Song des Tages (50).

Gestern. Sonntagabend, nach 22 Uhr.
Wir liegen nicht nur erschlagen auf der Couch, sondern auch in den letzten Zügen der ersten Staffel einer neuen Serie.
Das Festnetztelefon klingelt. Wir schrecken sofort hoch, denn a) klingelt das abends üblicherweise sehr selten und b) schon gar nicht sonntags und nach 22 Uhr. Der Gatte springt vom Sofa hoch und rennt ins Nebenzimmer. Zu spät, das Klingeln verstummt in dem Moment, als er das Telefon aus der Basisstation reißt. Gerade noch rechtzeitig konnte er aber auf dem Display die zwei Worte „Papi zuhause“ erkennen. „Das war dein Papa!“, ruft er mir zu, und ich bekomme sofort Herzrasen, denn der Papa ruft nie zu so einer Uhrzeit an. Nie! Außer im Notfall.

Ja um Himmels Willen! Das Herz pocht mir sofort bis in die Schläfen, in mir denkt es in Sekundenschnelle: Ist er selbst der Anrufer gewesen, dann liegt die Lebensgefährtin im Krankenhaus, und wenn es aber nicht er war, der den Hörer dort am fernen Tegernsee in der Hand hält, sondern die G., dann ist der Papa im Krankenhaus. Den Drittgedanken behalte ich lieber für mich, der hat hier nichts verloren.
Panik steigt in mir hoch. Hektisch wühle ich zwischen den Sofakissen nach meinem Smartphone (der Papa wählt beim Zweitversuch immer die Mobilnummer), finde es, klappe die Schutzhülle auf und sehe justament den eingehenden Anruf (ich höre Anrufe in den seltensten Fällen, weil ich das Handy zu 98% seiner eingeschalteten Zeit pro Tag auf lautlos geschaltet habe).
„Papi zuhause“, lautet die Botschaft auch in diesem Display. Eilig wische ich das winzige Telefonhörer-Symbol zur Seite, das der Anrufannahme dient, und keuche fast in den Hörer: „Hallo Papi, was ist los?“

Am anderen Ende ertönt die krächzige, aber alles in allem muntere Sonntagabendstimme meines Herrn Vaters, ein verlegenes Lächeln schwingt in ihr mit, als er sagt: „Mir fiel grad siedend heiß ein, dass ja vorgestern der Geburtstag meines Schwiegersohnes war – vor lauter Coronadegöns hab ich das doch tatsächlich verschwitzt.“
Ich kreische ein „Na gottseidank!!!“ in den Hörer und füge an, wie froh ich sei, dass es „nur das“ sei und reiche den Hörer mit immer noch bebendem Arm und klopfendem Herzen an den bereits in ein erleichtertes Glucksen ausbrechenden Gatten neben mir weiter.

Mannomann. O tempora, o menses!

*****

Nachts geträumt, dass ich ein Tablett mit Frühstücksutensilien von der Küche durch den langen Flur ins Wohnzimmer trage und mir beim Gehen so denke: „Huch, der Boden hat ja eine Neigung, ist irgendwie leicht abschüssig, das ist ja seltsam!“.
Kurz vor dem Wohnzimmer entdecke ich dann einen Riss, etwa einen Meter breit, der quer durchs Parkett geht und den südlichen Teil der Wohnung vom nördlichen trennt (was jetzt nach nobler Villa oder Mega-Altbauwohnung klingt, es aber nicht im Geringsten ist) und eine Schlucht freigibt.
Der Graben durchteilt also die Wohnung, ein Blick in den Abgrund offenbart morsches Gebälk, das modrig riecht (vielleicht schon wieder ein Wasserschaden, irgendwo?) und alles sieht entsetzlich marode aus (ich kneife die Augen zusammen und meine, weit unten sogar ein Loch zu erkennen, durch das ich in den Flur der Nachbarsfamilie unter uns spähen kann).

Immerhin erklärt sich nun schlagartig die zuvor empfundene Neigung beim Gehen durch den langen Flur, und weiterträumend ist mir völlig klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch der Flurboden Risse bekommt und einbricht.
Es folgt die glasklare Gewissheit, dass nun alles im Eimer ist. Danach die Überlegung, wie wir vielleicht ein paar Möbelstücke retten könnten, abrupt unterbrochen von dem Gedanken, dass wenigstens die Frage nach der Mietminderung diesmal eine eindeutige Antwort erfahren wird und ja eigentlich auch die Hausratsversicherung einspringen müsste.
Als nächstes schreie ich nach dem Gatten, schreie laut und fast hysterisch seinen Namen und dass er bitte schnell herkommen soll und dass etwas Furchtbares passiert und unser Zuhause für immer ruiniert sei. Bevor er an dem Abgrund, vor dem ich stehe, eintrifft, wache ich auf.

Schöne Nächte sind das zur Zeit. Kaum Schlaf. Daher auch kaum Ausflüge in irgendwelche Traumwelten, aber wenn, dann gleich richtig dolle Abenteuertrips, so wie der von heute Nacht: Grand Canyon in der eigenen Bude. Wow! Das war noch nicht alles, da geht noch mehr, das spüre ich.

Beim Aufwachen und dem bald folgenden Griff zum Handy (kurzer Check, ob die Welt noch steht bzw. die Tageszeitung imstande war, das noch zu vermelden) dann die Erleichterung, dass der Arzt des Vertrauens auf meine Mail geantwortet hat und mir ein Rezept ausstellt, das künftig beim abendlichen Steckerziehen helfen wird. Hab sowas noch nie genommen, möchte aber das leidige Experiment „Leben mit Schlafmangel in Wasserschaden- und Coronazeiten“ nach nunmehr 7 Wochen (und seiner Intensivierungsphase in den letzten drei Wochen) jetzt gern mal unterbrechen oder am liebsten komplett beenden, selbst wenn man derzeit niemanden mehr trifft, der einen auf die Augenringe ansprechen könnte. Die zwanzig Kilometer, die ich nun jogge, um das Wasservermissen und den Schwimmentzug aus dem Körpergedächtnis zu vertreiben, sind sonst bald auch keine sinnvolle Ertüchtigung mehr, in dem müden Zustand droht vieles eine bleierne Schwere zu bekommen, was dann ja kontraproduktiv wäre, weil es ja der Rekreation und Kräftigung dienen soll.

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Aufgestanden, die Jalousien hochgezogen und gestutzt: schon wieder alles weiß. Aha. Naja, auch schon egal. Wieder hingelegt und mit dem Fräulein gekuschelt, das ist immer wie Frühling und Sommer und alles Glück der Welt konzentriert auf einem dackeldonutgroßen Stück der Matratze.

Der Gatte macht Frühstück und trägt das Tablett ins Wohnzimmer und kommt auch unbeschadet dort an, weil vor dem Wohnzimmer nur der übliche verschrammelte Parkettboden liegt, sich aber kein meterbreiter und -tiefer Graben auftut. Beruhigend. Ist also doch noch nicht alles im Eimer. Ich stehe auf.

Routinen tragen einen sanft in einen neuen Tag hinein, manche formieren sich derzeit auch neu, aber wie immer ist es wichtig, dass man sie überhaupt hat, diese Routinen, sie sind stützend und sie erinnern einen daran, dass es trotz allem ja immer noch sehr verlässlich sowas wie einen Alltag gibt und man sich nicht täglich alles neu zusammenklauben muss, damit man durch den Tag kommt.

Kleine Konstanten wie das dampfende Kaffeehaferl auf dem Frühstückstisch, daneben die Ausbeute des Pressespiegels vom Wochenende, vom Gatten mit den vertrauten Textmarker-Kreuzchen versehen, damit ich auf jeder der sorgsam herausgetrennten und zusammengefalteten Seiten gleich erkenne, welcher Artikel der zu lesende ist.
Der kleine Hund, der sich nochmal mit dem üblichen wohligen Grunzer ins Körbchen neben dem Esstisch plumpsen lässt, sich dort einkringelt und geduldig ausharrt, bis die Zeit fürs Morgengassi gekommen ist.

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Morgengassi dann bei klirrend kalten minus 1 Grad durch die weiß bepuderte Allee.
Der Gabenzaun hat sich über Nacht exakt gemäß meiner Befürchtung entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch etwas krasser.
Nasse Klamotten, heruntergefallene Klamotten, eingeschneite Klamotten, aufgerissene Tüten, verteilter Tüteninhalt, hier ein paar Milchpackungen, dort ein paar Damenbinden, extra-saugfähig, daher dekorativ aufgequollen.
Irgendeine besonders helle Leuchte hat am Fuße des Zaunes einen Karton mit Semmeln abgestellt. Ohne Abdeckung. Sehr clever. Sogar die Krähen gucken irritiert und fragen sich, was sie mit einer vereisten Semmel vom Vortag anfangen sollen, versuchen dann aber ihr Glück und zerhacken in trautem Teamwork einen der Tiefkühlwecken.

Woran ich noch gar nicht gedacht hatte, ist, dass diese Müllmeile ja neben all den Klamotten auch bergeweise „Biomüll“ enthalten würde, und dass ich ja mit einem Interessenten für Biomüll jeder möglichen und unmöglichen Herkunft und Beschaffenheit dort entlangspazieren müsste.

Das Dackelfräulein ist nämlich ein sogenannter „Staubsaugerhund“, was, selbst wenn man, so wie ich, ein passionierter Zusammenleber mit diesem sauberkeitsherstellenden Hausgenossen ist, ein ziemlicher Graus ist.
Hundebesitzer, die ebenfalls einen Staubsaugerhund haben, wissen, was ich meine. Darum geht unsereins auch lieber außerhalb der vielbegangenen Routen spazieren, weil sich dann die Objekte der kaniden Begierde wenigstens auf Hasenköttel, Pferdeäpfel, Marderkot, Fischgräten, Jauche, Kadaver und Gebeine reduzieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die städtische Müllentsorgung bald zur Tat schreitet, damit das Morgengassi jetzt nicht täglich ein zehnminütiger Spießrutenlauf wird, wonach es aber nicht aussieht, wenn ich mir die Mülleimer und Wertstoffcontainer so ansehe.

Wieder zuhause angekommen warten gottseidank noch eine zweite Tasse Kaffee und ein Toast mit Quittengelee auf mich.
Immer her mit den Routinen (und an dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die liebe B. aus O., die dafür sorgte, dass es keine Geleeengpässe gibt, speziell jetzt wäre das wirklich nur schwer verkraftbar gewesen)!

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Die derzeitige „Lage der Nation“ verdichtet, wie ich hier eh schon mehrfach sagte (oder dachte?), gerade nahezu alles, was schon vor der Verbreitung dieses Virus‘ zu dicht, zu brisant, zu fragil oder sonstwie zu schwer zu ertragen war.
Auf all das kommt jetzt unter Umständen nochmal eine Schippe obendrauf, wenn es dumm läuft. Und teilweise treten diese Umstände nun auch ein und es läuft dann auch dumm, so wie vorgestern.

Da beschließe ich am späten Nachmittag, nochmal kurz mein Hirn durchzulüften, schnappe mir mein Feierabendbierfläschchen, gieße 0,25 l davon in mein Störtebeker-Säbelglas und begebe mich nach draußen.
Möchte mich einfach mal für 15 Minuten auf die vertraute Parkbank am Rande des Coronatest-Drive-In-Geländes (formerly known as „Wiesn“) setzen und der Bavaria gegenüber zuprosten und ein paar Surfern zusehen, wie sie ihre Runden auf der großen Freifläche vor den Testzelten drehen und sich vom Wind mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Auch so ein Ritual, so eine kleine Konstante und Angewohnheit, die Struktur gibt und einfach wohltut, selbst wenn die Szenerie vor meiner Nase nicht mehr so ganz dieselbe ist.

Auf dem Bürgersteig angekommen, der sehr breit ist und eher einer gediegenen Allee gleicht als einem normalen Trottoir, will ich zur Überquerung ansetzen, sehe dann aber von rechts jemanden im Stechschritt heranmarschieren, ein komplettvermummter, vermutlich eher junger Mann (wegen Atemmaske und zusätzlicher Gesichtsverhüllung ist das schwer zu erkennen), in kurzer Hose (eigentlich zu kühl für den Tag) und ansonsten mit Turnschuhen, Kapuzenshirt und Baseballmütze bekleidet.
Ich bleibe mit meinem Weißbierglaserl in der Hand am Rand des breiten Weges stehen, um abzuwarten, bis er vorbeigegangen ist und dadurch sogar einen Abstand von mehr als zwei Metern wahren zu können.
Anstatt einfach weiter seines Weges zu gehen, macht der Kerl aber, auf meiner Höhe angelangt, auf einmal einen großen Sprung in meine Richtung, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, stampft mit dem Fuß auf und brüllt mir ein „Huh!“ entgegen. Und dann nochmal: „Huh!“

Ich bezweifle, dass er Isländer oder ein engagierter Botschafter für Fußballgesänge ist, vielmehr lag in diesem „Huh!“ eine Aggression, die mich recht unangenehm anwehte und mir den kurzen Aufenthalt auf meiner Parkbank schon eintrübte, bevor ich diese überhaupt erreicht hatte.

Im Treppenhaus höre ich eine Viertelstunde später dann zufällig mit, wie ein Nachbar einen anderen mit seinen kruden Verschwörungstheorien bequatscht: „Alles Fake, alles inszeniert.“ und „Mir macht das Virus keine Angst, nur unsere Regierung.“
Momente, in denen ich fast geneigt bin, zu verstehen, warum manch einer sich gern in Sphären der Transzendenz flüchtet oder Trost in der Religion sucht (oder sogar findet).
Momente aber auch, in denen ich sehr froh darüber bin, gleich die Tür hinter mir zuzumachen und in der Wohnung bleiben zu dürfen.

*****

Eigentlich hatte ich als Song des Tages für heute den freitags so überraschend veröffentlichten Song des Großmeisters aus Duluth, MN, vorgesehen, diesen apokalyptisch anmutenden Abgesang auf die USA – God’s own country, über das nun der Zorn des Herrn gekommen ist (wie irgendein Amerikaner aus dem dortigen Politbetrieb kürzlich mutmaßte) -, der einen, nur dreimal in Folge und mit Bedacht angehört (das Stück ist 17 Minuten lang!), mal für ein ganzes Stündchen total wegbeamt von all den viralen Plagen, mit denen wir uns arrangieren müssen und auch die soziologischen Feldstudien, deren Teilnehmer wir so unfreiwillig geworden sind, mal für ein Weilchen vergessen lässt.
Und die restlichen Minütchen, um diese Stunde vollzumachen, sollte man unbedingt der Lektüre der Willi-Winkler-Rezension zu diesem Requiem widmen. Vielleicht noch die andere Hälfte des Weißbierflascherls dazu, so zur Abrundung des Genusses auf allen Ebenen.
Gut verbrachte Zeit, das versichere ich Ihnen (natürlich nur, sofern Sie irgendwas mit Dylan am Hut haben, klar).

Spontan erschien mir nun, beim Niederschreiben dieser Zeilen und meinem dabei immer wieder aus dem Fenster und auf die Allee hinuntergleitenden Blick, aber ein anderer Song die passendere musikalische Allegorie meiner Verfassung an diesem Montagnachmittag zu sein:

Well, everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my Ray Bans weren’t quite so
I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know how I laugh when winter shows her hand

With that picture framed, there is a saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m goin‘ now, please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Well, everyone was hopin‘ you would stay awhile
Tell us ‚bout that great land in the South
Then you’ll see that man
Now ain’t he under offer?
Well, I tell you child, you go wash out your mouth

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Now what can you say?
I’m hidin‘ in the belfry
How can you say I want to catch time?
How can you say you know anythin‘ about me?
Because I knew about you but I won’t care about you

Now, everyone has come to see
But some things have to die
Flowers out for this graphic haunt
But they all pass me by

But the age is not
A funny game
It don’t give such a buzz
And when I winced with ignorance
I had to kiss this dust

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh, and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

*****

Grau ist es heute da draußen. Bleigrau. Und kalt. Eiskalt.
Aber es kommen auch wieder hellere und wärmere Tage.
Tage, an denen man wieder ein feelin‘ of redemption wird spüren können.

Himmel der Bayern (64b): Von Hornochsen und anderen Rindern.

Wenn Sie noch mehr als das Kuhglockengeläut vom heutigen Bergtag hören wollen – bitte gern!

Heute also von Ohlstadt über die Kaseralm auf den Rötelstein, dann auf den Heimgarten, Einkehr in der DAV-Hütte, anschließend weiter zum Rauheck und via Bärenfleckalm wieder zurück nach Ohlstadt.

In einer Gehzeit von 4:20h drei Gipfel bestiegen bzw. 1.300 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter gelaufen, mit Lichtschutzfaktor 30 von Kopf bis Fuß, 2 Litern Flüssigkeit und 2 Pausen von insgesamt 1:30h.

Traumwetter, tolle Fernsicht, wenig los. Oberbayern at its best.

Merke: Fällt der letzte Hochsommertag auf einen Wochenendtag und du willst in die Berge, meide eine zu frühe Abfahrt in München (der Großteil fährt vor 10 Uhr los und verstopft Züge oder Autobahnen), wähle einen Berg ohne Bahn, möglichst hoch, möglichst steil, möglichst keine Einkehroption unterwegs (für einen möglichst hohen Ruhefaktor) und beiß oben auf der Hütte für die Dauer deiner Rast die Zähne zusammen (es führen 6 Wege auf den Heimgarten, da menschelt es dann an einem solchen Tag doch gewaltig).

Sitze ich da in aller Ruhe mit meinem Hopf und gucke hinüber zum Krottenkopf. Unweigerlich muss ich an den ehemaligen Berg- bzw. Handwerksfreund denken, beide Titulierungen so unpassend in der Retrospektive, denn außer einem Berg leerer Versprechungen und einer handvoll Schreinerarbeiten ist nichts, aber auch gar nichts von der Zeit mit ihm geblieben, Freundschaft schon gleich gar nicht, zuletzt bloß noch eine schnöde, schäbige Lektion in „Ghosting“. Jedenfalls war man gemeinsam sowohl hier (Heimgarten) wie dort (Krottenkopf), so erinnert man sich bei dem Hopf, aber weiter vertiefe ich mich auch nicht in dieses traurigtrostlose Kapitel der Vergangenheit, weil ein Weibertrupp sich hechelnd an meinem bisher so schön ruhigen und leeren Tisch niederlässt. Die drei schwäbischen Endvierzigerinnen (warum treffe ich nur überall auf diesen Dialekt?!) legen unter großem Getöse und Gelabere ihr Glump ab und begeben sich in die Hütte, um sich was zu Essen und zu Trinken zu holen. Kommen kurz drauf mit drei Getränken und laut schimpfend zurück. Der blöde Wirt wolle sie nicht bewirten und sie stattdessen nach nur einem Getränk wieder fortschicken. Das sei ja mal wieder typisch Bayern, so eine Unverschämtheit.

Ich kann den Fortgang der Unterhaltung gar nicht nicht mitbekommen, schließlich hocken sie direkt neben mir, und so traue ich meinen Ohren kaum, als ich wenig später erfahre, dass der Hüttenwirt ihnen die weitere Verpflegung verweigert hat, weil die drei Frauenzimmer mit Pferden hier hinauf gekommen sind. Pferde? Hier heroben? Ist das die Möglichkeit?! Sie müssten mal die Wege sehen, die hier hoch führen: nix Forststraße oder Waldweg. Das sind steinige Bergpfade, teils immer noch übel von Sturmschäden oder den Spuren des letzten Winters gezeichnet! Und es sind in jedem Fall 1.000 Höhenmeter, egal auf welchem Weg, außer man hätte die Seilbahn auf den benachbarten Herzogstand genommen und wäre über den Grat herübergeritten, was ich dann aber doch mal ausschließe, weil der Grat viel zu schmal für so ein Pferd ist. So wie ich eigentlich auch ausgeschlossen hätte, dass man überhaupt mit einem Pferd bis hier oben gelangen könnte.

Aber tatsächlich: etwas unterhalb der Hütte stehen die drei Tiere, bei einem Schuppen, im Halbschatten angebunden. Der Wirt hat extra die Vorräte unter dem Schuppenvordach beseite geräumt, damit die völlig erschöpften Pferde nicht in der prallen Sonne warten müssen, bis ihre bekloppten Reiterinnen sie wieder den steilen Berg hinunter treiben. Wasser hat er ihnen auch gebracht.

Eines der Pferde hat sich verletzt und blutet am Bein. Auch dafür hat der Wirt noch Verbandszeug spendiert. Danach ist ihm der Kragen geplatzt und er hat die drei Schwäbinnen zammgeputzt, wie man hier so sagt. Aber so richtig. Gestern erst hätte er zwei depperte E-Biker verarzten müssen, die verdammt nochmal nix mit diesem E-Zeug hier oben zu suchen hätten (keine Mountainbikestrecke!) und heut kämen die nächsten Idioten sogar mit Pferden auf den Berg!

Die Stimmung ist gelinde gesagt angespannt und als Tischgenossin bleibt es mir leider nicht erspart, irgendwann Stellung zu beziehen, weil die drei Frauen ohnehin jeden im näheren Umfeld mit ihrem Unmut traktieren und befragen, wie man das denn fände, das sei doch das Allerletzte, wie sie hier behandelt würden.

Ja, sage ich dann, ich finde auch, dass es das Allerletzte ist, bei der Hitze und in solchem Gelände drei Pferde auf fast 1.800m hinaufzuscheuchen und so gesehen sei es durchaus angemessen, wenn es ihnen nun auch nicht besser erginge als den armen Tieren (und verkneife mir, zu erwähnen, dass ich grundsätzlich allen Tierquälern wünsche, dass sie wenigstens mal für einen Moment ähnliche Qualen erleiden sollen wie das Lebewesen, das sie malträtiert haben: erst letzte Woche wurde im Ruhrgebiet ein Hund aus einer Wohnung befreit, der dort wochenlang von seinen anwesenden (!) Besitzern an die Heizung gekettet wurde, fast verhungert wäre, deformierte Gliedmaßen und eine völlig verkümmerte Muskulatur hatte, wovon er sich vermutlich nie wieder ganz erholen wird – schon beim Lesen dieser Zeitungsmeldung hatte ich die wildesten Rachephantasien…).

Nach meinem dezenten Statement verlasse ich den Tisch sofort, man schwäggert (=meckern auf Schwäbisch) mir hinterher. Das Rauheck wartet und wenn ich mich noch mehr aufrege, greift das womöglich noch die an sich gute Konstitution an – und das hilft den Pferden ja leider auch nicht.

Kurz vor einer Steilwand treffe ich dann Gunnar. Gunnar kommt aus Gunzenhausen, ist ca. 165cm hoch und wiegt vermutlich doppelt so viel wie ich, ist für drei Wochen auf Reha in Ohlstadt – und er kommt mir aus der Steilwand entgegen. Wieder so ein Wunder am Berg: wie ist der da nur durchgestiegen? Da er mich um einen Schokoriegel und etwas Wasser anfleht, kommen wir ins Gespräch und ich erfahre: es ist die allererste Bergtour seines Lebens (er kichert wirr und der Schweiß strömt ihm über die roten Pausbacken), er hat bis hierher 4 Std gebraucht (für 2/3 der Strecke bis zur Hütte, normale Wanderer brauchen dafür maximal 2,5 Std) und alle seine Getränke und Schokoriegel, er möchte aber unbedingt noch „ganz nach oben“. Er wirkt vergnügt, fast euphorisch und zugleich ziemlich entkräftet. Ich mag ihn aber irgendwie und schenke ihm daher meinen Müsliriegel und fülle einen halben Liter meines Wassers in seine leere Fanta-Flasche um, lasse ihn zum Dank noch ein Foto von mir schießen, wünsche ihm alles Gute und frage, ob ich unten in Ohlstadt der Reha-Klinik schon mal Bescheid geben solle, dass er erst morgen wiederkäme. Bellendes Lachen, wirrer Blick, Gunnar winkt fröhlich und stolpert weiter bergauf. Herrje.

Auf dem restlichen Abstieg nur noch ein gewöhnliches, streitendes Paar (er sportlich, sie übergewichtig, er Lust auf die Tour, sie nicht, beide zutiefst frustriert), zwei Kreuzottern und eine Kuhherde.

Eine der Kühe kommt mir nah und näher und schleckt mir meine salzigen Knie ab. Erinnere mich nicht, wann ich zuletzt so intensiv eine Kuhzunge gefühlt habe – ein Peeling ist nix dagegen! Mit sauberen Knien zurück ins Tal, dort in den kühlen Biergarten und nun mal langsam nach Hause.

Garder (frz.): Oben (oder die Klappe).

Diagonal gegenüber von der Lieblingsecke Platz genommen.

Ich mag dieses Karge, Helle, Schnörkellose. Und den leeren Bügel in 3m Höhe, mitten in der Leere. Den sowieso.

Es läuft – schön & erstaunlich! – „Phophorescent“. In angenehm dezenter Lautstärke. Sanftes Röcheln der Kaffeemaschine irgendwo im Hintergrund. Das Hundefräulein schnarcht friedlich unterm Tisch (den 2,5 Std-Marsch nachträumend). Schöner, alter Holzboden. Wir gehen fast ausschließlich in Cafés mit Holzboden (oder nehmen eine Matte mit).

Ein guter Ort zum Denken (und Blättern & Lesen).

Außer unserem Tisch ist nur noch ein weiterer belegt.

Leider eine unangenehme Fehlbelegung. Zwei Münchner Mittzwanziger, zwei Laptops vor sich, zwei Sprechblasen über sich. Es geht um „limitation“ und „transactional benefits“ und „opportunities“ und „framework paper“ und „Ziele mappen“. Hört man genauer hin, was wegen Nähe und Lautstärke leider unvermeidbar ist, geht es eigentlich um gar nichts. Obwohl der eine ständig bekräftigt, das sei jetzt „echt basic“. Der andere flicht alle paar Sätze ein überlegen-schnoddriges „what the fuck“ ein. Aber man scheint sich zu verstehen in all dem Nichtssagenden (das Einzige, was bei all dem herausleuchtet, ist der angebissene Apfel).

Ich hasse es, wenn man mich beim Denken stört.

Noch schnell ein paar Notizen gemacht, den Gugelhupf aufgegessen – und ab nachhause. Ist eh des Fräuleins Fressenszeit.