Strapaza del Sole.

Zweite Etappe des Heimwegs: Nirgendwohin. Wir bleiben in Goisern.
Ein Frevel wär’s, so eine geschenkte Nacht (samt dazugehörigem Tag) auszuschlagen. Oder wie sehen Sie das?

Bei 30 Grad und wolkenlosem Himmel bleibt heute nur die Wahl zwischen dolce far niente und strapaza del sole. Wir wählen beides.

Erst gibt’s eine gemächliche Flusswanderung durch die Traun, danach eine kleine, gerecht geteilte Brettljause.

Anschließend sind meine Notunterkunfts-Gemächer in der Sauna bezugsfertig, so dass sich das Fräulein in seiner neuen, kühlen Höhle schlafen legen und ich mich auf den Sole-Wanderweg zum Trailrunning begeben kann.

Ist trotz Schatten eine ziemliche Strapaze, aber ohne Schweiß kein Eis, zumindest keines mit Sahne obendrauf, und außerdem mag ich diese kleinen Bergläufe auch, wenn keine Belohnung winkt.
Nach einer guten Stunde bin ich zurück in meiner Sauna. Erst unter die Dusche und dann ab in den Liegestuhl zum Lufttrocknen. Bald drauf ruft die Eisdiele. Das Dackelfräulein ist mittlerweile auch wieder ausgeschlafen, gestärkt und startklar.

Wir verlassen unseren Wellnessbereich und auf dem Weg in den Ort denke ich: All das Spontane und wie sich eins aus dem andern ergibt und man es einfach annimmt, das fühlt sich an wie zu Studentenzeiten. Wie der brüllheiße Sommer im vorletzten Semester vor dem Diplom, in dem ich mir den Wilhelm Meister und seine Lehr- und Wanderjahre vorknöpfte und mich inspiriert vom Protagonisten des Romans von hier nach da treiben ließ (freilich auch an der Abschlussarbeit schrieb) und einem gefühlt noch die ganze Welt offenstand.

Was für Hundstage, was für ein Hundeleben, nicht wahr?

Sollten Sie jetzt Lust aufs Salzkammergut bekommen haben – die Pritsche neben uns wär noch frei. Nur an züchtige, ruhige Nicht-Schnarcher zu vergeben. Eh klar.
Sonst quartieren wir Sie sofort ins Dampfbad aus oder ins leere Tauchbecken.

Wieder hoam (erste Etappe: von Graz nach Goisern).

Kurzentschlossen die 430 Kilometer lange Heimfahrt auf zwei Etappen aufgeteilt. Keine Lust, die Strecke mehr oder weniger am Stück und an einem 30°C-Hochsommertag mit Dauerklimaanage runterzureißen. Solche Fahrten versauen einem immer jedes Gefühl von Urlaubgehabthaben, was ich eh erst seit gestern so empfinde. Dem gestrigen Ferientag also noch einen hinzugefügt.

Von Graz über die Landstraßen – meine Güte, ist das schön in der Steiermark! – nach Altaussee. Wollte sowieso schon seit Jahren mal wieder hierher.
Unvergessen, diese Pfingsttage damals an diesem Ort (wie lang mag das her sein? 15 Jahre? länger?): Brandauers Heimat einatmen. Geliebtes Endstationsgefühl. Tägliche Seeumrundung. Auf den Loser. In den See. Den Kirchhoff gelesen. Wichtige Briefe geschrieben. Rote Gauloises auf dem Balkontischchen.

Alles sofort wiedererkannt. Und doch ist alles so anders.
Es gibt nun mehrere riesige Parkplätze mit teuren Tagestickets. Halb Wien tummelt sich hier in der Sommerfrische, dazwischen ein paar Porsches mit Salzburger Kennzeichen. Und so viele andere, dass kein einziger Stellplatz mehr frei ist.
Die Zugangswege zum See und in den Ort sind nun perfekt beschildert, die Touristenströme werden geleitet. Ein megaschickes Wellness-Resort (oder Hideaway oder wie der Quatsch auch heißen mag) neben der Seevilla. Jedes zweite Haus vermietet Ferienwohnungen. Kein Quadratmeter mehr ungenutzt.
Ich muss an den Horror am bayrischen Königssee oder Eibsee denken: beides wunderschöne Seen umgeben von traumhafter Bergkulisse, aber heillos überlaufen, ein Alptraum. Kann man nur noch an nicht-sonnigen Wochentagen in der Nebensaison aufsuchen, außer man liebt es, sich in Kolonnen am Ufer entlangzuschieben.

So habe ich mir das nicht vorgestellt. Enttäuscht lege ich den Rückwärtsgang ein und will den staubigen Parkplatz wieder verlassen, da sehe ich eine Heckklappe aufspringen. Ein Paar nähert sich, wirft die Badesachen in den Kofferraum, ich lasse das Fenster runter und frage, ob sie etwa im Aufbruch seien. Was sie sind. Ich stelle den Motor ab und warte. Der Mann kommt zu mir ans Fenster und schenkt mir seinen Parkschein: „Hier, das ist ein Ganztagesticket, nehmen Sie’s bitte gern!“.In Ortsnähe wie befürchtet ein Strandbadwahnsinn vom Feinsten. Corona? War da was? Hatte nicht Österreich angeblich irgendwelche zu früh gelockerten Maßnahmen wieder verschärft? Was versteht man hier unter Verschärfung?

Auf dem 7 km langen Rundweg trennt sich glücklicherweise bald die Spreu vom Weizen und das gute Aerosol vom womöglich bösen Aerosol. Eltern wollen die Leiterwagen mit dem ganzen Badegeraffel drin nicht so weit ziehen, Kinder wollen nicht so weit laufen um endlich ins Wasser dürfen, adipöse Rentner schaffen es eh nur bis zur Terrasse des See-Cafés, Sportlern ist es zu eng zum Sporteln, bis auf die Wassersportler, aber die sind ja im Wasser und verstopfen den Weg nicht.

Nach 2 km wird es immer leerer, nicht mehr jede Bucht ist belegt, das Dackelfräulein darf längst frei laufen und wir suchen uns ein schattiges Plätzchen am Ufer, wo wir ungestört sind. Auf Baden war ich nicht eingestellt, aber im Rucksack ist gottseidank ein Hundehandtuch, das als Unterlage für eine Einkehr gedacht war, weil manchmal passt der Untergrund dem Fräuleini nicht (zu heiß, zu staubig, zu was weiß ich was) und dann ruht Madame lieber auf so einem Stück Frottee. Nun dient es eben der Trocknung des Menschen nach dem Bade, was ja eh sein eigentlicher Zweck ist.

Auf der anderen Seite des Sees angelangt, kehren wir ein und erwischen einen Tisch mit Rasen drunter, ideal fürs Fräulein. Der Gugelhupf ist leider schon ausverkauft. Ich ringe mit der Entscheidung zwischen fünf offerierten Strudelsorten, da bringt mir die Bedienung, eine charmante steirsiche Version von Annie Lennox, den „Verschnitt“ aller Gugelhüpfe des Tages. Gratis! Ja so ein Glück!

Die restlichen 4 km verläuft der Weg auf sehr sonniger Strecke, weshalb wir alle Viertelstunde die Haxn zur Kühlung in den See halten. Pippas Verband habe ich abgenommen, ob das Sprühpflaster wirklich wasserdicht ist, wage ich zu bezweifeln. Da der See Trinkwasserqualität hat, wird der verletzten Daumenkralle schon nichts passieren.

Der Rundweg um den Altausseer See ist paradiesich, weil gänzlich unverbaut. Vom Nordufer guckt man bis ins schneebedeckte Dachsteinmassiv, östlich auf den Trisselkogel und westlich auf den Loser. Damals mit dem weltbesten Kaiserschmarrn oben auf der Hütte, auch unvergessen.

Im Ortsteil Fischerndorf besuchen wir noch den Friedhof, der eine Lage hat, die wirklich zum Sterben schön ist. Der Loser, passenderweise einer der Ausläufer des Toten Gebirges, wacht dort über die Toten und zur anderen Seite hin können sie auf den See gucken, wenn sie nachts aus ihren Gräbern kommen.

Nach viereinhalb Stunden sind wir zurück am Parkplatz. Noch 20 km Fahren, dann haben wir das Tagesziel erreicht: Bad Goisern.
Mit Müh und Not das letzte Einzelzimmer im Ort erwischt. Hätte nicht unbedingt das kleine Hotel sein müssen, in dem mich M., der Gymnasiallehrer, vor weit über 20 Jahren mit Verlobungsringen überraschte. Hat er geschickt gemacht damals, mich in so einem Bergurlaub, in dem ich der Euphorie stets arg nahe bin, mit sowas zu überrumpeln.
Zwischenzeitlich hat das Hotel einen Anbau und ist gar nicht mehr klein, aber unter den Balkonen rauscht immer noch der Bach vorbei.

Zur Ankunft drückt mir die Rezeptionistin eine Kurkarte und eine Freikarte fürs Freibad in die Hand. Wir lassen ja hier nix anbrennen, also noch schnell ein paar Bahnen richtig geschwommen. Danach Abendessen auf der Terrasse mit Bergblick, das Bächlein plätschert, das Fräulein liegt friedlich im Körbchen unterm Tisch. Nur Weißbier können sie hier nicht, schon wieder dieses mittelmäßige Edelweiss.

Die Abendsonne taucht den Predigtstuhl, den Goiserer Hausberg, in kupfernes Licht. Die Gäste am Nebentisch erzählen von einem Konzert, das morgen hier stattfindet. Beides wirkt verlockend.
Ich frage den Hotelchef, ob das Zimmer eventuell noch eine Nacht länger zu haben wäre, was er verneint. Sie sind komplett ausgebucht hier, wie überall in der Region.

Nach einer Weile kommt er nochmal raus auf die Terrasse, beugt sich zu mir hinunter und macht mir mit gedämpfter Stimme ein Angebot: „Also wenn Sie möchten, dann könnten wir Ihnen und Ihrem Hund die Sauna herrichten. Die ist ja wegen Corona nicht in Betrieb. Wir stellen Ihnen ein Bett in den Ruheraum, Dusche usw. haben Sie dort eh und absperren können Sie die Räume auch. Mehr als den Preis fürs Frühstück kann ich Ihnen dafür allerdings nicht berechnen. Überlegen Sie sich’s einfach bis morgen Früh.“

Na dann schlafen wir da mal drüber 🙂

Have you heard about the lonesome Loser?

Aus der Serie: „Orte, die ich meinem Hund schon lange mal zeigen wollte“, heute: Der Altausseer See mit Blick auf den Loser.

Schluss mit dem elenden Schönwettertourismus für Hochglanzmagazine.

Eine etwas andere Pressereise diesmal.
Nix eitel Sonnenschein & null Probleme, wie bei den bisherigen Einladungen, denen wir folgten. Der Juli hatte es wohl einfach zu gut mit mir gemeint: zusammen mit Pippas Daumenkrallenabriss riss auch die Glückssträhne ab und der August begann.

Montagmorgen.
Kurz vor der Abreise nach Österreich reißt auch der Schnappverschluss am Karabinerhaken der Hundeleine ab. Der Regen reißt allerdings die gesamte Fahrt über nicht ab. Stattdessen reiße ich auf einem Rastplatz das Bordbuch aus dem Handschuhfach, weil das Auto mich mit einer Fehlermeldung traktiert, deren Inhalt ich nicht verstehe. Leider reißt mir bei der Lektüre des Kapitels „Warnhinweise“ der Geduldsfaden.

Dazu rundherum alles grau und düster, nur die Erinnerung sagt einem: da sind sonst tolle Berge und schöne Seen, die man sehen könnte, wenn man halt überhaupt irgendwas sehen könnte außer dem pitschnassen Asphalt, ein paar Rücklichtern und dem alles verhüllenden Schlechtwetterdunst. Ein Blitzgassi in der Nähe von Admont muss genügen, schließlich will ich uns danach nicht auf der Sitzheizung trocknen und im Auto einen triefnassen Pfotenverband wechseln müssen.

Erste Station in Graz: Fressnapf.
Eine Kette, die ich sonst ungern aufsuche, nun aber froh bin, dass es die so autobahnnah und im nördlichen Industriegebiet der steirischen Landeshauptstadt gibt, damit ich nicht lange suchen muss, um eine neue Leine zu erstehen.
Leider führt das Geschäft zwar ca. 50 Leinenmodelle, aber nicht die, die ich mir vorstelle, also entscheide ich mich notgedrungen für eine andere Länge und Kordeldicke. Als ich diese Entscheidung getroffen habe, folgt die Feststellung, dass es genau diese Leine nicht mehr in schwarz gibt, sondern nur noch in grün, blau, pink und rot. Na dann eben rot, passend zum Pfotenverband des Fräuleins, allerdings völlig unpassend zum Halsband, aber mei.
Beim Verlassen des Fressnapf-Marktes kommt plötzlich die Sonne zwischen den Wolken hindurch – hurra!

Die Phase des kurzen Zwischenhochs beginnt.
Einen Steinwurf von Fressnapf entfernt, entdecke ich einen Wegweiser mit Skoda-Logo und folge ihm. Der riesige Autohändler trägt den schönen Namen KUSS und der Besuch dort hat auch ein bisschen was von Küss-die-Hand-gnä‘-Frau: ein sehr netter Servicemitarbeiter, früher noch ganz schnöde Kfz-Mechaniker genannt, liest die Fehlermeldung des Cockpits aus, erklärt sie mir, drückt die Reset-Taste und sichert mir Ruhe für die nächsten paar tausend Kilometer zu.

Das Uni-Viertel ist gut beschildert, ich finde problemlos in die Liebiggasse, wo ich in einem Hinterhof parke. Der Student, dessen Wohnung ich angemietet habe, steht schon vor dem Haus als ich vom Parkplatz zur Haustür gehe und reckt mir seinen Ellenbogen zum Corona-Gruß entgegen. In einer Hand die Hundeleine (mit Hund dran) und in der anderen einen Rucksack (mit viel Zeug drin), so kann ich beim besten Willen keinen meiner Ellenbogen heben, ohne ein Aufflammen der Epicondylitis zu riskieren.

Man zeigt mir die Wohnung: der Router erinnert an ein Objekt zwischen Babyflaschenwärmer und Dicoskugel, ist aber tatsächlich ein Router, das Passwort dann österreichischer Humor pur, ansonsten findet sich wenig High-Tech und Amüsantes, stattdessen viel IKEA, 80er-Jahre-Nichtcharme, zu jedem Raum eine 70er-Jahre Holztüre und an jedem Fenster Lamellenjalousien, deren Zugschnüre man nicht allzu oft anfassen möchte.

Der einzige mir bekannte Einheimische, den ich schon von München aus kontaktiert und um Tipps zu „Graz mit Hund“ gebeten hatte, hat einen nahegelegenen Park zum Spazierengehen empfohlen. Nach Auspacken, Einrichten und Pfotenverbandwechsel (mittlerweile eine Technik gefunden, wie wir das bewerkstelligen, ohne anschließend für Stunden zerstritten zu sein) geht es direkt dorthin.

Hügeliges Areal, saftig grün, teils urwaldähnlich, verschlungene Pfade, dazwischen kleine Teiche und weite Wiesen, auf einer besonders hohen Kuppe ein Café mit Blick über die hübsche Domstadt, weiter unten ein paar Spielplätze und die vom Einheimischen erwähnte Hundewiese, die genauso trostlos ist wie die Hundezonen in Finnland und Schweden. Ein völliges Miss- und Unverständnis von Hundhaben liegt dieser eingezäunten Ödnis zugrunde: kein Hund hat ernsthaft Lust, dort seine Runden zu drehen, man kann nur hoffen, dass derlei nie in Deutschland Schule macht.

Der Park ist menschenleer, ich lasse das Fräulein also frei laufen, die zwei Dutzend Enten in einer Wiese, an der wir vorbeigehen, sind ihr völlig wurscht (und umgekehrt), denn sie hat schon Witterung von etwas viel Spannenderem aufgenommen, es sind nämlich Tennisplätze in der Nähe, und legt mir wenig später die ranziggelbe Trophäe vor die Füße: der ca. 24ste Tennisballfund dieser Saison. Glückwunsch, Pippa!
Kurz drauf ist dann Schluss mit dem Sonnenintermezzo, wir laufen durch den Regen zurück und stellen uns „zuhause“ gleich gemeinsam unter die Dusche. Es folgt Pfotenverbandwechsel, der dritte. Und ein Nickerchen.

Dann ruft der Einheimische an und schlägt vor, dass er uns zu einem Stadtspaziergang abholt. Wir vereinbaren uns für 17:30 Uhr. Wegen eines Gewitters verschieben wir das nochmal um ein Stündchen, aber irgendwann muss man sich ja mal hinauswagen und so stiefeln wir schließlich mit Regenschirmen bewaffnet los, müssen uns ein paarmal unterstellen und kommen weitgehend trockenen Fußes in dem Beisl an, das M. für unsere Einkehr ausgesucht hat.
Herzl heißt es, dennoch schmeißt uns der Ober kurz nach Mitternacht mit einem schmallippigen Scherzl raus. Eh spät genug geworden, es war ein langer Tag.
Und ein schönes Ankommen in Graz. Es geht ja nichts über so einen Einheimischen, mit dem man nicht nur prima spazierengehen, sondern auch noch so gut ratschen kann, dass man glatt das Trinken vergisst (2 Bier sind für über 4 Stunden Sitzen & Sprechen ja ein Witz, findet vor allem der Kellner).

Dienstagmorgen.
Schwülwarme Luft flutet den Raum, als ich nach dem Aufwachen die Balkontür öffne. Die Sonne scheint. Ich beeile mich mit den morgendlichen Verrichtungen, notiere mir noch die diversen Tipps für besonders lohnende Fotospots, die M. mir am Abend gab und ziehe leichtbekleidet am Vormittag mit dem Fräulein Richtung Altstadt los.
Im Stadtpark werde ich von ein paar Junkies angepöbelt, die mit der um meinen Hals baumelnden Kamera ein Problem haben, dessen Kern ich gar nicht näher wissen möchte. Wir biegen schnell ab zum Schlossberg.
Es ist zwar nicht heiß, auch brennt die Sonne nicht vom Himmel, aber die Schwüle setzt dem Dackelfräulein zu. Sie wird immer langsamer, setzt sich gelegentlich hin, wirkt lustlos. Irgendwann mag sie gar nicht mehr, bleibt abrupt stehen und hebt ihr verbundenes Pfötchen hoch, mit einem Geschau dazu, das einen schon fast als Tierquäler anprangert.
Die Fotos, die ich da heroben machen wollte, kann ich vergessen, denn der Hund soll ja drauf sein, doch kein Reisemagazinleser fühlt sich animiert, den Grazer Schlossberg zu erklimmen, wenn dem Blick des Models zufolge schon ein Dackel dabei keine rechte Freude hatte.

Wir setzen uns hin und machen eine Trink- und Denkpause. Pippa legt sich nicht ab, sondern bleibt sitzen, mit gekrümmtem Rücken und zitternder Pfote. Ich werde immer unsicherer, ob da nicht doch was im Argen liegt. Es hat keinen Sinn, mit diesen Fragezeichen im Hinterkopf weiterzugehen. Ich google nach der nächstgelegenen Tierarztpraxis und wir kehren dem Schlossberg den Rücken.

In der Praxis muss ich vor dem Anmeldetresen warten, weil die Empfangsdame noch etwas zu tippen hat. Auf dem Tresen thront ein übergroßes Deko-Objekt: ein garfieldähnliches Katzenkaliber, täuschend echt schaut der aus. Und zu meinem Entsetzen ist er das auch, denn plötzlich bewegt die Dekofigur den Kopf und starrt mich an! Das entgeht auch Pippa nicht, ein Gezeter sondergleichen bricht los, der Garfield flüchtet mit einem Satz hinter den Tresen und meine eben noch so gehbehinderte, leidende Hundedame zieht mit der Energie eines ganzes Huskyrudels hinterher.

Die Empfangsdame wendet sich uns nun zwangsläufig zu und ich plärre ihr mein Anliegen durch den Spuckschutz entgegen, während Pippa sich die Kehle aus dem Leib bellt. Erfreulicherweise werden wir sofort in ein Behandlungszimmer geleitet und eine Minute später, das Fräulein hat sich gerade halbwegs beruhigt, kommt die Tierärztin hinein.

An der Daumenkralle ist nichts, möglicherweise hat also „nur“ der Pfotenverband genervt oder beim Gehen gedrückt. Oder die angeschlagene Verfassung ist der schwülen Witterung geschuldet. Vielleicht ist’s auch der Ortswechsel oder die nahende Läufigkeit, was weiß man schon.
Die Ärztin rät, stundenweise auf den Verband zu verzichten und notiert mir den Namen eines Sprühverbands, den ich stattdessen – zum Schutz vor Dreck – in der Apotheke besorgen und auf die Daumenkralle auftragen soll.

Um 15€ (und auch sonst) erleichtert verlasse ich die Praxis. Klappe den Stadtplan auf und schaue, was wir von hier aus noch als kleine Unternehmung anschließen könnten. Pippa setzt sich aufs Trottoir und hebt die versehrte Pfote hoch und guckt mich dramatisch an.
Ich beschließe also, dass wir uns auf den Heimweg machen und zuhause erstmal ausruhen. Mittlerweile ist der Himmel wolkenverhangen und ein kräftiger Wind kommt auf.

Pippa verzieht sich zuhause sofort in ihr Körbchen. Ich hingegen ziehe nochmal los, um den Sprühverband und etwas zu Essen zu besorgen. Der Himmel ist nun pechschwarz, der Wind pfeift durch die Gassen, in der Ferne hört man bereits ein Donnergrollen. Als ich aus der Apotheke komme, beginnt es zu regnen. Wenige Meter später schüttet es wie aus Kübeln. Ich rette mich in einen Falafel-Laden. Dort sitze ich eine Dreiviertelstunde und gucke gemeinsam mit Ali, dem Falafel-Mann, auf die Straße hinaus: es hagelt, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat. Nach Sekunden sind die Bürgersteige komplett übersät mit den weißen Kügelchen. Ein paar Äste und Fahrräder und anderes Zeug wird über die Wege geschleudert. Die Trambahn kommt zum Stillstand, die Autos halten ebenfalls größtenteils an. Menschen rennen vorbei, mit beiden Armen über dem Kopf.

Ali ruft seine Frau an und bittet sie, das Auto sofort unterzustellen. Etwas bang denke ich an mein Auto im Hinterhof der Liebiggasse – es steht dort unter einem alten Baum. Ich rufe meine Kontaktperson vom Tourismusverband an und frage, ob das geplante Abendessen in dem Buschenschank heute stattfinden wird, man verspricht, mich alsbald zurückzurufen.

Als der Hagel vorbei ist, renne ich durch den Regen nachhause. Unterwegs sieht man Ladenbesitzer, die mit Besen die Hagelkörner aus ihren Geschäften schippen, wegen der Schwüle stand die Tür offen und wurde zu spät geschlossen. Die Grünstreifen sehen aus als hätte es geschneit. Der Verkehr ist zum Stillstand gekommen. Wassermassen donnern die leicht abschüssige Straße hinunter. Teilweise bilden sich kleine Stauseen am Straßenrand oder auf Kreuzungen. Es ist nicht so einfach, eine Stelle zu finden, an der man die Straße überqueren kann. Die ersten Feuerwehrautos und Krankenwägen sind unterwegs. Überall Sirenen und Wasserrauschen. Triefnass erreiche ich die Liebiggasse. Das Dackelfräulein wirkt nun ausgeschlafen und kommt mir munter mit einem Spielzeug in der Schnauze entgegen als ich die Wohnungstür aufschließe.

Eine Stunde später, der Spuk scheint vorbei zu sein, machen wir uns nochmal auf zu einem Spaziergang. Es ist ein einziges Pfützenhopping, bis wir den Hilmteich, ein riesiges, hügeliges Naherholungsgebiet erreichen. Wir kämpfen uns ein Stück auf den Hauptwegen voran, die viel schöneren Nebenpfade sind alle überflutet, manche haben sich in reißende Bächlein verwandelt. Überall steigt Dampf auf, es riecht nach Erde, Laub und Tümpel. Ich kürze dieses zweifelhafte Outdoorvergnügen daher etwas ab.

Auf dem Rückweg sehen wir etliche verzweifelte Hausbesitzer mit dem Wasser kämpfen, das in ihre Kellerschächte gelaufen ist. Die Stadtbäche sind eine schlammbraune, tosende Flut, die über die Ufer zu treten droht.
Ganz Graz versinkt im Wasser.

Die Frau vom Tourismusverband ruft an und bestellt mich in ein anderes Lokal. Schöner Gewölbekeller in der Altstadt, schön trocken.
„Gelangen Sie und Ihr Hund da gut hin?“, fragt sie, und gibt zu bedenken, dass die öffentlichen Verkehrsmittel auch in den nächsten Stunden nicht oder nur eingeschränkt fahren werden. „Wir schaffen das schon“, entgegne ich.

Der Einheimische ruft auch an und erkundigt sich, wie wir zurechtkommen mit den krassen Wetterverhältnissen und fragt, ob er irgendwas helfen könne oder zumindest noch ein Getränk ausgeben dürfe zum Abschluss dieses Sintflut-Tages, und wir verabreden uns für nach dem Abendessen im Kunsthaus-Café.

Beim Abendessen überhäuft man mich mit Entschuldigungen für die misslichen Umstände hier vor Ort, als gäbe es einen Schuldigen für Wind und Wetter. Man verstünde vollauf, wenn es unmöglich sei, bei dieser Witterung werbetaugliche Fotos zu machen und eine einladende Reportage zu schreiben.
Das kommt mir sehr gelegen, da ich seit dem Hagelsturm darüber nachdenke, mal einen ganz anderen Bericht anzufertigen: Über das Reisen, wie es eben auch sein kann, wenn nichts mehr strahlt und glänzt, wenn es einem buchstäblich alle Pläne verhagelt, wenn die Reisebegleitung unpässlich ist, wenn man ständig die Klamotten wechseln muss, weil man zu dick oder zu dünn angezogen oder völlig durchnässt ist, wenn einem von Stunde zu Stunde mehr die Lust abhandenkommt, die angepriesenen Sehenswürdigkeiten überhaupt noch abzuklappern.

Wenn einem dafür mehr und mehr der Sinn danach steht, all das festzuhalten, was man stattdessen erlebt hat, einen Text zu verfassen über verdunstende Regenschwaden und verschneit wirkende Wiesen mitten im Hochsommer, über strahlendweiße K&K-Architektur vor pechschwarzem Himmel, über die Unterschiede zwischen deutschen und österreichischen Veterinären, über die wunderbaren sprachlichen Entdeckungen an jeder Ecke, auf Schildern, Speisenkarten und in Gesprächen, über die vielen Insidergschichtln, die der Einheimische erzählt, von Graz und Umgebung, von Land und Leuten, über die beiden Straßenmusiker, die auf dem Domplatz ein so schlechtes „Who’ll stop the rain“ zum Besten geben, dass es schon wieder gut ist, über Franz-Josef, den Bullterrier aus der Nachbargasse, der sich beim gemeinsamen Warten vor der Bäckerei ins Fräulein verguckt hat, über verregnete Stadtspaziergänge, auf denen nichts, aber auch gar nichts zum Verweilen einlädt, außer den Cafés, die allesamt überfüllt sind und in denen nasse Hunde ebenso unerwünscht sind wie Gäste, die sich zwei Stunden je an ein Glas klammern und dann noch zu laut lachen, als das abgenudelte „Summer of 69“ aus den Lautsprechern scheppert, während der nächtliche Regen im selben Takt gegen die Scheiben trommelt.

That summer seemed to last forever
And if I had the choice
Yeah, I’d always wanna be there
Those were the best days of my life

Danke an M. für die kurzweiligen Abende und die Gespräche über Gott und die Welt (Psalm 91 habe ich zwischenzeitlich nachgeschlagen, du auch?).
Danke, Graz, dass ich diese andere Seite an dir entdecken darf und du mich mit aller Wucht an deinem Ungemach teilhaben lässt.
Und danke an die Damen vom Tourismusverband für die Einladung, die Verköstigung und die gemeinsame Verständigung darüber, was journalistische Freiheit bedeutet.

Wir nutzen das jetzt. Legen die Arbeit nieder und uns auch.
Draußen regnet es.

 

And paradise is here, too.

Nach einem brutal schwülen Tag um 20:45 Uhr, zeitgleich mit dem heiß ersehnten Wolkenbruch, im Lieblingsbad eintreffen.

Alle gehen gerade oder stellen sich irgendwo unter.

Das Becken ist leer, beim Kraulen prasselt es einem auf den Rücken, in Rückenlage ins Gesicht.

Plingplingpling, dazu der Atemrhythmus (auf jeden dritten Zug) und das Platschplatschplatsch der Arme und Beine.

So frei und ungehindert schwimmen zu dürfen, das ist ein Segen. Und welch Luxus, dass das Bad diese Möglichkeit bis 23 Uhr bietet!

Der neue Badeanzug (von den vorgestrigen Kaufqualen berichte ich Ihnen bewusst nicht: ich hasse Shoppen ja eh schon, aber Badeanzugkauf ist die Steigerung davon) fusselt nicht, sitzt prima und passt gut zu den Kacheln.

Und der MNS passt gut als Fliegenschutz aufs Weißbierglas.

Jetzt heim und das Dackelfüßchen neu verbinden und dann ins Bett.

Gute Nacht aus München!

Hund haben (21).

Gestern, nach einem in vielerlei Hinsicht aufwühlenden und anstrengenden Tag, gibt man sich abends um Viertel vor Acht noch einen Ruck und chauffiert das Dackelfräulein bei endlich moderaten Temperaturen zum Spazierengehen und Baden an den Starnberger See.

Wunderschöne, kleine Bucht gefunden. Geschwommen und gespielt.

Den Sonnenuntergang genossen. Durch- und aufgeatmet.

Bei Einbruch der Dunkelheit die Sachen zusammengepackt. Eine putzmuntere Pippa rennt im ufernahen Wäldchen übermütig ein paar Achter. Man freut sich des Lebens.

Und plötzlich hinkt der Hund und leckt sich wie wild die Pfote. Ameisen? Ein Dorn? Ich kann nichts ertasten. Die ganze Heimfahrt über wird ununterbrochen die Pfote abgeleckt. Es schwant einem deshalb allmählich (und auch aufgrund der Uhrzeit, denn – die Hundehalter unter den Lesern werden es mir bestätigen – die Dinge, wegen denen man zum Tierarzt muss, widerfahren einem meist spätabends, am Wochenende oder im Urlaub), dass da was passiert ist.

Zuhause, mit Brille und bei gutem Licht, wird die Pfote untersucht.

Es hat die Daumenkralle erwischt. Sie ist zu zwei Dritteln abgebrochen und der Rest ist eingerissen und das sogenannte Leben schaut heraus und blutet.

Es ist mittlerweile 22:15 Uhr. Wir desinfizieren die Wunde mit Betaisodona und legen einen Verband an, fixieren diesen mit Leukoplast und freuen uns auf die Nacht. Die auch entsprechend unruhig wird.

Nach dem Frühstück in die Tierklinik, erst lange Wartezeit, dann herzzerreißendes Gejammer auf dem Behandlungstisch (wegen kleiner Beinrasur und großer Untersuchung) und schließlich die Botschaft, dass es mit Salbe, Desinfektion und täglichem Verbandswechsel schon gehen müsste und die Reise nach Graz angetreten werden könne, freilich ohne Badespaß in der Steiermark, man kann also nur hoffen, dass es dort nicht allzu heiß wird. Und falls sich der Zeh doch noch entzünden sollte, gibt es auch in Graz ein paar Tierärzte, die sich auskennen, man ist ja nicht in der Wildnis oder auf Hüttentour.

Schlussendlich muss ich zwischen fünf Verbandsfarben wählen, nehme kurzentschlossen die Vereinsfarben des Gatten, die zugleich die der österreichischen Flagge sind, und verlasse schweißgebadet und erleichtert zugleich die Tierklink.

Watering the Wiesn.

Feierabend. Die Bauarbeiter haben die Arbeitswoche beendet und verkriechen sich in ihre abgedunkelten Wohncontainer.
Jetzt stehen sie alle, die großen Zelte, auch am Augustiner prangt nun Schriftzug der Brauerei, alle anderen hatten das längst erledigt.

Flirrende Hitze über der Theresienwiese. Der durch das emsige Gewurschtel tagsüber aufgewirbelte Staub legt sich allmählich nieder, genau wie seine Aufwirbler.

Ich sitze mit meinem Feierabendweißbier auf meiner Bank in der Abendsonne und proste der Bavaria und dem Wüstenkönig zu, der das Gelände von seinem Turm aus bewacht. Lasse die Woche Revue passieren. Viel Schönes erlebt, aber auch etlichen Ärger.

Versuche, mich nicht mehr über die stundenlangen Telefonate mit den sogenannten Service-Hotlines von Vodafone und 1&1 und dem daraus resultierenden Nicht-Service aufzuregen, und auch nicht mehr darüber, dass mir ein Paket gestohlen wurde, das der DHL-Bote gerade mal für ein schlappes Viertelstündchen auf der Fußmatte abgestellt hatte. Einen Verdacht hab ich zwar, wer’s mitgehen ließ, aber beweisen kann ich’s nicht. Daher versuche ich angestrengt, nicht an die diversen Tricks und Kniffe zu denken, die ein Typ wie Saul Goodman für eine Situation wie diese parat gehabt hätte und die ich mir durchaus auch zutrauen würde (in mir hausen nämlich ein halbseidener Advokat, ein beherzter Kleinganove und unerschrockener Rächer, die in solchen Momenten rauswollen und es kostet etwas Disziplin, die drei Halunken in ihrem Zwinger zu belassen).

Langsam kehrt Ruhe ein, drinnen wie draußen. Und während ich da so sitze, an meinem Säbelzahntigerglas nippe und vor mich hin grüble, wird nach und nach das ganze Festgelände von dieser speziellen hochsommerlichen Trägheit befallen, wie sie einem noch aus den Wochen vor den Aufbauarbeiten so vertraut ist.

Aber hoppla – was ist das denn? Wie’s scheint haben noch nicht alle Wiesn-Arbeiter Feierabend gemacht!
Der Schlauch, dieser alte Schlawiner, beginnt auf einmal, eine After-Work-Party zu feiern! Wie von einem unsichtbaren Schlangenbeschwörer animiert führt er plötzlich ein munteres Tänzchen auf, das zur reinsten Schaumparty ausartet. Ein paar Vögel nutzen die unerwartete Duschgelegenheit, flattern aber schnell wieder davon, weil der Schlauch sich doch ein bisschen zu ekstatisch geriert und das ist den gefiederten Kameraden zu unberechenbar und zu wild.

Ich gucke diesem unverhofften Spektakel zwanzig Minuten lang zu.

Das hat was Meditatives und Tiefenentspannendes – und hätte ich mich nicht gerade geduscht gehabt, wäre ich am liebsten durch diese Wasserfontäne gesprungen.

PS: Wenn Sie sich das ansehen, dann bitte unbedingt im Full-Screen-Modus.

Tochter sein.

Ein wattierter Tag neigt sich seinem Ende zu.

Es gibt nicht viele dieser wattierten Tage, aber heute war einer von ihnen.

Abendstimmung in Farchant (mit Blick zur Zugspitze).

Morgens eine Impuls-Ampulle vom Arzt des Vertrauens bekommen. In ihrer Wirkung eine Art mentale Lebensversicherung (oder besser: -zusicherung). Das Besprochene will ich mir jedenfalls merken und es verinnerlichen oder veräußerlichen, je nachdem.

Anschließend mit dem Rad weiter, einmal quer durch die Stadt, zum Lieblingsbad. Odeonsplatz-Briennerstraße-Königsplatz-Nympenburgerstraße, ein bisserl wie eine Stadtrundfahrt, alles strahlt in der Sommersonne so hell, klar und freundlich. München ist schon schön. Das sage ich auch dem Ex-OB, der zufällig neben mir an einer Ampel steht.

Im Freibad die bevorzugte Bahn fast für mich gehabt, keinerlei Gedränge und Beckenquallen. Weiches Wasser umgibt mich, hält mich, trägt mich, verleiht mir Auftrieb. Frisch geduscht und mit dem ultimativen Sommergefühl (= mit nassen Haaren Radfahren) zum Lunch zu D.

Lunch ist an sich gar nicht mein Wort, erst recht nicht für so ein Brotzeit- &Gesprächsstündchen mit einer Freundin, aber heut schreib ich es hin: Lunch. Weil ich D. mittendrin eine Frage stelle, die eine Vokabel mit demselben Seltenheitswert wie Lunch enthält, nämlich Nagellack. Ich frage sie spontan: Sag mal, hast du einen Nagellack da?

Sie hat. Und nicht nur einen. Ich wähle den blauen Lack. Und dann tue ich es und lackiere mir zum ersten Mal in meinem Leben die Zehennägel (mit den besten Grüßen an Dr. T.). Blau, ha! War mir plötzlich danach.

Nach dem Lunch mit den neuen blauen Nägeln das Rad zum Radladen des Vertrauens gebracht, weil mir das Geschäft im neuen Viertel nicht zusagt (komische Zeiten, unzuverlässig, chaotisch, und da es heut um was Größeres ging, kam der Laden echt nicht in Frage). Ohnehin bin ich vom Typ her Stammkunde: wenn ich mich einmal ge-/erkannt, gut bedient und wohl fühle, bleibe ich ewig treu (Stammkunde sein ist wie gute Gewohnheiten oder liebgewonnene Rituale pflegen: es entlastet so herrlich von dem ständigen Orientierungs- und Entscheidungszirkus, erspart einem meist auch Skepsis und Ärger).

R., der nette Radladenchef berät mich super in Sachen Zweitkorb. Der ist für das Dackelfräulein gedacht und da muss was Stabiles her (ich will sie vor dem Lenker haben und nicht hinterm Sattel und schon gar nicht in einem Anhänger), und als der R. sogar noch eine Idee vorträgt für eine gepolsterte Auflage fürs Dackelkinn (obwohl Hunde ja gar kein Kinn haben), ist mir zutiefst klar, dass ich hier auch die nächsten Jahre mein Rad herbringen werde.

Nach dem Abendessen meine Sachen gepackt, dem Gatten und Pippa Adieu gesagt und eine Stunde später im Zugspitzland wieder ausgestiegen.

Garmisch, Burgrain. Jugendherberge. Die erste mit einem Alpinstudienplatz. Vor 10 Jahren hat der Papa hier seinen Abschied von 40 Berufsjahren gefeiert, dieses Haus war sein letztes großes Projekt.

Zehn Jahre später spaziere ich nun noch einmal in dieses schicke Haus hinein – und siehe da! – da ist es ja glatt noch einmal, dieses vertraute, alte Gefühl: Tochter sein.

An der Rezeption meinen Namen sagen, die Reservierung liegt im Extrafach bereit, auf der Rechnung steht ein Sonderpreis, das Bett ist bereits bezogen, das abendliche Getränk geht aufs Haus und „bitte grüßen Sie Ihren Vater herzlich von uns„. So war das früher immer, wenn ich irgendwo in Bayern unterwegs war.

Ich stehe in meinem Zimmer und gucke aus dem Fenster. Die Alpspitze leuchtet im Abendrot, das Wettersteingebirge räkelt sich in den letzten Sonnenstrahlen. Wirklich eine privilegierte Lage für eine Jugendherberge.

Und mir ist bewusst, dass ich nun wohl zum letzten Mal diese Art von Tochter sein genieße, inklusive einer Nacht im Stockbett, in einem Viererzimmer für mich allein (mit 47 schläft man jetzt freiwillig unten, früher wär das niemals in Frage gekommen).

Kurz bevor ich sentimental werden könnte, klingelt das Handy. Der Papa ist dran und will wissen, ob ich gut angekommen sei und ob im Haus alles geklappt habe. Natürlich, Papa, sage ich, – ich bin ja schon groß!

Ein wattierter Tag neigt sich seinem Ende zu.

Danke dafür.

I come from down in the Valley oder: Ausflug zum Mangfallknie.

Während sich halb München an den Seen oder in den Bergen tummelt und sich mit den vielen Urlaubern um einen freien Platz am Seeufer oder auf der Hüttenterrasse kloppt: einfach mal ins Mangfalltal verschwinden!

Lange, erfrischende Flusswanderung zwischen Hohendilching und Kleinhöhenkirchen hinauf zum Schlossbräu nach Valley. Menschenleere, schattige Wege, teils ungeahnt hügelig.

In Valley dann ein hübsches Schloss mit Brauerei und Biergarten daneben.
Für Kulturinteressierte ein Orgelmuseum und für Gebräuinteressierte eines der wenigen bernsteinfarbenen Weißbiere der Region.

Auf dem Hin- und Rückweg unzählige Spiel- und Badegelegenheiten.
Sehr zu des Fräuleins Freude, die ganze Unternehmung.

Zum Schluss noch ein Skulpturenpark und eine Prise Petrichor.
Sommer ist etwas Wunderbares!

Hund haben (18).

Eines der großartigsten Phänomene jahrelangen Hundhabens besteht darin, dass man mit der Zeit all jene Dinge vergisst oder verdrängt, die man in seinem früheren, hundelosen Leben total gern unternommen hat und die mit Hund an der Backe Hacke einfach nicht mehr so gut gehen oder eher schlecht machbar oder sogar ganz und gar unmöglich sind.

Ich nehme an, es geht Menschen mit kleinen Kindern recht ähnlich und auch sie vergessen mit den Jahren, wie schön das Leben zuvor war, vor allem, was spontane und nicht generalstabsmäßig und tagelang vorher organisierte Abendunternehmungen oder gar Kurzreisen angeht.
Wie nett es war, nach Lust und Laune Biergärten, Theater, Ausstellungen, Kinos, Lokale, Freunde aufsuchen zu können (und das alles ohne ständigen, verantwortungsbewussten Blick auf die Uhr), im Hochsommer stundenlang lesend an Seeufern herumzudösen oder gleich tageweise in die Berge zu flüchten.
Wie unkompliziert es war, in fremden Städten oder Ländern eine Unterkunft zu finden oder ein paar Urlaubstage oder -wochen zu gestalten.
Wie wenig man sich mit dem Partner abzustimmen brauchte, als man noch zu zweit war: es genügte ein „Du, ich treff mich heut Abend mit X, es kann spät werden!“, nun spricht man sich Tage im Voraus ab, wer wann für den Hund zuständig ist, teilt Abendgassis auf, informiert sich über die aktuelle Verdauungslage des Vierbeiners und muss sich in beruflich oder privat enger getakteten Phasen genauestens an Absprachen halten, da es nunmal nicht geht, dass der Hund statt drei Stunden auf einmal mehr als doppelt so lang allein zuhause ist, nur weil einem nach dem Pizzaessen mit einer Freundin plötzlich noch der Sinn nach einem Kinobesuch steht oder die Arbeitskollegen nach Feierabend zu einem gemeinsamen Biergartenbesuch aufrufen.

Da zieht also eines Tages dieses sogenannte „Glück auf vier Pfoten“ ein und in den folgenden zwei Jahren staunt man nicht schlecht, was alles plötzlich nicht mehr geht oder nur noch anders oder mit mehr Aufwand machbar ist oder einem aber bereits im Vorfeld so viel Aufwand bescheren würde, dass man abzuwägen beginnt, ob das noch in einer vernünftigen Relation zu der angestrebten Unternehmung steht oder es nicht entspannter ist, die Sache einfach bleiben zu lassen und nach adäquten Alternativen zu suchen.
Wehmut und Ernüchterung überschatten gelegentlich dieses immens große Glück, das einem die Wohnung vollhaart und einem das nachmittags im Café aus Langeweile zernagte Bierfilzl nachts um 4 Uhr von Gallenflüssigkeit ummantelt auf den Teppich würgt.

Nach weiteren zwei Jahren hat man schließlich mit viel Veränderungswillen und Anpassungsarbeit einen Modus gefunden, in dem sich dieses so gänzlich neue Leben wieder gut und rund anfühlt. Und nochmal zwei Jahre dazu, und schon hat man komplett vergessen, wie das Leben früher mal war.

Ein perfekter Assimilationsprozess ist das, den das Hirn da vollbringt, und er kommt nach ein paar Jahren zu einem geradezu perfekten Abschluss: Man ist dann genauso glücklich wie früher, nein, Unsinn, sogar deutlich glücklicher als früher ist man jetzt, denn ein einziger Dackelblick aus diesen ehrlichen, braunen Augen, und schon ist alle Mühsal und Einschränkung wie weggeblasen, und ein Leben ohne Hund ist im Lauf der Zeit sowieso ganz und gar unvorstellbar geworden – nicht auszudenken, der kleine Schlawiner wäre plötzlich nicht mehr da…

Vier Tage Passau mit Hund und mit Temperaturen von deutlich über 30 Grad bedeuten, dass man vieles, das zu sehen man hoffte, überhaupt nicht zu sehen bekommt (wg. für Hundepfoten zu sonnigen oder langen Wegen dorthin) oder nur die absurdesten Orte sieht (z.B. betonierte, schattige Flusszuläufe, durch die man gemeinsam zwecks Abkühlung watet, oder das verschlammte Inn-Ufer oder die veralgten Donautreppen) oder aus anderen Gründen nichts sehen kann (stundenlanges Verharren unter einem zwar schönen, aber licht- und sichtraubenden Blauglockenbaum, wo es der Hund gut aushält und endlich mal nicht hechelt).

Man gibt dazu dann Kommentare zum Besten wie „Dieser Hund hat meine Perspektive auf die Welt und das Leben vollkommen verändert!“ oder „Dank meines Hundes entdecke ich nun so viel Neues!“ – und das stimmt natürlich auch. Absolut stimmt das.
Früher hätte ich mir halt das Museum für Moderne Kunst angesehen, vielleicht auch eine Führung im Stephansdom oder eine ArchitekTour mitgemacht, wäre zu Fuß jedes Gässchen dieser hübschen Stadt abgelaufen, den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und hätte mich von Eindrücken und Neigungen einfach mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Und nun? Mit Pippa an meiner Seite verzichte ich der Hitze wegen auf all diese Dinge. Meine Perspektive auf Passau ist nun eine, in der mein Auge immer geschickter nach schattigen Rasenstücken, erfrischenden Bachbetten, möglichen Flusszugängen, kühlen Seitengässchen, sonnenbeschirmten Cafés, klimatisierten Geschäften sucht – und fündig wird. Bin ja schließlich kein Anfänger mehr.

Gut, in den Stephansdom habe ich das Dackelfräulein trotz der Verbotsschilder mit reingeschmuggelt und in einer Nische unter einem Opferstock (Aufschrift „Für die Armen“) angebunden, wo sie dann friedlich auf dem kühlen Kirchenboden lag und auf mich wartete und die Spendenfreudigkeit sicher mächtig angekurbelt hat, falls jemand ihrer dort gewahr wurde.
Draußen hätte ich sie nirgendwo lassen können und ich bin sicher, dass Gott, falls es ihn doch geben sollte, auf jeden Fall damit einverstanden gewesen wäre, dass ein Hund keinesfalls auf kochendheißen Steintreppen vor dem Dom warten muss.

Als der Gatte seine Tagung hinter sich gebracht hat und wir überlegen, was wir in den verbleibenden 24 Stunden in Passau noch gemeinsam unternehmen könnten, schminken wir uns schnell alles, was mit der hübschen Altstadt zu tun hat, ab. Dort finden nämlich unzählige Festivitäten statt (Mitternachtsshopping, Konzerte, etliche Sommerfeste, tagsüber wie nachts), so dass klar ist: zu der perversen Affenhitze kämen auch noch größere Menschenmengen hinzu – das geht einfach gar nicht mit einem Dackel, der ja eh gern mal übersehen wird („Huch, wen haben wir denn da unten?“).

Also verbringen wir den einzigen gemeinsamen Abend oberhalb der Innstadt, laufen über luftige Höhenwege vom Kloster Mariahilf bis zum oberösterreichischen Grenzstein und zurück. Das tut dem Hund sehr gut, dort oben zu flanieren: der Asphalt ist kühl, es ist nichts los und man kann endlich mal wieder ein paar Katzen verbellen, weil endlich mal wieder ein paar Kräfte in den kleinen, von der Hitze geschundenen Hundekörper zurückkehren, weil die Umgebungsvariablen stimmen. Danach duschen wir uns alle noch kühl ab und legen uns unter kalten Tüchern aufs Hotelbett. Da kann einem doch jedes Altstadtsommerfest gestohlen bleiben!

Am nächsten Morgen – für den Tag sind 35 Grad vorhergesagt – verwerfen wir ebenfalls jegliches eigentlich noch geplantes Stadtprogramm, lediglich die Veste Oberhaus handeln wir als Kompromiss aus. Zuletzt als Kind mit dem Papa dort gewesen, weil die in der Burg gelegene Jugendherberge umgebaut oder eingeweiht wurde (ich weiß nur noch, dass ich es da recht unheimlich fand, so mit richtigen Luken statt Fenstern, Burgfeeling eben).
Wir starten früh, ergattern den letzten Parkplatz im Schatten und schlagen uns immer nah an den Burgmauern durchs Gelände, ab und an muss das Fräulein irgendwo kurz warten, wenn wir einen sonnigen Aussichtspunkt aufsuchen wollen.

Nach einer (!) knappen Stunde im Burggelände ist sie trotzdem sehr geschafft, allein von der warmen Luft. Also beginnt nun wie ausgemacht das Hundeprogramm, für vier (!) Stunden, wohlgemerkt. Beim Frühstück bereits gründlich recherchiert, wo der nächste See ist, an dem wenige Menschen und keine Hundeverbote zu erwarten sind.
Das ist der Stausee Oberilzmühle, sagt Google. Die Hotelbesitzerin wird dazu auch noch interviewt und auch nach ihren Infos klingt das Ganze ziemlich gut: bloß 20 Minuten zu fahren, sauberes Gewässer, Waldwege drumherum, nur irgendwo eine kleine Liegewiese und eine FKK-Bucht, Parkplatz weit genug vom Seeufer entfernt, so dass nicht mit allzu vielen Besuchern zu rechnen ist. Sogar eine Rundwanderung ist möglich und eine Einkehr soll es auch geben.

Also verbringen wir den letzten Tag fast komplett an der Ilz, die ja immerhin auch was mit der Dreiflüssestadt zu tun hat (zwar als kleinste der drei dort zusammenfließenden Wasseradern, aber mei), laufen auf dem Ilzwanderweg, spielen Frisbee mit Pippa, gehen mit ihr zusammen in den Stausee oder in den flachen Fluss, gucken ihr glücklich und zufrieden dabei zu, wie sie sich im kühlen Gras den nassen Rücken schubbert oder auf schmalen Waldwegen munter vorauswetzt und nur wenige Mal müssen wir ein bisschen Obacht geben, dass sie nicht einem im Ufergebüsch herumlümmelnden und Kombucha trinkenden Nackerten über seine Yogamatte saust (eher alternatives Publikum dort am Ilzstausee).

Der Hund ist im Vergleich zu der einen Stunde im Burggelände der Veste Oberhaus wie ausgewechselt – und die Welt ist wieder rund und schön. Für uns alle. Wir klopfen uns Tannennadeln und Kies aus den Trekkingsandalen, holen die Leckerlis, die Pippa nicht erwischt, selbst aus der Strömung, rutschen dabei fast auf den glitschigen Steinen in der Ilz aus, sprühen uns reichlich mit Anti-Brumm die fast dauernd nassen und von Mücken umkreisten Wadln ein und genießen den Familienausflug. Was hätte man schon in der Passauer Altstadt gesollt? Pah!

Bei der Triftsperre angekommen, sehen wir schon das von unserer Hotelchefin erwähnte „abgelegene Gasthaus“ samt dem sympathischen blauen Schild der Löwenbrauerei Passau durch die Bäume schimmern.

In einer weinrebenberankten Laube des Biergartens lassen wir uns zu einem Imbiss nieder. Von der Nicht-Biergarten-Seite aus erkennt man den Gasthof dann übrigens sofort wieder: Im Mai war er in jeder deutschen Tageszeitung zu sehen. Nicht wegen seiner hübschen Laube oder seines eher durchschnittlichen Essens oder des überbordenden Lokalkolorits in jedem Winkel des Gebäudes und auch nicht wegen manch ebenso antiquarischen wie schlichten Angebots in der Speisenkarte (Limo weiß oder gelb: 2,50€, ja köstlich!). Sondern wegen des dreifachen Armbrust-Suizids, der hier vor ein paar Wochen stattfand. Haben Sie sicher gehört oder gelesen.

Das illustre Trio erweckte wohl schon beim Einchecken etwas Misstrauen bei der Pensionswirtin, da ohne Gepäck gereist und das Frühstück explizit nicht mitgebucht wurde. Macht man ja als Übernachtungsgast eigentlich nicht.
Nun, sieht man die Pension von innen, was man leider muss, wenn man die hübsche Gartenlaube verlässt, um kurz die Toilette aufzusuchen, kann man das sofort nachvollziehen, denn nichts – absolut nichts! – lädt dazu ein, sich hier häuslich einzurichten oder gar ein Frühstück einzunehmen. Aber aus Sicht der Gasthofsbesitzer wird sich das wohl anders anfühlen.

Kein Zufall auch die Ortswahl für diese geplante und gruselige Hinrichtung, denn der mystische Tunnel hinter der Triftsperre, in dem es nachts spuken soll (Mädchenschreie, verschwundene Pfaffen etc.) sowie die Nähe zur Burgruine Reschenstein, auf der es ebenfalls nicht mit reschten Dingen zuzugehen scheint, zieht gelegentlich Menschen an, die sich von solchen lost & spooky places angezogen fühlen und über solche Orte nicht immer nur zur Geisterstunde in Foren mit Gleichgesinnten diskutieren, sondern das mal in echt erleben wollen.

Und manch besonders düsteres Vorhaben lässt sich vermutlich eben besser an einem solchen Ort umsetzen als beispielsweise in einem inmitten saftig grüner Bergwiesen gelegenen 3-Sterne-Hotel mit bodentiefen Glasfronten vor jedem Zimmer und einladender Lobby direkt hinter der Panorama-Sonnenterrasse, von der aus der Blick wahlweise zum Alpenglühen auf dem schrofigen Felsmassiv gegenüber oder zu den glücklich weidenden Kühen der nebenan befindlichen Alm schweift. Da passt so ein niederbayrischer Hinterlandgasthof mit Tunnel und Burgruine daneben schon eher.

Dem Hund ist all das aber ohnehin wurscht, denn Hauptsache während der Rast, und zwar ganz egal, wo und von wie vielen Sternen umgebeben die stattfindet, gibt es die übliche handvoll Futter samt genug Wasser im faltbaren Reisenapf: ein seit Jahren nicht verhandelbarer Programmpunkt bzw. eher so eine Art Ablasshandel (= Ihr dürft hier ein Stündchen in Ruhe sitzen, wenn ich dafür eine Extraportion Fressbares abstaube).

Es war ein toller Tag dort an der schwarzen Ilz. Was man nicht alles sieht und erlebt, wenn man mit Hund leben und reisen darf.
Stephansdom oder Donauschifffahrt kann ja jeder, aber die Halser Ilzschleifen, den Stausee Oberilzmühle und die Triftsperre, zu diesen Kleinoden im Passauer Umland verschlägt es nur die wenigsten Besucher.

Danke dafür, liebster Hund!

(Und gib Bescheid, wenn das kalte, nasse Geschirrtuch dir wieder zu warm wird, dann tränken wir es nochmal in Eiswasser.)