Sozialtraining im Landkreis STA.

Fährt man für ein paar Sonnenuntergangsfotos, die man für den nächsten Magazinbeitrag braucht, zur Abendstunde nochmal raus an den noblen See.

Schloss Berg, Dampfersteg, Votivkapelle, Schlosspark – und natürlich die Stelle, wo der Kini ins Wasser ging.

Das Dackelfräulein macht dort, wo sie als Model gefragt ist, recht gut mit.
Alles bestens also, nach einer guten Stunde sind die Fotos im Kasten. Zur Belohnung noch ein neues Wegerl: hoch in den oberen Ortsteil, über einen steilen Waldpfad. Sehr lauschig, noch nie dort gewesen, man tendiert ja immer nur zum Seeufer. Ein bisserl durch den Ort spaziert, ein Haus schöner als das andere, keine Bausünden im Toskana-Stil oder pseudo-griechische Säulen auf der Veranda. Der 911er steht hier heroben eher etwas versteckt hinter der Thujenhecke anstatt protzig mitten vorm Haus.

Weil nix los ist, läuft das Fräulein schon den ganzen Abend friedlich ohne Leine vor sich hin. Auch dort oben im Wohngebiet.
Bis sie dann den klopsigen Garfield dummerweise eine Sekunde vor mir entdeckt, wie er da bräsig in einer Einfahrt hockt und sich putzt. Was er dann sehr schnell bleiben lässt, als Pippa mit Vollgas und sirenenartigem Spurlautgeheul auf ihn zuprescht. Er flüchtet, so gut das halt in seiner Gewichtsklasse geht, durch ein offenes Gartentor in den dahinter liegenden Garten. Pippa hinterher. Und ich ebenfalls.

In einem fremden Garten zwischen Rhododendren stehend höre ich in einiger Entfernung meinen Hund wild jaulen. Renne dann durch den weitläufigen Garten, immer dem Gejaule nach, am Springbrunnen vorbei, am Gewächshaus vorbei, am japanischen Steingarten vorbei – bis ich vor einer Terrasse stehe.
Die Schiebetüren der idyllischen Villa stehen sperrangelweit offen. Drinnen sitzt bzw. saß ein gediegenes Paar beim abendlichen Glas Rotwein.
Garfield hat sich auf seinen Katzenbaum gerettet. Das Dackelfräulein steht davor und bellt, was das Zeug hält (und denken Sie bloß nicht, dass ein Dackel bellen würde wie andere kleine Hunde bellen, so blechbüchsenartig und hell und nicht weiter ernstzunehmen – nein, der Dackel hat eine Stimme wie ein Großer und er/sie fühlt sich auch so).

Was tun?
– Natürlich beherzt diese perfekte Gelegenheit für ein spontanes Sozialtraining ergreifen, sowas bietet sich an einem gewöhnlichen Dienstagabend um 21:23 Uhr ja eher selten!
Festen Schrittes und erhobenen Hauptes die Terrasse betreten, sich die vom Sprint etwas verrutschten Klamotten und die Frisur richten, andeutungsweise an die Glastür klopfen (die ja eh offen ist und man wurde ja eh längst gesehen, weil der Bewegungsmelder die gesamte Terrasse justament ausleuchtet wie eine Bühne), und freundlichst fragen, ob man hineinkommen dürfe, ja vielleicht gar solle.

Das ältere Paar übernimmt ebenso spontan die Gastgeberrolle wie ich die des Überraschungsbesuchs und bittet mich ohne Umschweife hinein.
Ich trete ein, gehe an der blütenweißen, ledernen Rolf-Benz-Eckcouch, vor der die beiden zur Begrüßung des Dackelfräuleins aufgesprungenen Eheleute etwas aufgeregt stehen und mit den Armen herumfuchteln, vorbei und tappe vorsichtig mit meinen Trekkingsandalen über das französische Eichenparkett in die hintere Ecke des riesigen Raumes, wo der Katzenbaum steht – und wo es so laut ist.

Es geziemt sich leider nicht, in solchen Momenten die Kamera zu zücken, um dies seltene Schauspiel festzuhalten, sondern sofortiges Handeln ist angesagt.
Hund zusammenstauchen, in möglichst distinguierter Wortwahl, versteht sich – man ist ja schließlich bei besseren Leuten eingekehrt -, Hund anleinen, dem dicken, fauchenden Kater ein paar tröstende Bemerkungen zurufen, sich dann mit dem angeleinten Hund umgehend wieder Richtung Terrasse bewegen.
Währenddessen mehrfaches Exkulpieren bei den Hausherren. Die das gottseidank locker nehmen und sich bereits an einem etwas gequälten Lächeln und ein paar lockeren Kommentaren versuchen: „kein Problem“ – „kann ja mal vorkommen“ – „ein Einbrecher wäre unangenehmer“ – „ist ja eigentlich ein recht hübscher Dackel“.

Wir danken Garfield und den Bewohnern der schönen Hütte in der Bäckerstraße in Berg für das gemeinsam erfolgreich absolvierte Sozialtraining und wünschen allseits eine gute Nacht!

Himmel der Bayern (58): Endlich Sommer.

Die Bauern wissen’s wia die Städter:
Im Juni werd des Wetter netter.

In einer kurzen Regenpause oder: Hey, where did we go?

Dieser kleine Hund…
Was für eine Lebensfreude! Was für eine Lust zu spielen und sich zu bewegen!

Da kann man sich echt eine Scheibe von abschneiden.

(Gleich danach im Freibad gewesen, bei 11°C, im Wasser also deutlich wärmer als draußen. Regen prasselt auf den Rücken, leer isses im Becken. So lässt sich’s entspannt Kraulen, ohne Aufschauenmüssen, zwei Kilometer völlig ungestört, wirklich schön. Und trotzdem sehnt man sich nach dem Sommer.)

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping
In the misty morning fog with
Our, our hearts a-thumping
And you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl!

Sometime I’m overcome thinking about
Making love in the green grass
Behind the stadium
With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Hund haben (16).

Wie könnte ein Dienstag schöner beginnen!?

Direkt aus dem Nachthemd in die Regenmontur gestiegen. Hund liegt noch im Bett, hebt ein Augenlid und guckt einen ungläubig an. Man fragt dann höflich, ob er, resp. sie, einen freundlicherweise begleiten würde, weil man unbändige Lust hätte, einen schönen Morgenspaziergang zu machen. Hund gähnt, räkelt und erhebt sich, dehnt sich ausgiebig und fällt beim Zweitgähnen seitlich um. Offenbar keine Lust.
Bevor man in der Ganzkörpergoretexhülle zu schwitzen beginnt, beschleunigt man das Ganze etwas, hebt den Hund aus dem Bett und trägt ihn zur Wohnungstür, legt ihm das Halsband an, was nicht so einfach ist, weil der Hund sich schon wieder zur Seite umfallen lässt. Dann steigt man in die wasserdichten Schuhe und verlässt die Wohnung, schiebt den Hund aus der Wohnung raus ins Treppenhaus. Hund sitzt nun wie ein Pflock auf dem Fußabstreifer und guckt einen groß an, schlurft nach dem dritten Rufen gnädig zum Aufzug rüber, der uns nach unten befördert.

Draußen dann zwei Meter durch die Pfützen gestakst. Igitt. Wie ungemütlich, das alles. Schnüffeln an den unteren Ästchen der Hecke vorgetäuscht (worum es eigentlich geht: unter der Hecke liegt ein aufgeweichtes Stück Breze). Erster kleiner Disput.

Zweiter Disput hundert Meter weiter, als – noch vor dem ersten Morgengeschäft – der asoziale Husky im Dackelterritorium aufkreuzt und das Fräulein vor lauter Wut abhebt (kennen Sie das: wenn sich der Hund bellenderweise so echauffiert, dass er vor lauter Bellen ein kleines Stück vom Boden abhebt?).

Dritter Disput drüben auf der Allee: Unterschiedliche Interpretations- und Umgehensweise mit einem halbleeren Pizzakarton, der unter einer Parkbank liegt.
Stimmung droht zu kippen. Der nette Beagle von Hausnummer 30 rettet die Situation. Große Begrüßung, Schwanzwedeln, Spielversuch mitten im Batz. Gute Sache – lockert den morgenmüden Körper, was den Geschäftsvorgängen dann sehr zuträglich ist.

Nach 7 Minuten wieder daheim, trotzdem triefnass und dreckig. Im Treppenhaus aus den Regenklamotten schälen, an der Tür den graubraune Sauce tropfenden Hund ins Handtuch wickeln und dem Gatten in den Arm drücken – ab in die Wanne.

Dezente Vorfreude auf weitere 48 Stunden bei ebendieser Wetterlage (nur ohne Duschassistenz).

Und die bange Frage, ob der Wonnemonat Mai wenigstens noch einen foto-freundlichen Tag beinhalten wird, da man allmählich dringend das Bildmaterial braucht für den nächsten euphemistischen Artikel über das Unterwegssein mit Hund.

Ab morgen am Kiosk: die neue Dog&Travel.

Schlagen Sie zu, wenn Sie – mit oder ohne Teckel – nach Tirol wollen. Und am besten auch, wenn Sie keinen Teckel haben oder da nicht hinwollen – denn vom Fortbestand solcher Magazine hängt ja auch unsere kleine Existenz ein Stück weit ab.

Lesen Sie ab Seite 18 von unseren großartigen Abenteuern im mittelalterlichen Hall und beim Kraxeln im Karwendel.
Leider haben wir es nicht auf den Großen Bettelwurf geschafft, auch nicht auf den kleinen. Dabei gibt es so Berge, die man allein aufgrund ihres Namens als bergsteigender Hundebesitzer eigentlich nicht auslassen darf (immerhin querten wir ein Kar unterhalb des Hundskopfes, leider ohne es fotografisch festhalten zu können, man geriet in ein Unwetter und es verhagelte einem die Ambitionen).

Außerdem lesenswert: der Artikel ab Seite 80 übers SUP, zusammen mit dem Vierbeiner.
Passt gerade gut. Ist einer meiner Geburtstagswünsche, neben zahlreichen anderen. Halt ein klassischer Kraulquappen-Wasserwunsch (und auch schon etwas zurechtgestutzt, da der Gatte mein „Ich würd‘ gern mal Surfen gehen“ mit einer ebenso amüsierten wie rüden Bemerkung abtat, irgendwas mit Alter und so, ich hab’s gleich wieder verdrängt).

Eigentlich wünsch ich mir, das SUP ohne Hund auszuprobieren, weil das in meinen Augen wenig Spaßpotenzial für den Hund birgt, aber wer weiß: das Dackelfräulein ist ja auch eine Wasserratte und in dem Beitrag ist von Hunden die Rede, die das wohl durchaus gern mitmachen.

Ansonsten drücken Sie uns bitte die Daumen, dass wir es hier bald mal wieder ein paar Tage am Stück (!) trocken und sonnig haben, damit Sie auch Ende August wieder in Dog&Travel von uns lesen können!

Kurz vor dem nächsten Gassi durch die Sintflut grüßt Sie herzlich –
Die Kraulquappe.

Song des Tages (33).

„There’s a heart pounding wild and so strong.“
(Matthias Forenbacher, „Walden Pond“)

*****

Not Walden Pond but a lake beginning with W.

“Heaven is under our feet as well as over our heads.”
(Henry David Thoreau, „Walden“)

*****

Thank you for the music, S.
Greetings to Vienna & I’ll keep my fingers crossed.

Gib mir ein bisschen meer!

Im Spätsommer dann hier.

Die halbe Nordseeküste abgegrast nach einer schönen Hütte, drei Abende lang.
Hotels, Pensionen, Gasthöfe, Ferienwohnungen, Ferienhäuser. Sogar Feriendörfer. Einfach alles. Haarsträubende Abendbeschäftigung, jedesmal mit viereckigen Augen und steifem Nacken ins Bett gekrochen.

Entweder Mobiliar, das während des gesamten Aufenthalts täglich tollstes Wetter erfordern würde, damit man es möglichst nur im Halbdunkel oder gar nicht sehen muss, weil man anderfalls schwerdepressiv aus dem Urlaub zurückkäme. Oder eine Küche, in der – entgegen der Behauptung auf der Website – weder Platz, noch Ausstattung „zum Kochen einladen“ (überhaupt: ich kann diese bekackte Formulierung „xy lädt zum yz ein“ nicht mehr hören, ich kann dann keine Sekunde mehr „verweilen“). Oder tausend Zusatzkosten für Handtücher, Geschirrtücher, Bettwäsche, Strom, WLAN, Wasser, Endreinigung – und nicht zu vergessen: den Hund, bei dem preislich auch nicht unterschieden wird, ob man einen Neufundländer mitbringt oder 7kg Dackel am Stück. Oder eh fünf Katzen auf dem Gelände. Oder der mürrische Eigentümer in der Wohnung drunter. Oder die Dödel preisen an, dass das Haus über eine Waschmaschine verfügt, bieten aber keine Leine/Wäscheständer – ja wie soll das denn funktionieren? Oder die einsame Lage entpuppt sich als Durchgangsstraße, an der das Gehöft zwar tatsächlich umgeben von Marschland und Schafweiden liegt, aber eben keinesfalls ruhig. Und in Strandnähe ist sowieso alles unbezahlbar, da such ich gar nicht erst.

Irgendwann ändere ich meine Suchstrategie und zoome in Google Maps jedes Dorf, jeden Sielzug und jeden Wattwurm heran, das bin ich so eh gewohnt von der Quartiersuche mit Hund (immer der finale Check: gibt’s da irgendwo ein Stück Wiese vor der Tür? – ich spaziere grundsätzlich per Streetview durch die Orte, um hundegeeignete Viertel/Gegenden ausfindig zu machen, weil so eine Panne wie seinerzeit in Fischen oder im Ultental, das passiert uns nie wieder, da meinte man auch: Ui, Land, ja da ist eh alles grün und rundum Natur, aber von wegen!).

Ich zoome mich also in Google Maps die Nordseeküste rauf und runter, klicke jedes als Unterkunft markierte Etwas an, das nachweislich abseits der Straßen und trotzdem in Deich- oder Strandnähe liegt und von Wiesen umgeben ist. Heißt das Quartier dann „Klabautermann’s Koje“ oder „Hilde’s Huus“, so liegt schon relativ nahe, dass es wohl eher nicht in Frage kommt, weil das eine klingt nach drolliger Familienunterkunft mit Stockbetten und resopalbeschichteten Tischen und das andere altbacken, braun gefliest und nach Seemannsölbildern über einer Couch mit grünem Kordbezug. Und beide eint die übliche Apostrophkatastrophe.

Da fällt mir meine Kommilitonin A. ein, jüngste Tochter eines Schuhgeschäftsinhabers aus dem fränkischen Hammelburg. Ich habe nie vorher und nie nachher jemanden getroffen, der die Klippe des Apostrophs oder auch die des Apostroph’s schriftlich wie mündlich so gekonnt zu umschiffen wusste wie A.

Sie hatte damals einen festen Freund, den Uwe, und der Uwe, der hatte eine Mutter, und diese Mutter, die hatte ein Auto, das sie ihrem Sohn ab und an auslieh, so dass auch A., die wie die meisten Studenten kein Auto hatte, ab und an in den Genuss eines Autos kam, weil Uwe ja meistens mit A. zusammen irgendwo hinfuhr.
Mir stand schier der Mund offen, als A. eines Mittags in der Mensa auf eben dieses Auto zu sprechen kam und dafür die legendären Worte „dem Uwe seiner Mutter ihr Auto“ verwendete (eine geniale Formulierung, die sofort und für Jahrzehnte zum festen Bestandteil im gemeinsamen Sprachschatz vom Papa und mir wurde). Dem Uwe seiner Mutter ihr Auto! Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen!

Ich starrte damals erstmal hilflos auf mein Tablett und musste nachdenken, bis ich diese hochkomplexen Bezüge semantisch aufgedröselt und begriffen hatte, dass es um das Auto von Uwes Mutter ging. Aber hätte A. das so gesagt oder geschrieben, wäre sie in die apostrophale Bredouille gekommen (das Auto von Uwe’s Mutter oder gar Uwe’s Mutter’s Auto) und so hat sie das fränggisch gschiggd gelöst. Sie schrieb übrigens auch exakt wie sie sprach (quasi: der A. ihrem Schnabel sein Text), das war faszinierend.
Deutlich weniger faszinierend war allerdings, dass ihre Diplomarbeit nur eine Note schlechter bewertet wurde als meine, was mir seinerzeit schwer zu denken gab, obwohl jeder an der Fakultät wusste, dass die Notenspanne sich eh nur zwischen 1,0 und 3,4 bewegte, aber zumindest diese Spannweite hätte in dem Fall voll ausgenutzt werden müssen. Das war wirklich unfair damals. Und das sag ich ohne mich selbst zu loben (was eh ins Leere liefe, da das beste Kapitel der Arbeit schließlich der fränkische Exgatte verfasst hatte, weil ich schon drei Monate vor Abgabetermin in Lohn und Brot stand, er aber bis zum Referendariatsbeginn noch Ferien und somit Zeit hatte und sowieso der Intellektuellere von uns beiden war).

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei „Hilde’s Huus“ und so Sachen.
Jedenfalls ist mir dann gestern zwischen Osterhever, Kotzenbüll und Witzwort tatsächlich und endlich ein Häuschen unter den Mauszeiger gelaufen, bei dem alles passte.
Schreibweise, Ausstattung, Lage, Preis. Der Vermieter, ein älterer, gediegener Hamburger, rief nach meiner Anfrage per Mail sogleich zurück und hatte nach drei Minuten den Lackmustest bestanden: den wenigsten Hotelrezeptionisten oder Ferienwohnungvermietern gelingt es nämlich, auf jede meiner im Schnitt sieben Fragen im Vorfeld einer Buchung vollständige und präzise Antworten zu geben, immer wird irgendwas vergessen oder absichtlich unterschlagen.

Nicht so Herr G. Er hatte telefonierenderweise meine Mail vor sich liegen, ging sie Punkt für Punkt durch und gab danach noch ungefragt Zusatzinformationen zum Besten, weil er aufgrund meiner Mail nämlich kapiert hatte, worauf es mir ankommt.
Und als er dann sagte, dass für das Dackelfräulein vor dem Häuschen eine Handbrause vorhanden sei, für wattmatschige Pfoten und den sandverkrusteten Bauch, und selbstverständlich auch Hundehandtücher (er habe selbst einen Hund und wisse, was einem da das Leben erleichtert), und dass Pippa sich überall auf dem Gelände frei bewegen dürfe, keine Katze weit und breit, nur Schafe, die ihr wurscht sind, und am nahegelegenen Deich kein Leinenzwang und am Strand auch nicht, ja da war nach einer Viertelstunde alles geritzt und ich hab das Laptop erleichtert und vergnügt zugeklappt, bin zum Spätabendschwimmen gefahren und danach ohne verspannten Nacken zu Bett gegangen.

Ein andermal erzähl ich Ihnen vielleicht noch von Nordjylland.

Da kenn ich nämlich nun auch jedes Kaff, jeden Grashalm und jede feriebolig. Die Dänen beherrschen zwar nahezu durchgehend die Sache mit dem Apostroph und der Inneneinrichtung, aber was Preise und Hunde angeht, ist das Land absolut anti-hygge.
Im Schnitt mindestens (!) 160€ pro Nacht (bei lediglich gehobenem IKEA-Stil), 30€ für den Hund (egal für welchen, und wichtig: der darf nirgendwo hin), pro Nacht, versteht sich, dazu Gemeinschaftsbad auf dem Flur (mit abgewetztem, leicht schimmligem OTTSJÖN vor der Duschkabine) – und Frühstücksbuffet kostet freilich extra.
Die Ferienhäuser allesamt viel zu groß, weil die Dänen davon ausgehen, dass jeder Freunde oder Familie oder beides hat, folglich auch Urlaub mit Freunden oder in der Großfamilie macht, daher häufig 10 bis 12 Betten und so gern ich mit dem Dackelfräulein ausgiebige Suchspiele veranstalte – das ist mir dann doch zu weitläufig und zu viel ungenutzter Raum.
Man lernt ja ein Land schon auch ein bisschen kennen, wenn man sich durch dessen Ferienwohnungsportale klickt. Naja, schnell wieder abgehakt, diese Dänemark-Idee.

An der deutschen Nordseeküste ist’s auch schön.
Und dem Hund ist es sowieso völlig egal, in welchen Sand er seine Löcher buddelt.

Sich einen Ast lachen.

Und hier zum Abschluss der Woche gleich nochmal ein Fundstück aus der Reihe: „Redensarten, anhand von Alltagsbeispielen erklärt“.

Wobei ich Sie warnen möchte: So ein Dackel goutiert es überhaupt nicht, wenn Sie ihn auslachen. Sie dürfen mit ihm lachen, weil das Leben so schön ist oder die Pferdeäpfel so lecker, vielleicht auch mal über ihn lachen, etwa, wenn er Sie mit einer Clownerei aufheitern möchte, auch anerkennendes Lachen schätzt er, wenn er z.B. seinen ganzen Mut zusammennimmt und vom Steg zu Ihnen in den See springt.

Aber wenn Sie über ihn lachen, wird er ob dieser Respektlosigkeit beleidigt sein und Ihnen das nachtragen.

Mindestens bis zum nächsten Öffnen der Kühlschranktür (je nachdem halt, was Sie dort herausholen, denn das geübte Hundeohr vermag auch drei Zimmer weiter präzise zu unterscheiden zwischen Käse/Schinken/Quark und Senf/Tofu/Gurke).

Wir wünschen noch einen gemütlichen Sonntag!

Himmel der Bayern (57): It’s all about soul.

Wal(l)difahrt zum Heiligen Berg, beruflich quasi.

Lange Wanderung zu einem der touristischen Hotspots im Münchner Umland, dort Fotoshooting mit dem Fräulein, Material sammeln, das man demnächst in einer Reportage hundegerecht verwurschten (sic!) wird.
Muss jetzt alles recherchiert, marschiert, fotografiert und ausprobiert werden.

Schenk ich mir selbst zum Geburtstag, dieses Projekt, denn Aufwand und Ertrag stehen selbstredend in keinerlei vernünftigem Verhältnis, nicht mal dann, wenn es neben dem Honorar noch einen Sack begeisterte Leserbriefe gäbe. Das gedruckte Wort ist einfach nicht mehr viel wert, leider.
Egal, die Sache an sich tut dem grad etwas geschundenen Körper und dem derzeitigen Nervenkostüm wirklich gut:
Die Bewegung, der Hund, die Natur, die Heimat (die Seelenlandschaft!).

Allein die Fahrt durch diese seit Urzeiten vertrauten Gefilde.

Perchting. Ich denke an H., wie wir noch zu Schulzeiten dort im Dorfladen einkauften, für eine unserer Partys da draußen am Moorsee, in dem Häuschen, das der Papa uns vertrauensvoll überlassen hatte und das wir – Party hin oder her – stets blitzblank geputzt zurückgaben. Erinnere mich daran, wie bei einer Vollbremsung – H. hatte den Führerschein noch nicht lang und den Toyota ihrer Mutter ausgeliehen – die Bierflaschen aus der Kiste, die wir kreuzdämlich auf die Rückbank gestellt hatten, geschossartig und mit wildem Schäumen nach vorne flogen – eine unglaubliche Sauerei. Hatten wir noch mehr zu putzen.

Zwischen Landstetten und Frieding an der Einmündung zu dem Feldweg vorbeigekommen, wo ich mit 18 Fahrübungen im Mercedes des Papas machen durfte musste, zur Vorbereitung auf die Prüfung (Damit du mit der Pflichtstundenzahl hinkommst!).
Diese doofe Feststellbremse, die nur mit der linken Hand zu lösen war, irgendwo da unten neben dem Lenkrad. Der schnaufende, schwitzende und schimpfende Papa neben mir (Ja kruzifix, is‘ denn das so schwierig?!), als ich die Karre beim Berganfahren dreimal hintereinander abgewürgt habe, weil das halt mit dieser blöden Handbremsenkonstruktion nicht besser ging. Erst recht nicht auf einem Schotterweg. Geduld war nicht des Papas größte Tugend. Naja, war halt auch der Dienstwagen.

Und ich denke an unsere Radtouren hier in der Gegend, damals, als er noch der Bewegungsfreudigere und Unternehmungslustigere von uns beiden war. Den Frühstückstisch bereits mit Radkarten tapeziert, er frisch und munter, ich müde und muffig, dann ging es los, meist mit mehreren Zielen: See, Biergarten, Kirche, Eisdiele, Kloster, Wildgehege.
Er, der mir alles hier im Oberbayrischen gezeigt hat, dem es unermüdlich darum zu tun war, ans Töchterchen weiterzugeben, was er eben von diesem kleinen Ausschnitt der Welt wusste.

Ich staune heute manchmal, was doch so alles hängengeblieben ist, denn wenn ich zurückdenke an diese Jahre, dann seh‘ ich uns eher im Auto zanken: sein Vortrag über das von Konrad Lorenz gegründete Institut in Seewiesen (weil man grad dran vorbeifuhr und sich diese Lektion anbot) gegen meine Manie, den Sendersuchlauf dreimal rauf und dreimal runter zu betätigen (Musik interessierte mich! – und nicht Verhaltensforschung).

Kloster Andechs. Jahrzehntelang ein beliebtes Ziel solcher Ausflüge. Verhasst war mir das Krippeanguckenmüssen. Der Papa war nie gläubig, aber an Weihnachten meinte er, das Kind müsse nun eine Krippe zu Gesichte bekommen, obwohl das Kind lieber daheim den Baum geschmückt, Plätzchen gefuttert und Seidenpapiersterne auf die Fenster geklebt hat.

Geliebt habe ich hingegen die sommerlichen Besuche in Andechs: da gab es (bis ca. 10) ein Aufess-Armband vom Kiosk bzw. (ab der Teenagerzeit) eine Riesenbreze ganz für mich alleine und später (ab der Studienzeit) konsumierten wir dann tatsächlich mal eine zeitlang dasselbe.

Man staunt ja auch immer wieder, wer so alles tagsüber an einem gewöhnlichen Dienstag unterwegs ist und mit wem man die wenigen Premiumplätze an der sonnigen Klosterbiergartenmauer teilen muss (hat NRW immer noch Ferien oder wat machen die alle hier?).
Jedenfalls: der Kölner am Nebentisch mampft unter großem Gelabere und mit noch größerem Genuss eine Blutwurst und freundet sich währenddessen – der Kölner an sich ist ja freundlich und offen – mit dem Dackelfräulein an, die noch nie zuvor ein Stück Blutwurst gegessen hat, aber spontan sichtlich angetan davon ist und gern noch ein zweites nimmt.
Hast du einen Hund, musst du Menschenkontakt haben, sogar Blutwurstmenschenkontakt.

Ich packe mein Käsebrot und die Tomaten aus und hole mir dazu an der Klosterschänke eine Maibock-Halbe.
Geradeaus guckend: die nun wieder tief verschneiten Alpen. Unter den Tisch guckend: der nun wieder tief zufriedene Hund.
Lese in einem Reiseführer, mache mir Notizen.
Schicke dem Papa eine Live-Foto von Fräulein Hund, Maibock und mir aus dem Klosterbiergarten.
Das freut ihn. War die Bildungsarbeit ja doch nicht umsonst, schreibt er.

Anschließend ein Rundgang durch die klösterlichen Anlagen.
Ein Fotoversuch hier und dort, aber ohne Assistenz ist das heute schwierig, Pippa hat keine Lust oder die Sonne steht ungünstig oder der Maibock ist schuld am Misslingen. Gehen wir halt demnächst nochmal hin.

In der Kapelle wie immer ein Kerzlein angezündet.
Ein Weilchen dort im Dunkeln gesessen, den warmen Wachsgeruch eingeatmet, ein bisschen den Gedanken nachgehangen. Auf einmal an ein Lied von Billy Joel gedacht, bekam die Strophen nicht mehr alle zusammen (dank YouTube kann man auf dem einsamen Weg zurück zum Auto dem Gedächtnis gleich auf die Sprünge helfen: meine Güte, auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her, der Song).

It’s all about soul
It’s all about faith and a deeper devotion
It’s all about soul
‚Cause under the love is a stronger emotion
She’s got to be strong
‚Cause so many things getting out of control
Should drive her away
So why does she stay?

Und auf dem Rückweg gelingen uns doch noch ein paar Verrenkungen Zeckenaufklaubungen Übungen in den Frühlingswiesen mit dem Smartphone.

Exactly, it’s all about soul.

Hello sunshine & hydrangea, so blue.

Gestern Nacht schon wieder eine Whatsapp-Botschaft von T., der gerade mitten im Umzug steckt und mich alle Nase lang wegen rechtlicher Fragen kontaktiert.
Aber der Terror lohnt sich. Guck ich mir die Tage seinen uralten Mietvertrag von der Wohnung, die er nun verlässt, genauer durch und kann ihm sofort sagen: Musst du nix renovieren, starrer Fristenplan usw., hat der Vermieter keine Schangse. Besenrein, Bohrlöcher zu – und tschüss.

Der erleichterte T. meint daraufhin, jetzt hätt‘ ich was gut bei ihm. Ich möchte, obwohl er sich nun ein paar Hunderter spart, nicht maßlos sein und eine Reise nach Lissabon oder Turku vorschlagen, obwohl ich da schon immer mal hinwollte, sondern nenne ihm einen anderen Herzenswunsch: eine blaue Hortensie.
T. ist sofort sehr einverstanden mit der blauen Hortensie, wahrscheinlich sogar erleichtert, dass es kein roter Fächerahorn oder ein Zitronenbaum sein soll.

Seit über zwölf Jahren sehne ich mich nach einer blauen Hortensie. Seit damals, als ich mit U. in dem Haus (kleine, steinerne Villa in Hanglage, sogar irgendwas mit romantica im Namen) am Lago Maggiore war – eine überwiegend schreckliche Erinnerung übrigens, was ganz und gar nicht am Lago Maggiore lag – da stand der große Garten voll mit blauen Hortensien.
Neben der Aussicht, dem See, den Bergen, dem guten Wetter und dem köstlichen Eis in Piazzogna, war das mit Abstand das Beste, das dieser (erste und letzte) Urlaub mit U. zu bieten hatte. Blaue Hortensien, wohin das Auge nur blickte.

Heute dann die große Gassirunde in den Münchner Westen verlegt, wo das große Gartencenter ansässig ist. Die bieten gerade ein paar Tage lang einen kostenlosen „Einpflanz-Service“ an.
Bring your own Topf, buy some flowers – und die Erde & Arbeit schenken sie dem treuen Kunden. Ich muss das nutzen, mein Ellbogen ist vollkommen im Eimer von den anderen Arbeiten auf unserem Balkon (24 kaputte Holzfliesen, noch vom Vormieter, ins Auto geschleppt und auf dem Wertstoffhof entsorgt, und fragen Sie nicht, wie es unter den 24 Holzfliesen aussah).
Am Telefon erfrage ich die günstigste Zeit, um nicht in eine ellenlange Schlange zu geraten, schließlich habe ich das Dackelfräulein dabei und die kann Shopping, Warten und Rumstehen nicht leiden. Die Dame am Telefon nennt mir die beste Stunde, von 13 bis 14 Uhr, denn Da san d’Leit beim Essen.

25 Grad, die Sonne knallt vom Himmel runter, der Parkplatz ist gut voll. Ich packe Pippa auf einer Matte oben in den Einkaufswagen, das haben wir noch nie gemacht, aber das funktioniert prima, so ein Dackel hat wirklich praktische Maße.

Und man kommt so auch gleich viel leichter durch den Markt, weil alle zur Seite huschen und mitleidig gucken, wenn sie das etwas unglücklich dreinblickende Hündchen sehen, das sich die Ladefläche nach und nach mit großen Blumentöpfen teilen muss und sowieso nicht begeistert ist von den im unteren Wagenteil klappernden Tontöpfen.

Seien Sie versichert: es ging ihr gut dort oben, sie hat einfach einen Hang zum dramatischen G’schau, im Grunde ist sie nämlich froh, mit dabei zu sein, und hernach waren wir im Wald und am See, dem Tier geht es also prächtig und es hat auch was vom Tag gehabt, ehrlich! Und ich habe nun eine blaue Hortensie und freue mich sehr daran.

Zurück zu gestern.
Die Whatsapp-Nachricht von T., die er kurz vor der Geisterstunde sandte, bot leider keine Gelegenheit, mir noch durch Hobby-Juristerei eine weiße Hortensie zu verdienen, denn ausnahmsweise hatte T. mal keine Frage zu Schönheitsreparaturen, Wohnungsübergaben oder selbst verlegtem Laminat, sondern er schickte mir ein Foto und zwei Zeilen dazu.

Schlaftrunken blinzelte ich auf das kleine Display und erkenne einen Gaul. Überschrift „Western Stars“.

Ja, Umzüge sind ätzend, anstrengend und zum Davongaloppieren. Oder was will er mir sagen?

Dann setzte ich meine Brille auf und las: Mr. Springsteen hat ein paar ominöse Fotos auf Instagram veröffentlicht und die Fan-Gemeinde damit in Aufruhr versetzt. Irgendwelche Wüstenfotos: Bäume, Sonne, Pferde, Sand.
Die Gerüchteküche brodelte sofort los wie wild, denn seit fünf Jahren hat uns Bruce Almighty keinen neuen Song mehr geschenkt – nicht einen Ton, nicht einen Vers. Wir sind am Verhungern und Verdursten. So gesehen passt das mit der Wüstenszenerie schon recht gut.

Heute Nachmittag dann die Bestätigung vom „Rolling Stone“: Der erste Song kommt bereits morgen raus, das Album dann Mitte Juni. Was für gute Nachrichten!

Ostern ist kaum vorbei, da legt uns Bruce noch ein Ei ins Nest: Hello sunshine!

Ich informiere sofort meine paar Fan-Freunde. Alles freut sich. So sehr, dass wir alle zusammen gnädig drüber hinwegsehen wollen, dass die erste Auskopplung den Titel „Hello sunshine“ trägt, denn – herrje! – das klingt verdammt nach „Queen of the supermarket“, also einem dieser Songs, die mir nichts bedeuten, weil sie einfach nur öde dahinplätschern und man in ihnen nichts außer der gesamten Saturiertheit unseres verehrten Barden aus New Jersey hört, weil ihnen jeglicher Hauch darkness abgeht (von lyrischen Untiefen wie in Nebraska wollen wir gar nicht erst sprechen, sowas gab’s eh nie wieder), die seine depressiven Phasen so zauberhaft umwitterte, und weil es ihnen aber ebenso an der authentischen und saftigen Vitalität eines „Badlands“ oder „Prove it all night“ mangelt.

Nun ja, wir werden es hören und spüren.

Jedenfalls ein guter Tag heute: früh aufgestanden, viel geschafft – und draußen fühlte sich’s schon nach Sommer an.

Bathing beauty.

Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

*****

Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

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Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.