Die Donau so blau.

 

Zur Wochenmitte ein wahrscheinlich letzter Spätherbsttag mit Temperaturen um die 15 Grad (zu Tale). Schnell nochmal den Berg hinauf, bevor diese hässlichen Übergangswochen beginnen: Matsch hier, Schlamm dort, kahle Wälder, karge Natur, eisige Gipfelwinde, noch eisigere Finger, nirgends mehr ein gemütliches Rastplätzchen, Trosttee in Thermoskannen, hastig im Stehen getrunken.

Schon auf der Autobahn merke ich: ein Großteil der urbanen Corona-Homeoffiziere ist ebenfalls auf diese Idee gekommen. In Windeseile ein anderes Ziel überlegt, ich will schließlich einen sozial distanzierten Tag verbringen. Klappt dann auch.

Herrlicher Rastplatz auf einem Zwischengipfel mit Blick auf den vor vier Monaten mit den Freunden in der Morgensonne erklommenen Geburtstagsberg, es gibt einen Mittagsimbiss, dann sonnt das Fräulein sich zu meinen Füßen in der Almwiese und ich gucke weitgehend gedankenfrei geradeaus.

Auf dem Gipfel ist Sense mit der Beschaulichkeit, der Zwiesel ist einfach von zu vielen Seiten aus erreichbar, nur gut, dass wir weder hungrig noch pausenbedürftig dort oben eintreffen.

Beim Abstieg meldet sich nicht nur ein Freund aus Berlin mit ein paar erschütternden Sätzen zum Verhalten der Demonstranten, sondern auch die linke Achillessehne. Ich wundere mich, dass ich bergaufgehend rein gar nichts spürte und es nun aber brennt wie die Hölle. Das steile Wegstück ist daher nur im Schneckentempo zu bewältigen, ich suche in der Karte nach einer Alternative und finde einen Forstweg. Dort geht es sich deutlich besser, nahezu schmerzfrei. Leider aber auch deutlich länger, so dass es gegen Ende hin noch ein Mit-Mütze-und-Handschuh-Tagesausklang wird und wir im Licht der Stirnlampe zum Auto hecheln.

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Später, in der heimischen Badewanne liegend, die druckfrische Kolumne von Kurt Kister gelesen und erfreut zur Kenntnis genommen, dass wir im selben Park spazierengehen, und das sogar mit ähnlichen Beobachtungen und Gedanken, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich die meinen, was das Historische angeht, nicht ganz so spontan und gewandt aus dem Ärmel schütteln könnte:

(…) Was also soll man dieser Tage anderes tun, als an die frische Luft zu gehen?

Jüngst tat ich das und gelangte so nach Berg am Starnberger See. In Berg wohnen manche Menschen hinter hohen Zäunen, vielleicht auch, das ist jetzt polemisch, weil die Höhe der Zäune irgendwie damit korreliert, wie viel Vorteil einer, der hinter so einem Zaun lebt, vom hierzulande relativ niedrigen Spitzensteuersatz für wirklich Reiche hat.

In Berg gibt es auch ein Schloss. Es ist dadurch bekannt geworden, dass am Abend des Pfingstsonntags 1886 König Ludwig II. mit dem Psychiater Bernhard von Gudden im Schlosspark am See einen Spaziergang machte, den beide nicht überlebten. Ihre Leichen wurden vor Mitternacht des 13. Juni nahe dem Seeufer im Wasser treibend gefunden. Kurz zuvor war der unter anderem vom Psychiater Gudden für unzurechnungsfähig (damals hieß das irre) erklärte Monarch zwangsweise von Füssen (Neuschwanstein, Hohenschwangau) nach Berg verbracht worden.

Im See steht in der Nähe der nämlichen Stelle ein großes Kreuz, und im Wald darüber gibt es eine romanisierende Kapelle aus den Zeiten des Prinzregenten Luitpold, den man kennt, wenn man als Kind die Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma gelesen hat, was heute wahrscheinlich kein Kind mehr tut. Kinder bekommen – so nicht weit vom Todesort König Ludwigs auf dem Spazierweg gesehen – heute ein Telefon in den Kinderwagen gehalten, das eine lustige Melodie spielt, während sich irgendwas Buntes auf dem Schirm bewegt. Kind schreit, Telefon macht lalala, Kind glotzt. Man sollte ein Smartphone entwickeln, das einen Kinderwagen schieben kann. Oder noch besser: ein Smartphone, das Kinder zeugen und gebären kann. (…)

[Kurt Kister, Kolumne „Deutscher Alltag“ vom 18.11.2020]

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Der hübsch Bewimperte und ich schicken einander gelegentlich Fotos von unterwegs.
Der jeweils Nicht-Unterwegs-Seiende muss dann erraten, wo genau das Foto entstanden ist, außerdem muss mindestens einer der im Hintergrund sichtbaren Berge korrekt benannt werden, manchmal auch ein See oder ein Kircherl oder die Herkunft einer To-go-Ausbeute („Erkenne den Konditor am Kuchenstück!“).
Eine kleine Schulung in Heimatkunde, die uns großen Spaß macht.

Mein Volltreffer diese Woche: Ort und Berg exakt erraten!

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Beim letzten Fensterputz des Jahres ausnahmsweise mal Radio gehört, weil der CD-Player zu laut aufgedreht werden müsste, um auch den Südflügel der Wohnung adäquat beschallen zu können.
Festgestellt, dass es noch genauso wie vor 35 Jahren nervt, wenn der Moderator in den Schluss eines Songs hineinquatscht. Wenn sie sich bei Bayern 1 schon dazu entschließen, die heilige Bohemian Rhapsody in voller Länge zu spielen, kommt es auf die 5 Sekunden ja wohl auch nicht mehr an.
Damals hat einem diese Moderatorenunart ganze mühsam zusammengebastelte Kassetten versaut, heute würgt es das eigene Mitsingen unsanft ab, aber schon das ist ärgerlich genug.

Umso wichtiger, dass ich mein dieser Tage begonnenes Projekt – die Generalüberholung der SD-Karte im Auto – zügig abschließe, damit ich auch dort weitgehend radiofrei über die Runden komme.
In dem Kontext eine lebenswichtige Frage an Mr. Spike: Wie krieg ich das blöde iTunes dazu, die Titel der knapp 20 CDs, die du mir gebrannt hast, a) zu erkennen und b) zu importieren?

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Mit den Wochenendeinkäufen auf dem Rücken und einem großen Paket Klopapier unterm Arm an der Ampel wartend, sucht mein Blick Halt in der näheren Umgebung, um nicht in einem fremden Augenpaar zu landen und dort womöglich die Klopapierfrage zu erspähen.

Was ich stattdessen erspähe: Links ein irritierendes Inserat am Laternenpfahl (soll man sowas melden oder entfernen oder nicht weiter ernstnehmen?), rechts eine verstörende Schlagzeile an einem Zeitungskasten (dürstet es derzeit irgendwen nach Ausflügen zu Skeletten oder anderem Spukzeugs?).

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Die verflossene Jugendliebe aus Wien schickt aus heiterem Himmel eine Mail.
Nach ein paar Jahren Funkstille schreibt mir K., dass etliche seiner Kollegen in der Klinik und auch er diese Woche an COVID-19 erkrankt seien. Er selbst zwar „nur“ mittelschwer, aber da er nicht wisse, wie sich das alles weiterentwickeln würde, hätte er sich eben nochmal melden wollen.

Außerdem solle ich mich im Fall des Falles nicht wundern: er habe mich in seinem Testament mit einer Kleinigkeit bedacht, da würde sich also ggf. ein Wiener Notar mit mir in Verbindung setzen. Konkret: Das Stück Donau, das er sich vor einigen Jahren gekauft habe (kein Scherz! die Östereicher halt…), wolle er mir gern vermachen, da weder Frau noch Sohn etwas mit Wasser am Hut hätten. Sollte ich die Liegenschaft veräußern wollen, würde ich nicht reich werden, ein paar Wien-Reisen sollten davon aber finanzierbar sein. Was soll man da antworten?

Ich schicke umgehend eine WhatsApp an die Handynummer, die er der Mail beigefügt hat, bestätige bestürzt den Erhalt der Mail und schlage ein Telefonat vor.
Danach schaue ich mir in YouTube ein Video von der Gegend hinter Klosterneuburg an, irgendwo dort liegt das Stück Donau von K..
Eine Übersprungshandlung, nichts weiter.

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Der Strohhalm, den ich in den selbstgebrauten Smoothie stecke, sinkt nicht, wie man das eigentlich erwarten würde, zum Glasrand hin, sondern behält seine Position verdächtig lange bei – wie einzementiert steht er da.

Ich betrachte das als ein gutes Zeichen in diesen unsicheren Zeiten, in denen so vieles ins Wanken geraten ist und noch geraten wird und benenne das Getränk ab sofort in Strongie um.

Ihnen noch ein schönes Wochenende & bleiben Sie gesund!

Verlängeren.

Gesehen…

…getan.

Traben wir eben wieder mit Thermosbecher und Tupperdose durch diese Traumgegend. Abseits beliebter Ausflugsziele, mit Abstand zu allem, alleine.

Noch so viel zu entdecken hier: Schluchten, Bächlein, Kapellen, Wälder, Schlösschen, Moorseen, Dörfer, Buchten, neue Rastplätze am Seeufer für Pause wegen Verlängeren und für Imbiss wegen Verhungeren, aber davor bewahrt einen so ein Gugelhupf ganz ausgezeichnet.

Und wer weiß, was das Dackelfräulein und ich heut noch alles entdeckt hätten, wenn es mich nicht auf dem schmalen, abschüssigen, glitschigen Pfad in der Schlucht geschmissen hätte, nicht nur mit den schönen roten Schuhen komplett im Morast gelandet, eine Hüfte geprellt, den Handballen hat’s noch übler erwischt, auf der Heimfahrt dann ein abenteuerliches Schalten mit der linken Hand, da mit rechts gar nichts mehr geht, nur gut, wenn man daheim jemanden hat, der einem abends das Weißbier öffnet, das gefüllte Glas an/in der Hand entpuppt sich als die perfekte Kühlung, nur mit dem Hochheben und Trinken muss man mit links nachhelfen, der Lockdown auf gewisse Weise nun auch ein kleiner Knockdown, sowieso eine nicht nur aufgrund des Weltgeschehens bewegende Woche, aber dazu ein andermal, wenn das Tippen auf der Tastatur wieder etwas leichter fällt.

Himmel der Bayern (86): Auf den Spuren des „Man in black“.

Unangenehm kalt und windig ist es in der Früh. Der Gatte schleppt seine Reisetasche zur Tür, schlüpft in den Mantel und reist ab in sein Erdhaus, das dann in letzter Sekunde doch noch zu einem Quartier mit anständigen Mauern drumrum (und drinnen mit einem richtigen Bett anstelle des Laubhaufens) mutiert ist. Somewhere out of Rosenheim.
Wir wünschen ihm gute Erholung, schließlich steht die strapaziöse Phase der Läufigkeit des Fräuleins erst noch bevor, und dann werde ich ohne Hund ausgeflogen sein (endlich mal wieder eine Gelegenheit für das Futur II) und er ein paar Tage allein daheim.

Bis kurz vor 12 sitze ich am Schreibtisch, dann packe ich das Dackelfräulein mit der Androhung „Heut machen wir mal was ganz anderes!“ ins Auto. Sie schaut mich etwas bang an, rollt sich dann aber auf ihrer Decke ein und pennt.

46 Minuten später steigen wir an einem Waldparkplatz westlich von München aus.
Es weht noch immer ein frischer Wind, der Himmel ist grau, es riecht nach Regen. Wurscht, auf geht’s!

Als erstes ein Gruß aus dem feuchten Unterholz: Eine Mücke fliegt mir in den Ausschnitt und sticht mich neben das Schlüsselbein. Andenken, von denen ich mindestens zwei Wochen lang intensiv zehre und die seit Neuestem einen lila Fleck auf meiner Haut hinterlassen, der noch Monate nach dem Stichtag erkennbar ist (wenn ich das bei meiner Mückenstichausbeute pro Saison mal grob hochrechne, dürfte ich spätestens zu meinem 60. Geburtstag völlig lila sein).

Anstelle einer Wandertafel oder eines Wegweisers begrüßt uns das hier:

Da flieht man vor dem Virus und der Großstadt und den Menschen und den Rüden… – aber irgendwas ist immer, irgendeine Gefahr lauert halt auch noch in der letzten Einöde oder in den Weiten der Wälder.

Und dieser Wald hier, der ist sowieso anders. Ganz anders.
Wir geraten zwar nicht in einen Regen, folglich auch nicht von dort aus in eine Traufe, stattdessen aber in Teufels Küche.

Die allerdings der Wahnsinn ist, so rein landschaftlich betrachtet. Die Teufelsküche ist ein riesiges Quell- und Naherholungsgebiet südlich von Landsberg am Lech, sie gehört zur Pössinger Au und ist durchzogen von zahlreichen Wanderwegen.

Wilde Schluchten, hinabstürzende Bächlein, urwaldähnliche Steilufer, modrige Waldtümpel, vermooste Hänge, kleine Wasserfälle – das Fräulein ist außer sich vor Freude.

Der Sage nach ist in der Gegend einst eine Frau, die im Rufe stand, eine Hexe gewesen zu sein, ihrem Sarg entstiegen und hatte an ihrer Grabstelle nur einen Kohlenhaufen hinterlassen. Die entsetzten Landsberger trugen diese Kohlen aus der Stadt hinaus, zur Teufelsküche, um sie dort ins Wasser (also in den Lech) zu kippen, doch die Kohlen gerieten plötzlich von selbst in Brand und der Rauch ist angeblich immer noch über der Teufelsküche zu sehen.

Der einzige Rauch, den man hier und heute noch sehen könnte, wäre wohl der des Schornsteins der gleichnamigen Ausflugsgaststätte. Weil die aber montags Ruhetag hat, weshalb wir, die Freunde der Einsamkeit und Ruhe, ja heute dort unterwegs sind, raucht es nirgends.

Das türkisgrüne Wasser des kleinen Waldsees erinnert mich an die Blaue Lagune auf Gotland, der Weg durch die Schlucht lässt mich an die Wanderung durch den Küsnachter Tobel zurückdenken…, aber ein Schild holt mich jäh in die Gegenwart zurück:

Kopfbedeckung tragen? Langsam gehen? Angriff mitteilen? Sappradi!

Schnell steigen wir hinauf zum Lech-Höhenweg, verkrümeln uns auf dicht bewipfelte Nebenpfade, und googeln sicherheitshalber mal, wann er denn brütet, dieser Kampfgeier, der sich auf mein Mäuschen und mich stürzen könnte. Ende März bis Anfang Mai, na dann!

Wir wagen uns wieder auf die Hauptwege zurück und später auch an den Lech hinunter. Nichts los auf dem schönen Uferweg, nur ab und an ein Nagelfluhbrocken. Außer dem Ruf des Eichelhähers und dem whirlwind in the thorn trees (geklaut aus dem Song „The Man Comes Around“ von Johnny Cash) ist es herrlich still hier.

Das war arg jetzt holprig, ich weiß schon, aber irgendwie muss ja die Überleitung gelingen.
Hä?, denken Sie nun sicher, oder (die etwas Komplexeren unter Ihnen): Was hat denn der versoffene Cash jetzt mit der Teufelsküche und dem Lechwanderweg zu tun?

Ganz einfach: „I went downtown to a store in 1952 in Landsberg and paid about 20 marks for the guitar. That’s where I learnt to play on.“ (aus einem Interview mit J. Cash, 1997)

Dass Elvis Presley als Soldat in Deutschland war, das weiß so ziemlich jeder. Weitaus weniger bekannt ist dagegen die Geschichte von Staff Sergeant John Ray Cash, der in der Landsberger Kaserne bei Penzing, die man sogar von der Autobahn aus erspähen kann, zur Musik fand. Fast auf den Tag genau vor 69 Jahren kam der junge Cash in Landsberg an. Kurz drauf, am 13. Oktober 1951, sah er im Truppenkino den Film „Inside the Walls of Folsom Prison“. Ein paar Monate später kaufte er sich eine Gitarre, fünf Jahre danach veröffentlichte er, wieder zurück in den USA, den „Folsom Prison Blues“, einen Song, den er hier, in der oberbayerischen Lechstadt, komponiert hatte.

Cash schrieb in den drei Jahren, die er in Landsberg stationiert war etliche Songs, übte wie ein Besessener Mundharmonika und Gitarre, tingelte durch die Lokale der Stadt und spielte sich nächtelang die Finger wund. Trank zu viel, langweilte sich in seinem Job, guckte sich an seinen freien Tagen in Oberbayern um und vermisste seine Vivian, in die er sich kurz vor seiner Versetzung nach Deutschland verliebt hatte:

„Liebste Viv, heute bin ich in die Poststelle und habe nach meiner Post gefragt. Und stell dir vor! Ich habe von dir noch keine Briefe bekommen. Was ist los, Schatz? Hast du deinen Stift verloren? Gut, ich habe meinen noch, und ich werde dich mit meinen Briefen quälen, bis ich einen von dir kriege. Ich habe ohnehin nichts anderes zu tun, als zu schreiben, obwohl es Samstagabend ist. Ich hatte bisher einen sehr friedlichen Abend. Ich war heute im Kino und habe den Thriller „Folsom Prison“ gesehen – und weißt du was? Wir haben heute Vollmond, und er ist fast so groß wie in Texas. Das einzige, was nicht passt, ist, dass wir nicht zusammen sind.“ (J. Cash in einem Brief vom 13.10.1951)

Telefonieren war den Soldaten nur einmal im Jahr erlaubt (verklickern Sie das mal heutzutage einem verknallten Twen!), Heimaturlaub erhielt er gar keinen (das heißt, das Pärchen sah einander drei Jahre lang nicht!), also schrieb er Vivian fast täglich einen Brief (kann sich heut auch kaum einer mehr vorstellen: einen Stift zur Hand zu nehmen und der/dem Liebsten zu schreiben!). Das waren noch Zeiten!

Direkt nach seiner Rückkehr heirateten die beiden.

„Einen schrecklichen Moment lang dachte ich, sie [Anm.: das Militär] würden versuchen, mich lebenslänglich an sich zu binden, aber das taten sie nicht. Sie ließen mich gehen. Es war gut, dass sie mich gehen ließen. Das Bier und die Wurst schmeckten hervorragend, aber ich sehnte mich danach, wieder in den Südstaaten zu sein.“ (aus einem Interview mit J. Cash, 1997)

Kurz vor der Heimreise nahm Cash in München noch seine erste Platte auf, in einem kleinen Studio in Hauptbahnhofnähe, danach begann seine Weltkarriere beim Label Sun Records.

Wir laufen also begleitet von den whirlwinds in the thorn trees lechaufwärts, bis wir Cash-City erreichen.
Drehen eine große Runde durch das hübsche Städtchen…

…bis das Fräulein etwas müde wirkt und ich hungrig und durstig bin. Seit meiner bescheidenen Stulle (Dinkelsesamseele mit Käse drauf) und einem Heißgetränk (Tee aus der Thermoskanne) in der Teufelsschlucht habe ich nichts mehr zu mir genommen und wir sind ja nun doch schon einige Zeit unterwegs.

Merken Sie sich bitte unbedingt: in Landsberg am Lech haben montags fast alle Lokalitäten geschlossen. Das ist coronatechnisch prima, weil in der Stadt absolut nix los ist, denn die Touris wollen schließlich Futter und dafür nicht ewig herumlaufen und suchen müssen.

Mit Müh und Not finden wir ein kleines Café, das geöffnet hat und lassen uns an einem der drei Tischchen nieder. Für einen Safrankeks nebst Cappucino tut’s das schon, gemütliche Einkehr geht anders.

Beleidigter Hund unterm Barhocker.

Wir sind schließlich nicht zum Mampfen hergekommen, sondern wegen der Teufelsschlucht, den Auwäldern und der Kleinstadt, in der ich zuletzt vor vielen Jahren (empfundenermaßen: in einem früheren Leben) bei einem Betriebsausflug war (ich erinnere nur noch die Kollegen, neben denen ich im Bus saß und das sehr durchschnittliche Essen auf irgendeiner Terrasse in einem Altstadtwirtshaus, bevor es wieder heimwärts ging).
Ziemlich sicher hat mich der Papa in meiner Kindheit auch schon mal hierher gekarrt (denn es gab keine oberbayerische Stadt, die nicht irgendwann aufgesucht und angeguckt wurde, damit das Kind eine Bildung und eine Orientierung bekommt), aber jener Besuch muss mir komplett entfallen sein. Wahrscheinlich gab es kein leckeres Eis oder keine Tiere, die man streicheln konnte, und dass es hinter der östlichen Stadtmauer von Landsberg fast genauso ausschaut wie in den Wiesenhügeln neben der Ringmauer in Visby auf Gotland, wo bekanntlich Pippi Langstrumpf gedreht wurde, damit hat er mich nicht locken können, der Herr Vater, weil er das nicht wusste, da er mit Skandinavien leider nie was am Hut hatte.

Nach dem Kaffeepäuschen und ein paar kontemplativen Minuten am Lechfall – zwischenzeitlich pfeift der Wind etwas weniger und die Sonne blinzelt immer öfter durch die Wolkendecke – geht’s weiter.
Eine letzte Station haben wir noch, bevor wir uns auf den Rückweg zum Wanderparkplatz machen wollen.

Landsberg am Lech: Die nördliche Seite der Schulgasse.

Das Musikhaus Ballach in der Schulgasse, in dem Johnny 1952 seine Gitarre erstand, die er anschließend sechseinhalb Kilometer durch den eiskalten Wald hinauf zum Fliegerhorst trug, existiert nicht mehr. Erwartbar, dennoch schade.
Der Herrenausstatter, bei dem ich nachfrage, kann den Standort der ehemaligen Musikalienhandlung zumindest auf vier Hausnummern und eine Straßenseite eingrenzen – suchen Sie sich also einfach aus, welches Häuschen Ihnen für einen Klampfenkauf am geeignetsten erscheint.
Ich bin für die Vinothek Wein & Sein und beschließe einfach, dass das der Cash-Laden gewesen sein soll (auf keinen Fall war es das Nagelstudio Orchid Nails am Ende der Gasse, so viel ist klar).

Die Stunde Fußmarsch zurück vergeht dann wie im Fluge, weil wir diesmal den Weg durch den Wildpark wählen. Bevor wieder jemand mault und meckert: Ja, da darf man mit Hund hinein. Angeleint, versteht sich. Ja, machen wir auch brav, wir sind ja nicht deppert. Denn da laufen ja Rehe herum. Und Wildschweine. Letztere erfreulicherweise nur im Gehege.
Jedenfalls gibt es viel zu schauen und viel zu schimpfen, das gilt für uns beide gleichermaßen.Nach 13,92 Kilometern sind wir wieder am Parkplatz angelangt. Der whirlwind hat sich gelegt. Der Bussard hat uns nicht den Skalp geraubt. Der afrikanischen Schweinepest sind wir hoffentlich auch entkommen.Schön war’s. Vielfältig. Regenfrei. Bunt.
Wir kommen auf alle Fälle nochmal hierher. Durchaus wieder montags, wenn fast alles zu hat.Auf der Heimfahrt hören wir…, na was wohl? Genau!
Aus dem Spätwerk hier für Sie eine nächtliche Kostprobe, in meinen Augen bzw. Ohren einer der besten Cash-Songs überhaupt.

Johnny Cash erzählte einmal, dass ihn kein Song so viel Zeit gekostet habe wie dieser – mehrere Dutzend (!) Strophen schrieb er und nur vieren gelang der Einzug in die finalen Lyrics (plus die beiden Refrainstrophen). Die Idee für das Lied entsprang einem Traum, den Cash in den 1990er Jahren hatte und in dem er der Königin von England begegnet war, die ihn mit einem Dornbusch im Wirbelwind verglich. Coole Sache, oder? Wenig später stieß Cash dann im Buch Hiob erneut auf diese Metapher und verwurstete nun den whirlwind in the thorn tree im Refrain von „The Man Comes Around“.
Ein biblisch düsterer und berückend morbider Song. Einer seiner letzten zudem.

Lassen Sie sich für ein paar Minuten mitnehmen von den apokalyptischen Reitern und schlafen Sie danach trotzdem gut!

Hear the trumpets, hear the pipers
One hundred million angels singin‘
Multitudes are marching to the big kettle drum
Voices callin‘, voices cryin‘
Some are born and some are dyin‘
It’s Alpha and Omega’s Kingdom come.

And the whirlwind is in the thorn tree
The virgins are all trimming their wicks
The whirlwind is in the thorn tree
It’s hard for thee to kick against the pricks.

Zum Tag der Deutschen Einheit oder: Brandenburg meets Bayern.

Hätte man nach all den Vorreden und Vorwarnungen ja nicht gedacht, wie flott sich die Delegation aus Brandenburg, die wir für eine Urlaubswoche ins Tölzer Land gelockt hatten, aufs Seekar hinaufschraubte, alle Achtung!

Natürlich hatte ich sie zuvor mit einer krass kulant berechneten Gehzeit tiefenberuhigt, so dass schon klar war, dass das motivieren würde, wenn man da trotz Kniezwicken weit drunterbleibt, aber dass ich mich so verkalkuliere, hätte ich nicht gedacht. Sollten sie nochmal hierher reisen, werden sie ins Karwendel geschleift, so viel steht fest.

Der gesamte Donnerstag ein Herbsttag wie aus dem Bayernbilderbuch, sogar nochmal (vielleicht letztmalig?) T-Shirt-Wetter auf 1.400 m, die Lieblingshütte hübsch neu verschindelt und bedacht, das Reutberger Klostergebräu lecker wie lang nicht mehr und als Sahnehäubchen ein 1a Blick auf die bereits weiß eingestäubte Gipfelkette im Südwesten.

Alle glücklich und zufrieden, vor allem das Dackelfräulein, das ja selten ganztags mit 5-facher Zuneigung und Aufmerksamkeit bedacht wird, selbst der Leonberger-Rüde auf der Hüttenterrasse, der zu gern mal intensiver an dem Hotdog geschnuppert hätte, hielt sich angesichts der wachsamen Fünferkette brav im Abseits.

Jedenfalls ein gelungenes Blogger-Blind-Date heute vor einer Woche (wenngleich der Blind-Faktor nach einigen Jahren des Mailverkehrens und Geburtstagspäckchenpackens eher gering war) und ein schöner, dieser Erstbegegnung folgender Bergtag in meinem innig geliebten Tölzer Land.

Wir wünschen den Brandenburgern heute eine gute und sturmfreie Heimreise & hoffen, es möge Euch trotz aller bajuwarischen Urlaubswonnen ergehen wie einst Eurem Landsmann Fontane, der der ersten Auflage seiner Wander-Prosa die Erkenntnis voranstellte, dass einen erst die Fremde lehrt, was wir an der Heimat besitzen.

Ein morgendlicher Anblick…

…bei dem sich mir ganz spontan (und erstmals) die Bedeutung von „Grüß Gott!“ erschließt.

Loisachbrücke bei Oberau.

Denn wenn ich ihn je irgendwo träfe, diesen Herrn Gott, dann wohl am Ehesten hier.

Grüß Gott, Werdenfelser Land! Guten Morgen, Zugspitze!

Und ein wenig Schutz könnte ja nicht schaden bei dem heutigen Transzendenz-Vorhaben, das der Gatte frühmorgens, während ich den Rucksack mit Proviant bestücke, mit der Bemerkung „Du bist bergsüchtig“ quittiert.

Wo er recht hat, hat er recht (zumal das Sujet ja gut zu einem seiner aktuellen Forschungsprojekte passt, zumindest im weitesten Sinne).

Song des Tages (55).

Es müsste eigentlich „Song von gestern“ heißen, aber wie klänge das denn?!

Zumal die Musik von gestern ja auch heute wieder mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem CD-Player ertönen wird, wenigstens für zehn Minuten oder wie lange es halt dauert, zum Wertstoffhof zu fahren, den man nun wieder kennzeichenunabhängig an allen Wochentagen aufsuchen darf, falls es mir zuvor gelingt, trotz des kleinen Muskelkaters und einer gewissen Ganzkörpermüdigkeit vom gestrigen Ausfliegen ins sonnige Oberland die paar auszusortierenden Trümmer aus dem Keller hochzuschleppen und in den Kombi zu verfrachten, was eine gute und auch überfällige Sache wäre, die ich nun zweieinhalb Monate lang vermieden habe, weil ja ständig in der Tagespresse zu lesen war, dass gerade coronabedingt ganz München seine Keller ausmistet, was zu regelrechten Staus vor den Entsorgungsstätten führte (absurde Geschichten: manch ein Münchner fuhr schon um 8 Uhr vors Tor und wartete dort schlappe 2 Stunden, um zur Öffnung um 10 Uhr der Erste zu sein, der dann staufrei seinen Sperrmüll abliefert – fast schon bewundernswert, dieser Langmut und diese Disziplin), aller Voraussicht nach dürften die Keller nun leer und die Schlangen wieder kürzer sein, auch unabhängig von dieser Entsorgungsfahrt heute großer Schreibtisch- und Werkeltag in der Wohnung, ideal, denn draußen eher grau, kühl und regnerisch.

Gestern milde Temperaturen, Sonne satt und kein Wölkchen am Bayernhimmel, allein die Fahrt hinaus schon ein solcher Genuss, potenziert noch durch eine der CDs, die ein Freund dieser Tage im weltschönsten, weil dackelsilhouettenselbstbemalten Kuvert geschickt hatte, beim Anhören wieder nah am Wasser gewesen (dem körpereigenen Salzwasser), dann mit Dauergänsehaut über die Autobahn (die A95 ist ja ab Seeshaupt wie das Blättern in einem Hochglanz-Bayern-Bildband, erst recht an so einem Bilderbuchtag), dazu diese unerwartet glasklare Springsteen-Stimme von 1990 (als sein Organ eigentlich noch nicht die Tiefe und Reife hatte, die es in späteren Jahren zunehmend erreichte) und so schöne Versionen mancher Lieblingslieder (allein die Betonung einzelner Worte oder plötzliche Pausen an Stellen, an denen er sonst nie innehält oder einfach mal Klavier spielt statt Gitarre), dass das in Summe fast schwer zu ertragen war und mich bereits in emotional recht aufgeweichter Verfassung den Kochelsee erreichen ließ.

Am Zielort wartete schon der hübsch Bewimperte mit seiner federleichten Gefährtin, allmählich nervt das Umarmungsverbot wirklich kolossal, vor allem wenn man dann noch zugucken darf, wie die beiden Hundefräuleins sich total distanzlos und liebevoll aufeinander stürzen und später, auf einem Vorgipfel aus einem Napf trinken und sich dann erschöpft nebeneinander ins halbschattige Gras kuscheln und ein kleines Nickerchen machen.

Nicht dass ich mit dem hübsch Bewimperten kuscheln müsste, aber ein bisschen mehr Tuchfühlung wäre manchmal schon stimmiger als immer diese zwei Meter breiten Abstände – so viel Platz ist auf manchen Gipfelwiesen ja gar nicht.

Umso näher dafür die Gespräche, die wir führen, und auch schweigend baden wir in Glück an diesem Tag, weil wir uns so freuen, dass wir am Berg ähnliche Steige bevorzugen und dasselbe Tempo haben, und beim Gipfelbier, das der hübsch Bewimperte für uns aus seinem Rucksack holt, erzählt er mir von einem Hundehotel in Tirol und den dortigen Wiedereröffnungsangeboten und fragt, ob wir da nicht mal zusammen hinreisen wollen mit unseren beiden Hundemädels, und ich freu mich über diesen Vorschlag und willige ganz spontan ein, obwohl ich ja sonst übervorsichtig bin, was das Verreisen mit anderen Menschen betrifft, weil ich a) nicht allzu unkompliziert und b) auch nicht allzu kompromissbereit bin beim reisenden Unterwegssein, weshalb das für mich nur mit manchen entspannt machbar ist, denn es soll sich ja niemand meinetwegen verbiegen müssen (und ich bin eh nur schwer verbiegbar, genau das ist ja das Problem).

Die heißgelaufenen Füße anschließend in den See getunkt, zu kalt noch, um drin zu schwimmen, die Bergluft und die Sonne ausgekostet, bis letztere im See versank, anschließend wieder mit einer der „Springsteen, L.A., Shrine Auditorium, 1990“-CDs im Ohr gemütlich heimwärts gefahren, ein so reicher Tag, innen wie außen.

Tiefe Dankbarkeit, große Zufriedenheit, schwere Beine, wohligwarme Badewanne und schließlich Seit‘ an Seit‘ mit dem Dackelfräulein, das sich in ganz ähnlichem Zustand zu befinden schien, ins Reich der Träume verabschiedet.

Als ich die Augen schließe kurz der Gedanke: Wozu eigentlich in Urlaub fahren, wenn ab und an so ein Tag drin ist?

Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

Als die Kraulquappe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungustl verwandelt. Sie lag auf ihrem von zweimonatigem Baustellengenerve verspannten Rücken und sah, wenn sie den Kopf ein wenig hob, ihre winterbleichen Beine, zwei bogenförmigen Gebilde, zwischen denen die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, mit den letzten Traumresten zu einem klebrigen Etwas verschmolz. Ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dürren Morgengedanken flimmerten ihr hilflos vor den Augen.

Sie stand auf, gähnte heftig, rieb sich die Augen, streckte sich, blickte aus dem Fenster und sah wie eine Taube ungeschickt auf einem der Garagendächer des Hinterhofes landete und dabei ins Straucheln geriet.

Ihr Kopf hämmerte heftig, eine düstere Schwere lastete auf ihrer Brust, überhaupt fühlte sich ihr Körper so an, als sei ihm eine Art Leblosigkeit in die Knochen gekrochen und hätte sich dort eingenistet. In die dunkelgrüne Morgenjacke schlüpfend dachte sie: „So ein Schlafmittel, das ist keine Lösung für mich.“ Geschlafen hatte sie nämlich dennoch nur dürftig, stattdessen war ihr übel.

Und kaum hatte sie das vor ihrem sich noch im Prozesse des Erwachens befindlichen Inneren ausgesprochen, wusste sie, was sie tun musste, aller Müdigkeit und aller auf sie wartenden Pflichten zum Trotze.

Sie teilte sich, auf Verständnis hoffend, den ihren mit, packte alsbald ihre Sachen, schnürte ihr Ränzlein – und empfahl sich. Stieg ins Auto, legte den Forenbacher ein und fuhr los. Unterwegs wurde ihr klar, dass nun eine – man will es hoffen: überschaubar kurze! – Zeit des Unsagbaren beginnen würde. Denn es würde ab nun Ereignisse und Situationen geben, die besser ungesagt blieben, und das umso mehr, je schöner und je unsagbarer sie wären.

Denn über die Triftigkeit von Gründen wollte sie weder debattieren noch streiten, schon gar nicht mit Uniformierten, die je nach Landkreis die Dinge mal so und mal ganz anders sahen. Erstmals zog sie in Erwägung, die ihr sonst so verhasste, weil so dämlich und wichtigtuerisch daherkommende Formulierung „aus Gründen“ zu verwenden. Wenn es sogar namhafte und mit Preisen dekorierte Journalisten wagen durften, diese Hohlphrase niederzuschreiben, ja gar eine Überschrift damit zu verhunzen, dann würde sie, sofern man sie an- oder aufhielte, um sie mit einem gestrengen „Quo vadis?“ zu behelligen und im nächsten Schritt sogleich dessen Notwendigkeit zu hinterfragen, einfach keck und hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, zurückflöten: „Aus Gründen!“.

Es hielt sie aber niemand an oder auf, denn sie kannte ja die diversen Schleichwege noch aus den Sommern ihrer Jugend, parkte das Auto an einem einsamen Fleckchen, an das sich nur Einheimische verirren würden und schlich sich durch ein Buchenwäldchen zum Bächlein und an diesem entlang, in stillen Serpentinen immer weiter, der Leere und der Einsamkeit entgegen, die ihr zugleich Fülle und Gesellschaft war, bis sie dort war, wo sie sein wollte, und wo sie sein würde, solange ihre Füße sie trugen und die Lunge ihr Herz mit Sauerstoff füllte und ihre Augen tief hineinblicken konnten in diese Weite, die ihre Heimat war.

Und so war sie ja auf eine gewisse Weise daheimgeblieben und es verging endlich mal wieder ein ganzer Tag voll des Glückes und der Freiheit und der guten Aussichten, in aller Heimlichkeit und in aller Achtsamkeit fern der Horden, die sich täglich durch die städtischen Parks schoben. Schon morgen wird sie dem Staate wieder als brave Bürgerin zur Verfügung stehen, wenn um 10 Uhr der KoCo19-Forschertrupp klingeln und ihre Venen anzapfen wird, wovor es ihr graut, aber sie hat sich ja gottseidank ein Beruhigungsfilmchen mitgebracht.

About leaving oder: Abendliche Depesche aus dem Exil.

Zur Frühstücksbreze gibt’s Ruhe, Regen und die regionale Tageszeitung. Gerade mal seit vier Tagen habe ich mühsam eine Haltung gefunden, die es mir ermöglicht, während meines Wasserschadensanierungs-Exils einigermaßen schmerz- und wutfrei mit G., der Lebensgefährtin des Papas, umzugehen (wir berichteten hier), damit ich diese 9 Tage in G.s Haus halbwegs unbeschadet überstehe – und schon muss ich die nächste Haltung finden: Denn übermorgen geht’s heimwärts, zwar noch nicht in die Wohnung, aber immerhin schon mal in die Nähe der Wohnung, in ein Hotel ums Eck, und all diese Orte befinden sich in der „Corona-Hauptstadt“, wie der hiesige Merkur titelt.

Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das finden soll, eigentlich freute ich mich aufs Ende des Exils, der Unbehaustheit und der Heimatlosigkeit. Aber nun? Corona-Hauptstadt?!?
Naja, man wird sehen, was da noch alles kommt. Sollten wir uns wegsperren müssen, haben wir immerhin ein neues Bad und keine Flecken mehr an den Wänden.

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G., die Lebensgefährtin des Papas, kommentiert auch an Tag 7 meines Aufenthalts noch unbeirrt jeden Happen und jeden Schritt von mir, sobald wir uns begegnen. Ich kommentiere nun grundsätzlich zurück, in ähnlichem Tonfall, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, nur die Wortwahl ist etwas deftiger, denn ein bisserl Kontrast muss schon sein.

Einer der Spitzendialoge war in den letzten Tagen dieser hier:

Ich, in der Küche stehend, mir ein Müsli mit frischem Obst zubereitend.
G., im angrenzenden Wohnzimmer sitzend, eigentlich lesend, aber permanent den Papa, der ebenfalls im Wohnzimmer sitzt, mit irgendwas zutextend.
G. sieht, dass ich in die Küche gehe, hört von dort Zubereitungsgeräusche (die Tür steht immer offen, man hört jedes Löffelklappern) und sagt im Keifton zum Papa: „Die isst ja ständig was!“
Der Papa entgegnet: „Auch nicht öfter als wir.“
G.: „Doch! Wenn wir morgens runterkommen, hat die ja schon gefrühstückt. Dann holt sie sich vormittags noch irgendwas. Und dann meist noch dieses Müsli, bevor sie mit dem Hund loszieht! Die isst dauernd!“
Der Papa: „Ist doch egal, lass sie doch.“
G.: „Ich staune aber schon. Dass die so oft was isst. Wie kann man nur so viel essen? Naja, erlauben kann sie sich’s ja…“
Ich schalte mich von der Küche aus ein, also ohne Blickkontakt, was die Sache vereinfacht: „DIE kann euch übrigens hören. Und DIE isst was, so oft sie möchte. Und selbst wenn DIE es sich nicht erlauben könnte und kugelrund wäre, wäre es immer noch IHRE Sache.“

Mich hingegen versetzt es in Staunen, dass und wie G. sich wirklich über alles echauffieren kann, was ihren Vorstellungshorizont sprengt oder sich mit ihrem Weltbild nicht verträgt. Zumal das so vieles ist. Wie schafft man das, sich über so vieles zu ereifern? Wie fühlt sich das an, einen anderen immer nur abzuwerten und zu kritisieren? Wie geht es einem damit, jemandem 7 Tage lang keine Verständnisfrage gestellt zu haben, ihn/sie aber in einer Tour bemeckert zu haben für nahezu alles, was er/sie tut?

Noch mehr aber staune ich, als ich neben G.s Sessel auf einem Beistelltischchen dieses Buch entdecke:

Einerseits möchte ich G. zurufen: „Ja super, fahr doch einfach los und such deine Freiheit!“. Andererseits schnürt mit der Anblick des Covers die Kehle zu, lässt mich eher still werden und denken: „So ein Buch liegt da nicht zufällig. Schon gar nicht mit einem Lesezeichen, das bereits in Buchmitte steckt.“

So viel unerfülltes Leben, wohin man nur blickt. Unerfüllte Träume, unerfüllte Bedürfnisse, unerfüllte Beziehungen, unerfüllte Vergangenheit, unerfüllte Gegenwart.
Beklemmende Biografien mit noch beklemmenderen Fazits, spätestens, wenn der letzte Lebensabschnitt mal erreicht ist. Alles so welk, so trist, so trostlos.

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Wenn ich gelegentlich kurz hinter das ganze Gemecker und Gekeife von G. schaue, sehe ich eine alte, unzufriedene Frau, wohlhabend und geizig zugleich, sich der Welt und Umwelt immer mehr entfremdend (vielleicht auch durch beginnende Demenz und/oder sich manifestierende, unbehandelte psychische Probleme), mit zwei Söhnen, die sich nicht für sie interessieren und mit einem Partner, für den sie sich nur interessiert hat, so lange er gut funktionierte und „jemand“ war und für „etwas“ stand.

Der Papa ist nicht mehr der große Geschäftsführer und Chef oder der Leiter und Lenker einer Institution mit mehreren hundert Angestellten, er lässt keine Gebäude mehr bauen, er hantiert nicht mehr mit Budgets, er hat keinen Fahrer mehr und auch keine Sekretärin.
Er ist jetzt alt und gebrechlich und bereits zur Hälfte von Mr. Parkinson zernagt.

Seine rechte Körperhälfte gehört ihm immer weniger. Mit der rechten Hand trifft er kaum noch die Maustasten, Bestellvorgänge im Internet werden schwieriger, weil er sich verklickt oder zu langsam ist. Unterschriften werden zur Qual. Schuhe anziehen sowieso. Alles ohne Klettverschluss ist Strapaze, egal, ob Knopf oder Schnürung oder Gürtel.
Kochen, einst eines seiner größten Hobbies, erfordert so viel Feinarbeit und motorische Anstrengung, dass ihm der Appetit vergeht, bevor das Essen auf dem Tisch steht. Und steht es dann doch auf dem Tisch, kann er manches nicht mehr in mundgerechte Stücke schneiden oder verliert diese auf dem Weg zum Mund.
Die Mimik wird starrer und starrer, wirkt manchmal unfreundlich eben wegen dieser Starrheit, die rechte Gesichtshälfte streikt zusehends und produziert statt einem Lächeln einen Speichelfaden, der auf dem Hemd landet, direkt neben dem Fleck vom Abendessen, das ihm von der Gabel fiel.

Der Alltag ist zur Zitterpartie geworden. Er ist froh, wenn ihm nichts entgleitet oder gar herunterfällt, denn Bücken ist eine Herausforderung fürs Gleichgewichtsorgan geworden, also fasst er manches lieber gar nicht mehr an. Im alltäglichen wie auch im übertragen Sinne. Er klinkt sich aus. Was er nicht mehr berührt, kann ihm auch nicht mehr entgleiten, meint er. Was er nicht an sich nimmt, kann ihm auch nicht mehr herunterfallen und zerspringen, meint er. Er klinkt sich aus.
„Du irrst dich, Papa!“, will ich zu ihm sagen und dann bringe ich es doch nicht übers Herz, weil ich kein tragfähiges Alternativkonzept weiß, das ihn mit sich und der Welt wieder verbinden könnte, zumindest keines, das für ihn taugen würde. Ich lasse ihn sich ausklinken, sehe ihm dabei zu, in einer dumpfen Ohnmacht.

Sein Radius wird kleiner und kleiner, der betretbare Ausschnitt der Welt wird schon bald einer sein, bei dem die Hauptgefahr darin besteht, sich selbst auf die eigenen Füße zu treten. Dieses sich so deutlich anbahnende Um-die-eigene-Achse-Drehen spürt er und es jagt ihm Angst ein, aber da er nie gelernt hat, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen, weil er, als er noch Chef war und den ganzen großen Laden alleine gut im Griff hatte und haben musste, einfach keine Ängste hatte, außer den paar persönlichen, die aber durch ein paar Bier in Schach zu halten oder zu verdrängen waren, steht er nun recht hilflos vor einer völlig neuen Situation.

Da kommt etwas auf ihn zu, ist sogar schon fast da, Mr. Parkinson atmet und keucht ihm nämlich nicht nur täglich spürbar in den Nacken, sondern hockt da wie ein Klammeräffchen und zischt ihm in das Ohr, das ängstlich lauschend über seine zitternde rechte Hälfte wacht: „Bald bin ich ganz Du und Du bist ganz Ich und dann fallen wir gemeinsam ins Bodenlose!“
Das hört er wohl und es beklemmt ihn, aber er kann das Klammeräffchen nicht mehr aus seinem Nacken entfernen (wie auch, wenn der Arm doch so zittert) und fängt an, Augen und Ohren zu verschließen. Nicht nur vor dem alten Affen Angst, sondern vor allem, auch vor dem, was ihn ans Leben erinnert, wie es mal war oder wie er dachte, dass es noch sein würde, wenn er in Rente wäre und endlich Zeit und Ruhe hätte, für all das, was ihm das Chefsein und er sich selbst verwehrt hatten.

Alles auf eine Karte gesetzt und die für einen Trumpf gehalten, lange geglänzt wie einer, der die Asse, eines nach dem anderen, nur so aus dem Ärmel zieht, Privates dem Beruf und Eigenes der Familie untergeordnet, wie das halt so läuft, wenn es läuft und irgendwann läuft einem doch alles davon, obwohl es so gut zu laufen schien.
Die alten Freunde verloren, keine neuen gefunden, Arbeit-Arbeit-Arbeit, Anstrengung-Anstrenung-Anstrengung, also nur noch berufliche Weggefährten, von denen die wenigsten bleiben, wenn der berufliche Weg mal geendet hat, also viel Raum da, der zu füllen gewesen wäre, aber bevor eine konkrete Idee auf den Plan trat, womit, trat Mr. Parkinson durch die Hintertür ein und füllte von dort aus die Räume, einen nach dem anderen und bald wird das ganze Haus, dessen Herr er mal war und immer bleiben wollte, eine einzige Besatzungszone sein.

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Bei der Hunderunde durch den strömenden Regen komme ich an dem Café vorbei, in dem ich letzte Woche mit dem Theologen und dem Onkologen zusammensaß und den Nachmittag verplauderte. Ich gucke durchs Fenster in das Café hinein und prompt sehe ich die beiden auf ihrem Stammplatz sitzen. Bin versucht, sofort weiterzugehen (trüber Tag heute, nicht gesellschaftsfähg), aber sie haben mich bereits entdeckt und winken mich fröhlich zu sich herein.

Triefend vor Nässe betreten das Dackelfräulein und ich das kleine Café, die alten Herren haben schon einen dritten Stuhl zu ihrem Tisch gezogen, nehmen mir den pitschnassen Mantel ab und organisieren eine Decke, auf die sich die Hundedame zum Abtropfen legen kann.
Die beiden überschlagen sich vor Höflichkeit, ich muss mir ein paar Trüffel aussuchen und einen Tee bestellen. Der Theologe möchte meine Meinung zu seiner neuesten Grabrede hören, die er heute Morgen verfasst hat, der Onkologe möchte hören, wie es am Wochenende in den tief verschneiten Bergen war.

Dann müssen die beiden los, der eine zum Augenarzt, um ein Rezept abzuholen, der andere zum Bestatter, um die Grabrede abzuliefern.
Ich bleibe noch eine Weile allein in dem Café sitzen, gucke auf den grauen See hinaus und trinke noch einen Kaffee, schreibe dem Gatten und einem Freund ein paar Zeilen per Whatsapp und hänge meinen Gedanken nach.

Die Himbeertrüffel in dunkler Schokolade sind übrigens meiner Ansicht nach die besten.

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Diese Tage im Wasserschadensanierungs-Exil führen mir nicht nur meine konkrete akutelle Heimatlosigkeit vor Augen. Neben dem Nicht-im-eigenen-Zuhause-Wohnen-Können offenbart sich mir im (voraussichtlich letzten längeren) Zusammenleben mit dem Papa auch noch eine ganz andere Art von Heimatlosigkeit, derzeit noch mehr als Ahnung, aber wer weiß, wie lange noch.

Als ich heute eine Stunde durch den Regen jogge, immer monoton an der tosenden Weißach entlang, immer schnurgradaus, immer die Repeat-Taste des Walkmans drückend, um „About Leaving“, diesen Hammer-Song von Matthias Forenbacher, endlich voll und ganz aufzusaugen, zu erfassen und zu verstehen, da mischt sich plötzlich mein Schweiß mit dem Regen, und alles fließt mir in Strömen übers Gesicht, vielleicht sogar noch viel mehr als nur Schweiß und Regen, und einfach alles, der Rausch dieser Lyrics und das Tosen des Gebirgsbachs und mein bis in die Schläfen pochender Herzschlag und das schmatzende Geräusch meiner Laufschuhe in dem Matsch des Uferweges kulminieren in der Frage: Wer bin ich, wenn er nicht mehr ist, welcher Teil von mir wird mit ihm sterben, welcher wird weiterleben und wie wird meine Welt aussehen, wenn die seine komplett untergegangen ist?

What is the truth when you’re going to leave?

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Song des Tages (45).

Im Gasthof der Ersthochzeitsfeier sitzend. Um 17 Uhr, ziemlich alleine, ziemlich hungrig, nach einem längeren Marsch durch Wald, Feld und Moor.
Wie oft bin ich genau diese Runde in meinem Leben wohl schon gegangen? Hundertfünfzigmal? Oder noch viel öfter? Seit 1990 jedenfalls jährlich mehrfach, vermutlich mit jedem Menschen, der mir je wichtig war oder ist oder es mal sein könnte, und natürlich auch mit allen drei Dackeldamen, die Teil meines Lebens waren oder sind.

Quasi das „Thunderroad“ unter meinen Spazierwegen, diese Rundwanderung: lebenslang und durch alle Gezeiten (und alle Gefährten) wird sie einen begleiten, sofern sie nicht das schöne Moor trockenlegen und eine hässliche Neubausiedlung draufklotzen, was im Naturschutzgebiet ja zumindest während meiner noch verbleibenden Lebenszeit kaum zu anzunehmen ist, ich aber auch nachfolgenden Generationen nicht wünsche.

Der Gasthof Georg Ludwig. Zuletzt mit meinem großen Freund S. hier gewesen, vor zwei oder drei Jahren, glaube ich. In den 1990er Jahren oft mit dem Papa in diesem Wirtshaus gesessen, in den 2000er Jahren einige Male mit dem Ex-Gatten, seitdem nur noch alle paar Jahre, wenn es sich grad ergibt, und das tut es eher selten.

Ich sitze im Stüberl, am selben Platz wie bei den Feierlichkeiten damals, das Fräulein schnarcht zufrieden in ihrem sogenannten Schmuddelkörbchen, ein ausrangiertes Exemplar einer Dackelschlafstatt, das hinten im Kofferraum liegt und überallhin mitfährt, um jederzeit für eine Einkehr auch im Wildschweinlook mit Rundum-Dreckverkrustung gerüstet zu sein und keinen Wirt zu verärgern, weil sein Boden nach des Fräuleins Besuch ausschaut wie Sau.

Äonen her, diese Feier, nur der schöne alte Holzboden ist noch derselbe, ansonsten macht man jetzt auch hier auf gediegen und some kind of Cottage-Shabby-Chic.
WLAN gibt’s nun ebenso wie ein paar hübsche Hotelzimmer (was ist nur dem herrlichen Begriff Fremdenzimmer widerfahren, wieso existiert der nimmer?) und Vegetarisches auf der Speisekarte (sogar Formulierungen wie „Duett von…“ und „Kreation aus…“ treten dort mutig an gegen allerlei „Hausgemachtes“). Beim Blick aus dem Fenster aber immer noch vergilbte CSU-Plakate und gegenüber der alte Bauernhof (hinter dessen Scheune mich einst ein verheirateter Chirurg aus Oldenburg küssen wollte, aber das ist eine andere Geschichte, noch dazu eine reichlich banale, obwohl der Typ ein bisschen wie Damian Lewis aussah, aber das war auch das einzig Interessante daran).
Manches ändert sich in Bayern eben nie, genau wie im richtigen Leben.

Die Menschen, die man schon Jahrzehnte kennt, ändern sich ja auch weitaus weniger als sie den Anschein zu erwecken bemüht sind (oder das wirklich glauben, weil sie sich dem Diktakt, sich selbst zu finden oder gar neu zu erfinden, verschrieben haben oder irgendeinem vergleichbaren Quark auf den Leim gegangen sind).
Mich brauch ich da gar nicht explizit einschließen, in den Kreis der sich kaum Veränderthabenden, da ich mich nie aus jenem ausgeschlossen habe, weil ich mich im Kern (von dem wir jetzt einfach mal so annehmen, dass es ihn überhaupt gibt) nicht mehr wesentlich neu ge- oder erfunden, verwirklicht oder optimiert habe, seit ich zum ersten Mal die eingangs erwähnte Spazierrunde durch Wald, Feld und Moor drehte – auf meine relative Unveränderbarkeit ist schon seit 30 Jahren relativ unverändert Verlass, was so seine Vor- und Nachteile hat, über die ich mich jetzt aber nicht auszulassen gedenke, weil es mir gerade gut geht und ich diesen Zustand unverändert belassen und nicht sezieren möchte.

Gestern Abend, nach anderthalb Jahren, M. wiedergesehen. Einst mein bester Freund, zu Zeiten, als man an diesem sozialen Exzellenz-Label noch hing und es gelegentlich hochhielt wie eine kleine Trophäe (in der irrigen Annahme, man würde sich damit irgendwie vom Rest der nurnormalefreundehabenden Menschheit abheben). Mittlerweile eine Kategorie, die mir eh wurscht ist.
Freundschaften kommen und gehen (oder kommen wieder, obwohl sie zuvor gegangen sind), nur wenige haben Bestand über Jahre oder Jahrzehnte, etliche überstehen kaum ein Sommergewitter oder ein Blitzeis, manche sind an einzelne Themen oder Lebensphasen gebunden, eine Handvoll funktioniert nur, wenn die Befreundeten in einem ähnlichen Ausmaß vor Glück und Gesundheit strotzen oder in Leid und Krankheit versinken, andere wiederum sind völlig losgelöst von Zeit, Raum, Befindlichkeiten, Situationen und Dingen, die man teilt oder nicht teilt (und mit hoher Wahrscheinlichkeit hab ich noch x weitere Möglichkeiten und Gesichter von Freundschaft hier überhaupt nicht aufgezählt, weil sie mir grad nicht einfielen).

M. ist jedenfalls der erste meiner Freunde, mit dem die Freundschaft endete, ohne dass ich einen radikalen oder zumindest deutlich ausgesprochenen Schlussstrich gezogen hätte, was meiner Ordnungsliebe und dem Bedürfnis nach Klarheit zunächst sehr zuwiderlief.
Es gab lediglich ein paar Auseinandersetzungen, weil M. im Gegensatz zu mir damals nicht der Ansicht war, etwas ganz Entscheidendes sei uns abhanden gekommen. Richtig ausdiskutiert wurde das nie, zwar offen und ehrlich angesprochen, besonders kontrovers oder allzu emotional ging es dabei aber nicht zur Sache, geklärt wurde auch nichts, sondern es blieb dann irgendwann so stehen, in seiner ganzen unübersehbaren Beschädigtheit und der Runzligkeit von Phänonemen, die ihren Glanz verloren haben. Nur ab und an verspürte ich kurz den Drang, M. vielleicht doch besser nie wieder zu sehen, weil ich keinen Abklatsch dessen erleben wollte, was wir mal hatten, gab diesem Impuls aber nicht nach.

Nun also das dritte Treffen seit dem Bruch. Immer noch vertraut, weil man sich zu lange kannte und zu viel zusammen erlebt hatte, um einander je völlig fremd werden zu können, solange keine Extremfälle eintreten wie: einer wird Hedgefondsmanager und der andere Anhänger einer religiösen Sekte (oder andere biographische Disparitäten dieser Dimension).
M. ist im Grunde immer noch der, den ich vor zwanzig Jahren kennenlernte. Dieselbe Art, seine zahlreichen Anekdoten einzuleiten („der Story muss ich erstmal zwei, drei Sätze vorausschicken“) und zu erzählen (locker, lustig, langatmig: inklusive Einleitung dauern als kurz angekündigte Stories gern mal 45 Minuten oder länger). Derselbe trockene Humor, dieselbe wohlplatzierte Selbstironie, und sogar bei neuen Vorlieben (die ja nun völlig getrennt voneinander entwickelt wurden) noch eine Schnittmenge zu den meinen erkennbar.
Und auch dieselben Dinge, die mich vor ein paar Jahren so ermüdet und frustriert hatten, dass ich die noch verbliebenen Reste des blassen und rissigen Beste-Freunde-Aufklebers von der dünner und dünner werdenden Blase, in der wir uns noch manchmal gemeinsam aufhielten und die darin dünner und dünner werdende Luft einatmeten, und eine Weile hechelnd und heuchelnd so taten, als sei alles noch wie immer, abkratzen musste.

Bei unserem letzten Wiedersehen im Herbst 2018 war ich enttäuscht, dass auf eine ominöse Art in den paar Stunden alles war wie immer, obwohl ja zugleich nichts mehr so war wie zu früheren Freundschaftszeiten, keiner von uns sprach das an, stattdessen brachten wir einander auf Stand (eine selten dämliche Redewendung, passt aber gut zu dem Missmut, den ich oft gegenüber der damit bezeichneten Aktivität empfinde), vor allem M. mich, denn M. ist einfach der größere und bessere Auf-Stand-Bringer und Redner von uns beiden, und auch der, der für den Redebeginn keine Frage benötigt oder erhofft und für den das auch im Fortgang der Rede keine Rolle spielt, wenngleich ich fairerweise sagen muss, dass Ms Gerede nie dumm oder langweilig ist, im Gegenteil, es ist eher wie einer recht unterhaltsamen Sendung im Radio zu lauschen, und so kam ich nachhause und sagte zum Gatten, dass ich nicht wisse, was das noch solle, und dass der Abend zwar durchaus kurzweilig und ganz nett war, ich aber zugleich ein Gefühl von umfassender Belanglosigkeit verspüre (alles irgendwie einerlei: ob das nun war oder nicht, ob es nochmal sein würde oder nicht) und ich doch ein Leben mit so wenig Belanglosigkeiten wie möglich führen wolle und daher nicht sagen könne, ob ich mich je nochmal mit M. treffen würde, das aber erstmal sacken lassen müsse, bevor ich eine Entscheidung träfe. Die ich dann wieder nicht traf, weil sie sich mir nicht aufdrängte, folglich wohl auch nicht dringend getroffen werden musste, und weshalb wir uns gestern eben erneut treffen konnten.

Gestern gegen 23 Uhr, nach fünf Stunden mit M. – er war gerade zur Toilette verschwunden und ich hatte einen kurzen, anekdotenfreien und ruhigen Moment für mich allein, da wir die letzten im Lokal waren – , saß ich da, spürte, wie man so sagt, in mich hinein und hatte zum allerersten Mal den Gedanken: Vielleicht werde ich allmählich altersmilde.
Denn ich ertappte mich dabei, dass ich es letztlich gut fand, ihn wiederzusehen. Nicht existenziell wichtig und auch nicht tagelang beglückend oder anderweitig nachwirkend, auch weder große Zukunft verheißend noch viel Vergangenes aufwühlend, beileibe nicht mehr diese große Sache von früher und auch nicht mehr diese alte Begeisterung, aber dennoch eben auf eine simple Art einfach in Ordnung und gut.

Zu hören, dass auch er zufällig denselben zum Nachfolger des leider mehr und mehr von der Bildfläche (treffender noch wäre: von der Hörfläche) verschwindenden Klaus Maria Brandauers auserkoren hat, nämlich Nicholas Ofczarek.
Ihm zu erzählen, ich hätte zwar nicht ganz wie einst Jon Landau die Zukunft des Rock ’n‘ Roll, dafür aber die Zukunft dieser Zukunft gesehen und ihm dann einen Forenbacher-Song vorzuspielen und mitzuerleben, dass ihn das sofort erwischt, beim ersten Hören, und er sich gleich den Namen notiert.
Vor Monaten den gleichen Artikel von Kurt Kister gelesen und dabei gedacht zu haben, dass man den Text eigentlich dem anderen schicken sollte, falls der ihn verpasst hätte und es dann doch nicht getan hat.
Beim Abschied vor dem Lokal die Mütze aufzusetzen und gefragt zu werden, ob das immer noch diese Sturmhaube sei, die er damals, vor zwanzig Jahren, so albern fand, dass er mich wochenlang Frau Pipolaki nannte, nach dem eingestickten Markenamen in der Mütze, was wir dann beide albern finden konnten.
„Nein, das ist sie nicht!“, antwortete ich, und dachte: aber es ist eine verdammt ähnliche Mütze und auch ich bin’s immer noch und du bist’s ja auch noch, und dann sagten wir „Ja also dann, bis zum nächsten Mal!“, in einem Jahr vielleicht, oder wann auch immer, es ist auf eine nicht völlig belanglose, aber völlig zeitlose Art egal, kein Schlussstrich hat uns den Weg abgeschnitten, und dass das nun so ist, ist womöglich ja doch ein winziges Indiz für eine gewisse Veränderbarkeit von dieser Frau Pipolaki, die ja heutzutage eher unter Frau Kraulquappe firmiert und nach der Wildschweinreinigung daheim auch gleich wieder als solche in die Freitagabendfluten eingetaucht und ihnen soeben erfrischt wieder entstiegen ist.

Auf dem gestrigen Heimweg durch die nächtliche Allee an diese Sentenz (vergessen, von wem) gedacht, in der es heißt, man müsse die Menschen nehmen wie sie sind, es gäbe schließlich keine anderen.
Was angesichts der Vielzahl der Menschen und der daraus resultierenden Auswahlmöglichkeiten natürlich ein Schmarrn ist, aber wenn man die Aussage mal eingrenzt auf die Wegbegleiter, die man so hatte oder immer noch hat oder mal haben wird, und eine Schippe Altersmilde und eine Prise Panta rhei dazugibt, freilich ohne den kritischen Blick und das No-surrender-Feeling früherer Jahre (inklusive mancher seiner zu recht kompromisslosen Aspekte) gänzlich über Bord zu werfen, dann bleibt vielleicht ja doch mehr übrig von dieser Strophe, die M. und ich anno 2002 mal zu „unserer“ erklärt hatten, als ich es in den letzten Jahren gedacht habe:

It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting baby, your heart to mine
We’re runnin‘ now but darlin‘ we will stand in time
To face the ties that bind
The ties that bind
Now you can’t break the ties that bind
You can’t forsake the ties that bind

Bierbichler-Country.

Nach vier seelosen (aber keinesfalls seelenlosen) Tagen wieder am See unterwegs: Ostufer – von Münsing über Reicherskam, Holzhausen, Oberambach und Weidenkam nach Ambach.

Dem Föhn sei Dank weht ein so mildes Lüftchen, dass man mit offener Jacke spazieren gehen kann, und nicht friert, wenn man alle 10 Minuten stehenbleiben muss, um die Himmelsfarben überm See oder der Alpenkette zu bewundern oder sich auf dem Aussichtsbankerl vor der Holzhausener Kirche niederlässt und sein Käsebrot isst.

Dann sogar noch ein Plätzchen im Bierbichler-Gasthof bekommen, auf ein Unertl, eine leichte Frühnachmittagsweiße, im Wirtshausflur hängt das Interview mit dem Spruch des Hausherrn: „Ich hacke Holz, damit ich nicht joggen muss.“

Nette Münchner mit am Tisch, Blick auf den See, eine angeregte Unterhaltung ergibt sich und weil’s dann bei Aufbruch glatt schon ein wenig dämmert, nehmen sie das Dackelfräulein und mich ein Stück im Auto mit, da wir die anderthalb Stunden zurück zum Auto definitiv nicht mehr im Hellen geschafft hätten.

Daheim gleich die schon morgens vorbereitete Lasagne ins Rohr geschoben und alsbald verzehrt. Was will man mehr?