Watering the Wiesn.

Feierabend. Die Bauarbeiter haben die Arbeitswoche beendet und verkriechen sich in ihre abgedunkelten Wohncontainer.
Jetzt stehen sie alle, die großen Zelte, auch am Augustiner prangt nun Schriftzug der Brauerei, alle anderen hatten das längst erledigt.

Flirrende Hitze über der Theresienwiese. Der durch das emsige Gewurschtel tagsüber aufgewirbelte Staub legt sich allmählich nieder, genau wie seine Aufwirbler.

Ich sitze mit meinem Feierabendweißbier auf meiner Bank in der Abendsonne und proste der Bavaria und dem Wüstenkönig zu, der das Gelände von seinem Turm aus bewacht. Lasse die Woche Revue passieren. Viel Schönes erlebt, aber auch etlichen Ärger.

Versuche, mich nicht mehr über die stundenlangen Telefonate mit den sogenannten Service-Hotlines von Vodafone und 1&1 und dem daraus resultierenden Nicht-Service aufzuregen, und auch nicht mehr darüber, dass mir ein Paket gestohlen wurde, das der DHL-Bote gerade mal für ein schlappes Viertelstündchen auf der Fußmatte abgestellt hatte. Einen Verdacht hab ich zwar, wer’s mitgehen ließ, aber beweisen kann ich’s nicht. Daher versuche ich angestrengt, nicht an die diversen Tricks und Kniffe zu denken, die ein Typ wie Saul Goodman für eine Situation wie diese parat gehabt hätte und die ich mir durchaus auch zutrauen würde (in mir hausen nämlich ein halbseidener Advokat, ein beherzter Kleinganove und unerschrockener Rächer, die in solchen Momenten rauswollen und es kostet etwas Disziplin, die drei Halunken in ihrem Zwinger zu belassen).

Langsam kehrt Ruhe ein, drinnen wie draußen. Und während ich da so sitze, an meinem Säbelzahntigerglas nippe und vor mich hin grüble, wird nach und nach das ganze Festgelände von dieser speziellen hochsommerlichen Trägheit befallen, wie sie einem noch aus den Wochen vor den Aufbauarbeiten so vertraut ist.

Aber hoppla – was ist das denn? Wie’s scheint haben noch nicht alle Wiesn-Arbeiter Feierabend gemacht!
Der Schlauch, dieser alte Schlawiner, beginnt auf einmal, eine After-Work-Party zu feiern! Wie von einem unsichtbaren Schlangenbeschwörer animiert führt er plötzlich ein munteres Tänzchen auf, das zur reinsten Schaumparty ausartet. Ein paar Vögel nutzen die unerwartete Duschgelegenheit, flattern aber schnell wieder davon, weil der Schlauch sich doch ein bisschen zu ekstatisch geriert und das ist den gefiederten Kameraden zu unberechenbar und zu wild.

Ich gucke diesem unverhofften Spektakel zwanzig Minuten lang zu.

Das hat was Meditatives und Tiefenentspannendes – und hätte ich mich nicht gerade geduscht gehabt, wäre ich am liebsten durch diese Wasserfontäne gesprungen.

PS: Wenn Sie sich das ansehen, dann bitte unbedingt im Full-Screen-Modus.

Tochter sein.

Ein wattierter Tag neigt sich seinem Ende zu.

Es gibt nicht viele dieser wattierten Tage, aber heute war einer von ihnen.

Abendstimmung in Farchant (mit Blick zur Zugspitze).

Morgens eine Impuls-Ampulle vom Arzt des Vertrauens bekommen. In ihrer Wirkung eine Art mentale Lebensversicherung (oder besser: -zusicherung). Das Besprochene will ich mir jedenfalls merken und es verinnerlichen oder veräußerlichen, je nachdem.

Anschließend mit dem Rad weiter, einmal quer durch die Stadt, zum Lieblingsbad. Odeonsplatz-Briennerstraße-Königsplatz-Nympenburgerstraße, ein bisserl wie eine Stadtrundfahrt, alles strahlt in der Sommersonne so hell, klar und freundlich. München ist schon schön. Das sage ich auch dem Ex-OB, der zufällig neben mir an einer Ampel steht.

Im Freibad die bevorzugte Bahn fast für mich gehabt, keinerlei Gedränge und Beckenquallen. Weiches Wasser umgibt mich, hält mich, trägt mich, verleiht mir Auftrieb. Frisch geduscht und mit dem ultimativen Sommergefühl (= mit nassen Haaren Radfahren) zum Lunch zu D.

Lunch ist an sich gar nicht mein Wort, erst recht nicht für so ein Brotzeit- &Gesprächsstündchen mit einer Freundin, aber heut schreib ich es hin: Lunch. Weil ich D. mittendrin eine Frage stelle, die eine Vokabel mit demselben Seltenheitswert wie Lunch enthält, nämlich Nagellack. Ich frage sie spontan: Sag mal, hast du einen Nagellack da?

Sie hat. Und nicht nur einen. Ich wähle den blauen Lack. Und dann tue ich es und lackiere mir zum ersten Mal in meinem Leben die Zehennägel (mit den besten Grüßen an Dr. T.). Blau, ha! War mir plötzlich danach.

Nach dem Lunch mit den neuen blauen Nägeln das Rad zum Radladen des Vertrauens gebracht, weil mir das Geschäft im neuen Viertel nicht zusagt (komische Zeiten, unzuverlässig, chaotisch, und da es heut um was Größeres ging, kam der Laden echt nicht in Frage). Ohnehin bin ich vom Typ her Stammkunde: wenn ich mich einmal ge-/erkannt, gut bedient und wohl fühle, bleibe ich ewig treu (Stammkunde sein ist wie gute Gewohnheiten oder liebgewonnene Rituale pflegen: es entlastet so herrlich von dem ständigen Orientierungs- und Entscheidungszirkus, erspart einem meist auch Skepsis und Ärger).

R., der nette Radladenchef berät mich super in Sachen Zweitkorb. Der ist für das Dackelfräulein gedacht und da muss was Stabiles her (ich will sie vor dem Lenker haben und nicht hinterm Sattel und schon gar nicht in einem Anhänger), und als der R. sogar noch eine Idee vorträgt für eine gepolsterte Auflage fürs Dackelkinn (obwohl Hunde ja gar kein Kinn haben), ist mir zutiefst klar, dass ich hier auch die nächsten Jahre mein Rad herbringen werde.

Nach dem Abendessen meine Sachen gepackt, dem Gatten und Pippa Adieu gesagt und eine Stunde später im Zugspitzland wieder ausgestiegen.

Garmisch, Burgrain. Jugendherberge. Die erste mit einem Alpinstudienplatz. Vor 10 Jahren hat der Papa hier seinen Abschied von 40 Berufsjahren gefeiert, dieses Haus war sein letztes großes Projekt.

Zehn Jahre später spaziere ich nun noch einmal in dieses schicke Haus hinein – und siehe da! – da ist es ja glatt noch einmal, dieses vertraute, alte Gefühl: Tochter sein.

An der Rezeption meinen Namen sagen, die Reservierung liegt im Extrafach bereit, auf der Rechnung steht ein Sonderpreis, das Bett ist bereits bezogen, das abendliche Getränk geht aufs Haus und „bitte grüßen Sie Ihren Vater herzlich von uns„. So war das früher immer, wenn ich irgendwo in Bayern unterwegs war.

Ich stehe in meinem Zimmer und gucke aus dem Fenster. Die Alpspitze leuchtet im Abendrot, das Wettersteingebirge räkelt sich in den letzten Sonnenstrahlen. Wirklich eine privilegierte Lage für eine Jugendherberge.

Und mir ist bewusst, dass ich nun wohl zum letzten Mal diese Art von Tochter sein genieße, inklusive einer Nacht im Stockbett, in einem Viererzimmer für mich allein (mit 47 schläft man jetzt freiwillig unten, früher wär das niemals in Frage gekommen).

Kurz bevor ich sentimental werden könnte, klingelt das Handy. Der Papa ist dran und will wissen, ob ich gut angekommen sei und ob im Haus alles geklappt habe. Natürlich, Papa, sage ich, – ich bin ja schon groß!

Ein wattierter Tag neigt sich seinem Ende zu.

Danke dafür.

I come from down in the Valley oder: Ausflug zum Mangfallknie.

Während sich halb München an den Seen oder in den Bergen tummelt und sich mit den vielen Urlaubern um einen freien Platz am Seeufer oder auf der Hüttenterrasse kloppt: einfach mal ins Mangfalltal verschwinden!

Lange, erfrischende Flusswanderung zwischen Hohendilching und Kleinhöhenkirchen hinauf zum Schlossbräu nach Valley. Menschenleere, schattige Wege, teils ungeahnt hügelig.

In Valley dann ein hübsches Schloss mit Brauerei und Biergarten daneben.
Für Kulturinteressierte ein Orgelmuseum und für Gebräuinteressierte eines der wenigen bernsteinfarbenen Weißbiere der Region.

Auf dem Hin- und Rückweg unzählige Spiel- und Badegelegenheiten.
Sehr zu des Fräuleins Freude, die ganze Unternehmung.

Zum Schluss noch ein Skulpturenpark und eine Prise Petrichor.
Sommer ist etwas Wunderbares!

Hund haben (18).

Eines der großartigsten Phänomene jahrelangen Hundhabens besteht darin, dass man mit der Zeit all jene Dinge vergisst oder verdrängt, die man in seinem früheren, hundelosen Leben total gern unternommen hat und die mit Hund an der Backe Hacke einfach nicht mehr so gut gehen oder eher schlecht machbar oder sogar ganz und gar unmöglich sind.

Ich nehme an, es geht Menschen mit kleinen Kindern recht ähnlich und auch sie vergessen mit den Jahren, wie schön das Leben zuvor war, vor allem, was spontane und nicht generalstabsmäßig und tagelang vorher organisierte Abendunternehmungen oder gar Kurzreisen angeht.
Wie nett es war, nach Lust und Laune Biergärten, Theater, Ausstellungen, Kinos, Lokale, Freunde aufsuchen zu können (und das alles ohne ständigen, verantwortungsbewussten Blick auf die Uhr), im Hochsommer stundenlang lesend an Seeufern herumzudösen oder gleich tageweise in die Berge zu flüchten.
Wie unkompliziert es war, in fremden Städten oder Ländern eine Unterkunft zu finden oder ein paar Urlaubstage oder -wochen zu gestalten.
Wie wenig man sich mit dem Partner abzustimmen brauchte, als man noch zu zweit war: es genügte ein „Du, ich treff mich heut Abend mit X, es kann spät werden!“, nun spricht man sich Tage im Voraus ab, wer wann für den Hund zuständig ist, teilt Abendgassis auf, informiert sich über die aktuelle Verdauungslage des Vierbeiners und muss sich in beruflich oder privat enger getakteten Phasen genauestens an Absprachen halten, da es nunmal nicht geht, dass der Hund statt drei Stunden auf einmal mehr als doppelt so lang allein zuhause ist, nur weil einem nach dem Pizzaessen mit einer Freundin plötzlich noch der Sinn nach einem Kinobesuch steht oder die Arbeitskollegen nach Feierabend zu einem gemeinsamen Biergartenbesuch aufrufen.

Da zieht also eines Tages dieses sogenannte „Glück auf vier Pfoten“ ein und in den folgenden zwei Jahren staunt man nicht schlecht, was alles plötzlich nicht mehr geht oder nur noch anders oder mit mehr Aufwand machbar ist oder einem aber bereits im Vorfeld so viel Aufwand bescheren würde, dass man abzuwägen beginnt, ob das noch in einer vernünftigen Relation zu der angestrebten Unternehmung steht oder es nicht entspannter ist, die Sache einfach bleiben zu lassen und nach adäquten Alternativen zu suchen.
Wehmut und Ernüchterung überschatten gelegentlich dieses immens große Glück, das einem die Wohnung vollhaart und einem das nachmittags im Café aus Langeweile zernagte Bierfilzl nachts um 4 Uhr von Gallenflüssigkeit ummantelt auf den Teppich würgt.

Nach weiteren zwei Jahren hat man schließlich mit viel Veränderungswillen und Anpassungsarbeit einen Modus gefunden, in dem sich dieses so gänzlich neue Leben wieder gut und rund anfühlt. Und nochmal zwei Jahre dazu, und schon hat man komplett vergessen, wie das Leben früher mal war.

Ein perfekter Assimilationsprozess ist das, den das Hirn da vollbringt, und er kommt nach ein paar Jahren zu einem geradezu perfekten Abschluss: Man ist dann genauso glücklich wie früher, nein, Unsinn, sogar deutlich glücklicher als früher ist man jetzt, denn ein einziger Dackelblick aus diesen ehrlichen, braunen Augen, und schon ist alle Mühsal und Einschränkung wie weggeblasen, und ein Leben ohne Hund ist im Lauf der Zeit sowieso ganz und gar unvorstellbar geworden – nicht auszudenken, der kleine Schlawiner wäre plötzlich nicht mehr da…

Vier Tage Passau mit Hund und mit Temperaturen von deutlich über 30 Grad bedeuten, dass man vieles, das zu sehen man hoffte, überhaupt nicht zu sehen bekommt (wg. für Hundepfoten zu sonnigen oder langen Wegen dorthin) oder nur die absurdesten Orte sieht (z.B. betonierte, schattige Flusszuläufe, durch die man gemeinsam zwecks Abkühlung watet, oder das verschlammte Inn-Ufer oder die veralgten Donautreppen) oder aus anderen Gründen nichts sehen kann (stundenlanges Verharren unter einem zwar schönen, aber licht- und sichtraubenden Blauglockenbaum, wo es der Hund gut aushält und endlich mal nicht hechelt).

Man gibt dazu dann Kommentare zum Besten wie „Dieser Hund hat meine Perspektive auf die Welt und das Leben vollkommen verändert!“ oder „Dank meines Hundes entdecke ich nun so viel Neues!“ – und das stimmt natürlich auch. Absolut stimmt das.
Früher hätte ich mir halt das Museum für Moderne Kunst angesehen, vielleicht auch eine Führung im Stephansdom oder eine ArchitekTour mitgemacht, wäre zu Fuß jedes Gässchen dieser hübschen Stadt abgelaufen, den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und hätte mich von Eindrücken und Neigungen einfach mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Und nun? Mit Pippa an meiner Seite verzichte ich der Hitze wegen auf all diese Dinge. Meine Perspektive auf Passau ist nun eine, in der mein Auge immer geschickter nach schattigen Rasenstücken, erfrischenden Bachbetten, möglichen Flusszugängen, kühlen Seitengässchen, sonnenbeschirmten Cafés, klimatisierten Geschäften sucht – und fündig wird. Bin ja schließlich kein Anfänger mehr.

Gut, in den Stephansdom habe ich das Dackelfräulein trotz der Verbotsschilder mit reingeschmuggelt und in einer Nische unter einem Opferstock (Aufschrift „Für die Armen“) angebunden, wo sie dann friedlich auf dem kühlen Kirchenboden lag und auf mich wartete und die Spendenfreudigkeit sicher mächtig angekurbelt hat, falls jemand ihrer dort gewahr wurde.
Draußen hätte ich sie nirgendwo lassen können und ich bin sicher, dass Gott, falls es ihn doch geben sollte, auf jeden Fall damit einverstanden gewesen wäre, dass ein Hund keinesfalls auf kochendheißen Steintreppen vor dem Dom warten muss.

Als der Gatte seine Tagung hinter sich gebracht hat und wir überlegen, was wir in den verbleibenden 24 Stunden in Passau noch gemeinsam unternehmen könnten, schminken wir uns schnell alles, was mit der hübschen Altstadt zu tun hat, ab. Dort finden nämlich unzählige Festivitäten statt (Mitternachtsshopping, Konzerte, etliche Sommerfeste, tagsüber wie nachts), so dass klar ist: zu der perversen Affenhitze kämen auch noch größere Menschenmengen hinzu – das geht einfach gar nicht mit einem Dackel, der ja eh gern mal übersehen wird („Huch, wen haben wir denn da unten?“).

Also verbringen wir den einzigen gemeinsamen Abend oberhalb der Innstadt, laufen über luftige Höhenwege vom Kloster Mariahilf bis zum oberösterreichischen Grenzstein und zurück. Das tut dem Hund sehr gut, dort oben zu flanieren: der Asphalt ist kühl, es ist nichts los und man kann endlich mal wieder ein paar Katzen verbellen, weil endlich mal wieder ein paar Kräfte in den kleinen, von der Hitze geschundenen Hundekörper zurückkehren, weil die Umgebungsvariablen stimmen. Danach duschen wir uns alle noch kühl ab und legen uns unter kalten Tüchern aufs Hotelbett. Da kann einem doch jedes Altstadtsommerfest gestohlen bleiben!

Am nächsten Morgen – für den Tag sind 35 Grad vorhergesagt – verwerfen wir ebenfalls jegliches eigentlich noch geplantes Stadtprogramm, lediglich die Veste Oberhaus handeln wir als Kompromiss aus. Zuletzt als Kind mit dem Papa dort gewesen, weil die in der Burg gelegene Jugendherberge umgebaut oder eingeweiht wurde (ich weiß nur noch, dass ich es da recht unheimlich fand, so mit richtigen Luken statt Fenstern, Burgfeeling eben).
Wir starten früh, ergattern den letzten Parkplatz im Schatten und schlagen uns immer nah an den Burgmauern durchs Gelände, ab und an muss das Fräulein irgendwo kurz warten, wenn wir einen sonnigen Aussichtspunkt aufsuchen wollen.

Nach einer (!) knappen Stunde im Burggelände ist sie trotzdem sehr geschafft, allein von der warmen Luft. Also beginnt nun wie ausgemacht das Hundeprogramm, für vier (!) Stunden, wohlgemerkt. Beim Frühstück bereits gründlich recherchiert, wo der nächste See ist, an dem wenige Menschen und keine Hundeverbote zu erwarten sind.
Das ist der Stausee Oberilzmühle, sagt Google. Die Hotelbesitzerin wird dazu auch noch interviewt und auch nach ihren Infos klingt das Ganze ziemlich gut: bloß 20 Minuten zu fahren, sauberes Gewässer, Waldwege drumherum, nur irgendwo eine kleine Liegewiese und eine FKK-Bucht, Parkplatz weit genug vom Seeufer entfernt, so dass nicht mit allzu vielen Besuchern zu rechnen ist. Sogar eine Rundwanderung ist möglich und eine Einkehr soll es auch geben.

Also verbringen wir den letzten Tag fast komplett an der Ilz, die ja immerhin auch was mit der Dreiflüssestadt zu tun hat (zwar als kleinste der drei dort zusammenfließenden Wasseradern, aber mei), laufen auf dem Ilzwanderweg, spielen Frisbee mit Pippa, gehen mit ihr zusammen in den Stausee oder in den flachen Fluss, gucken ihr glücklich und zufrieden dabei zu, wie sie sich im kühlen Gras den nassen Rücken schubbert oder auf schmalen Waldwegen munter vorauswetzt und nur wenige Mal müssen wir ein bisschen Obacht geben, dass sie nicht einem im Ufergebüsch herumlümmelnden und Kombucha trinkenden Nackerten über seine Yogamatte saust (eher alternatives Publikum dort am Ilzstausee).

Der Hund ist im Vergleich zu der einen Stunde im Burggelände der Veste Oberhaus wie ausgewechselt – und die Welt ist wieder rund und schön. Für uns alle. Wir klopfen uns Tannennadeln und Kies aus den Trekkingsandalen, holen die Leckerlis, die Pippa nicht erwischt, selbst aus der Strömung, rutschen dabei fast auf den glitschigen Steinen in der Ilz aus, sprühen uns reichlich mit Anti-Brumm die fast dauernd nassen und von Mücken umkreisten Wadln ein und genießen den Familienausflug. Was hätte man schon in der Passauer Altstadt gesollt? Pah!

Bei der Triftsperre angekommen, sehen wir schon das von unserer Hotelchefin erwähnte „abgelegene Gasthaus“ samt dem sympathischen blauen Schild der Löwenbrauerei Passau durch die Bäume schimmern.

In einer weinrebenberankten Laube des Biergartens lassen wir uns zu einem Imbiss nieder. Von der Nicht-Biergarten-Seite aus erkennt man den Gasthof dann übrigens sofort wieder: Im Mai war er in jeder deutschen Tageszeitung zu sehen. Nicht wegen seiner hübschen Laube oder seines eher durchschnittlichen Essens oder des überbordenden Lokalkolorits in jedem Winkel des Gebäudes und auch nicht wegen manch ebenso antiquarischen wie schlichten Angebots in der Speisenkarte (Limo weiß oder gelb: 2,50€, ja köstlich!). Sondern wegen des dreifachen Armbrust-Suizids, der hier vor ein paar Wochen stattfand. Haben Sie sicher gehört oder gelesen.

Das illustre Trio erweckte wohl schon beim Einchecken etwas Misstrauen bei der Pensionswirtin, da ohne Gepäck gereist und das Frühstück explizit nicht mitgebucht wurde. Macht man ja als Übernachtungsgast eigentlich nicht.
Nun, sieht man die Pension von innen, was man leider muss, wenn man die hübsche Gartenlaube verlässt, um kurz die Toilette aufzusuchen, kann man das sofort nachvollziehen, denn nichts – absolut nichts! – lädt dazu ein, sich hier häuslich einzurichten oder gar ein Frühstück einzunehmen. Aber aus Sicht der Gasthofsbesitzer wird sich das wohl anders anfühlen.

Kein Zufall auch die Ortswahl für diese geplante und gruselige Hinrichtung, denn der mystische Tunnel hinter der Triftsperre, in dem es nachts spuken soll (Mädchenschreie, verschwundene Pfaffen etc.) sowie die Nähe zur Burgruine Reschenstein, auf der es ebenfalls nicht mit reschten Dingen zuzugehen scheint, zieht gelegentlich Menschen an, die sich von solchen lost & spooky places angezogen fühlen und über solche Orte nicht immer nur zur Geisterstunde in Foren mit Gleichgesinnten diskutieren, sondern das mal in echt erleben wollen.

Und manch besonders düsteres Vorhaben lässt sich vermutlich eben besser an einem solchen Ort umsetzen als beispielsweise in einem inmitten saftig grüner Bergwiesen gelegenen 3-Sterne-Hotel mit bodentiefen Glasfronten vor jedem Zimmer und einladender Lobby direkt hinter der Panorama-Sonnenterrasse, von der aus der Blick wahlweise zum Alpenglühen auf dem schrofigen Felsmassiv gegenüber oder zu den glücklich weidenden Kühen der nebenan befindlichen Alm schweift. Da passt so ein niederbayrischer Hinterlandgasthof mit Tunnel und Burgruine daneben schon eher.

Dem Hund ist all das aber ohnehin wurscht, denn Hauptsache während der Rast, und zwar ganz egal, wo und von wie vielen Sternen umgebeben die stattfindet, gibt es die übliche handvoll Futter samt genug Wasser im faltbaren Reisenapf: ein seit Jahren nicht verhandelbarer Programmpunkt bzw. eher so eine Art Ablasshandel (= Ihr dürft hier ein Stündchen in Ruhe sitzen, wenn ich dafür eine Extraportion Fressbares abstaube).

Es war ein toller Tag dort an der schwarzen Ilz. Was man nicht alles sieht und erlebt, wenn man mit Hund leben und reisen darf.
Stephansdom oder Donauschifffahrt kann ja jeder, aber die Halser Ilzschleifen, den Stausee Oberilzmühle und die Triftsperre, zu diesen Kleinoden im Passauer Umland verschlägt es nur die wenigsten Besucher.

Danke dafür, liebster Hund!

(Und gib Bescheid, wenn das kalte, nasse Geschirrtuch dir wieder zu warm wird, dann tränken wir es nochmal in Eiswasser.)

Hundstage.

Das nenn‘ ich mal ein Freibad, vor allem für ’ne Kleinstadt wie Passau. Kommt verdammt nah ran an das heimische Lieblingsbad.

Großes 50m-Becken, mit vier abgetrennten Sportbahnen, dezent gechlort, blitzsaubere Anlage, hervorragende Duschen und morgens um halb 10 weder Rüpel noch Rentner im Wasser. Dafür musste man etwas Gas geben, um mit den Studenten mitschwimmen zu können.

Angenehm erfrischt zurück zum Hotel, seitdem wieder mit dem Dackelfräulein unterwegs.

Ein Huschen von Schattenplätzchen zu Schattenplätzchen, dazwischen Sprünge in Bäche und Flüsse oder den Hund über den viel zu heißen Asphalt tragen. Das weiße Shirt… – heut eine ausgesprochen dämliche Wahl.

Verschwitzt und von Sonnencreme verklebt und mit fleckigem Shirt mittags kurz den Gatten auf seiner Stress-Tagung besucht. Nimmt einen eh keiner wahr, denn die Wissenschaftlerinnen stürzen sich sofort freudig auf den süßen, nassen Hund und sehen dann gleich allesamt ein bisschen weniger gestresst aus.

Weiter in ein lauschiges Café am Innufer: Salat, Schorle & ein mildes Lüfterl – und nun mal etwas Arbeiten.

Hundstage, aber wie!

Himmel der Bayern (61): Auffe, umme, obbe.

Lang nimmer do gwen.

Niederbayern. Passau.

Zuletzt wohl mit U., fürchte ich, an irgendeinem Winterwochenende, das ich geflissentlich verdrängt habe.

Es dominieren eh die Kindheitserinnerungen an die idyllische Dreiflüssestadt. Der Papa hatte damals oft hier zu tun und nahm uns ab und zu mit. Wunderschöne Altstadt, viel Kopfsteinpflaster und rundum überall Wasser. Fein!

An einem alten Gebäude am Donauufer zeigte er mir – ich war vermutlich 6 oder 7 Jahre alt – die Hochwassermarkierungen und ich weiß noch, wie fassungslos es mich machte, dass die Donau hier höher gestanden haben sollte als ich groß war (stimmt das grammatikalisch? falls nicht, sehen Sie’s mir bitte nach: es hat 35 Grad und ich hab 3 Stunden Rumlaufen hinter mir).

Ich erinnere mich an Herrn W., den späteren Gründer des Passauer Musuems für Moderne Kunst, er schenkte mir damals ein hübsches, aber kompliziertes Holzspiel, für das mir die Geduld fehlte. Und an ein mittleres Drama zwischen den Eltern, weil die Mutter mit einem Absatz im Kopfsteinpflaster hängenblieb und der Tag dann gelaufen war (und das nicht etwa, weil sie sich verletzt hätte).
Überwiegend aber sehe ich den Papa, wie er uns in seiner beigen Freizeithose und seiner Frühe-80er-Jahre-Windjacke (modische, gerippte Bündchen!) vorausläuft und sich überall auskennt und uns auf dieses und jenes aufmerksam macht (das Kind soll ja was lernen!).

Zu Studienzeiten auch ein paarmal durch Passau gefahren, auf dem Weg zum Freund nach Wien, der wegen seiner zeitaufwändigen Facharztausbildung nicht so oft die Stadt verlassen konnte. Meist kurze Rast hier, einen Happen gegessen und weiter.

Einer der Passau-Stops gekrönt von einem spektakulären Schlüsselbruch an der Autobahntankstelle. (Für die Jüngeren unter den Lesern: Ja, Schlüsselbruch. Damals sperrte man ein Auto noch ab. Mit einem richtigen Schlüssel.)
Getankt, dann den Schlüssel ins Schloss gesteckt und umgedreht, ihn wieder abziehen wollen und – schwupps! – blieb einfach der halbe Schlüssel im Schloss des kirschroten Fiestas stecken. Sehr ratlos stand ich da an der Tanke, das weiß ich noch gut.
Zweitschlüssel lag daheim in Würzburg, Handys hatte damals noch niemand, aber wenigstens befand sich das Portemonnaie in meiner Hand, das gab ein wenig Halt.
Der Tankwart hatte einen Spezl unten in der Stadt, und dessen Bruder hatte eine Ford-Werkstatt. Also fuhr mich der Tankwart obbe in die Stadt zum Ford-Händler, ich lief zur Werkstatt umme, der dortige Kfz-Mechaniker fuhr mich wieder auffe, öffnete mein Auto ruckzuck auch ganz ohne Schlüssel, entfernte die Reste desselben aus dem Schloss und fertigte mir unten in der Werkstatt einen neuen Schlüssel an (im Handschuhfach lag ja ordentlich das Bordbuch samt Serviceheft, dort war die Schlüsselnummer notiert).
Drei Stunden später und 200 DM ärmer (zu Studentenzeiten eine mittelschwere Katastrophe) konnte ich weiterfahren nach Wien, der angehende Herr Psychiater machte sich schon Sorgen und der geplante Absacker im Heurigenlokal fiel wegen meiner späten Ankunft leider flach.

Ich glaube, es gab sogar mal ein Wochenende mit dem Wiener Freund in Passau, weil exakt in der Mitte gelegen zwischen Wien und Würzburg. Kann aber nicht so prickelnd gewesen sein, sonst wäre die Erinnerung deutlicher. Ein ibis-Hotel, glaub ich, ohne Fön, mit schlechtem Frühstück und grausligem Weichspülergeruch im Bettzeug.

Dann waren da noch zwei nicht mehr genau datierbare Besuche bei K., in Hacklberg, einem Vorort von Passau. Seinerzeit der engste Mitarbeiter vom Papa und ein enger Freund von mir. Der zeigte mir als Einheimischer und Ortskundiger die Museen und Beisln der Stadt.

So viel zur persönlichen Passau-Historie.

Diesmal reisen das Dackelfräulein und ich dem Gatten voraus, der hier ab morgen eine kleine Tagung zum Thema „Stress“ begleitet (als ob er davon nicht eh schon genug hätte). Hören wir uns vielleicht auch mal einen Vortrag an, falls der Hörsaal klimatisiert ist. Ich schwanke noch zwischen einem Vortrag über Husserls Beitrag zur Stressforschung und einem anderen mit dem verlockenden Titel „Sinn finden in der Arbeitswelt“ (hä?, aber kann ja u.U. mal nicht schaden).

Vielleicht belassen wir’s aber auch bei Streifzügen durch die schattigen Gässchen der Altstadt, Eisessen, Rumgucken, Fotografieren, Baden am Innufer (das Fräulein) und Schwimmen in einem der schönsten Freibäder Deutschlands (ich). Zwischendrin ein wenig Schreiben und Arbeiten, falls die Hitze zulässt es und die Lüftung des Laptops nicht schlapp macht. Morgen Abend hinauf nach Hacklberg, wo uns K. in seinem Garten bewirten möchte, der Gatte ist sowieso bis spätabends eingespannt mit dem Tagungsvolk.

Natürlich aber ist – Sie ahnten es vielleicht eh!? – der Hauptgrund unserer Fahrt nach Passau ein Besuch im hier ansässigen, weltweit ersten Dackelmuseum (!), das vor gut einem Jahr seine Pforten öffnete und diese auch für Besucher auf vier Beinen nicht verschließt (so gehört sich das auch).

Betrachten wir diese Ausflugstage also als Dienstreise und fachliche Fortbildung, außerdem muss man ja auch den Viecherln mal ein bisserl was für den Verstand bieten und nicht immer nur ein sportliches Programm.

Wir halten Sie auf dem Laufenden, wünschen erträgliche Saharatage und immer einen kühlen Fluss in der Nähe.

Aus Passau grüßen reichlich verschwitzt –

Die Kraulquappe & Fräulein Pippa

PS: Der Shop vom Dackelmuseum ist zwar schön kühl, aber sonst ein geballter Irrsinn.

PPS: Gerade das „Kowalski“ wiedergefunden. Mehr als 20 Jahre ist’s her…

Zwischen Urinstinkt und Enddarmkolik.

Aus der Serie: „Verlesen. Wie wochenlange Hitze die Sinne vernebelt.“

Neulich, mittags, am Isarhochufer bzw. bei 30 Grad und ziemlich dehydriert in der Trattoria.