energie, die noch via Weihnachtsgebäck einverleibt werden wird, deutlich übersteigen.
Ich habe eh noch nie verstanden, wie Menschen in Kummerphasen zunehmen können, mir schnürt es da von jeher den Magen zu.

Was ich auch nicht verstehe und mir seit Monaten immer mal wieder Kopfzerbrechen beschert: Wie kann das eigentlich sein, dass Asien manch einem Deutschen (oder Europäer?) nur dann als Inspirationsquelle taugt, wenn es drum geht, sich ein bisschen Zen-Zauber in den eigenen Garten zu holen, selbstgetuschte Haikus über den Futon zu hängen, Reizdärme in der TCM-Klinik behandeln zu lassen oder daheim auf dem Kapokkissen kauernd das blockierte Wurzelchakra im Dufte der räucherstäbchenbestückten Buddhafiguren wegzuatmen?
Wenn das doch so anregend, beglückend und heilsam ist, wieso dann nicht auch mal nach Asien schauen, wie sie dort mit so einer Pandemie umgehen? Und sich da was abschauen?! Da mault keiner herum, was die Maskentragerei angeht (oder wähnt sich deshalb gar dem Erstickungstode nahe), die sitzen bereits wieder in Großgruppen gemeinsam im Kino und Lokalen (dazu hier ein Lektüre-Tipp).

Und sonst so?
Nicht allzu viel, reicht ja auch so schon.
Der Papa zerbricht sich den Kopf übers Weihnachtsessen und seine Lebensgefährtin weint dem Schäufele nach, das es sonst immer gab, mit uns aber nicht geben wird. Wie früher (fast schon vergessen) ist Weihnachten die Zeit der familiären Kontroversen.
Die Jugendliebe wurde tagelang mit Sauerstoff versorgt, hat das Wiener Spital zwischenzeitlich wieder verlassen, hängt nun daheim in den Seilen und hofft auf baldige Rekonvaleszenz. Mit dem in Aussicht gestellten Erbe wird es also gottseidank nichts.
Der hübsch Bewimperte hat edlen Loden bestellt und möchte unseren Hundedamen was auf den Leib schneidern, im Gegenzug werde ich ihm meinen Fugenhai vorführen, d.h. wir begeben uns wohl an den Feiertagen mal zusammen in Klausur und werkeln ein bisschen.
Der Gatte ist nach nur einem Tag Hotel-Homeoffice aufgrund diverser technischer Imponderabilien, auf die näher einzugehen ich mir und Ihnen erspare, heute Morgen nach Frankfurt gereist, um dort seine letzten Dienstgeschäfte und Vorlesungen für dieses Jahr ohne Störung und in einer mehr oder weniger menschenleeren Universität zu erledigen. Das Bahnticket werden wir, wie alle anderen Sonderausgaben dieser Helikopterwoche, dem Vermieter zur Erstattung weiterreichen.
Vor den beiden Friseurläden in der belebten Lindwurmstraße, in der auch das Homeoffice-Hotel liegt, sind ganztags lange Schlangen zu verzeichnen. Dutzende Männer stehen an, um sich das Haupthaar ein letztes Mal in diesem vertrackten Jahr stutzen zu lassen. Und sie stehen eng beisammen, ratschend und rauchend.

Mein Handy klingelt.
Lolek ruft an und teilt mit, dass für heute Ruhe an der Fräsfront ist und wann morgen Früh der Hubschrauber wieder starten wird.
Das kleine Hündchen und ich spazieren durch die dunkle Lindwurmstraße heimwärts. Von irgendwoher dringt Gehupe und Geschrei in meine Ohren. Als wir uns unserem Wohnhaus nähern, erklärt sich dessen Ursache: Auf der Theresienwiese findet unter Mordsgetöse eine Demo statt.
Es gibt keine Katastrophe, weil es keine Krankheit gibt. Die Krankenhäuser sind genauso belegt wie jeden Herbst und Winter. Wir lassen uns nicht verarschen. Dieser Lockdown ist ein Verbrechen an den Menschen und der Menschheit. Wir lassen uns nicht in Ketten legen.
Ein Großaufgebot der Polizei umkreist das Spektakel und wird die Versammlung in Kürze auflösen, da die meisten ohne Abstand und Maske unterwegs sind.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen guten Abend und mir, in sofortigen, tiefsten Winterschlaf zu fallen, nichts mehr zu hören und zu sehen, und erst dann wieder aufzuwachen, wenn das Dackelchen tumor- und die Theresienwiese dummheitsfrei ist.

Von Umfangsvermehrung und Heiterkeitsreduzierung.

Immer nach vorne blicken!

Freitagabend vor fünf Tagen, am westlichen Rand des Oberhachinger Industriegebiets (für Nicht-Ortskundige: irgendwo in der südlichen Peripherie von München).

Als ich nach einer intensiven Dreiviertelstunde mit Pippa aus der Tierklinik hinausgehe in die Dunkelheit, steht Ludwig schon wieder schwanzwedelnd vor uns. Wir waren ihm zuvor schon im Wartezimmer begegnet. Der 12 Wochen alte Welpe wollte unbedingt mit Pippa spielen, die zitternd unter meinem Stuhl kauerte.

Pippa wird in Kürze 9 Jahre alt und weiß bereits beim Aussteigen aus dem Auto, dass dieser Parkplatz zur Tierklinik gehört und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, wenn ich sie auffordere, mitzukommen. Kurz vor der Eingangstür beginnt dann das Schlottern.
Ludwig hingegen hat noch keine Ahnung von diesem Teil der Welt. Er findet absolut alles toll und spannend, weshalb er letzten Freitag auch in der Tierklinik ist – er hat nämlich einen Kaugummi verschluckt. Herrchen ist sehr nervös, Frauchen sitzt zitternd im Auto (wegen Corona darf seit Monaten nur noch eine Begleitperson pro Tier mit in die Klinik hinein), nur Ludwig hat blendende Laune und will mit dem Dackelfräulein spielen.

Da sie fast alle Welpen mag, stellt sie zumindest kurz ihr Schlottern ein, wendet sich dem kleinen Ludwig zu, bis er ihr dann zu stürmisch wird und sie sich wieder unter meinen Stuhl verzieht. Weil Ludwig daraufhin in schrillsten Tönen jammert und an der Leine zerrt, geht sein Herrchen mit ihm hinaus, so dass im Wartezimmer wieder Ruhe einkehrt. Er hat sowieso noch eine längere Wartezeit vor sich, da er ohne Termin gekommen ist – das mit dem Kaugummi läuft für ihn unter „Notfall“, sie haben sich sofort ins Auto gesetzt und sind zur Klinik geeilt.
So ist das am Anfang des Hund-Habens: man hat keine Ahnung, keine Erfahrung und derlei Notfälle treten äußert schnell und regelmäßig ein.

Für einen Moment bin ich geneigt, den Besitzer von Ludwig um diesen verschluckten Kaugummi zu beneiden, denn was würde ich drum geben, auch aus so einem Grund zur Tierklinik gefahren zu sein. Einen Gedanken später weiß ich aber wieder: das ist Quatsch, denn so ist das halt, es ist der Lauf der Zeit und des Lebens, dass man nach 9 Jahren eher aus anderem Anlass hier sitzt und wartet. Mit vereinbartem Termin bei der Ärztin des Vertrauens, die man bereits seit Jahren kennt. Mittlerweile ist der Hund der nervösere Gast im Wartezimmer, man selbst gibt sich alle Mühe, ruhig und gefasst zu sein, was meist auch gelingt (allein schon, damit der Hund nicht noch mehr zittert).

Frau Dr. G. ruft uns auf, ich erhebe mich, Pippa trottet hinter mir her, steigt unterwegs widerwillig auf die Waage (huch, 300 Gramm leichter als beim letzten Besuch?) und schlurft weiter ins Behandlungszimmer. Dort angekommen trage ich den Grund meines Besuchs vor.
Die Ärztin tastet Pippa ab, findet den Knoten, drückt prüfend ein bisschen hin und her, sieht mich an, sagt „Ein Lipom kann ich ausschließen“ und damit ist die Tendenz eigentlich schon umrissen.
Es ist ein Tumor, ob Adenom oder Karzinom bzw. gut- oder bösartig, werden wir erst wissen, wenn nach der operativen Entfernung der histologische Befund vorliegt.

Wir besprechen ausgiebig, wie es nun konkret weitergeht, die Einzelheiten erspare ich Ihnen. Auch eine detailliertere Erläuterung der klitzekleinen Restchance, dass es sich um eine seltene, zyklusbedingte Verkapselung an der Milchleiste handeln könne, ist unerheblich und nur insofern relevant, als wir jetzt noch bis zu Beginn des neuen Jahres abwarten, ob das Ding sich nicht wie durch ein Hormonwunder wieder zurückbildet, was wie gesagt leider äußerst unwahrscheinlich ist.
Ein paar Wochen kann man das jetzt gut rausschieben, weil der Knoten noch wirklich klein ist, dann aber muss gehandelt werden.
Das einzig Beruhigende an dem Termin ist die nach gründlicher Untersuchung erfolgte Aussage von Frau Dr. G., dass Pippa „für ihr Alter“ in einem sehr guten Allgemeinzustand sei: schlanke Figur, beste Muskulatur, Gelenke, Herz und Lunge ebenfalls in Ordnung. Immerhin gute Voraussetzungen für eine solche OP und das, was danach kommen kann.

Am Empfangstresen überreicht man mir die Rechnung. „Kleine Umfangsvermehrung kraniales Gesäuge“ steht da in holprigem Arztrechnungsdeutsch als Diagnose, es folgen die einzelnen Positionen.
Der Begriff Umfangsvermehrung fährt mir recht herb in die Eingeweide und erinnert mich an die Raumforderung… (na lassen wir das lieber, wenn Sie mögen, lesen Sie’s hier nach). Mir wird etwas flau, ich bezahle und wanke nach draußen.
Dort springt uns Ludwig aus der Dunkelheit entgegen und freut sich wie bekloppt, Pippa wiederzusehen, allein das Fräulein hat nun gar keinen Nerv mehr für den Jungspund und strebt entschlossen dem Parkplatz zu.
Ich wünsche seinem Herrchen noch viel Glück in der Kaugummisache, eile zum Auto, lasse mich auf den Sitz fallen und nehme erstmal einen großen Schluck aus meinem neuen Thermosbecher, den ich auf ewig Thermosbecher und niemals Travel Mug nennen werde, obwohl er laut Etikett so zu heißen scheint.

Etwas benommen fahre ich heimwärts, esse unterwegs einen Happen und scrolle dabei durch die beruhigend belanglose Bilderwelt auf Instagram, bis ich auf eine Rezeptempfehlung stoße, die von dem schlecht ausprogrammierten Algorithmus dieses (sozialen) Netzwerkes zeugt:

Ich mag weder Mandarinen allzu gern noch hab ich irgendwas mit Overnight Oat geschweige denn Meal-Preps am Hut. Und ich frage mich, ob es allen Ernstes Menschen gibt, die ihr Frühstück so titulieren und tatsächlich am Vorabend des Breakfast ganz hibbelig vor lauter Hipness kunstvoll solche Einweckgläschen mit Haferkörnern befüllen und in den heimischen Fridge bugsieren.

Aber die Welt ist ohnehin reich an Worten, Gestalten, Momenten und Eindrücken, die seltsam fremd anmuten.

Später am Abend spreche ich noch lange mit einer Freundin über den Tierklinik-Termin. Die Freundin war schon mal mit einer ähnlichen Situation konfrontiert und mir fällt angenehm auf, dass sie sachlich und anteilnehmend mit mir über alles redet, genau wie Frau Dr. G..
Vor allem aber fällt mir auf, dass sie nicht beschönigt oder beschwichtigt oder ins Blaue hinein tröstet. Das hilft mir sehr.
Alles wird gut!“ sagen ja gern die einen, oder „Ich habe ein gutes Gefühl!“ die anderen. Die Freundin sagt keines von beidem, weil wir beide wissen, dass wir nicht wissen können, ob alles gut wird oder nicht und welche Sorte Gefühl jetzt die angemessenste wäre, denn jedem der Gefühle, das man nun haben könnte oder hat, wohnt schließlich ein hoher Spekulationsfaktor inne (um ein Haar hätte ich vor Müdigkeit Spekulatiusfaktor geschrieben).

Das große Geheule sucht mich an den Folgetagen noch mehrfach heim und passt hervorragend zum Wetter. Jawohl, ich habe Angst und ich mache mir Sorgen, das ist nunmal so und ich finde: das darf jetzt auch so sein. Es wird ja nun nicht durchgehend bis Anfang Januar so sein, aber ab und zu wird es halt mal wolkenbruchartig über mich kommen.
Und wenn das mal wieder so ist, dann bin ich äußerst dankbar, wenn man mich nicht tröstet oder abzulenken versucht, wenn man nichts beschwichtigt oder schönredet, sondern wenn man mich einfach ängstlich und sorgenvoll sein lässt – und genaus das mit mir aushält.

Dieses elendige, zeitgeistige Wir-wollen-im-Hier-und-Jetzt-leben-Postulat – ja, nehmen wir das doch bitteschön auch mal in so einer Situation ernst.
Es ist nämlich eine vergleichsweise einfache Übung, bei Sonnenschein auf einen Berg zu steigen (oder sonstwo zu lustwandeln) und dabei nicht an das Tal oder den Gipfel zu denken, sondern an gar nichts oder einfach nur an den nächsten Schritt, damit man nicht danebentappt und stürzt. Gelingt einem das, so war man einen (Berg-)Tag lang mehr oder weniger im Hier und Jetzt, freut sich darüber und fühlt sich leichter oder auch bereichert, das wird bei jedem ja graduell ein wenig anders sein.
Heerscharen von Achtsamkeitsfreunden begeben sich auf Pilgerschaft zu diesem heißersehnten Verweilen im Augenblicke (mit dem ja schon der gute Faust ziemlich haderte), plagen sich teils gräßlich mit den unterschiedlichsten Hilfsmitteln, Techniken, Anleitungen und Atmosphären ab, um diesen gelobten Zustand zu „erreichen“, so als lauerte einzig in ihm das Allheilmittel gegen die Unbilden des Alltags (oder gar die Erlösung von unserer fehlbaren Existenz). Und nicht wenige dieser Hier&Jetzt-Streber sind dabei fast ausschließlich aufs Positive, auf gute, helle, wärmende Gefühle ausgerichtet oder fixiert.

Wie von der Verheißung eines Glückskeksspruches Getriebene gebärden wir uns und suchen immerzu und in allem nach einem Sinn, oder, wo dieses Unterfangen eine Nummer zu groß erscheint, zumindest nach dem Schönen und Guten und Glänzenden oder einem Mix daraus: dem Seelensmoothie.
Was aber ist mit Krisen, Krankheiten, Trennungen und Toden? Da herrscht oftmals das große Wisch-und-Weg-Prinzip, das darf nicht sein, das kann nicht sein, damit wollen wir nicht umgehen, daraus muss sich doch verdammt nochmal ein Sinn schnitzen lassen, und wenn nicht, dann wollen wir es wegradieren oder beiseitestellen, es fortunafarben anpinseln, obwohl es doch pechschwarz ist, oder es mit schnelltrocknendem Lebensfreudelack glattsprühen, obwohl an seiner zerfurchten Oberfläche ja doch nichts haften bleibt außer ein paar Zähren und Kummerkrusten.
Lasst mich bitte nach Herzensfrust leiden!, denke ich, sage es aber nicht und freue mich über die, die es trotzdem hören können.

Um das windige Nervenkostüm vollends zu zerfetzen, hat in der Wohnung über uns eine sechswöchige Generalsanierung begonnen. Zwar führt Lolek dort oben Regie und ist auch selbst zugegen (und ich mag Lolek, nicht nur, weil er zu den Menschen gehört, mit denen ich im Jahr 2020 mehr zu tun hatte als mit den meisten anderen), was den Höllenlärm aber auch nicht erträglicher macht.
Der Vermieter ist sofort beleidigt, als ich moniere, dass es schön gewesen wäre, wegen Homeoffice & Co. vorab über derartige Bauarbeiten informiert worden zu sein und in ein paar alten Themen verheddern wir uns dann auch gleich wieder. In Sachen Ruhe und Behaglichkeit kann die Bilanz dieses Miet-Jahres es beinahe mit Corona aufnehmen – es war 9 Monate lang oft ungemütlich und herausfordernd.

Wann immer Witterung und Tagesverfassung es erlauben, kehren wir der Stadt den Rücken und drehen thermosbecherbewaffnet weiter draußen längere Runden, falls das nicht klappt, absolvieren wir in den kurzen Lärmpausen (Lolek ist starker Raucher) kleine Übungseinheiten in der Wohnung (Filmbeweis folgt demnächst) und ziehen uns ansonsten die Decke über den Kopf.
Weil die Inzidenz in München nun wieder über der 200er-Marke liegt, darf ab sofort kein Einzel-Musikunterricht mehr stattfinden, das heißt, ich werde bis Mitte Januar „Jingle Bells“ in Endlosschleife vor mich hinspielen, vielleicht noch ein „Alle Jahre wieder“ dazunehmen, mal sehen.

Der Papa hört sich mittlerweile immer tonloser an, so dass ich mir erstmals seit 20 Jahren einen Ruck gebe und ihn frage, ob wir vielleicht an Weihnachten zu ihm kommen sollen. Er und die Lebensgefährtin wären sonst allein, üblicherweise feiern sie in großer, lauter Runde mit den Kindern und Enkeln der Lebensgefährtin, Zusammenkünfte und Personen, bei denen ich mich fehl am Platz und unwohl fühle, aber dieses Jahr fällt das alles flach, zu viele Generationen und potentielle Infektionssphären würden sich da vermischen, das geht nicht, das wollen glücklicherweise alle gemeinsam vermeiden.
Er reagiert mit fast kindlicher Freude auf mein Angebot und so gewöhne ich mich nun langsam an den Gedanken, doch noch einmal einen 24. Dezember mit Baum und Fondue zu verbringen, womöglich singen wir sogar ein paar Lieder, weil der Papa ja jetzt wieder gern singt, seit seine Logopädin ihn dazu animiert hat.

Offen gestanden weiß ich gar nicht mehr, wie Weihnachten geht, aber da kommt man sicher schnell wieder rein, so wie man ja das Autofahren durch eine mehrjährige Pause wohl auch nicht gänzlich verlernt.
Vorfreude verspüre ich bislang keine, eher so ein kleines, fieses Ziehen in Herzgegend bei dem Gedanken, dass es das letzte Weihnachten in dieser Konstellation sein könnte, was mich nicht etwa wegen des Christfestes an sich schmerzt (von dem ich längst annahm, es letztmals gefeiert zu haben), sondern wegen der heuer daran Teilnehmenden. Wir wollen die gedanklichen Varianten, die diesem Ziehen auf dem Fuße folgen, jetzt aber nicht vertiefen, denn wahrscheinlich kommt ja alles (wie so oft) ganz anders als gedacht und ich bin ab 2021 wieder weihnachtsfrei und wir sind auch Ende nächsten Jahres alle noch am Leben.

Ob ich in den nächsten Wochen einen Jahresrückblick gebloggt bekomme, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht fasse ich es einfach schon heute in ein paar Schlagworten zusammen, dieses kuriose Jahr mit der Doppelzwanzig, das klänge dann in etwa so:
Berge – Wasserschaden – Vermieterzwist – Bauarbeiten – Corona – Schwimmbadschließung – Berge – Corona – Staubläuse – Bauarbeiten – Staubläuse – Berge – Vermieterzwist – Corona – Schwimmbadschließung – (Rückkehr dreier Staubläuse) – Berge – Bauarbeiten – Corona – Vermieterzwist.
Final noch ein kleiner Tumor obendrauf, dazwischen ein paar Akkordeonklänge, und demnächst bellt Jingle nicht mehr durch die Totenstille unserer gelockdownten Stadt, sondern am Tegernsee den Tannenbaum an.

Absurderweise im Sommer 2020 so viel und so günstig gereist wie sonst nie, wenngleich stets nur für ein paar Tage, aber was heißt schon „nur“ in diesen Zeiten, ich bin zutiefst dankbar für all die erlebnisreichen Exkursionen in die DACH-Region, wie die Reiseprofis, zu denen ich mich nicht zähle, dazu sagen würden.
Am Geburtstag sogar mit dem Wunschtrupp auf dem Wunschgipfel gestanden, ohnehin ein Jahr der Freundschaft in vielerlei Hinsicht, der kriselnden & zerbröselnden sowie der neuen & altbewährten, die momentan so zahlreich eintrudelnden Care-Pakete sprechen eindeutig für eine Tendenz zur letztgenannten Kategorie, und ich möchte den wohlmeinenden, spendablen und kreativen Absendern an dieser Stelle erneut meinen innigsten Dank aussprechen.
Ich liebe Geschenke, sogar die mit verkehrtem Apostroph!

(Und wehe, dieser neue Mist-Editor in WordPress verpfuscht mir jetzt wieder die Bildergalerie, falls doch, geben Sie bitte kurz Bescheid.)

 

Ich denke Sie mir im Zimmer sitzend, mehr Omelett als Mensch.

(Die Beitragsüberschrift, passend zu den hinter uns liegenden Hundstagen, wurde entnommen aus: Friedrich Nietzsche. Briefe. An Heinrich Köselitz, 30. Juli 1887. )

Nach der Rückkehr aus Österreich brauchte ich diesmal ein paar Tage: zum Ankommen, zum Sortieren und um mich wieder in das Hiesige einzuklinken.
Ein Bergtag bei Lenggries mit schöner Überraschungsbegegnung auf der Hüttenterrasse, ein Schwimmabend mit dem Gatten und dem Fräulein am Lieblingsplatz des Starnberger Sees (überhaupt: das Schwimmen und der Bergsport, was für eine wohltuende Kombination und endlich ist wieder beides regelmäßig möglich) und ein Morgengassi samt Zweitfrühstück mit dem hübsch Bewimperten halfen doch sehr dabei.

Vor der Haustür bzw. auf der Theresienwiese werden neue Corona-Teststationen errichtet und in Betrieb genommen, daneben wummert die Musik von der kleinen, bewundernswerten Initiative „Kunst im Quadrat“, gegenüber der Drive-In-Zelte für den kostenlosen Rachenabstrich lungert die daheimgebliebene Menschheit kostenlos unter Palmen herum und pinselt sich den Rachen mit Alkohol aus, ein paar turnen auch übermütig und teils sogar recht talentiert auf dem Parkourgelände herum.
An die morgendlichen Müllberge hat man sich zwischenzeitlich fast schon gewöhnt, an den immer noch mit Verschwörungstheorien hausierenden und nervenden Nachbarn allerdings nicht.

Es kommt zu einer kleinen Entgleisung in Form einer minimalen Beschimpfung, als besagter Nachbar einem bei einer Zufallsbegegnung im Treppenhaus mal wieder ungebeten eine coronakritische Frage vor den Latz knallt – ich kann diesen „Ihr armen Unwissenden, Massenmediengläubigen und Noch-nicht-Erleuchteten“-Gesichtsausdruck, den seine Visage bereits einnimmt, bevor die tendenziöse Frage seinen Mund verlässt, schlicht nicht mehr sehen.
Im Grunde sind das auch gar keine echten Fragen, die er an uns hat, sondern lediglich plumpe Aufhänger, um sein Reservoir seiner Antworten auf Fragen, die wir seiner Ansicht nach dringend haben sollten, ungefragt vor unseren Füßen ausleeren zu können.
Ohnehin stelle ich von Woche zu Woche eine größere Gereiztheit bei mir fest, wenn ich diese neunmalklugen oder zehnmalignoranten Egoisten bzw. in einer Diktatur Lebenden sehe, höre, erlebe oder von ihnen lese.
Umso froher bin ich, wenn ich Anderes lese (ohnehin ein äußerst empfehlenswerter Blog).

Die Ferienzeit hier in Bayern bringt im Coronasommer 2020 etliche Tücken mit sich, die eine Umstellung der Gewohnheiten nötig machen.
An die Isar gehen wir jetzt nur noch wochentags zur Morgen- oder Mittagszeit, bevor das Partyvolk (ich habe gelernt: „Feiern“ ist offenbar ein menschliches Grundbedürfnis wie Essen, Trinken, Verdauen und Schlafen) das Flussufer bevölkert und zumüllt.

Die schönen Seen in der Umgebung besuchen wir ausschließlich nach 19:30 Uhr, wenn dort keiner mehr meckert, weil man einen Hund dabei hat und man problemlos Abstände einhalten kann, weil kaum noch jemand dort herumliegt. Leider liege ich dort nicht mal abends lange herum, weil die Mücken mich sehr lieben, was leider nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

In die bayrischen Berge geht es seit Sommerferienbeginn nur noch antizyklisch und nur noch dorthin, wo keine Bergbahnen/Sessellifte in der Nähe sind und die Anliegergemeinden noch nicht namentlich in der Presse erwähnt wurden (wegen verzweifelter Einwohner, die sich vor lauter Parkwahnsinn und Touristen nicht mehr zu helfen wissen und Ranger einsetzen, die die Wildparker,-camper und -biesler zur Räson bringen sollen).

Positiv zu erwähnen ist: Abgesehen von den üblichen Hotspots (ein Wort, das ich nun letztmals niederschreibe, weil ich dessen inflationäre und teils auch idiotische Verwendung nicht mehr ertragen kann) leert sich die Stadt zusehends. Zum Lieblingsbad sind es nur noch 10 Minuten statt 15, zum Englischen Garten nur noch 13 Minuten statt 20. Der Oberjägermeisterbach ist nicht mehr beidseitig belegt, so dass das Fräulein wieder ungestört ihr Bad nehmen kann und man läuft auch nicht mehr Gefahr, dass auf der Wiese, auf die sie saust, um sich nach dem Bade zu schütteln, ein Nackerter benetzt wird.

Ebenfalls erfreulich: Auch den Psocoptera scheint es zu heiß geworden zu sein, sie sind – bis auf vereinzelte Mitglieder ihrer Großfamilie, die eisern die Stellung halten – verreist. Dass sie im Begriff sind, komplett und für immer auszuziehen, möchte ich lieber noch nicht beschreien, das glaube ich erst, wenn wir ein paar kühlere, nassere Tage in Folge erlebt haben werden, in denen sie nicht erneut in Windeseile unser Bad okkupieren.
Die Prognose des Schädlingsbekämpfers hat sich ohnehin bewahrheitet: sowas dauert Monate. Drei waren es bis jetzt, hoffen wir, dass es bei dieser Quartalsqual bleibt und das Ganze nun ein Ende hat. Die Mietminderung nehme ich in jedem Fall so lange in Anspruch, bis die letzte Laus ihr Ränzlein geschnürt und sich aus dem Staub gemacht hat, den es hier wohlgemerkt nicht gibt, weil ich auch darauf allergisch reagiere (aber wie Sie dank des Ungezieferlexikons, das ich seinerzeit zur Thematik verlinkte, wissen, hat die Staublaus ja auch gar nichts mit Staub zu tun, es war nur irgendein Biologe zu doof, sie Schimmelsporenlaus zu taufen).

Apropos Staub. Die vor ein paar Tagen frisch geputzten Fenster sind schon wieder dreckig. Was nicht etwa am bösen Feinstaub der Großstadt liegt, sondern an dem Gewerkel von Lolek und seinen Jungs. Unten im Hof werden die Mauern renoviert. Der Vermieter hatte das seit einem Jahr angekündigt, dass er „dringend mal an das marode Mauerwerk ranmüsse“. Eigentlich wäre „kaschieren“ das bessere Wort gewesen für diese Pseudo-Ausbesserungsarbeiten, die da grad stattfinden: wie immer wird da nichts gründlich gemacht, sondern nur die gröbsten Schäden geglättet oder einfach drübergespachtelt und -gestrichen über all die Risse und Löcher. So ist das hier, da muss man mit leben.

Ansonsten gut gekocht und noch besser gegessen, ich bin ja ein bekennender Fan meiner eigenen Gerichte, allen voran den Quiches mit diversen Füllungen.
Am Samstag war der hübsch Bewimperte nebst seiner vierbeinigen Gefährtin zum Essen geladen, und auch zur Wohnungsbesichtigung, denn die beiden kannten die Räumlichkeiten hier noch gar nicht, weil wir uns ja fast immer draußen treffen.
Er beschenkt mich mit dem zweiten Blumenstrauß, den ich binnen zwei Tagen erhielt, normalerweise komme ich bloß alle zwei Jahre einmal in den Genuss von Schnittblumen. Wobei der Strauß, den ich am Freitag von Bekannten bekam, gar nicht so richtig zählt, weil das ein fertig gebundener war: zu bunt, zu kompakt, zu schnell welk und sowieso irgendwie lieblos, dieses aufgeblähte Büschel.

Die beiden Hundedamen liegen während des Abendessens harmonisch unterm Tisch, was allen Anwesenden das gute Gefühl vermittelt, dass das schon klappen würde mit dem geplanten, dreitägigen Dogsitting, sofern der hübsch Bewimperte seine kleine Reise diese Woche denn überhaupt antreten kann (wg. Reisewarnungen allerorten).

Es wäre jedenfalls kein Schaden, die beiden Fräuleins würden sich schon mal ans gemeinsame Übernachten gewöhnen, weil sie das wenig später ohnehin bewerkstelligen müssen, wenn wir uns dann zu viert ins Maiensäss verziehen, eine abgelegene Almhütte irgendwo in der Graubündner Bergwelt, wo sich Distanzfragen endlich mal wieder aus ganz anderer Perspektive verhandeln lassen: Wie weit ist es zum Bäcker im Tal? Kann man das Morgengassi bis zum Bergsee ausdehnen? Schaffen wir’s zum Abendessen ins Berggasthaus Gemsli (oder gibt es doch nur Nudeln mit Sauce aus dem in die Klause mitgenommenen Vorrat)?
In Google Maps schaut das ja alles recht nah beieinander aus, aber die dünnen Schlangenlinien sind vermutlich winzige Serpentinensträßchen und die topographische Darstellung lässt schon das eine oder andere Gefälle erahnen zwischen Hütte hier und Gasthaus dort.
Hoffen wir mal, dass die Schweizer uns noch einreisen lassen und uns ein paar schöne Spätsommertage dort oben beschieden sind.

Denn ab und an gibt es nun bereits Tage, die dezent nach Sommerende duften. Ich persönlich rieche zwar noch nichts, aber das Dackelfräulein reckt das Näschen an solchen Tagen auf eine andere Art schnuppernd in die Morgenluft, woran man untrüglich den nahenden Abschied der aktuellen Jahreszeit und die sich heranpirschende nächste erkennen kann, so war das schon bei meinem vorigen Dackel und darauf war immer Verlass und so wird es auch diesmal sein.
Vielleicht noch drei oder vier Wochen Sommer, vielleicht auch weniger. Womöglich nur noch drei oder vier Seebesuche an lauen Abenden. Spätestens, wenn der erste Spekulatius in die Supermärkte eingezogen ist, war’s das dann. Ich bin nicht unglücklich, wenn die momentane Affenhitze vorbei ist, nur das Laue der Nächte und das Sommerlichleichte an sich, das wird mir fehlen.
Der September ist ohnehin mein Lieblingsmonat und der Oktober kann in den Bergen schöner sein als die gesamte Sommersaison – erst im November wird’s atmosphärisch kritisch für mich.

Nebenbei endlich mal den Blog ausgemistet.
Die Speicherkapazität war nach viereinhalb Jahren und fast 900 Beiträgen endgültig am Anschlag, was vor allem an den vielen Schwedenreisen und -fotos lag, die ich Dussel seinerzeit dutzendfach unkomprimiert hier eingestellt hatte. Nun ist alles entrümpelt und aufgeräumt, quasi eine ganze Ära ausgelöscht (vieles sowieso überholt oder in der Versenkung verschwunden, Menschen wie auch die dazugehörigen Geschichten und vieles mehr, das meiste davon völlig verzichtbar), natürlich nicht ohne sie vorher zu exportieren, diese Ära, nur für den (zugegebenermaßen recht unwahrscheinlichen) Fall, dass ich als Autorin doch noch zu Lebzeiten so berühmt werde, dass sich die Verlage um jeden Schnipsel meines Schaffens reißen, um ihn in ein hübsches, mit „Die frühen Schriften (Band 1 von 7)“ betiteltes Bändchen zu packen und auf den danach lechzenden Markt zu werfen, man weiß ja nie, und endgültig wegwerfen kann man’s immer noch, das ganze Geschreibsel.

Sie, liebe Langzeitleserinnen und -leser, werden eh nix vermissen, weil Sie das alles ja kennen, gelesen und verinnerlicht haben, und wohl kaum eine/r der später hier Eingestiegenen oder der Neuankömmlinge wird sich je in die Frühphase dieses Blogs zurückverirren und alles nachlesen wollen, was hier in viereinhalb Jahren so geschah, gedacht, gefühlt und geschrieben wurde.

Meine drei Serien („Himmel der Bayern“, „Song des Tages“ und „Hund haben“), die sich über die Jahre hinweg doch einer gewissen Beliebtheit erfreuten, wurden in Gänze erhalten (weil wie sähe das denn aus, wenn auf einmal von 81 vorhandenen bayrischen Himmeln nur noch 48 auffindbar wären), ein paar der am meisten angeklickten/kommentierten Beiträge ebenfalls (und auch ein paar wenige, die mir aus persönlichen Gründen am Herzen liegen), die Bildergalerie hingegen habe ich – was vermutlich manch einen aus der geschätzten Leserschaft schmerzlich treffen wird (vor allem diejenigen, die hier überwiegend der Dackelfotos wegen vorbeischauen) – stark ausgedünnt.
Sollte das jemand gar nicht verkraften, bitte melden – wir haben sowieso einen „Best of Pippa“-Kalender in Planung, weil der Papa sich da immer drüber freut, und es macht keinerlei zusätzliche Mühe, ein paar Exemplare mehr drucken zu lassen und Ihnen eine pfotensignierte Ausgabe pünktlich zum Christfeste zuzustellen.

Vielleicht gibt’s demnächst auch noch ein neues Theme/Layout für den Blog, denn die Maid auf der roten Tretbootrutsche des Header-Bilds hat nun auch ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel und ihrer Haarpracht kam das Blond schon vor Langem abhanden, nur die Muskeln, das Muster des nicht vorhandenen Badeanzugs und die Grunddynamik sind noch annähernd dieselben wie auf dem Foto, das damals im Kalterer See aufgenommen wurde.

Naja, wir werden es sehen – und Sie dann natürlich auch.

Kommen Sie gut durch diese letzten Hochsommertage und seien Sie herzlich gegrüßt.

Aloha! (Halluzinationen nach Besuch des Kammerjägers.)

Nur wenige Stunden nach Entstehung dieses Pool-Pics der Extraklasse…

…brach auch schon wieder der verlauste, urbane Alltag über mich herein.

Daheim angekommen begrüßten mich die beiden neuesten Mitbewohner mit einem sonoren Schnurren…

…und stellten sich mir einigermaßen höflich als die kleinen Cousins der Corroventen vor. Sie erinnern sich bestimmt, und wenn nicht, können Sie den verlinkten Beitrag ja nochmal lesen, ist ja schon fünf Monate her.

Bei 27 Grad Außentemperatur trifft einen dennoch ein klein wenig der Schlag, wenn man einen der Räume betritt, in denen diese Dehumidifier, wie wir sie korrekterweise nennen wollen, weil das laut Bedienungsanleitung auch ihr Name zu sein scheint, ihre Arbeit tun.
Brüllheiß, staubtrocken, tinnitusfördernd. Aber mei, so ist das jetzt eben.

Erst kam Lolek, um die Steckdosen- und Lichtschalterverkleidungen in den Psocoptera-befallenen Räumen abzunehmen, damit der Kammerjäger – übrigens diesmal ein Checkertyp namens Mr. Richardson mit ungefähr dem IQ der Spezies, die zu bekämpfen er anrückte – sogleich mit seiner Kartusche lossprühen konnte.

The exterminator at work.

Das Silkatpulver war hellrosa, stank nach Zitronella und fand sich danach überall in dem behandelten Raum wieder. Ein rosaroter Hausfrauentraum, der schöne, abendliche Putzstunden bescherte – aber hey, leichtbekleidet und mit der passenden Mucke dazu war das ein Summer-Workout vom Feinsten!

In die Innenseite der Steckdosen- und Lichtschalterverkleidungen brachte er noch ein Aerosolgel ein, „das wo zusätzlich tötet, wenn die da durchkriechen tun“, um den Fachmann zu zitieren. Na dann!

Im Nachbarraum werkelte zeitgleich Lolek im Schweiße seines Angesichts vor sich hin.

Der WC-Spülkasten hatte sich ja letzte Woche ganz spontan überlegt, den Geist aufzugeben, damit der gute Lolek nicht blöd rumstehen muss, während Mr. Richardson sein Pulver verschießt. Der Kammerjäger bestand nämlich bei der Terminvereinbarung drauf, dass die Schalter/Dosen zuvor von einem Handwerker abgenommen und danach auch wieder dranmontiert werden, was mir zunächst lächerlich vorkam, sich dann aber nach fünfminütiger Bekanntschaft mit Mr. Richardson doch als sinnvolle Vereinbarung erwies.

Lolek w pracy.

So waren also zwei Kerle parallel am Arbeiten und ich konnte derweil auf der Couch sitzen und meine Zehennägel lackieren. Spaß beiseite, ich war natürlich mit Zugucken, Nachfragen und Assistieren beschäftigt.
Mr. Richardson hatte seinen Auftrag nach 40 Minuten erledigt, wünschte viel Glück und noch mehr Geduld, und machte sich aus dem Staub (beachten Sie bitte den Bonus-Gag in dieser Formulierung – bei diesen hochsommerlichen Temperaturen gehen einem solch sprachliche Finessen ja gern mal durch die Lappen, deshalb erlaube ich mir ausnahmsweise diesen Hinweis).

Lolek blieb bis zum Abend, denn bei der Montage des neuen Spülkastens zerbarst mal wieder ein Teil des Mauerwerks und das zog Folgearbeiten nach sich, mit denen weder Lolek noch ich gerechnet hatten. Da wir uns nach wie vor ausgezeichnet verstehen, ist das kein Problem, ich hatte ihn sogar gefragt, ob er nicht noch zum Essen bleiben wolle, aber er müsse noch nach einer Baustelle schauen bevor es dunkel würde, meinte er.

Um 23 Uhr hatte ich alle Spuren, die die beiden Herrenbesuche hinterlassen hatten, wieder beseitigt und ging zufrieden zu Bett. Beim Löschen des Lichts sah ich noch eine Staublaus an der Wand weghuschen, der letzte Gedanke daher ein „Ah, treten die Viecher also schon die Flucht aus dem Bad an!“ und schon sank ich in Morpheus‘ Arme.

Mitten in der Nacht schreckte ich aus üblen Träumen auf und lag bis 5 Uhr wach. Dachte über den Vermieter nach und über den Stromverbrauch der neuen Luftentfeuchter, was man halt so denkt, wenn man wieder daheim ist.

Guten Morgen, Ludwigsvorstadt!

Um Punkt 7 Uhr riss mich ein Höllenlärm aus dem Bett.

Lolek war eingetroffen. Heute zusammen mit Bolek (Schwager, Bruder, Vetter – was weiß ich). Die beiden schnitten im Hinterhof mit der Flex die morschen Garagentore aus den maroden Betonmauern. War angekündigt und auch überfällig, das Auto klebt nun unter den Linden, bis die neuen Tore eingebaut sind.

Gerädert stand ich auf, weil an Weiterschlafen nicht mehr zu denken war, winkte grüßend aus dem Fenster in den Hof hinunter, kochte mir einen Kaffee und zog mich an, um zum Morgengassi aufzubrechen.

Beim Spaziergang durch die schöne Allee blinzelte ich durch die Linden hinüber zur Bavaria. Ein Ritual gewissermaßen, vor allem, wenn ich ein paar Tage nicht in der Stadt war. Irgendwas stand heute meinem Blick in der Quere, das mich irritierte. Ich kniff die Augen zusammen, guckte genauer hin, und das Etwas entpuppte sich als großer Sandhaufen mit einer Palme drin, ach nein, nicht nur ein Haufen, sondern gleich mehrere!

Das sind dann so die Momente, in denen man sich als unausgeschlafener, wasserschadenzermürbter und psocopteragepeinigter Großstädter ganz kurz fragt: Ja spinn‘ ich jetzt?

Mit drei Tagen Tegernsee-Erholung intus, die mich ja nun doch ein klein wenig imprägniert hatte gegen das, was mich bei Rückkehr in die Stadt erwarten würde, ging ich aber eher davon aus, dass es sich nicht um Halluzinationen handelte und sah mir die neue Installation an.

Alo-alo-alo-ahe, mia san die Anwohner, oh weh!

Aha. Bekommen wir jetzt also die Karibik direkt vor die Haustür gesetzt, wenn man da derzeit schon nicht hinfahren kann. Bestimmt werden Cocktailbuden und Tänzerinnen in Baströckchen folgen. Womöglich auch noch schauerliche Musik à la Buena Vista Social Club. Schließlich fällt ja die Wiesn heuer aus und die Freifläche schreit nach Nutzung. Schade, denn wenn es nach mir ginge, dürfte dieser Schrei gerne ungehört verhallen und es könnte hier einfach weiterhin ruhig bleiben.

Palmenstrand-Feeling auf der Wiesn.

Hätte zwar gedacht, dass die Stadt München das Geld anderweitig sinnvoller einsetzen könnte bzw. müsste, aber offenbar kollabiert das Volk, wenn es keine Fernreisen machen darf und auch daheim kein ausreichendes Bespaßungsangebot vorgesetzt bekommt.

Sei’s drum. Wir werden auch das noch überleben.
Am Sonntag geht’s sowieso schon wieder in die Berge, diesmal gemeinsam mit einer befreundeten Seilschaft, die extra aus Niedersachsen anreist. Und mit Übernachtung! Denn meinen alljährlichen Alterungstag wollte ich in diesen lausigen Zeiten unbedingt in luftigen Höhen feiern, wenngleich auch ungeduscht, da das wegen des Hygienekonzepts auf den Hütten derzeit nicht drin ist, aber man kann halt nicht alles haben.

Aloha!

Das Dackelfräulein stürzt sich in den Sandhaufen und beginnt zu buddeln. Sie liebt ja Sand und ist allein schon rassebedingt eine gute Gräberin. Und ich mach mir jetzt mal mein Feierabendbier auf.

Prosit & kommen Sie gut durch diese Hundstage!