Himmel der Bayern (71) und Song des Tages (44): Obi, obi!

Freitag, 17. Jänner. Morgens, irgendwo über dem Murmeltierbau des Carl-von-Stahl-Hauses.

Gegen 2 Uhr nachts, dank des Fleecepullovers, den ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt habe, fühlt sich das Ein- und Ausatmen nicht mehr ganz so eisig an und ich bin gerade mühsam ein bisschen eingenickt, knurrt es unter meiner Bettdecke und den drei darüberliegenden Wolldecken hervor. Pippa hat die Hüttenhündin gehört, die um die Zeit im Alleingang ums Torrener Joch zu stromern pflegt und den Mond anheult.

An meiner Seite robbt sie sich hoch bis auf Kopfkissenhöhe, ich beruhige sie ein bisschen und schiebe sie sanft wieder zurück unter die Decke, wohl wissend, dass es ihr sonst bald zu frisch werden würde. Jede Bewegung ist anstrengend, auch Umdrehen geht unter diesen Decken kaum, das Zeug hat ein ordentliches Gewicht, also wechsle ich höchstens jede Stunde einmal die Position. Auf der rechten Seite liegend kann ich aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel blicken, zwischendrin stelle ich die Augen scharf und schaue ich in den Raum zwischen mir und dem Fenster und wäre nicht überrascht, wenn ich dort meinen Atem sehen könnte.

Einmal muss ich kurz raus zur Toilette, als Eiszapfen kehre ich zurück und krabble wieder in den wärmenden Dachsbau. Es ist eine dieser Nächte, in denen ich bewusst nicht auf die Uhr sehe, um mich ja nicht zu vergewissern, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Um 7 Uhr stehe ich auf, steige vom Bett aus direkt in die Bergstiefel (alles andere habe ich sowieso schon an), schlüpfe in die Jacke, schnappe mir meine Kamera und gehe nach draußen. Dort ist es eher wärmer als im Zimmer, zumindest dann, wenn man von der Terrasse aus nach Österreich guckt, wo die Sonne hinter dem Schneibstein hervorlinst.

Die Sächsin kreuzt kurz nach mir auf der Terrasse auf und wirkt trotz der frühen Stunde schon äußerst munter und frisch frisiert. Wir holen uns gemeinsam einen ersten Kaffee und sie erzählt mir von der kalten Dusche, die sie hinter sich hat (trotz Münzeinwurf für 5 warme Minuten, welch Glück, dass mir das gestern Nachmittag nicht widerfuhr) und fährt strahlend fort, dass sie im Keller eine Steckdose gefunden hätte, für ihren Lockenstab (leckomio, denke ich, was mancher so alles mitnimmt auf den Berg).

Eigentlich hatte sie für zwei Nächte gebucht, wird aber heute schon zur Jenner Bergstation laufen und mit der Bahn hinunterfahren, weil sie ihre Blutdruckpillen im Auto vergessen hat. Und „dos gehd goor nich“. Zufrieden nehme ich das mit der Bergbahn zur Kenntnis, weil damit klar ist, dass unser Weg ins Tal nicht derselbe sein wird, denn dieser Beschallung hätte ich sonst durch einen unangenehmen Sprint oder eine Notlüge ausweichen müssen.

Der Österreicher kommt in den Gastraum, setzt sich zu uns und fragt als Erstes nach dem Dackelfräulein. „Liegt noch im Bett“, antworte ich, „steht ungern vor halb acht auf“. Man tauscht sich noch ein Weilchen über die jeweiligen Erfrierungen aus und wie jeder sich so beholfen hat. Mittlerweile ist es 7:45 Uhr und als die beiden Jungs aus BGL in die Stube hereinpoltern, erhebe ich mich und gehe in meinen „Murmeltierbau“ zurück.

Die Beule unter dem Deckenberg (= Hund) noch exakt an derselben Stelle wie vor 45 Minuten, als ich aufgestanden bin. So kenn‘ ich meine Kleine!
Ich wecke sie, hebe sie aus der Koje und führe sie nach draußen. Das Thermometer auf der Terrasse zeigt minus 10 Grad an. So schnell hab ich sie noch nie ihre Geschäfte erledigen sehen, alles geht zackzack, und danach sofort ab zur Hüttentür, rein in den Flur, rechts abgebogen in die Stube, schnurstracks zum Tisch und dem frühstückenden Österreicher in die Kniekehle gesprungen. Die Sächsin ruft „Halloh Bibboh“, die Jungs sagen „Griaß di, du Hex“ und der Österreicher fragt, ob er ihr „a Stückl Gselchts“ geben darf.
Sagte ich schon mal, dass ich’s nicht so habe mit Gruppen, erst recht nicht am frühen Morgen?

Ich lasse den anderen Vorsprung und mir Zeit, füttere das Fräulein, wasche mich, packe mein Glump zusammen, trinke noch eine Kanne Tee, hänge meine Wandersocken an den Kachelofen, stelle die Bergstiefel davor und platziere das Dackelfräulein nebenan. Möglichst durchwärmt aufbrechen lautet die Devise!

Großes Verabschieden allerseits, die Sächsin klinkt sich in ihre Schneeschuhe ein und stakst ungelenk Richtung Osten, der Österreicher verabschiedet sich hinab nach Salzburg, die beiden Jungs preschen los auf den Schneibstein und ich schnüre um 9:30 Uhr meine Stiefel und trete hinaus in die Kälte.

Noch bevor wir das Schneibsteinhaus erreichen, das keine Viertelstunde Marsch entfernt unter uns liegt, bleibt Pippa auf dem völlig vereisten Weg sitzen und hebt abwechselnd mal die linke, mal die rechte Vorderpfote. Dazu ein Gesichtsausdruck, der einem durch Mark und Bein geht.
Als ich zu ihr gehe, rast sie los, bergauf, zurück zum Stahlhaus. Ein kleiner Kampf, bis ich ihr klarmachen kann, dass wir aber hinunter müssen. Sie versucht es noch ein Stück, aber der Weg liegt völlig im Schatten und der Boden ist zu kalt, der ganze kleine Hund schlottert erbärmlich.

Ich verwerfe die Option, den Rucksack abzusetzen, um den Hundemantel herauszukramen, weil der für die Isolation der Pfoten ja gar nichts bringt, stattdessen schnalle ich die Stöcke außen an den Rucksack, ziehe den Beckengurt straffer, damit er die unteren 15cm der Jacke fixiert, öffne meinen Anorak, stecke Pippa hinein, ziehe den Reißverschluss bis zu ihrem Hals wieder hoch, schlinge beide Arme zur Stabilisierung um dieses Gebilde – und weiter geht’s.
Es geht aber weder gut, noch zügig, denn ohne Stöcke bin ich allein auf die Grödeln angewiesen und muss eine andere Gangart wählen, damit ich sicheren Tritts und ohne Stürze nach gut einer Stunde die Königsbachalmen erreiche.

Klitschnass geschwitzt sind wir nun endlich auf der Sonnenseite des Lebens Bergs angekommen, und vor allem endlich in etwas weniger steilem und vereistem Gelände. Ich öffne den dampfenden Anorak und setze das Fräulein wieder auf dem Boden ab. Putzmunter saust und springt sie vor mir her und ich humple und hechle völlig erschöpft hinter ihr her.
Ein Skitourengeher kommt uns entgegen und kommentiert schmunzelnd unser ungleiches Tempo, ich bin zu erschöpft für eine schlagfertige Replik.

Aber nach und nach trocknet die Sonne meinen Schweiß, der Hund hat sichtlich Spaß im Schnee, alles ist so sonnenglitzernd und prächtig und der Watzmann schaut dermaßen toll aus, dass es dann irgendwann wieder geht und wir doch noch ein gemeinsames Tempo finden, bevor wir unten am Parkplatz ankommen.

Auf der Heimfahrt nehme ich diesmal den Weg über Inzell und rufe, als ich den Ort passiere, aus dem Auto den Papa an, weil wir in meiner Kindheit öfter zusammen dort waren.

Der Papa hatte nur wenige Freunde außerhalb seines Berufslebens, einer davon leitete in Inzell eine „Stotterschule“, wie das damals allen Ernstes und ohne jede Verfremdwortung noch hieß. Der Freund war ein lustiger, rothaariger Mann, der selbst einen kleinen Sprachfehler hatte, er hieß Pit und ich mochte ihn sehr. Die Mutter mochte ihn überhaupt nicht, weil sie aus Prinzip die Freunde des Papas nicht mochte, vor allem die fröhlichen nicht. Also besuchte der Papa ihn immer ohne die Mutter, nahm nur mich mit und verband diese Fahrten meist noch mit einem beruflichen Termin in Berchtesgaden, wo er seinerzeit ein Bauprojekt betreute.

„Ich fahre gerade durch Inzell!“, plärre ich in die schlechte Bluetooth-Freisprech-Verbindung. Der Papa freut sich und will wissen, ob ich mich an das Eisstadion erinnere, in dem wir zusammen gewesen sind und wo ich so geweint hätte, weil ich mehrfach gestürzt sei. „Eis mochte ich noch nie und für heute habe ich auch schon wieder genug vom Eis“, antworte ich und erzähle ihm von meinem Ausflug in die Berchtesgadener Alpen.
Ob ich an der Gebirgsjägerstraße vorbeigekommen sei, möchte er nun wissen, und wie die Jugendherberge denn mittlerweile so aussähe, und ist etwas enttäuscht, als ich berichte, dass ich zwar an Strub vorbeigefahren sei, aber von der Straße aus nur die Kaserne gesehen hätte, in der in grauer Vorzeit der Gatte mal stationiert war.

Wir machen aus, dass wir beizeiten nochmal gemeinsam in diese Gegend fahren wollen, und überlegen, wohin genau, und ob er dort vielleicht noch aussteigen und ein paar Schritte gehen könnte, ohne allzu viele Strapazen.
Dann möchte er noch die Einzelheiten zu der Tour hören, vor allem die Namen der Berge rund ums Stahlhaus herum, und kurz bevor wir auflegen, sagt er glatt „Ich bin stolz auf dich“, aber da bin ich leider bereits auf der Autobahn und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht mehr losheulen kann, wie man das sogar als erwachsene Tochter noch sofort tun möchte, wenn der Papa mal so einen seltenen Satz raushaut, obwohl man mit dem Begriff Stolz ja an sich nie warm geworden ist.

Übers Wochenende begeben wir uns nun in kreative Klausur, wünschen Ihnen schöne Winterträume und sagen Servus & bis bald!

Himmel der Bayern (70) und Song des Tages (43): Aufi, aufi!

Donnerstag, 16. Jänner. Mittags, irgendwo unterm Jenner.

Wie schon gesagt: das neue Jahr läuft auf Hochtouren. Und wir laufen mit, so gut wir können.
Eine richtige Hochtour ist zwar was anderes, aber bei dem Wetter und diesen Aussichten genügt solch ein Aufstieg allemal.
Erst recht bei mangelhafter Vorbereitung: Wieder mal nicht bedacht, dass die Angabe der Gehzeiten, wenn’s nicht explizit dabeisteht, sich auf die Sommerwegstrecken bezieht und man im Winter deutlich länger braucht.

Ein fataler Fehler, denn mit 9 Kilo Tourenrucksack und Grödeln an den schweren Schuhen macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man zweieinviertel Stunden marschiert oder eben dreieinhalb.
Eines meiner obersten Berg-Gebote, „Plane deine Wege, Zeiten, Geschwindigkeiten und Kräfte stets so, dass du auch deinen Hund sicher hinauf- und/oder hinunter bringst, ihn notfalls sogar die gesamte Strecke über tragen könntest!“, gerät daher beinahe ins Wanken.

Denn unterwegs führen krass vereiste Wegstücke dazu, dass wir zweimal einen Umweg nehmen müssen, weil sonst… naja, ich weiß nicht, wer von uns zuerst den Hang runtergerutscht wäre – das Dackelfräulein oder ich.
Sicher ist sicher, also in die Karte geguckt und anders gegangen als geplant. Dummerweise zweimal eine Skipiste queren müssen, ging nicht anders. Natürlich ganz am Rand gehalten und immer gut nach oben geguckt und das Fräulein etwas beruhigen müssen, als in Pistenmitte der erste Snowboarder in einem Affenzahn an uns vorbeihobelt. Gottseidank eine sehr breite Piste, leider aber eine schwarze, gefühlt war das wie senkrecht nach oben zu gehen.
Auch die Schneeverhältnisse nicht korrekt recherchiert, auf den Webcams sah alles irgendwie so harmlos aus, nach ein bisschen Winter, aber nicht nach verschneiten Almwiesen, in die man bis zum Knie einbricht.

Der Rucksack wegen des Übernachtungsgeraffels, Hundeglumps und der Fotoausrüstung, die diesmal ja auch mit musste, nah an der Grenze des Tragbaren. Man ist keine 25 mehr und der Zenit der Fitness und Belastbarkeit ist eh längst überschritten. Beim Hochgehen zwickt wechselweise die Schulter, der Ellenbogen, der Nacken und – neu! – ab und zu auch die rechte Hüfte.

Von derlei Planungsunschärfen und Spontanungemach mal abgesehen: Eine irre schöne Tour! Das Berchtesgadener Land landschaftlich ja sowieso der Hammer, gefiel mir schon als Kind.

Unter mir der glitzernde Königssee, über mir der blauweiße Bayernhimmel, vor mir der weltschönste Dackelpopo, im Westen der majestätische Watzmann, im Osten Tu felix Austria.

Auch das frisst Zeit, wenn man alle paar Minuten mal kurz staunend stehenbleiben muss!

Toller Nebeneffekt der Unternehmung: in luftiger Höhe sind die blöden Haselpollen noch im tiefsten Winterschlaf. Zwei Tage Rotzpause also, Schniefen und Tränen gehen hier ausschließlich aufs Konto der atemberaubenden Schönheit, die mich umgibt (oder sind Vorboten einer Erkältung, nach einer Übernachtung bei minus 10 Grad).

Das Carl-von-Stahl-Haus, die Alpenvereinshütte, in der wir nächtigen, liegt auf 1.733m (oder 1.736m Höhe, da gehen die Meinungen auseinander), am Torrener Joch, zwischen Hagengebirge und Göllstock, exakt auf dem Grenzkamm: hier Oberbayern, dort Salzburger Land – solche Orte liebe ich ja ebenso sehr wie Sackgassenorte.

Auf der Hütte gibt’s – welch Segen für den geschundenen Körper! – eine warme (!) Dusche (!) und ein eigenes Zimmer für Hundebesitzer (mit dem schönen Namen „Murmeltierbau“), sofern der Belegungsplan es hergibt, was er jenseits aller Feiertags- und Ferienzeiten erfreulicherweise tut.
Und ein Sonnenuntergang der Extraklasse erwartet uns, wie mir die kundigen Bergkumpane beim nachmittäglichen Weißbier zu berichten wissen.

Auch das Dackelfräulein ist redlich geschafft, aber Kräfte und Geschick reichen noch, um Hüttenhündin Susi anzumeckern, als diese sich in Kachelofennähe in der Gaststube niederlassen möchte, und um in einem unbeobachteten Augenblick das Mini-Milchkännchen, das neben meinem Teepott steht, leerzuschlürfen (und zwar ohne dass das Kännchen dabei umkippt, alle Achtung!).

Diese Schlawinerszene spielt sich just in dem Moment ab, als wir, die paar Hüttengäste, hinausstürmen auf die Terrasse, um der Sonne zuzugucken, wie sie zwischen dem Großen Hundstod (herrje!) und dem Watzmann (mal aus ungewohnter Perspektive) versinkt.

Links im Bild (der einzelne hohe Zacken): der große Hundstod. Rechts: der Watzmann.

Sonnenuntergang ratzfatz: zwischen dem oberen Bild und diesem lagen höchstens 2 Minuten.

Zu fünft sitzen wir beim Abendessen. Zwei Bergsteiger aus BGL, ein Österreicher, eine Sächsin und ich. Ausnahmsweise sind da heroben mal keine Schwaben anzutreffen (deren Absenz die eine Sächsin allerdings locker wettmacht).

Pippa freundet sich mit jedem an, der Gamsgulasch bestellt. Weil es aber nach dem Milchklau eine ziemlich heftige Schelte gab, wagt sie es kein zweites Mal, mit der Schnauze über die Tischplatte zu schnuppern.
Falls Sie sich jetzt fragen, wie das überhaupt geht, dass so ein Dackel auf Tischplattenhöhe herumschnuppern kann: Das geht ganz einfach, indem der Hüttenwirt einem wegen des arg kalten Fußbodens eine Decke bringt und dem Fräulein erlaubt, mit auf der Holzbank zu sitzen, und schon haben Sie den Hunderüssel in Teller- oder Milchkännchennähe und diesen Ich-verhungere!-Blick direkt neben Ihrem Ellenbogen.

Um 19 Uhr stapft eine Horde Männer in die Stube. Wo kommen die denn her? Draußen ist es seit zwei Stunden stockfinster!
Man klärt mich rasch auf: donnerstags ist hier Skitourengeher-Abend. Das bedeutet: Von bayrischer und österreichischer Seite aus steigen Menschen in einer Montur, die schwer nach Weltraummission aussieht, im Schein ihrer im Helm integrierten Scheinwerfer (cool!) und im Schweiße ihres dunkelroten Angesichts (uncool!) zum Stahlhaus hoch, löten sich zwei bis drei Halbe rein (huijuijui!), marschieren dann wieder hinaus in die Kälte, schwanken hinüber zum Jenner und stürzen sich dort über die Piste hinunter ins Tal (oh Gott!).
Mit einem der Kerle, tagsüber ein braver Beamtenbursche vom Landratsamt in Reichenhall, komme ich, weil auch ihm Gamsgulasch serviert wird, länger ins Gespräch und erfahre: das machen die dort als Feierabendsport! 2 Stunden hinauf, 1,5 Stunden Hütte, 1,5 Stunden retour. Na, pfiat di!

Weil’s ein Einheimischer ist und eh ein netter Typ, befrag ich ihn zu allem, was mir beim Aufstieg Kopfzerbrechen bescherte, lerne eine Menge über Schnee und Eis, lasse mir auf der Karte alle Gipfel und Gebirgszüge der Gegend zeigen, ein paar Wegvarianten für meinen Abstieg am nächsten Morgen erklären, quetsche ihn zu den Passen und über den Untersberg aus, und am Schluss plaudern wir über die klasse Serie mit dem Ofczarek in der Hauptrolle („Der Pass“).

Derweil leert sich die Hütte zusehends und um 21 Uhr sind die wilden Männer schließlich alle wieder weg, die Sächsin schon im Bett, die zwei BGLler ins Kartenspiel vertieft und der Österreicher trinkt das soundsovielte Stiegl und hat das Dackelfräuleinkinn auf seinem Oberschenkel liegen. Er vertreibt sich die Zeit als Hundephysiotherapeut und knetet liebevoll den Teckelrücken durch.

Um 21:30 Uhr dann nochmal hinaus in die Eiseskälte zur letzten Hunderunde. Mit der Stirnlampe unterm Sternenhimmel herumstolpern, während das Fräulein sich erleichtert, im Mondlicht ein letzter Blick hinüber zum Schneibstein, auf den es nicht allzu viel gschneibt (oder gschniebn?) hat und der vielleicht als Morgensportziel in Frage käme, bevor es wieder talwärts geht.
(Anm. d. Red.: Dieser Übermut wird bis zum nächsten Morgen verschwunden sein, denn nach einer bitterkalten Nacht, werden alle überflüssigen sportlichen Aktivitäten schockgefrostet ad acta gelegt. In der gesamten Hütte ist nämlich nur die Gaststube beheizt, ansonsten behilft man sich mit dicken Wolldecken, Mütze, Schal etc., und mit anderthalb Metern Heizwurst, die man so eng an sich presst, wie es grad noch möglich ist, ohne dass das Tier unter dem Deckenberg zu röcheln beginnt.)

Eine Zauberwelt hier oben, einfach alles: rundum diese Weite, ein Paradies der Stille, dem Himmel so nah und einer hängengebliebenen Schallplatte gleich die immerzu selbe Erkenntnis, nirgendwo anders leben zu wollen, niemals.

Gucken Sie doch mal hier, – ist das nicht eine Wahnsinns-Kulisse für ein Nachtgassi?!?

Und schauen Sie gern auch morgen nochmal hier vorbei, da gibt’s dann Teil 2 mit dem Titel „Obi, obi!“ und – so viel sei schon verraten – das wird keine öde Baumarktstory, obwohl es so klingt und sie auch noch samstags erscheint.

Für heute verabschieden wir uns überschriftsgetreu mit dem Herrn Ambros und ein paar Impressionen aus der Berchtesgadener Bergwelt und humpeln alsbald in die Koje.

Auf Hochtouren.

Nach einer geruhsamen Zeit voller Rudelglück, Seriengenuss und Feiertagsfaulenzen läuft das neue Jahr mittlerweile auf Hochtouren.

Der dank des Wasserschadens beschlossene Badumbau ist seit ein paar Tagen im Detail besprochen, die Terminvorschläge harren nun Loleks Überprüfung und Zustimmung, bald drauf geht’s dann zum Fliesen- und Wannenkauf. Das Fachvokabular sitzt jedenfalls schon und bescherte anerkennendes Nicken.

Gesundheitlich geht es größtenteils aufwärts oder zumindest nicht weiter abwärts, man weiß zwischenzeitlich, mit 47,5 Lenzen, dass Glück tatsächlich auch in der Abwesenheit von Unglück bestehen kann.
Auch. Nicht nur.

Vor einem Jahr war tiefster Winter hier, auf der Wiesn bauten sie Schneeskulpturen aller Art. Wir frästen uns durch die weißen Massen hinüber zur Schwanthalerhöhe, um den Film zur 150-Jahr-Feier des DAV anzugucken – und zwei Stunden später war die Spur vom Hinweg bereits nicht mehr zu sehen.
Im Januar 2020 wird an der Isar in kurzen Höschen gejoggt. So sieht man im diesjährigen Winter ganz andere Skulpturen, denn hie und da hoppeln einige Festtagspfunde mit, immerhin ein körperlicher Kampf, der mir seit einigen Jahren meistens erspart bleibt.
Erste Übermütige werfen die Hüllen komplett ab oder den Grill an, die Kioske am Flussufer stellen die Eistafeln raus, an den Stehtischen im Freien leuchtet jedes zweite Glas grellorange und die Hunde testen zaghaft die Wassertemperatur.

Der Friseurwechsel hat weiterhin Bestand. Die zweite Schur ebenso zufriedenstellend wie die erste, nur ohne die schnarchende Bully-Dame anbei, die leider zwischenzeitlich einem Hirntumor erlag. Die Art und Weise, wie der neue Coiffeur mir davon erzählt (plus das anschließende Einlegen einer Live-CD von den frühen Stones), hat zur Folge, dass wir zum Du übergehen. Eh fast derselbe Jahrgang.
Auch Pippa hat den Friseur gewechselt, da die gute S. nun geheiratet hat und in neue Wirkungskreise abtaucht (eigener Salon, aber diesmal Fingernägel oder sowas). Ihre Nachfolgerin wurde allein deshalb kritisch beäugt, weil sie das Begrüßungsritual (Vor dem Rasierer kommt die Wurst!) noch nicht kannte.
Man merkt, dass man älter wird, denn das Ausmaß, in dem einen solche Veränderungen auf einmal beschäftigen, verhält sich in etwa proportional zum Wachstum der grauen Haare.

Der nette Nachbar lädt einen zum Geburtstagsbrunch ein. Das muss heißen, wir bewegen uns wohl defintiv Richtung freundschaftliche Verbandelung.
Alle verstehen sich bestens: sowohl sein Gatte mit meinem, als auch die Hundedame der beiden mit unserer Pippa (wir berichteten hier und hier). Das ist nicht nur in sozialer, nachbarschaftlicher, tierischer und zwischenmenschlicher Hinsicht recht erfreulich, sondern diese Entwicklung passt auch ideal zum demnächst drohenden sanitären Totalausfall in unserer Wohnung: zumindest ich werde dann dort unten ganz unbekümmert um tägliche Nutzung der Dusche ersuchen, notfalls vielleicht auch um Asyl, sollte es bei uns oben gar zu unwohnlich und staubig werden (Lolek kündigte eine Abdichtung des Flurs an, bei der wir nur noch durch einzelne, abgeklebte Schlitze in unsere Zimmer schlüpfen können, das klingt irgendwie ungemütlich).
Bei der brunchenden Gästeschar erwartungsgemäß ein deutlicher Männerüberschuss. Neben mir sitzt der Ex vom Nachbarn, ein sehr sportlicher, hübsch bewimperter Kerl, er sitzt da in Begleitung seiner Mischlingshündin mit nicht ganz so hübschem Unterbiss.
Wir verstehen uns auf Anhieb, stellen etliche gemeinsame Interessen fest, vor allem in alpinistischer Hinsicht, weshalb wir nach dem zweistündigen Gespräch die Telefonnummern austauschen, um die überaus erquickliche Unterhaltung in Kürze bei einem Hundespaziergang fortzusetzen und über eine Tourplanung nachzudenken.
Sonst habe ich dort mit niemandem länger geredet, was mal wieder die These untermauert, dass in diesem Leben aus mir kein Gruppenmensch mehr wird (ein Brunch-Fan im übrigen auch nicht, aber das ist ein anderes Thema).
Schon immer lauter Einzelfreundschaften, bestenfalls mal eine Paarfreundschaft.

Freund P. schickt aus Sylt eine Wien-Atrappe voller Zuckerzeug, fast zeitgleich trifft ein Care-Paket von Freundin H. aus der Schweiz ein, das mit holländischem Hagel gefüllt ist.
Man meint es also gut mit mir und ist um Aufpäppelung bemüht. Ich danke den beiden ganz herzlich für all die Kalorien, verhänge hiermit aber bis zum Spätherbst einen Süßwarensendestopp.
Einen Dackelschlafsack könnten wir jedoch nach wie vor brauchen. Auch neue Ohrringe fände ich mal wieder fein. Oder einen Massagegutschein, bitte nicht unter 40 Minuten. Aber mit Schokokram ist jetzt erstmal finito, ok?

Die berufsbedingte Pendelei hat diese Woche wieder begonnen und somit auch die Strohwitwen- und Alleinererziehenden-Tage (und -Wochen).
Während der fleißige Gatte heute Abend unter den Linden der Hauptstadt weilt und dort über philosophische Treppen zum Hörsaal hinaufsteigt, um über den Körper zu referieren, bereiten das Dackelfräulein und ich andere körperliche Aufstiege vor.
Morgen geht’s ins bayerisch-österreichische Grenzgebiet, Material sammeln für eine kleine Winterreportage.

 

Mitten im Rucksackpacken piest das Handy. Eine Whatsapp aus Berlin. Der Gatte schickt kurz vor Vortragsbeginn ein Foto von etwas, das aussieht, wie ein in eine Serviette eingepacktes Nutellaglas. Wenig später ein zweites Piepsen. Eine Mail aus Berlin. Frau Tontöppe schickt ein Foto von jemandem, der aussieht wie der Gatte. Aha!

Trotz meines Feierabendweißbiers, das ich schon intus habe, schlussfolgere ich messerscharf zweierlei: 1.) Frau Tontöppe hat sich in die Uni zur Ringvorlesung begeben und 2.) bei dem eingepackten Etwas könnte es sich mit ein bisschen Glück nicht um ein Nutellaglas, sondern um Quittengelee-Nachschub aus dem Tontöppeschen Garten handeln.
Na sowas! Haben die beiden sich jetzt glatt zuerst kennengelernt (wohingegen ich Frau Tontöppe ja noch nicht live zu Gesichte bekam).

Herzliche Abendgrüße nach Berlin & natürlich auch an die übrige Leserschaft zwischen Zürich und Sylt!

Situationen, in denen man es nicht wagt, wie geplant zum Schwimmen aufzubrechen.

Jenseits von Afrika und anderer Kokolores.

Es gibt ja so Worte, die einem sehr früh von den Eltern beigebracht werden und dementsprechend tief in den frühkindlichen Sprachschatz einsickern und sich deshalb erst viele Jahre später als linguistische Blindgänger entpuppen, zumindest in der Region, in der man (im Gegensatz zu diesen Worten) beheimatet ist und sie ausspricht.
Man stellt dann als Heranwachsende entsetzt fest, dass keiner außerhalb der eigenen Familie diese Worte zu verstehen scheint, blamiert sich ein bisschen oder schämt sich gar.

Die meisten dieser Worte hatte ich vom Papa, einige davon entsprangen seinem rheinländischen Dialekt. Osel beispielsweise war eines davon. In der Grundschule titulierte ich mal einen Klassenkameraden so und erntete nichts außer einem fragenden Blick.
Ein Schlüsselerlebnis für mich – ab da war ich vorsichtiger, speziell mit Worten, die bei uns daheim in liebevoll-abwertender Weise verwendet wurden, so wie das eben erwähnte Osel.

Ich wagte es beispielsweise nicht, etwas, das ich ein bisschen bekloppt oder schräg fand, öffentlich als Kokolores zu bezeichnen. Zu riskant schien es mir, dass das hier in Bayern vielleicht missverstanden würde oder überhaupt nicht bekannt wäre.
Außerdem war ich mir nicht mal sicher, ob dieses Wort tatsächlich in irgendeinem Dialekt existierte, da der Papa es auffallend oft zu unserem Wellensittich sagte: „Cocolino macht Kokolores!“ – das klang durchaus nach einer Eigenkreation, denn Cocolino bekam allerlei Eigenkreationen serviert und hauptsächlich Kokolores vom Papa beigebracht, auf dass er ihn nachplappere, was er auch eifrig tat.
„Cocolino hat schöne Pumphosen!“ (wenn er sein Gefieder an den Beinchen putzte), „Hurra, hurra, Natascha ist da“ (als die Mutter nach der Niederkunft mit mir aus der Klinik heimkehrte), „Cocolino klaut Cacola-Cacola“ (hier scheiterte der Papa: Coca-Cola hat Cocolino lebenslang nicht ordentlich über den Schnabel gebracht, das war zu nah am Zungenbrecher für ihn, und gestohlen hatte er das Gesöff schließlich auch nicht).
Ich vermied also dieses Familienwort und habe erst recht spät im Leben festgestellt, dass auch andere Menschen außer unserem Cocolino wussten, was Kokolores ist.

*****

Zu Jahresbeginn erreichte mich eine Mail, die mich sofort an dieses Kindheitswort denken ließ. Ihr Absender war ein Rechtsanwalt mit dem schönen Namen Koko Dzoka. Ich öffnete sie voller Neugier und war dann gleich noch begeisterter, aber lesen Sie selbst!

Schönen Tag,
in einer kurzen Einführung bin ich Rechtsanwalt Koko Dzoka aus
Westafrika. Ich habe Ihnen letzten Monat eine E-Mail bezüglich Ihres
verstorbenen Verwandten gesendet, der in Afrika gestorben ist, aber
ich habe keine Antwort von Ihnen erhalten. Ich melde mich bei Ihnen,
damit ich die Summe von 3.500.000 US-Dollar, die er vor seinem frühen
Tod für mein Familie zurückgelassen hat, wieder zurückzahlen kann.
Rufen Sie mich so schnell wie möglich an, damit ich die Informationen
und Geld an Sie weiterleiten kann. Es ist sehr dringend.
Dein Rechtsanwalt Koko Dzoka.

Na gut, diese stilistischen Patzer sind sonst nicht so meins, auch die Orthographie lässt sehr zu wünschen übrig, aber mein neuer Freund Koko ist schließlich auch Westafrikaner. Außerdem hat er sich von einem Verwandten von mir eine nicht ganz kleine Summe ausgeborgt, die er jetzt, ehrlich wie er ist und weil mein Verwandter das Zeitliche gesegnet hat, gern an mich zurückzahlen möchte.

Ich grüble kurz, welchen Verwandten er meinen könnte, da es in Sachen Verwandtschaft außer dem Papa nur noch den feierfreudigen Chefarzt für Gynäkologie mit dem hässlichen Hund und den unglücklichen Zahnarzt mit der versoffenen Gattin gibt, die aber beide immer noch am Niederrhein leben und nicht in Afrika gestorben sind.
Aber für 3,5 Millionen Dollar, die ich als Alleinerbin von Koko erhalten werde, lass ich mich auch gern überraschen, wer da aus etwaigen genealogischen Untiefen emporsteigen wird. Unter der angegebenen Telefonnummer war bislang immer besetzt, aber ich bleibe natürlich am Ball.
Finanziell jedenfalls schon mal ein formidabler Start in das neue Jahrzehnt!

*****

Und abgesehen von der Horrornacht für die kasernierten Affen in Krefeld (eine Nachricht, die mich tagelang beschäftigt hat und teilweise so trübsinnig stimmte, dass ich nur noch losheulen mochte), lässt sich das neue Jahr auch sonst passabel an.

Die Serienzeit neigt sich ihrem Ende zu. Intensiv und wunderbar war sie.

  1. „Der Pass“: ein seltenes, deutsch-österreichisches Meisterwerk, mit einem gradiosen Nicholas Ofczarek, dessen Erscheinungsbild perfekt von Ambros‘ „De Kinettn wo i schlof“ untermalt wurde und einem ausgeklügelten Plot in einer irre tollen, alpinen Kulisse – wirklich bombastische Bilder der verschneiten Bergwelt! – und einem dramatischen Ende an einer österreichischen Bahnschranke.
  2. Dritte Staffel von „The Handmaid’s Tale“: eine bedrückende, bildgewaltige Dystopie eines totalitären Systems, wir sind noch mittendrin und ich staune, dass ich nach solchen Geschichten gut schlafen kann, wenngleich manche Traumbilder der letzten Nächte ein wenig gileadfarben daherkommen (oder sind die Rauhnächte schuld?) und ich tagsüber manchmal versucht bin, dem nachbarschaftlichen Grußwort bei einer zufälligen Begegnung im Treppenhaus noch ein „Gepriesen sei der Tag“ anzufügen.

Viel geschlafen, viel draußen gewesen. Gut gegessen, gute Musik gehört. „Jungleland“, dieses unvergleichliche Jahrhundertstück, das Cocolinos Nachfolger Fridolin noch mehr liebte als das Klackern des Kaffeeportionierlöffels an der Edelstahlkaffeebox, war auch von Bosstime gecovert ein klasse Erlebnis, das noch nachhallt und glücklich macht.
Die erste, im Herzen der Stadt verbrachte Silvesternacht viel unproblematischer als gedacht: das Dackelfräulein hat, auf dem Sofa lümmelnd, unter der Wolldecke und mit großen Kissen obendrauf, nur vier- oder fünfmal gewufft und ansonsten das Getöse verschlafen, je älter sie wird, desto entspannter wird Silvester (seltsam, dass das nicht auch für den Briefträger gilt, der immer noch jeden Morgen ein wütendes Bellen erntet, wenn er die Post durch den Schlitz in den Flur wirft).
Gegen 22:30 Uhr die letzte Umweltsünde im alten Jahr begangen, den Hund vermummt und schalldicht verpackt ins Auto getragen und zum 10km entfernten Waldrand kutschiert, damit Madame angst- und böllerfrei ihre Jahresabschlussverrichtungen erledigen konnte, eine 45-minütige Aktion, die sicher nur bei Hundebesitzern auf Verständnis stößt und alle anderen den Kopf schütteln lässt. Hat sich bewährt, werden wir beibehalten. Dafür sparen wir ja Sprit, indem wir künftig nicht mehr über Silvester verreisen müssen.
In den sozialen Medien gucken wir um Mitternacht Live-Bilder von der Wiesn an, man hätte auch die Jalousien hochziehen können, aber man soll ja nicht gleich übermütig werden. Nächstes Jahr, vielleicht. Wobei ich drauf hoffe, dass das Feuerwerk dann schon durch eine Lasershow oder irgendwas anderes Zeitgemäßeres ersetzt sein wird.
Um 0:04 Uhr stelle ich mein Handy laut, damit der Papa mich um 0:05 Uhr erreichen kann. Eine Tradition, dieser Anruf, egal, wo wir auch in den letzten 30 Jahren waren: um 0:05 Uhr ruft er mich an und wir wünschen uns ein gutes neues Jahr. Hat mich schon mal unglaublich genervt, dieses Ritual, mittlerweile – seit mir bewusst ist, dass die noch verbleibende Anzahl solcher Telefonate eine sehr absehbare geworden ist – hänge ich mit geradezu nostalgischer Rührung an dieser fünften Minute eines neuen Jahres.

An Neujahr in die Berge gefahren. Zu einer Uhrzeit, wo der Silvesterpartylöwe noch bruncht oder seinen Kater ausschläft, sind die Straßen leer. Der Parkplatz am Fuße des Berges allerdings nicht, da wimmelt es nur so von Familien und Schlitten, aber schon nach wenigen Metern wird klar, dass die alle den anderen Weg einschlagen, den sie dann nach zweistündigem Aufstiegsgezeter der Kinder und drei Trosthumpen Punsch und großer Gruppengaudi wieder grölend hinunterrodeln.
Oben auf der Hütte ein paar andere Wanderer, der Platz am Ofen ist frei, der Wirt hat nichts dagegen, dass das Fräulein auf einem Handtuch mit auf die Bank gesetzt wird, glücklich drückt sie ihr Hinterteil an die brüllheißen Kacheln. Angenehme Neujahrsstimmung da heroben, alle blicken noch etwas zerknittert und müde drein, die einen vom Aufstieg, die anderen vom Abfeiern.

So weit, so gut, diese ersten fünf Tage.
Bei Ihnen hoffentlich ebenso?!

*****

Uijuijui oder: Servus 2019!

Der letzte Tag des alten Jahres beginnt denkbar gut: Ausgeschlafen, mit Schokohagel auf dem Toast und Sonnenschein zum Morgengassi. Kurz drauf Post vom Finanzamt: Auf den letzten Metern des alten Jahres dem sachbearbeitenden Frollein M. eine Änderung des Steuerbescheids 2018 rausgeleiert und noch eine Erstattung kassiert.

Sehr erfreulich, das Ganze, wenn auch nicht ganz so ein krasser Jubelanlass wie vor zwei Wochen das Einschreiben von der alten Vermieterin: im November schickte sie die Nebenkostenabrechnung zur (längst in der Erinnerung ausgelöschten) Wohnung am Stadtrand, in 2018 hatten wir da noch für 6 Monate Heizung, Wasser, Hausmeister etc. aufzukommen. Absurd hoch erschien mir der nachzuzahlende Betrag, 368€ für nur noch 4 Monate Anwesenheit, danach waren wir ja schon weg, also ging ich der Sache erst allein, dann mit Hilfe des Mietervereins auf den Grund und verweigerte in einem saftigen Antwortschreiben die Nachzahlung, erbat Belegeinsicht und stellte allerhand Nachfragen zu den Einzelposten.
Die Vermieterin ließ meine Einwände ebenfalls juristisch prüfen und sandte uns schließlich eine überarbeitete Abrechnung zu, die schlussendlich – da alle Einwände berechtigt waren – eine reduzierte Nachzahlung von nur noch 8€ ergab, die sie uns, natürlich ohne Entschuldigung für ihre 360€ zuvor verkehrt berechneten Posten, in altbekannter Gnade und Großgrundbesitzerattitüde erließ.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, auf wie vielen Ebenen mir dieser Brief Anlass zur Freude war – besser hätte diese elende Sache nicht zu einem Ende kommen können als genau so.

(Und hätte ich in meiner Jugend nicht so viel Schule geschwänzt und diese Zeit walkmanhörend am See, in die Sonne blinzelnd auf Bootsstegen oder plantschend im Wasser verbracht, wäre das Abitur vielleicht die Eintrittskarte in eine glänzende berufliche Zukunft als Juristin gewesen, sofern sich die angeborene Lust am Müßiggang und der Mangel an Eifer und Fleiß während des Studiums noch gelegt hätten, damit dann auch ein vernünftiges Staatsexamen dabei rausgekommen wäre.)

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Nach dieser Morgenfreude das Schwimmbad zum 86. Mal in diesem Jahr aufgesucht. Zusammen mit 60 Läufen, 22 Bergtouren und fast 2.100 per pedes zurückgelegten Gassi-Kilometern eine zufriedenstellende Bewegungsbilanz für so ein Jahr.

Aus dem immer noch spürbaren Sixpack hat sich allerdings ein dezenter Sevenpack entwickelt, irgendeine neuartige Ebene (nennen wir sie mal Streuselschicht oder Weißbierwattierung) hat sich nun dazugesellt.
Das Alter halt, es zieht überall seine Furchen hinein, hinterlässt Ablagerungen oder Verfärbungen und das passt ja auch prima zu den diversen orthopädischen Hakligkeiten und anderen Malaisen körperlicher Natur. Wäscht man sich 86x im Jahr in einer Schwimmbaddusche, hat man allerdings ein so breites Vergleichsspektrum, dass man weiß: der Sevenpack muss einen wirklich noch nicht ängstigen, da gibt’s ganz anderes.

Ein sehr schöner Jahresabschluss-Schwumm, obwohl bereits ein paar Weihnachtsklöße und etliche gute Vorsätze die Bahnen verstopfen, zu Jahresbeginn wird das aber erfahrungsgemäß für etwa 6 Wochen noch übler werden.
Die Sonne flutet das Freibad, scheint einem rückenschwimmend direkt ins Gesicht, die Flossen tragen einen kraulend flink durchs Wasser – es geht nichts über dieses sanfte, stille Dahingleiten im Wasser.

Hier und da fließt auch ein Gedanke, ein Gefühl, eine Erinnerung durch mich hindurch, schwimmend gelingt es mir immer, dass nichts zu lang an mir haftet oder mich zu Boden zieht, sondern alles an mir abgleitet. Im Wasser sein, das heißt Freisein. Der schwarze Balken am Boden wie eine Leitlinie, seine Botschaft: „Atmen, Bewegen – vorwärts!“, trotz Bursitis, trotz Strömung, trotz Gegenwind.

Falls Sie mit der Schwimmerei nichts am Hut haben, illustriert vielleicht dieses kurze Video, was ich meine:

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Während ich meinen ersten selbstgekochten Vanillepudding seit Jahrzehnten löffle und draußen auf der Theresienwiese ein paar Unverbesserliche trotz Böllerverbot rumballern, schreibe ich Ihnen noch ein bisschen.

Einen Jahresrückblick gibt’s nicht, denn wie das Jahr so war, das muss ich nicht wiederkäuen, Sie haben das ja in Auszügen hier mitverfolgt.
Wofür ich Ihnen danken möchte: es ist doch recht wohltuend, sowohl bei diversen Höhenflügen als auch bei Wasserschäden und anderen Unbilden des Daseins verbal anteilnehmende, konkret mitfühlende oder gar real unterstützende Weggefährten um sich zu haben.

Wofür ich dem vergangenen Jahr danken möchte:
Für alles Schöne und Gute, Bereichernde und Aussichtsreiche, Stärkende und Verheißungsvolle.
Für ein beheizbares Dach über dem Kopf sowie ausreichend Essen, Kleidung, Kultur, Mobiliät und Teilhabe am Leben da draußen.
Dafür, dass ich eine kleine Familie habe und ein paar echte Freunde, so dass mein Leben von Liebe und Freundschaft begleitet wird.
Dafür, dass ich immer noch gesund genug bin, um mich fast überall hin bewegen zu können, wohin es mich zieht: ins Wasser, in die Berge, in Konzerte, in die Eisdiele um die Ecke – und sogar bis nach Gotland.
Dafür, dass ich in einem Jahr gleich zwei Stars kennenlernen durfte, einen Bayern und einen Österreicher, deren Werke und Taten mich zutiefst begeistern.

Dafür, dass ich neue, wohltuende Menschen in mein Leben lassen konnte und mich von anderen, die mir gar nicht gut taten, trennen konnte.
Dafür, dass das Dackelfräulein eine erste, richtige Freundin gefunden hat (bislang gab es „nur“ Männer in ihrem Leben).

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An der Hundefront zum Jahresende noch zwei Erkenntnisse:

  1. So ein Anti-Schling-Napf ist eine feine Erfindung. Er verlängert die Nahrungsaufnahme von 20 Sekunden auf 10 Minuten und verhindert tatsächlich Magenprobleme und Aufstoßen.
    Finden wir, nicht Pippa, die hätte lieber ihren alten Pott zurück, der ungebremstes Reinschaufeln ermöglichte.
  2. Im siebten (!) gemeinsamen Winter haben wir endlich kapiert, was dem Dackelfräulein auf Autofahrten an sehr kalten Tagen schon immer gefehlt hat: eine vom Menschen vorgewärmte Jacke in und über ihrem Transportkorb auf der Rückbank. Kein Zittern mehr bis das Auto warm ist, kein Ungeduldswinseln mehr nach ein oder zwei Stunden – Madame verschwindet in ihrer Höhle und ward nicht mehr gehört oder gesehen.
    Schöner Nebeneffekt: die Jacke riecht anschließend wunderbar nach Dackelschlaf. Manchmal auch nach Hasenkötteln oder Jauche.

 

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Bevor das Getöse nun bald losgeht, verabschieden wir uns von Ihnen und dem zu Ende gehenden Jahr, und freuen uns, Sie im nächsten Jahr (also schon morgen!) wieder bei uns begrüßen zu dürfen…

… kommen Sie gut rüber & lassen Sie es sich heut Abend ganz nach Ihrer Fasson gut gehen!

Lassen Sie die freudvollen, kreativen, mutmachenden, hoffnungsfrohen und wegweisenden Dinge, die Sie in 2019 erlebt haben, Revue passieren, schauen Sie ansonsten mehr nach vorn als zurück, verballern Sie weder Ihr Geld noch Ihre Gehirnzellen, verfallen Sie nicht in düstere und unnütze Grübeleien darüber, wieso Sie wieder nicht zu rauschenden Festen mit zig Freunden eingeladen wurden (wir hocken hier auch zu zweit mit Hund und grämen uns nicht) oder beim Bleigießen auch dieses Jahr nichts als Sargnägel oder Pilze produzieren (so ging es mir jedenfalls immer, als ich noch mit Freunden feierte und gegen 1 Uhr nachts kochende Bleiklumpen in Wasserschüsseln schmiss) und nehmen Sie sich bitte, bitte nicht ausgerechnet heute wieder irgendwelche Dinge vor, die schon ab morgen eh nicht oder nur mit größter Anstrenung und gräßlichster Selbstgeißelung klappen und mit denen Sie sich in exakt einem Jahr, wenn Sie dann die nächste Bilanz ziehen (falls Sie zu sowas neigen sollten), nur selbst runterziehen.

Und wenn Sie heute Abend noch 9 Minuten und 15 Sekunden rumbringen müssen übrig haben und wissen möchten, wieso dieser Beitrag mit „Uijuijui“ betitelt ist, dann gucken Sie das hier:

Sollte Ihnen gerade nicht nach polterndem Lachen zumute sein, empfehle ich Ihnen diesen beschaulichen Naturfilm, der von sympathischen Laiendarstellern an der schwedischen Westküste gedreht wurde (bei einem Wind, der ebenfalls unter Uijuijui verbucht werden kann):

Ich hau‘ mich jetzt mit einem Kaltgetränk und meiner neuen Bibel auf die Couch…

Weihnachtspräsente 2019.

…sage Servus & Baba und wünsche Ihnen & Euch einen angenehmen Jahresausklang!

Die Chefredaktion.

Songs des Tages (41+42) – und ein Text zur Nacht.

Für meine kleine, treue Gefährtin zum 8. Geburtstag: Eine Trilogie.

(1)

Well, people turn their heads around
When I walk with you, baby, straight through town
You’re mine, baby, baby, you’re mine
You’re my little baby, I’m proud, baby, that you’re mine

Ja, genau: Stolz bin ich, wie am ersten Tag, dass du mein Hund bist.
Und glücklich!

 

(2)

We said we’d walk together baby come what may
That come the twilight should we lose our way
If as we’re walking a hand should slip free
I’ll wait for you
And should I fall behind
Wait for me

We swore we’d travel darlin‘ side by side
We’d help each other stay in stride
But each lover’s steps fall so differently
But I’ll wait for you
And if I should fall behind
Wait for me

…so wollen wir’s auch auf unserer zweiten Weghälfte halten.

 

(3)

Und nun lass uns hinausgehen in die Rauhnacht,
in der Du zur Welt gekommen bist,
lass uns rennen, spielen und den Mond anheulen,
so wie es schon Deine Ahnen taten!

Tacktacktack.

Die Menschheit räumt die Supermärkte leer als stünde der Ausbruch einer mehrwöchigen Katastrophe bevor, die man nur mit entsprechender Bevorratung (und selbst dann nur vielleicht) überleben kann. Da sind wir mit der recht überschaubaren Bestückung eines Kühlschranks für lediglich drei Tage und unseren Zwei-Personen-Haushalt plus Hund vergleichsweise gut dran, meine Taschen sind auch so schon schwer genug, die Schlepperei und das Aufsuchen von vier Läden reicht mir bereits vollauf.

Die Weihnachtspost fällt heuer ebenfalls übersichtlich aus. Heute purzelt nur ein einziges Kuvert durch den Briefkastenschlitz in den Flur, das müssen die Karten für eine Veranstaltung sein, die ich vorgestern bestellt habe.
Wundere mich beim Öffnen kurz über die Geschenkverpackung, die ich mir selbst eigentlich nicht dazubestellt hatte, zumindest nicht wissentlich.
Klappe das Mäppchen auf und finde drinnen nicht meine Tickets vor, sondern einen Gutschein, den ich mir definitiv nicht bestellt habe, da ich mir üblicherweise selbst keine Überraschungen beschere, denn dafür sorgt ja das Leben mit all seinen Zu- und Unfällen – da braucht man gar nix ordern, das kommt ganz von allein daher.

In all den Papieren, die in dem Geschenkumschlag stecken, muss man lange und gründlich suchen, bis man im Kleingedruckten schließlich einen Hinweis auf den noblen Gutscheinschenker findet und ohne Brille fände man ihn überhaupt nicht.

Ja sowas (ja is‘ denn heut schon Weihnachten?!?): M. spendiert 50 Öcken für meine zukünftige musikalische Erbauung und bezeichnet diese wunderbare Gabe als Dankeschön für die Bloglektüre, die er so sehr schätzen würde.
Wow, das gab’s ja noch nie, dass das Bloggen mal konkret was abwirft, also was Materielles, meine ich – ein ganz neues Gefühl!

Wenn das Schule machen würde, so denke ich einige Stunden später, als ich meine Bahnen im vorweihnachtlich leeren Schwimmbad ziehe und genüsslich Zeit habe für solche Gedankenspielchen, wenn also von den knapp 300 Followern meines Blogs auch bloß all diejenigen, die wirklich regelmäßig meine Ergüsse liken oder sogar lesen, sagen wir mal: so etwa 30 bis 40 Leserinnen und Leser, wenn die sich dazu entschließen würden, mir zu Weihnachten einen solchen Gutschein zuzusenden, und meinetwegen sogar den Betrag des heutigen Gutscheins halbieren würden, ja dann könnte ich glatt die gesamte Europatour 2020 von Mr. Springsteen begleiten und Sie könnten sicher sein: ich würde Sie zuschütten mit Konzertberichten voll lodernder Leidenschaft und lyrischer Luftsprünge, womöglich bedeutete das dann wiederum mehr traffic und mehr follower, und folglich zum nächsten Weihnachtsfeste noch mehr Gutscheine, und das brächte die Aussicht mit sich, Mr. Springsteen bis zu seinem Renteneintritt überall hin folgen zu können, was nun nicht die schlechteste Aussicht wäre, wenn ich ehrlich bin.

Aber Schluss damit – Weihnachten ist ja nicht das Fest der Gier und des Kalküls, sondern der Liebe. Und Freundschaft ist auch eine Erscheinungsform der Liebe, also danke ich M. für den Konzertgutschein, für die kontinuierliche und treue Lektüre meines Blogs und für unsere Verbundenheit über die Jahrzehnte, denn es war schließlich ein langer Weg von Richard Marx bis hierher, über 30 Jahre sind vergangen, seit wir uns so blutjung und blauäugig in Lenggries über den Weg liefen, mittlerweile betrachte ich ja solche Wegstrecken und die Tatsache, dass man sich unterwegs nie verloren hat, schon als Wert an sich.

Ach ja, falls Sie sich über den Beitragstitel wundern: das ist Schwedisch, denn nur so geht er als phonetische Analogie des vorigen Beitragstitels durch.

Nun wünsche ich Ihnen und Euch allen einen guten Rutsch in die Weihnachtstage, und ganz gleich ob Sie die nun im Großrudel oder auch allein im Körbchen verbringen, Hauptsache, Jingle bells!

(c) Dorthe Landschulz (unbedingte Empfehlung: „Ein Tag, ein Tier“)

Hier bellt noch niemand, sondern wir sammeln uns alle ein wenig, denn es stehen die Rauhnächte bevor, der Berg ruft, die dritte Matrjoschka scharrt schon mit den Hufen, Besuch aus der Hauptstadt naht und die Geburtstagsparty fürs Dackelfräulein will vorbereitet werden.

Auf bald,
Ihre/Eure Kraulquappe.

Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

Himmel der Bayern (69): Von Wallfahrten & Wallungen.

Mit dem Waldi nachmittags zweieinhalb Stunden bergauf geschnauft, auf den Wallberg. Zwar wenig winterlich, diese Tour, dafür viel besinnlicher als gedacht.

Herrliche Ruhe auf dem gesamten Weg, mit zwei Almöhis als einzige Gäste im alten Wallberghaus gesessen, in der Stubn läuft Peter Cornelius, exakt die passende Musik für Tage, an denen ich den Papa besuche. Danach anderer Austro-Pop, sogar eine österreichische (!) Coverversion von „Point blank“, die da lautet „Blattschuss“ (jo gibt’s des? vom wem is des? helft’s ma!), jedenfalls klasse – und mal wieder die Feststellung: Er ist überall!

Hinterm Setzberg spitzt die Sonne hervor, links leuchtet das Mangfallgebirge, rechts die Tiroler Berge, die heiße Schokolade schmeckt in dem Ambiente natürlich viel besser als im Tal, obwohl sie vermutlich aus schlechteren Zutaten besteht.

Kurzer Abstecher zum Gipfel, dann der obligatorische Besuch der Bergkapelle (beachten Sie die bayerische Opferkerze!), abschließend noch eine Runde auf dem Panoramaplateau gedreht (dort sogar mal ein paar Menschengrüppchen gesehen: lauter kieksende und in Turnschühchen im Schnee ausrutschende Asiaten), 900m unter uns schlummert der See in zarten Vorabendfarben.

Dann mit der Seilbahn wieder obi (mia san jetz in am Alter, wo ma des ab und zu derf).

Recht geschafft, das gestrige Spätabendschwimmen war vielleicht nicht die ideale Vorbereitung für so eine Tour. Trotzdem sehr zufrieden, aufgeräumte Grundstimmung, innerlich in guter Balance.

Die später auch vonnöten sein und auf die Probe gestellt werden wird, was ich aber in der Gondel sitzend gottseidank noch nicht ahne, womöglich wär ich sonst oben geblieben oder gleich danach heimgefahren.

Eine lange, haarsträubende Diskussion mit der Lebensgefährtin des Papas ergibt sich, über Bio-Lebensmittel, ökologische Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung, und endet beinahe in einem ähnlichen Fiasko wie wir das hier vor acht Jahren mal hatten. Ein so dermaßen dummer und bornierter Satz fiel vorhin, dass mir der Kragen platzte und ich sogar laut wurde.

Dank der heute guten inneren Verfassung hab ich – dem Papa zuliebe! – dann doch nochmal die Kurve gekriegt und dageblieben. Und ich werde sogar über Nacht bleiben.

Das Mondlicht gleitet über den Nordhang des Wallbergs und von dort direkt zu mir ins Bett. Allzu oft wird das nicht mehr so sein. Meine eh schon seltenen Nächte in diesem Haus sind gezählt. Auf dem Nachttisch liegt das Weihnachtsgeschenk des Papas, das unterschwellig dieselbe Botschaft vermittelt: beiß die Zähne zusammen, so lange du noch welche hast, und lass uns die Zeit, die uns noch bleibt, so gut es geht vergolden.

Er hat mir ein Tütchen überreicht mit allem, im Laufe der Jahrzehnte entfernten und gesammelten Altgold aus seinen Zähnen. Inklusive Brücken und anderem Zahnersatz, das hängt da halt noch so dran.

Frohe Weihnachten, sagte er und drückte mir das klackernde Tütchen in die Hand. Morbide Optik irgendwie, das sei ihm schon bewusst, kommentierte er diese Übergabe, aber ich solle mir das ja auch nicht für den Rest meines Lebens auf den Nachttisch legen, sondern zur Degussa tragen. So isser, der Papa.