Hinter Grünwald, im Isartal.

Nun könnte ich Ihnen berichten, welch absurder Szene in Sachen „Durchsetzung der Allgemeinverfügung“ ich gestern beiwohnen durfte.

Oder dass die inzwischen nachgelieferte Duschtrennwand Nr.2 wieder nicht exakt in den bestellten Maßen gefertigt wurde.

Oder dass Lolek heute nicht nur kurz, sondern einen halben Tag bei uns war, weil es ja beim Handwerk immer noch ein paar Überraschungen mehr gibt als die, die man an der Oberfläche sieht.

Oder was der von Lolek einbestellte Installateur zu dem gelblichen Vexierbild an der Wand in der Toilette sagte.

Aber all das berichte ich Ihnen lieber nicht, is ja eh nix Gscheids dabei.

Tages-Highlight heute:

Mit dröhnendem Schädel (wegen des vormittäglichen Programms und anderer Schieflagen) zum Mittagsgassi nach Grünwald ans Isarhochufer geflohen. Dort eine große Runde gedreht, durch Wald und Flur (und natürlich auch zur Isar hinunter). Kommt auf einmal der Arjen vorbeigeflügelflitzt, auf dem Rad, in kurzen Hosen und, wie immer, fast aus seinem Shirt platzend.

Ich hätte – die Heilige Corona möge mir vergeben! – trotz des Verweilverbots selbstverständlich sofort das Gespräch gesucht, zumal wegen des dem Robbenrades in die Quere sprintenden Dackelfräuleins ja sogar außer einer Bremsspur auch noch ein Blickkontakt entstand, aber leider war ich just in diesem historischen Moment zwecks Terminvereinbarung mit dem Spediteur am Telefon, der morgen Duschtrennwand Nr.1 abholen soll. Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass die Ära des Wasserschadens und Badumbaus ein für alle mal zu Ende geht!

Bewahren wir sie uns also im Herzen, diese unverhoffte Begegnung im Isartale, und merken wir uns Ort und Zeit gut, denn man wird ja wohl noch öfter einsame Routen suchen müssen, wo man sich das Hirnhämmern weglaufen und der wassersüchtigen Hundedame ihren Badespaß bieten kann.

Wie Corona den Alltag unserer Haushunde verändert.

Das Dackelfräulein entdeckt zum Beispiel gerade die Klassiker der Weltliteratur.

München sperrt zu – wir sperren auf!

Erster Tag zurück in der Stadt – und schon überschlagen sich die schlechten Nachrichten quasi im Stundentakt:

Draußen: Wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das Lieblingsschwimmbad zusperrt?! Zefix!

Drinnen: Die maßangefertigte Duschtrennwand wurde in den falschen Maßen geliefert und passt also nicht, wie Lolek heute beim Montageversuch feststellte. F***!!!

Eine coronare Lithotripsie, die all diese Unbilden effizient wegpusten könnte, ist derzeit nicht in Sicht.
Wie dem auch sei: morgen Mittag verlassen wir das Hotel und ziehen wieder in unsere Wohnung ein. Lolek lässt um 13 Uhr die Bohrmaschine sinken und schleppt die letzten Säcke Bauschutt aus dem Haus.

Sollte eine Ausgangssperre verhängt werden, möchte man ja doch lieber in den eigenen vier Wänden sein. Wo wir aber sowieso in den nächsten Tagen wären, weil die Mega-Baustelle ja ein gerüttelt Maß an Dreck hinterlassen hat und das wird dauern, bis wir das beseitigt haben.

Bis wir damit durch sind, wird die Stadtverwaltung direkt vor unserer Haustür den zweiten großen Drive-in für Corona-Tests eingerichtet haben. Muss man die Morgengassiroute wohl ein bisserl verlegen, um den hustenden Schlangen nicht zu nahe zu kommen.

Man sieht und hört nichts anderes mehr als dieses C-Wort.
Spürt ein erstes Kratzen im Hals und kommt tatsächlich ganz kurz ins Grübeln. Nimmt lieber das Auto als die U-Bahn. Wäscht sich nach dem Verlassen der Schwimmbadumkleide plötzlich die Hände.

Seit den Nachmittagsstunden habe ich so gut es geht auf selektive Wahrnehmung umgeschaltet. Versuche, zwischendurch auch mal gezielt Anderes wahrzunehmen und den erfreulichen Momenten die ihnen gebührende Beachtung zu schenken.

Draußen: Eine der wenigen harmlosen Meldungen der heutigen Tagespresse.

Drinnen: Lolek & Bolek, die dauergutgelaunten Polen im sanitären Endspurt.

Dieses Bild ist mein persönliches Highlight des Tages: so hoffnungsfroh, so heiter, so zukunftsweisend! Yeah!

Oder doch dieses hier?

Ganz im Hier und Jetzt ruhend.

Süße Tierfotos, selbst wenn sie unerlaubterweise in Hotelbetten liegende Tiere zeigen, sind ja immer Labsal fürs angefledderte Nervenkostüm.

Gute Nacht aus der Lindwurmstraße – und bleiben Sie gesund und munter!

Pfiat di, Wallberg & griaß di, Bad!

Noch eine ausgiebige Frühlingsrunde im Tegernseer Tal gedreht…

An der Weißach.

Letzter Wallbergblick.

…und dann heim und mein erstes selbstgeplantes und von Lolek schon fast verwirklichtes Bad begutachtet, gemeinsam in der Wanne stehend noch die weiteren Montagen und Details besprochen, und am Samstag ist’s wohl tatsächlich soweit fertig…

Lolek hat ganze Arbeit geleistet.

…und dann ab ins Hotel um die Ecke, dort den Gatten kurz wiedergesehen, gemeinsam im letzten Exil eingerichtet…

Jung? Helden? Gute Nacht!

…und dann muss der Gatte auch schon wieder weiter zu einem Arbeitstreff und das Fräulein und ich schlurfen müde zum Stammlokal und versumpfen dort mit dem Monaco Sprizz.

Tiefenentspannter Teckel in seinem Stammbeisl.

Drücken Sie uns die Daumen, dass das alles nun wirklich übermorgen vorbei ist, diese Ära der Wasserschäden, Provisorien, Baustellen und Exile.

Katharsistag.

Kennen Sie den Unterschied zwischen Schwindeln und Lügen? Nein?!? Na, dann lassen Sie sich’s kurz erklären. Ist auch gar nicht kompliziert.

Als ich klein war und die Mutter mich ständig mit ihrem strikten Moralsystem traktierte und jeden Verstoß dagegen hart sanktionierte („Pass bloß auf, sonst fällt der Watschnbaum um!“), nahm der Papa mich eines Tages beiseite und erklärte mir, dass es nicht immer ein Verbrechen sei, wenn man nicht die Wahrheit sagen würde.

Dass es nämlich unterschiedliche Kategorien von Unwahrheiten gäbe: schlimme Lügen und harmlose Schwindeleien. Erstere seien dadurch gekennzeichnet, dass anderen durch die Lüge etwas genommen würde oder sie dadurch, dass man ihnen die Wahrheit vorenthielte, einen Schaden erlitten – das müsse ich unbedingt vermeiden, das sei unfair und feige. Die andere Kategorie seien Schwindeleien, die streng genommen zwar auch nicht der Wahrheit entsprächen, aber unterm Strich niemandem schaden oder um etwas betrügen würden.

Schwindeln, so sagte er mir, sei ab und zu erlaubt, weil es nun mal Situationen gäbe, in denen es mehr Unruhe oder Verwirrung stiften würde, wenn man reinen und aufrichtigen Klartext spräche, als wenn man sein Gegenüber ein klein wenig anschwindeln würde. Niemand wäre verletzt, niemand um irgendetwas gebracht. Manchmal sei Schwindeln ein soziales Schmiermittel, das unnötige Reibereien, Streitereien oder Eskalationen zu vermeiden helfe (und z.B. auch den Watschnbaum in Ruhe dort stehen ließe, wo er eben stand). Gelegentlich sei es also in Ordnung, sich in heiklen, aber letztlich harmlosen Gemengelagen einer Schwindelei zu bedienen.

*****

Heute Morgen erwache ich mit einer seltenen Klarheit: Am heutigen Mittwoch, meinem letzten, ganzen Tag hier im Wasserschadensanierungsexil, würde ich mir nur Gutes tun und mir nichts zumuten, das mir nicht gut täte.

Eine Art Katharsis ist nötig. Um mich zu befreien und zu reinigen von den unguten Einflüssen und Erlebnissen der letzten zwei Wochen. Um morgen einigermaßen aufgeräumt heimwärts zu fahren, in die Corona-Hauptstadt. Um gewappnet zu sein für die nächste Etappe der heimischen Baustelle, die da hoffentlich Fertigstellung (und Großputz) lauten würde.

Diese Klarheit verstärkt sich noch, als G., die Lebensgefährtin des Papas, zum 9. Mal in Folge bemeckert, dass ich mir morgens schon wieder eine Breze und für den Papa seine beiden Lieblingssemmeln vom Bäcker geholt habe. Jeden Abend fragte ich G., ob sie am nächsten Morgen auch eine frische Semmel möchte, jedesmal lehnte sie ab: „Ich kann genauso gut ein Brot essen!“.

Ja gut, dann halt nicht, aber dann motz‘ auch nicht, wenn andere sich mit Genuss auf die frischen Backwaren stürzen.

Nach einem eher kurzen Arbeitsvormittag packe ich den Rucksack und das Dackelfräulein und fahre rüber nach Wiessee.

Durchs Söllbachtal wandern wir hoch zur Aueralm. Frühlingshafte Temperaturen zunächst, weiter oben plötzlich dunkle Wolken und wüste Föhnwinde – und zu des Fräuleins Freude noch etwas Restschnee (die weiße Pracht vom vergangenen Wochenende hat es gestern und vorgestern weitgehend zerregnet).

Die 500 Höhenmeter zur Aueralm hinauf empfinde ich ja sonst eher als eine wenig alpine und sportliche Herausforderung, nicht so heute. Die Oberschenkel noch immer dermaßen schwer von den beiden Tiefschneetouren – öha! Aber ging dann schon, halt etwas geruhsamer.

Die herzogliche Hopfenflagge vor der Hütte hat unter den Stürmen der letzten Wochen offensichtlich etwas gelitten (ich fühle mich eigentlich genau wie diese zerfledderte Fahne, schießt es mir durch den Kopf):

Unser Stammplätzchen in der Almstube ist gottseidank frei, die Eckbank am Kachelofen…

…und die Wirtin hat grad frische Dampfnudeln gemacht. Dampfnudeln können so eine Katharsis ja enorm befördern.

Erst denkt man zwar „Boah, das schaff ich nie!“, aber dann passt’s doch prima rein in den hungrigen Wanst und macht noch dazu richtig glücklich (also mich: weil ich liebe warme, fluffige Hefeteigteile, pur und ohne was drin) und hinab kann man sich ja eh fast kullern lassen.

*****

Die Sonne lässt sich nachmittags auch noch blicken und auf der Rückfahrt halte ich deshalb kurz am Bootsanleger an, gucke einfach ein paar Minuten aufs Wasser hinaus, denke an H., die hier einst im Brautkleid an Land ging, und fasse den Beschluss, sie diesen Frühsommer nun endlich mal am Zürichsee zu besuchen.

Das Fräulein kruschelt derweil am Ufer herum, verpasst mir aber bald einen Stupser an die Wade, denn es geht auf 16 Uhr zu, und da ist Wanderwaldifütterungszeit!

Beim Papa angekommen höre ich G. schon lautstark im Wohnzimmer lamentieren, als ich von der Tiefgarage aus das Haus betrete.

Sie hält sich weder mit Begrüßungen noch Nachfragen zu meiner Tour auf, sondern trötet unmittelbar ihren Ärger heraus: Einer ihrer Söhne hat gerade kundgetan, dass sie von der für demnächst vereinbarten Enkelbetreuung coronabedingt entbunden sei, im Kindergarten gäbe es da wen…, und überhaupt.

In der Küche brodelt Billigbrühe in einem großen Topf und verpestet das ganze Erdgeschoss und daneben liegt ein großer Brocken Fleisch, über dessen Herkunft ich keine Fragen stellen werde.

Ob ich nicht doch zum Abendessen bliebe? Ob ich nicht doch was von ihrem Tafelspitz wolle? Ob ich nicht den letzten Abend besser hier verbringen würde? Ob ich dem Freund nicht absagen könne? Es sei so ein großes Stück Rind, das der Papa und sie kaum zu zweit schaffen würden, es war halt bei Lidl im Angebot, da habe sie zuschlagen müssen.

„Nein“, antworte ich, „ich werde nicht hier zu Abend essen, der Freund erwartet mich in Tölz im Brauhaus.“

Ich verkünde diese Schwindelei ohne rot zu werden und ohne zu stammeln, sondern mit völlig ruhiger, fester Stimme.

*****

Der Freund, mit dem ich heute angeblich in Tölz zum Essen verabredet bin, bin ich selbst. Das Tölzer Brauhaus, das 30 Minuten Fahrzeit bedeutet hätte, ist in Wirklichkeit das Gut Kaltenbrunn, zu dem ich nur halb so lang brauche.

So gönne ich mir nun auch noch abends drei Stunden Auszeit, komplett erschwindelt zwar, aber es schadet niemandem, nicht mal dem Rind im Kochtopf, das ja eh schon tot ist, aber ich, ich brauche das heute, um zu leben, um mit mir das Ende dieses Exils zu feiern, um mich zu belohnen, dass ich das durchgehalten habe, dass ich, vor allem dem Papa zuliebe, den großen Krach samt Abreise vermieden habe (und ein ehrlicher Satz wie „Ich muss mich heute dringend nochmal ganztags von G. und ihrem Geplärre erholen und stundenlang alleine in einem schönen Lokal sitzen und mich an der Ruhe freuen!“ hätte diesen eh so labilen Burgfrieden mit Sicherheit gehörig gefährdet).

Der heutige Abend gehört mir. Ich esse in Ruhe, ich sitze in Ruhe, ich habe meine Ruhe. Ich gucke aus dem Fenster auf den See, am gegenüberliegenden Ufer funkeln die Lichter von Rottach-Egern.

So aus gebührendem Abstand betrachtet sieht das ja alles so friedlich aus, so idyllisch, so pittoresk.

Und nach einem Mondino Amaro meint man ja beinahe, man wäre als Urlauberin hier gewesen, in diesem voralpenländischen Paradies.

Song des Tages (48).

This is International Women’s Day 2020 in Bavaria.

This is one of the three hiking girls.

 

And this is Patti.

Thanks to all the wonderful women in my life and in the mountains!

Alpine Abend-Meditation in Weiß.

Für die Puristen unter Ihnen ein paar Impressionen:

Für die Cineasten unter Ihnen ein Vierteiler:

1. Hinauf

2. Hinein

3. Hin & weg

4. Hinab

ad 1.) Hinweis für besorgte Tier- und Naturfreunde: Was Sie dort hören ist weder ein asthmatischer Schneekauz noch der raue Bergwind in den sturmgebeutelten Fichten, sondern bloß das Geräusch eines dem Hund hinterhechelnden Menschen.

ad 3.) Hinweis für besorgte Pädagogen: Ja genau, wenigstens Sie hören richtig! 8 Jahre Erziehungsarbeit – und der Köter macht immer noch oft genug, was er will, wo er will und so lange er will.

Für diejenigen von Ihnen, denen das Wort lieber ist als das Bild:

Vier Stunden tolle Winter-Bergtour (auf teils selbstgespurten Pfaden), kaum was los wegen des Mistwetters (Dauerschneefall im Tegernseer Tal), das Dackelfräulein so ausgelassen und flott voraus wie lang nicht mehr (und anderthalb teckeltief im Pulverschnee versunken), die Hütte offen und ein kuschlig warmer Platz am Ofen (und halbe Portionen machen sie einem dort auch), äußerst nette Gesellschaft (aus der Steiermark) und sehr viel Ruhe (und die G. weit weg, drunten im Tal).

Kann man jetzt nicht meckern. Endlich mal wieder ein wirklich guter Tag.
Und wer hätte das gedacht, dass der Winter zum Abschied nochmal so gekonnt salutiert!

Mit besonders herzlichen Grüßen an D., die mir heut in München die Baustellen-Kontrolle und das Blumengießen abgenommen und mir die Fahrt erspart hat sowie an B., für die ich heut extra viele Fliegende-Öhrchen-Filme gedreht habe 😉 & Ihnen allen ein erfreuliches restliches Wochenende!

Fräulein Pippas Gespür für Gemütlichkeit.

Frau Kraulquappes seltsamer Durst & Flaschenwärmer.

Himmel der Bayern (73): Der Blick aus dem Fenster und das Wort zum Samstag.

Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist (was ja für vieles gilt, und eben auch für den Winter):

Der Wallberg versteckt sich heute hinter einem dichten Schneevorhang, der Star sucht im Garten verzweifelt nach Frühstück…

… und das Wort zum Samstag schickt Ihnen heute das Dackelfräulein, das sich eh viel besser kurz fassen kann als ich und den Sachverhalt trotzdem manchmal sogar besser auf den Punkt bringt:

Mountainview with a Star.

Das Dackelfräulein liegt im Sessel vom Papa und schläft, der Papa und ich sitzen am großen Esstisch und schweigen. Er liest Zeitung, ich arbeite am Laptop.

Es ist still im Haus, wir genießen das. Obwohl wir im Moment auch nicht reden könnten, selbst wenn wir wollten, weil der Papa für die nächsten Stunden Ober- und Unterkiefer aufeinanderpressen muss, damit die Tamponade die Wunde, die durch den vorhin gezogenen Backenzahn entstanden ist, desinfiziert und beruhigt.

Dass dem Papa heute beim ersten Biss in die Morgensemmel ein Backenzahn zerbrochen ist, passt wie die Faust aufs Auge: damit hat er sich als Erster erfolgreich aus der Affäre gezogen. Ein möglicher Diskutant weniger heute Abend, das könnte die Lage verschärfen.

Ohnehin darf mit Spannung erwartet werden, was als nächstes passiert, hier im Hause am Fuße des Wallbergs.

*****

Meine Arbeit geht nur schleppend voran, die Worte flutschen nicht, geschweige denn dass ein roter Faden für die Geschichte in Sicht wäre. Überhaupt schleppe ich mich eher etwas beschwerlich durch die Tage als dass ich leichtfüßig durch sie hindurchtänzelte.

Nach nur 48 Stunden im Exil ist gestern Abend ein erster Tiefpunkt erreicht. Innerlich kurz vor Abreise, äußerlich kurz vor Losbrüllen.

Die Lebensgefährtin des Papas, künftig G. genannt (G., wie das Großbürgerliche Grauen), entwickelt mit voranschreitendem Älterwerden verstärkt keifende, missmutige Züge. Früher war sie einfach nur laut und nervig, jetzt ist sie laut, keifend, miesepetrig und nervig.

Man möchte es kaum für möglich halten, was während eines lieben langen Tages so alles „falsch“ sein, Kopfschütteln und Kritik auslösen kann.
Nichts an mir scheint zu passen, nahezu jede Banalität ist ein Grunzen, Gemecker oder einen Kommentar wert.

– Wie kann man nur ständig zum Frühstück eine Breze essen? (Weil es mir schmeckt.)
– Warum hast du deine eigene Marmelade dabei, hier gibt’s doch auch welche? (Weil ich lieber eine nicht so überzuckerte Marmelade esse.)
– Was ist denn das für ein komisches Müsli? (Eines aus dem Bioladen, das ich mir von daheim mitgebracht habe.)
– Wieso nimmst du keine H-Milch in den Kaffee? (Weil ich H-Milch hasse.)
– Warum hast du dein eigenes Waschpulver dabei? (Weil ich diese süßlich stinkenden Waschmittel nicht riechen kann.)
– Wie kann man nur bei Nieselregen zum Laufen gehen? (Weil ich mich gern bewege und froh bin, dich dann eine Stunde weniger sehen oder hören zu müssen.)
– Wozu brauchst du den Staubsauger, das Studio wurde gesaugt bevor ihr kamt? (Weil wir nun den 6. Tag dort oben mit Hund wohnen und es gern sauber haben.)
– Warum nimmst du denn nicht meine Rinderbrühe für dein Risotto? (Weil ich diesen Glutamat-Hefeextrakt-Schrott niemals zum Kochen verwenden würde und in mein Gemüse(!)risotto prinzipiell keine Rinder(!)brühe reinkommt.)
– Wie unnötig, den Fenchel so kleinzuschneiden, das ist ja viel zu viel Arbeit! (Wer kocht heute? Du oder ich?)
– Warum presst du dir zwei Orangen aus, wir nehmen jeder nur eine? (Wo ist das Problem? Hab mir ein ganzes Netz voller Orangen mitgebracht und teile es gern mit euch.)
– Was soll jetzt an deinen Bio-Eiern besser sein, die sehen doch genauso aus wie meine? (Ist mir zu blöd, wir diskutierten das bereits, ergebnislos.)
– Warum muss dieser Hund so ein Luxusfutter bekommen, das vom Lidl ist doch viel billiger? (Halt die Fresse.)

Die Antworten in Klammern habe ich übrigens fast allesamt so nicht gegeben, sondern sie mir nur gedacht, denn G. kommt mühelos auch ohne Antworten klar, weil ihr Gekeife sowieso nicht als Einladung zum Gespräch, als ernsthaft interessierte Nachfrage oder gar Verstehenwollen gemeint ist.

Gestern Abend verheddern wir uns zu dritt im Thema „Was kochen und essen wir die nächsten Tage“. Wir wollten uns mit dem Kochen abwechseln, mal ich, mal die beiden, so war’s abgemacht. Das Abendessen ist die einzige, längere gemeinsame Zeit am Tag, was auch gut so ist, denn es kommen ja eh täglich noch kurze Begegnungen im Haus dazu, die sich durchaus summieren.

Der Papa schlägt ein Gericht vor, fragt mich, ob ich darauf Lust hätte. Ich verneine höflich. Wir wollen gerade gemeinsam weitere Ideen wälzen, da grätscht G. dazwischen. Was mir denn nun an dem Vorschlag nicht passe und wieso wir das nicht essen könnten und wieso der Papa sich schon wieder weichkochen lasse von mir und auf diese Sonderwünsche einginge. Der Papa wehrt sich und meint, ich müsse hier nichts essen, was mir nicht schmecke, ganz einfach, und es gäbe schließlich noch genug andere Rezepte, und wir hätten uns bislang immer auf was einigen können.
G. grunzt grantig und zieht die Mundwinkel hinunter bis zu den Armlehnen des Sofas, auf dem sie hockt.
Ich schlage vor, dass die beiden sich dieses Gericht doch ruhig kochen sollen und ich dann einfach nur von den Beilagen esse, mit denen ich völlig zufrieden bin, und betone zum x-ten Mal, dass ich eh nur selten Fleisch esse und wenn, dann eben nur ausgewähltes und ich aber nicht erwarte, dass sie das auch so handhaben. Als ich versöhnlich ein „Jeder darf doch hier essen, was ihm schmeckt und behagt“ ans Ende dieser unseligen Debatte setzen will, eskaliert das Gekeife: mir würde ja nichts schmecken und behagen und man sähe das ja schon an diesem Luxushundefutter, wie seltsam es um meinen Geschmack bestellt sei.
Daraufhin explodiert erst der Papa („Jetzt gönn doch dem Hund sein Futter!“), danach ich (sage: „Warum hast du eigentlich an allem, was ich esse, etwas auszusetzen?“ und denke: „Ich feinde dich doch auch nicht an, weil du dir diese gruselige, ranzige Kondensmilch in deinen Kaffee kippst!“).

*****

Ich sag’s Ihnen: Patchwork-Familien sind ein Traum! Und Dreierkonstellationen ebenso. Mit beidem habe ich zwar langjährige Übung, aber die hat offenbar nicht das Geringste gebracht. Das mit G. und mir, das funktioniert einfach nicht, obwohl ich mir schon vor drei Wochen eine Haltung zu diesem Wasserschaden-Exil-Aufenthalt hier zugelegt hatte (oder es zumindest versucht habe) – aber mehr als Duldung ist nicht drin, erstaunlich, dass nun offenbar nicht mal die gelingt, und ich überlege, ob G. mich wohl hier rausekeln möchte oder ob ich eher als Ventil für ihren angestauten Frust über den Papa fungiere.
Der macht ihr nämlich auch nichts mehr recht, es ist ein ständiges Widersprechen und Dagegenhalten und Herummosern.
Seine Parkinsonerkrankung wirkt in diesem Lichte wie eine Reflexion des Status quo seiner Lebensgemeinschaft mit G. – alles wird zusehends regloser und starrer, dem einen hängt eine ganze Körperhälfte herab, dem anderen die Mundwinkel. Deprimierend ist das.

Ich hätte heute Vormittag, während G. sich mit ihren saturierten, verwitweten Canasta- und Tennis-Tanten zum freitäglichen Tratsch im Café trifft, den Papa mal drauf ansprechen wollen, denn mehr als ein paar verbundene, gequälte Blicke haben wir über diese Sache noch nicht austauschen können. Nun darf er aber wegen seines Besuchs beim Dentisten nicht sprechen und letztlich bin ich im Augenblick auch froh um jede weitere Anstrengung, die mir erspart bleibt.

Vielleicht später, wenn G. beim Friseur ist. Oder beim Abendessen, wenn sie dabei ist und sich gerade darüber grämt, dass ihr mein Risotto hervorragend mundet und es darüber nichts zu meckern gibt außer der Ungeheuerlichkeit, dass die Küche schon vor dem Essen weitgehend wieder aufgeräumt ist („so zwanghaft wie dein Vater!“).

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Der Morgenblick aus dem Dachfenster kann hier leider nicht immer halten, was er verspricht. Obwohl der wirklich schön ist.

Und obwohl er sogar noch von einem Star gekrönt wird, der jeden Morgen auf dem Dachgiebel des Nachbarhauses sitzt und den zur Neige gehenden Winter und den nahenden Frühling bezwitschert.

Da logiert man nun in einer Gegend, in der andere Urlaub machen, sich zur Kur aufhalten, Hochzeiten feiern oder ihre Seelen baumeln lassen, und ist ansatzweise schon wieder auf der Flucht: nun nicht mehr vor den Bauarbeiten daheim in München, sondern vor den bad vibrations einer Endsiebzigerin.

Es gibt natürlich Garstigeres als täglich drei bis fünf Stunden das Tegernseer Tal oder die hiesige Bergwelt zu durchstreifen, aber es gäbe eben auch was zu Arbeiten, wozu man mal einige Stunden Ruhe am Stück bräuchte und eine dem Arbeitsprozess zuträgliche häusliche Umgebung.

Versucht man’s dann in einem Café am See, in das man Dackelfräulein und Laptop mitnimmt, wird auch nichts draus. Man hat – als ahnungslose Zugroaste – aus Versehen den Lieblingsplatz zweier Spezls aus dem Dorf erwischt, die genau dort für ihren Männerplausch zu sitzen belieben.

Weil die beiden einen aber nicht auch noch in die Flucht schlagen wollen, setzen sie sich einfach dazu und der eine stürzt sich gleich auf Pippa („i hob amoi so oan ghobt, der is ma vui z’friah gstorbn“), der andere auf mich: „Sagen Sie, dürfte ich Ihnen ein Gedicht vortragen, das ich über den Tegernsee geschrieben habe? Mich würde interessieren, wie das auf eine junge Frau wirkt!“.
Ich schmunzle über das Attribut „jung“, kommentiere es und werde belehrt, dass ich aus seiner Warte (er ist 84 und ein paar zerquetschte, wie er sagt) sehr wohl „jung“ bin. Alles eine Frage der Perspektive.

Es wird dann ein netter, herzlicher, interessanter, inspirierender und ausgesprochen anregender Nachmittag mit den beiden Herren, ein Theologe und ein Onkologe übrigens.

Sie spendieren eine Runde Gebäck und Trüffel aus der Vitrine („in unserem Alter muss man die Feste feiern, wie sie fallen!“), wir sprechen über Gott und die Welt, über Berg und Tal, über Leben und Tod. Werden wir die Tage wohl fortsetzen, haben ja auch noch nicht von allen 25 Trüffelsorten gekostet.

Wieder nicht zum Arbeiten gekommen.
Dafür gut getrüffelt und gelaunt mit dem Fräulein am Seeufer heimwärts geschlurft.

Sie sehen, ich bin in allerbester Gesellschaft.
Sollten Sie erstmal nichts mehr von mir hören, müssen Sie sich keine Sorgen machen: der Onkologe wirkt auch mit seinen über 80 Jahren noch wie ein kompetenter und hellwacher Arzt und der Theologe hat sogar schon Reden für Seebestattungen verfasst.

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Song des Tages (47).

Gestern noch ziemlicher Trubel in der Wohnung: Lolek und Bolek sind auf die ersten gravierenderen Probleme gestoßen (ich erspare Ihnen die Details). Weder Franek noch Miroslav, die flugs hinzugezogen werden, können wirklich helfen. Also ein bisserl umdisponieren hier und dort, den Vermieter anrufen, den Hausmeister verständigen usw.
Wurscht. So ist Handwerk, das ist Baustelle. Ich hatte damit gerechnet.
Als ich mich vom Acker mache, hat Lolek wieder alles im Griff.

Punkt 17 Uhr sitze ich in einem Ledersessel, lasse mir von einem coolen, langhaarigen Kerl den Kopf kraulen und eine Stunde später steige ich mit dem frisch gekürzten Kurzhaarschnitt todmüde ins Auto (drei Nächte in Folge beschissen geschlafen), 52 Minuten drauf lasse ich mich beim Papa in den nächsten Ledersessel fallen (und die Lebensgefährtin dröhnt in meinen Ohren).
Früh zu Bett, weil fix und fertig, und wirklich jedes Geräusch zu laut.

Erster Morgenblick aus dem Fenster: Neuschnee.
Nicht nur oben auf dem Wallberg, sondern auch unten im Garten. Toll!
Leider wieder schlecht geschlafen, daher doch nicht ganz so toll, der Schnee. Auf dem Weg zum Bäcker (beste Landbrezen ever!) fast auf die Fresse gefallen und das lag nicht etwa am Hund, der an der Leine gezerrt hätte, denn der Hund zerrt beim Morgengassi nur in eine Richtung: heimwärts, wo der Napf steht.
Ich bin einfach unausgeschlafen, gerädert, auch nervlich ein bisserl derangiert und daher wacklig auf den Beinen.

Vormittags alles ausgepackt, mich eingerichtet, fürs Abendessen eingekauft, alle Geräte mit dem WLAN verbunden, dem Papa am PC geholfen (heute: „Wie stornier‘ ich eine Bestellung bei Amazon“ und „Wie geht das mit den neuen QR-Codes beim Online-Banking“). Schwupps ist der Vormittag rum, die türkische Zugehfrau schellt an der Tür und traut sich kaum ins Haus rein, weil ein Dackelfräulein freudig wedelnd im Flur steht.
Ich flüchte. Ist sowieso Zeit für die Hunderunde.

Rüber nach Kreuth, wo’s ollawei an Schnee hod, mehr als in den see-nahen Orten des Tegernseer Tals, die Stiefel geschnürt und los. Die momentan hormongebeutelte, streckenweise lethargische Hundemadame taut plötzlich auf, hat Lust zu hüpfen und zu graben (doch, Schnee ist schon was Tolles!) und ist sogar zu kleinen Spielchen aufgelegt.

Reiße ich mich also zusammen, dem Hund zuliebe, und mache aus der mittellangen doch eine große Runde, gute zehn Kilometer werden’s (und danach hat man wenigstens allen Grund, sich wieder hinzulegen, ein Stünderl wenigstens, bis man wieder aufsteht und die ganze Familie bekocht, so zum Auftakt und Dank für die Zeit des Asyls).

Unterwegs im Schnee und bei guter Luft endlich zur Ruhe und auch mal wieder zum Denken (einem, das über den Fliesenrand hinausgeht) gekommen, und als wir das Schild nach Siebenhütten passieren, spontan auch zum Dichten.

Manchmal betrittst die Wohnung lieber ohne Blick
Manchmal wünschst dir nur ein ruhig’s Zuhaus‘ zum Glück
Manchmal bricht des Nachbarn Rohr im Nu
Manchmal gießt s’Schicksal dir die Bude völlig zu

Manchmal fühlst dich alt und manchmal greis
Manchmal weißt auch kaum mehr wie du heißt
Meistens bist sogar schon mittags müd
Doch dann fährst du los mit deinem Jeep

Hoch nach Siebenhütten musst du gehn
Sieben dunkle Wochen übersteh’n
Siebzig Jahre lang wirst Mieter sein
Drunt in Minga kriagst koa Eigenheim

Und hier haben Sie den Ton dazu, nicht den Originalton, sondern den vom bayrisch-rumänischen Bruce-Springsteen-Pseudo-Plagiat:

Nach Siebenhütten noch ein Stück Richtung Schildenstein und Halserspitz hinauf, aber ohne Stöcke und Grödeln alsbald vernünftigerweise umgedreht und wieder hinab, an der Herzoglichen Fischzucht vorbei und hinüber nach Wildbad Kreuth.

Unterwegs begegnet einem die Herzogin höchstselbst in Begleitung ihres Jagdteckels (beide in den gleichen Loden gehüllt, beide dennoch eher von zerrupfter Optik), der Rüde verliebt sich sofort ins Fräulein, aber das will lieber den edlen Gebirgsschweißhund im nahegelegenen Gasthaus besuchen und vor lauter Schneegestapfe ist ihr der dann plötzlich auch einerlei (nicht so umgekehrt).

Erst als ich die Speisekarte zuklappe, check‘ ich das plötzlich, wo ich hier eigentlich gelandet bin, und dass es ja kaum einen passenderen Platz geben könnte für einen herzoglich-nachmittäglichen Windbeutel, der die gebeutelte Person, die ihn bestellt, also mich!, wieder aufpäppelt, während Lolek daheim in München die marode Sanitärzelle umbaut.

So begibt man sich vielleicht unbewusst auf genau jene Wege und an jene Orte, die das Alte abzuschließen helfen, es unter einer dicken SahneSchneeschicht begraben und den Blick aufs Neue, Kommende, Zukünftige freimachen.