Hund haben (23).

[Untertitel: „Das Drama des urbanen Dackelfräuleins in fünf üblen Akten.“]

1. Akt: Der Übergang.

2. Akt: Die Überprüfung.

3. Akt: Die Überredung.

4. Akt: Die Überantwortung.

5. Akt: Die Überbleibsel.

Nun ja. Was soll man tun, wenn die Coiffeuse zu lange zumachen muss und sich schneewandernd am Unterboden der naturgemäß tiefergelegten Hundedame ständig dutzendfach Eisklumpen festsetzen?

Eine Stunde später hat das neue Werkzeug seine Feuertaufe hinter sich, der Haussegen im Rudel hängt noch einigermaßen gerade und das Fräulein verzieht sich mit ihrem neuen Anti-Schneekugel-Fassonschnitt unter die Sofadecke.

Morgen ist der Gatte dran. Dort dann allerdings der Oberboden: die Stirnlocke schränkt die Sicht allmählich arg stark ein, finde ich.

Die Kunst der Fuge (und was man sonst so treibt).

Abends ein Telefonmarathon von Couch zu Couch (1x Berlin, 1x München), aufgrund der Länge und der Themen fühlte sich das fast an wie ein richtiges Treffen.
Nebenbei bescherte das Gespräch die erfreuliche Erkenntnis, dass auch andere Menschen dem Bedürfnis nachgeben, diverse Listen zu führen, deren Nutzen und Notwendigkeit objektiv betrachtet als fragwürdig bezeichnet werden könnte.

Danach im Bett liegend gleich die Liste meiner persönlichen Widerwärtigkeitsworte ergänzt, in der medialen Peripherie der Pandemie stößt man derzeit ja fast täglich auf neue Fundstücke, derer ich mich durch Niederschreiben zu entledigen versuche. Nun neu auf der Liste: geshutdownt (überhaupt: dieser gesamte anglizismenlastige Seuchen-Sprech gehört komplett auf den Index gesetzt, genauso wie das Wort Sprech selbst), Inzidenz-Hotspot (brr!), Knuffelkontakt (bäh!), Winterwonderland (warum muss nur immer alles so überhöht werden? und wenn schon: warum geht das nicht in unserer Sprache?), Krisenfrise (frisch aus dem kommunikativen Komposthaufen des Morgenradiomoderatorenhumors).

Tagsüber hämmert, schleift und bohrt Lolek unterstützt von seiner unverwüstlichen Verwandtschafts-Gang schon seit letzter Woche wieder in der Wohnung über uns herum, der Gatte ist nach Frankfurt in die menschenleere Universität geflohen und ich lasse mir jeden zweiten Tag Schnee in die Ohren rieseln und bade in der Stille der weißen Flöckchen.
Ende Januar wird die Bude fertig sein, dann droht nahtlos der Einzug der neuen Nachbarn, eine vierköpfige Familie, Franzosen wohl, wie Lolek mir verriet. Spontan eine Assoziation: dass die bestimmt dezenter und leiser sind als die trampeligen und laut krakeelenden Südländer, freilich sind das alberne Vorurteile und dennoch hätte ich nichts dagegen, sie träfen in diesem Fall zu.
Wir werden es sehen bzw. hören.

Da die 7-Tage-Inzidenz hier in München noch unter 200 liegt und man noch ohne Bußgeldbefürchtungen zu Sport und Bewegung ins Voralpenland fahren darf, nach einem Tag Pause zu dem Schönwetterbergtag gleich wieder eine Schnee-Expedition gemacht. Endlich mal die Leib-und-Magen-Rundtour des hübsch Bewimperten ausprobiert, sehr schöne Sache, wirklich.
Bei Sonnenschein sicher noch viel schöner, denn von der Aussicht, die man dort haben könnte, war vor lauter Schneewolken nichts zu sehen (siehe grau-weiße Bildergalerie etwas weiter unten im Beitrag). Dafür sorgten Himmelsgrau und Wochentag für absolut freie Strecke und während sich daheim in der Stadt der Schnee bereits in eine braune Brühe verwandelt hatte, konnten D. und ich und das Dackelfräulein dort draußen durch den Pulverschnee wedeln.
Ist die 200er-Marke dann überschritten, und ich tippe hierfür auf Ende der kommenden Woche, muss man sich zum Gassigehen und Schneesuchen an eine neue Landkarte gewöhnen:

Wobei ich jetzt keinesfalls jammern möchte, denn nie war es beruhigender, den einzigen Verwandten ausgerechnet am Tegernsee wohnend zu wissen, weil man (Stand Söder, von vorgestern) den selbst dann noch besuchen darf, wenn hier wie dort die 15-Kilometer-Regel gelten sollte (dort, im Landkreis Miesbach, tut sie’s bereits!), nicht auszudenken, es hätte den Papa 60 km in die entgegengesetzte Richtung verschlagen, weil was sollte man in Zeiten wie diesen, in denen es einen so nach Ästhetik dürstet, man diese außerhalb der eigenen vier Wände und der dort genossenen Bilder, Buchstaben oder Bässe, von denen so ein Akkordeon ja gottseidank stolze 72 bietet, nur in der freien Natur findet, die aber seit Wochen und Monaten noch mehr als sonst unter dem Ausflüglerandrang ächzt, so dass es oft detektivischen Spürsinns bedarf, Spazier- oder Wanderwege zu finden, auf denen es sich befreit durchatmen und das Weltgeschehen mal ein Weilchen ausblenden lässt, was also sollte man ausgerechnet in Zeiten wie diesen in einem Kaff wie beispielsweise Wolnzach, da bin ich doch wirklich froh, dieselben 60 km ins Tegernseer Tal fahren zu dürfen.

Das Schwimmen, es muss mal wieder gesagt werden, fehlt schmerzlichst. Ich habe aufgehört, die Wochen zu zählen. Sowohl in die eine Richtung (wie lang ist das letzte Mal her) als auch in die andere (wann wird es wohl wieder möglich sein). Der Schultergürtel ein Brett, der Nacken knackt, die Hüfte zwickt.
Bergsport ist großartig, aber man kann ja (leider) nicht dreimal die Woche ins Auto steigen, um zwei- bis vierstündige Touren im Voralpenland zu unternehmen, da kommt man nämlich sonst zu gar nichts mehr und tut trotz aller CO2-Freundlichkeit und Spritsparsamkeit des Autos der Umwelt nichts Gutes.
Vollends zuhause und in meinem Element bin ich nunmal im Wasser. Und ohne Wasser kein Leben, das ist ja bekannt.
Auf der Homepage der Münchner Bäderbetriebe, die die Kundschaft alle paar Wochen mit lieb gemeinten Durchhalteparolen zu trösten versuchen („Wir vermissen Euch, bleibt gesund!„), kommentiert dieser Tage eine Ärztin: „Ich vermisse euch auch und hoffe, wir sehen uns dann Ende Juni wieder.
Ende Juni?!? Woher hat die das? Wie kommt die da drauf? Ist das realistisch?

So gut es geht schiebe ich diese (Luxus-)Sorgen beiseite und blende Fragen, auf die jetzt eh niemand eine Antwort hat, aus. Freue mich an dem, was noch geht, fokussiere mich auf Anderes und Neues.
Bestelle beispielsweise Sanitärsilikon und erneuere die Fuge an der Badewanne des hübsch Bewimperten. Ein Projekt, das mehr Zeit und Nerven kostet, als wir beide dachten. Nachdem der Fugenhai seine Arbeit getan hat, stellen wir fest, dass der Vormieter ca. drei Liter Silikon in dem Spalt zwischen Wanne und Wand versenkt hat. Da die Baumärkte geschlossen haben, muss die eine Kartusche, die ich besorgt habe, ausreichen. Also werden aus Styropor ein paar Balken gesägt, um Hohlräume aufzufüllen und trotzdem ist anschließend noch eine dermaßen dicke Silikonwurst nötig, dass der Dichtstoff ausgeht und eine zweite Kartusche bestellt werden muss (absurd: Sanitärsilikon in weiß ist deutschlandweit nahezu ausverkauft, offenbar ist Verfugen ein typischer Lockdown-Lückenfüller oder eine nur allzu menschliche Reaktion auf die aus den Fugen geratene Situation – Silikonieren als Sinnbild der subjektiven Seuchenbekämpfung in unseren häuslichen Sanitärzellen, was weiß ich…?).
Ich klebe den gesamten Wannenrand mit Folie ab, damit der Freund bis zur Vollendung des Werks duschen kann. Mit der zweiten Kartusche geht es eine Woche später weiter, immerhin kann man jetzt verschwenderischer agieren.
An den zwei langen Abenden, an denen ich mich der Kunst der Fuge widme, kauert der hübsch Bewimperte stundenlang vor seiner Nähmaschine oder auf dem Fußboden, um den Prototyp der Lodenmäntel für unsere Hundefräuleins zu entwerfen, anzupassen und zu nähen. Dazwischen bestellen wir Pizza, machen Yoga, spielen mit den Hunden und erzählen uns unser Leben.

Auch mit D., meiner anderen Corona-Bezugsperson, ehemals enge Freundin genannt (ich treffe ja, wie schon im Frühjahr 2020, seit drei Monaten konsequent nur noch zwei haushaltsfremde Menschen) ein Nähprojekt, hier ohne Pizza und Yoga, stattdessen mit Weißwurstfrühstück und Tiefschneespaziergang durchs Stadtviertel.
Man schätzt die Talente und Nähe der Freunde jetzt nochmal mehr (oder entdeckt sie ganz neu), jede/r tut, was er/sie kann, gemeinsam ist man so ein Stück unabhängiger von der weitgehend geschlossenen Infrastruktur da draußen.
(Nächstes Projekt: Wir bestellen zwei Friseurscheren und üben uns halt mal in dieser Handwerkskunst.)

Dank Hund sind auch lange, mit den Corona-Bezugspersonenen verbrachte Abende nach wie vor möglich, das nächtliche Heimspazieren nach 21 Uhr läuft unter Handlungen zur Versorgung von Haustieren und wird nicht geahndet.
Diese unfassbare Stille der Stadt um 23 Uhr ist immer wieder ein Erlebnis, manchmal allerdings auch ein unheimliches, denn wenn man eine Viertelstunde lang, mitten im Herzen der Stadt deren Puls weder hört noch spürt, maximal zwei anderen Gassigehern und einer leise durch die Lautlosigkeit der Straßen gleitenden Polizeistreife begegnet, hat das was Gespenstisches.

Das Glück des Hundhabens fühlt sich momentan aber vor allem aus einem anderen Grunde besonders groß an.
Kurz vor dem Tumorkontrolltermin in der Tierklinik, bei dem auch der operative Eingriff vereinbart werden sollte, tasten der Gatte und ich die beiden Knoten an Pippas Brust nochmal selbst ab und staunen nicht schlecht – beide Umfangsvermehrungen haben binnen zwei Wochen ihren Umfang reduziert, die eine sogar deutlich (um gefühlte 60-70%). Die Tierärztin staunt ebenfalls, denn damit ist aus der winzigen Chance, die sie Anfang Dezember erwähnte (zugleich aber empfahl, uns nicht an sie zu klammern), höchstwahrscheinlich nun doch eine Tatsache geworden: die erbsengroßen Verhärtungen, die sich verkleinert haben, dürften einer Lactatio falsa entsprungen sein, eine Art verfrühter, verkaspelter Milchstau während der Scheinträchtigkeit und vor dem fiktiven Wurftermin, der sich, wenn die Hündin dann die Wochen der Pseudo-Mutterschaft durchlebt, wieder auflöst. Nach dieser Botschaft löste ich mich ebenfalls auf, und zwar in Tränen, und die Nierenschmerzen, die mich wochenlang gequält hatten, waren plötzlich verschwunden.

Wir verließen die Tierklinik also ohne OP-Termin in der Tasche, sondern mit dem Rat, das, was von den Knoten noch übrig ist, alle zwei Wochen durch Abtasten zu kontrollieren, und falls nach Ende der Scheinmutterschaftswochen dann gar nichts mehr zu spüren ist, wären wir dem Tumor-Thema tatsächlich erstmal von der Schippe gesprungen.
Sollten die Knoten allerdings nicht komplett verschwinden, muss das Fräulein der Ärztin erneut vorgestellt werden (nun besteht die winzige Chance nämlich in anderer Hinsicht… – dann war es doch nichts rein hormonell Bedingtes, aber daran wollen wir jetzt wirklich nicht denken).

Und so genieße ich es im Augenblick mehr denn je, dem Dackelfräulein zuzugucken, wie sie durch den Pulverschnee pflügt, unter der Schneedecke den einen oder anderen Tannenzapfen ausbuddelt und ihre Beute ausgelassen herumwirbelt, oder so viele weiße Kügelchen an Bauch und Pfoten kleben hat, dass sie aussieht wie ein Büffel mitten im übelsten Fellwechsel und nicht mehr weiterlaufen kann vor lauter eisigem Behang, mich dann hilfesuchend an die Wade stupst, damit ich sie von den Eisbommeln befreie oder – weil ich warme Hände behalten und mir das Gepfriemel ersparen möchte – sie gleich unter meinen Goretexmantel packe (wo das ganze Kugellager von ihr abtaut, bis sie schön trocken und mein Bauch unschön patschnass ist), oben den Reißverschluss knapp unter ihr Nicht-Kinn hochziehe, unten den Gürtel enger zurre, damit sie nicht rausrutscht, und so mit ihr vor die Brust geschnallt wie eine Kängurumutter den watteweichen Winterhang hinuntersurfe.

Song des Tages (52).

Mittwochmorgen, 7:35 Uhr in München, Ludwigsvorstadt. Links: Die bergpfadstaubigen Flossen von Frau Kraulquappe. Rechts: Die baustellenstaubigen Treter von Herrn Lolek. Er deutet auf unsere Schuhpaare, sagt augenzwinkernd „Wir passe gut zusamme!“ und betritt voller Tatendrang die Wohnung.

Sie brauchen also nicht denken, wir würden hier nur noch durchs sonnige, erblühende Voralpenland hüpfen und uns auf versteckten, einsamen Nebenpfaden einen Lenz machen.

Bereits frühmorgens ging es heute meinem Osterhäschen an den Kragen.
Kaum mit anzusehen, dieses Massaker!

Der Osterhase dankt ab – und macht Platz für den Heiligen Geist!

Es verging keine Stunde und Lolek hatte ihm das Fell über die Ohren gezogen, aber so richtig!

Erst ein brutaler Kopfschuss…

…und kurz drauf liegen sie frei, die Eingeweide 😦

Wir tragen das Unsrige zum Gelingen bei:
Ich verklebe Malervlies im Flur und assistiere Lolek beim Testlauf der Waschmaschine.
Das Dackelfräulein steckt seine Nase sachkundig in jedes neue Loch und hilft beim Aufspüren des Lecks.
Und dem Gatten gelingt es, trotz längst beendeter Faschingssaison, immer noch in irgendeiner Bäckerei einen Krapfen für Lolek aufzutreiben.

Eine Stunde später: Haarriss im Rohr gefunden. Fehler behoben. Alles dicht. Hoffentlich.

Natürlich war’s das jetzt noch nicht.
Das Mauerwerk muss nun trocknen, eine gute Woche lang. Morgen bringt Lolek einen Heizlüfter vorbei. Nächste Woche kommt er insgesamt 3x vorbei: zum Verputzen, zum Streichen und den dritten Anlass hab ich vergessen.
Ich erwäge, ihm einen Hausschlüssel nachmachen zu lassen und zum Du überzugehen, schließlich habe ich mittlerweile in 2020 mehr Zeit mit Lolek als mit irgendwem sonst verbracht.

Als ich dem morgendlichen Spektakel so beiwohne, drängt sich mir der Song des Tages geradezu auf, denn beim Blick auf die häsischen Innereien singt es in mir:

Well, lights out today
Trouble in the bathland
Got a hare on collision
Smashin‘ in his guts, man
I’m caught in a Polish fire
That I don’t understand

(….)

Talk about a drain
Try to make it sane
You wake up in the night
With a fear so tight
You might spend your life waiting
For a moment that just don’t come
Well, don’t waste your time waiting

Bathlands, you gotta bear it everyday
Let the broken walls stand
As the price you’ve gotta pay
Keep pluggin‘ ‚til it’s understood
And these bathlands start treating us good!

In dem Song ist aber gottseidank auch noch von einem Leben jenseits der Badsanierungen und Wasserschäden die Rede, zumindest für diejenigen, die tief in sich drin eine Ahnung davon vernehmen können:

For the ones who had a notion, a notion deep inside
That it ain’t no sin to be glad you’re alive

Fahren wir also morgen am besten gleich wieder hinaus ins Oberland, wo wir uns so glad und so alive fühlen und die zersmashten guts und all den Schutt der Bad-lands nicht mehr sehen müssen.

Ihnen auch noch eine schöne Woche!

Hinter Grünwald, im Isartal.

Nun könnte ich Ihnen berichten, welch absurder Szene in Sachen „Durchsetzung der Allgemeinverfügung“ ich gestern beiwohnen durfte.

Oder dass die inzwischen nachgelieferte Duschtrennwand Nr.2 wieder nicht exakt in den bestellten Maßen gefertigt wurde.

Oder dass Lolek heute nicht nur kurz, sondern einen halben Tag bei uns war, weil es ja beim Handwerk immer noch ein paar Überraschungen mehr gibt als die, die man an der Oberfläche sieht.

Oder was der von Lolek einbestellte Installateur zu dem gelblichen Vexierbild an der Wand in der Toilette sagte.

Aber all das berichte ich Ihnen lieber nicht, is ja eh nix Gscheids dabei.

Tages-Highlight heute:

Mit dröhnendem Schädel (wegen des vormittäglichen Programms und anderer Schieflagen) zum Mittagsgassi nach Grünwald ans Isarhochufer geflohen. Dort eine große Runde gedreht, durch Wald und Flur (und natürlich auch zur Isar hinunter). Kommt auf einmal der Arjen vorbeigeflügelflitzt, auf dem Rad, in kurzen Hosen und, wie immer, fast aus seinem Shirt platzend.

Ich hätte – die Heilige Corona möge mir vergeben! – trotz des Verweilverbots selbstverständlich sofort das Gespräch gesucht, zumal wegen des dem Robbenrades in die Quere sprintenden Dackelfräuleins ja sogar außer einer Bremsspur auch noch ein Blickkontakt entstand, aber leider war ich just in diesem historischen Moment zwecks Terminvereinbarung mit dem Spediteur am Telefon, der morgen Duschtrennwand Nr.1 abholen soll. Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass die Ära des Wasserschadens und Badumbaus ein für alle mal zu Ende geht!

Bewahren wir sie uns also im Herzen, diese unverhoffte Begegnung im Isartale, und merken wir uns Ort und Zeit gut, denn man wird ja wohl noch öfter einsame Routen suchen müssen, wo man sich das Hirnhämmern weglaufen und der wassersüchtigen Hundedame ihren Badespaß bieten kann.

KoCo19 oder: Wenn die Studentin zweimal klingelt.

Wenn ich so weiterlaufe, bin ich spätestens im Sommer reif für einen Halbmarathon und habe dafür aber leider den Armzug beim Kraulschwimmen verlernt. In Laufwoche 3 sind die Fortschritte jedenfalls unübersehbar, die Runden vergrößern sich und die Jeans spannt schon ein klein wenig am Gesäß (und man möchte diese Entwicklung ja lieber dem Muskelzuwachs als der Kalorienzufuhr zuschreiben).

Beim Sonntagslauf im Park treffe ich zufällig J., der dort auch gelegentlich läuft.

Wir haben uns monatelang nicht mehr gesehen, unterbrechen daher natürlich unseren Lauf, blockieren durch unseren 2m-Abstand den Weg (was ich anderen stets munter ankreide) und unterhalten uns kurz.

J. ist ja nicht mehr der Jüngste, und kann seit seiner gesundheitlich schweren Zeit vor zwei, drei Jahren auch nicht mehr behaupten, nicht zur Gruppe der Vorerkrankten zu gehören. Dennoch ist er einer der sportlichsten und fittesten Menschen, die ich kenne – und das ist er immer noch. Ohne Bewegung, vornehmlich in den Bergen, aber auch sonst zu jeder Gelegenheit, würde er eingehen. Seiner Krebserkrankung ist er quasi davongelaufen, seine eigentliche Reha hat er in Regionen über 2.000m absolviert, ruckzuck war er wieder auf dem körperlichen Level, das er hatte, bevor das Karzinom entdeckt und entfernt wurde.

Heute erzählt er mir, dass er momentan deutlich früher am Tag laufe, weil da die Polizeistreifendichte noch nicht so hoch sei, denn neulich hätten sie ihn beim Laufen doch glatt angehalten (obwohl er allein und mit Abstand zu allem und jedem seine Runden durch den Park zog), nach seinem Alter befragt und ihn nachhause geschickt. Risikogruppe und so. Er müsse aber doch sein Immunsystem stärken, sagt er, wie die sich das denn vorstellen würden, fragt er, und weiter meint er: wie krass er das fand, dass die ihm tatsächlich mit Nachdruck rieten, heimzugehen. Er guckt, während er mir das alles berichtet, reichlich verzweifelt.

Wir verabschieden uns, winken uns eine Runde später nochmal zu. Kurz drauf sehe ich ein (die Parkluft verpestendes) Polizeimotorrad neben J. anhalten. Der Beamte redet mit ihm, anschließend läuft J. aus dem Park hinaus. Ich spüre einen Stich in Herzgegend und verlasse den Park ebenfalls und laufe weiter zu einer anderen Grünanlage, wo mich nichts an J. erinnert.

Im Sony-Walkman dudelt Dylans The Times They Are a-Changin’, das ich sonst meist wegen drohender Totdudelungsgefahr überspringe, heute aber anhöre, weil es mir auf einmal so passend erscheint.

*****

Erst gestern in der Zeitung gelesen, dass das Tropenmedizinische Institut der LMU München 3.000 repräsentativ ausgewählte Haushalte besuchen wird, um deren Bewohner zu fragen, ob sie bereit wären, an dem Projekt „Prospektive COVID-19 Kohorte München“ (kurz „KoCo19“) teilzunehmen.

Ziel der Studie ist, herauszufinden, wie wirksam die aktuellen Maßnahmen (Social distancing etc.) sind und anhand regelmäßiger Blutproben (zur Bestimmung von Antikörpern gegen SARS-CoV-2) in Kombination mit Befragungen und Auswertung von Symptom-Tagebüchern die Ausbreitung des Virus und den Verlauf der Epidemie genauer verstehen zu lernen und abschätzen zu können, wie viele Menschen die Infektion schon erfolgreich überstanden haben.

Dieser Antikörpertest ist etwas, das ich mir schon seit drei Wochen „wünsche“ (besser gesagt: das mich beschäftigt, aus persönlichen Gründen). Und siehe da: heute Vormittag klingelt es, aber wie so oft, reagiert sonntags erstmal keiner von uns, nach dem zweiten Läuten dann aber doch, und eine vermummte Abordnung der LMU (2 Medizinstudentinnen, 1 Ärztin) steht in Begleitung eines Polizisten vor unserer Wohnungstür.

Ich bin grad im Bad und creme mir die Beine ein, höre aber bruchstückhaft, was der Gatte vorn an der Tür spricht und schließe aus den Satzfetzen „ja sowas, einer von 3.000 Haushalten“ und „schade, im Lotto gewinnen wir nie“ sofort messerscharf, wer der vormittägliche Besuch sein muss, springe in meine labbrige Haushose, ziehe mir ein Unterhemd an und eile zur Wohnungstür.

Gute Sache. Wir werden an dieser Studie teilnehmen. In einer Woche kenne ich dann meinen Antikörperstatus. Fein. Oder auch nicht, das wird sich zeigen.

Das gewünschte „Symptom-Tagebuch“ wird einfach: da steht – ganz simpel – täglich „müde“ drin. Gelegentlich auch mal „hungrig“, „übellaunig“, „albern“ oder „nachdenklich“.

Was nicht so einfach wird, ist der praktische Part der Studie: die Blutabnahme. Seit ich denken kann, ein Horrorthema für mich. Nix als Rollvenen. Teils bricht die Arzthelferin nach 4-5 erfolglosen Einstichen schweißgebadet ab, meist aber breche ich bereits ab, wenn es nicht spätestens beim 3. Versuch klappt.

Ich mache trotzdem mit und betrachte das jetzt als therapeutisches Experiment: als eine Art paradoxe Intervention. Super Gelegenheit, dieser Angst mal daheim (!) auf dem Sofa (!) zu begegnen, im Kreise meiner Lieben und betreut von einem ganzen medizinischen Team.

Wenn ich das überstehe, bin ich hoffentlich ein lebensbegleitendes Trauma los. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten. Die Dauer des Projekts beträgt ein Jahr.

Außer Traumabewältigung, aktuellen Infos über CRP-Werte, Immun- und Antikörper-Status hat man als Teilnehmer keine Meriten von der Studie zu erwarten. Falls man keine Antikörper hat und plötzlich COVID-19-Symptome verspürte, dürfte man auf dem kurzen Dienstweg zum Rachenabstrich vorbeikommen und käme ggf. auf der Diretissima in eine der Münchner Kliniken. Tröstliche Perspektiven.

*****

Und sonst so?

Nur drei Schlaglichter, denn ich will Sie ja nicht unnötig aufhalten, an diesem herrlich sonnigen Sonntagabend.

Die Menschen stellen allerhand Sachen raus. Die Durchseuchung der Straßen mit Unrat ist dem Nützlichen allerdings immer eine Nasenlänge voraus.

Lolek wird uns wieder beehren. Schon übermorgen. Denn das neue, zartgelbe Vexierbild auf der frisch geweißelten Wand ist nicht etwaiger Lagerkollerlangeweile entsprungen und sicherlich auch kein Zeichen, das Außerirdische uns gesandt haben. Schon gar nicht, wenn sich auf der anderen Seite der Wand das erst jüngst neu installierte, polnische Abflussrohr unserer Waschmaschine befindet.

Cervisiam et ordinem. Hilft in der richtigen Dosierung immer. Mit diesem Equipment hat man bzw. frau die Parkbank übrigens mit hoher Wahrscheinlichkeit für sich allein.

Zwischen Drive-in und Tough-out.

Ein kleines, coronafreies Quiz: Welche Story vermuten Sie hinter diesem Foto?

Keine Idee? Na, vielleicht hilft Ihnen das hier weiter:

Groschen gefallen? Yep, richtig!

Lolek is back!
Also eigentlich war er nie so richtig weg, nur mal kurz für den Sonntag, seinen einzigen freien Tag in der Woche.
Der Spaß ist doch noch nicht zu Ende. Und es gibt auch immer noch irgendwo eine Bäckerei, die Krapfen verkauft.
Damit halte ich Lolek bei Laune. Und mich ebenfalls.

Momentan betreiben wir Nachbesserungen und Feinschliff.
Letzteren gottseidank ohne Feinstaub, nach zwei Tagen Durchputzen täte ich sehr ungern wieder ganz von vorn anfangen.
Ich lerne jetzt die Welt der FI-Schalter und Ihrer Fehlermeldungen kennen, eine sehr erdende Beschäftigung, wenn auch teils eine düstere, weil dem Bade halt das Lichte fehlt.

Außer Lolek geht mittlerweile auch Dimitros täglich bei uns ein und aus. Dimitros ist Elektriker und ein Spezl von Lolek. Im Unterschied zu Lolek mag er keine Krapfen und schenkt dem Dackelfräulein kaum Beachtung. Dafür trägt er Handschuhe und eine Atemschutzmaske, rollt das „r“ und sagt ein recht deutsch klingendes „tschüss“ (mir gefällt Loleks polnischdeutsches „tschuss“ viel besser, denn das passt klanglich auch mehr zu dem, was hier so abgeht).

Der Wiedereinbau der Kammerregale ist ein Kapitel für sich. Oder zwei. Interessiert aber en detail eh keine Sau außer den unmittelbar Betroffenen.
Nur so viel: Heute hat er jedenfalls nicht wie geplant stattgefunden, dieser Kammerregalwiedereinbau, weil die polnische Interpretation meiner Maßgabe „Die Kammer muss bis in das letzte Eckchen absolut baugleich bleiben“ eine andere war als die von mir intendierte.

Da ist jetzt ein Aufputz-Kabelkanal, der ein einem Eckchen 15mm Platz beansprucht, auf einer Länge von 80cm, und somit muss der gute Herr Wurm von der Wasserschadenfirma, der das Regal ausgebaut hat, am Montag nochmal wiederkommen, um die Regalbretter und Seitenwände zurechtzusägen und dann einbauen zu können.
Genau das wollte ich vermeiden.

Einen größeren Schock erleide ich aber nicht, als Herr Wurm aus der Kammer herausruft, hier passe etwas nicht, denn ich war instinktiv längst davon ausgegangen, dass das nicht reibungslos klappen würde und zwar schon, bevor die Kammer demontiert wurde.
Überhaupt trügt mich mein Gefühl in Handwerksdingen selten, leider hilft mir diese Gabe praktisch herzlich wenig, sondern verdirbt bloß den Nachtschlaf und den Teint.

Lolek entschuldigt sich tausendfach, dass er Bolek nicht besser beaufsichtigt hat, als jener in der Kammer werkelte und eine Leitung aus dem Sicherungskasten rauszupfte und ins Bad rüberlegte, und schenkt uns als Entschädigung das neu eingebaute WC (das der Vermieter nicht übernehmen wollte, weil das alte zwar völlig verranzt und verkalkt war, aber eben noch funktionstüchtig und als Münchner Vermieter muss man da schon aufpassen, dass einem die Mieter nicht übermütig werden vor lauter neuen Kacheln und Badewannen).
Drauf gschissn also, im wahrsten Wortsinne – das ist ein fairer Deal,. Ich hätte Lolek auch für ein halbes Abflussrohr diese Panne verziehen, aber ich nehm auch ein ganzes Klosett.

*****

Vor unserer Haustür hat gestern der Drive-in für Rachenabstriche eröffnet.
Zu Füßen der Patrona Bavariae nun ein paar Zelte, etliche Schilder und eine lange Schlange Autos. Wartezeit aktuell: drei Stunden, eher mehr. Die Polizei regelt die Zufahrt und den Warteschlangenkoller.

Drumherum schaut’s aus, als würden sie ein größeres Areal schon mal vorsorglich für einen spontanen Lazarett-Bau präparieren. Platz wäre ja auch genug vorhanden, hier auf der Wiesn. Das Frühlingsfest ist abgesagt, genau wie das Oldtimertreffen. Und bis zur fünften Jahreszeit, und ob die stattfinden wird oder nicht, denkt derzeit eh noch niemand.

Ich gönne mir eine kurze Pause fern der Baustelle Wohnung mit Frischluft und Sonne. Auf jeder Bank sitzt brav nur 1 Mensch, den Kopf zumeist gesenkt, wg. Smartphonegucken, Sonnenbrille vergessen oder allgemeinem Trübsinn.
Erstaunlich viele Kinder springen hier noch herum, Klein- und Großfamilientreffen finden statt, die schiefhängenden Haussegen schon gut hörbar. Lagerkollergesichter, Verschwörungstheoriegeräderte und durchschnittlich Angsthabende. Dazu noch Sporttreibende, Allesignorierende, Schulfreigestellte und emsige Radkuriere.

Die Ausgangssperre rückt mit jedem Gruppenkaffeekränzchen und -pläuschchen und Kinderhordenkreischen näher.
Auf meinem linken Knie landet ein Marienkäfer, dem das alles wurscht sein kann. „Du genießt deine Käferfreiheit“, sage ich zu ihm, „und wir haben das Dackelfräulein, das uns den dreimaligen täglichen Ausgang sichern wird, wir haben es doch noch ganz gut erwischt, oder?“

*****

Mehr möchte ich für heute nicht sagen zur coronaren Lage in der Isarmetropole, aufgrund eigener Psychohygienemaßnahmen und um mir eine gewisse Sorte von Nicht-Diskussionen heute vom Leib zu halten, mit der ich in den letzten Tagen konfrontiert war.
Denn kaum spitzt sich die Coronakrise zu, meldeten sich erste Kritiker sich zu Wort, weil ihnen irgendetwas in einem meiner coronaren Beiträge, derer es ja noch gar nicht viele gab, nicht behagte. Drei Meldungen waren es, um genau zu sein, dem einen missfiel ein Satz, dem anderen ein Foto, dem dritten ein Kommentar eines anderen Lesers.

Ich diskutiere gern, ich erkläre auf Nachfrage auch gern meine Haltung, ebenso gern kläre ich Missverständnisse auf oder vermittle zur Not sogar mal unter den Kommentatoren. Am liebsten auch gleich hier, an Ort und Stelle, wo sich ja die Quelle befindet, an der sich der Unmut entzündete und die Diskussion dazu auch am besten stattfinden sollte, aber meinetwegen auch auf anderen Kanälen, falls dem Leser oder der Leserin irgendwas aufstößt, das er/sie zwar unbedingt loswerden möchte, nur eben lieber nicht öffentlich.

Was mir aber aufstößt, sind kritische Kommentare mit (prinzipiell begrüßenswerten) Hintergrunderläuterungen, die nur vordergründig zur Diskussion einzuladen scheinen, weil sie so persönlich verpackt oder wortreich oder beides daherkommen, weshalb ich selbstverständlich gleich dazu Stellung nehme und ebenfalls meine Hinter- und Beweggründe erläutere – und dann kommt dazu aber nix mehr zurück oder nur ein schmales, schales Sätzlein, dass es ja sooo wichtig nun auch wieder nicht sei.
Eine Art Zurückrudern, als habe man es ja nur mal sagen wollen (aber lieber nix dazu hören wollen), also eher ein Abwürgen der Debatte, die ja kaum begonnen hat.

Das ist in meinem Augen nichts weiter als ein fruchtloser Austausch, um nicht zu sagen: ein nutzloser Schlagabtausch, keinesfalls aber eine echte Auseinandersetzung mit sachlichem Argumentieren, keine konstruktive Diskussion, die ja neben dem Loswerden der eigenen Kritik ebenso beinhalten sollte, auch den anderen anzuhören und auf ihn einzugehen, zumal der sich ja die Mühe machte, sich mit der Leserkritik ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wenn es sich so verhält, möge man doch bitte am Stammtisch meckern, wo eh keiner dem anderen zuhört oder wirklich antwortet, oder möge man in Zeiten wie diesen, in denen die Stammtische geschlossen haben, einfach in sein Tagebuch hineinmotzen, denn von dort kommt kein Echo, und was dort steht, erzeugt auch keine Widerworte und stellt keine unbequemen Nachfragen, die einem dann abverlangen würden, sich womöglich tiefergehender (oder konkreter) mit dem eigenen Spontangepolter zu befassen.

Was Sie hier in diesem Blog lesen, liebe Leserinnen und Leser, und zwar ganz egal, ob es um Corona, Leben, Tod, Mütter, Väter, Dackel, Nachbarn, Handwerker, Biersorten, Berggipfel, Liebe, Leiden, musikalische und hygienische Vorlieben und Abneigungen, Krapfen von Kustermann oder Krümelschubladen von Toastern geht, ist meine Sicht auf eben diesen meinen Ausschnitt der Welt, den ich im Augenblick des Schreibens (und je nach Lust und Laune) näher oder ferner betrachten möchte oder zu betrachten vermag.

Sie sind jederzeit eingeladen, sich dazu zu äußern: ablehnend, zustimmend, herumalbernd, mitweinend, nachfragend, hinterfragend, interessiert, animiert, argumentierend, ergänzend, erläuternd, flossenklopfend, schwanzwedelnd und sogar bellend, wenn es nicht in Dauergekläffe ausartet, denn dann, so meine ich, passen wir wohl einfach nicht zusammen, so vom Kommunikationsverhalten, Stil und Anspruch her.

Das wäre dann wie Hund und Katz, die auch nicht dieselbe Sprache sprechen, und die man zwar mit Mühe und Beharrlichkeit aneinander gewöhnen kann, aber solche Bemühungen, die würde ich mir gern für das Leben jenseits meines Blogs aufheben, und selbst dort nur für die Situationen, in denen derlei Anstrengungen oder Anpassungsleistungen zwingend erforderlich sind.

Wie beispielsweise das Telefonat mit dem Hersteller der in den verkehrten Maßen gelieferten Duschtrennwand, das ich jetzt noch führen muss.
Einer dieser Menschen, denen es immerzu gelingt, auf eine Email alles Mögliche und Unmögliche zu antworten, aber zu der einzigen Frage, die darin enthalten war, hartnäckig schweigen.

Ein einziges Kommunikationstrainingslager, diese Monate nach dem Wasserschaden.

Zumindest in der Hinsicht bin auch ich bereits nah am Lagerkoller.

*****

München, Theresienwiese, heute. Zoomen Sie’s groß, dann sehen Sie die Drive-in-Schlange. Lassen Sie’s ungezoomt, dann sehen Sie einfach schönen bayrisch-blauen Himmel.

München sperrt zu – wir sperren auf!

Erster Tag zurück in der Stadt – und schon überschlagen sich die schlechten Nachrichten quasi im Stundentakt:

Draußen: Wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das Lieblingsschwimmbad zusperrt?! Zefix!

Drinnen: Die maßangefertigte Duschtrennwand wurde in den falschen Maßen geliefert und passt also nicht, wie Lolek heute beim Montageversuch feststellte. F***!!!

Eine coronare Lithotripsie, die all diese Unbilden effizient wegpusten könnte, ist derzeit nicht in Sicht.
Wie dem auch sei: morgen Mittag verlassen wir das Hotel und ziehen wieder in unsere Wohnung ein. Lolek lässt um 13 Uhr die Bohrmaschine sinken und schleppt die letzten Säcke Bauschutt aus dem Haus.

Sollte eine Ausgangssperre verhängt werden, möchte man ja doch lieber in den eigenen vier Wänden sein. Wo wir aber sowieso in den nächsten Tagen wären, weil die Mega-Baustelle ja ein gerüttelt Maß an Dreck hinterlassen hat und das wird dauern, bis wir das beseitigt haben.

Bis wir damit durch sind, wird die Stadtverwaltung direkt vor unserer Haustür den zweiten großen Drive-in für Corona-Tests eingerichtet haben. Muss man die Morgengassiroute wohl ein bisserl verlegen, um den hustenden Schlangen nicht zu nahe zu kommen.

Man sieht und hört nichts anderes mehr als dieses C-Wort.
Spürt ein erstes Kratzen im Hals und kommt tatsächlich ganz kurz ins Grübeln. Nimmt lieber das Auto als die U-Bahn. Wäscht sich nach dem Verlassen der Schwimmbadumkleide plötzlich die Hände.

Seit den Nachmittagsstunden habe ich so gut es geht auf selektive Wahrnehmung umgeschaltet. Versuche, zwischendurch auch mal gezielt Anderes wahrzunehmen und den erfreulichen Momenten die ihnen gebührende Beachtung zu schenken.

Draußen: Eine der wenigen harmlosen Meldungen der heutigen Tagespresse.

Drinnen: Lolek & Bolek, die dauergutgelaunten Polen im sanitären Endspurt.

Dieses Bild ist mein persönliches Highlight des Tages: so hoffnungsfroh, so heiter, so zukunftsweisend! Yeah!

Oder doch dieses hier?

Ganz im Hier und Jetzt ruhend.

Süße Tierfotos, selbst wenn sie unerlaubterweise in Hotelbetten liegende Tiere zeigen, sind ja immer Labsal fürs angefledderte Nervenkostüm.

Gute Nacht aus der Lindwurmstraße – und bleiben Sie gesund und munter!

Pfiat di, Wallberg & griaß di, Bad!

Noch eine ausgiebige Frühlingsrunde im Tegernseer Tal gedreht…

An der Weißach.

Letzter Wallbergblick.

…und dann heim und mein erstes selbstgeplantes und von Lolek schon fast verwirklichtes Bad begutachtet, gemeinsam in der Wanne stehend noch die weiteren Montagen und Details besprochen, und am Samstag ist’s wohl tatsächlich soweit fertig…

Lolek hat ganze Arbeit geleistet.

…und dann ab ins Hotel um die Ecke, dort den Gatten kurz wiedergesehen, gemeinsam im letzten Exil eingerichtet…

Jung? Helden? Gute Nacht!

…und dann muss der Gatte auch schon wieder weiter zu einem Arbeitstreff und das Fräulein und ich schlurfen müde zum Stammlokal und versumpfen dort mit dem Monaco Sprizz.

Tiefenentspannter Teckel in seinem Stammbeisl.

Drücken Sie uns die Daumen, dass das alles nun wirklich übermorgen vorbei ist, diese Ära der Wasserschäden, Provisorien, Baustellen und Exile.

Song des Tages (47).

Gestern noch ziemlicher Trubel in der Wohnung: Lolek und Bolek sind auf die ersten gravierenderen Probleme gestoßen (ich erspare Ihnen die Details). Weder Franek noch Miroslav, die flugs hinzugezogen werden, können wirklich helfen. Also ein bisserl umdisponieren hier und dort, den Vermieter anrufen, den Hausmeister verständigen usw.
Wurscht. So ist Handwerk, das ist Baustelle. Ich hatte damit gerechnet.
Als ich mich vom Acker mache, hat Lolek wieder alles im Griff.

Punkt 17 Uhr sitze ich in einem Ledersessel, lasse mir von einem coolen, langhaarigen Kerl den Kopf kraulen und eine Stunde später steige ich mit dem frisch gekürzten Kurzhaarschnitt todmüde ins Auto (drei Nächte in Folge beschissen geschlafen), 52 Minuten drauf lasse ich mich beim Papa in den nächsten Ledersessel fallen (und die Lebensgefährtin dröhnt in meinen Ohren).
Früh zu Bett, weil fix und fertig, und wirklich jedes Geräusch zu laut.

Erster Morgenblick aus dem Fenster: Neuschnee.
Nicht nur oben auf dem Wallberg, sondern auch unten im Garten. Toll!
Leider wieder schlecht geschlafen, daher doch nicht ganz so toll, der Schnee. Auf dem Weg zum Bäcker (beste Landbrezen ever!) fast auf die Fresse gefallen und das lag nicht etwa am Hund, der an der Leine gezerrt hätte, denn der Hund zerrt beim Morgengassi nur in eine Richtung: heimwärts, wo der Napf steht.
Ich bin einfach unausgeschlafen, gerädert, auch nervlich ein bisserl derangiert und daher wacklig auf den Beinen.

Vormittags alles ausgepackt, mich eingerichtet, fürs Abendessen eingekauft, alle Geräte mit dem WLAN verbunden, dem Papa am PC geholfen (heute: „Wie stornier‘ ich eine Bestellung bei Amazon“ und „Wie geht das mit den neuen QR-Codes beim Online-Banking“). Schwupps ist der Vormittag rum, die türkische Zugehfrau schellt an der Tür und traut sich kaum ins Haus rein, weil ein Dackelfräulein freudig wedelnd im Flur steht.
Ich flüchte. Ist sowieso Zeit für die Hunderunde.

Rüber nach Kreuth, wo’s ollawei an Schnee hod, mehr als in den see-nahen Orten des Tegernseer Tals, die Stiefel geschnürt und los. Die momentan hormongebeutelte, streckenweise lethargische Hundemadame taut plötzlich auf, hat Lust zu hüpfen und zu graben (doch, Schnee ist schon was Tolles!) und ist sogar zu kleinen Spielchen aufgelegt.

Reiße ich mich also zusammen, dem Hund zuliebe, und mache aus der mittellangen doch eine große Runde, gute zehn Kilometer werden’s (und danach hat man wenigstens allen Grund, sich wieder hinzulegen, ein Stünderl wenigstens, bis man wieder aufsteht und die ganze Familie bekocht, so zum Auftakt und Dank für die Zeit des Asyls).

Unterwegs im Schnee und bei guter Luft endlich zur Ruhe und auch mal wieder zum Denken (einem, das über den Fliesenrand hinausgeht) gekommen, und als wir das Schild nach Siebenhütten passieren, spontan auch zum Dichten.

Manchmal betrittst die Wohnung lieber ohne Blick
Manchmal wünschst dir nur ein ruhig’s Zuhaus‘ zum Glück
Manchmal bricht des Nachbarn Rohr im Nu
Manchmal gießt s’Schicksal dir die Bude völlig zu

Manchmal fühlst dich alt und manchmal greis
Manchmal weißt auch kaum mehr wie du heißt
Meistens bist sogar schon mittags müd
Doch dann fährst du los mit deinem Jeep

Hoch nach Siebenhütten musst du gehn
Sieben dunkle Wochen übersteh’n
Siebzig Jahre lang wirst Mieter sein
Drunt in Minga kriagst koa Eigenheim

Und hier haben Sie den Ton dazu, nicht den Originalton, sondern den vom bayrisch-rumänischen Bruce-Springsteen-Pseudo-Plagiat:

Nach Siebenhütten noch ein Stück Richtung Schildenstein und Halserspitz hinauf, aber ohne Stöcke und Grödeln alsbald vernünftigerweise umgedreht und wieder hinab, an der Herzoglichen Fischzucht vorbei und hinüber nach Wildbad Kreuth.

Unterwegs begegnet einem die Herzogin höchstselbst in Begleitung ihres Jagdteckels (beide in den gleichen Loden gehüllt, beide dennoch eher von zerrupfter Optik), der Rüde verliebt sich sofort ins Fräulein, aber das will lieber den edlen Gebirgsschweißhund im nahegelegenen Gasthaus besuchen und vor lauter Schneegestapfe ist ihr der dann plötzlich auch einerlei (nicht so umgekehrt).

Erst als ich die Speisekarte zuklappe, check‘ ich das plötzlich, wo ich hier eigentlich gelandet bin, und dass es ja kaum einen passenderen Platz geben könnte für einen herzoglich-nachmittäglichen Windbeutel, der die gebeutelte Person, die ihn bestellt, also mich!, wieder aufpäppelt, während Lolek daheim in München die marode Sanitärzelle umbaut.

So begibt man sich vielleicht unbewusst auf genau jene Wege und an jene Orte, die das Alte abzuschließen helfen, es unter einer dicken SahneSchneeschicht begraben und den Blick aufs Neue, Kommende, Zukünftige freimachen.

Was vom Bade übrig blieb.

Gestern Abend in die Wohnung rein- und aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Das gesamte Bad ist verschwunden! Alles weg!

Wie geht das an einem Tag?

Der ganze rausgerissene Kram entsorgt, in der Diele keinerlei Schutt zu finden, stattdessen eine Tüte mit Loleks oder Boleks Klamotten. Ja sind die nackt heimgegangen?

Das Rätsel löst sich heute Morgen schnell auf.

5 Minuten nach Ankunft (7:18 Uhr), Lolek und ich stehen gerade in dem Raum, der mal das Bad war und es hoffentlich demnächst auch wieder sein wird, wo er mich in die Geheimnisse drei- und fünfadriger Kabel (?) einweiht, reißt Bolek, hinter uns in der Diele stehend, sich das Shirt (draußen 3 Grad und Regen, aber wurscht: der zähe Pole, der von oben bis unten aussieht wie Ivica Olić, kommt im Shirt zur Baustelle) vom Leib, greift in die große Tüte und zieht das Arbeitsshirt von gestern dort heraus und sich über den Kopf. Lolek bemerkt, dass ich das registriere und erklärt: „Kommt mit Privatauto, deshalb muss ausziehen, sonst Frau schimpft“. Ah ja, alles klar!

Das Rätsel, das offenbleiben wird, ist eine Notiz von Lolek, die ich auf der im Flur zwischengelagerten Waschmaschine finde:

Ich möchte nicht lästig werden, indem ich diesen Mann der Tat mit zu vielen Fragen behellige. Und ich entdeckte diese Notiz ja auch nur, weil Lolek mir gestern Abend um 18:30 Uhr, als Bolek und er gerade den 11-stündigen Arbeitstag beendeten, noch eine Whatsapp schickte: „Habe Foto von schöne Mann in Bad gerettet. Liegt auf Waschmaschine.“

Man(n) muss nicht alles verstehen. Frau auch nicht. Hauptsache, er hat die Huberbuam nicht zusammen mit der Fliese, auf der sie klebten, von der Wand gehauen.

Um 7:52 Uhr, die Schleifgeräusche sind bereits höllenlaut und die schöne Olić-Optik gänzlich staubverhüllt, breche ich auf zum Frühstückscafé, das dummerweise erst um 8 Uhr öffnet.

Zuvor schreie ich noch Richtung Bad, dass ich jetzt gehe und frage, ob ich ihnen etwas vom Bäcker mitbringen könne. „Nein, nein“, schreit Lolek zurück, „wir später selbst was holen“. Ich bekräftige mein Angebot und konkretisiere es – „Nicht vielleicht doch irgendwas Süßes?“ – und siehe da, jetzt guckt er aus dem Bad raus und strahlt, und meint zaghaft: „Vielleicht zwei Krapfen, wenn gibt?“. Und ich sage, dass gibt, und frage, welche Sorte, und Lolek antwortet „am liebsten mit Hagebutte“ und nun strahle auch ich, sage „die mag ich auch am liebsten“ und fasse zusammen: „Also zwei Hagebuttenkrapfen für jeden von euch“, woraufhin Lolek protestiert – „Nein, nein, nur eine für jede!“ – und sich auf den nicht vorhandenen Bauch klopft und ergänzt „Muss aufpassen, sonst schimpft Frau!“.

Die polnische Frau scheint das Zepter fest in der Hand zu haben und hat nicht nur ein sauberes Auto, sondern auch einen figurbewussten Mann. Sympathisches Volk.

Jetzt Krapfen heimbringen, dann wieder ins Schwimmbad zum Duschen, mittags noch die letzte Amtshandlung als Bauleitung (Lichtschalter aussuchen, Fliesenschnittkanten/Verlegestrategie für die Ecken festlegen, Unterputz-Spülkasten-Konstruktion besprechen), anschließend kurz den Gatten zur Auto-Übergabe treffen, danach die Jean-Seberg-Frisur erneuern lassen – und dann ab an den Tegernsee, wo die Bauleitung endlich zur Ruhe kommen bzw. wieder in ihrem Ursprungsgewerk tätig werden darf und ihre große Gotland-Reportage schreiben wird.

Ihnen einen ebenso erfreulichen, produktiven, leckeren Dienstag, und nehmen Sie aus diesem Beitrag zumindest die eine wirklich wichtige Botschaft mit: dass die Krapfenzeit doch noch nicht mit dem Aschermittwoch geendet hat.

Und falls jemand Loleks Notiz übersetzen kann, würde ich mich freuen, wenn er/sie mir deren Bedeutung zukommen ließe, sofern es nichts Verstörendes ist.