Mittenwald (5).

Heute war Männertag.

Das fing schon in der Nacht an: Im Traum saß ich in einer Pizzeria, irgendwo in südlichen Gefilden, zusammen mit Nicholas Ofczarek, der geträumt noch beleibter war als in echt. Und saumäßig sympathisch und charmant; wir sprachen ohne Mundschutz und Mindestabstand miteinander.

Die morgendliche Fortsetzung meiner Duschgeschichte lassen wir mal beiseite, das Telefonat mit dem Vermieter bzgl. der Psocoptera ebenso.

Am Vormittag durch den Ort spaziert, um noch ein paar Aufnahmen für den Urlaubsprospekt der lieben A. aus B. zu machen. Danach Verpflegung eingekauft.

Unterwegs zu dem für heute ausgesuchten Wandergebiet auf einer Infotafel die riesige Karte „Alpenwelt Karwendel“ angeguckt. Hier könnte man sich mühelos zwei Wochen dauervergnügen, vielleicht auch ein Leben lang.

Ein Mann, der Olli-Kahn-artig aus seiner Oberbekleidung zu platzen droht, stellt sich neben mich und studiert ebenfalls die Karte.
Er ist Franzose, denn er fragt mich nach den Öffnungszeiten der Ochland-Ütte, die eigentlich Hochland-Hütte heißt. Franzosen sehen in meiner Vorstellung völlig anders aus als dieser Schrank. Egal.
Er nimmt den linken Abzweig zur Ochland-Ütte, ich den rechten zur Dammkar-Hütte.

Eine Traumtour für diesen letzten Tag meiner Staubl_Auszeit, denn je schroffer der Fels, desto schöner die Szenerie.

Es ist das Raue und Karge, das mich so anspricht, der grauweiße Kalkstein und das so ganz und gar nicht Liebliche und Geschmeidige, das er ausstrahlt. Ruhe und Kraft, Reduktion und Konzentration – das bedeutet das Karwendelgebirge für mich.
Die Beine zwar etwas schwer von den letzten beiden Touren, aber doch noch beweglich genug für eine dritte und letzte.

Unterwegs überholt mich ein deutlich jüngerer und beweglicherer Kerl, der dann allerdings vor lauter Jugend- und Beweglichkeit zwei Serpentinen weiter übel ausrutscht und knapp vor meinen Füßen landet. Ich finde es an sich erfreulich, wenn mir ein junger Kärntner vor die Füße fällt, in meinem Alter passiert mir das nicht mehr allzu oft, aber der Bursche hat sich ordentlich das Schienbein aufgeschürft und blutet ein bisschen. Ich spendiere ihm Taschentücher und eine Verbandsrolle. Anschließend gehen wir ein kleines Stück gemeinsam, zu kurz, um den netten Dialekt auszukosten, zu lang, um nicht ziemlich außer Atem zu geraten, erst recht, als er erzählt, was er heute noch alles vorhat (den Biwaksack hat er dabei und „an Enzian und was zum Rauchen“, na dann…).

Auf der Dammkar-Hütte erlebe ich ein kleines Highlight in Sachen „Datenschutz zu Coronazeiten“. Wie der Hüttenwirt die bereits ausgefüllten Zeilen seiner selbstgebastelten Gästeliste provisorisch abgedeckt hat, ist einfach total putzig: zwei zusammengetackerte Servietten, die er mit Wäscheklammern an dem Papierbogen befestigt hat und mit jeder neuen Zeile ein Stück weiter nach unten auffaltet. Ich quittiere das mit einem Schmunzeln und ernte ein bajuwarisches Grunzen und ein „Mia ham hier koa Zeid für so an Schmarrn“.
(Könnte man glatt eine Serie draus machen: „Gästelisten & Datenschutz auf Berghütten“. Ganz wunderbar, was man da so sieht!)

Tisch 3 habe ich zunächst für mich allein, wenn man von der aufdringlichen Dohle absieht. Dann kommen zwei schwer bepackte Typen daher und fragen, ob sie sich dazusetzen dürfen. Sie dürfen wohl oder übel, denn es ist der sonnigste der sechs Tische, und der mit der besten Sicht. Man kommt ins Gespräch und ich erfahre: die beiden sind aus Braunschweig, wandern üblicherweise im Harz und sind etwas andere Höhenunterschiede gewohnt.

Sofort aktiviere ich mein rudimentäres Harz-Wissen, das ich A. aus B. zu verdanken habe und kann mit ein paar Ortsnamen protzen, die ich mir aus dem tollen Blog der besagten Freundin gemerkt habe. Der eine kramt sofort sein Stempelheft aus dem Rucksack hervor, klappt es auf und zeigt mir voller Stolz, dass er schon mehr als die Hälfte der für den „Harzer Wanderkaiser“ erforderlichen Stempel (222 an der Zahl!) gesammelt habe.
Woraufhin ich ihm auf meinem Smartphone ein Foto zeige von einem, der bereits Harzer Wanderkaiser ist und mit dem ich schon ein Bett geteilt habe. Da gucken sie aber, die zwei!

Wegen ihres Harzer Wandertempos bleiben sie nicht lange, denn die Gehzeit zur Nachbarhütte, auf der sie übernachten wollen, sitzt ihnen etwas im Nacken.

Ihren Platz übernimmt dann quasi nahtlos der französische Olli-Kahn-Verschnitt. Ich staune nicht schlecht, als ihn auf einmal da heroben erblicke, denn er wollte ja zur Ochland-Ütte und die liegt viel weiter nördlich.
Hatte sich aber verlaufen und berichtet mir nun aufgeregt und ausführlich von seinen Irrwegen. In Rekordzeit kippt er sich dabei zwei Halbe rein und kommt trotzdem nicht zur Ruhe. Befragt mich nervös zu dem Abstieg nach Mittenwald via Ochsenboden.
Da es drei Abstiegswege gibt, breite ich meine Karte auf dem Tisch aus und zeige ihm, wo er gehen muss. Er wirkt unaufmerksam und in Eile, zieht sich noch eine weitere Wurstpelle über den Leib und springt dann hektisch auf. Völlig unfranzösisch.

Beim Zusammenfalten der Karte erteile ich noch den pädagogisch wertvollen Rat, er solle sich bloß nicht wieder verlaufen, zumal das Gelände wirklich steil sei. Der Franzose nickt und sagt „Isch male dir ein Erz“. Isch verstehe nicht, was er meint und frage nach. Da malt er mit dem Finger ein Herz in die Luft und erklärt mir, er würde das als Beweis, dass er auf dem richtigen Weg ist, auf dem Ochsensteig irgendwo am Wegesrand hinterlassen. Aha.
Komischer Kerl. Er verabschiedet sich und ich bin froh, den Tisch nochmal ganz für mich zu haben.

Als ich eine Stunde später auch über den Ochsensteig ins Tal laufe, entdecke ich tatsächlich ein Erz.
Sogar mehrere. Das rührt mich dann doch.

Mit Sonne im Erzen erreiche ich schließlich Mittenwald und verprasse mein verbliebenes Budget für einen Eisbecher.
Ein Tartufo, wie es sein soll: mit gehackter Schokolade rund um den Eisball.
Und einer knusprigen Waffel, die oben in der Kugel steckt.

In Erzform, versteht sich.

Song des Tages (54).

Eine neue, andere Etappe der Selbstquarantäne hat begonnen.
Neben dem obligatorischen MNS möchte man da draußen nun manchmal auch Ohrstöpsel und ein Klappvisier tragen.

Schon nach einer Woche kann ich das Krakeelen an lauen Abenden hier auf der großen Freifläche vor der Haustür nicht mehr hören: „F*** Corona!“ plärren sie – und dazu ein lautstarkes, scherbenklirrendes Prosit der Ungemütlichkeit, weil man ja leider in Scharen und dicht gedrängt auf den Steintreppen zu Füßen der Bavaria herumlungern und sich dort zulöten muss, weil die F***-Politiker die Kneipen nicht aufsperren wollen.
Ja, manches ist durchaus unlogisch in dem sogenannten Lockerungsfahrplan (die Abfahrtszeiten wirken oft ungünstig und wenig abgestimmt, auch die Gleiswechsel und Umstiege holpern ziemlich), manches auch unsinnig, aber beileibe nicht alles.
Und die Demokratie ist genauso wenig abgeschafft worden wie die Grundrechte und auch Bill Gates befindet sich nicht auf der Zielgeraden, um übermorgen die Weltherrschaft zu übernehmen.

Ich wünschte mir Hygieneregeln für die mediale Überschriftengestaltung, denn wenn ich noch einmal irgendwo lesen muss „War’s das mit dem Sommerurlaub 2020?“ oder „10 Überlebensstrategien zwischen Homeoffice und Homeschooling“ oder „Widerstand ist Pflicht!“, dann… – tja, was dann?
Raus zur Gegen-Demo oder doch besser Flucht nach vorn bzw. nach oben, hinauf auf den Berg, wo das ganze Gebrodel und Geschwurbel zu Tale nicht mehr zu hören und zu sehen ist?

Vermutlich Letzteres, und beim Gehen ein bisschen drüber nachdenken, wie das alles wohl weitergeht und wie man sich besser abschotten könnte, wenn man spätabends Gassi geht, und parallel dazu das arme, der häuslichen „Kriegsgefangenschaft“ für ein paar Stunden entfleuchte Volk wahrnimmt, das voller Wut oder Ignoranz oder zu viel Bier auf der Wiesn abhängt und seinen Widerstandswohlstandspartymüll in die ohnehin schon überfüllten Mülleimer schmeißt (oder gleich daneben, so dass die Krähen die Burger- und Pizzakartons nicht erst mühsam zwischen den Pfandflaschen herauspicken müssen aus den Metallkübeln, sondern gleich bequem in der Wiese sitzend die Verpackungen zerhacken können, damit der Niedriglöhner am Tag drauf noch ein paar Stunden mehr niedergebückt niedriglöhnen kann, bis er alles aufgeklaubt hat aus den nassen, erdigen Grünstreifen).
Besser noch, man denkt beim Gehen gar nicht allzu viel über sowas nach, nicht dass es einen zu sehr beschwert, weshalb ich auch a priori ein Freund des Hinaufgehens bin, und zwar des beschwerlichen, schweißtreibenden Emporsteigens, weil das, wie es so schön heißt, den Kopf frei macht, denn auf manch steilem Pfad lässt man besser den Gedanken fallen als dass man sich selbst zu Fall brächte.

Ich beschränke also weiterhin meinen Ausgang auf das Notwendige, ergänze das gelegentlich um das Wohltuende und halte bei all dem Abstand, völlig freiwillig und ein Stück weit auch als emotionale und mentale Hygienemaßnahme.
Verzicht ist blöd, schon klar, jeder vermisst gerade etwas oder jemanden (ich könnte drei Seiten dazu verfassen, was mir momentan fehlt und „was das mit mir macht“, aber wozu soll das gut sein?) und hat mit Entbehrungen (mehr oder weniger) zu kämpfen, aber ist es wirklich ein Problem, wenn jetzt einmal (!) der Sommer- oder gar der Jahresurlaub ausfällt bzw. im eigenen Land verbracht werden muss (!), zumal wir von zwei Meeren über etliche Heidelandschaften, Seenplatten, Mittelgebirge bis hin zu prächtigen Bergen so ziemlich das ganze Spektrum an landschaftlicher Schönheit zur Verfügung haben?
Vertreibt einem das nur die Instagram-Follower, wenn man bloß lauter öde Fotos mit Untertiteln wie „Sonnenuntergang am Sylvensteinsee“ oder „Picknick am Pilsumer Leuchtturm“ oder „Wastl auf dem Watzmann“ posten kann oder macht das ernsthaft unglücklich?
Könnte man nicht einfach mal die Kirche im Dorf lassen – und sich diese vielleicht sogar einmal genauer ansehen, anstatt immer nur das, was weit weg ist, interessiert betrachten zu wollen?

Der winzige Ort Bichl zum Beispiel, der soll eine sehr sehenswerte kleine Dorfkirche haben, St. Georg heißt sie, wie mir der Papa neulich berichtete, als er seine erste kurze Ausfahrt seit drei Monaten wagte, um eben jenes kunsthistorische Kleinod zu besichtigen.
Leider hab ich’s nicht so mit Kirchen, zumindest nicht übers Architektonische und die Orgelmusik hinaus, er ja eigentlich auch nicht, aber da er nunmal nicht mehr gut zu Fuß ist, weil ihn Mr. Parkinson gnadenlos seiner Bewegungsfreiheit beraubt hat, schaut er halt, was noch geht und wofür er nicht zu viel gehen muss, um noch ein bisschen was von der Welt zu sehen, und richtet sein Interesse, was dem Wortstamme nach auch „dabei sein“ bedeutet, eben auf die Dinge, zu denen er noch gut hingelangt – und das sind ja auch gar nicht so wenige.

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Apropos Papa. Ein Besuch am Tegernsee steht nun an, und mir kommt es so vor, als stünde der sogar recht dringend an. Weil am Telefon ging es in letzter Zeit auffallend oft um – wie soll ich’s ausdrücken? – final anmutende Tätigkeiten, mit denen sich der Papa über die Coronawochen hinweg zunehmend zu befassen schien.
Listen hat er sich angelegt, in denen aufgeführt ist, wo er welche Versicherung oder Mitgliedschaft abgeschlossen hat, mit welcher Nummer und wer der Ansprechpartner ist.
Alle seine Ordner hat er ausgemistet und neu beschriftet, „(…) damit du weißt, wo du was findest“.
Aber ich suche doch gar nichts, Papa!
Und da ist sie wieder, seine Formulierung: „Ist ja nur für den Fall der Fälle.“
Auf die Nachfrage hin, von welchem Fall wir denn nun genau reden, meint er schnörkellos: „Ja wenn mich dieses Virus erwischt und vielleicht außer Gefecht setzt oder ganz hinwegrafft, dann hab ich sicher nicht mehr die Zeit, das alles zu ordnen.“ – wo er recht hat, hat er recht, der Herr Vater.

Trotzdem weiß ich nicht, was ich davon halten soll, dass er mir zwei Umzugskartons „mit Sachen“ angekündigt hat, die er ebenfalls aussortiert hat und mir nun gerne zur weiteren Verwendung oder Verräumung übergeben möchte: die Familienfotos, alle Fotos aus seinen 40 Berufsjahren, etliche sogenannte „persönliche Gegenstände“, ein paar Bildbände, Schallplatten und andere Habseligkeiten (was für ein schönes Wort, denke ich gerade, wenn ich das so tippe: Hab_selig_keiten – war der Papa selig, weil er sie hatte?).
„Du musst doch jetzt nicht dein ganzes Leben auflösen wegen eines Konjunktivs bzw. diesem Fall der Fälle“, sage ich zu ihm und weiß schon beim Aussprechen dieser Bemerkung, dass ich darauf keine Antwort erhalten werde, weil… (und diese Antwort, die versage ich mir nun selbst, zumindest heute).

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Ob die Gesellschaft sich nun (noch mehr) spalten wird, und wenn ja, wie und warum und in welche „Lager“, gehört ebenfalls zu den momentan intensiv und kontrovers diskutierten Themen.

Ins Politische möchte ich jetzt nicht abdriften, allein wenn ich die letzten zwei Monate hier in meinem kleinen Orbit so Revue passieren lasse, dann stelle ich fest, dass ich (teils recht erstaunt) feststellen durfte, mit wem ich diese Wochen wirklich geteilt habe und mit wem ich sie nicht teilen konnte oder wollte (oder der/die das mit mir nicht konnte oder wollte).
Zwei Freundschaften, von denen die eine noch im Entstehen und die andere längst schon abgestanden war, fielen Corona zum Opfer. Gar nicht mal so wenig, für nur zwei Monate!
Was natürlich totaler Humbug ist (überall liest man das ja derzeit: was alles „Corona zum Opfer fiel“ und damit sind zumeist nicht die Erkrankten oder Toten gemeint), denn nicht etwa das C-Virus hat diese mitmenschlichen Bande zerfressen, sondern die Infektionen schwelten da jeweils schon länger und sind nun einfach eskaliert-explodiert-erodiert, „dank“ dieses Brennglaseffekts. Eine Verdichtung, ein Aufplatzen von Eiterherden, eine Sezierung, das ist es, was diese C-Krise mit sich bringt.

Es gibt einige Tage, die fühlen sich ein bisschen so an wie sonst die paar Stunden, die ich jährlich am 31.12. mit gewissen „Bilanzen“ und „Überträgen“ zubringe: ich mache eine Bestandsaufnahme dessen, was so war (Berge, Bäder, Begeisterungen, Befreiungen, Begegnungen, Beschlüsse und ihr Scheitern u.v.m.) und ein Fortschreiben dessen, was auch weiterhin sein kann-darf-soll (welche Adressen nehme ich mit ins neue Jahr – und meist steckt ja hinter einer Adresse auch ein Adressat -, welche Vorhaben notiere ich neu oder erneut, was schreibe ich ab, weil es nicht mehr passt oder noch nie gepasst hat…, um nur ein paar Beispiele zu nennen).
Dabei haben wir erst Mitte Mai und normalerweise ist das die Jahreszeit, in der ich mich eher auf meine Wunschliste für den Geburtstag fokussiere, was natürlich arg übertrieben, aber offen gestanden auch nicht völlig untertrieben ist.
Die fällt nun dieses Jahr erstaunlich kurz aus, einzeilig gar, das gab es eigentlich noch nie, aber der Gatte freut sich, weil es die Angelegenheit schließlich sehr vereinfacht und ich sonst ja schon kompliziert genug bin (was jetzt ebenfalls ein klein wenig übertrieben ist).

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Beim Laufen im Park (an dieser Stelle und bei dem Thema muss ich mir mein Gejammere über das nach wie vor geschlossene Schwimmbad übrigens am meisten verkneifen, weil ich es beim Laufen seltsamerweise am meisten spüre, wie sehr mir das Schwimmen fehlt) treffe ich mittlerweile nicht mehr gelegentlich J. (der wird längst wieder durch die Berge laufen, wo uns der Zufall eher nicht regelmäßig zusammenführen wird), dafür jedesmal den alten, einäugigen Hund.

Manchmal sitzt er vor einem Baum und guckt mit mildem Interesse den Eichhörnchen zu. Völlig entspannt ist er dabei, weil er weiß, dass es sich mit der Jagd für ihn erledigt hat und er schon froh sein kann, dass sie ihm nach dem üblen Unfall nur ein Lid zugenäht haben und er deshalb neben seiner guten Nase noch ein winziges Restaugenlicht hat, um sich zu orientieren in seinem kleinen Ausschnitt der Welt, in dem er zuhause ist und wo er gelernt hat, mit dem zufrieden zu sein, was er hat: Seinem Menschen, seinem Auslauf, seiner Wiese und ein paar munter umherflitzenden, unerreichbaren Eichhörnchen hoch droben in den Wipfeln der schönen, grünen Kastanien. Ein Stoiker ist er, und ein Epikureist.

Bewundernswert, wie er das macht.
Und wie er einfach unerschütterlich ist.

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Nothing unusual, nothing strange
Close to nothing at all
The same old scenario, the same old rain
And there’s no explosions here

Then something unusual, something strange
Comes from nothing at all
I saw a spaceship fly by your window
Did you see it disappear?

Amie come sit on my wall
And read me the story of O

And tell it like you still believe
That the end of the century
Brings a change for you and me

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Die Widerlegung des Antoine de Saint-Exupéry.

Jetzt neu in der Konditorei Kustermann (aus der Serie „Kleine Köstlichkeiten für kleine Haushalte“, es lebe die Großstadt!). Leckerlecker 🤗

Von wegen „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ oder „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

(Noch ansprechender übrigens die vier neuen Guglhupfsorten, ebenfalls in der sympathischen Zwei-Personen-Edition.)

Auf und Ab.

Vor vielen Jahren war ich an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich mir nichts sehnlicher wünschte als umkehren zu können, was aber unmöglich war, da der Weg zurück genauso furchteinflößend war wie jeder weitere Schritt nach vorn.

Ich stand damals bei Nebel und Nieselregen vor der Friesenbergscharte, dem höchsten (und bei gutem Wetter wohl auch aussichtsreichsten) Punkt meiner Alpenüberquerung.
Ganz allein auf 2.904m Höhe, mit einem viel zu schweren Tourenrucksack, keinerlei Sicht und zittrigen Knien.

Es gab kein Zurück, der Aufstieg vom Spannnagelhaus bis hierher war rutschig und schwierig gewesen, und bis zur Olpererhütte, dem Ziel dieser Tagesetappe, war es nochmal genauso weit. In welche Richtung ich gehen würde, war also völlig egal.
Ich setzte meinen Rucksack ab, stopfte die Lekis hinein, wuchtete mir das schwere Trumm wieder auf die Schultern und schielte bang nach unten. Der Weg hinab war drahtseilgesichert und mit Trittstiften versehen, und im Nachhinein betrachtet musste ich dem Nebel fast dankbar sein, dass nicht auszumachen war, wie weit ich unter diesen Bedingungen würde absteigen müssen.

Zum allerersten Mal auf meinem Weg hatte ich Angst.

Dachte an den Papa, der in spätestens zwei Tagen auf ein Lebenszeichen warten würde, das dann nicht käme, und wie unlogisch und unverzeihbar es wäre, wenn ich vor ihm abtreten würde. Er käme zu spät, um mich aus der „Gletscherspalte“ (die zwar nur eine Scharte war, aber für das existentielle Gefühl dort oben war das unerheblich) abzuholen, ich hinge dort mit eingeklemmtem Bein oder Brustkorb und wäre über Nacht längst erfroren.

Dachte an die Sportuhr, die ein Freund mir Tage zuvor beim Aufbruch am Münchner Hauptbahnhof gegeben hatte und die sich längst wie ein Talisman anfühlte, der sich um mein Handgelenk schmiegte, und nun verloren wäre; dachte an B., den hübschen Abiturienten, mit dem ich am ersten Tourabend in Mittenwald meine letzte Zigarette geraucht hatte und der danach unbedingt mit auf mein Zimmer wollte, was ich aus purer Vernunft abgebogen hatte, wieso eigentlich?

Ich dachte an all das, woran ich an all den Tagen auf dieser Tour noch gar nicht gedacht hatte, obwohl ich mit dem festen Vorsatz aufgebrochen war, genau über all das nachzudenken, um zu großen Erkenntnissen und gewichtigen Schlüssen zu gelangen, und fand es ziemlich schade, dass mir diese ersehnte, umfassende Katharsis nicht mehr widerfahren würde (was ich hier noch nicht ahnte: dass ich am Ende des Trips feststellen würde, dass ich über nichts von all dem nachgedacht hatte und sich dennoch fast alles geklärt hatte – und der Rest unwichtig geworden war).

Alles Mögliche ging mir in diesen paar Minuten durch den Kopf, die ich verkrampft und verängstigt dort stand und diese blöde Idee mit der Alpenüberquerung ebenso verfluchte wie meine Liebe zu den Bergen.

Und dann holte ich tief Luft – und ging weiter.

Die Schuhsohlen fanden auf den feuchten Stiften schwer Halt, mit klammen Fingern krallte ich mich an das eiskalte, glitschige Drahtseil und tat einen ersten, wackligen Schritt. Und einen zweiten, und einen dritten…
Ich guckte nicht nach oben und nicht nach unten, sondern klebte ganz eng am Fels und hangelte mich vorsichtig stufenweise abwärts, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte.

Letztlich war die gefährliche Passage recht kurz, aber für mich war es einer der wichtigsten Momente in meinem Leben.

*****

Gestern Abend, am Ende eines zehrenden Tages und einer abgebrochenen Reise, den Film „Wild“ nochmal angeschaut (seinerzeit im Kino die Augen ausgeheult).
Man greift ja in manchen Stimmungen ganz bewusst zu bestimmten Filmen, Büchern oder Musikstücken.

Vieles fließt hier ineinander, was gerade in mir ist – an Schmerz, an Sehnsucht, an Hoffnung, an Aufbruchsstimmung, an zu dichter Abfolge von Euphorie und Enttäuschung.
Nach 33,5 Filmminuten dann der Moment, der die Schleusen öffnet.

Zwar keine Gletscherspalte oder Friesenbergscharte, nur eine kleine, schwierige Felspassage – erst plumpst der Rucksack hinab, dann der Mensch -, aber das Entscheidende wird sichtbar: Es ist ein ganz anderes, befreiteres Weitergehen danach, ein Zuwachs an Mut und Selbstvertrauen. Es folgt eine Brückenquerung (sowieso schon immer mein Ding: Brücken), dazu diese Musik, die ersten Töne noch kaum hörbar, dann wie ein anschwellender Herzschlag und schließlich eins werdend mit dem Blut, das rhythmisch durch die Adern pulsiert, wie man’s beim Bergsteigen ja nicht nur durch und durch spüren, sondern auch hören kann.

The road is dark
And it’s a thin thin line
But I want you to know
I’ll walk it for you any time

*****

Nochmal so eine Tour, denke ich gestern Abend, das wär’s.

Darauf vertrauen, dass man nicht abstürzt, sondern mit klarem Kopf heimkehrt.
Und das Herz wieder so weit, und so frei.

It’s dark at night.

Das Panoramahotel in den Bergen empfängt mich eingeschneit, aber panoramalos. Dass das so bleiben würde, war nicht zu erwarten, passt dann aber unerwartet gut zu Allgemeinbefinden und Stimmungslage.

Es lässt sich tagsüber nur erahnen, dass wir von Bergen umgeben sind, das Weiß der Skihänge geht nahtlos über in weißgraue Nebelschleier, die jenseits der 900 Höhenmeter alles verhüllen.
Ein Sessellift, den ich vom Bett aus sehen kann, verschwindet im Nebel, ein seltsam beruhigender Anblick ist das: am rechten Seil verschwindet Sessel um Sessel in dem dichten Dunst und zugleich taucht an der linken Seite der Strippe Sessel um Sessel wieder auf.
Nachts blitzen auch weiter oben an den Berghängen vereinzelt Lichter auf: Hütten, Liftanlagen, Pistenraupen.

Das Zimmer ist wie vor Anreise abgesprochen „puristisch und ohne Schnickschnack“, sieht man mal von dem sehr flauschigen star spangled bathrobe und dem Sinnspruch ab, den sie hier in jedem Zimmer an die Wand über dem Bett gepinselt haben.

Natürlich in jedem Zimmer einen anderen, so dass man leicht geneigt ist, in die vom Zufall zugeteilte Sentenz etwas Schicksalhaftes hineinzudeuten.

Mein Herz fühlt sich bleischwer, folglich ist das wohl nicht mein Zuhause hier, was nicht weiter überrascht, da ich ja auch verreist bin.
An den Sternenmantel gewöhnt man sich, schließlich guckt man nicht dauernd an sich herunter bei den paar Stiegen hinauf zur Sauna.

Aus der Sauna blickt man direkt auf den nachtschwarzen Berghang.

Bei der Nachtrunde mit dem Dackelfräulein ist es so stockdunkel, dass ich mir das Stirnlämpchen über die Mütze ziehen muss, damit wir nicht vom Weg abkommen. Unter dem harschen Schnee ist es eisig geworden, so wie es überhaupt sehr eisig geworden ist (vor drei Wochen erst saß ich mit Hagebuttenkrapfen und offener Jacke auf einer Bank am See und träumte schon vom Frühlingsbeginn).
Nachts drücke ich das Dackelfräulein viel enger als sonst an mich, damit ich morgens durchgewärmt aufwache. Nur gut, dass ihr das eh recht ist.

Tagsüber stapfen wir Stunde um Stunde schlecht gepflegte Winterwanderwege entlang. Gut gepflegt würden sie meine Laune aber auch nur unwesentlich bessern, fürchte ich. Ich friere trotz dicker Vermummung wie eine Irre, bin appetitlos wie nie, Magen und Kehle sind zugeschnürt, vermutlich ein Virus, diesmal wenigstens nicht Noro mit Vornamen. Das mit der Mukiku ist jedenfalls gründlich daneben gegangen.
Man kann halt nicht immer bei blauem Himmel und Sonnenschein glücklich durch die Berge hoppeln, so ist das (L)eben.

Ich schleppe mich in ein Lokal, in dem die Menschen einen Dialekt sprechen, der meine Ekelgefühle nur noch verstärkt, würge mir eine Kinderportion rein (wie sie einen schon ansehen, wenn man ein 4,90€-Gericht aus der Rubrik „Für unsere Kleinen“ bestellt!), denn irgendwas muss man ja zu sich nehmen außer Salzstangen und Orangen (eigentlich das Einzige, das mir schmeckt).
Das Herz schmerzt und der Magen mag nicht mehr.
Beim Essen entwischt mir eine Nudel, flutscht über den Tellerrand und landet mit ihrem roten Saucenhäubchen auf der bis dahin schneeweißen Tischdecke. Ich pieke sie verschämt von dort auf und verursache dadurch einen noch größeren Fleck.

Dabei fällt mir der Papa ein, den ich neulich, als er für uns gekocht hatte, bei einer neuen Esstechnik beobachtet habe. Der Parkinson versaut ihm schon seit Langem das kleckerfreie Speisen, aber ganz besonders schien es ihn zu ärgern, ja, manchmal beinahe zu quälen, wenn es ihm nicht gelingen wollte, mit seiner Gabel treffsicher in den nächsten Happen zu stechen (vom Hantieren mit dem Messer wollen wir erst gar nicht sprechen).
Nun hat er einen Trick gefunden, dieses deprimierende Harpunieren zu umgehen: Er hält die Gabel jetzt in der linken, nicht zitternden, aber motorisch schon immer ungebildeten Hand, parkt die rechte Hand neben dem Teller, hebt, wenn keiner zu gucken scheint, ein bisschen den Zeigefinger der ruhenden Hand an, so dass dieser knapp über den Tellerrand hervorschaut, und schiebt – sich von links mit dem Besteck nähernd – das aufzugabelnde Häppchen gegen seine Fingerkuppe, so dass es letztlich auf den Zinken landet. Das klappt sehr gut, viel besser als das fahrige Gestocher zuvor. Dennoch kommen mir fast die Tränen, wenn ich daran denken muss (und das muss ich erstaunlich oft) oder das hier so hinschreibe.
Ist etwas erst einmal erzählt, dann existiert es, ist auf bestimmte Weise festgelegt und nicht mehr so leicht veränderbar als wenn es unerzählt geblieben wäre. Das gilt nicht nur für die Gabelgeschichte. Vieles, wenn es erstmal dasteht, in die Worte gegossen, die man eben in jenem Moment des Niederschreibens wählen wollte (oder musste), wird einem dann noch bewusster – oder überhaupt erst bewusst? – in seinem jeweiligen So-sein.

Morgen Früh fahren wir wieder nachhause.
Die Auszeit ist also aus bevor sie an war.
(Cura te ipsum, sag ich mir.)

Von wohlmeinenden Genesungswünschen bitte ich Abstand zu nehmen (hab‘ mich bereits ausführlich genug selbst bedauert), erheiternde Kommentare oder schräge Berichte von in die Hose gegangenen Kurzurlauben sind hingegen jederzeit willkommen!

Himmel der Bayern (9): Aussichten und Einsichten.

Bis Mittag gearbeitet, dann raus an den Tegernsee…

…dort von der freien Bahn für den Herrgott profitiert…

…und hochgesaust zur Aueralm…

…wo ein jeder findet, wonach ihn dürstet:

Keiler, Brotzeit, Aussicht, Ruhe – auf herzoglich bayrische Art.

Indes der verwaiste Nebentisch von tiefen Einsichten erzählt. Wozu Sehhilfen?

Man sieht eh nur mit dem Herzen gut. 

Endlich ist geklärt, wie dieser Saint-Exupéry zu der Story kam (oder sie zu ihm).

Prosit! Die Kraulquappe.