Charmant (= sth. between Folsom Prison and Mercedes Benz).

„Wir haben heute Mittag einen Besichtigungstermin“, sagt der Gatte und hält mir das Exposé der Sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung unter die Nase.
„Aha“, sage ich, lese mir die Eckdaten durch, werfe mein Laptop an und guglmäpse die Lage. Leider ist vorab keine Zeit mehr für die sonst übliche Kurzvisite zur genaueren Vorab-Überprüfung. Dachgeschosswohnungen sind eigentlich nicht unser Favorit, abgesehen davon, dass einem dort niemand auf dem Kopf herumtanzt (außer Vermieter und Hausverwaltung).
Aber man muss flexibler werden, wenn man bereits in Monat 6 der Wohnungssuche angelangt ist und die Chancen ein klein wenig erhöhen möchte, dieses Projekt vielleicht doch noch bis zum Jahresende abzuschließen.

Die Wohnung liegt in einem netten Viertel und hat einen Grundriss, mit dem man was anfangen kann und der einem nicht abverlangt, die Hälfte aller Möbel auszutauschen. Der nächste Grünstreifen ist 80 Meter entfernt, die Infrastruktur passt und der Mietpreis bewegt sich noch unterhalb der Wuchergrenze.
Sonnig, charmant, ruhig und gepflegt – prima, denke ich, das sind ja genau jene Attribute, die einen bei einer Partnerbörsenannonce auch sofort aufmerken ließen. Klingt nach was Langfristigem, Attraktivem und Solidem.

„Alles klar“, rufe ich also nach meinen schnellen Recherchen dem Gatten zu, „dann lass uns da mal hinfahren!“.
Pelle mich in mein Wohnungsbesichtigungsoutfit, kämme mir nochmal fix durchs Haar, poliere kurz über die Lederstiefel und stelle meinen Schwimmbadrucksack in die Diele.
Denn es hat sich sehr bewährt, direkt nach solchen Terminen ein Stündchen rekreative Reinwaschung und befreiende Bewegung anzuschließen. Quasi das beschwerte Besichtigungsgemüt durch die Schwerelosigkeit im Wasser etwas ausbalancieren. Kann ich nur empfehlen!

Mieter in München: Ein einziges Witzleben.

Vor dem Haus Nummer 9 schleicht schon ein anderes Paar herum. Dass es sich um Mitbewerber handelt, ist unschwer am Outfit sowie am nach oben – zum Dachgeschoss – gerichteten Blick zu erkennen (kurzer Check: jünger, schwangerer, duldsamer, also ist ein gelassenes „Hallo“ angesagt).

Im Treppenhaus stinkt es nach erkaltetem Zigarettenrauch, ein uncharmanter Aufzug befördert uns ins 4.OG, wo uns Frau Huber durch den leukoplastfarbenenen Hausflur bereits mit zur Begrüßung ausgestrecktem Arm entgegeneilt.
Frau Huber ist die Maklerin: Erkältet, ahnungslos, aufgebklebte Billigfingernägel, emsig plappernd. Als sie bzgl. der vom Vermieter angestrebten Mietdauer den Satz „Der Eigentümer wünscht sich daher nachhaltige Mieter“ raushaut, frage ich charmant nach, wo denn die Komposttonnen stünden. „Im sonnigen Innenhof“, entgegnet Frau Huber und verweist darauf, dass wir den nachher natürlich auch noch besichtigen würden.

Der Gatte möchte wissen, wer denn der Eigentümer sei und wie es in puncto Eigenbedarf aussähe. Erst letzte Woche kam eine Wohnung u.a. deshalb nicht in Frage, weil der Wohnungsbesitzer drei studierende Töchter hatte, die vielleicht demnächst aus dem Ausland zurückkehren und dann sicher gern in Daddys Schwabinger Wohnung einziehen möchten, so dass Daddy dann leider sofort seine Mieter vor die Tür setzen müsste (immerhin wurde dieser kleine Haken offen angesprochen).
Heute ist in dieser Hinsicht wohl nichts zu befürchten, Frau Huber beschreibt den Eigentümer als „steinreich“ und im Süden von München in einem großen Haus wohnend. Außerdem hätte er mehrere Wohnungen in München zur Kapitalanlage, da könnten wir uns also entspannen, der würde nie Eigenbedarf anmelden.

Die Dachgeschosswohnung verfügt über etliche „Schreinereinbauten“ in diversen Nischen und Ecken. Sideboards, Besenschrank, Regale, ein Kleiderschrank. Dafür möchte der Vermieter eine stolze Ablöse haben sowie „einen Mieter, der die schönen Einbauten zu schätzen weiß“. Das Glump ist 20 Jahre alt. Ebenso das Parkett. Und die Einbauküche. Und die Plastiktürklinken.
Hieß es in der Annonce nicht „gepflegt“?!?

Da der Holzboden in allen Räumen gleichermaßen ramponiert ist, wage ich die Nachfrage, ob die Böden denn noch renoviert würden. „Oh nein“, meint Frau Huber, „dafür ist leider keine Zeit mehr, denn die Wohnung muss zum 1. April vermietet sein.“
Völlig klar, wo kämen wir denn da hin, wenn ein steinreicher Typ so einen Mietausfall hinnähme, nur um seinen nachhaltigen Mietern für eine ordentliche Miete auch einen ordentlichen Boden zu bieten?

An der Tür zur Duschkabine fehlt der Griff, die angeschimmelten Silikonfugen lenken aber perfekt von derlei Kleinkram ab, außerdem brummt die Lüftung im Bad sowieso so laut, dass man hier nicht länger als unbedingt nötig verweilen möchte.

Neue Serie in der Münchner tz: „Vom Aussterben bedrohte Arten“.

Während Frau Huber drinnen weiterquakt und das schwangere Paar andächtig lauscht, treten wir hinaus auf das „Highlight“ der sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung: die Dachterrasse.
„Südseitige Dachterrasse zum ruhigen, idyllischen Innnhof gelegen“, hieß es in der Anzeige. Wir lehnen uns an das rostige Geländer und spähen nach unten. Der idyllische Innhof ist eine betonierte Ödnis mit vergitterten Durchgängen zu den umgebenden Häuserblocks in klosteinmint und ausgekotztapricot (im farblichen Wechsel).

Durch die Gitterstäbe würden vermutlich auch der Straßenlärm und das Rattern der Züge in die Ruhe des Innenhofs dringen. Nicht so heute, denn an dem einzigen Stück Erdreich im Hof macht sich geräuschvoll ein kleiner Bagger zu schaffen. Wahrscheinlich der Beginn der Aushubarbeiten für den überfälligen Mieter-Komposter im Herzen der Idylle. Als Soundtrack zu all diesen Eindrücken fällt mir spontan der „Folsom Prison Blues“ ein.

I hear the train a comin‘
It’s rollin‘ ‚round the bend
And I ain’t seen the sunshine
Since, I don’t know when
I’m stuck in Folsom Prison

Ich richte meinen Blick wieder nach oben. Lasse ihn über die Hausdächer schweifen und denke über den steinreichen Vermieter dieses charmanten Gesamtpakets nach. Hinter den Ziegeldächern des diagonal gegenüberliegenden Hauses guckt die Spitze des Mercedes-Benz-Turms hervor, der Stern des Kapitalismus‘ sich unaufhörlich auf dessen Dach drehend, Runde um Runde, 24h lang, nachts sogar beleuchtet.

Auf dem Weg zum Schwimmbad suche ich in der Musiksammlung nach diesem vor Ironie triefenden Prolog „I’d like to do a song of great social and political importance. It goes like this!“ und trällere anschließend in einer Stimmung, die irgendwo zwischen apathisch-abgestumpft und aggressiv-aufgedreht liegt, ein bisschen mit:

I’m counting on you lord, please don’t let me down.
Prove that you love me and buy the next round.
Oh lord won’t you buy me a flat in the town.

Mercedes Benz München an der Donnersberger Brücke.

Einen Glauben müsste man haben, dann wäre das mit der Hoffnung vielleicht auch manchmal leichter.

Mrs. Joplin fuhr übrigens keinen Benz, sondern einen Porsche, der aber weder für nachhaltiges Glück, noch ein langes Leben sorgen konnte.

Frohes Wohnen und ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Nothin‘, it ain’t nothin‘, honey, if it ain’t free. Zum 10. April 2017.

Lieber Bobby,

lang, lang ist’s her, leider!

Aber ich hab‘ den Tag nie vergessen, an dem wir uns zum ersten Mal gesehen haben, bei unserem Blind Date, dort oben in Nörten-Hardenberg.

    

Es hätte der Beginn einer großen Hundeliebe werden können, wenn sie uns nicht nach diesem einen Tag schon wieder auseinandergerissen hätten!

Seither sieht die Situation so aus: 603 Kilometer voneinander entfernt döst jeder einsam vor sich hin…

  

… und sieht den anderen bestenfalls in irgendeinem Hundejournal.

  

Das ist doch kein Zustand!

Ich kann nur hoffen, dass wir uns im Herbst tatsächlich in der Rhön treffen, so wie unsere MamasFrauchen es schon ausgemacht haben. Dann scheuchen wir die beiden den Kreuzberg hinauf, abgemacht? Lassen sie kurz ihr Klosterbier runterkippen und weiter geht’s! Es gibt schließlich viel Aufregenderes als Rumhocken in Lokalen. Ich hab‘ da schon eine Menge Ideen, was wir anstellen können…

Für deinen heutigen Ehrentag wurde mir bei der Songauswahl freie Pfote gelassen, und weil ich dauernd diesen Bruce hören muss, hab‘ ich gedacht, ich wähle mal eine Frauenstimme, das erfreut einen Kerl wie dich bestimmt mehr als männliches Gebell, denn das kannst du schließlich selbst 😉

Ich habe mich für einen meiner All-time-favorites entschieden, weil mich der Text ein bisschen an uns erinnert.

I pulled my harpoon out of my dirty red bandana
I was playin‘ soft while Bobby sang the blues
Windshield wipers slappin‘ time
I was holdin‘ Bobby’s hand in mine
We sang every song that driver knew

Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose
Nothin‘, it ain’t nothin‘ honey, if it ain’t free
And feelin‘ good was easy, Lord, when he sang the blues
You know feelin‘ good was good enough for me
Good enough for me and my Bobby McGee

Gut, wie man auf den Fotos sieht, war es eine hellblaue Bandana. Und deine Pfote ist viel zu groß als dass ich sie je in meiner halten könnte. Außerdem saßen wir auch nur zusammen in einem VW-Bus, und der Fahrer war eine Frau.

In meiner Erinnerung haben wir trotzdem zusammen gesungen – und vor allem haben wir unsere Freiheit genossen. Als hätten wir nichts zu verlieren, als ginge es nur um diesen Moment, diese Ackerfurche, diese Hasenfährte, diesen Pferdeapfel oder diesen Knochen…
Das können wir schließlich viel besser als die Menschen!

Für dein neues Lebensjahr wünsche ich dir daher stets genug Freiheit, Freilauf, Freiraum und freie Wahl beim Fressen!

In diesem Sinne: A very happy Dogday & see you on the trail!
Deine Pippa.