Song des Tages (35).

Im Spätsommer dieses Jahres wird es fünf Jahre her sein, dass ich mich zusammen mit dem Dackelfräulein in Oskarshamn an der schwedischen Ostküste auf die große Fähre begab, die uns nach Gotland brachte.
Damals ging ich mit einer Menge Ballast an Bord: den Job gerade nach unendlich langem Anlauf gekündigt, kurz vor Abreise vom Hirntumor der Mutter in Kenntnis gesetzt worden, der Gatte völlig überraschend beruflich in der Bredouille – irgendwie das ganze Leben gefühlt im Umbruch oder sogar auf der Kippe – ich war wirklich reif für die Insel.

Und es war eine wichtige Reise für mich: allein bis dort oben zu fahren, allein auf dieser Insel unterwegs zu sein, auf die ich schon als Kind immer wollte, weil meine damalige Lieblingsserie dort gedreht wurde: Pippi Langstrumpf.
Ich habe Pippi geliebt und bewundert: wie sie allein ihr Leben stemmte, mit ihren beiden Tieren und einer Schatztruhe voller Goldmünzen, wie stark und fröhlich sie war, wie ihr immer für alles eine Lösung einfiel – und ich war in meiner Begeisterung sehr geneigt, am Papa deutliche Parallelen zu Kapitän Ephraim Langstrumpf erkennen zu wollen.

Das Original der Villa Kunterbunt steht heute noch an der Westküste Gotlands. Anschauen konnte ich sie mir damals nicht, weil der Vergnügungspark, der mittlerweile um sie herumgebaut wurde, leider (oder gottseidank: ein Horror, solche Parks) schon geschlossen hatte.
In Schweden, müssen Sie wissen, endet die Saison zeitgleich mit den schwedischen Sommerferien, also rund um den 20. August. Auf dem ja doch etwas abgelegenen Gotland hat dann außerhalb der Hauptstadt Visby fast nichts mehr geöffnet, was aber recht unerheblich ist, wenn Sie mit Hund dort herumreisen, weil Ihr Hund sowieso nahezu nirgendwo mit hineindarf, weshalb wir die Zeit auf der Insel damals auch recht autark in unserer kleinen, baufälligen Villa-Kunterbunt-Nachbildung verbrachten.

Nun werden wir Anfang September tatsächlich erneut übersetzen auf das Sylt Schwedens, diese einmalige Naturschönheit und geruhsame Sonneninsel, und zwar fast auf den Tag genau fünf Jahre später.
Diesmal von Nynäshamn aus, weil nur von dort aus die neue Flotte der Reederei ablegt, die das Dackelfräulein und mich zu dieser Reise eingeladen hat, um den Beweis anzutreten, dass Gotland auch mit Hund eine attraktive Destination sein kann (was wir gern ein zweites Mal genau unter die Lupe nehmen wollen, denn Schweden & Hund, das ist eher so ein Duo wie ich & die Stechmücke).

Der neue Luxuskreuzer hat nicht nur eine Pet-Lounge (quasi die Economy Class, wenn Sie mit Hund auf einer Fähre reisen), sondern eine Pet-Cabin (eine eigene Kabine, mit Liegegelegenheit für Frauchen & Wauwauchen), so dass wir diesmal in der Business Class und völlig unbehelligt von etwaigen seekranken Kaniden um uns herum nach Gotland hinüberschippern werden.

Es hat Monate gedauert, bis das alles im Detail geklärt war: Welcher Termin würde allen Beteiligten passen, was für Präferenzen gibt es auf unserer Seite, welche Unterkünfte kämen in Frage, welches Programm ist für Pippa geeignet, was wird alles gesponsert, was erwarten die von mir und dem Fräulein, und, nicht zu vergessen: wo ist das nächste Schwimmbad und wann hat es geöffnet?
Monate hat es auch deshalb gedauert, weil die Hamburger Agentur, die das alles im Auftrag der Reederei organisiert, gleich zu Beginn den Fehler gemacht hatte, mich explizit nach meinen Wünschen zu fragen und nach jedem Update (so reden die da) zu einer ehrlichen Rückmeldung aufzufordern (sorry, zu einem Feedback natürlich).

Mittlerweile ist die Sache im Kasten, besprochen, gebucht und meine Wünsche wurden nach einigem Hin und Her fast alle berücksichtigt (und die finale Version des Programms, die vor ein paar Tagen ins Mailpostfach flatterte, zierte die nette Überschrift Agenda for Mrs. Kraulquappe and her dog lady):

– keine Gruppenreise und überhaupt so wenig Menschen wie möglich
– die Hotels mit Grünflächen drumrum und Parkplatz davor
– Aufbruch nicht vor 9 Uhr morgens, damit Zeit für die diversen Geschäfte bleibt
– keine fettigen Mittagessen, die einem den Tag ruinieren
– Rücksichtnahme auf die gewohnten Gassizeiten des Fräuleins
– Abendessen möglichst früh und nur in Lokalen, in denen das Dackelfräulein ebenfalls willkommen ist
– stets abwechselnd einen Tag Programm und einen Tag zur freien Verfügung
– Privatführung durch die historische Altstadt von Visby inkl. Besuch eines hundefreundlichen Cafés
– Besichtigung einer Farm, auf der echte Gotlandschafe gezüchtet werden
– Baden in der legendären Blauen Lagune, je nach Temperatur nur das Fräulein oder aber wir beide
– zweitägiger Ausflug auf die Insel Fårö, auf der Ingmar Bergman gelebt und gedreht hat
– Besichtigung der Villa Kunterbunt, die die Wirkungsstätte von Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf war.

Natürlich hat der riesige Vergnügungspark, in dem die Villa steht, auch diesmal geschlossen. Ist ja wieder September und Gotland somit von allen Touristenhorden verlassen.
Weil unsere private Führerin vom Gotlands Turistbyrå aber jeden Menschen und jedes Schaf auf der Insel kennt, kommen wir da nun auch außerhalb der Öffnungszeiten hinein.
Was bedeutet: Keine doofen Wartezeiten, keine kreischenden Kinder, keine anstrengenden Menschenmassen und vor allem kein Hundeverbot, an das man sich noch halten müsste.
Das Dackelfräulein wird also als erster (und vielleicht einziger) Hund ever die Villa Kunterbunt betreten!
Wer weiß, vielleicht bekommen wir sogar noch Zutritt zu dem Wasserpark, der Teil des Vergnügungsparks ist: sieben Pools, neun Wasserrutschen und den 160 Meter langen Shark River – und das alles für uns alleine. Hey, das wär‘ mal was, oder?

Dann wär’s nämlich genauso wie in dem Lied, das ich einst als Kind immer mitgesungen habe, wenn Pippi Langstrumpf auf dem Rücken vom Kleinen Onkel durch die Wiesenhügel hinter der Stadtmauer von Visby ritt und dabei trällerte:

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune
Ich mach‘ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt

Gotland, wir kommen!
Und diesmal lässt du meine Hundedame in deine Cafés und Lokale rein und zwar ohne Murren und spendierst ihr die dickste Lachsforelle der Saison für die so schmähliche Behandlung bei unserem ersten Besuch…

Für mich ist das alles eine ziemlich große Sache, müssen Sie wissen, denn wenn ich fünf Jahre zurückdenke, an Gotland 1.0 im Jahre 2014, so hätte ich mir damals echt nicht träumen lassen, dass ich da je nochmal hinkommen würde, geschweige denn eines Tages als Autorin mit Hund dorthin eingeladen werde.

Ich würde mich deshalb sehr freuen, wenn Sie ab Ende August Zeit und Lust hätten, mich auf dieser Fahrt zu begleiten.
Für die Dauer der Reise dann nicht hier, sondern in einem anderen Blog, aber natürlich mit den altbekannten Protagonisten und Visagen: das Dackelfräulein & ich (und die Schwimmflossen & der Bruce sind selbstverständlich auch mit dabei). Statt dem ewigen Mix von Seen&Bergen bekämen Sie mal Meer&Rauken zu sehen und überhaupt so manches, was es im schönen Bayern nicht gibt.
Im Kraulquappen-Blog wird parallel Sendepause herrschen, d.h. Sie werden in Ihrem Reader oder Maileingang keinesfalls doppelt von uns beballert.
Also: Kommen Sie recht zahlreich mit uns in den hohen Norden!

Unsere Reiseadresse sowie Ihre Mitreiseformulare finden Sie rechtzeitig hier in diesem Blog.

In diesem Sinne & für heute:
God natt, sov gott och dröm sött!

Gedanken, wie Hochseevögel über einer schroffen Inselschönheit kreisend.

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Durch weite Wacholdersteppen streifen wir Richtung Meer, der raue Küstenwind weht uns um die Nase, verwaiste Ställe säumen die Ränder der Schafweiden, sandige Pfade durchziehen Kiefernwälder, in denen Äste in der stürmischen Luft ächzen oder das Sonnenlicht flirrende Muster auf den hellen Boden malt.

Im Spätsommer, sobald der Großteil der Urlauber an die Schreibtische zurückgekehrt ist oder von der Schulpflicht nachhause aufs Festland beordert wurde, ist es eine Insel für Außenseiter.
Alles hier passt zu einer Art von Alleinsein, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Auf vollendete Weise kann man tagelang allein umherziehen, völlig für sich sein.
Nicht jenes Für-Sich-Sein, dem es insgeheim darum geht, irgendein Ich oder eine Mitte zu finden (oder eine Leere oder eine Fülle), auch wenn es diese Zwecke hartnäckig zu leugnen sucht, sondern eines, das einfach entsteht: ohne eigenes Zutun, ohne dass man es initiiert oder gesucht oder auf andere Weise herbeizuführen versucht hätte.

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Eine mehrstündige Überfahrt, deren schönste Stunden die waren, in denen rundum nichts als Wasser war, Wasser und Weite, wohin der Blick sich auch wandte, überall am Horizont das Verschmelzen der Blautöne.

Nicht mehr auszumachen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, unerheblich auch, sich dieser Differenzierung zu widmen, wenn die äußeren Bilder das innere Erleben dazu drängen, sich ganz und gar vom Begriff „Universum“ ergreifen zu lassen, ihn neu zu begreifen oder überhaupt erstmals zu buchstabieren.

Irgendwann schiebt sich ein schmaler Streifen Land zwischen die Ostsee und den Himmel: Gotland.

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Wir verlassen den dunklen Bauch der großen Fähre und fahren hinaus ins Helle.
Es erwartet uns keine Hektik wie an so manch anderen Häfen, sondern ein überschaubarer Parkplatz und wenig Betriebsamkeit. Nur einen Steinwurf vom Fährhafen entfernt schlummern die Gässchen der hübschen, buckligen Altstadt.

Wir umrunden die Stadt auf einem Spazierweg, der durch die Wiesenhügel unterhalb der Stadtmauer verläuft, in denen das Dackelfräulein, das so brav und ruhig war auf der langen Überfahrt, sich erstmal austoben kann.
An mehreren Stellen gewährt der Weg einen Durchschlupf durch die dicke, steinerne Mauer ins Stadtinnere, einen davon nutzen wir, denn die Essenszeit naht und vor Sonnenuntergang will die abgelegene Stuga im Süden der Insel erreicht sein bzw. gefunden werden.

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In den Seitenstraßen niedrige Häuser, kühles, klares Licht, ein paar Platanen am Rand des Kopfsteinpflasters, zeternde Möwen, die sich in der Luft fetzen. Eine alte Frau in Blumenrock und Strickpullover schiebt sich langsam aus ihrer gelben Tür heraus und tritt vor ihr blaues Haus, um dort ein paar Spitzen von den roten Rosen zu schneiden.

Gelb, blau, rot, Farben fluten das Auge, dieses Schweden ist ein Land der satten und kräftigen Farben, aber auf Gotland trifft man das Bunte niemals flächendeckend, sondern es versammelt sich nur an auserwählten Orten: in der kleinen Hauptstadt der Insel oder in Lummelunda und Kneippbyn sowie auf Dorfplätzen, Friedhöfen und natürlich in den süßen Auslagen der zahlreichen Bäckereien.

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Ein erster Duft des einfachen und milden Alleinseins, das neben Pippa mein beständiger Begleiter werden wird in dieser Inselstille und das nichts zu tun hat mit dem hohlen Schmerz, der Alleinreisende manchmal in den Abendstunden befällt, strömt aus den schmalen Mauerspalten der bunten, eng beieinander liegenden Häuschen und aus den sandigen Ritzen zwischen den abgewetzten Pflastersteinen.

Ich atme ihn ein, inhaliere diesen Duft geradezu, die Lungen weiten sich, ihre Flügel werden schon nach wenigen Atemzügen freier und freier, ein Gefühl wie beim ersten Spaziergang nach einem zähen, endlich überstandenen Bronchialkatarrh.

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Unterhalb der Kirchenruine auf dem Stora Torget, dem schiefen Marktplatz von Visby, plötzlich noch ein anderer Duft.
Safranpannkaka. Allein das Wort: so saftig, süss und sonnengelb. Wenn man aber aufmerksam hinhört, warnt schon sein im Abgang spitz klingendes -kaka davor, dass diese Köstlichkeit limitiert ist: So ist es dann auch, ins Café lassen sie uns nämlich nicht hinein.
Bo utanför! – Bitte draußenbleiben!, darüber das durchgestrichene Hundesymbol, und das fast überall.

Als Hundebesitzer ist man auf Gotland zwar willkommen, gleichwohl zum Außenseiterdasein verdammt – und zwar in jeder Saison.
Miete dir also dein eigenes Häuschen, verpflege dich selbst, reise außerhalb der Hauptsaison, so dass die Strände leergefegt sind, die meisten Lokale geschlossen haben und dich und deinen Hund diese unglaubliche Stille umgibt, die nur vom Blöken der grauen Gotlandschafe, dem Kreischen der Hochseevögel oder dem Schlag der Wellen gegen die bizarren Rauken bei Slite oder die schroffen Felsen vor Högklint durchbrochen wird.

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Die Erinnerungen alle noch so präsent: die Schlaglöcher auf den krummen Inselstraßen, das leere Schwimmbad in Hemse, die klebrigen Kanelbullar aus Hablingbo, der kilometerlange Strand von Nisseviken, der fiese Dorn in Pippas Pfote bei Fidenäs, das Versäumnis mit Fårö und die Entdeckung, dass man ab Tag fünf des Inselexils (der auf Tag 12 der gesamten Reise fiel), allmählich mit Selbstgesprächen beginnt.

Kurze Sequenzen zwar nur und diese freilich nicht zur Wand hin oder ins Spülbecken oder übers Verandageländer gesprochen, sondern an den kleinen Hund adressiert, der immer neben einem ist und für nahezu alles einen wachen Blick oder ein freundliches Schwanzwedeln parat hat. Ein verlässliches Reagieren und Antworten, manchmal auch ein Auffordern und Fragen (Geh’n wir jetzt los? Spielst du mit mir?), ein so wohltuendes und selbstverständliches Bezogensein aufeinander, mehr als von so manchem Menschen zu erwarten ist, und vor allem so gleichbleibend freudig und zugewandt, so fern von jeglichem Wankelmut und Seelenzirkus, dass einem das Herz aufgeht und es ganz und gar überflüssig wird, auch nur einen Moment lang über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu sinnieren.

Jedem Blick und Kontakt dieses „Wo du bist, dort will ich auch sein, dort bin ich zuhause und zufrieden“ innewohnend, das einen ebenso trägt wie bindet, das Struktur gibt und einen bewegt, Letzteres sogar im doppelten Wortsinne.

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Die Zeit ist nicht nur die Komplizin des Vergessens, sondern auch die Kumpanin der Verklärung und Verzerrung. Manches, was nicht dem Vergessen anheimfällt, wird, je mehr Zeit vergangen ist, gern zum Gegenstand verklärender oder verzerrter Betrachtung.
In der Retrospektive und im Erinnern erscheint uns das Erlebte dann intensiver als es tatsächlich war: Gipfel werden höher, Wegstrecken länger, Verletzungen tiefer, Unwetter widriger, Liebe leuchtender, Schmerzen schrecklicher, Begegnungen einzigartiger, Gespräche bedeutender, Töne klangvoller und Farben satter.
Dieses Phänomen macht auch vor unseren Reiseerinnerungen nicht immer Halt: das Entlanghatschen des Jakobsweges wird im Rückblick tatsächlich zur ersehnten Seelenkatharsis, die Alpenüberquerung zum überfälligen Befreiungsschlag und Aufbruch in eine neue Ära, selbst ein viertägiger Kurztrip nach Passau kann – mit der falschen Begleitung, bei Dauerregen und in einer schlecht beheizten Unterkunft – zu einer Expedition in psychische und physische Gefilde werden, die denen eines Survivalcamps in der Wildnis Neufundlands in nichts nachstehen.

Ja, die Zeit (bzw. man selbst in ihr und durch sie) ist sogar imstande, die Toten in einem Licht erstrahlen zu lassen, in dem man sie zu Lebzeiten kaum je wahrnahm oder sie in der unbarmherzigen Dunkelheit des Vergessens zu versenken, was ihnen womöglich auch nicht gerecht wird.

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Gedanken, die ich niederschreibe, während ich eigentlich damit beschäftigt war, mich auf eine berufliche Unterredung in der kommenden Woche vorzubereiten, für die sich ein recherchierendes Kramen in Erinnerungen und Notizen durchaus empfahl und der es vielleicht sogar zuträglich ist, dass sich das Kramen dann verselbständigte, weil man dadurch ja nochmal richtig eintaucht in das, was damals war und sich daraus das, was nun kommen könnte oder sollte, besser herausschälen lässt.

Vielleicht verleitete auch nur das Drumherum – Sofa, Tee, Schokolade, Wolldecke mit Dackel drunter- zum gemütlich-genüsslichen Abschweifen.

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Suburbia (3): (…) den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Von To-go-furniture, Ghost-Living und Spongebob-Having.

Eine der Wohnungen in unserem Haus habe ich „die Pechwohnung“ getauft.
Nein, nicht unsere, die ist schön, auch wenn wir wegen des Drumherums hier nicht glücklich werden. Die Pechwohnung befindet sich im Erdgeschoss.

Bereits an unserem Umzugstag fragte mich die Belegschaft der Metzgerei gegenüber, bei der ich für die Möbelpacker zu Mittag ein gutes Dutzend Leberkässemmeln geordert hatte (weshalb man dort sogleich Hoffnung schöpfte, zukünftige Kundschaft zu gewinnen, was sich als Irrtum entpuppen würde bei einem Haushalt mit 1,5 Vegetariern, aber das behielt ich erstmal für mich), gründlich darüber aus, in welche der Wohnungen in dem Neubau wir denn einzögen.
Ins erste OG? Achso, naja, schade, dann blieben wohl im Erdgeschoss weiterhin die Jalousien unten, das sähe halt arg unbewohnt und verrammelt aus und das auch schon so lange. Man frage sich ja seit Monaten, wann denn überhaupt mal jemand in das Haus einziehen würde, es wirke so unbewohnt, selten ginge dort mal jemand ein oder aus, aber nun seien ja wir da – so kommentierten sie’s und schoben mir die in Alufolie gewickelten Kraftspender über den Tresen, damit ich sie in meinen Korb packen konnte. Zum Abschied noch der freundliche Hinweis, dass man jederzeit gern für das Dackelfräulein Fleischreste beiseite legen würde – für „ummasunsd“ (mia san jetzad ja Nachbarn).

Schon ein paar Wochen nach unserem Eintreffen sollte Schluss sein mit der dauerverrammelten Erdgeschosswohnung, zumindest dachten wir das, als der Möbelwagen vorfuhr.
Dr. B., ein pomadiger Finanzheini in den Spätdreißigern mit Schweizer Autokennzeichen, zog ein, entpuppte sich jedoch beim Erstkontakt als Exilschwabe, immerhin aber als Dackelfan, so dass man gewogen war, über Pomade, Beruf und Herkunft erstmal gnädig hinwegzusehen. Dr. B. zog an einem einzigen Tag ein und richtete sich auch an diesem einen Tag bereits fertig ein.
Das war nur insofern möglich, weil Dr. B. ausschließlich „furniture to go“ besaß: alles – Geräte, Möbel, Vorhänge – war neu, schick und schmerzfrei, alles war im Nu aufgestellt, installiert und betriebsbereit.
Wenn man keinerlei persönliche Gegenstände besitzt und Individualität lediglich aus dem persönlichen Freischaltungscode des Vodafone-Multimedia-Highspeed-Pakets besteht, ist so ein Umzug nämlich richtig schnell erledigt.

Dr. B. war also binnen 24 Stunden eingezogen und angekommen. Noch am Tag seines Eintreffens machte er seine Runde durchs Haus, um sich seinen neuen Nachbarn vorzustellen, höflich und freundlich, aber man merkte wohl, dass er das vor allem hinter sich haben wollte. In den Folgewochen wurden die wenigen noch fehlenden Utensilien per Amazon geliefert: Joggingschuhe, DVD-Player, Espressomaschine und notgedrungen auch ein kleiner Rasenmäher für den vermutlich eher ungewollten Garten, der bis dahin recht trostlos vor den verschlossenen Fenstern der Pechwohnung vor sich hin vegetieren musste.
Seinen dicken, dunklen VW Touareg tauschte er nach den ersten Erfahrungen mit der vom Architekten dieses Hauses sehr platzsparend konzipierten Garage notgedrungen gegen einen schlanken VW Polo ein.
Ansonsten hörte und sah man nicht viel von ihm. Im Wäschekeller wälzte der Miele-Trockner manchmal um Mitternacht stoisch die fünf Oberhemden um (five shades of boring business-blue), die Dr. B. durch seine business-week geleitet hatten.

Gleichwohl roch man morgens im Treppenhaus, wenn er gerade aufgebrochen war zu seinen Finanzkumpels im City-Office (five cl of Joop!), ab und an traf man ihn sogar mal leibhaftig, meist beim Aufbruch zum Morgengassi. Das Dackelfräulein durfte ihm sodann ungestüm unter das gebügelte Anzughosenbein rüsseln.
Dr. B. mochte Dackel, seine Mutter hatte nämlich mal einen, daher patschte er ihnen nicht ungelenk mit der flachen Hand auf dem Kopf herum (was ja viele Hunde, besonders die kleinen, hassen), sondern verstand es, sich korrekt mit einen tiefergelegten Kinnkraulen dem Hund zu nähern. Zwar konnte er sich in den wenigen Monaten seiner To-go-Existenz hier in unserem Haus nicht merken, dass Pippa kein „er“ ist und „Pippa“ heißt, aber das nahmen wir ihm nicht krumm.

Was sich durch Dr. B.s Ankunft allerdings nicht die Bohne verändert hatte, war die Jalousiensituation: die Dinger blieben unten. Hartnäckig. Und grundsätzlich. Tagsüber sollte wohl das nagelneue to-go-furniture vor neugierigen Blicken geschützt werden oder Dr. B. vergaß einfach frühmorgens – zwischen Coffee-to-go, dem Hantieren mit der Pomade und der „Börse vor 8“ – jene Taste zu betätigen, die die Rolladen geöffnet hätte (oder ärgerte sich darüber, dass es hierfür nicht auch eine Fernbedienung gab).
Abends, wenn er spät vom Job heimkam und vor dem Fernseher einen Absacker trank, lohnte es sich auch nicht mehr, die Rollos hochzufahren. Nur manchmal, an lauen Sommerabenden, war tatsächlich ein 20cm breiter Spalt offen, wahrscheinlich der Belüftung wegen. Man sah dann etwas Licht, vermutlich das Flimmern der Aktienkurse im TV, und ab und zu sogar die Füße von Dr. B., die stets in schwarzen Socken steckten oder barfuß auf einem Lederhocker ruhten.

An den Wochenenden war er grundsätzlich in der Schweiz und die Jalousien blieben natürlich dort, wo sie eh schon waren: unten.
Irgendwann blieben sie dann für immer geschlossen, denn Dr. B. war völlig unbemerkt wieder ausgezogen. Der Finanzjob hatte nicht den expectations entsprochen oder war keine adäquate challenge – wer weiß das schon so genau, Dr. B. war jedenfalls wieder weitergezogen.
Sein To-go-Mobiliar hatte er der Einfachheit halber dagelassen, wir vermuteten, dass er es entweder an arbeitslose Banker gespendet hat oder fachgerecht entsorgen ließ, bevor er die Pechwohnung an den Vermieter zurückgab.

Die zwei Räume plus Küche-Bad-Flur hatten also kein Glück gehabt, sie mussten weiterhin im Dunkeln ihr Dasein fristen und aufpassen, nicht trübsinnig zu werden bei diesem Kaspar-Hauser-Leben, das zu führen sie verdammt waren. Die bunte Welt da draußen kannten sie nur vom Hörensagen oder aus Fernsehbildern.

Und wieder blieben die Jalousien monatelang dicht.

Ein paar Wochen nach Dr. Bs Verschwinden tat ich der Metzgereibelegschaft den Gefallen, ein Schälchen Kartoffelsalat zu kaufen und dabei ungefragt die aktuelle Lage zu erläutern, weil ich ahnte, dass das verrammelte Erdgeschoss weiterhin kritisch beäugt und diskutiert wurde.

Einige Zeit später wurde bekannt, dass ein neuer Mieter für die Pechwohnung gefunden sei: Herr F., den wir – Google sei Dank – in Nullkommanix als BWL- und Versicherungsfuzzi entlarven konnten. Gewissermaßen also ein Klon von Dr. B., nur ohne Promotion, in benachbarter Brangsche tätig und etwas jünger, wahrscheinlich daher noch ohne Pomade und Bügelfalten, vielleicht nicht mal ein Dackelfreund.
Wir wissen es nicht genau bzw. überhaupt nicht, denn Herr F. zog nie in seine neue Bleibe ein. Einzig sein großes TV-Gerät (das basic jeder To-Go-Möblierung) traf eines Tages ein und wurde irgendwo hinter den heruntergelassenen Jalousien versteckt.
Herr F. hat vor noch Einzug wieder gekündigt. Tja, auch das ist München at its best: wer ko, der ko! – das muss man sich ja erstmal leisten können, hier 3-4 Monatsmieten in den Sand zu setzen und die Moneten nicht mal ansatzweise persönlich abzuwohnen…

So wurde eines Tages der TV unbemerkt wieder entfernt und die Pechwohnung stand erneut leer. Der Eigentümer nahm einen Maklerwechsel vor, vermutlich hatte er zum bisherigen, sehr schleimigen Wohnungsverschacher-Hai (ich hatte den Typen mehrfach mit diversen Dr.B.-Klonen bei Besichtigungsterminen gesehen – seltene Stunden, zu denen die Jalousien jeweils komplett hochgezogen wurden, obwohl das der Wohnung weder entsprach, noch bekam, ja womöglich ein schwerer Schock für sie gewesen sein muss, so wie wenn einem des Nachts in einer DAV-Hütte, wenn man grad endlich mal eingeschlafen ist bei all dem Geschnarche ringsum, plötzlich ein angeschwipst umherirrender Zimmerkumpan mit seiner Taschenlampe grell ins Gesicht leuchtet, weil er ausgerechnet dort seine Schlafstatt vermutet) nach den zwei Fehlschlägen einfach kein Vertrauen mehr.

Das Jahr ging für die Erdgeschosswohnung verrammelt und in Dunkelheit zuende, so wie es auch begonnen hatte. Und 2018 begann zunächst ebenso düster.

Kurz nach dem Jahreswechsel kam uns zu Ohren, dass erneut ein Mieter für die Pechwohnung gefunden sei, der angeblich noch im Januar einziehen würde. Gespannt blickte man nun bei jedem Kommen und Gehen auf die hellgrauen Jalousienfronten im Erdgeschoss. War da vielleicht ein kleiner Ritz zu sehen? Tat sich da schon etwas? Oder standen die Lamellen noch so wie am Vortag?

Eines Tages, die Rolläden waren noch immer verschlossen, befanden sich im Waschkeller plötzlich zwei neue Geräte. Wenig später klebten zwei neue Namen an der Klingel zur Pechwohnung. Aha – ein Paar wollte hier sein Glück suchen und der Düsternis ein Ende bereiten! Und in den letzten Januartagen, ich fuhr gerade mit dem Aufzug in den Keller, war auf dem Weg Richtung Garage, um das Dackelfräulein zum See zu kutschieren, war es dann tatsächlich so weit: der männliche Part des Pechwohnungs-Paares stand plötzlich im Kellerflur vor mir.
Ein Gruß wurde ausgesprochen, mit schwäbischer Note (zieht die Pechwohnung etwa bevorzugt Schwaben an?!?), ansonsten fiel mir nur auf, dass der Neue dem Gebaren nach ganz bestimmt kein Finanz- oder Versicherungsfritze sein konnte (korrekt!, wie das Internet bestätigte) und dass er in seinem Leben offenbar noch nie einen Hund oder gar Dackel gesehen hatte.
Grad dass er nicht zur Seite sprang, als das Dackelfräulein ihn freundlich schwänzelnd begrüßen wollte, oder ihm ein angeekeltes „Iiih!“ entfuhr! Sekunden später kam seine Angetraute oder Lebensabschnittsgefährtin aus der Garage. Als sie Pippa sah, zuckte auch sie zusammen, und kaum wuselte ihr unser liebreizender Hund um die Füße, zog sie ein Gesicht als würde sich ein blutender Blobfisch über ihre Schuhe schieben.

Was soll ich sagen? Die Sache war gelaufen! Quasi binnen Sekunden waren die Würfel gefallen!
Bei der Zweit- und Drittbegegnung wurde dieses Verhalten keineswegs besser, lockerer oder entspannter.
Ja, besonders die Drittbegegnung war heikel, denn die Neue trug ein spongebobähnliches Riesenstofftier durchs Treppenhaus und für Pippa war sonnenklar, dass das nun endlich das ihr zugedachte Einstandspräsent sein müsse und sie schien daher sogar geneigt, der seltsamen Nachbarin ihr bisheriges Verhalten zu verzeihen. Aber nein, das kastige Monster wurde quietschend vor Angst oder Ekel in die Höhe gehoben und dem Dackelfräulein verweigert!

Zugegeben, diesmal kostete ich die Lage aus und rief Pippa nicht sofort zu mir, sondern ließ die Neue ein Weilchen zappeln, weil das gar so ulkig aussah: die kreischende Frau auf Zehenspitzen mit dem knallgrünen Monsterstofftier in den Armen. Herrlich!
Derweil erklärte ich ihr seelenruhig, dass mein Hund ihr Spongebob-Plagiat als Spielgefährten betrachtet und sich deshalb so exorbitant freut.
Ihr Mann kam ihr zu Hilfe, fuchtelte unbeholfen mit einem Arm herum und versuchte, die Situation mit einem „Desch is ja ’n aufg’weckta Kerl!“ zu entschärfen. Da er aber einen Geländewagen unter dem anderen Arm trug (so ein Teil in Bobbycar-Größe – man fragt sich ja schon, was Leute, die um die 50 sind und keine Kinder haben, für Krempel besitzen), fiel er bei Pippa natürlich in dieselbe Kategorie wie seine Gefährtin („Potentiell neuer Kamerad mit Spielgerät zur besänftigenden Überlassung inkl. Antragstellung auf gute Nachbarschaft beim 1. Haus- und Hofhund am Platze“).
Ich klemmte mir dann (quasi aus paritätischen Gründen) meinen Hund unter den Arm und machte mich aus dem Staub.

Staub. Gutes Stichwort!
Denn bei der vierten Begegnung sprach mich der Neue unfreundlich und grußlos an (es war der Umzugstag, er trug Baseballkappe und Sweatshirt und wirkte etwas gestresst ob der vier kein schwäbisches Wort verstehenden Inder, die sein Umzugsgut ganz offensichtlich nicht in der gewünschten Weise in die Pechwohnung trugen) und fragte mich unvermittelt, ob ich ihm meinen Staubsauger für den Reschd des Tages ausleihen könne, da die Inder bereits Löcher in die Wände bohren würden, und da wäre es ja schon praktisch, den Bohrstaub und das doch recht reichlich splitternde Mauerwerk gleich an Ort und Stelle mit einem Sauger aufzufangen. „Ungern“, entgegnete ich, da ich mir bei unserem Einzug unseren alten Staubsauger mit vergleichbaren Aktionen ruiniert hatte und den neuen nicht in Hände geben wollte, die ich noch nicht mal selbst in gutem Gefühl geschüttelt hatte.

Da war der Schwabe beleidigt, glaube ich. Entsprechend kurz angebunden verliefen die nachfolgenden Begegnungen. Auch Pippa ignoriert die beiden mittlerweile – wer es sich erst mal gründlich mit ihr verscherzt hat, ist logischerweise keines Dackelblickes oder Schwanzwedelns mehr würdig.

Aber häufig sieht man einander eh nicht, denn – Sie ahnen es sicher schon! – die Jalousien sind mal wieder unten.
Sogar tagsüber sehr konsequent, und das, obwohl der Neue daheim arbeitet. Vielleicht ist er Pornofilmproduzent oder Geldfälscher – oder die beiden haben zuvor im Souterrain oder Keller gewohnt und müssen sich erst langsam ans Tageslicht gewöhnen (man soll ja nicht immer gleich das Übelste annehmen).

Den neuen Nachbarn gebe ich dennoch deutlich länger als Dr. B. und dem nie erschienenen Herrn F., ich tippe tollkühn auf mehr als 3 Jahre.
Einfach deshalb, weil ich davon ausgehe, dass Menschen mit spongebobähnlichen Monsterstofftieren, albernen Kleinjeeps, schwäbischer Herkunft und einer doch erklecklichen Anzahl von vier Indern hineintransportierten Möbelstücken und Kisten nicht in drei Monaten wieder weg sind (einen haben sie ja bereits geschafft).

Möge uns das Schicksal gewogen sein und uns den näheren Fortgang sowie das Ende dieser Pechwohnungs-Episode nicht mehr live miterleben lassen, obwohl ich mikrosoziologischen Langzeitstudien dieser Art durchaus etwas abgewinnen kann.

Was für eine verrammelte, verschlossene Welt.
Ein bedrückendes Verstecken, Verbarrikadieren und Verschließen – so empfinde ich das zumindest.
Wenn ich hier in Suburbia nachts mit unserem Hund durch die Straßen spaziere, dann ist alles dicht, alle haben sich abgeschottet. Keine Menschenseele ist irgendwo zu sehen.
Leben die noch oder sterben die schon?, frage ich mich manchmal, wenn ich auf die vielen bodentiefen, blickdichten Lamellenfronten gucke.

Unweigerlich denke ich dann an diesen Spätsommer vor ein paar Jahren, den ich auf Gotland verbrachte.
Wie ich mit dem Dackelfräulein in der Dunkelheit über die Insel fuhr oder wanderte, und überall waren warme Lichter zu sehen, die Fenster so offen wie die Türen, hie und da mal ein zugezogener Schlafzimmervorhang, ansonsten aber sichtbares Leben in all seinen Schattierungen und Zuständen.
Die Menschen dort verstecken sich nicht bei Einbruch der Dunkelheit, sondern sie wagen es, sich in ihrer ganzen Banalität oder Besonderheit zu zeigen. In Gesprächen erfuhr ich, dass sie das nicht mal als ein Wagnis oder ein Sich-Zeigen betrachten, sondern es ist stinknormal, dass man abends weiterlebt und -wohnt als wäre es draußen noch hell.
Der Schwede geht einfach nicht davon aus, dass ihm jemand was wegglotzt und es juckt ihn auch nicht, wenn der Nachbar sieht, dass man mal kurz in der Nase bohrt (und aus Kindheitsurlauben in Holland erinnere ich mich noch gut daran, dass man es dort genauso hielt).

Man sieht sie alle in ihren Häusern herumlaufen, -liegen oder -sitzen, in ausgebeulter Jogginghose oder im eleganten Etuikleid oder irgendwas dazwischen, allein, zu zweit oder in Gesellschaft, mit Hund oder Katze, lesend, lernend, denkend, weinend, lachend, essend, trinkend, putzend, sich unterhaltend, sich berieseln lassend, schweigend, liebend, streitend, genießend, leidend – und vielleicht sogar sterbend.

Mich hat dieser Anblick, diese Offenheit, diese Sichtbarkeit des Lebens zutiefst beruhigt, ich war dort ganz alleine unterwegs und fürchtete mich nirgends, nicht mal nachts.

In den letzten Tagen meiner Zeit auf der Insel schloß auch ich die Tür meiner Hütte nicht mehr ab und zog die Vorhänge nicht mehr zu. Frühmorgens, wenn ich mit dem Dackelfräulein im Arm langsam die steile Holztreppe von der Schlafkammer hinunterstieg, guckte das Pferd des Nachbarn durch das Sprossenfenster neben der Verandatür direkt in mein verschlafenes Gesicht und entlockte dem Dackelchen ein erstes Brummeln.

Ein schöner Start in den Tag und ein perfektes Lebensgefühl war das.

Haifischzähne und Healing Tootsies.

Wir danken recht herzlich für all die Genesungswünsche!

Das Dackelfräulein ist längst wieder fit (was natürlich die Hauptsache ist), ich hingegen musste mich heute nach kurzer Morgeneuphorie und verfrühtem Kaffeegenuss doch wieder in die Koje hauen. Dabei war ich gedanklich schon auf dem Weg ins Schwimmbad, zumal nach peinlicher, 3-wöchiger Übergangszeit im ausgeleierten, zerfransten und leicht durchsichtigem Schwimmanzug dieser Tage endlich ein passender neuer eingetroffen war.

[Ein Graus, dieser Kauf: Badeanzüge, selbst die namhafter Hersteller, halten mittlerweile keine 100 Schwimmbadbesuche mehr durch, dann beginnt das Material sich bereits an den chlordurchflussstärksten Zonen aufzulösen. Einen neuen Schwimmdress erwirbt sich’s leider keinesfalls en passant, weil a) sich alle Hersteller massiv in Größen und Schnitten unterscheiden (was einen beim Anprobieren bisweilen an der eigenen Figur verzweifeln lässt), b) die Ausgestaltung von „normaler/mittlerer/hoher Beinausschnitt“ eine Wissenschaft für sich ist (nur 1cm Stoff zwischen Taille und Beckenknochen ist schon eher arg wenig statt normal) und c) aufgrund der Farben und Muster sowieso 85% aller Schwimmanzüge ausscheiden (und die Auswahl ist ja ohnehin begrenzt, da es viel mehr plantschorientierte Bademode als schwimmtaugliche gibt). Künftig werde ich mir diese jährliche Qual ersparen und bei einem gut sitzenden Badeanzug gleich doppelt zuschlagen.]

Müssen wir wohl beide noch eine Weile herumhängen bis zur Einweihung.

Schonung ist also angesagt, nicht Ungeduld, denn morgen muss man hier wieder fit sein, wenn der Ernährer&Versorger frühmorgens für ein paar Tage zum Dienstort entschwindet.

Gucke YouTube-Videos über die Åland-Inseln (so viele Brücken, so viel Stein, so viel Wasser!), die Gemeinden tragen so schöne Namen wie Lumparland, Jomala und – nomen est omen – Hammarland. Sich ein paar Monate in so eine Hütte am Wasser verkriechen, mit eigenem Steg und Boot, dort ein Buch oder auch nur eine Reisereportage schreiben – das wär’s. Hin über Stockholm, zurück über Turku.
Im Hintergrund läuft der näherliegendere Traum in Endlosschleife: das 360-Grad-Panorama von der Skisprungschanze in Garmisch, wo es Neuschnee hat, die Sonne die Gipfel leuchten lässt und aus der Partnachklamm die letzten Nebelschwaden aufsteigen. Ich hasse Krankdaheimrumliegen und sehne mich nach frischer See- oder Bergluft.

Zu Wochenbeginn diesmal keinen Pressespiegel vom Gatten erhalten, sondern das großformatige Ungetüm selbst gelesen und so auch mal wieder amüsante Annoncen mitbekommen. Wäre ich ungebunden und zu Experimenten aufgelegt, tät‘ ich mich glatt melden auf eine Bekanntschaftsanzeige mit der Überschrift „Der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht!“, ein Spitzen-Intro, wie ich finde, und das nicht nur im Vergleich zu „Gutsituierter Akademiker in den besten Jahren…“ oder „Einsamer Bengel sucht hübschen Engel“ oder dem brechreizerzeugenden „Nur mit dem Herzen sieht man gut“ (und offenbarte der Kandidat tatsächlich Haifischzähne oder ein Pferdegebiss, könnte man ja immer noch das versteckte Messer zücken und die Sache abkürzen).

Staubtrockener Zwieback rutscht besser with a little coke and sympathy & some music und das viele Liegen wird einem doch erheblich versüßt von einer kleinen Beiliegerin, die einem die reizenden Hasenfüßchen fast ins Gesicht streckt.

Well, we all need someone we can lean on
And if you want it, you can lean on me

She said „My breasts, they will always be open
Baby, you can rest your weary head right on me
And there will always be a space in my parking lot
When you need a little coke and sympathy“

We all need someone we can feed on
And if you want it, well you can feed on me
Take my arm, take my leg, oh baby, don’t you take my head.

[Das Video muss leider wegen der grimassierenden Fratze von Mr. Jagger, die meiner Übelkeit heute gar nicht zuträglich wäre, entfallen.]

Mal langsam machen.

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Morgens um 8:45 Uhr.

 

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Einstündiger Spaziergang vom Häuschen zum Sillnäs Fyr.

 

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Kurz vor Ende Gelände (bzw. Geländer).

 

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Picknick auf der menschenleeren Leuchtturminsel, dann gemütlich retour.

 

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Nachmittags um 15:50 Uhr.

Es war ein langsamer Tag. Hat uns gut getan.

Einzige Unruhe heute: In der Süddeutschen ist ein Artikel, den ich hier schmerzlich vermisse.

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Gut gemeinte WhatsApp eines Bekannten. Leider nicht vollständig.

Könnte mir den jemand vernünftig fotografieren und zuschicken (per Handy oder an kraulquappe@web.de)? Das wäre ganz wunderbar!!!
Nicht, dass ich mich doch noch aus Frust über die Blaubeerkekse hermache

Die- oder derjenige hat als Dankeschön einen Themenwunsch frei, für einen der nächsten Beiträge auf diesem Blog.

Hoffnungsvolle Grüße
Die Kraulquappe.

Kvinnan med tax oder: Schwedische Hunde-Hysterie.

Eigentlich war das ein Tag, der es verdient hätte, einzig mit einer ehrfürchtigen und stillen Fotoserie gefeiert zu werden: Gut geschlafen, tolles Wetter, beste Stimmung zwischen Mensch und Hund, wunderbarer Ausflug auf eine traumhaft schöne Insel, Picknick in der Natur usw..

Sätze, die mit „eigentlich“ beginnen, schreien natürlich nach einem „aber“. Gleich kommt es, das ABER, ich versuche dennoch, mich damit so kurz zu fassen wie es geht (es wird eher nicht gehen) und den Fokus überwiegend auf das Erfreuliche zu richten.

Als wir am Vormittag in Hällevik eintrafen, hätte mir das Ortschild schon eine Warnung sein müssen, dass die Schweden, heidnisch verbrämt wie sie offenbar sind, nicht alle Tassen im Schrank haben. Stattdessen hielt ich erfreut an, schoss ein Foto von dem lustigen Schild …

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… und fuhr weiter Richtung Fischereihafen Hällevik.
Wieder einer dieser hübschen Orte an der Südküste, die nach Saisonende ganz der Natur und den Tieren zurückgegeben werden.

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Nur die Räucherei (hier hat man sich auf Aalfang spezialisiert) hat Museum und Verkaufsstube offen, was aber bloß Pippa interessiert, denn ich vertrage Fisch wegen des hohen Histamingehalts leider nicht so gut.

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Der Ort hat neben netten Häuschen auch einen kleinen Leuchtturm zu bieten …

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… wir können uns aber nicht allzu lange dort umsehen, weil wir noch 3km bis zum Fährhafen im benachbarten Nogersund zu laufen haben.

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Von hier aus legen die Fähren Kutter zur Insel Hanö ab. Die Insel Hanö wird von meinem alten Reiseführer-Freund Rasso in seinem Südschweden-Buch als „Perle der Ostsee“ bezeichnet und bislang konnte ich Rasso immer vertrauen.

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Pünktlich sind wir am Anleger, gehen an Bord und – jetzt kommen wir zu dem ABER! – werden, als wir uns in den einzigen für Fahrgäste gedachten Raum begeben wollen, von der Kapitänsgehilfin angeraunzt. Höflich entgegne ich auf Englisch, dass ich sie nicht verstehe, woraufhin sie mir, nun ebenfalls auf Englisch, erklärt, ich dürfe mit Hund dort nicht hinein.

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Ich frage, wieso. Sie zeigt auf ein Hund-in-rot-durchgestrichen-Schild über der Tür. Ich frage nochmal, wieso Hunde dort verboten seien. Sie murmelt was von „some passengers have allergies“. Ich frage, welche anderen Passagiere sie meine. Sie zeigt auf ein schwedisches Ehepaar, das hinter mir den Kutter betreten hat. Ich erkläre ihr, dass dieses Paar nichts gegen meinen Hund hat, da es ihn bereits am Hafen ausführlich gestreichelt hatte und sich sogar am Ohr abschlecken ließ. Die netten älteren Leute bestätigen das. Sie sind außer mir die einzigen Fahrgäste.

Die Kapitänsgehilfin beharrt auf dem Hundeverbot und ergänzt, dass auf Hanö ein kranker Mann mit Allergien lebe, der diesen Kutter auch benutzt. Zwar nicht heute, aber gelegentlich. Aha. Sie deutet mir an, ich könne mit Pippa aufs Außendeck gehen oder im Vorraum stehenbleiben. Ich fluche auf Deutsch, zunächst ein „Verdammt nochmal, dass ich nicht auf Englisch oder – noch besser – auf Schwedisch fluchen kann!“, dann „Scheiß-Schweden!“.

Die haben hier echt landesweit eine bekloppte Hunde-Hysterie. In kein Lokal, in kein Café, in kein Hotelrestaurant (manchmal nicht mal ins Hotel!) kommt man mit Hund rein, zumindest nicht ohne hartnäckige Verhandlungen, und wenn es dann klappt, dann landet man an einem Katzentisch im hinterletzten Eck (und mal ehrlich: mit einem Hund am Katzentisch, das schlägt dem Fass doch den Boden aus!).

Dann klemme ich mir schnaubend meinen kleinen Hund unter den Arm und stapfe die Treppe zum Außendeck hoch.

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Da hocken wir nun. Auf den Stufen, nah an der Reling. Der Kutter startet. Die 30 Minuten nach Hanö sind ein Abenteuer, denn es hat so krassen Seegang, dass die Gischt aufs Deck spritzt, der Kutter schaukelt wie wild, der Wind pfeift uns um die Ohren, die Motoren dröhnen, der Diesel stinkt. Ich kann mich auf den Stufen sitzend nicht anlehnen, Pippa ist das Ganze nicht geheuer und als die beruhigende Hand nicht mehr hilft…

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… muss ich sie auf den Schoß nehmen und festhalten, was mir nach 20 Minuten schief sitzen und Wackelausgleichsversuchen üble Rückenschmerzen beschert.

Kurz vor Hanö kommt die Kapitänsgehilfin aufs Außendeck geschwankt und will das Geld für den Fahrschein kassieren. 68 Kronen für die Hin- und Rückfahrt, toller Nachsaisonpreis zwar, aber ich sag‘ ihr, dass ich das nicht voll bezahlen werde, weil ich hier oben nicht den vollen Komfort hatte. Ehrlich gesagt: ich hatte gar keinen. Es geht nochmal eine Weile hin und her, schließlich zahle ich den halben Preis für diese genussreduzierte „Vuxen rundtur“ durch das Gewässer im Land des Hexenkults.

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Genug gemotzt. Schweden hat großes Glück, dass es mir sonst so gut gefällt, dass ich auch weitere Male hierher reisen werde, aber in Sachen Hundefreundlichkeit kann man dem ganzen Land nur eine intensive Verhaltenstherapie verordnen (inklusive Aufklärungsarbeit über Gesundheitsrisiken durch Kontakt mit Hunden).

Die Stunden auf Hanö entschädigten mich allerdings für den Ärger bei der Überfahrt mehr als reichlich.

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Der Hafen von Hanö.

 

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Auf dem Weg durch den winzigen Ort.

 

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Herbst auf Hanö. Fußballsaison für Pippa.

 

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Auf dem Weg zum Fyren, dem höchstgelegenen Leuchtturm der Ostsee.

 

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Auf 74 Meter Höhe: Der Hanö Fyn.

 

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Eine Skulptur auf dem Weg zum Englischen Soldatenfriedhof.

 

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Achso, das ist gar nicht Kunst, sondern eine David-Bowie-Gedenkstätte!

 

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Der Engelska kyrkogarden. Viele Soldaten waren’s ja nicht.

 

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Wanderung bis an die Nordspitze der Insel, zur Landzunge Brönsäcken, die von Wind und Wellen ständig umgeformt wird.

 

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Zurück zum Hafen an der Westküste entlang.

 

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Ohne Worte.

Nach 3 Stunden sind wir geschafft wieder am Hafen und nehmen den Nachmittagskutter zurück nach Nogersund. Die Kapitänsgehilfin knurrt kurz, als wir das Boot betreten, sie sagt was zum Kapitän, und rechnet nicht damit, dass ich einen kleinen Satzfetzen verstehe, weil ich den nun schon öfter gehört habe, im Café, im Hotel, im Klostergarten: „(…) kvinnan med tax (…)“.

Genau, das bin ich! Kvinnan med tax. Die Frau mit dem Dackel.
Wir knurren zurück, trollen uns aufs Außendeck, lassen uns zurückschunkeln und von den ollen Hundehysterikern auf keinen Fall unser schönes Leben vermiesen.

Einen guten Abend wünscht
Die Kraulquappe, vom Winde verweht.

Postskriptum.
Gerade trifft eine Email vom Gatten aus der fernen Heimat ein, die einen Absatz enthält, den ich gleich in diesen Beitrag einfügen und auch beantworten möchte.
Der Gatte schreibt, wie immer anteilnehmend und interessiert an meinem Schicksal, folgende Worte:

"(...) Die Insel sieht wirklich nett aus. 
Hab sogar auf Wikipedia nachgelesen und zu meinem Entsetzen festgestellt, 
dass es im Ort einen krassen Bevölkerungsschwund gibt: 
Im Jahr 2000 gab es 39 Einwohner, 2008 aber nur noch 33!!! 
Aktueller ist Wikipedia nicht, aber wenn das kontinuierlich so weitergegangen ist, 
dann waren es heute, 26.09.2016, nur noch 27! Hast du die alle getroffen?(...)"

Lieber Gatte,
Wikipedia ist wirklich gar nicht mehr auf dem Laufenden. Ich hatte heute, am Nachmittag des 26.09.2016, nur noch das Vergnügen, 8 Einwohner der Insel Hanö zu treffen! In zwei Häusern in Hafennähe sah es zudem so aus, als säßen jeweils Rentner beim Apfelschälen in der Küche. Also lass es 10 sein. Falls der Kapitän und seine Gehilfin auch noch dazugehören, was ich aufgrund der miesen Stimmung zwischen der Besatzung und mir nicht klären konnte, sind es maximal 12.
Wenn es, wie du korrekt berechnet hast, weiterhin alle 8 Jahre zu einer Schrumpfung um 6 Einwohner kommt, ist Hanö im September 2032 leer. Das wär‘ doch dann was für uns! Sind wir da schon in Rente?
Ich vermutlich schon, denn ich rentiere ja jetzt schon vor mich hin, aber wie steht’s mit dir? Naja, zur Not nimmst du mal ein Sabbatical oder drei Forschungssemester am Stück.
Wobei ich zu bedenken gebe, dass Rasso in seinem Reiseführer schreibt: „Seit 1956 leben Damhirsche auf Hanö, zunächst 5, heute geschätzte 100 bis 200 Tiere.“ Nicht auszudenken, wie viele es sein mögen, bis die Insel menschenfrei ist. Das gäbe dann ein Problem mit unserem Hund. Heute konnten wir die Hirsche noch in die Flucht schlagen, aber wie viele Hunde müssen wir mitnehmen, um die riesige Population 2032 noch in Schach halten zu können? Rechnest du das bitte mal aus?
Ich wünsch‘ dir einen schönen Abend und küsse dich!

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Vor kvinnan med tax flüchtender Hirsch auf Hanö.

 

Lohnt sich ja nicht mehr. Ein Kompensationsversuch.

Um eines mal klarzustellen: So eine allein unternommene Reise ist keine Aneinanderreihung von Highlights, super Ausflügen bei permanentem Sonnenschein und rund um die Uhr empfundener Seligkeit.

Gut, ich will nicht meckern, die meiste Zeit hier ist das meiste im Lot, bislang. Sogar ich. Meist geht es mir gut und ich komme wunderbar zurecht mit mir, der Tagesgestaltung, der Arbeit, dem Kochen, dem Dackel, der Bewegung, der Einsamkeit und Ruhe. Meist empfinde ich große Zufriedenheit und Dankbarkeit, dass ich mir gerade einen lang gehegten Traum erfüllen kann.

Aber es gibt auch sie, diese dunklen Momente des Alleinreisens und ich will nicht so tun, als würden sie mich nicht heimsuchen. Das soll ein ehrlicher Blog bleiben und kein gekünsteltes Hochglanztagebuch werden.

Die Rede soll sein von jenen Momenten, in denen alles aus den Fugen gerät. Augenblicke oder Stunden, gar Tage!, in denen der Alleinreisende in Abgründe blickt (und zwar in die eigenen, denn sonst ist da ja niemand), ihm die soziale Kontrolle abgeht, mindestens aber der Partner, der einem mittags dezent zu verstehen gibt, dass man jetzt doch mal duschen könne oder bei gemeinsamen Mahlzeiten darauf bedacht ist, dass gerecht halbiert wird. Oder das bloße Zuzweitsein schon dafür sorgt, dass man einander gegenseitig davon abhält, dann, wenn man gerade gut gesättigt ist, sinnlos Schokoladentafeln oder andere Dickmacher zu mampfen, ja sogar komplett zu vernichten, weil es sich irgendwann ja angeblich nicht mehr lohnt, den Rest aufzuheben.

Gestern Abend geriet meine heile Ferienwelt in eine solche Mampf-Schieflage, dass ich heute unbedingt dafür sorgen wollte, alles wieder in Balance zu bringen. Aber der Reihe nach!

Es begann damit, dass meine Vermieterin mir ein Willkommenskörbchen auf den Tisch gestellt hatte. An sich eine nette Geste. Bei näherer Betrachtung aber ein Affront, zumindest für Menschen wie mich. Das Körbchen war bestückt mit: Blaubeerkeksen, Schokolade, einer Nussmischung, einem Tetrapack Himbeersaft und einer Tüte Tortillachips, Geschmacksrichtung Nacho-Cheese.

Ich freute mich still und artig ob der Geste, bedankte mich umgehend per WhatsApp und räumte alles beiseite, damit es mir weder im Weg herumläge, noch irgendwelchen abendlichen Gierattacken zum Opfer fiele.

Das funktionierte 24 Std lang im Großen und Ganzen gut. Die Kekse sind nämlich nicht mein Ding, weil dieser ins Mittelloch des Kekses reingepresste Beerenklumpen eklig in den Zähnen klebt. Die Schokolade enthielt neben Haselnüssen, auf die ich wenig Wert lege, auch noch Rosinen, die ich hasse wie die Pest. Die Nussmischung ebenso, und aus solchen Mischungen picke ich mir allerhöchstens die Cashews und Walnüsse raus, da es aber nach Billigmarke aussah, war eh klar, dass sich nicht mehr als 2-3 Cashews und Walnüsse da hineinverirrt haben. Der Saft ist mir zu süß, ich trinke kaum Säfte und wenn, nur als Direktsaft oder zur Schorle verdünnt.

So blieben noch die blöden, fettigen, unnützen Maischips als Fressoption übrig. Mais ist mir zwar auch wurscht, aber in Form von Popcorn oder Tortillachips mag ich ihn ganz gern. Also landete diese Tüte besonders weit hinten im Küchenschrank. Ich wollte bei keinem Handgriff über sie stolpern, ich wollte sie ignorieren oder am besten ganz vergessen. Schließlich ist mein Kühlschrank voll mit Dingen, die ich mag und die keine 900kcal pro Packung haben. Und ich mag Reisen und Urlaube, nach denen man keine Diät machen muss, um wieder in all seine Sachen zu passen. Als Selbstversorger sollte das spielend leicht einzurichten sein.

Aber die blöde Tüte knisterte und flüsterte vor sich hin. Unaufhörlich. Seit sie da nach ganz hinten in den Schrank verbannt worden war, gab sie permanent Geräusche von sich. Ich wette, der eine oder andere von euch kennt das und weiß genau, wie sich das anhört! Umso besser, wenn man fast den ganzen Tag draußen ist, dann ist man auf der sicheren Seite.

Gestern Abend, ich saß gerade drinnen und an meiner Arbeit und hatte nebenbei Musik laufen (an Geburtstagen des Lieblingssängers gehört das zum Fan-Pflichtprogramm), fing die blöde Tüte an, lauter zu werden, aufdringlichder, impertinent geradezu, wohl um die Musik zu übertönen oder um nachhaltiger auf ihr verwaistes Dasein aufmerksam zu machen. Was auch immer. Ich blieb zunächst hart. Irgendwann schrie sie. Es klang wie „Hilfe, hol mich hier raus!“ und „Nimm mich zu dir!“. An konzentriertes Arbeiten und Genießen der Musik war beim besten Willen nicht mehr zu denken.

Und irgendwann, bevor mir das Geplärr den gesamten Abend vergällt hätte, erbarmte ich mich ihrer, und das, obwohl ich pappsatt, wirklich absolut pappsatt von meinem üppigen Abendessen war.

Erst war es nur ein gesittetes Schälchen voll, und die Tüte gleich wieder im Schrank verstaut. Dann nochmal nachgefüllt. Und nochmal. Und danach war nur noch so wenig übrig, dass es sich nicht mehr lohnte… Um 22:30 war die Schlacht geschlagen, die Tüte trug ihren Sieg davon und lag leer, erschöpft und verrunzelt auf der Küchenablage, während ich meine Kapitulation in Rotwein ertränkte.

Wäre ich nicht alleine hier, hätte mich jemand abhalten können oder ich hätte mich als die Disziplinierte aufführen können und den anderen abgehalten. Oder wir hätten die Tüte gemeinsam, mit vereinten Kräften, zum Schweigen gebracht. Und wenn auch das nicht geglückt wäre, hätten wir sie zumindest teilen können! Aber als Alleinreisender hat man keine Chance, wenn so eine Tüte sich erstmal ins Feriendomizil eingeschlichen hat.

Viel zu vollgefuttert und mit einem Hauch von Selbstekel wegen dieses elenden Völlegefühls (und auch noch selbst schuld daran zu sein!) kroch ich ins Bett, lag noch eine Weile wach und sinnierte über Phänomene wie Willensschwäche und Genussfähigkeit, und wo da wohl die verträgliche Mitte sei. Über derlei ergebnislosem Grübeln sank ich schwerer und schwerer in die Matratze – und schlief irgendwann ein.

Beim Aufstehen heute Morgen, die Erinnerung an das Geschehene wollte sich gerade wieder meiner bemächtigen, beschloss ich sofort, gnädig zu mir zu sein und mir diese Orgie zu verzeihen. Was soll’s. Darf ja mal sein. Bikinisaison ist eh vorbei. Und man sprengt ja nicht wegen einer albernen Chipstüte bereits am Tag danach alle Hosen. Schwamm drüber. Nicht der Rede wert. Neuer Tag, andere Ernährung. Die Sonne scheint, ich bin in Schweden, das Meer glitzert, die Gegend will entdeckt werden. Carpe diem.

Himbeermüsli zum Frühstück. Gepressten Orangensaft später. Hach ja, bahnt sich da vielleicht ein kompletter Obst-Gemüse-Tag an!?
Vormittags plötzlich Lust auf Laufen, also rein in die Joggingsachen und fast eine Stunde losgedüst. Strandlauf wohlgemerkt, das ist anstrengender als Asphalt oder Waldboden. Mit jedem Kilometer fühlte ich mich besser: Ha, von wegen Schwere und Völllegefühl, die Erinnerung an gestern verblasste bis zur Unkenntlichkeit, leicht wie eine Feder fühlte ich mich, als ich wieder bei meiner Hütte ankam, mich im Garten noch dehnte und bei einem Glas Wasser auf der Terrasse ausdampfte.
Alles wieder im Lot. Totale Katharsis, mental, physisch und überhaupt – dem Sport sei dank.

Beim Duschen überlegte ich mir bereits die Route für den langen Marsch mit Pippa sowie eine Gemüsekreation fürs Abendessen. Als ich anschließend meine Handtücher im hinteren Teil des Gartens zum Trocknen aufhängte, fielen mir erstmals die üppigen Beerensträucher auf.

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Was für eine Pracht. Voll von reifen Himbeeren. Ein Wink des Schicksals musste das sein – an meinem Obst-Gemüse-Tag!

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Ich erntete sie ab, auf dem Weg durch den Garten sprangen mir dann noch die reifen Äpfel ins Auge, ich pflückte sie beherzt ab – Her zu mir, ihr gesunden Gefährten! – und vollbeladen mit Gartenobst stand ich anschließend in der Küche, legte meine Beute in die Spüle, um sie abzubrausen und zuzubereiten.

Tja, die Zubereitung. Plötzlich war da der ernüchternde Gedanke: Äpfel mag ich eigentlich gar nicht sooo sehr und Himbeeren pur sind auch irgendwie seltsam. Ja, und nun? Es ist Quark noch im Kühlschrank, das wäre eine Option. Aber Apfelquark? Geht gar nicht.

Um es abzukürzen: die Lösung hieß Apfel-Himbeer-Crumble.

Butter, Haferflocken und Zucker waren im Haus. Der Ausflug wurde verschoben. Erstens, weil die Zubereitung des Crumbles nun mal seine Zeit braucht, zweitens, weil ich wenigstens eine ofenwarme Portion kosten wollte, und zu guter Letzt, weil ich natürlich wieder die Lohnt-sich-ja-nicht-mehr-Grenze überschritt und mich danach nicht mehr in der Lage zu einem dreistündigen Ausflug fühlte.

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Der Apfel-Himbeer-Crumble-Obst-Tag.

Schuld ist: die Vermieterin. Mit ihrem verdammten Fresskorb hat sie den Anfang gemacht, mit dem dämlichen reifen Obst in ihrem Garten perfide den zweiten Anschlag vorbereitet und dann hat sie nicht mal eine kleine 1-Personen-Backform in ihrer Hütte, stattdessen aber Zucker und Haferflocken en masse.

Vielleicht geh ich morgen wieder Laufen. Das macht den Kopf ja so schön frei.

Aus dem Sommerhaus, in dem nun nichts mehr außer dem Ofen knistert, grüßt euch satt für 3 und immerhin doch noch nach einem Spaziergang in den Nachbarort,

die Kraulquappe.

PS: Die Bilderserie des Tages will ich euch nicht vorenthalten (Hunde-Desinteressierte können nun wegklicken):

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Oh, island in the sun, willed to me by my father’s hand …

 

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… all my days I will sing in praise of your forest, waters, …

 

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… your shining sand!