Von Alpen, Hörnern und Beschaulichkeit.

Heute kamen wir zunächst etwas schwer aus den Federn. Der gestrige Hitzemarsch steckte uns noch arg in den Knochen…

…so dass ich um ein Haar dem auffälligsten und am unstressigsten wirkenden Wegweiser gefolgt wäre…

…wenn das Dackelfräulein nicht plötzlich so verdammt fit gewesen wäre…

…und munter von Alpe zu Alpe bergauf wieselte und nur an manchen Gefahrenstellen mein Geleit suchte.

Nachdem ich 7 kg Dackel durch mehrere Kuhherden und meine müden Gebeine samt des vollen Rucksacks die 850Hm zum Immenstädter Horn geschleppt hatte, dankte ich beinahe dem Herrn, dass wir Gipfel Nr.1 sogar noch vor dem 12 Uhr-Läuten erreicht hatten.

Von den 3 Litern Wasser wurden wir hier oben die Hälfte los…

…danach ging’s weiter, und wenn ich etwas in den Bergen nicht mag, dann sind das Zwischenabstiege, bei denen man den nächsten Anstieg samt Ziel permanent vor Augen hat…

… so wie in dem Fall das Kemptener Naturfreundehaus, dessen Erreichen bei üblem Unterzucker und hochsommerlichen Temperaturen heute echt eine harte Nuss war…

…so hart, dass die eine oder andere schöne Aussicht kaum noch gewürdigt werden konnte.

Bei der Hütte angekommen, mussten zunächst noch die Nachbarschaftsverhältnisse geklärt werden…

…dann ließen wir uns zur wohlverdienten Stärkung nieder und wurden nicht enttäuscht: Bei der Portion hätte glatt noch ein Bernhardiner mitfuttern können!

Mit neuer Energie ausgestattet packten wir noch den Gipfel des Gschwender Horns und sogar den langen Abstieg in praller Sonne…

…die einzige Etappe, auf der ich mich heute besser schlug als mein Hund!

Dank einiger Bäder in Viehtränken hat Pippa dennoch tapfer durchgehalten…

…und geschafft und zufrieden kamen wir beide wieder beim Parkplatz an.

Game over!

Für die Madame hieß es, 2 Stunden bis München gemütlich auf der Rückbank durchratzen, während ihre verklebte, müde Chauffeuse erneut Fußarbeit leisten musste (wg. Landstraßen, Traktoren, LKWs, Entenfamilien).

Schön war’s im Allgäu, wir kommen auf jeden Fall wieder – der Grünten fehlt uns noch und auch Oberstdorf müsste man sich ja endlich mal im Sommer anschauen.

Als irgendwo hinter Huglfing der erste Blick auf Heimgarten, Jochberg und Benediktenwand möglich ist, da kriecht es massiv in mir hoch: Das Gefühl von Heimat, von Nachhausekommen, von Zugehörigkeit. Je älter ich werde, desto häufiger und deutlicher spüre ich das. Vor nicht allzu langer Zeit war mir das noch peinlich, mittlerweile kann ich es genießen.

Eine gute Nacht wünscht

Die Kraulquappe.

PS: Ach ja, liebe Allgäuer, erklärt mir doch bitte mal, was ein „beschaulicher Fußgänger“ sein soll?! Wir haben das Strandpromenaden- und Badevolk gründlich beschaut…

… und waren recht froh, dass wir kein Miteinander mit denen hatten.

Smell the same deep green of summer. Zum 1. Juni 2017.

Lieber T.,

bei unserer ersten Begegnung hatte ich zittrige Knie, schweißnasse Hände und brachte vor lauter Nervosität kaum noch einen Ton heraus.

Da stand ich mit meinem abgesoffenen Kombi auf der Auffahrt der neuen Tiefgarage und hatte keinen Schimmer, wie ich diesen Fleck jemals wieder verlassen würde.

Steil, steiler, unsere Garage.

Die neue Tiefgarage ist ein kleiner Alptraum: eng, steil, im unteren Drittel mit einer unmöglichen Kurve versehen (inklusive Schräge mitten in der Kurve) und damals auch noch mit dem Streusplitt einer ganzen Wintersaison übersät, so dass die Hinterachse des Autos bei nur minimal zu viel Gas ausbrach und der sonst so tolle „Berg-Anfahr-Assistent“ versagte – ich würgte die Kiste ab, zog die Handbremse, wusste nicht, wie vor oder gar zurück, das Licht in der Garage erlosch, das Tor schloss sich und da saß ich nun. Just in diesem Moment – dem beschämendsten meiner gesamten eigentlich eher störungsfreien Autofahrerkarriere – traf ich dich. Das Garagentor ging auf und oben erschien ein Mann mit Fahrrad: Du. Damals firmiertest du noch unter „der neue Nachbar“ oder „Herr T.“, denn wir hatten uns noch nie gesehen. Dank deiner Unterstützung habe ich mich aus dieser schrecklichen Schräglage befreien können und es noch rechtzeitig zum Abendessen nachhause geschafft (wo doch ausgerechnet an jenem Abend das Quartals-Kochen des Gatten stattfand).

Die Wochen bis zu unserem Einzug hast du mit geduldigem Annehmen von zig Lieferungen für uns verbracht. Gut zwei Monate nach der Tiefgaragenbegegnung betrinken wir uns bereits mit alkoholfreiem Radler und Weißbier auf deinem Balkon, während Pippa drinnen selig auf der Couch schnarcht. Du zeigst mir deine Briefmarkensammlung Stadtchronik von N., zwischen deren vergilbten Seiten sich eine der bewegendsten Stories deiner Jugend verbirgt (die ich nie vergessen werde – danke für diesen ersten Akt des Vertrauens!).

Abends auf Balkonien bei T.

An Samstagen fläzt neuerdings der Gatte bei dir rum, 90 Minuten geteiltes Männerleben unter dem Fürstenrieder Sky, wenngleich meist mit heruntergelassenen Jalousien, so dass man selbigen kaum sehen kann. Vom Balkon unserer Wohnung höre ich euch jubeln oder fluchen und freue mich, dass ich kein „Heute im Stadion“ mehr hören muss und die Debatte über ein Sky-Abo diesmal so elegant wie noch nie losgeworden bin.

Du besorgst Leckerli für das Dackelfräulein (Regel Nr.1 fürs making-friends mit Hunden, well done!), wir revanchieren uns mit Kuchen. Du bietest Asyl, wenn ich vom Joggen heimgehechelt komme, mich ausgesperrt habe und Gatte&Hund erst in 2 Stunden zurückkehren werden. Im Gegenzug darfst du meine bewährten Beschwerdebrief-Textbausteine und unseren Drucker nutzen.

Man tauscht bei jeder Begegnung ein paar Worte, Sätze oder Geschichten aus, schließlich auch die Hausschlüssel, denn transpirierende, schusselige Nachbarinnen will man nicht allzu oft bei sich rumsitzen haben, logisch. Das erste Dogsitting hast du auch bereits mit Bravour gemeistert und sogar beide Ohren behalten, das erste Abendessen zu dritt konnte ebenfalls unter „gelungenes Sozial-Event“ verbucht werden.

Eine rasante Entwicklung, vor allem für drei, die von sich behaupten würden, dass lockere Geselligkeit und rasche Annäherung nicht ihr hervorstechendstes Talent sind.

Gute Nachbarschaft und beginnende Freundschaft sind gleichwohl fragile Angelegenheiten, weshalb wir einvernehmlich eine Probezeit vereinbart haben, damit man ggf. nochmal rauskommt aus der Nummer. Neben aller anfänglichen Freude nimmt man einander in den ersten Wochen und Monaten schließlich auch kritisch unter die Lupe: Was liest der andere, was isst er, wann steht er auf, wann geht er schlafen, hat er viel Publikumsverkehr oder lebt er eher zurückgezogen, welches Waschmittel benutzt er, welche Rituale sind sonst noch zu beobachten, hat er seinem WLAN einen kreativen Namen verpasst, welche Musik schallt vom Nachbarbalkon hinüber und welche Leichen hat er im Keller oder in der Garage versteckt.

Was Letzteres angeht, so hast du mir erstmal ein großes Rätsel aufgegeben.
Fast täglich bot sich meinem aufmerksamen Blick in der Garage eines der folgenden Stilleben, wenn ich zu deinem Stellplatz guckte:

Mal eine Bierflasche, mal mehrere, Sorten wechselnd, ab und an auch eine Dose Red Bull dazwischen. Das Arrangement wechselte stets abends. Hm, fragten wir uns, ist das die tägliche Feierabend-Wegzehrung unseres neuen Nachbarn? Aber der hat doch nur 10 Minuten zur Arbeit zu radeln, wie kippt man denn in der Zeit einhändig ein Bier rein (oder gar drei)? Oder fährt er gar nicht Rad, sondern fliegt – Red Bull sei Dank? Und wieso hat der Typ keine Lieblingssorte, sondern springt von Hacker zu Augustiner zu Tegernseer…? Seltsam auch, dass er immer so nüchtern wirkt, wenn man ihn trifft! Was stimmt da bloß nicht?!?

Nachfragen verbot sich zunächst, so nahe war man einander noch nicht. Manchmal zahlt sich Geduld wirklich aus. Bei unserem ersten Abend an deiner Hausbar (mit Schorle, Pizza und Gummibärchen) hast du sie mir einfach von selbst serviert, die Story zum Bild.
Du bist ein Held des Umweltschutzes (vom „Blauen Engel“ wollen wir in dem Zusammenhang lieber nicht sprechen), das ist des Rätsels Lösung!

Auf dem Weg zur Arbeit, den du radelnd zurücklegst, passierst du eine Unterführung, in der nahezu jeden Tag leere Flaschen herumkullern. Du hälst an, sammelst sie ein, nimmst sie mit, parkst sie abends neben deinem Rad und nimmst sie bei der nächsten Einkaufsfahrt zur Leergutrückgabe mit.
Nebenbei – ich hab’s mal hochgerechnet – fließen auf diesem Weg jährlich ca. 188€ in dein Geldbörsel (flaschenlose Urlaubstage und Werktage mit nur einer Flasche sind in die Rechnung einbezogen). So kommen in deinem restlichen Berufsleben noch ca. 4.700 Öcken zusammen. Nicht schlecht!

Es sei dir vergönnt, dieser beharrliche Einsatz für eine saubere Umwelt muss natürlich belohnt werden. Ich jedenfalls bin nur erleichtert, dass sich deine „Leichen“ in der Garage als so harmlos erwiesen haben (oder du dir spontan eine klasse Story ausgedacht hast).

Da du ja meinen Blog rückwärts gelesen hast, bist du schon vorgewarnt, was diese Geburtstagsbeiträge schlussendlich krönt…
Zu deinem heutigen Ehrentag hier also dein Song von Bruce, den ich in Text und Ton wunderbar passend finde:

I could smell the same deep green of summer
‚bove me the same night sky was glowin‘
In the distance I could see the town where I was born

It’s gonna be a long walk home

Everybody has a neighbor
Everybody has a friend
Everybody has a reason to begin again

 

Everybody has a reason to begin again.
Da sprachen wir ja drüber, dass Neuanfänge gelegentlich gut tun. Altes hinter sich lassen, mit Phasen, Konstellationen, Beziehungen und Orten abschließen, Ausmisten, Aufräumen, Umräumen und sich einfach mal wieder an einen anderen Ort und in einen neuen Kontext stellen.

It’s gonna be a long walk home.
Das dachte ich mir neulich, als ich mit Pippa durch die dunkle Straße auf unser Haus zulief und bei dir Licht brennen sah. Es war nicht irgendein Licht im Haus, von irgendeinem Nachbarn, den man nicht kennt oder mit dem man sich nicht mehr als „Hallo“ zu sagen hat. Sondern das Licht in deiner Küche, in der du vielleicht gerade standest und Pfandflaschen sortiert oder die Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben hast.

Es ist schön, wenn nebenan jemand ist, der auf seinem Balkon the same deep green of summer wahrnimmt und sich über denselben Doppel-Regenbogen freut.

Zu deinem Geburstag wünsche ich dir alles Liebe und Gute – und danke dir dafür, dass du mir und uns das Ankommen hier so erleichtert hast!
Die Kraulquappe von nebenan.

Meine eher nüchterene Version.

 

Deine, durch den Gummibaum (der da sonst nie steht!) aufgepeppte Version.

Himmel der Bayern (20): Die Zwiebel bzw. mein Beitrag zur Blogparade „Heimatorte“.

My Hometown.

Meine Dog&Blog-Freundin Andrea aus Braunschweig hat vor einiger Zeit zu einer Blogparade aufgerufen. Bislang habe ich einen Bogen um die Beteiligung an Awards und Paraden gemacht, ungefähr einen so großen, wie ich ihn um Kettenbriefaktionen, Treuepunktesammeln im Supermarkt oder Gewinnspiele à la „Lebenslange Sofortrente“ mache.

Andreas Aufruf zur Blogparade „Heimatorte“ aber berührt etwas in mir, das mir erst vor einiger Zeit als wichtiges, vielleicht sogar zentrales Thema in meinem Leben bewusst geworden ist: das Verhältnis zu meiner Heimat, zu München und Oberbayern. Vor allem im Augenblick beschäftigt mich das wieder sehr, da ich gerade einen Umzug hinter mir habe – zwar „nur“ vom Westen Münchens in den Süden, aber für jemanden wie mich ist selbst das schon ein großer Schritt und eine weitreichende Veränderung. Die Heimat-Orte haben gewechselt: es galt, Abschied vom vertrauten Umfeld zu nehmen und sich auf das Ankommen in der neuen Gegend einzulassen.
So definiert sich durch den Umzug momentan wieder ein Teil dessen, was Heimat für mich ausmacht, ganz neu.

Also, liebe Andrea, ich beteilige mich gerne an deiner Blogparade, wenn’s auch auf den letzten Drücker ist, da sie ja in drei Tagen endet.
Hier ist meine Geschichte!

Seit du die Blogparade gestartet hast, dachte ich zwischen Ausmisten und Kistenpacken immer wieder darüber nach, wo und wann in meinem Leben eigentlich das Heimatgefühl geboren wurde. Und fand heraus: Seine Wiege steht im Süden von München, in meiner frühen Kindheit, und geschaukelt wurde sie von meinem Papa.

Mit dem Papa in Siebenhütten.

Mein Vater hatte den Niederrhein, seine Herkunftsgegend (wie ich es mal im Unterschied zu „Heimat“ bezeichnen möchte), nach dem Abitur verlassen, es zog ihn schon immer nach Bayern, genauer gesagt nach München (zu Bier, Brezen, Bergen). Als Chef des Bayerischen Jugendherbergswerks fand er dann einen Beruf, in dem er sich gleich noch enger mit dem geliebten Bayernland verbinden konnte: Ständig waren Herbergen im Neu- oder Umbau, häufig war er zwischen Mittenwald und Bad Kissingen, zwischen Donauwörth und Passau unterwegs. Oft nahm er meine Mutter und mich zu diesen Dienstreisen mit. Und wenn er das nicht tat oder tun konnte, wurden nahezu jedes Wochenende Ausflüge gemacht.

Hängengeblieben sind in meiner Erinnerung nicht etwa Schlösser, Kirchen oder andere städtebauliche Eindrücke, sondern Erlebnisse wie:

  • das Gefühl der ersten Lowa-Bergstiefel an meinen Füßen (und wie ich damit die vielen Holzstufen im Münchner „Sport Schuster“ Probe gehen musste/durfte)
  • der Geruch des smaragdgrünen Walchensees bei meinem Sturz in selbigen (als ich im Alter von 3 Jahren keine Schwimmflügel mehr anziehen wollte und auf dem Boot zu sehr rumzappelte)
  • der Geschmack der großen Eisportionen im Sollner „Monreale“ oder Neuhauser „Sarcletti“ (mit meinem Vater durfte man immer mehr als 3 Kugeln bestellen)
  • das wohltuende Alleinsein auf einer Alm unterhalb der Notkarspitze mit Aussicht hinunter nach Ettal (meine Eltern ließen mich auf halber Wegstrecke sitzen, weil ich nicht mehr weitergehen wollte und nahmen mich auf dem Abstieg wieder mit)
  • der sprechende Beo in der Jugendherberge Saldenburg, der jeden seiner Sätze mit dem „Sigi“ von Bayern 3 ankündigte (eine prägende Melodie für alle hier Aufgewachsenen)
  • meine roten Clogs mit der lächelnden gelben Birne drauf, die ich mir in einem Würzburger Schuhgeschäft erquengelt hatte (und in denen man sich sofort Blasen lief)
  • die sabbernden Bernhardiner der Jugendherberge auf dem Kleinen Arber (die uns nach der Motorschlittenfahrt hinauf freudig begrüßten und mit ihren riesigen Zungen ableckten)
  • mein 10. Geburtstag im „Trimini“ in Kochel (das Freibad mit dem damals legendären Slogan „Heit trimm i mi im Trimini“ und der längsten Wasserrutsche überhaupt, heute zum Wellnesstempel verkommen)
  • mein 11. Geburtstag in der JH Sudelfeld (mit Mitternachtsparty draußen im Schwimmbad, mitten auf dem Berg)
  • all die anderen Kindergeburtstage an oberbayerischen Seen oder im Oberammergauer „Wellenberg“ (seinerzeit das größte Wellenbad im Land)
  • die Beerdigung unseres Wellensittichs Cocolino in Thalkirchen (am Hinterbrühler See, unter einer Trauerweide)
  • die Kaulquappen vom Leutstettener Weiher (die ich in einem Kübel auf unserem Balkon großziehen durfte, bis sie ausgewildert wurden)
  • das Füttern der Frischlinge im Forstenrieder Park (und auf dem Rückweg das Kuchenholen im Café Kustermann)
  • die Radltouren zur Waldwirtschaft (wo ich Schiffschaukeln durfte, bis mir schlecht wurde)
  • das Pilzesuchen in den Wäldern bei Buchendorf (mit genauen Erklärungen zu den Standortvorlieben der diversen Schwammerl, die ich bis heute nicht essen mag)
  • die Ruderbootsfahrten an Sommernachmittagen auf dem Starnberger See (weil man da ohne von Steinen zerpiekte Fußsohlen mit einem Satz ins Wasser springen konnte)
  • der Osterspaziergang auf dem Pullacher Höhenweg, bei dem wir die Dackelwelpen trafen (von denen einer unser erster Hund werden sollte)

Meinem Vater habe ich es also zu verdanken, dass ich kreuz und quer durch München, Oberbayern und Bayern geschleift wurde, auf Berge hinauf, in Seen hinein, durch Wälder hindurch – und dass er mich vertraut machte mit den ihm wichtigen Tierarten (Hund, Wildschwein, Vogel, Frosch).
Man rutscht da ja so hinein, als Kind. Wird hineinsozialisiert in diese Welt, ob man will oder nicht. Wählt nichts selbst aus (bis auf Clogs und Eissorten), trabt mit (lustlos oder neugierig), guckt, hört, riecht, fühlt, denkt so vor sich hin und wächst halt auf. In einer Umgebung, die einem mehr oder weniger Heimat ist und die man sich ebenfalls nicht ausgesucht hat. Wahrscheinlich hat das kontinuierliche Bemühen meines Vaters um das gemeinsame Unterwegssein hier in der Region bei mir den Grundstein dafür gelegt, dass ich heute behaupten kann, meine Heimat sowohl zu kennen als auch zu lieben (was sich ja stets gegenseitig bedingt).

Sowas wie ein „Heimatgefühl“ kristallisierte sich bei mir allerdings erst durch Distanz-Erfahrungen (Ortswechsel, Umzüge, Reisen) heraus. Zunächst noch eher schleichend und unbemerkt, mit dem Älterwerden drang es dann stärker in mein Bewusstsein. „Heimat“ ist für mich nicht intellektuell begreif- oder beschreibbar, denn mein Herz hängt weder an den Bayern an sich, noch an ihrer Sprache, noch am Schweinsbraten, der Wies’n, der Blasmusik, der ewig regierenden CSU oder all dem, was gemeinhin als „typisch bayrisch“ kursiert und kultiviert wird. „Heimat“ ist etwas zutiefst Emotionales – sei es nun positiv oder negativ besetzt. Die Ausprägung des Heimatgefühls findet man ganz leicht heraus, indem man weggeht und nach räumlichem/zeitlichem Abstand zurückkehrt – und dann einfach in sich hineinhorcht, welche Schwingungen diese Rückkehr erzeugt.

Meine Studienjahre in Würzburg bescherten mir erstmals dieses konkret positive Heimatgefühl. Jedes Mal, wenn ich mit meinem kleinen Ford Fiesta das letzte Stück auf der A9 gen München zuckelte, kam irgendwann diese Stelle, von der aus man erstmals in der Ferne den Olympiaturm erspähen konnte – und bei Föhnwetter dahinter auch die Silhouette der Alpen.
Jedes Mal empfand ich in diesem Moment pure Freude, ein Gefühl von Heimkommen, Verbundenheit und Verbindung mit dieser Stadt und ihrem Umland sowie die spürbare Gewissheit, dass ich „da hingehöre“: Nach München, zur Isar, ins südliche Oberbayern, zu den Seen und den Bergen.

Meine heißgeliebte Bergwelt bei Mittenwald.

Für meinen ersten Job bin ich wieder „nachhause“ zurückgekommen. Ich habe es also nie aus Bayern herausgeschafft und nehme mir das auch für meine zweite Lebenshälfte nicht mehr vor, weil ich hier genau am richtigen Fleck bin.
Wenngleich es immerhin zwei andere Städte gibt, in denen ich mir das Leben und Wohnen gut vorstellen könnte: Wien und Köln. An Wien mag ich den gemütlichen Rhythmus der Stadt, die vor sich hinzuckelnde rote Bim, die Donau, das Essen und die Sprache. An Köln mag ich den Dom, die Mentalität der Menschen, den rheinischen Frohsinn, den Dialekt und den Rhein.
Als Kind habe ich immer behauptet: „Wenn ich mal groß bin, heirate ich einen Rheinländer oder Österreicher, wohne in einem Haus in den Bergen und habe einen Hund.“

Mit dem Dackelfräulein in den Ammergauer Alpen.

Geheiratet habe ich einen Oberbayern (na gut, im ersten Versuch einen Mittelfranken), bin jetzt wieder im Münchner Süden gelandet, wo ich auch aufgewachsen bin (also einigermaßen bergnah), habe einen Dackel (wenigstens ein Kindheitswunsch, der zu 100% in Erfüllung ging) und da die Preise links und rechts der Isar einen Immobilienerwerb für uns ausschließen, werden wir immer in einer Mietwohnung leben (und uns damit trösten, dass ein Haus letztlich eh ungeeignet wäre, da das Dackelfräulein mit ihren Platzhirsch- und Buddel-Attitüden ganz sicher ein Zaunkläffer und Gartenterrorist werden würde).

Nun lautet der Titel der Blogparade nicht „Heimat“, sondern „Heimatorte“ (wenngleich Andreas Fragen sich überwiegend auf das Phänomen „Heimat“ generell beziehen), und im Nachdenken über den räumlich-lokalen Aspekt kam ich zu dem Ergebnis, dass „Heimatorte“ für mich wie eine Zwiebel sind.

Das Herzstück der Zwiebel ist mein Zuhause, meine Heimat im engsten Sinne: Die vier Wände, in denen ich lebe, der Balkon, mein eigenes Zimmer. Wenn’s hier nicht passt (warum auch immer), verfault das ganze Knollengewächs quasi von innen heraus. Ohne meinen festen Rückzugsort „daheim“ wäre ich verloren!
Folglich gehöre ich nicht zu den Menschen, die überall heimisch werden könnten, in Zelten oder Hotelzimmern oder Ferienwohnungen oder gar im Unterwegssein selbst, sondern ich bin passionierter „Wohner“. Zwar bewege ich mich genauso gern von meinem Wohnmittelpunkt weg, ich unternehme auch durchaus längere Reisen, dies aber nur vor dem beruhigenden Hintergrund, dass mir das Herzstück meiner Zwiebel erhalten bleibt und ich wieder heimkommen kann.

Monatelange Auslandsaufenthalte oder Auswander-Pläne sind meine Sache nicht. Das finde ich etwas schade, einfach wegen der Horizonterweiterung, die damit verknüpft wäre, aber für mich kommt das nun mal nicht in Frage. Ich bin mit meinem „oberbayrischen Horizont“ rundum zufrieden. Ich finde es hier so schön, dass ich gar nicht oft weg muss oder will. Meist genügt es mir, wenn ich mit Bergblick am Seeufer sitze und eine Breze verzehre oder umgekehrt: wenn ich mit Seeblick brezenessend auf einem Berggipfel sitze. Je nach Tageszeit noch ein Weißbier dazu und „ois bassd“, wie man hier sagt.

Ohne Breze in Dießen am Ammersee.

Zurück zu meinem Zwiebelmodell der „Heimatorte“. Die weiteren Schichten, die den Zwiebelkern umgeben, sind (von Kern ausgehend): das Haus & die Nachbarn, die Straßen rund ums Haus, die unmittelbare Umgebung, die Freunde in der Nähe, der Stadtteil & seine Bewohner, Geschäfte, Institutionen und schließlich die weitere Umgebung.

Ich habe mich mal vor Google Maps gehockt und geguckt, wo eigentlich die äußerste Schicht meiner Zwiebel liegt. Oder anders gesagt: Wo mein Heimatgefühl und meine Heimatorte enden. Es ist eine relativ klar umrissene Grenze: Nördlich ist kurz hinter Dachau Schluss, westlich bei Landsberg, östlich bei Wasserburg und südlich bei Mittenwald. So gesehen wohne ich gar nicht im geografischen Mittelpunkt meiner persönlichen Heimatzwiebel, sondern zu weit nördlich! Wenn ich das ernst nähme, sollte mich der nächste Umzug nach Königsdorf im Tölzer Land (und dort am besten in den Alpenblickweg 13) verpflanzen. Mal schaun. Vielleicht ließe sich dort ja das finden, was heutzutage ebenso intensiv wie verzweifelt gesucht wird: die innere Mitte 🙂

Bis dahin wohne und heimat(m)e ich einfach mal weiter vor mich hin, hege und pflege die kleine Heimatzwiebel, auf dass sie weiter wachsen, gedeihen und niemand ihre Schale anritzen möge, was ja bekanntlich zu Tränen führt.

Die hebe ich mir lieber für die Glücksmomente auf, in denen ich fühle: „Da bin i dahoam.“

(Von links nach rechts: 3x Karwendelgebirge mit Hund, Gatten und Rind, 1x Sylvensteinstausee mit Vorkarwendel, 1x Kochelsee mit Jochberg, 1x Dante-Freibad-Foto mit Erlaubnis des Bademeisters.)

Jetzt muss ich hier weiterwurschteln, damit das Heimischwerden voranschreitet!

Und nicht zu vergessen: Home is where your dog is!

Ein schönes Wochenende wünscht dir, liebe Andrea, und allen anderen Lesern und Blogparadenteilnehmern,
Die Kraulquappe.

Neu_hausen (Part I).

Everybody needs a place to rest
Everybody wants to have a home

Everybody’s got a hungry heart
Everybody’s got a hungry heart
Lay down your money and you play your part (*)
Everybody’s got a hungry heart

 

Wir haben diese Woche völlig überraschend ein neues Zuhause gefunden!
Hier in München ist das dem Finden einer Stecknadel im Heuhaufen gleichzusetzen.

Ende April heißt es „Pfiat di, Neuhausen“ und „Griaß di, Maxhof“ (wobei Letzteres nicht ganz stimmt: vor 27 Jahren wohnte ich schon mal in der Gegend, also eher „back to the roots“).

Wir hausen dann ganz neu am südlichen Stadtrand. Besser hätte es nicht laufen können, denn jeder Kilometer, den man näher zu den Bergen und Seen rückt, ist ein guter Kilometer.

(*) dazu dann in Kürze mehr in „Neu_hausen (Part II)“.

Freudig aufgeregt grüßt
Die Kraulquappe.

PS: Überschriftsgestaltung gemäß der kaschparschen Sezierungsregeln.
(@ Frau Kaschpar: die Berliner Version von „Hungry heart“ geht hoffentlich als Dank fürs Ausleihen des Designs durch. Wenn nicht, reiche ich gern noch was von einem der Berliner Konzerte nach 🙂 )

Donnerstags zwischen Berg und Ammerland.

Empfehlenswerter 17 Kilometer-Spaziergang am Ostufer des Starnberger Sees.

Start: Schloss Berg. Ziel: Ammerland. (Und retour.)

Brandung vor der Kulisse des Wettersteingebirges und der Ammergauer Alpen

 

Ländliche Villa bei Allmannshausen

 

Die üblichen Scheiß-Ängste

 

Alte Fischerhäuser an der Uferpromenade

 

Das Pendant zum „Bett im Kornfeld“

 

Eröffnung der Badesaison 2017 dank Föhn und 20°C

 

Besser kann man Rettungswege nicht beschildern

Auf eine „fangfrische Brotzeit“ im Café „Fischermeister Gastl“ eingekehrt: Hunde herzlich willkommen, Pastinakencremesuppe köstlich, Torten & Kuchen sicher noch köstlicher, Preise nicht allzu starnbergerisch.

Ein bisschen störend nur das Pausenvolk des nahegelegenen Edel-Seminarhauses der Münchner Volkshochschule (Außenstelle Buchenried), diese Woche ein Mix aus: Pranayama, Stimmtraining, Trommelkurs und Burnoutprophylaxe für Manager. Alle furchtbar laut und atemlos.

Auf dem Rückweg wieder herrliche Ruhe. Und das an Weiberfastnacht.

[Kurz zuckt eine Erinnerung an alte Bürozeiten auf: Bunt glasierte und überfüllte Krapfen & klebrige Pappnasenheiterkeit im Innenhof der Firma, 30 Minuten Zeitgutschrift für alle – Helau! – ich vermisse nichts. Zumal ich sowieso nur Krapfen mit Hagebuttenfüllung mag, die es ja fast nirgends gibt.]

Gutes Überstehen der närrischen Zeit wünscht Euch
Die Kraulquappe.

Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl.

Weit, weit weg. (Und wieder da.)

Da bin ich wieder.

Nach der langen Zeit des Unterwegsseins war es kein so leichter Einstieg hier. Oder sagen wir es wie im Radio: Durchwachsen mit sonnigen Abschnitten. Immerhin hatte ich damit gerechnet, so dass es mich nicht wie aus dem Hinterhalt angesprungen hat.

Sonniges:
Das Zuhause, der Gatte, der liebevoll gefüllte Kühlschrank, die im Hotelstil gefaltete Bettwäsche mit Kokoskugel auf dem Kissen, das Willkommenskärtchen vom Gatten und von Freundin D., die Resonanz im Blog.
Der umgehende Anruf vom Papa, der sich dann doch irgendwie gesorgt hatte (die Tochter, allein und so).
Die Brezen vom Neulinger am ersten Morgen. Drei sind eigentlich zu viel, aber trotzdem so lecker.
Der nächste Artikel kurz vor der Veröffentlichung – ein echtes Herzensthema: das Karwendelgebirge.
Die Wochenendspazierrunde bei Weßling inklusive Streuselkuchen beim Sepperlwirt und buntem Herbstlaub überall.
Das ersehnte Schwimmbad steht noch und hat das beste, weichste Wasser und die beste, klarste Luft und auf dem Rücken schwimmend bietet es Aussicht auf den Olympiaturm. Auch das ist Heimat.
Und nicht zu vergessen: die vielen Erlebnisse der Reisewochen in mir.

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Steg. Nun wieder in Bayern.

Durchwachsenes:
Die Heizung einschalten, das Winterbett rausholen. Nebenbei 8 Maschinen Wäsche waschen.
Wieder Ärger mit der Hausverwaltung, ein unendliches Thema, kein Ende in Sicht.
Wieder Ärger mit der Schulter, ich dachte, das sei ausgestanden.
Versuch, Zukunftsüberlegungen anzustellen ohne sich im Kreis zu drehen oder gegen Wände zu laufen.
Lauter Kleinkram, der Alltag eben. Von Reifenwechsel über Zahnarzt und Speicherausmisten bis hin zur Beseitigung der seit Monaten bestehenden massiven WLAN-Probleme. So prickelnd, dass man gar nicht weiß, was man zuerst tun soll.
Derweil wirft der Ginkgo alle Blätter ab und verlangt nach einem milden Eckchen für den Winter.
Ein gewisser Großstadt-Schock. So viele Menschen, so viel Verkehr, so viel Trubel.
Der Papa hat Geburtstag und hat Parkinson, immer wieder ein Erschrecken bei mir, wenn sich mit dem einen auch das andere jährt. Aber nach drei Todesfällen in einem Jahr bin ich für die nächsten Jahre von sowas verschont, so meine persönliche Kalkulation, die ich per Einschreiben an das Schicksal geschickt habe (ohne Rückschein, ich will dieses Jahr nix mehr zu tun haben mit dem Genossen Schicksal).

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Dieses Baums Blatt, der, von Osten… – ach, lassen wir’s einfach.  Jedenfalls nicht so erbaulich wie bei Goethe.

Trübes (fast schon Schwarzes):
Die für immer verwaiste Tür gegenüber. Leere, Stille, Endgültigkeit. Nie mehr Opern hinter dieser Tür, nie mehr der kluge Peter, nie mehr hängen wir sonntags die Semmeltüte an diese Tür. Schwer vorstellbar.
20 Nachrichten auf dem Anrufbeantworter eines Gestorbenen, der ein Freund war, abgehört. Von der Fußpflegerin über dreifache Geburtstagsgratulanten bis hin zur Klinik, die wissen will, was mit dem Restguthaben auf der Telefonkarte passieren soll.

Heute Abend zum Ausbalancieren und Abschalten eine Dosis Musik, die jetzt und hier an damals und dort erinnert.
An Wien und K., an Studium und P., an Sommer. Und das mitten im Münchner Spätherbstgrau.

(Bitte bis mindestens nach dem Gitarrensolo anhören. Oder halt gar nicht, wer’s nicht Alpenländisch ertragen kann.)

Jedenfalls: hier ein erster Gruß „back home“ von
der Kraulquappe.

Homeward bound.

In 527 Kilometern werde ich wieder dort sein, wo ich hingehöre.

In München-Neuhausen, um die Ecke der Bäckerei Neulinger, bei der es die weltbesten Brezen gibt, die ich nun mindestens so sehr herbeisehne wie vor 5 Wochen die Südküste Schwedens.

Die 10 wichtigsten Erkenntnisse dieser Reise waren für mich (ohne Rangfolge, einfach so notiert):

  1. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Urlaubmachen und Reisen. Das eine ist erholsam, das andere ist spannend. Von den 33 Tagen waren 8 Urlaub und der Rest Reise – diese Gewichtung würde ich beim nächsten Mal anders gestalten.
  2. Schweden ist wunderschön, aber leben könnte ich dort nicht. Ich habe tatsächlich ab und zu meine Heimat – Oberbayern und München – vermisst. Ein ganz neues Gefühl. Gesondertes Schweden-Fazit folgt.
  3. Ich bin definitv ein Bewegungsmensch, kann längeres Rumsitzen nicht ausstehen und bin daher etwas (an)gespannt, wie sich das mit meiner beruflichen Zukunft vereinbaren lassen wird.
  4. Meine Dackelhündin ist die allerbeste Reisegefährtin, die ich mir vorstellen kann – mit keinem Menschen der Welt käme ich in 5 Wochen, in denen man bis auf 8 Schwimmbadbesuche, 11 Laufrunden, 7 Supermarkteinkäufe und 5 Hotelfrühstücke permanent zusammen ist und sogar noch nachts aneinander klebt, auf nur 4 kurze Streits (kurz = max. 2 Std. schiefer Haussegen).
  5. Schnell (Weiter-)Reisen geht für mich nicht mehr. Ich brauche ca. 48 Stunden Zeit und Ruhe, um irgendwo anzukommen und wirklich etwas von dem Ort auf- und mitzunehmen, an dem ich bin.
  6. Dass man in 4 Wochen Alleinsein und Unterwegssein mit Hund bahnbrechende Gedanken wälzt und lebensverändernde Beschlüsse fasst, ist und bleibt eine Illusion (so war es schon damals bei meiner Alpenüberquerung – und nun wieder).
  7. Es gibt nur zwei Gegenden, in denen ich leben möchte, falls ich weiterhin die Möglichkeit haben sollte, das frei zu wählen: bergnah oder meer-/wassernah. Alles andere fühlt sich für mich beliebig und unrund an.
  8. Vom dialektalen Einschlag her gehöre ich zu 98% nach Niedersachsen (das war eine echte Neuentdeckung). Null Assimilationsprobleme beim Sprechen, genau mein Ausdruck.
  9. Gut verzichten kann ich wochenlang auf: Fernsehen, Zeitungen, Geselligkeit, Gespräche, Klamottenauswahl, Fahrradfahren, Fönen, Großstadt.
  10. Schwer verzichten kann/könnte ich auf: Musik, Schwimmen, Hagebuttenmarmelade, Brezen, bayrisches Weißbier, feste Matratzen, Sauberkeit, Smartphone, WLAN, Auto, Fleecejacke, Trekkingschuhe, Hundepfotengeruch am Morgen.

So, nun aber rein ins Auto und rauf auf die A7 mit ihren Baustellen und Staus, die heute hoffentlich alle eine Pause einlegen, so dass wir störungsfrei bis zu unserer üblichen Spazierstation in einem Wald bei Tennenlohe durchkommen (weitere Idee: Reiseführer schreiben, Titel „Die schönsten Gassirouten links und rechts der Autobahn“).

Ich danke euch allen fürs Dabeisein, Mitfühlen, Kommentieren, Kritisieren und konstante Mitlesen – trotz der Dackel-, Schwimm- und Bruce-Lastigkeit, die mein Blog bisweilen aufweist (und auch in Zukunft aufweisen wird 🙂 ).

Zu unser aller Erholung verabschiede ich mich nun in einen einwöchigen Blogurlaub – zum Auspacken, Eingewöhnen und Neustart daheim – und bin dann in alter Frische (irgendwie suspekte Formulierung: alt + Frische?!?) ab dem 26.10. wieder hier (oder da?).

Bis dahin wünsche ich euch bunte Herbsttage, frohe Gedanken und eine gute Zeit.
Die Kraulquappe & die Pippa (aka kvinnan med tax).

(Da sich die halbe Belegschaft des Burghotels zum Abschied mit Pippa in der Lobby ablichten ließ, dachte ich, das könnte ich ja auch tun.)

Two lost souls swimming in a fish bowl…

Nein, das wird kein Beitrag zu Pink Floyd. Sondern ich dachte mir beim Morgenlauf am Strand, dass zur Abrundung der gestrigen Ereignisse noch ein Nachtrag ausstünde, um der Intention eines „Schwimm-Blogs“ auch mal wieder nachzukommen. Hier ist er.

Der gestrige Mittwoch war, genau wie letzte Woche in Höör, mein allwöchentlicher Schwimm-Tag. Aufgrund der Entfernungen zur jeweils nächsten Schwimmgelegenheit kann ich derzeit meiner Leidenschaft ja leider nur einmal pro Woche nachgehen. Alleine mit Hund zu reisen bedeutet eben unter anderem, die Aktivitäten ohne Hund so zu optimieren, dass das längere Alleinlassen im Auto oder der Hütte auf ein Minimum beschränkt bleibt.

Also: Öffnungszeiten des Schwimmbads in Bromölla recherchiert, gefreut, dass Mittwochnachmittag zufällig kinderfreie Schwimmzeit ist, den Weg zum Hallenbad gut eingeprägt, ins Auto gesprungen, fehlerfrei nach Bromölla gefunden.

Zwischenbemerkung: 300 Meter vor dem Schwimmbad ein „Systembolaget“ entdeckt – das sind diese schwedischen Alkohol-Shops, in denen ich bislang noch nie war, da aber mein heimischer Biervorrat trotz strenger Rationierung allmählich zur Neige geht, habe ich spontan angehalten und bin da mal reingegangen. Nachmittags um 16:00 Uhr in einem reinen Spirituosengeschäft durch die Regalreihen zu gehen, beschert einem irgendwie ein komisches Gefühl. Dabei guckt einen gar keiner komisch an, denn die paar Kleinstadt-Alkoholiker sind eh mit sich und den harten Sachen beschäftigt, und sonst treibt sich da um die Uhrzeit niemand rum. Zu meinem Entzücken finde ich im Bierregal auße der 8 Meter breiten Auswahl an Lagerbier doch tatsächlich auch die gute Schneider Weiße in einem Eckchen stehen. Mit vier Pullen bewaffnet sause ich zur Kasse, bezahle, verstaue die Flaschen im Kofferraum – nicht dass mir auf dem Schwimmbadparkplatz noch jemand das Auto aufbricht, wenn das teure und exotische Gesöff da so offen sichtbar auf der Rückbank liegt.

Bromölla macht nämlich nicht gerade einen soliden Eindruck, sondern hat in etwa den Charme von Waldkraiburg (falls das zufällig jemand kennen sollte). Das Schwimmbad liegt am Rande des Industriegebiets.

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Eigentlich könnte ich den Bericht an dieser Stelle beenden. Denn was es von außen versprach, dieses Hallenbad von Bromölla, das hielt es auch von innen. Und zwar zu 100%.

Daher lasse ich die atmosphärischen Details zu Umkleide, Dusche und Schwimmhalle unerwähnt. Vuxen 50 Kronen (echt teuer für die Bude), Geld hingeblättert, Vorhängeschloss bereits in der Hand (von daheim mitgebracht, ist in fast jedem Schwimmbad Schwedens Pflicht), in die Umkleide gestürmt (die hübschen Schwedinnen, die sind ein Gerücht, zumindest in der Provinz), geduscht und ab in die Schwimmhalle.
Dort: Schummerlicht. Von 8 Neonröhren sind 6 defekt. Dafür dudelt Kleinstadtmusik eines Kleinstadtsenders aus den Lautsprechern. Ein 25-Meter-Becken, 8 Bahnen, in der Mitte durch Schwimmleine unterteilt, also 2×4 Bahnen. Kein Schild „snabb simma“ oder „motionsim“, so dass alles für alle zu sein scheint. Ich entscheide mich für die noch komplett leere Hälfte. Nach 10 Bahnen seh‘ ich den Bademeister am Rand rumfuchteln und unterbreche. Er deutet mir an, in die andere Hälfte zu wechseln – und durch die leicht beschlagene Schwimmbrille sehe ich den Grund dafür bereits ins Becken klettern: ein Hausfrauen-Wassergymnastik-Trupp. So ein Mist, denn in der anderen Beckenhälfte schwimmen schon ein paar Leute, aber nur wenige, also begebe ich mich rüber.

Ich wähle die Bahn gleich neben der Leine, denn die brauch‘ ich später zur Orientierung beim Rückenschwimmen. Schwimme 3 Bahnen und plötzlich: Gegenverkehr. Zwei quallenartig ausufernde Wesen kommen mir entgegen, zwischen sich einen riesigen Abstand, damit ihre voluminösen Tentakel sich nicht verheddern, während sie im Schneckentempo durchs Wasser strudeln, Tendenz: vorwärts. Sie belegen aufgrund ihres absurden Radius‘ beinahe die Hälfte der vier Bahnen. Es handelt sich übrigens um Frauen, deren Hauptgrund für den Schwimmbadbesuch ausgiebiges Ratschen ist. Da die Köpfe einander zugewandt sind, weil man sich ja beim Ratschen angucken möchte, schauen sie nicht nach vorn. Es kommt fast zum Zusammenprall. Sie bemerken mich in allerletzter Sekunde und sehen mich völlig erstaunt an, nach dem Motto: Huch, da schwimmt ja jemand!

Außer ihnen sind noch zwei Rentner in dieser Nicht-Wassergymnastik-Beckenhälfte, die aber am Rand hängend mit Denken, Dämmern oder Dösen beschäftigt sind und daher nicht weiter stören. Bei der nächsten Bahn bemerke ich erfreut, dass mir die beiden Quallen nicht mehr entgegenkommen. Man sollte ja auch meinen, dass sich 3-5 Personen vier 25m lange Bahnen wirklich entspannt teilen können.

Plötzlich, einige Bahnen später, wabern sie mir aber schon wieder entgegen, die beiden Weiber, und wieder mitten auf meiner Bahn.
Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Sie schwimmen im Rechteck! Also 3x am Beckenrand entlang, 1x an der Schwimmleine, immer schön links herum. Im extrabreiten Zweier-Pflug durchkämmen sie also das Becken bis auf den Mittelbereich der beiden inneren Bahnen.
Vorteil: Sie können durchratschen, weil sie nicht am Beckenrand wenden müssen, sondern schwimmend abbiegen. Nachteil: Ich bin auch im Becken.

Als wir ein paar Bahnen später erneut beinahe zusammenstoßen, kommt es zu einem kurzen Dialog. Sie quaken irgendwas auf Schwedisch, ich pruste ihnen kurz auf Englisch zu, dass man in einem Schwimmbad die Bahnen üblicherweise vor und zurück schwimmt. Fragt die eine doch glatt, wieso.
– Ja, weil wir hier nicht Goldfisch im Glas spielen, sondern beim Schwimmen sind!

Bei der übernächsten Bahn greife ich prophylaktisch zu einem altbewährten Schwimmertrick, wenn es trotz ausreichend Platz im Becken zu Ärger mit Mitschwimmern kommt: Ich wechsle in die Rückenlage und gebe Gas. Da sehe ich nichts mehr und bin schuldlos, wenn es zur Kollision kommt. Was dann auch geschieht. Patsch, und schon trifft meine nach hinten geworfene Flosse auf ein Quallen-Ektoderm.

Bingo. Danach herrscht endlich Ruhe, ich habe die eine Bahn für die restlichen ca. 23 Bahnen für mich allein (dummerweise haben sie mich aus dem Zählen rausgebracht, die zwei verlorenen Seelen mit Linksdrall).
Ich hab ja schon viel erlebt in Schwimmbädern, aber Rechteckschwimmen echt noch nie. Seht euch also vor, wenn ihr mal in schwedische Provinzhallenbäder kommt und beginnt am besten gleich in Rückenlage!

Liebes, schönes, sauberes, trainingsfreundliches Münchner Dantebad mit deinen vielen 50m-Bahnen, du fehlst mir!

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Auch deshalb ist Reisen eine gute Sache: Durch konkret erlebte Unterschiede wird einfach mal deutlich, was man daheim alles hat, das so selbstverständlich geworden ist, dass man es im Alltag manchmal kaum mehr zu schätzen weiß.

Mit weiteren Schwimmausflügen warte ich nun erstmal ab, bis ich meinen Standort wieder in die Nähe eines modernen, städtischen Hallenbads verlegt haben werde.

Am Samstag verabschieden wir uns nach 9 Tagen aus der paradiesischen Einsamkeit zwischen Västra Näs und Västra Torsö und ziehen weiter, in westliche Richtung.

Es grüßt euch gut durchgeweht –
Die Kraulquappe.

Haklige Sache

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Aufwachen in Berlin

Den dritten Morgen in Folge habe ich mich verheddert. Mit meinem Zeh. In meiner Jeans.
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Vielleicht ist das die Strafe dafür, dass ich mir mit fast 44 gelegentlich gestatte, jugendlich-zerschlissene Klamotten zu tragen. In ordentlichen Hosen bleibt ein Zeh nicht hängen. Vielleicht ist es aber auch ein Sinnbild für mein Berlin-Gefühl.

Mein Berlin-Gefühl ist nämlich eine haklige Sache, schon immer gewesen, und mittlerweile denke ich auch, das wird sich nie mehr ändern.

Berlin ist für mich zu groß, zu voll, zu laut, zu ramponiert, zu roh, zu stark, zu schmutzig, kurz: Berlin ist zu viel für mich. Je älter ich werde, desto deutlicher spüre ich das, desto schlechter funktionieren meine Filter hier, desto angreifbarer fühle ich mich hier, desto kürzer fühle ich mich hier wohl. Berlin aktiviert Ängste und Beklemmungen in mir, die ich nicht habe, wenn ich durch München, Stockholm oder Wien laufe.

Natürlich gibt es viele schöne Ecken in Berlin, natürlich strotzt die Stadt nur so vor kulturellem und anderem Angebot, natürlich treffe ich gern meine Freunde, die hier leben – nur: Auf dem Weg dorthin erlebe ich Pöbeleien, fürchte mich vor manchen Menschen, atme an U-Bahnhöfen Gerüche ein, die mir für Stunden nicht mehr aus der Nase gehen, sehe so viel Elend und Abgrund, dass meine Sinne verwundet werden und nicht mehr frei und unbefangen genug sind für weitere Eindrücke.

Meine Unternehmungslust lässt daher von Tag zu Tag nach, was ich sonst nicht an mir kenne (diesmal kam das reduzierte Programm zumindest meiner Schulter zugute).

Bei einem letzten morgendlichen Lauf durch einen Berliner Park – einzig mögliche sportliche Betätigung im Moment – sah ich heute einen verwahrlosten Mann seinen ebenso verwahrlosten Hund verprügeln, weil der sein Geschäft wohl an der falschen Stelle verrichtet hatte, wenn ich das Gegröle richtig verstanden habe.

Mit diesem Erlebnis in den Knochen bestellte ich mir später zum Mittagessen einen Drink (ich trinke sonst nie vor 16 Uhr), um mich zu desinfizieren und zu imprägnieren für den Weg zum Bahnhof.
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Ein paar Bierflaschen fliegen noch in einer Unterführung herum, ich renne fast, wäre gern unsichtbar, aber verdammt, mein zitronengelber Koffer ist zu auffällig, das nächste Mal nehme ich den dunkelgrauen.
Freue mich auf zuhause, begreife „Heimat“ nochmal neu und anders, wahrscheinlich ist Reisen auch dafür hilfreich: Um sich zu vergewissern, wohin man gehört und wohin nicht.

Aus dem ICE grüßt euch
die Kraulquappe.

PS:
Soeben im iPod:
„When morning comes and I leave Berlin,
I know for certain that I’m a free man when I leave Berlin“

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Kontraste, überall.